gefällt, deiner Gnaden ein Dutzend mal in die Fresse zu hauen?«
Der Bürger fuhr entsetzt zurück und stammelte:
»Euer Hochwohlgeboren, erbarmen Sie sich, zwingen Sie mich nicht! Meine
Klage wird doch zu nichts führen!«
»Warum nicht?«
»Ich hab' schon einmal klagen wollen, als der fürstliche Verwalter
Glitsch mich mit Nesseln auspeitschen ließ, weil ich auf die Wette des
Polizeichefs hin sein Pferd stehlen wollte. Damals rieten alle mir ab.
Klage nicht, Danilka, sagten sie, denn dann kommt es zu einer großen
Untersuchung, und dann sagen wir alle, daß du längst schon in Sibirien
sein müßtest. Ja, und ich kannte mich selber zu gut, um zu wissen, daß
ich kein Recht mehr habe, meine Ehre zu verteidigen.«
»Wie du über deine Ehre denkst, das kommt hier gar nicht in Betracht.«
»Und die hiesigen Herren Beamten wissen auch ...«
»Deine hiesigen Herren Beamten mögen wissen, was sie wollen, wir sind
aber keine hiesigen, wir sind aus Petersburg. Verstehst du das? Aus der
Residenz, aus Petersburg! Und ich befehle dir: sofort unterschreibst
du, du gottverdammtes Luder, ohne alle Widerrede, sonst ... sonst
fliegst du auch ohne Untersuchung nach Sibirien.«
Und der bärenstarke Termosesow drückte mit der Rechten die Hand und mit
der Linken die Kehle des Kommissars so kräftig zusammen, daß Danilka im
Nu rot wurde, wie ein gekochter Krebs, und kaum noch hörbar röchelte:
»Um Gottes willen, lassen Sie mich los! Ich unterschreibe ja alles!«
Ächzend und hustend setzte er seine Krakelfüße unter das Gesuch.
Termosesow steckte das Papier in die Tasche, hielt Danilka die Faust
unter die Nase und sagte drohend:
»Bürger, wenn du dich irgendwie vor der Zeit verplapperst, daß du dich
beschwert hast ...«
Danilka, der immer noch hustete, machte nur eine abwehrende Bewegung
mit der ganz erstarrten Hand.
»... Dann schlag ich dir die ganze Fratze zu Brei, multipliziere die
Wangen, subtrahiere die Nase und verwandle die Zähne in Brüche!«
Der Kleinbürger winkte mit beiden Händen ab.
»Jetzt hast du aber genug gekrächzt! ~Allez, marchez~ zur Tür hinaus!«
kommandierte Termosesow, schob den Haken von der Tür zurück und gab
Danilka auf der Schwelle einen so kräftigen Stoß, daß er über den an
das Haus angebauten Hühnerstall hinwegflog und auf den warmen Rasen zu
sitzen kam. Er sah sich nur noch einmal um, spuckte aus und rollte dann
auf allen vieren zum Tor hinaus. Er hustete nicht einmal mehr.
Prepotenskij war von dieser Kraftprobe so entzückt, daß er laut
applaudierte.
»Was fällt dir ein?« fragte Termosesow.
»Sie sind stärker als Achilla! Jetzt brauch' ich ihn nicht mehr zu
fürchten!«
»Das brauchst du auch nicht.«
Drittes Buch.
Erstes Kapitel.
Als Termosesow und seine Genossen beim Polizeichef erschienen,
hatte Tuberozow schon eine Stunde abseits von den übrigen Gästen
mit dem Adelsmarschall Tuganow geplaudert. Der alte Propst brachte
dem vornehmen Gaste wieder all die Klagen vor, welche wir in seinem
Tagebuche gelesen haben, -- und erhielt die alten Scherzworte zur
Antwort.
»Was soll aus dieser Zerrüttung noch werden?« fragte der Propst und
runzelte die Brauen. Der Adelsmarschall aber erwiderte ihm lachend:
»Wer kann wissen, was noch werden wird, mein Lieber?«
»Ohne Ideale, ohne Glauben, ohne Achtung vor den Taten der großen
Vorfahren ... Das ... das muß Rußland zugrunde richten.«
»Nun, wenn es zugrunde gehen soll, wird es eben zugrunde gehen,« sagte
Tuganow gleichgültig und stand auf. »Aber weißt du, -- gehen wir wieder
zu den Gästen. Unser Gespräch führt doch zu nichts. Du bist ein Maniak.«
Der Propst trat einen Schritt zurück und sagte gekränkt:
»Wieso bin ich ein Maniak?«
»Was drängst du dich den Leuten auf und läßt niemand seine Ruhe? Ideal!
