Kaum hatte man sich von der Postmeisterin verabschiedet, so erklärte

Termosesow, es müßten unbedingt alle noch einen Augenblick mit ihm bei

der Biziukina vorsprechen.

»Du gestattest es doch?« fragte er, halb zu ihr gewendet.

Es schien ihr nicht sehr angenehm, aber sie sagte trotzdem ja.

»Irgendein Gesöff wird sich bei dir wohl finden?«

Daria Nikolajewna wurde verlegen. Gerade heute hatte sie vergessen,

Wein holen zu lassen, und erinnerte sich auch, daß man heute mittag

die letzte Flasche Xeres so gut wie leer getrunken hatte. Termosesow

bemerkte ihre Verlegenheit und sagte:

»Na, Bier wird es doch wenigstens geben?«

»Bier ist da.«

»Das wußte ich. Bier haben die von der Akzise immer. Hast du auch Meth?«

»Ja.«

»Das ist ja famos! Nun, meine Herrschaften, wir haben Bier und Meth,

und da braue ich euch ein Blachdnublach zusammen, daß ihr ...«

Termosesow küßte seine Finger und beschloß: »daß ihr zum Schluß die

eigene Zunge mit verschlucken sollt.«

»Was ist das für ein Blech und Blech?« fragte Achilla.

»Nicht Blech und Blech, sondern Blachdnublach -- ein Getränk aus Bier

und Meth. Vorwärts!« Und er zog Achilla am Ärmel.

»Warte doch,« widersetzte sich der Diakon. »Was ist denn das für

ein Blech und Blech? Bei Begräbnissen trinkt man es und nennt es

›Biermeth‹.«

»Ich sage dir aber, es ist kein Biermeth, sondern Blachdnublach.

Vorwärts!«

»Nein, warte!« protestierte der Diakon wieder. »Ich kenne diesen

Biermeth ... Eins, zwei, drei, liegt man da wie ein Klotz. Ich trink'

das Zeug nicht.«

»Ich sag' dir doch, es gibt Blachdnublach und nicht Biermeth!«

»Und doch sollten wir's heut nicht mehr trinken,« antwortete der

Diakon. »Sonst gibt's morgen einen wüsten Brummschädel.«

Prepotenskij war derselben Ansicht, aber keiner von beiden besaß

Charakterfestigkeit genug, seine Meinung durchzusetzen, und so blieb

Termosesow schließlich Sieger und schleppte sie in die Wohnung der

Biziukina. Sein Plan war, das Gesöff in der Laube einzunehmen, und

so wurden alsbald eine Unmenge Bier- und Methflaschen nebst dem dazu

gehörigen Imbiß dorthin gebracht, und Termosesow begann sofort mit der

Bereitung des Blachdnublach.

Warnawa Prepotenskij hatte sich neben Termosesow gesetzt. Der Lehrer

wollte den Gast sofort zur Rede stellen, weshalb er vor Tuganow

so gekatzbuckelt und ihn bei seinen Angriffen gegen ihn, Warnawa,

unterstützt hatte.

Aber zum größten Erstaunen Prepotenskijs schien Termosesow nicht die

geringste Lust zu haben, mit ihm zu plaudern, denn statt der erwarteten

freundlichen Antwort kam es schroff und ungeduldig von seinen Lippen:

»Wir sind alle gleich: Kleinbürger, Adel und niederes Volk. Lassen Sie

mich mit Ihrer Politik in Frieden, ich will jetzt trinken.«

»Aber Sie müssen doch zugeben, daß Leute mit Besinarmildung etwas

Besseres sind, als ...« stammelte Warnawa verwirrt.

»Da haben wir's!« unterbrach ihn Termosesow. »Erst das liebste

Hühnerauge, und jetzt die Besinarmildung! Der richtige Cicero!«

»Das passiert ihm oft, wenn er aufgeregt ist. Er will ein Wort sagen

und es kommt ein anderes heraus,« trat Achilla für Prepotenskij ein

und erzählte, wie der Lehrer infolge dieses Defekts einmal beinahe

um den Verkehr in einem sehr feinen Hause gekommen wäre. »Er hatte

zu der Wirtin sagen wollen: ›Matrona Iwanowna, darf ich noch um ein

Zitronenscheibchen bitten?‹ -- und sagte statt dessen: ›Zitrona

Iwanowna, bitte noch ein Matronenscheibchen!‹ was die Dame natürlich

als Beleidigung auffaßte.«

Termosesow wollte sich ausschütten vor Lachen, faßte aber plötzlich

Warnawas Hand, beugte sich zu ihm herab und flüsterte ihm ins Ohr:

»Geh sofort und schreib mir auf, was die Pfaffen und Edelleute heut

geredet haben. Ich meine das von der Gewissensfreiheit und der

Unduldsamkeit ... Mit einem Wort: alles, alles ...«

»Wozu denn?« fragte der Lehrer erstaunt.

