Den Zwerg und seine Schwester trug der bronzebeschlagene Wagen schnell

von dannen, Tuberozow aber nahm seinen Weg in Begleitung desselben

Darjanow, mit dem wir ihn im Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja

gesehen haben, langsam über die Brücke.

Als sie das jenseitige Ufer erreicht hatten, machten sie einen

Augenblick Halt. Von alter Erinnerung überwältigt meinte der Propst:

»Ist es nicht seltsam, daß dieses alte Märchen, welches uns der Zwerg

erzählt und das ich schon so oft gehört habe, daß dieses kindliche

Märlein von den Stricknadeln der Alten mich nicht nur erfrischt,

sondern auch beruhigt hat nach all der Aufregung, in welche mich die

jüngste Wirklichkeit versetzt hatte? Ist das nicht ein deutlicher

Beweis dafür, daß ich alt geworden bin und in der Vergangenheit zu

leben beginne? Aber nein, das ist es nicht. Ich bin von klein auf so

gewesen. Mir fällt eben ein Erlebnis ein: als Student kam ich einmal

in das Dorf, in dem ich meine Kindheit verbrachte und sah, wie man

die alte Holzkirche niederriß, um an ihrer Stelle ein neues schönes

Gotteshaus aus Stein zu errichten ... Damals brach ich in Tränen aus.«

»Warum denn?«

»Es war mir leid um das hölzerne Kirchlein. Einen schönen, lichten,

neuen Tempel will man in Rußland bauen, und die Enkel, die darin

beten werden, werden sich freuen an der Fülle von Licht und Wärme,

-- und dennoch tut es weh, wenn die alten Balken ohne Erbarmen

auseinandergezerrt werden.«

»Ja, lohnt sich's denn wirklich, etwas zu bewahren aus jener alten

Zeit, die nichts Besseres wußte, als mit Stricknadeln zu klappern und

sich an Zwergenhochzeiten zu erfreuen?«

»Ja, sehen Sie mal, ärmlich genug ist das ja, -- und doch fühlte ich

etwas vom russischen Geiste darin. Ich gedachte der alten Bojarin und

mir wurde so wohl und frei dabei, und das scheint mir der schönste

Lohn für meine Pietät. Lebt in gutem Einvernehmen mit eurem alten

Märchen, ihr jungen russischen Leute! Solch ein altes Märchen ist ein

wunderbares Ding! Wehe dem, der in seinem Alter keines hat! Euren Ohren

klingt das Klappern der alten Stricknadeln eintönig, mir aber erzählt

es süße Mären! ... O wie gerne möchte ich in Frieden mit meinem alten

Märchen sterben!«

»Das wird ja wohl auch so werden.«

»Wie soll man das wissen? Wie soll man wissen, wer es sein wird?

Aber erlauben Sie, -- was ist denn das?« unterbrach der Propst sich

plötzlich und sah nach einer Staubwolke, die sich auf dem Berge zeigte

und einen mit drei Pferden bespannten Reisewagen, in dem zwei Männer

saßen, begleitete. Der eine von ihnen war groß, fleischig, schwarz, mit

feurigen Augen und einer unverhältnismäßig großen Oberlippe; der andere

klein, glatt rasiert, mit einem völlig leidenschaftslosen Gesicht und

hellen, wässerigen Augen.

Der Wagen mit den Fremden fuhr schnell über die Brücke und bog auf dem

anderen Ufer links ab.

»Was für unangenehme Gesichter,« sagte der Propst und wandte sich ab.

»Wißt Ihr auch, wer das war?«

»Gott sei Dank, nein.«

»Dann kann ich es Euch zu Eurer Betrübnis sagen. Es ist der

Regierungsbeamte Fürst Bornowolokow, welcher seit einiger Zeit hier

erwartet wird. Ich habe ihn sofort erkannt, obgleich ich ihn lange

nicht gesehen habe. Richtig, sie halten vor dem Biziukinschen Hause.«

»Sagen Sie, bitte, welcher von beiden ist Bornowolokow?«

»Links, der Kleine, ist Bornowolokow.«

»Und der andere?«

»Wohl sein Sekretär. Auch eine Berühmtheit eigener Art.«

»Ein tüchtiger Jurist?«

»Hm! Davon habe ich eigentlich nichts gehört. Aber wegen irgendeiner

Studentengeschichte wurde er einmal zu Festungshaft verurteilt.«

»Um Gottes willen! Wie nennt sich dieser Mann?«

»Ismail Termosesow!«

»Termosesow?«

»Ja, Termosesow; Ismail Petrowitsch Termosesow.«

»Himmel, was für Leute unser Zar in seine Dienste nimmt!«

»Wie meint Ihr das?«

»Aber, ich bitte! Dies Gesicht, diese Lippen, und auf Festung hat er

gesessen und ist wieder freigekommen, und Termosesow heißt er auch

noch.«

»Das ist entsetzlich, nicht wahr?« rief Darjanow laut lachend.