Glauben! Was soll man tun, guter Freund, wenn die Zeit dafür vorüber
ist?«
Tuberozow lächelte, seufzte leise und antwortete, nicht die Zeit des
Glaubens und der Ideale sei vorüber, sondern die Zeit der +Worte+.
»Nun, so vollbringe +Taten+, Freund.«
»Auch Taten sind noch nicht genug.«
»Was brauchen wir denn?«
»Großtaten.«
»So vollbringe Großtaten. Aber in welcher Art?«
»Im Geiste der Kraft, im Wehen des Sturmes. Daß die, so das Feuer
löschen wollen, selber von der Flamme ergriffen werden.«
»Ja, ja, du willst wieder streiten. Halt lieber Frieden, Vater.«
»Parmen Nikolajewitsch, ich höre so viel von diesem Frieden reden.
Aber wie soll man Frieden schließen mit einem, der gar nicht um Pardon
bittet? So ein Frieden taugt nicht viel, und unsere Altvordern sagten
nicht umsonst: ›Eh du den Gevatter nicht verprügelt hast, kannst du ihm
keinen Friedenstrunk reichen‹.«
»Ohne Prügel geht's bei ihm nicht.«
»Gewiß nicht, Freund.«
»Du bist noch der richtige Seminarist.«
»Ich will auch gar nicht den großen Herrn spielen.«
»Sag mal, willst du durchaus leiden? Das tut man nicht einer
Kleinigkeit wegen. Spare deine Kräfte für eine bessere Sache.«
»Sparsame Leute gibt es ohne mich genug. Ich muß meine Pflicht
erfüllen.«
»Der letzte wäre ich, der dich abhielte, deine Pflicht zu erfüllen,
wie dein Gewissen sie dir vorschreibt. Geh hin und versuch es, die
Schamlosen zu beschämen. Wenn du es kannst, heißest du Hans. Aber jetzt
laß uns zu den Gastgebern gehen. Ich muß bald fort.«
Der Propst folgte ihm. Er versuchte sich zusammenzunehmen, war aber
sehr entmutigt. Er hatte etwas ganz anderes von dieser Zusammenkunft
erwartet, ohne sich wohl selbst sagen zu können, was eigentlich.
Zweites Kapitel.
Die beiden alten Herren saßen schon in dem kleinen Wohnzimmer, als die
Hausfrau Warnawa und Termosesow hineinführte. Die Mehrzahl der andern
Gäste befand sich im Saal. Man plauderte, spielte Klavier und versuchte
zu singen. Die Biziukina, welche sich sonst überall zu Hause fühlte,
hatte nicht den Mut, ihren Kavalieren ins Wohnzimmer zu folgen; da ihr
andererseits die Gesellschaft der Damen nicht sympathisch war, nahm sie
nahe der Tür Platz.
Das Wohnzimmer war ein schmaler Raum. Auf dem Sofa vor dem Tisch saßen
Tuganow und Tuberozow, während der sanfte Benefaktow, Darjanow und
der Kreisadelsmarschall Plodomasow auf Stühlen Platz genommen hatten.
Achilla stand hinter einem leeren Sessel und stützte die Hand auf
die Lehne. Die Biziukina bemerkte, wie Termosesow das Zimmer betrat,
sich höchst ehrerbietig verneigte, und -- was wohl keiner für möglich
gehalten hatte -- plötzlich auf Tuberozow zuschritt und um seinen
Segen bat. Am meisten erstaunt darüber war wohl Vater Sawelij selbst.
Er wußte im ersten Augenblick nicht recht, was er tun sollte, und als
er dem Gast den erbetenen Segen erteilte, sah man ihm die Verwirrung
deutlich an. Als Termosesow aber seine Hand küssen wollte, verlor
der Propst so vollkommen die Fassung, daß er mit einer schnellen,
energischen Bewegung Termosesows Hand nach unten zog und so fest
drückte und schüttelte, als wäre es die Hand seines besten Freundes.
