»Ja!« rief er. »Ja! Und damit genug! Weiter brauchst du mir nichts zu

sagen. Gib mir dein Händchen. Gleich auf den ersten Blick habe ich

erkannt, daß wir zueinander gehören, und eine andere Antwort habe ich

von dir nicht erwartet. Jetzt keine Zeit verloren! Beweise mir deine

Liebe durch einen Kuß.«

»Wollen Sie nicht ein Glas Tee?« stammelte Daria Nikolajewna, als ob

sie diese Worte nicht gehört hätte.

»Komm mir nicht mit solchen Geschichten! Ich bin kein Teekessel,

sondern ein Dampfkessel.«

»Dann ist Ihnen Wein vielleicht lieber?« flüsterte Daria, sich von ihm

losmachend.

»Wein?« wiederholte Termosesow. »Du bist süßer als Myrrhen und Wein!«

Und damit zog er Madame Biziukina an sich. »Laß uns verschmelzen in

seligem Kusse«, flüsterte er und schloß ihr rotes Mündchen mit seinen

Pferdelippen.

»Jetzt aber sag mir mal, warum bist du eine so renitente Monarchistin?«

fragte er unmittelbar nach dem Kusse, die Hand der Dame seinen Augen

nähernd.

»Ich bin gar nicht Monarchistin,« beteuerte die Biziukina hastig.

»Wem gilt denn deine Hoftrauer? Dem Maximilian von Mexiko?«

Und Termosesow wies lachend auf die schwarzen Streifen an ihren

Fingernägeln, schob sie zur Seite und sagte: »Geh, wasch deine Hände!«

Daria Nikolajewna wurde feuerrot und war nahe daran zu weinen.

Sie hatte sonst immer tadellos saubere Nägel. Sie eilte in ihr

Schlafzimmer, wusch dort die Hände und kam lächelnd zurück.

»So,« sagte sie, »jetzt bin ich wieder Republikanerin, ich habe ganz

weiße Hände.«

Der Gast aber drohte ihr mit dem Finger und meinte, der Republikanismus

sei nur ein dummer Spaß.

»Was brauchen wir uns um die Republik zu kümmern?« sagte er. »Man kann

damit bös reinfallen. Aber ich habe die photographischen Bildnisse

sämtlicher regierender Herrschaften mit. Soll ich sie dir schenken, daß

wir sie hier an die Wand hängen?«

»Ich habe sie ja selbst.«

»Wo sind sie denn? Wohl versteckt? He? Ich schwör's beim Satan selber,

daß ich's erraten habe: du erwartetest unsern Besuch aus Petersburg,

und um mit deinem Liberalismus zu prahlen, hast du sie versteckt! Dumm

ist das, mein Töchterchen, sehr dumm! Bring sie mal fix her, ich hänge

sie dir wieder auf.«

Die ertappte Einnehmersfrau wurde wieder bis an die Ohren rot, holte

aber die eingerahmten Bildnisse aus dem Tischkasten heraus und brachte

auf Termosesows Befehl Hammer und Nägel, worauf der Gast sich gleich an

die Arbeit machte.

»Ich denke, wir bringen sie gleich hier an dieser Wand an,« sagte er,

mit dem Finger durch die Luft fahrend.

»Wie Sie meinen.«

»Was nennst du mich immer noch Sie, wenn ich dich duze? Du sollst du

sagen. Und nun gib mal die Bilder her.«

»Die hat alle mein Mann gekauft.«

»Sehr richtig von ihm, daß er die Obrigkeit hochachtet! Die Herren

Minister hängen wir alle hier unten nebeneinander auf. Her damit!

Wer ist das? Gortschakow. Der Kanzler. Ausgezeichnet! Er hat Rußland

gerettet! Sehr nett von ihm! Dafür wird er als Erster aufgehängt.«

Als alle Bilder an der Wand befestigt waren, ergriff Termosesow die

rechte Hand der Biziukina und drückte sie an seine Brust.