»Das geht dich nichts an. Geh nur und schreib's auf. Du wirst später

schon sehen, wozu. Wir unterschreiben es und schicken es an die

richtige Adresse.«

»Was? Was wollen Sie tun?« rief Prepotenskij laut und fuchtelte erregt

mit den Armen. »Eine Denunziation! Um nichts in der Welt!«

»Aber du haßt sie doch!«

»Nun und?«

»So schneid ihnen doch die Kehle durch, wenn du sie haßt.«

»Ja gewiß, schneiden will ich schon, aber ich bin kein Lump, der eine

Denunziation ...«

»Dann raus mit dir!« unterbrach ihn Termosesow und stieß ihn gegen die

Tür.

»Aha! Raus?! So hab' ich Sie doch richtig erkannt! Sie halten's mit

Achilla!«

»Raus, sage ich!«

»Ja, ja! Erst fordert Ihr mich zum Blachdnublach auf und dann ...«

»Da hast du dein Blachdnublach!« antwortete Termosesow und gab

dem Lehrer einen kräftigen Stoß in den Nacken, so daß er zur Tür

hinausflog. Dann schob er den Riegel vor.

Achilla, der diesen Auftritt mit angesehen hatte, stand verwirrt auf

und nahm seinen Hut.

»Wo willst du hin?« fragte Termosesow, sich wieder an den Tisch setzend.

»Ich bitte um Entschuldigung, ich muß nach Hause.«

»Trink doch erst dein Blachdnublach aus.«

»Nein, mag es zum Teufel gehn, ich will nicht mehr. Leben Sie wohl. Ich

habe die Ehre.«

Er reichte Termosesow die Hand. Dieser nahm sie aber nicht, sondern riß

dem Diakon den Hut fort, warf ihn unter seinen Stuhl und befahl:

»Setz dich!«

»Ich will nicht,« erwiderte Achilla.

»Setz dich, sag' ich dir!« schrie Termosesow noch lauter und riß ihn so

heftig am Arm, daß er auf die Bank niederfiel.

»Willst du Pfarrer werden?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil ich dessen weder wert noch fähig bin.«

»Aber der Propst kränkt dich doch?«

»Nein, das tut er nicht.«

»Er soll dir doch mal einen Stock weggenommen haben.«

»Was ist denn dabei?«

»Und einen Dummkopf hat er dich genannt?«

»Ich weiß nicht, vielleicht hat er mich auch mal so genannt.«

»Wollen wir ihn für seine heutigen Reden denunzieren?«

»Wa--a--a--as?«

»Das!!«

Termosesow bückte sich, holte Achillas Hut unter dem Stuhl hervor und

warf ihn vor die Schwelle.

»Du bist eine Petersburger Kanaille,« sagte der Diakon und bückte

sich nach dem Hute. In diesem Augenblick aber traf ihn ein dröhnender

Schlag in den Nacken und er lag mit der Nase im Sande des Gartenweges,

wohin ihm sein Hut alsbald nachgeflogen kam und wo ein paar Schritte

weiter auch der Lehrer hockte. Der Diakon begriff erst gar nicht, wie

das gekommen war, aber als er Termosesow in der Tür stehen und ihm mit

einem Spaten drohen sah, wurde es ihm klar, warum der Schlag so schwer

gewesen war und eine so breite Fläche getroffen hatte. Er sagte:

»Das nennt sich also Blachdnublach. Danke für freundliche Belehrung.«

Hierauf wandte er sich zum Lehrer:

»Nun? Gehen wir heim, lieber Freund?«

»Ich kann nicht,« sagte Warnawa.