Termosesow bat auch Zacharia um seinen Segen, und der sanfte Benefaktow
erwies sich diesmal findiger als Tuberozow. Er erteilte dem Gast nicht
nur den Segen, sondern schob auch ganz ungeniert sein gelbes Händchen
an den Mund des Abenteurers.
Einmal im Zuge, ging Termosesow nun noch auf Achilla zu, um sich von
ihm auch segnen zu lassen. Aber dieser machte einen gewandten Kratzfuß
und meinte:
»Ich bin bloß Diakon.«
Hierauf drückten sie einander die Hände und Achilla lud Termosesow
ein, es sich in dem Lehnsessel, hinter dem er stand, bequem zu machen.
Termosesow jedoch lehnte diese Ehre höflich ab und setzte sich auf
den zunächst stehenden Stuhl, während Prepotenskij, den hergebrachten
Anschauungen seiner »Richtung« treu bleibend, sich möglichst weit
entfernte, um gegenüber der weitgeöffneten Saaltür Platz zu nehmen.
Hiermit wollte er erstens andeuten, daß er mit der Gesellschaft im
Wohnzimmer nichts gemein habe, und dann konnte er von seinem Platz
aus die Biziukina sehen, welche alles hören sollte, was er sagte. Der
Lehrer empfand die dringende Notwendigkeit, sein Ansehen wieder zu
heben, welches durch das Erscheinen Termosesows stark beeinträchtigt
worden war, und wartete auf eine günstige Gelegenheit, Streit vom
Zaun zu brechen und der Biziukina, wenn auch nicht die Überlegenheit
seines Geistes, so doch wenigstens die Reinheit seiner Überzeugung zu
beweisen. Und da derjenige, welcher Streit sucht, in jedem Wort einen
willkommenen Anlaß erblickt, so brauchte Warnawa auch nicht lange in
Schweigen zu verharren.
Drittes Kapitel.
Beim Eintreten der neuen Gäste erzählte der Adelsmarschall Plodomasow
dem Propst gerade von den jüngsten Reformen im Kirchenwesen.
»Seine Eminenz ist ein Mann von großen Geistesgaben,« meinte der Propst.
»Und auch ein großer Humorist,« bemerkte Tuganow. »Wir haben hier einen
ungeheuer arroganten Gendarmenoffizier, der sich einbildet, alles zu
können.«
»Das ist immer so, die Gendarmen können alles,« fiel Prepotenskij ein,
ohne daß man auf ihn achtete.
»Dieses Herrchen hatte in Erfahrung gebracht,« fuhr Tuganow fort, »daß
bei unserm Bischof noch nie jemand zu Mittag gespeist hätte, -- und
wettete im Klub mit dem Polizeimeister, er werde schon mal bei dem
Alten essen. Ausgerechnet muß der Bischof Wind davon bekommen.«
»O weh, o weh!« sagte Zacharia gedehnt.
»Besagter Kavallerist macht also Seiner Eminenz seinen Besuch am frühem
Morgen und geht einfach nicht fort. Als es bereits sechs Uhr vorüber
ist, kann er's natürlich vor Hunger nicht mehr aushalten und will sich
verabschieden. Aber der schweigsame Bischof, der ihm die ganze Zeit
zugehört hatte, ohne selbst zu reden, meinte sehr freundlich: ›Wollen
Sie nicht zum Essen bleiben?‹ Na, denkt er, die Wette ist gewonnen!
Aber der Bischof ließ ihn noch eine Stunde hungern, ehe es zu Tische
geht.«
»Das war doch unnütz,« warf Zacharia ein, »ganz unnütz.«
»Warten Sie nur. Sie treten also ins Eßzimmer ein. Der Bischof bleibt
vor dem Gottesbilde stehen und beginnt zu beten, -- ein Gebet, dann
noch eins, und ein drittes. -- Es vergeht wieder eine ganze Stunde und
der hungrige Gast ist fast dem Verenden nahe. ›So, nun kann das Essen
aufgetragen werden,‹ sagt Eminenz endlich. Und zwei winzige Teller
mit Erbsensuppe und Zwieback werden gebracht. Als sie verzehrt sind,
erhebt sich der Bischof wieder und sagt: ›Danken wir jetzt dem Herrn,
der uns gesättigt hat.‹ Das ward dem Kriegsmann denn doch zu viel, und
während der Bischof betete, schlich er sich unbemerkt aus dem Zimmer.