»Nicht wahr, ich habe ein heißes Herz?« fragte er, ihre Verlegenheit

ausnutzend.

Aber Daria Nikolajewna riß ihre Hand los und erwiderte zornig: »Sie

werden aber zu frech.«

»Tä--tä--tä--tä--! Zu frech! Ganz und gar nicht ›zu‹, sondern gerade,

wie sich's gehört,« spottete Termosesow und legte den andern, freien

Arm um ihren Leib.

»Sie sind ein ganz unverschämter Mensch! Sie vergessen, daß wir uns

kaum kennen,« schrie Daria Nikolajewna entrüstet und riß sich von ihm

los.

»Ich bin nicht unverschämt und ich vergesse auch nichts! Termosesow

ist bloß klug, schlicht, natürlich und praktisch -- weiter nichts.

Termosesow denkt einfach so: wenn du ein vernünftiges Frauenzimmer

bist, dann weißt du, warum du mit einem Mann so intim redest, wie du

mit mir geredet hast; weißt du aber selber nicht, warum du dich so

benimmst, dann bist du eine Gans und es hat keinen Sinn, dich schonend

zu behandeln.«

Madame Biziukina wollte natürlich klug sein.

»Sie sind sehr schlau,« sagte sie, das Gesicht abwendend.

»Schlau! Was braucht's hier Schlauheit? Ja, wenn du mich liebst oder

ich dir gefalle ...«

»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich Sie liebe?«

»Laß doch das Flunkern!«

»Nein, ich rede die Wahrheit. Ich liebe Sie gar nicht und Sie gefallen

mir nicht im geringsten.«

»Quatsch keinen Blödsinn! Du liebst mich nicht? Nein, laß dir mal

ganz was anderes sagen: ich fühle dich und verstehe dich und will dir

offenbaren, wer ich bin, aber nur, wenn wir ganz allein und ungestört

sind.«

Daria Nikolajewna schwieg.

»Verstehst du, wie ich es meine? Damit wir einander ganz kennen lernen,

müssen wir mal zusammenkommen ... Ein Rendezvous -- verstehst du --

natürlich zu politischen Zwecken.«

Daria Nikolajewna schwieg wieder. Termosesow seufzte, ließ ihre Hand

leise los und sagte:

»O ihr Weiber im heiligen Rußland! Und ihr wollt es noch den Polinnen

gleichtun! Nein, meine Lieben, mit denen nehmt ihr es noch lange nicht

auf! Gebt den Ismail Termosesow einer Polin, sie würde nicht von ihm

lassen und in Gemeinschaft mit ihm den Ararat auf den Kopf stellen!«

»Die Polinnen sind ganz was anderes,« sagte Daria Nikolajewna.

»Warum?«

»Sie lieben ihr Vaterland und wir hassen unseres.«

»Was ist denn dabei? Die Feinde der Polinnen sind also alle Feinde der

Unabhängigkeit Polens und eure Feinde sind alle russischen Patrioten.«

»Das ist wahr.«

»Nun, wer ist also hier dein schlimmster Feind? Nenn ihn mir und du

sollst sehn, wie er die ganze Schwere der Hand Termosesows spüren wird!«

»Ich habe viele Feinde.«

»Nenn mir die schlimmsten! Die allerschlimmsten!«

»Die schlimmsten sind zwei.«

»Die Namen dieser Unseligen! Die Namen!«

»Der eine ist ... der hiesige Diakon Achilla.«

»Es sterbe der Diakon Achilla!«

»Der andere ist der Propst Tuberozow.«

»Wehe dem Propst Tuberozow!«

»Hinter ihm steht die ganze Stadt, das ganze Volk.«

»Nun, und was tut das? Termosesow kennt die Obrigkeit und fürchtet

daher keine Stadt und kein Volk.«

»Die Obrigkeit ist nicht sehr gut auf ihn zu sprechen.«

»Nicht gut zu sprechen? Um so leichter kommen wir ihm an den Kragen.