»Warum nicht?«

»Ich bin voll blauer Flecke und der Wopf tut mir keh.«

»Laß den Wopf nur keh tun, das geht vorüber. Komm nach Hause. Ich

begleite dich.« Und mitleidig half der Diakon dem Lehrer auf und führte

ihn zum Gartentor hinaus.

Siebentes Kapitel.

Aufs äußerste erregt und verstört kam der Propst heim. Da das Fest

beim Polizeichef so lange dauerte, hatte die daheimgebliebene Natalia

Nikolajewna, wider ihre sonstige Gewohnheit, die Heimkehr ihres

Gatten nicht abgewartet und sich zu Bett gelegt, die Tür nach ihrem

Schlafzimmer aber offen gelassen. Sie wollte durchaus aufwachen, wenn

ihr Mann zurückkehrte.

Tuberozow wußte, was die offene Türe zu bedeuten hatte und rief beim

Eintreten seine Frau beim Namen. Sie erwachte und erwiderte seinen Gruß.

»Du schläfst nicht?«

»Nein, Liebster, Sawelij Jefimytsch, ich schlafe nicht.«

»Das ist gut, ich möchte mit dir reden.«

Der Alte setzte sich auf den Bettrand und erzählte seiner Gattin das

Gespräch mit dem Adelsmarschall und beklagte sich, wie gleichgültig

alle sich zu der immer mehr in Rußland aufkommenden Anschauung

verhalten, daß sich ein gebildeter Mensch des Glaubens schämen müsse.

Er drückte ihr seine Befürchtungen aus, daß die guten Sitten und die

hohen Ideale in Verfall geraten könnten, ja müßten.

Natalia Nikolajewna unterbrach ihn mit keiner Silbe, denn er sprach mit

einem Freimut, wie er ihn sonst nirgendwo hätte zum Ausdruck bringen

dürfen.

»Und denke dir, Natascha!« schloß er, als er bemerkte, daß der Morgen

graute und sein Kanarienvögelchen, eben erwacht, den Schnabel zu

wetzen begann. »Denke dir, meine liebe Alte, daß er, der Tuganow,

keines meiner Worte widerlegen konnte, daß er mir in allem recht gab,

daß er selbst zugestand, wir stünden, wie die selige Marfa Andrejewna

mal sagte, gleich Schnepfen im Sumpf. Der Schwanz ist zu lang und der

Schnabel ist zu lang, und so wackeln wir hin und her: ziehen wir den

Schnabel heraus, bleibt der Schwanz stecken; ziehen wir den Schwanz

heraus, steckt der Schnabel im Sumpf. Das alles gab er zu, aber von

der seelischen Erregung, die man in einer solchen Lage doch empfinden

müßte, ließ er nichts merken ... O diese entsetzliche Gleichgültigkeit!«

Natalia Nikolajewna schwieg.

»Zu guter Letzt nannte er mich noch einen Maniak! Sage bitte selbst,

wieso und warum verdiene ich diesen Namen?« Sawelij dämpfte die Stimme.

»Mich nennt er einen Maniak, und er selbst sagt ... Ich meinte: alles,

worauf ich hingewiesen hätte, seien vielleicht Kleinigkeiten, aber

trotzdem so bezeichnend für den in unserer Gesellschaft herrschenden

Geist, und wenn wir jetzt mit diesen Kleinigkeiten nicht fertig

würden, wie sollen es unsere Machthaber werden, nachdem alles erst

mal großgewachsen ist! Er antwortete mir in seinem mir so verhaßten

spöttischen Tone, den wir Russen so gern anschlagen, mit einer

Anekdote, die sehr gut paßte und die ich aus Rücksicht auf mein Amt nur

dir allein erzählen kann: Ein Offizier kam einst in ein Quartier, wo er

im Nebenzimmer ein wunderschönes Mädchen entdeckte. Er war von ihr so

entzückt, daß er, wie das im Regiment Brauch ist, seinen Burschen rief

und ihn fragte: ›Wie könnte ich wohl die Bekanntschaft dieser Schönen

machen?‹ Der Bursche überlegte, und da er im Begriff war, Kohlen in

den Samowar zu legen, rief er plötzlich: ›Hier riecht's nach Rauch!‹

Der Offizier sprang auf und stürzte in das Zimmer seiner Nachbarin:

›Meine Gnädige, hier bei Ihnen riecht es nach Rauch. Ich komme, Sie und

Ihre Schönheit aus dem Feuer zu retten!‹ Auf diese Weise machte er die

gewünschte Bekanntschaft. Der Bursche aber erhielt ein Geldgeschenk

und einen Schnaps. Als der Frauenjäger nach einiger Zeit in ein neues

Quartier kam, wo er ebenfalls eine schöne Dame entdeckte, jedoch nicht

nebenan, sondern im gegenüberliegenden Hause, -- sagte er wieder zu

seinem Burschen: ›Verhilf mir zu ihrer Bekanntschaft!‹ Der aber wußte

nichts anderes zu antworten, als sein altes ›Hier riecht's nach Rauch!‹

Da erkannte der Offizier, daß er sich zu Unrecht auf den Verstand

seines Helfershelfers verlassen hatte und die erwünschte Bekanntschaft

durch ihn nicht machen konnte. Jetzt merke, was das für ein Gleichnis

ergibt: bei uns geziemt es sich für einen aufgeklärten Mann, daß er

ungläubig sei, seines Vaterlandes spotte, die Menschen verachte, die

Heiligkeit der Familienbande nicht gelten lasse, in seinen Mitteln

nicht wählerisch sei; jene Schöne jedoch, die äußere Zivilisation,

haben wir leicht gewonnen; allein jetzt gilt es, eine andere Schöne

kennen zu lernen, jetzt, wo wir geistige Selbständigkeit zeigen sollen,

... aber da sitzt die Schöne drüben am Fenster, und die Frage ist, wie

kriegen wir sie? Da sehnen wir uns wohl und seufzen: ›Ach, wie könnten

wir am leichtesten ihre Bekanntschaft machen?‹ Aber der ungeschickte

Bursche weiß darauf nichts zu sagen, als: ›Hier riecht's nach Rauch!‹

Doch was nützt es uns, wenn es nach Rauch riecht?«

»Ja,« sagte Natalia Nikolajewna und seufzte.

»Das ist es eben! Begreifst du es auch? Wer ist denn nun der Maniak?

Ich, der ich alles klar sehe und mich deswegen beunruhige, oder jene,

denen es ebenso klar ist, die sich aber den Kopf nicht weiter darüber

zerbrechen: ›Wir kommen noch so durch, und hinterher mag's gehn, wie es

will!‹ Heißt das nicht: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Nicht wahr, meine

Liebe?«

»Ja, Liebster, das Mädel stellt wohl den Samowar auf,« sagte Natalia

Nikolajewna mit schläfriger Stimme.

Da begriff Tuberozow, daß er die ganze Zeit in die Luft gesprochen

hatte, die keine Ohren für ihn hatte, und er senkte lächelnd sein

weißhaariges Haupt.

Er gedachte der Worte, die einst die verstorbene Bojarin Marfa

Plodomasowa zu ihm gesprochen: »Und bist du denn nicht einsam? Was sagt

denn das, daß du eine gute Frau hast, die dich liebt? Was dich quält,

wird sie doch nicht verstehen. Und so ist jeder, der weiter sieht als

sein Bruder, einsam inmitten der Seinigen.«

»Ja, einsam, unsagbar einsam!« flüsterte der Alte. »Und es ist am

stärksten zu fühlen, wenn man am innigsten verlangt, es nicht zu

sein; denn ... mag ich nun ein Maniak sein oder nicht ... ich habe

beschlossen, das nicht länger zu dulden, und was ich beschlossen,

das vollbringe ich auch.« Leise stand der Alte vom Bette auf, um die

Schlafende nicht zu stören, segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes,

stopfte dann seine Pfeife und ging in den Hof hinaus, um sich vor dem

Hause niederzusetzen.

Achtes Kapitel.

Tief in Gedanken versunken saß der alte Mann. Die dünnen

Tabakswölkchen, die sich von seinem weißen Schnurrbart lösten und

in der Luft zerflatterten, glänzten bernsteinfarbig im Lichte der

aufgehenden Sonne. Die Hühner flogen von ihren Stangen herunter,

kamen aus dem Stall, schüttelten sich und strichen ihr Gefieder.