Der Alte erzählte es mir gestern: ›Dieser Geist läßt sich durch nichts
austreiben, es sei denn durch Beten und Fasten,‹ schloß er.«
»Er ist ein Mann von Geist und von feinem und angenehmem Benehmen,«
sagte Tuberozow, dem diese Anekdötchen wenig Freude zu machen schienen.
»Ja, aber er klagt und jammert auch, es gäbe keine Leute. ›Wir fahren
über ein tiefes Meer,‹ sagt er, ›auf schwankem Schiff mit trunkenen
Matrosen. Gott bewahre uns vor einem Sturm.‹«
»Ein bitteres Wort,« warf Tuberozow ein.
»Übrigens,« begann Tuganow von neuem, »meinte er, Euere Stadt mache ihm
keine Sorgen. ›Ich habe dort zwei Popen,‹ bemerkte er, ›der eine ist
klug und der andere fromm.‹«
»Der Kluge ist Vater Sawelij,« bestätigte Zacharia.
»Wieso meint Ihr, daß gerade Vater Sawelij der Kluge sei?«
»Weil ... weil er weise ist,« erwiderte Zacharia verlegen.
»Und Vater Zacharia ist in die zweite Reihe gerückt,« fiel der Diakon
ein.
Tuberozow sah mit einem mißbilligenden Kopfschütteln zu ihm hinüber.
Um seine Taktlosigkeit wieder gut zu machen, fuhr Achilla schnell fort:
»Seine Eminenz haben den Vater Zacharia fromm genannt, weil sich noch
nie jemand über den Vater Zacharia beschwerte.«
»Ja, beschwert hat sich noch niemand,« seufzte Zacharia.
»Der Vater Sawelij aber ist ein unruhiger Kopf,« scherzte Tuganow.
Dieser Augenblick erschien dem Lehrer willkommen, und er warf
schnell ein, die unruhigen Köpfe unter der Geistlichkeit seien
die Denunzianten; das religiöse Gewissen aber müsse frei sein.
Unvorsichtigerweise antwortete Tuganow darauf, Gewissensfreiheit sei
allerdings notwendig und es sei sehr zu bedauern, daß man sie in
Rußland noch nicht habe.
»Ja, und unsere arme Kirche wird deshalb von allen Seiten mit
unverdienten Vorwürfen überschüttet,« fügte Tuberozow hinzu.
»Worüber habt Ihr Euch denn zu beklagen?« fiel ihm Prepotenskij lebhaft
ins Wort.
»Wir beklagen uns über die Unduldsamkeit,« erwiderte Tuberozow trocken.
»Ihr leidet darunter ja nicht.«
»O doch. Bitter leiden wir. Ihr predigt laut und frei, den Glauben
solle man abschaffen, und es geschieht euch nichts dafür. Wenn aber wir
auch nur ganz leise sagen, es wäre besser, eure Lehren würden nicht
überall verkündigt, so ...«
»Ach -- so meint Ihr das!« unterbrach ihn der Lehrer. »Ihr wollt gegen
uns hetzen, damit man uns den Garaus macht.«
»Nein, Ihr wollt uns den Garaus machen.«
Prepotenskij wußte nicht, was er antworten sollte. Leugnen wollte er es
nicht, fürchtete sich jedoch, es einfach zuzugeben. Tuganow half ihm
aus der Schwierigkeit und erklärte, der Vater Propst sei nur ungehalten
darüber, daß es Leute gebe, die es sich zur Aufgabe machten, schlichte
Herzen um ihren Glauben zu bringen.
»Am meisten aber bekümmert mich, daß es ihnen gelingt, weil man ihnen
Vorschub leistet.«
Prepotenskij lächelte.
»Es gelingt,« sagte er, »weil der Glaube ein Luxus ist, der dem Volk
sehr teuer zu stehen kommt.«
»Wohl nicht teurer als der Suff,« sagte Tuganow kühl.
»Ja, aber die neuen Menschen,« -- fing der Lehrer wieder an.