Jetzt aber merke dir nur folgendes: Gewinn mich lieb und werde mein,

Herodias!«

Madame Biziukina küßte ihn ohne Bangen.

»Das war ehrlich!« rief Termosesow, und nachdem er sie ausgefragt

hatte, was sie von ihren Feinden Tuberozow und Achilla zu leiden

gehabt, drückte er ihr lächelnd die Hand und ging in das Kabinett

zurück, wo sein Gefährte die ganze Zeit über geblieben war.

Zehntes Kapitel.

Der durchlauchtige Gefährte Termosesows lag in einem weißen Jackett auf

dem für ihn aufgeschlagenen Bette, hatte die Füße mit einem leichten

Plaid zugedeckt und schien mit geschlossenen Augen vor sich hin zu

träumen.

Termosesow wollte sich überzeugen, ob sein Vorgesetzter schlafe oder

sich bloß schlafend stelle, darum trat er leise an das Bett, beugte

sich über das Gesicht des Fürsten und nannte ihn beim Namen.

»Schlafen Sie?« fragte er.

»Ja,« antwortete Bornowolokow.

»Was soll das heißen? Wenn Sie mir antworten, können Sie nicht

schlafen.«

»Ja.«

»Das ist also ein Blödsinn.«

Termosesow begab sich zu dem zweiten Sofa, warf seinen Mantel ab und

streckte sich ebenfalls aus.

»Während Sie sich hier rekelten, habe ich schon sehr viel geleistet,«

sagte er, sich zurechtlegend.

Bornowolokow antwortete wieder nichts als »Ja«, es war aber ein ganz

besonderes Ja, sozusagen ein neugieriges Ja, das eher wie eine Frage

klang.

»Jawohl, ja! Ich kann sagen, daß ich einige für uns sehr bedeutsame

Entdeckungen gemacht habe.«

»Mit dieser Dame?«

»Die Dame? Die ist eine Sache für sich. Erinnern Sie sich aber noch,

was ich Ihnen sagte, als ich Sie in Moskau auf der Sadowaja fing?«

»Ach ja!«

»Ich sagte: ›Eure Durchlaucht, gnädigster Fürst! So geht man mit alten

Kameraden nicht um, -- daß man sie nämlich fallen läßt. Nur Lumpen

handeln so.‹ Habe ich Ihnen das gesagt oder nicht?«

»Ja, Sie haben das gesagt.«

»Aha, Sie erinnern sich noch! Nun, dann müssen Sie sich auch noch

erinnern, wie ich Ihnen meine Gedanken weiter entwickelte und bewies,

daß Sie als unser heutiger Prinz Egalité nicht das Recht haben, auf

Ihre Herkunft und Ihre bevorzugte amtliche Stellung zu pochen und über

uns alte Montagnards, Ihre einstigen Freunde, die Nase zu rümpfen. Ich

habe Ihnen das alles haarklein auseinandergesetzt.«

»Ja, ja.«

»Schön! Sie verstanden, daß mit mir nicht gut Kirschen essen ist, und

zeigten sich sehr nachgiebig. Dafür lob' ich Sie. Sie begriffen, daß

Sie mich nicht so am Wege liegen lassen durften, denn Hunger ist ein

böser Berater, und einem Hungrigen fällt alles mögliche ein. Termosesow

hat zudem noch ein vorzügliches Gedächtnis und einen scharfen Riecher.

