Der Stargoroder Propst Sawelij Tuberozow, der schon mehr als einmal

die Aufmerksamkeit der Behörden durch seinen wilden und frechen

Charakter und durch seine schlechte Gesinnung auf sich gelenkt hat,

wurde bereits mehrmals für sein unzulässiges Betragen gemaßregelt,

ohne daß es auf ihn Eindruck gemacht zu haben scheint, denn er ist von

revolutionären Tendenzen ganz durchdrungen.

Ich wage es nicht zu entscheiden, wieweit er den Absichten der

Regierung Schaden bringen könne, allein nach meiner Ansicht ist dieser

Schaden unermeßlich groß. Der Propst Tuberozow genießt hohes Ansehen

in der ganzen Stadt, und ist ein Mann von großem Verstande und von

einer Kühnheit, die dank der jahrelangen Nachsicht seiner Vorgesetzten

heute vor nichts mehr zurückschreckt. Alles, was ein Mensch wie er tut,

sollte von Rechts wegen unter strengster Kontrolle stehen. Er jedoch

redet was er will, ohne sich den geringsten Zwang anzutun, und genießt

dabei noch das Vorrecht, öffentlich in der Kirche sprechen zu dürfen.

Dieses geistliche, dem Volke so nahestehende Element scheint aber

auch noch mit dem flachen Lande, d. h. mit dem grundbesitzenden Adel

Fühlung zu suchen. So genießt dieser verdächtige Propst Tuberozow

anscheinend die Gunst und den Schutz des Adelsmarschalls Tuganow,

dessen Persönlichkeit und Anschauungen Ihnen ja wohlbekannt sind.

Herr Tuganow, der hier an einer Abendgesellschaft im Hause des

Polizeichefs teilnahm, meinte u. a.: ›man lasse die Sonne nicht auf

die Erde scheinen‹ -- wobei unter der ›Sonne‹ zweifellos der Monarch

zu verstehen ist, und unter der ›Erde‹ das Volk. Wer aber sich vor die

Sonne stellt, ist nicht schwer zu erraten. Ja, er hat es sogar selbst

klar ausgesprochen, als er dann noch bemerkte, er sei ein Mann der

Scholle, der Gouverneur dagegen nur ›ein Kalif für eine Stunde‹. Als

ein hiesiger Lehrer, Prepotenskij, ein ganz dummer, aber politisch

durchaus unbescholtener Mensch, ihm sagte, wir alle könnten nicht

sagen, wie und von wem Rußland regiert werde, antwortete er mit

zynischer Frechheit: ›Ich halte mich in diesem Falle an die Worte des

Grafen Panin aus der Zeit Katharinas, der zu sagen pflegte, Rußland

werde durch die Gnade Gottes und die Dummheit des Volkes regiert.‹

Auf all das habe ich die Ehre, Eure Exzellenz aufmerksam zu machen

und halte es für meine Pflicht, vor Eurer Exzellenz die unschätzbaren

Dienste des mich begleitenden Kanzleibeamten Ismail Petrowitsch

Termosesow nachdrücklich zu betonen. Seiner feinen Beobachtungsgabe,

sowie seiner Fähigkeit, in alle Schichten der Gesellschaft

einzudringen, verdanke ich eine Menge wertvoller Informationen, und ich

wage es, den Gedanken auszusprechen, daß, wenn die Obrigkeit diesem

begabten Manne einen selbständigen Beobachtungsposten anvertrauen

wollte, er dem Staate von unermeßlichem Nutzen sein könnte.«

Dieses Blatt in der Tasche ging Termosesow seines Weges und fragte

sich: »Wird diese Kanaille von Bornowolokow das wohl unterschreiben?

Ach was, -- wenn man ihn nur ordentlich drückt, unterschreibt er

alles.«

Elftes Kapitel.

Termosesow gab seinen Brief auf und ging dann sofort zur Frau

Postmeisterin. Die Begrüßung war sehr freundschaftlich. Er küßte ihre

Hand, sie gab ihm einen Schmatz auf die Stirn und dankte ihm für die

Ehre seines Besuchs.