Jetzt klang von der Brücke die Lindenholzflöte des Hirten herüber,

am Ufer klirrten die leeren Eimer, mit denen ein barfüßiges Weib

nach Wasser ging; überall hörte man die Kühe brüllen, und die eigene

Dienstmagd des Propstes kam gähnend, das Zeichen des Kreuzes über dem

weitaufgerissenen Munde machend, aus dem Stall und trieb die Kuh mit

einer Gerte vor sich her. Drinnen am Fenster sang der Kanarienvogel aus

voller Kehle.

Im vollen Glanze war der junge Tag erschienen.

Vom Dom her ertönte der erste Glockenschlag.

Vor dem Pförtchen erschien eine junge Zigeunerin mit einem Kinde an

der Brust, einem zweiten auf dem Rücken und dreien, die sich an ihre

zerlumpten Kleider klammerten.

»Gib mir was, frommer Vater, gib mir was, du Glücklicher,

Segensreicher!« bettelte sie den Propst an.

»Was soll ich dir geben, du Unglückliche, Ungesegnete? Meine Frau

schläft, und ich habe kein Geld bei mir.«

»Gib mir etwas, was du nicht brauchst, dafür soll dir Ehre und Glück

werden.«

»Was brauche ich denn nicht? Halt! du hast recht gesprochen! Ich hab'

hier etwas, was ich nicht brauche!«

Und Tuberozow ging ins Zimmer und brachte seine sämtlichen Pfeifen

heraus, den perlengestickten Tabaksbeutel und die Blechschachtel, in

welche er die Asche zu schütten pflegte. Alles gab er der Zigeunerin

und sagte:

»Da, du Zigeunerweib, bring das deinem Mann, ihm steht es besser zu.«

Natalia Nikolajewna schlief noch immer. Der Propst schrieb sich die

Schuld zu, weil er sie durch seine lange Abwesenheit und seine Reden am

Einschlafen gehindert hatte. Zwar hatte sie ihm nicht zugehört, aber

ihre Ruhe hatte er doch gestört.

Er ging in den Stall und gab seinen zwei kleinen braunen Pferden selbst

die doppelte Portion Hafer. Dann wollte er leise über den Hof ins Haus,

als er plötzlich den Botengänger des Akziseeinnehmers Biziukin durch

das Pförtchen kommen sah, welcher ein Buch unter dem Arm hatte.

Der Propst nahm das Buch, schlug es auf und wurde ganz rot im Gesicht.

Im Buch lag ein Schreiben mit folgender Aufschrift: »An den Propst

des Stargoroder Kirchspiels, Oberpfarrer Sawelij Tuberkulow.« Das

Wort »Tuberkulow« war flüchtig durchstrichen und darüber geschrieben

»Tuberozow«.

»Es wird um sofortige Empfangsbestätigung gebeten,« sagte der Bote.

»Wer hat drum gebeten?«

»Der Sekretär des angereisten Beamten.«

»Der kann warten.«

Der Propst fühlte, daß die Sache nicht so harmlos war. Er merkte, daß

man ihn herausfordern wollte und auch schon ein Mittel gefunden hatte,

ihm beizukommen.

»Was kann das sein? Es ist noch so früh ... Sie scheinen die Nacht

nicht geschlafen zu haben, nur um eine Gemeinheit auszuhecken ... ja,

Leute, die nichts zu tun haben!«

Mit solchen Gedanken beschäftigt, trat Tuberozow in sein vom

Sonnenglanz durchflutetes Wohnzimmer, setzte seine große silbergefaßte

Brille auf und öffnete den interessanten Brief.

Neuntes Kapitel.

Das fatale Schreiben war ein höchst formloses Dokument, in jenen

unangenehmen, vieldeutigen Ausdrücken abgefaßt, an denen die

Kanzleisprache so reich ist. Es stellte an den Propst Tuberozow

»konfidentiell« das Ersuchen oder die Forderung, beim Regierungsbeamten

Bornowolokow zu erscheinen »zwecks Abgabe näherer Erklärungen über

einige wichtige Punkte, sowie auch über das anstößige und unpassende

Betragen des Diakons Achilla Desnitzyn.«

»Ei zum Donnerwetter, sollte das nicht ein dummer Scherz sein? ...