»Taugen nichts, und eben deshalb ist der Teufel los.«
»Weil die Spione ihnen ins Handwerk pfuschen.«
»Ach wo! Einfach Halunken sind es.«
»Halunken?«
»Jawohl. Immer noch, wenn es irgendwo eine Gärung gegeben hat, haben
sich zu guter Letzt Halunken der Bewegung bemächtigt, weil sich im
Trüben gut fischen läßt. Da hat man sich bei uns so lange mit diesen
... Nihilisten -- so heißen sie doch wohl -- geplagt. Erst schlug sich
die Regierung mit ihnen herum, Gesellschaft und Presse sind heute noch
nicht mit ihnen fertig geworden, -- Schluß mit ihnen machen werden aber
die Halunken, die sich ihnen zum Schein anschließen, um ihnen später
den Hals umzudrehen, und dann kommt die große Wendung der Dinge.«
Prepotenskij warf einen ängstlichen Blick auf die Biziukina. Es
verwirrte ihn, daß Tuganow seine kühnen Tiraden so einfach in nichts
auflöste, wie der Frühlingsnebel die Schneeflecken auf dem Felde
verschlingt. Warnawa suchte Hilfe und wandte seine Blicke deshalb
Termosesow zu, welcher aber nicht zu ihm hinüberschaute. Der Diakon
Achilla, der schon lange vergeblich versuchte, dem Lehrer durch Zeichen
zu verstehen zu geben, daß er schweigen solle, rief jetzt laut:
»Halt den Mund, Warnawa Wasiljewitsch, es ist langweilig!«
Der Lehrer geriet in Wut, besonders als auch Tuganow sich von ihm
abgewandt hatte. Er wollte deshalb die Bombe zum Platzen bringen.
Viertes Kapitel.
Prepotenskij sprang von seinem Platz auf und lief auf Tuganow zu, der
sich wieder mit dem Propst unterhielt.
»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche ... Aber ich ... ich stehe
für die Freiheit.«
»Ich auch,« sagte Tuganow und neigte sich wieder zum Propst.
»Lassen Sie mich doch ausreden!« rief der Lehrer.
Nun wandte sich Tuganow ihm zu.
»Wissen Sie, daß die Freiheit nicht gegeben wird, sondern genommen?«
fragte Warnawa.
»Nun und --?«
»Wer soll sie denn nehmen, wenn die neuen Menschen nichts taugen?«
»Die Entwicklung der Dinge wird sie nehmen.«
»Also wird sie doch genommen und nicht gegeben. Ich habe recht. Ich
sagte es: sie wird genommen werden.«
»Das sagt man dir doch auch!« rief ihm Achilla zu.
»Aber das ist doch meine Meinung: sie wird genommen werden!«
»Hat denn jemand etwas anderes gesagt? Parmen Semenowitsch spricht ja
die ganze Zeit davon,« unterstützte plötzlich Termosesow den Diakon und
suchte dabei den Namen Tuganows möglichst deutlich und im herzlichsten
Ton auszusprechen.
»Für mich wird's aber Zeit,« sagte Tuganow leise und erhob sich, um in
den Saal zu gehen, aber der Lehrer überfiel ihn von neuem.
»Noch ein Wort,« drängte er. »Mir scheint, es ist Ihnen unangenehm, daß
jetzt alle gleich sind.«
»Nein, es tut mir leid, daß nicht alle gleich sind.«
Prepotenskij stockte einen Augenblick. Dann sprach er:
»Das ist doch eine Tatsache, alle müssen gleich sein.«
»Parmen Semenowitsch sagt Ihnen das ja: alle müssen gleich sein,«
mischte sich nun Termosesow hinein, der neben Tuganow getreten war und
den Lehrer von ihm fortzudrängen sich bemühte.
»Aber erlauben Sie,« -- er suchte von der andern Seite heranzukommen,
wo ihm aber Achilla den Weg vertrat.
»Laß doch,« sagte er, »du redest doch bloß dummes Zeug.«
»Erlauben Sie, seien Sie so gut,« wehrte sich Prepotenskij und
versuchte nun einen Frontangriff. »Ich meine bloß: Ihnen gefällt es
wohl in England, weil da die Lords sind ... Sie sind unzufrieden, daß
die Standesprivilegien aufgehoben sind?«
»Sind sie das?«
»Geh weg, du weißt nichts,« stieß Achilla den Lehrer zur Seite, aber
dieser lief noch einmal um Tuganow herum und versuchte einen zweiten
Frontangriff.
»Über jedes Ding kann man verschiedene Meinungen haben.«
»Was wollen Sie eigentlich von mir?« rief Tuganow lachend.