»O bitte, ich muß Ihnen danken,« erwiderte Termosesow. »Es war ja so

entsetzlich langweilig. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil

ich immer mit Angst und Grauen denken mußte: wo bin ich? unter was für

Leuten?«

»Ja, ich sagte schon gestern zu meinen Töchtern: Unser Petersburger

Gast muß sich wohl köstlich amüsieren.«

»Ach, gar zu schlimm wollen wir es auch nicht machen. Ich diene ja

nicht um des Mammons willen, sondern um das Land kennen zu lernen.«

»Dann finden Sie bei uns eine Unmenge Beobachtungsstoff.«

»Ganz recht -- Beobachtungsstoff! Aber da hab' ich Ihnen mit Ihrer

Erlaubnis die Bilder mitgebracht, von denen wir gestern sprachen.

Gestatten Sie mir, sie aufzuhängen.«

Die Postmeisterin wußte gar nicht, wie sie ihm danken sollte.

»Ich will mich mit Vergnügen dieser Arbeit unterziehen, bis Ihre

Fräulein Töchter erscheinen ... Ich darf doch hoffen, sie zu sehen?«

Die Postmeisterin erwiderte, die Mädchen seien noch nicht angezogen, da

sie in der Wirtschaft zu tun hätten, kämen aber trotzdem bald.

»Ach, ich bitte Sie darum, ich bitte sehr!« flehte Termosesow, und als

die geschmeichelte Hausfrau das Zimmer verlassen hatte, begann er die

Kaiserbildnisse an der Wand zu befestigen. Die Nägel dazu hatte er

mitgebracht.

Die Toilette der jungen Damen nahm fast eine Stunde in Anspruch, und in

dieser ganzen Zeit ließ sich auch die Postmeisterin nicht sehen.

»Das ist ein gutes Zeichen!« dachte Termosesow. »Gewiß studiert sie

mein Opus.«

Endlich erschienen die Töchter in Begleitung ihrer Mutter. Termosesow

maß die Postmeisterin mit einem schnellen, durchdringenden Blick. Sie

strahlte vor Wonne und Begeisterung.

»Das Fischlein hat angebissen!« schloß er und verzehnfachte seine

Liebenswürdigkeit. Um aber seiner Sache ganz sicher zu sein, fing er

wieder von Literatur und von seinen Reiseskizzen an zu reden.

»Porträts! Um Gottes willen mehr Porträts! Mehr Naturstudien!« bat die

Postmeisterin.

»Ja, eigentlich habe ich schon die ganze hiesige Gesellschaft

porträtiert und -- entschuldigen Sie -- auch Ihrer und Ihrer Fräulein

Töchter Erwähnung getan ... Wissen Sie, so ganz flüchtig ... Wenn ich

meinen Brief zurückbekommen könnte, den ich eben aufgegeben habe ...«

»Ach nein, wozu denn?« rief die Postmeisterin errötend.

»Angebissen, angebissen!« frohlockte Termosesow, und bestand darauf,

den Damen vorzulesen, was er über sie geschrieben hatte. Eine Zeitlang

hörte man im Zimmer nichts als: »Ach, wozu denn lesen, wir glauben

Ihnen auch so!« und: »Ja, warum denn nicht lesen? Wodurch habe ich denn

so großes Zutrauen verdient?«

Termosesows Einwände wirkten zu verführerisch auf die Neugier der

Mädchen. Bald erbot sich die eine, bald die andere, ins Bureau zum

Vater zu laufen und den interessanten Brief des Gastes zu bringen.

Vergebens suchte die Mutter sie durch Worte und Zeichen zurückzuhalten,

die Mädchen verstanden sie nicht und gaben keine Ruhe. Termosesow

dagegen hatte alles ausgezeichnet verstanden: der Brief befand sich in

den Händen der Hausfrau, es galt jetzt nur noch, sie zur Rückgabe zu

zwingen und sie dadurch selbst völlig in die Hände zu bekommen.

Ohne viel Bedenken sprang Termosesow von seinem Platz auf und stürzte

diensteifrig, der Zurufe der Damen, die ihn zurückhalten wollten,

nicht achtend, nach dem Postbureau: er sei, rief er, selbst nicht

mehr imstande, sich den Genuß zu versagen, den Damen die bescheidene

Darstellung seiner tiefen Bewunderung für sie vorzutragen.

Keine Bitten konnten ihn bewegen, von seinem Vorhaben abzustehen. --

Aber auf dem Bureau war kein Brief zu finden.