Sechstes Kapitel.

Wir müssen nun, unter dem Zwange der Verhältnisse, welche den Gang

unserer Chronik bedingen, den Stargoroder Propst für einige Zeit

verlassen, um die Bekanntschaft eines ganz anderen Kreises derselben

Stadt zu machen. Wir treten in das Haus des Akzisebeamten Biziukin, in

dem die längst erwarteten Petersburger Gäste soeben eingetroffen sind:

der Fürst Bornowolokow, ein alter Studiengenosse des Akziseeinnehmers,

welcher irgend etwas revidieren oder einführen soll, und sein Sekretär

Termosesow, ebenfalls ein alter Bekannter und Gesinnungsgenosse

Biziukins. Es ist vormittags und der Postwagen, welcher die Gäste nach

Stargorod gebracht hat, macht eben vor dem Hause Halt.

Biziukin selbst war nicht zu Hause, und so mußte ihn seine Gattin

vertreten. Diese interessante Frau, die sich viel mit Politik

beschäftigte, sah dem Besuche des Gastes nicht ohne innere Bewegung

entgegen. Sie wollte sich ihm von ihrer besten und vorteilhaftesten

Seite zeigen, und war vom frühen Morgen darauf bedacht, daß ihr

Haus den besten Eindruck auf die Ankommenden mache. In aller Frühe

prüfte sie sämtliche Gemächer und fand, daß eigentlich nichts ihrem

Wunsche entsprach. In der Mitte des reinlichen, freundlich möblierten

Wohnzimmers blieb sie stehen und dachte verzweifelt:

»Nein, das ist zum Tollwerden! Hier sieht es ja genau so aus, wie

bei Porochontzews oder bei Darjanows oder beim Postmeister, -- mit

einem Wort, wie überall, vielleicht etwas besser. Die Uhr auf dem

Kamin, diese Armleuchter, und da steht das Klavier ... Nein, das darf

unmöglich so bleiben, um dieser Kleinigkeiten willen will ich nicht

die Verachtung der modernen Männer auf mich laden. Ich weiß, wie man

moderne Männer der Tat aufnimmt! Ja, aber, wo soll ich hin mit all

dem Kram? Soll ich alles hinauswerfen? Das wäre doch zu schade. Die

Sachen werden verderben, sie haben Geld gekostet. Und was nützt es, sie

hinauszuwerfen, wenn ringsherum ... Im Schlafzimmer zum Beispiel die

Spitzengardinen ... Na ja, ins Schlafzimmer werden die Gäste ja nicht

hineinschauen ... Ich bringe nur meines Mannes Zimmer in Ordnung!«

Und damit rief die junge Beamtenfrau ihre Dienstboten und ließ sie

sofort alles ihrer Meinung nach Überflüssige aus dem Arbeitszimmer

ihres Gatten auf den Speicher bringen, so daß nichts weiter übrigblieb

als ein Tisch, ein Stuhl und zwei Sofas.

»Ausgezeichnet,« dachte die Biziukina. »Wenigstens ein Zimmer im Hause,

das anständig aussieht.«

Sie machte noch zwei große Tintenflecke auf den Schreibtisch und stieß

den Spucknapf in der Ecke um, so daß der Sand sich über den Fußboden

streute. Aber o Himmel, als sie wieder in den Saal zurückkehrte,

bemerkte sie, daß sie das Allerärgste fast übersehen hätte: an der Wand

hing ein Heiligenbild!

»Jermoschka! Jermoschka! Schaff sofort dies Heiligenbild hinaus ... ich

will es in die Kommode legen!«

Das Bild wurde fortgeschafft und die besorgte Hausfrau begab sich in

ihr Boudoir, öffnete einen großen Nußbaumschrank, wählte aus ihrer

reichhaltigen Garderobe die allerschlechtesten Stücke, rief ihr

Dienstmädchen und ließ sich ankleiden.

»Marfa, du liebst die Herrschaften wohl gar nicht?«

»Warum sollte ich sie nicht lieben?«

»Warum solltest du nicht? Nun so, ganz einfach! Wofür sollst du sie

denn lieben?«

Das Mädchen wußte nicht, was es antworten sollte.