Als Sie noch ein feuerroter Umstürzler waren, wußte er schon, daß Sie

bestimmt mal Kehrt machen würden.«

»Ja.«

»Sie beschlossen, mich als Ihren Sekretär mitzunehmen ... Das heißt,

um der Wahrheit die Ehre zu geben und Sie nicht durch Schmeichelei

zu kränken, Sie entschlossen sich nicht selbst dazu, sondern ich

zwang Sie, mich mitzunehmen. Ich machte Ihnen Angst, ich könnte Ihre

Korrespondenz mit gewissen Freunden an der Weichsel bekannt geben.«

»Ach!«

»Tut nichts, mein Fürst, seufzen Sie nicht. Was ich Ihnen damals in

Moskau auf der Sadowaja sagte, als ich Sie am Rockknopf festhielt

und Sie vor mir davonlaufen wollten, das sag' ich Ihnen auch heute

wieder: seufzen Sie nicht und jammern Sie nicht, daß Termosesow über

Sie gekommen ist. Ismail Termosesow wird Ihnen noch einen großen

Dienst leisten. Sie und Ihre gegenwärtige Partei, in der keine solchen

Halunken zu finden sind wie Termosesow, sondern viel feinere Kunden,

gründen Zeitungen und suchen auf diese oder jene Art Fühlung mit dem

Volk zu gewinnen.«

»Ja.«

»Das wird Ihnen aber nie gelingen.«

»Warum nicht?«

»Weil ihr ungeschickt seid. Die Patrioten erkennen euch sofort an den

Klauen, packen euch am Schopf und schmeißen euch auf die Gasse hinaus.«

»Hm!«

»Jawohl! Aber laßt ihr die Zeitungen schwimmen und haltet euch an

Termosesow, so deichselt er euch die ganze Geschichte glänzend. Seien

Sie mein Märchenprinz Iwan, so will ich Ihr grauer Wolf sein.«

»Ein Wolf sind Sie schon.«

»Das ist es eben. So ein grauer Wolf schafft Ihnen die goldmähnigen

Rosse und den Feuervogel und die Prinzessin und setzt Sie zu guter

Letzt auf den Königsthron.«

Und damit sprang der graue Wolf von seiner Lagerstätte auf, lief an das

Bett seines Prinzen Iwan und sagte leise:

»Rücken Sie mal ein bißchen zur Wand, ich will Ihnen was ins Ohr

flüstern.«

Bornowolokow gehorchte, und Termosesow setzte sich auf den Bettrand,

legte seinen Arm um den Fürsten und fing mit leiser Stimme an:

»Versetzen Sie mal der Kirche eins. Da steckt das Gift! Jagt ihren

Bonzen mal einen heilsamen Schrecken ein.«

»Ich verstehe nichts.«

»Das Christentum macht die Menschen doch gleich, nicht wahr? Es hat

doch Staatsmänner genug gegeben, die in der Übersetzung der Bibel in

die Volkssprache eine Gefahr sahen. Nein, das Christentum ... man kann

es sehr leicht ... wissen Sie, in gefährlichem Sinne auslegen. Und

solch ein Ausleger kann jeder beliebige Pope sein.«

»Das klingt ganz plausibel.«

»Na also. Danken Sie Ihrem Schicksal, daß es Ihnen Termosesow gesandt

hat! Ich stelle Ihnen einen Bericht zusammen, daß sogar Ihre Feinde

Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen und Sie für ein administratives

Genie erklären.«

Termosesow dämpfte die Stimme noch mehr und fuhr fort:

»Erinnern Sie sich noch, wie wir schon hier in der Gouvernementsstadt

auf dem Heimweg aus dem Klub mit dem Kanzleivorsteher sprachen, und wie

er einen freisinnigen Popen erwähnte, welcher sogar frech gegen Seine

Exzellenz geworden sei?«

»Ja.«

»Daran haben Sie natürlich nicht gedacht, daß dieser Pope Tuberozow

heißt und daß er hier, in dieser Stadt amtiert, wo Sie sich auf dem

Lotterbette rekeln und nichts über ihn zu melden imstande sein werden.«

Bornowolokow fuhr in die Höhe und fragte, aufrecht auf dem Bette

sitzend:

»Wie können Sie wissen, was der Kanzleivorsteher mir gesagt hat?«

»Sehr einfach. Ich ging damals leise hinter Ihnen. Es ist gut, wenn

man Sie immer im Auge behält. Aber das ist jetzt Nebensache. Wir

müssen unsere Taktik zuerst an diesem Tuberozow erproben und seine

Gemeingefährlichkeit, wie überhaupt die Gemeingefährlichkeit derartiger

unabhängiger Charaktere unter den Geistlichen erweisen. So kommen wir

zu dem logischen Ergebnis, daß die Religion überhaupt nur als ein

Zweig der Verwaltung geduldet werden kann. Sobald aber der Glaube als

wirklicher Glaube auftritt, ist er gefährlich und muß eingeschränkt,

muß unter Kontrolle gestellt werden. Diesen Gedanken werden Sie als

Erster verkünden, und man wird ihn stets in Verbindung mit Ihrem Namen

wiederholen, wie man die Gedanken eines Macchiavelli und Metternich

wiederholt. Sind Sie zufrieden mit mir, mein Herr und Gebieter?«

»Ja.«

»Und geben mir Vollmacht zu handeln?«

»Ja.«

»Wie soll ich dieses Ja verstehen? Heißt das, daß Sie es ebenfalls

wollen?«

»Ja, ich will es.«

»Also! Manchmal heißt Ihr Ja nämlich zugleich Ja und Nein.«

Termosesow erhob sich vom Bette seines Gebieters und sagte:

»Wir armen Sklaven können nicht lange untätig sein. Uns hat keine

gütige Fee die Mittel in die Hand gegeben, vom Nihilisten im

Handumdrehen zum Satrapen zu werden. Ich sorge für Sie, aber auch für

mich. Ich mag nicht mehr hungern. Wo immer ich mich auch zeige, immer

heißt's ›ein Roter‹ -- und niemand will mich nehmen.«

»Waschen Sie sich weiß.«

»Wo soll ich die Seife hernehmen?«

»Warum haben Sie sich nicht in Petersburg als Spion gemeldet?«

»Ich hab's versucht,« antwortete Termosesow ungeniert, »aber wir leben

in einem realistischen Zeitalter: alle einträglichen Stellen waren

schon besetzt. Man muß sich erst irgendwie bewährt haben, wurde mir

gesagt.«

»So bewähren Sie sich doch.«

»Geben Sie mir Gelegenheit, zu zeigen, was ich kann. Sonst fang' ich,

bei Gott, mit Ihnen an.«

»Vieh!« zischte Bornowolokow.

»M--m--m--mu--u--uh!« brummte Termosesow ganz laut.

Bornowolokow sprang auf, faßte sich entsetzt an den Kopf und rief:

»Was soll das noch?«

»Was? Das schwarze Vieh brüllt, weil es fressen will, und es bittet das

weiße, es etwas höflicher zu behandeln,« sagte Termosesow ruhig.

Bornowolokow knirschte vor Wut mit den Zähnen und drehte sich

schweigend zur Wand.

»Aha! So ist's schon besser! Zähme deinen Zorn, edler Fürst, und bilde

dir nicht so viel darauf ein, daß du weiß bist, sonst mal' ich dich

so schön an, daß du grau-gelb-grün schimmern wirst und im Schatten

blau mit schwarzen Pünktchen. Vergiß nicht, daß ich dir als Zuchtrute

mitgegeben bin; ich bin der Dorn in den Blättern deines Kranzes. Trage

mich mit Ehrfurcht.«

Der gemarterte Bornowolokow unterdrückte einen Seufzer und stellte sich

schlafend. Der triumphierende Sieger aber schlief wirklich ein.

Elftes Kapitel.