Zwölftes Kapitel.

Termosesow machte ein sehr verlegenes Gesicht, als er zu den Damen

zurückkehrte. Ihre Verwirrung aber war noch viel größer. Die Mädchen

sprangen auf und liefen hinaus, um ihre Tränen zu verbergen, die

infolge der ihnen von der Mutter gehaltenen Pauke reichlich flossen.

Die Postmeisterin selbst blieb als Opferlamm im Salon.

Termosesow stellte sich schweigend vor sie hin und lächelte.

»Ich sehe Sie an,« sagte die Dame geziert, »und schäme mich.«

»Sie haben den Brief?«

»Die Versuchung war zu groß. Hier ist er.«

Termosesow nahm das versiegelte Kuvert aus ihrer Hand.

»Ich schäme mich ganz entsetzlich ... aber was soll ich machen ... ich

bin ein Weib ...«

»Ach, lassen Sie doch! Ein Weib! Um so besser, daß Sie ein Weib sind!

Das Weib ist ein viel besserer Freund als der Mann und ich bin ein so

vertrauensseliger Narr, daß ich wirklich warme aufrichtige Freundschaft

... ich meine, weibliche Freundschaft sehr nötig habe! Jetzt habe ich

mich an Herrn Bornowolokow angeschlossen ... Wir sind schon lange

Freunde und er ist auch jetzt mehr mein Freund als mein Vorgesetzter

... wenigstens scheint es mir ...«

»Ja, ich sehe, ich sehe, Sie sind sehr treuherzig und vertrauensselig!«

»Ich bin einfach ein Narr in dieser Beziehung! Ein völliger Narr! Ein

kleines Kind kann mich nasführen!«

»Das ist aber nicht gut, gar nicht gut!«

»Was kann ich gegen meine Natur? Jemand, der meine Freundschaft mit

Bornowolokow genau beobachtet hatte, sagte mir einmal: ›Paß auf, Ismail

Petrowitsch, du bist zu leichtgläubig! Baue nicht zu sehr auf diese

hinterlistige Freundschaft! Bornowolokow zeigt hinter deinem Rücken ein

ganz anderes Gesicht, als du zu sehen gewohnt bist!‹ ... Aber ich kann

nicht anders -- ich muß ihm glauben!«

»Warum tun Sie es?«

»Gott, ich bin nun mal so! ... Ja, wenn man mir Beweise vorlegte! Wenn

ich hören könnte, wie er in meiner Abwesenheit von mir spricht! Wenn

ich einen Brief von ihm sehen könnte! Den Freundesdienst würde ich mein

Leben lang nicht vergessen!«

Die Postmeisterin bedauerte, daß sie diesen hinterlistigen Bornowolokow

nie zu Gesicht bekommen habe, und fragte, ob Termosesow vielleicht eine

Photographie des Verräters besäße?

»Leider nicht. Aber einen Brief von ihm. Hier, sehen Sie seine

Handschrift.«

Und er zeigte ihr einen Fetzen Papier von Bornowolokows Hand

beschrieben. Beim Fortgehen ließ er ihn wie von ungefähr auf dem Tische

liegen.

Dreizehntes Kapitel.

Diese zweite Angel war noch glücklicher ausgeworfen als die erste.

Gegen Abend, als Termosesow mit Bornowolokow und Biziukin beim Kaffee

saß, kam ein Postbote mit dem Auftrage, Ismail Petrowitsch sofort zur

Frau Postmeisterin zu bitten.

»Ach richtig! Ich hatte versprochen, heute einen Ausflug mit ihr

zu machen! Wie konnte ich das nur vergessen!« sagte Termosesow und

entfernte sich mit dem Boten.

Er traf die Postmeisterin im Salon allein. Sie drückte ihm die Hand,

schloß die Tür und nahm schweigend einen Brief aus der Tasche, welchen

sie ihm reichte.

»Lesen Sie, es stört uns hier niemand.«

Termosesow las den Brief, in dem sich Bornowolokow bei seiner

Petersburger Kusine Nina bitter über sein Geschick beklagte, welches

ihn in Moskau mit Termosesow zusammengeführt hatte. Er nannte ihn einen

»ausgemachten Lumpen und Halunken« und bat die Kusine, »mit allen

Mitteln und unter Heranziehung all ihrer ausgezeichneten Verbindungen

darauf hinzuwirken, daß dieser gemeine Kerl eine gute Stelle in Polen

oder in Petersburg erhalte, sonst könne er, weil er über alle alten

Dummheiten unterrichtet sei, das entsetzlichste Unheil anstiften.«

»Haben Sie Ihren Freund nun erkannt?« fragte die Postmeisterin.