Wollen sie sich jetzt auf diese Weise über mich lustig machen?! Aber

nein, das ist kein Scherz! Da steht's: Tuberkulow ... Mein Name ist in

der offenkundigen Absicht, mich zu kränken, so verdreht worden. Und

dann: »das anstößige und unpassende Betragen des Diakons Achilla.« Was

bedeutet das alles, wo will man hinaus? Um ihnen den Spaß zu verderben

und keinen Fehler zu begehen, wollen wir uns an die Methode des

Abwartens halten, die einzig richtige in unklaren Fällen.«

Der Propst nahm die Feder und schrieb unter das formlose Dokument: »Der

Propst Tuberozow hält sich, da er über die Vollmachten der ihn zu sich

auffordernden Person nicht unterrichtet ist, nicht für verpflichtet,

der Aufforderung Folge leisten zu müssen.«

Darauf legte er das Blatt in denselben Umschlag, in dem er es erhalten

hatte, und schrieb quer über die Adresse: »Zurück an den, dessen Titel

und Würden ich nicht kenne.«

Nachdem er das Paket wieder in das Quittungsbuch gelegt hatte, ging

er hinaus und gab es dem Boten. Dem langen Subdiakon Pawliukan, der

inzwischen gekommen war, befahl er, den Wagen zu schmieren und in einer

Stunde zu einer Fahrt ins Kirchspiel bereit zu sein. Dann schickte er

die Magd nach dem Diakon Achilla.

Unterdessen war Natalia Nikolajewna aufgestanden und machte sich,

nachdem sie sich mehrmals bei ihrem Gatten wegen ihres gestrigen

Einschlafens entschuldigt hatte, eifrig daran, sein Reiseköfferchen zu

packen. Höchst erstaunt war sie aber, als er auf ihre Frage, wohin sie

den Tabak legen solle, kurz antwortete, er habe das Rauchen aufgegeben,

und sich dann gleich dem eben eingetretenen Diakon zuwandte.

»Ich muß gleich eine Amtsreise machen und habe dich kommen lassen, um

dich noch einmal zu warnen,« begann er, doch Achilla unterbrach ihn

sofort.

»Schönsten Dank, Vater Propst, aber ich bin schon gewarnt.«

»Das hat nicht viel zu sagen und macht mir keine Sorge. Jedenfalls

bitte ich dich nur, wenigstens in meiner Abwesenheit etwas solider zu

sein.«

»Ja, Vater Propst, jetzt ... Auch wenn Ihr kein Wort gesagt hättet, es

ist doch schon alles aus.«

Tuberozow blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einem scharfen,

durchdringenden Blick an. Gestalt und Gesicht des Diakons sahen nicht

gerade vorteilhaft aus. Die dichten, natürlichen Locken machten den

Eindruck einer schief aufgesetzten Perücke: die rechte Seite der Stirn

war viel zu weit entblößt, die linke fast bis zum Auge verdeckt.

Der Propst dachte nach, was denn wohl noch mit dem unvorsichtigen

Diakon geschehen sein mochte, dieser aber sagte, die Augen starr auf

den Hut gerichtet, den er in der Hand hin- und herdrehte:

»Ich habe schon gestern, Vater Propst ... gleich nachdem ich von der

Biziukinschen heimgekommen war ... denn wir waren alle vom Polizeichef

noch dorthin gegangen ... zu meiner Bedienerin gesagt: ›Nein,‹ sagt'

ich, ›Esperance, der Vater Sawelij hat recht: der Starke rühme sich

nicht seiner Kraft und baue nicht auf seine Macht.‹«

Statt ihm zu antworten, ging der Propst auf den Diakon zu und strich

die Haare zurück, welche die linke Seite seines Gesichtes so übermäßig

bedeckten.

»Nein, Vater Sawelij, hier ist nichts, aber da,« sagte Achilla leise

und schob die Hand des Propstes auf seinen Nacken.

»Schäme dich, Diakon,« sagte Tuberozow.

»Es tut auch weh, Vater Propst,« sagte Achilla, sich an die Brust

schlagend, und fing bitterlich zu weinen an. »Dafür werde ich mich nun

täglich und stündlich martern.«

Tuberozow schüttete keinen Tropfen mehr in diesen Leidenstrank des

armen Achilla. Im Gegenteil. Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer

und sagte dann, den Diakon am Arme fassend:

»Weißt du noch, wie du mir Vorwürfe machtest wegen der Pfeife?«

»Verzeiht.«

»Nicht doch, ich bin dir dankbar dafür, und wenn ich im Rauchen auch

nichts besonders Schlechtes sehe und diese Gewohnheit gehabt habe, so

habe ich doch heute, um dem Gerede ein Ende zu machen, davon abgelassen

und alle meine Pfeifen einem Zigeuner geschenkt.«

»Einem Zigeuner!« rief der Diakon mit strahlendem Gesicht.