»Was haben sie dir denn Gutes getan?«

»Gutes, nichts, gnädige Frau.«

»Nun, du dumme Person, dann kannst du sie auch nicht lieben, und in

Zukunft bitt' ich dich, die dummen Redensarten ›zu Befehl‹ und ›gnädige

Frau‹ und so weiter gefälligst zu lassen. Sag einfach ›ja‹ und ›nein‹

und ›was‹ und ›warum‹. Verstanden?«

»Zu Befehl.«

»Zu Befehl!? Kannst du nicht einfach ›ja‹ sagen?«

»Warum denn, gnädige Frau?«

»Weil ich es so wünsche.«

»Zu Befehl.«

»Schon wieder? Ich hab' dir doch eben erst befohlen: einfach ›ja‹ und

›nein‹ zu sagen.«

»Ja. Aber es wird mir sehr schwer, gnädige Frau.«

»Schwer? Um so leichter wird dir's später werden. Alle werden einmal so

sprechen. Hörst du?«

»Zu Befehl.«

»Zu Befehl! Pack dich, dumme Gans! Ich schmeiß dich raus, wenn du mir

noch einmal so antwortest. Einfach ›ja‹ -- und mehr nicht. Bald wird es

überhaupt keine Herrschaften mehr geben; verstehst du? Überhaupt keine

mehr! Sie werden bald alle ... in Stücke gehackt. Verstanden?«

»Ja,« sagte das Mädchen, um sie irgendwie loszuwerden.

»Jetzt geh und schick mir den Jermoschka her.«

»Nun ist aber noch etwas unbedingt nötig. Ich muß eine Schule hier

haben.« Und Madame Biziukina gab ihrem Jermoschka zehn kupferne

Fünfkopekenstücke und befahl ihm, möglichst viele Straßenjungen

herbeizuschaffen. Er sollte jedem von ihnen sagen, daß er von ihr noch

einen zweiten Fünfer bekommen würde.

Nach zehn Minuten kehrte Jermoschka in Begleitung einer ganzen Horde

zerlumpter Gassenbuben zurück.

Die Biziukina gab jedem fünf Kopeken, ließ sie im Kabinett ihres Mannes

Platz nehmen und sagte zu ihnen:

»Jetzt werde ich euch unterrichten und dafür kriegt jeder noch einen

Fünfer. Ist's euch recht so?«

Die Jungen rümpften die Nase:

»Na ja, warum nicht?«

»Wir verstehen doch nicht, aus Büchern zu lesen,« sagte einer von den

Klügeren.

»Ich will euch ein Lied lehren, da braucht ihr keine Bücher.«

»Na, wenn's ein Lied sein soll, ist's uns recht.«

»Jermoschka, setze dich auch dazu.«

Jermoschka setzte sich und hielt verlegen die Hand vor den Mund.

»Also jetzt singt ihr alle mit.«

»Aus der Schmiede kommt der junge Schmied.«

Die Buben sangen nach, so gut sie konnten.

»Heil!« sang Madame Biziukina vor.

»Heil!« wiederholten die Kinder.

»Und drei scharfe Messer trägt er unterm Rock! Heil!«

In diesem Ausblick hob Jermoschka den Kopf, sah aus dem Fenster und

rief:

»Es kommt Besuch, gnädige Frau!«

Die Biziukina ließ das Lineal fallen, mit dem sie den Takt geschlagen

hatte und stürzte in den Saal.

Siebentes Kapitel.

Der Fürst Bornowolokow und sein Sekretär Termosesow erschienen. Bei

genauer Betrachtung machten sie einen viel interessanteren Eindruck,

als sie Tuberozow bei ihrer flüchtigen Begegnung vorgekommen waren.

Der Revisor selbst sah wie ein eingeschlafener Stichling aus. Er war

klein, mit gesträubten Haaren, breiten Schultern und Augen, über denen

ein feuchter, schläfriger Schleier lag. Er schien zu nichts fähig und

zu nichts brauchbar. Er war eben kein Mensch, sondern ein schläfriger

Stichling, der sich in allen Meeren und Seen herumgetrieben hatte, nun

aber eingeschlafen und so mit Tang bewachsen war, daß in ihm nichts

mehr glühte und leuchtete.