Daria Nikolajewna war mit ihrer gesamten Dienerschaft eifrig bemüht,

ihren Appartements das frühere Aussehen wiederzugeben. An den Wänden

reihte sich bald wieder Bild an Bild, vor den Kamin stellte sie einen

kostbaren Schirm, auf den Kamin selbst eine schwarze Marmoruhr mit

einem Perpendikel in Gestalt eines Sternes, über die Tische breiteten

sich neue kostbare Decken; Lampen, Porzellan, Bronzen, Statuetten

und allerlei Kleinkram bedeckten jeden freien Platz im Salon und

Schlafzimmer, so daß die Wohnung bald an das Logement einer reichen

Halbweltdame erinnerte, die sich von ihren Verehrern die unnützesten

Dinge ohne Sinn und Verstand hatte schenken lassen.

Noch als die Arbeit im besten Gange war, erschien unerwartet der Lehrer

Prepotenskij und war völlig verblüfft. Natürlich konnte er diesen

»Schick« nicht billigen. Als aber Daria Nikolajewna, die ihn gar nicht

beachtete, die Unverschämtheit hatte, den Dienstboten zu befehlen, in

Gegenwart des Lehrers die Überzüge von den Möbeln abzunehmen, da wurde

es ihm zu viel, und er fragte:

»Und Sie schämen sich nicht?«

»Ganz und gar nicht.«

»Das ist einfach unverschämt!« rief Prepotenskij, setzte sich in eine

Ecke und nahm ein neues Buch vor.

In diesem Augenblick hörte man Termosesow im Nebenzimmer husten. Kurz

entschlossen meinte die Biziukina:

»Gehn Sie raus!«

Das kam so unerwartet, daß sogar Prepotenskij den harten Sinn dieser

Worte nicht begriff und die Dame ihren Befehl wiederholen mußte.

»Raus?« fragte der verblüffte Lehrer noch einmal.

»Ja. Ich wünsche Sie nicht mehr in meinem Hause zu sehn.«

»Meinen Sie das im Ernst?«

»Vollkommen im Ernst.«

Im Zimmer der Gäste wurde es wieder laut.

»Gehn Sie bitte hinaus, Prepotenskij,« rief die Biziukina ungeduldig.

»Hören Sie? Hinaus!«

»Aber ich bitte Sie, ich störe doch gar nicht.«

»Doch, Sie stören!«

»Ich kann mich ja bessern.«

»Sie sind unverbesserlich,« widersprach die Hausfrau ungeduldig und

suchte den Gast von seinem Platze zu vertreiben.

Allein auch Prepotenskij zeigte sich als Mann von Charakter und

verlangte ruhig, aber fest eine Erklärung, warum sie ihn für

unverbesserlich halte.

»Weil Sie ein kompletter Esel sind!« schrie endlich die Biziukina ganz

außer sich.

»Ah, das ist etwas anderes,« sagte Prepotenskij aufstehend. »In diesem

Falle bitte ich nur um Rückgabe meiner Knochen.«

»Fragen Sie Jermoschka danach. Ich hab' ihm befohlen, sie

hinauszuwerfen.«

»Hinauszuwerfen!« schrie der Lehrer und stürzte in die Küche. Als er

nach einer halben Stunde zurückkam, war Daria Nikolajewna bereits in

einer so blendenden Toilette, daß der Lehrer, als er sie erblickte,

sich am Ofen festhalten mußte, um nicht umzufallen.

»Ah, Sie sind noch nicht fort?« fragte sie streng.

»Nein, ich bin nicht gegangen und kann nicht gehn ... denn Ihr

Jermoschka ...«

»Nun?«

»Er hat die Knochen an einen Ort geworfen, daß für mich keine Hoffnung

mehr ...«

»O, ich sehe, Sie wollen hier noch lange predigen!« rief die Biziukina

in wildem Zorn, packte den Lehrer bei den Schultern und stieß ihn ins

Vorzimmer. In demselben Augenblick ging die Tür des Kabinetts auf und

Termosesow erschien auf der Schwelle.

Zwölftes Kapitel.

»Bah! Bah! Bah! Was bedeutet denn das?« fragte er die Biziukina und

rieb sich die verschlafenen Augen.