»Ich meine, man kann verschieden urteilen.«
»Bloß, daß ein Urteil vernünftig ist und das andere dumm,« mischte sich
Termosesow wieder hinein.
»Sagen wir lieber: gerecht und ungerecht,« bemerkte Tuganow in
versöhnlichem Tone.
»Auch Gott kennt nur eine Wahrheit,« rief der Diakon.
»Zwischen zwei Punkten kann man nur eine gerade Linie ziehen,« sagte
Termosesow.
Prepotenskij geriet außer sich.
»Was ist denn das? So kann man ja gar nicht reden!« rief er. »Ich bin
allein unter lauter Kriechern und Heuchlern. Da habt ihr leichtes
Spiel. Ich weiß nur eines: ich achte nichts Althergebrachtes.«
»Das eben ist althergebracht. Wann hat man bei uns je Achtung vor der
Geschichte gehabt?«
»Weißt du was? Sei jetzt ganz still, du Schaf,« sagte Achilla in
freundschaftlichstem Tone. Die Biziukina wandte sich verächtlich vom
Lehrer ab, Termosesow versuchte noch einmal, ihn zur Seite zu schieben
und trat ihm dabei auf den Fuß, so daß der Lehrer, der sich in der
Aufregung leicht versprach, laut aufschrie:
»Au! Sie haben mir auf mein liebstes Hühnerauge getreten!«
Das »liebste Hühnerauge« rief ein schallendes Gelächter hervor, während
dessen sich Tuganow von der Hausfrau verabschiedete.
Schellen erklangen und ein Sechsgespann frischer Postpferde fuhr den
Tuganowschen Reisewagen vor das Haus. Wenn Prepotenskij sich noch
rehabilitieren wollte, mußte es sofort geschehen, hastig riß er sich
von Achilla und Termosesow los, die ihn festhalten wollten, und hüpfte
auf seinem »liebsten Hühnerauge« zu Tuganow, indem er rief:
»Und ich werde doch immer weiter gegen den Adel und für das Naturrecht
kämpfen.«
Tuganow drehte sich in der Tür um und sagte zu Warnawa:
»Die natürlichste Lebensform ist doch ... das Leben der Pferde da, die
mich gleich fortschaffen sollen. Aber sehn Sie, man spannt sie vor den
Wagen, damit sie einen Edelmann ziehen.«
»Und wird sie unterwegs noch mit der Peitsche bearbeiten, daß sie fixer
vorwärts kommen,« fiel der Diakon ein.
»Das Vieh wird immer geschlagen,« pflichtete Termosesow ihm bei.
»Wieder fallen alle über einen her!« schrie der Lehrer, »aber ich lasse
nicht ab!«
»Dann bist du also ein Stänker,« sagte Achilla.
»Du rufst den Abgrund gegen den Abgrund auf,« bemerkte Zacharia.
»Wißt Ihr denn, was das heißt: der Abgrund ruft den Abgrund herbei?«
erwiderte Warnawa voller Wut. »Das heißt: ein Pope ladet den andern zu
Besuch!«
Diese Äußerung erregte ein helles Gelächter, das durch den Saal
ertönte. Nur Tuberozow zog die Brauen zornig zusammen, riß krampfhaft
an dem Bande seines Brustkreuzes und ging in das Wohnzimmer zurück.
»Der Alte ist ganz zum Maniak geworden,« sagte Tuganow, ihm
nachblickend.
»Leider Gottes. Er liest die Zeitungen und regt sich auf und klagt und
seufzt und kann über nichts mehr ruhig sprechen,« antwortete Darjanow.
»Er hört uns,« flüsterte Achilla leise.
Sawelij hatte wirklich alles gehört ...
Warnawa fühlte sich wieder. Er glaubte durch seinen Witz mit dem
Abgrund seine Chancen bedeutend gebessert zu haben, und das gab ihm den
Mut, dem Propst ganz unvermittelt nachzulaufen, ihn am Ärmel zu fassen
und zu sagen:
»Ich möchte Euch etwas fragen: vorgestern war ich in der Kirche und
hörte, wie ein Priester plötzlich das Wort ›Schafskopf‹ aussprach. Was
hat der Klerus zu singen, wenn der Priester ›Schafskopf‹ ruft?«
»Der Klerus singt dreimal: ›Ist der Lehrer Prepotenskij‹,« erwiderte
Sawelij.