Termosesow dagegen erinnerte an einen Kentauren. Er war riesengroß,

wie es nur ein Mann sein kann, aber der Bau seines mächtigen Körpers

hatte etwas Weibliches. Die Schultern waren sehr schmal, die Hüften

übermäßig breit und voll wie Pferdeschinken, die Knie fleischig und

rund, die Arme dürr und sehnig; der Hals lang, aber nicht mit stark

hervortretendem Adamsapfel, wie bei den meisten hochgewachsenen

Menschen, sondern mit einer Vertiefung, wie bei einem Pferde. Um den

Kopf flatterte eine mächtige Mähne nach allen Seiten; das Gesicht,

mit einer langen, armenischen Nase und einer unverhältnismäßig großen

Oberlippe, die schwer auf der untern lastete, war von sehr dunkler

Färbung; die Augen waren braun mit tiefschwarzen Pupillen, der Blick

scharf und klug.

Die Biziukina beobachtete alles durch das Fenster, ohne von den Fremden

gesehen zu werden, und zermarterte sich das Hirn, wer von den beiden

wohl der Revisor Bornowolokow und wer Termosesow sei. Endlich kam sie

zu dem Schlusse, der Große müßte unbedingt der Fürst Bornowolokow sein,

denn er hatte eine Mütze mit einer Kokarde auf dem Kopfe, der andere

im Reitfrack und dem bunten Mützchen aber war sicher Termosesow, der

unabhängige Mann, der in einem ganz freien Dienstverhältnis zum Fürsten

stand. Allein noch eine zweite Frage quälte die Hausfrau: wie sollte

sie die Gäste empfangen? Sollte sie ihnen entgegengehen? Das wäre

gar zu zeremoniell gewesen. Nichts tun, dasitzen und warten, bis sie

kommen? ... Das wirkte zu gezwungen! Ein Buch vornehmen? Ja, das wäre

das Richtigste, das Natürlichste!

Und sie ergriff das erste beste Buch, blickte aber noch einmal darüber

hinweg durch das Fenster und bemerkte, daß Termosesow, den sie für

Bornowolokow hielt, ziemlich schmutzige Hände hatte, während ihre

wohlgepflegten, müßigen Hände rein waren, wie weißer Schaum.

Sofort nahm Madame Biziukina etwas Erde aus einem auf dem Fensterbrett

stehenden Blumentopf, zerrieb sie zwischen ihren Handflächen und setzte

sich mit ihrem Buche auf einen Stuhl in der Nähe des Fensters, die

Beine übereinanderschlagend.

In diesen Augenblick ließ sich im Hausflur eine fröhliche, recht

freundliche Baßstimme vernehmen, und in das Vorzimmer traten beide

Gäste: zuerst Termosesow und hinter ihm Fürst Bornowolokow.

Achtes Kapitel.

Die Hausfrau saß da und rührte sich nicht. Es fiel ihr jetzt erst

auf, wie unpassend den Gästen der Blumentopf auf dem Fensterbrett

erscheinen mußte, und so verwirrt sie auch war, sie hatte doch noch

Zeit zu überlegen, wie man ihn wohl am leichtesten aus dem Fenster

hinausbefördern könnte. Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft,

daß sie sogar die erste Frage überhörte, mit der sich einer der beiden

Gäste an sie wandte, wodurch sie tatsächlich den Eindruck einer ganz in

ihre Lektüre vertieften Person hervorrief.

Termosesow musterte sie über die Schwelle mit einem scharfen Blick und

wiederholte seine Frage.

»Wer sind Sie? Vielleicht Frau Biziukina selbst?« fragte er, ruhig in

den Saal eintretend.

»Ich bin Frau Biziukina,« antwortete die Hausfrau, ohne aufzustehen.

Termosesow ging auf sie zu:

»Ich bin Termosesow, Ismail Petrowitsch Termosesow, ein Schulkamerad

Ihres Mannes, mit dem ich später wegen einer Dummheit auseinanderkam;

und dies ist der Fürst Afanasij Fedosejewitsch Bornowolokow,

Regierungsbeamter und Revisor aus Petersburg. Wir wollen hier allen die

Hölle heiß machen. Guten Tag!«

Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie ergriff sie, während sie mit der

andern das Buch auf die Fensterbank legte und bei dieser Gelegenheit

den Blumentopf umstieß, so daß er auf die Straße kollerte.