»Das hätte ich nicht erwartet! Gott strafe mich, -- das nicht!« sagte

Termosesow, indem er seinen Kopf schüttelte und seufzte.

»Behalten Sie den Brief und vernichten Sie ihn,« sagte die

Postmeisterin.

»Vernichten? Warum? Nein, ich vernichte ihn nicht! Mag er an seine

Adresse gelangen, -- aber eine Abschrift möchte ich haben. Gestatten

Sie mir, sie zu nehmen.«

Termosesow hatte sofort begriffen, daß der Brief für seine Ehre

zwar wenig schmeichelhaft war, aber sehr vorteilhaft, weil man ihm

angesichts seiner Gefährlichkeit ganz sicher eine sehr gute Anstellung

verschaffen würde.

Mit der Abschrift steckte er auch das Original zu sich und ging heim.

Das Ehepaar Biziukin war bereits zu Bett gegangen, und Bornowolokow saß

allein und schrieb.

»Immer fleißig, Eure Durchlaucht? Schon wieder bei der Schreiberei?«

sagte Termosesow heiter.

Ein kurzes kaltes »Ja« war die Antwort.

»Da wird wohl wieder irgendeine Gemeinheit verfaßt?«

Bornowolokow fuhr zusammen.

»Na also!« sagte Termosesow gelangweilt, schloß plötzlich die Tür ab

und steckte den Schlüssel in die Tasche.

Bornowolokow sprang auf und versuchte schnell das Blatt, an dem er

geschrieben hatte, zu zerreißen.

Vierzehntes Kapitel.

»Gott, was Sie sich aufregen!« lachte Termosesow. »Ich schloß die Tür

nur, um mich mit Ihnen gemütlich und ungestört unterhalten zu können,

und Sie reißen gleich Ihr ganzes Geistesprodukt in Fetzen.«

Bornowolokow setzte sich wieder.

»Unterzeichnen Sie dieses Papier. Aber bitte schön -- nicht zerreißen!«

Damit legte Termosesow ihm jenes formlose Skriptum vor, in dem er

Wahrheit und Dichtung über Tuberozow und Tuganow zusammengebraut und

sich selbst so glänzend attestiert hatte.

Bornowolokow las es ruhig von Anfang bis zu Ende.

»Nun?« fragte Termosesow, als er sah, daß er mit dem Lesen fertig war,

»wollen Sie unterschreiben oder nicht?«

»Ich könnte Ihnen sagen, daß ich erstaunt bin, aber ...«

»Ich habe Ihnen das Staunen schon abgewöhnt! Das weiß ich sehr gut, und

auch bei Ihnen wundere ich mich über nichts mehr!«

Damit reichte er Bornowolokow die Abschrift des Briefes an die Kusine

Nina und fügte hinzu:

»Das Original habe ich auch.«

»Sie haben es? Wie konnten Sie sich unterstehen?«

»Wie konnten +Sie+ sich unterstehen? Und das nennt sich Freund und

Bruder! Da will man gemeinschaftlich ganz Rußland auf den Kopf stellen

-- und dann kommt so ein liebenswürdiges Attest! Nein, mein Lieber,

das geht nicht. Da werden Sie mir ein ganz anderes Zeugnis ausstellen

müssen.«

Bornowolokow sprang auf und fing an im Zimmer hin und her zu laufen.

»Nehmen Sie nur wieder Platz, das Rennen nützt Ihnen gar nichts,«

meinte Termosesow. »Wir wollen uns doch friedlich auseinandersetzen.