»Ach, gar nichts, das ist ... ein dummer Mensch, der früher bei uns

verkehrte,« antwortete sie und ließ den Lehrer los.

»Weshalb soll er denn jetzt hinausgeworfen werden? Was hat er denn

getan?«

»Nichts, gar nichts,« sagte Prepotenskij.

Termosesow sah ihn an und fragte:

»Wer sind Sie denn?«

»Der Lehrer Prepotenskij.«

»Wodurch haben Sie die Dame verletzt?«

»Durch nichts, durch gar nichts.«

»So kommen Sie her, ich will Sie versöhnen.«

Prepotenskij kam sofort zurück.

»Weshalb nennen Sie ihn eigentlich dumm?« fragte Termosesow die

Hausfrau und hielt dabei den Lehrer an beiden Händen fest. »Ich kann es

nicht finden.«

»Ja, versteht sich, Sie können mir glauben, ich bin gar nicht dumm,«

sagte Warnawa lächelnd.

»Ganz richtig, und das Verhalten unserer Frau Wirtin Ihnen gegenüber

kann ich nicht billigen. Aber zum Zeichen der Versöhnung soll sie uns

Tee geben. Ich trinke gern ein Glas Tee, wenn ich geschlafen habe.«

Daria Nikolajewna ging hinaus, um den Tee zu bestellen.

»Na, und Sie, Herr Lehrer, nehmen Sie Platz und plaudern wir ein

bißchen. Ich sehe, Sie sind ein guter Kerl, mit dem sich leben

läßt,« begann Termosesow, als er mit Warnawa allein war, der ihn in

fünf Minuten in sein ganzes trauriges Schicksal daheim und draußen

eingeweiht hatte. Nichts wurde vergessen, weder die Mutter, noch die

Totengebeine, noch Achilla, noch Tuberozow, bei dessen Namen Termosesow

seine Aufmerksamkeit verdoppelte. Endlich erzählte der Lehrer auch noch

von der Vormittagsschlacht des Diakons mit dem Kommissar Danilka.

Bei diesem Bericht räusperte sich Termosesow, klopfte Prepotenskij auf

das Knie und sagte leise:

»Also, Herr Professor, ich beauftrage Sie hiermit, mir morgen früh

diesen Kleinbürger unbedingt herbeizuschaffen.«

»Den Danilka?«

»Ja, den der Diakon beleidigt hat.«

»Das ist ja eine Kleinigkeit.«

»Also her mit ihm!«

»Morgen in aller Frühe ist er hier.«

»Recht so. Sie sind ein Prachtkerl, Prepotenskij!« lobte ihn

Termosesow, und da in diesem Augenblick die Hausfrau wieder eintrat,

wandte er sich an sie: »Hören Sie, er gefällt mir ausnehmend, und wenn

er mich mit dem Popen Tuberozow bekannt macht, so nenn' ich ihn einen

ganz klugen Kopf.«

»Ich kann ihn nicht ausstehn und rate Ihnen nicht, seine Bekanntschaft

zu machen,« stammelte Warnawa, »wenn Sie es aber für nötig halten ...«

»Es ist sehr nötig, lieber Freund.«

»Dann kommen Sie heute mit zum Abendessen beim Polizeichef, dort lernen

Sie unsere ganze Gesellschaft kennen.«

»Schön. Ich geh überall hin. Aber ich muß doch eingeladen sein.«

»Ach, das ist ganz leicht zu machen,« fiel ihm der Lehrer ins Wort.

»Ich werde sofort zum Polizeichef gehen und ihm im Namen von Daria

Nikolajewna mitteilen, sie bäte um Erlaubnis, abends ihren Petersburger

Gast mitzubringen.«

»Prepotenskij, komm in meine Arme!« rief Termosesow, und als der

Lehrer aufstand und auf ihn zuging, küßte er ihn. Dann drehte er ihn

linksherum und sagte: »Geh und handle!«

Stolz und seines Ruhmes nun völlig sicher, nahm Warnawa seine Mütze

und ging. Nach einer Stunde, die Termosesow dazu benutzt hatte, der

Biziukina klarzumachen, daß man keinen Dummkopf merken lassen dürfe,

für wie dumm man ihn halte, kam der Lehrer mit der Botschaft zurück,

Porochontzews wären sehr erfreut, die Herrschaften heute abend bei sich

zu sehen.