»Ja. Es kann dir übrigens gleich sein, wem ich sie gegeben habe; gib

aber auch du deine Wildheit irgend jemandem. Du bist kein Jüngling

mehr, sondern bald fünfzig, und du bist auch kein Kosak, denn du trägst

die Kutte. Und jetzt sage ich dir noch einmal Lebewohl, denn ich muß

fahren.«

Zehntes Kapitel.

Im Biziukinschen Hause ließ sich der neue Tag wenig freundlich an: die

gnädige Frau vermißte ein kostbares Brillantenkollier, das sie gestern

abend getragen hatte und das heute nirgends zu finden war. Die ganze

Dienerschaft war auf den Beinen, und die Herrschaft ebenfalls. Man

suchte das Verlorene in der Laube und im ganzen Hause, aber es war und

blieb verschwunden.

Bornowolokow hatte mit der Revision angefangen, und auch

Termosesow war ungeheuer beschäftigt. Zunächst nahm er aus seiner

Photographiensammlung einige Bildnisse der kaiserlichen Familie,

dann schrieb er einen Brief an einen Petersburger Freund, der in

Wirklichkeit gar nicht vorhanden war. Er schilderte die Schönheit

der Natur, die gelbrosa Färbung der Wolken, sprach von seiner

Freundschaft mit Bornowolokow und seinen Aussichten auf eine glänzende

Beamtenlaufbahn und auf eine Erbschaft im Gouvernement Samara. Zum

Schluß entwarf er eine flüchtige Skizze der gestrigen Gesellschaft,

wobei er die Stargoroder Herrschaften schonungslos kritisierte und nur

hinsichtlich der Postmeisterin eine Ausnahme machte. »Diese Frau,«

schrieb er, »ist es durchaus wert, daß man etwas bei ihr verweilt.

Stelle dir vor, ich spüre hier so etwas wie Schicksalsgewalt; ich sah

sie und wurde sofort von einer Art Sohnesgefühl zu ihr erfaßt. Ich

sag' dir, wenn es ihr einfallen würde, mich auspeitschen zu lassen,

ich würde ihr dankbar die Hand küssen. Doch -- ich weiß selber noch

nicht, wie das enden wird, denn sie hat zwei Töchter. Die eine ist ganz

die Mutter, die andere verspricht ebenfalls so schön zu werden. Wer

vermöchte zu sagen, Freund, warum das unerforschliche Geschick mich der

Familie dieser hochgeachteten Frau zugeführt hat? Vielleicht werde auch

ich demnächst singen müssen: ›O goldne Freiheit, lebe wohl!‹«

Nachdem Termosesow den Brief an einen Herrn Nikolai Iwanowitsch

Iwanow adressiert hatte, preßte er das versiegelte Kuvert zwischen

zwei Fingern fest zusammen, überzeugte sich, daß man auf diese

Weise seine ganze Charakteristik der Frau Postmeisterin durchlesen

konnte, räusperte sich und sagte: »Na, nun wollen wir mal sehen, ob

Prepotenskij gestern die Wahrheit gesagt hat, daß sie die Briefe

aufmacht! Tut sie das, so bin ich fein heraus.«

Er nahm den Brief und die Bilder und begab sich auf das Postamt. Außer

diesem Brief hatte er noch ein Schriftstück in der Tasche, das er in

derselben frühen Morgenstunde abgefaßt hatte, als er die Aufforderung

an Tuberozow schickte. Es lautete folgendermaßen:

»Das Komplott der demokratischen Sozialisten, die sich hinter der Larve

des Patriotismus verbergen, macht sich überall bemerkbar. Hier setzt

es sich aus äußerst verschiedenartigen Elementen zusammen, und das

Schädlichste dabei ist, daß die Geistlichkeit bereits in hohem Maße

daran beteiligt ist -- was äußerst gefährlich ist, da sie dem Volke

sehr nahesteht. Die Resultate der traurigen liberalen Duldsamkeit

treten hier besonders kraß und zahlreich zutage.

Die Klerisei · 第 15 / 25 段