Sie wissen, wohin ich Sie mit diesem Brieflein, mit dem Hinweise

darauf, daß Ihre werte Vergangenheit nicht so ganz sauber ist,

expedieren kann? Da holt Sie kein Polack und keine Kusine heraus!«

Bornowolokow schlug sich ungeduldig auf die Schenkel und rief:

»Wie konnten Sie meinen Brief stehlen, wenn ich ihn selbst in den

Kasten geworfen hatte?«

»Raten Sie! Wie ich's fertig gekriegt habe, ist meine Sache, Ihnen aber

sag' ich nun zum letztenmal: unterschreiben Sie! Auf das erste Blatt

setzen Sie Ihren Vor- und Familiennamen, Amt und Rang, und auf dem

zweiten bestätigen Sie die Richtigkeit der Abschrift und fügen dann

noch zwei Worte hinzu, die ich Ihnen diktieren werde.«

»Sie ... Sie wollen mir diktieren?«

»Allerdings. Ich diktiere, Sie schreiben und dann geben Sie mir tausend

Rubel Reugeld.«

»Reugeld?! Wofür?«

»Dafür, daß Sie dann Ruhe vor mir haben.«

»Ich habe nicht so viel.«

»Mir genügt ein Schuldschein. Hundert bis hundertfünfzig in bar, das

übrige hat Zeit ... Aber lange mit Ihnen diskutieren tue ich nicht.

Wollen Sie, so ist's recht; wollen Sie nicht, so ist mir's auch recht.

In diesem Fall habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

»Ich will unterschreiben!« sagte Bornowolokow kurz.

»Bitte ...«

Termosesow wischte die Feder an seinem Rockschoß ab, tauchte sie ein

und reichte sie Bornowolokow.

»Was soll ich schreiben?«

Termosesow räusperte sich und diktierte:

»Der Hundsfott Termosesow ...«

Bornowolokow stutzte und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

»Wollen Sie wirklich, daß ich diese Worte schreibe?«

»Selbstverständlich. Schreiben Sie nur: ›Der Hundsfott Termosesow‹.«

»Danke ergebenst. Bitte, weiter.«

Fünfzehntes Kapitel.

Der Sekretär stand hinter dem Stuhle Bornowolokows und blickte über

seine Schulter, während er weiterdiktierte: »Der Hundsfott Termosesow

ist auf eine ebenso unbegreifliche wie geniale Weise in den Besitz

meines eigenhändigen Briefes an Sie gelangt, in welchem ich so

unvorsichtig war, alles das zu schreiben, was Sie auf diesem Blatte von

der Hand eben dieses Halunken Termosesow geschrieben lesen.«

»Schluß?«

»Nein, noch etwas. Bitte, schreiben Sie: ›Wie er sich den Brief hat

verschaffen können, den ich persönlich zur Post brachte, vermag

ich nicht zu ergründen. Die Tatsache aber mag Ihnen ein Beweis für

die Kühnheit und Gewandtheit dieses Lumpen sein, der es sich zur

Aufgabe gemacht hat, mir keine Ruhe zu lassen und mich so lange zu

schikanieren, bis Sie ihm einen einträglichen Posten verschafft haben.

Ich beschwöre Sie deshalb um unser beider Wohlergehen willen, für ihn

selbst das Unmögliche möglich zu machen. Im anderen Falle droht er

damit, alles aufzudecken, was wir in der Zeit unserer revolutionären

Dummheiten begangen haben.‹«

»Kann der letzte Satz nicht geändert werden?«

»Nein. Ich bin wie Pilatus: was ich geschrieben habe, das habe ich

geschrieben.«

Bornowolokow schrieb das Bekenntnis seiner Schmach zu Ende und schob

das Papier weg.

»Nun haben Sie hier noch den Bericht über die Geistlichkeit und die

gefährliche Stimmung in der Gesellschaft zu unterzeichnen.«

Bornowolokow nahm die Feder wieder, las das Schriftstück noch einmal

durch, überlegte und sagte:

»Was haben diese Leute, Tuberozow und Tuganow, Ihnen eigentlich getan?«

»Nicht das geringste.«

»Vielleicht sind es ausgezeichnete Menschen.«

»Sehr möglich.«

»Warum verleumden Sie sie denn? Was hier steht, ist doch Verleumdung?«

»Nicht durchweg, nur ein wenig.«

»Ja, wozu dies alles?«

»Was soll ich machen? Ich muß zeigen, was ich kann. Ihr Blaublütigen

habt Onkel und Tanten, die sich für Euch bemühen, Parvenüs wie wir

müssen alles selber machen.«

Bornowolokow seufzte und unterschrieb.

Termosesow steckte die Denunziation ein.