Ob dieser unerwarteten Antwort waren alle einen Augenblick ganz
verblüfft und brachen gleich darauf in ein dröhnendes Gelächter aus.
Prepotenskij hatte das Spiel verloren.
Fünftes Kapitel.
Je tiefer der Stern des Lehrers sank, desto höher stieg derjenige
Termosesows. Spielend gewann er die Gunst der gesamten Weiblichkeit;
der Frau Postmeisterin machte er geradezu den Hof, und zwar in
einer Weise, die dem Lehrer aufs äußerste mißfiel; denn Termosesow
huldigte ihr nicht als Dame, sondern gewissermaßen als Vertreterin der
Staatsgewalt.
Beim Abendessen ließ Termosesow die Damen mehr oder weniger im Stich
und hielt sich an die Herren. Mit jedem stieß er an und leerte dabei
eine recht beträchtliche Zahl Gläser, ohne daß irgendeine Wirkung zu
bemerken gewesen wäre. Schnell war er gut Freund mit Achilla, Darjanow
und Vater Zacharia. Auch Tuberozow redete er wiederholt an, aber der
Alte zeigte sich sehr wenig entgegenkommend. Dafür begann Achilla, nach
einem etwa halbstündigen Gespräch, zur nicht geringen Verwunderung der
Anwesenden, den Petersburger Gast plötzlich zu duzen, drückte ihm die
Hand, küßte seine wulstige Lippe und verlieh ihm sogar Kosenamen.
»Bei Gott, dieses Termoseslein ist ein Mordskerl,« predigte der
Diakon. »Haben wir zwei es dem Lehrer nicht fein gegeben? Nicht? Nein,
Bruder Termosesselchen, du darfst nicht fort von hier. Was hast du
in Petersburg zu suchen? Hier können wir zwei beide im Winter Füchse
fangen. Das ist ein Hauptspaß, Brüderlein. Nicht?«
»Freilich, freilich,« antwortete Termosesow und begann nun seinerseits
den Diakon zu preisen und nannte auch ihn einen Mordskerl. Und dann
küßten die beiden Mordskerle sich wieder.
Als das Fest sich zu seinem Ende neigte und Zacharia und Tuberozow
schon heimgehen wollten, hielt Termosesow den Diakon am Ärmel zurück
und sagte: »Du hast doch keine Eile?«
»Eigentlich nicht,« antwortete Achilla.
»Dann warte noch etwas, wir gehen zusammen.«
Achilla erklärte sich bereit und Termosesow schlug noch ein Tänzchen
vor. Er tanzte zuerst mit der Postmeisterin, dann mit ihren Töchtern,
dann mit noch zwei oder drei andern Damen, und zu allerletzt mit der
Biziukina. Dann aber kriegte er den Diakon zu fassen, drehte ihn im
Walzertakt ein paarmal herum und führte, als er ihn, wie eine Dame, an
seinen Platz gebracht hatte, seine Hand an die Lippen, küßte aber die
eigene.
Achilla, der darauf nicht im mindesten gefaßt war, geriet in
Verlegenheit und riß seine Hand hastig zurück, Termosesow jedoch lachte
unbändig und sagte:
»Hast du dir wirklich eingebildet, ich würde deine Kutschertatze
küssen?«
Der Diakon war gekränkt und dachte: ›Am Ende hätt' ich mich lieber
nicht mit dem Kerl einlassen sollen.‹ Aber da man sich gleich darauf
auf den Heimweg machte, so schloß er sich der Gesellschaft an. Die
Familie des Postmeisters, der Diakon, Warnawa, Termosesow und Madame
Biziukina gingen zusammen. Erst wurde die Frau Postmeisterin mit ihren
Töchtern nach Hause gebracht, und bei dieser Gelegenheit hörte Achilla,
wie sie beim Abschied zu Termosesow sagte:
»Ich hoffe, wir sehen uns häufiger.«
»Daran zweifle ich keinen Augenblick,« antwortete Termosesow und
fügte noch hinzu: »Sie fanden es so hübsch, daß der Polizeichef
sein Wohnzimmer mit den Bildnissen der ganzen kaiserlichen Familie
geschmückt hat?«
»Ja, ich wünsche sie mir schon so lange.«
»Diesen Wunsch kann ich Ihnen morgen erfüllen.«
Und damit trennten sie sich.
Sechstes Kapitel.