»Und was den Kleinbürger Danilka betrifft, den Sie kennen lernen

wollten,« fügte er endlich hinzu, »so habe ich ihn bereits ausfindig

gemacht. Er steht draußen vor dem Tor.«

Termosesow belobte Warnawa nochmals für seine Findigkeit, stand auf

und bat den Lehrer, ihn an irgendeinen stillen Ort zu führen, wo er

ungestört mit Danilka reden könne.

Prepotenskij führte Ismail Petrowitsch in die leere Kanzlei des

Akziseeinnehmers und stellte ihm dort den Kommissar vor.

»Guten Tag, Bürger,« begrüßte ihn Termosesow. »Wie hat Sie der hiesige

Diakon neulich morgens beleidigt?«

»Er hat mich gar nicht beleidigt.«

»Gar nicht? Sagen Sie mir alles frei und offen, wie dem Popen in der

Beichte, denn ich bin ein Freund des Volkes, kein Feind. Der Diakon

Achilla hat Sie gekränkt?«

»Nein, er hat mich nicht gekränkt. Wir haben das schon unter uns

erledigt.«

»Wie kann man das erledigen? Er hat Sie doch am Ohr durch die Stadt

gezerrt!«

»Was ist denn dabei? Das sind ja nur Dummheiten.«

»Wieso Dummheiten? Eine Beleidigung ist es. Bedenken Sie, Bürger, er

hat Sie am Ohr gerissen!«

»Es war aber doch nur Scherz. Darin finden wir keine Beleidigung.«

»Wie, Bürger? Ist es möglich, so etwas nicht als Beleidigung anzusehen?

Er soll es doch vor allem Volke getan haben!«

»Ja freilich.«

»Da müssen Sie doch eine Klage einreichen.«

»Wem denn?«

»Nun, dem Fürsten, der mit mir gekommen ist.«

»Schon recht.«

»Also wollen Sie klagen oder nicht?«

»Worauf soll ich denn klagen?«

»Er kann zu hundert Rubel Strafe verurteilt werden.«

»Das stimmt.«

»Sie sind also einverstanden. So ist's recht, Prepotenskij! Setz dich

und schreib, was ich dir diktieren werde.«

Und Termosesow diktierte eine Beschwerde an Bornowolokow, kurz, aber

gehaltvoll; auch der Propst war darin nicht vergessen: er hätte der

Lynchjustiz des Diakons Vorschub geleistet und dem Kläger sogar gesagt,

daß die ihm zuerteilte Lektion wohlverdient gewesen.

»Nun unterzeichne, Bürger!« Und Termosesow stopfte Danilka die Feder

gewaltsam in die Hand, aber der »Bürger« erklärte plötzlich, er wolle

nicht unterschreiben.

»Was? Sie wollen nicht?«

»Nein, ich bin damit nicht einverstanden.«

»Was soll das heißen? Teufel noch einmal! Erst schweigst du, und

nachdem man dir die Beschwerde gratis aufgesetzt hat, willst du nicht

unterschreiben!«

»Nein, ich will nicht.«

»Man soll dir wohl noch einen Rubel geben, damit du unterschreibst? Das

ist zu viel verlangt, mein Lieber. Sofort unterschreibst du!«

Termosesow packte den Widerspenstigen wütend beim Kragen und zerrte ihn

zum Tisch.

»Ich ... wie es Eurer Gnaden gefällt ..., aber ich unterschreibe

nicht,« stotterte der Kleinbürger und ließ die Feder absichtlich fallen.

Die Klerisei · 第 13 / 25 段