»Jetzt wäre noch das Dritte zu erledigen,« fuhr er fort, »dann setze

ich meinen Hut auf und sage Adieu. Hier ist ein Wechselformular. Es

lautet auf achthundert Rubel. Zweihundert erbitte ich mir in bar.«

Bornowolokow saß mit aufgestützten Armen da und betrachtete Termosesow

schweigend.

»Nun? Sie haben sich wohl in die Zunge gebissen?«

»Nein, ich bewundere Sie bloß.«

»Bitte sehr. Ich bin so, wie das Leben mich gemacht hat. Aber jetzt

unterschreiben Sie den Wechsel und geben Sie mir das Geld.«

»Wofür, Herr Termosesow, wofür?«

»Wofür?! Für Ihre einstigen geheimen Vergnügungen in stillen Nächten im

heiligen Moskau und im sündhaften Petersburg; für Ihre Unterhaltungen,

Pläne, Schriftstücke, für alle die schönen Stunden, an die ich in

meinen Taschen und in meinem Kopf genug Erinnerungen behalten habe, um

Ihre ganze Karriere vernichten zu können.«

Bornowolokow unterschrieb den Wechsel und warf das Geld hin.

»Verbindlichsten Dank,« sagte Termosesow, indem er Wechsel und Geld

einsteckte, »es freut mich sehr, daß es ohne Feilschen abgegangen ist.«

»Was wäre dann geschehen?«

»Dann hätte ich das Doppelte verlangt.«

Nachdem er alle Dokumente beisammen hatte, suchte Termosesow seine

Mütze. »Ich werde draußen im Wagen schlafen,« sagte er, »hier ist es zu

schwül für zwei.«

»Wollen Sie mir nicht erst meinen Brief wiedergeben?«

»Fällt mir gar nicht ein. So war es nicht gemeint.«

»Ja, wozu brauchen Sie ihn noch?«

Termosesow lachte.

»Wollen Sie noch Geld dafür haben?«

»Nein, ich bin nicht habgierig, ich habe genug.«

»Pfui, was sind Sie für ein ...«

»Vieh, wollen Sie sagen? Bitte, bitte, genieren Sie sich nicht. Ich

höre nicht hin und gehe schlafen.«

»So beantworten Sie mir wenigstens noch nur eine Frage: wo sind die

verschwundenen Brillanten der Biziukina?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Sie ... Sie waren doch irgendwo mit ihr ... in einer Laube, -- nicht

wahr?«

»Was ist denn dabei? Es waren auch noch andere Leute da: der Lehrer und

der Diakon.«

»Gewiß. Aber sagen Sie mir wenigstens, -- sind diese Brillanten nicht

irgendwo unter meine Sachen gesteckt?«

»Wie kann ich das wissen?«

»O Gott! Dieser Mensch macht mich wahnsinnig!« rief Bornowolokow in

höchster Erregung.

»Noch eins,« flüsterte Termosesow und drückte Bornowolokows Arm fest

zusammen. »Daß Sie sich's nicht einfallen lassen, Ihren Kusinen

vorzuflunkern ... denn die Briefe wurden nicht nur von mir gelesen.«

Sechzehntes Kapitel.

Die verschwundenen Brillanten der Biziukina, das Blachdnublach,

die Niederlage Achillas und Prepotenskijs, die Liebelei mit Daria

Nikolajewna und die Eroberung der Postmeisterin, endlich die

Mattsetzung Bornowolokows, -- alle diese Ereignisse, die sich in knapp

vierundzwanzig Stunden abgespielt hatten, waren Termosesow selbst ein

wenig zu Kopf gestiegen. Er fühlte ein unüberwindliches Verlangen nach

Schlaf und streckte sich auf dem Heu des Wagens aus, wo er sofort

einschlief und erst sehr spät am Morgen wieder erwachte. Die kühle

Scheune, welche Termosesow zu seinem Schlafgemach gewählt hatte, blieb

geschlossen und Ismail Petrowitsch rekelte sich noch lange nach dem

Erwachen auf seinem Lager, kratzte sich die Fußsohlen und dachte nach.

Seine Gedanken waren insofern bemerkenswert, als das Vergangene

und Geschehene für sie absolut nicht vorhanden war; ebensowenig

beschäftigten sie sich mit einer der neuen Personen, gegen die

Termosesow mit so kühner Ungeniertheit vorgegangen war. So seltsam

das auch klingen mag, -- Termosesow besaß wirklich eine gewisse

Harmlosigkeit, die sich mit einer maßlosen sittlichen Laxheit und

Frechheit und einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegen alle Menschen

und ihr Urteil paarte. Er dachte nie daran, daß die Person, mit der

er im Augenblick zu tun hatte, schon früher existiert hätte, ehe sie

ihm in den Weg gekommen, und daß sie auch weiterhin existieren wolle;

daß sie infolgedessen auch ihr eigenes Verhältnis zur Vergangenheit

und ihre eigenen Zukunftsaussichten habe. Ihm kam es so vor, als

tauchten die Menschen vor ihm auf wie Wasserblasen oder Pilze, nur

für den Moment, wo er sie zu Gesicht bekam, und darum glaubte er über

sie völlig nach Belieben verfügen und sie ausbeuten zu dürfen, was er

denn auch in der unverschämtesten Weise tat. Hatte er aber erreicht,

was er wollte, so vergaß er den andern bald ganz und gar. In seiner

zynischen Redeweise drückte er das ganz naiv aus: »Wenn ich jemanden

gekränkt habe, bin ich später nie böse auf ihn.« Und so war es auch.

Wenn jetzt plötzlich Achilla oder Prepotenskij zu ihm in die Scheune

gekommen wären, so hätte er sie ganz freundschaftlich angeredet, ohne

auch nur im geringsten an die gestrigen Ereignisse zu denken. Als er

auf Bornowolokow, den er längst vergessen hatte, stieß, packte er ihn:

»An dem bleib' ich hängen!« meinte er. Und blieb an ihm hängen. Als er

die Biziukina traf, kam's ihm in den Sinn, ihr den Hof zu machen --

und er machte ihr den Hof. Als er -- der Teufel mag wissen, zu welchem

Zweck -- ihr seine höhere politische Weisheit beibrachte, kam ihm der

Gedanke, sich ihre Brillanten anzueignen, und alsbald ward dieser

Gedanke ausgeführt. Dabei wurden die Brillanten so schlau versteckt,

daß, falls die Biziukins es zu einer Haussuchung hätten kommen lassen,

sie sich natürlich nicht bei Termosesow, sondern bei Bornowolokow

gefunden hätten, der diese Kostbarkeiten fast am eigenen Leibe trug:

Termosesow hatte sie nämlich in das Futter seines Mantels eingenäht.

Die Person des Propstes Tuberozow beschäftigte die Gedanken Termosesows

überhaupt nicht; als die Biziukina über ihn zu klagen begann, versprach

er leichtfertig, den Alten aus dem Wege zu räumen, -- und dann erst kam

ihm die Idee, Tuberozow als Beweisobjekt für seine »Beobachtungsgabe«

zu benutzen. Jetzt aber hätte keine Gewalt der Erde ihn mehr von dem

hartnäckigen Streben nach Verwirklichung dieses Planes abbringen können.

Hätte der alte Propst dies gewußt, er würde die ihm zugedachte Rolle

als bitterste Kränkung empfunden haben. Allein er hatte keinerlei

Ahnung von dem, was ihm bevorstand, und fuhr auf seinem Klapperwagen

von Dorf zu Dorf, von Kirche zu Kirche, durchwanderte weite

Waldstrecken zu Fuß, ruhte auf Wiesen und an Feldrainen und schöpfte

neue Kraft aus der Berührung mit der Mutter Natur.

In der Stadt aber war inzwischen, dank den unermüdlichen Bemühungen

Termosesows, die Schlinge schon ausgelegt. Die Beschwerde des

Kleinbürger Danilka war den Instanzenweg gegangen, eine Bagatelle war

zu einer Angelegenheit geworden, die auf gesetzlichem Wege entschieden

werden mußte.

Siebzehntes Kapitel.

Die aufregenden Berichte vom Mißgeschick des Diakons Achilla und davon,

daß man auch ihn, den Propst selbst, in diese nichtige Sache verwickelt

hatte, trafen den Vater Sawelij in einem weit abgelegenen Kirchdorf,

von dem er wenigstens zwei Tage zu reisen hatte, bis er die Stadt

erreichte.

Die Klerisei · 第 16 / 25 段