»Was ist das? Sie haben Ihre Blume zum Fenster hinausgeworfen?«

»Das hat nichts zu sagen. Es war keine Blume. Nur Gras zum Auflegen auf

Schnittwunden. Aber es taugt auch schon nichts mehr.«

»Selbstverständlich taugt es nichts. Wer legt heute noch Gras auf

Schnittwunden! Aber vielleicht gibt es noch solche Esel. Wo ist denn

Ihr Mann?«

Die Biziukina sah den Revisor an, der ohne ein Wort zu sagen auf dem

kleinen Sofa Platz genommen hatte, und erwiderte Termosesow, ihr Mann

sei nicht zu Hause.

»Nicht zu Hause? Na, macht nichts, wir sprechen uns noch. Wir waren

dicke Freunde, bis uns eine Dummheit auseinanderbrachte. Aber ich muß

offen bekennen, Sie passen nicht zu diesem Mann. Nein, wirklich ganz

und gar nicht, darüber ist kein Wort zu verlieren. Er ist ein Hohlkopf,

weiter nichts, und es ist sein Glück, daß Sie ihm zu dieser Stelle

in der Akzise verhelfen konnten. Sie aber sind ein Prachtkerl, der

alles ganz famos gedeichselt hat, -- dem Mann die Stelle verschafft

und -- fein ist's hier bei Ihnen!« fügte er hinzu, indem er mit einem

schnellen Blick alle vom Saale aus sichtbaren Räume der Wohnung

musterte. Als er in dem allen Schmuckes beraubten Kabinett die

Kinderschar bemerkte, die sich an der Schwelle drängte, meinte er:

»Ah, so etwas wie eine Schule haben Sie auch hier. Schäbig genug ist

das Zimmerchen, aber als Schulraum geht's noch an. -- Zu was Deubel

unterrichten Sie die Lausebande eigentlich?« schloß er plötzlich

schroff.

Die Biziukina geriet in Verlegenheit, aber Termosesow half ihr selbst

darüber hinweg. Er ging auf die Jungen zu, faßte einen von ihnen unter

das Kinn und fragte: »Na? Verstehst du Erbsen zu mausen? Lern's, mein

Junge, und wenn sie dich nach Sibirien expedieren, mag mein Segen dich

begleiten. Lassen Sie sie laufen, Biziukina! Marsch nach Hause, ihr

Halunken! Fix ans Erbsenstehlen!«

Die Jungen kamen langsam einer nach dem andern aus dem Kabinett und

zogen im Gänsemarsch durch den Saal. Dann ging es in beschleunigtem

Tempo durch das Vorhaus und über den Hof.

»Wozu all diese Schulen? Nichts als Zeitvergeudung!«

»Das finde ich auch,« sagte die Hausfrau kleinlaut.

»Versteht sich. Bekommen Sie eine Unterstützung?«

»Nein. Wo sollte die auch herkommen?«

»Warum nicht? Andere bekommen sie doch! -- Und das ist wohl Ihr

Früchtchen?« fragte er, indem er auf den herausgeputzten Jermoschka

zeigte, der eben eingetreten war. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte

er sich an den Jungen:

»Geh mal, mein liebes Goldsöhnchen, und sag dem Dienstmädchen, daß wir

uns waschen wollen.«

»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Hausfrau verlegen.

Aber Termosesow hörte es nicht. Er glaubte nun einmal, den Sohn der

Hausfrau vor sich zu haben, und hielt dieser eine Predigt, wie und wozu

sie ihn erziehen solle.

»Bereiten Sie ihn für den Staatsdienst vor. Daß er nur keine

literarischen Neigungen kriegt! Sehn Sie mich an. Ich dürfte

eigentlich gar nicht Staatsbeamter sein, aber durch Hintertüren und

auf Hintertreppchen hab' ich mich doch rangeschlängelt. Jawohl! Und

bin doch früher selbst Nihilist gewesen und ärgerte mich sogar über

Ihren Mann, als er Akzisebeamter wurde. Dumm war das! Warum soll

unsereins nicht Staatsbeamter sein? Als Beamter kann man sich beliebt

machen, als Beamter hat man Geld, als Beamter gewinnt man Einfluß, --

das ist etwas ganz anderes als die blöde Schriftstellerei. Dort muß

man noch Talent haben, hier aber wird es nur störend empfunden. Als

Staatsbeamter kann ich die Leute sortieren. Was bist du für ein Kerl?

-- Du kommst hierher. Und du bist so einer? -- Du kommst dahin. Du bist

keiner von den unsern? So zwing' ich dich, ersticke dich, zerbreche

dich, -- und der Staat muß mich dafür bezahlen. -- Na, was starren

Sie mich so an? Es kommt Ihnen wohl sonderbar vor, was ich da aus der

Praxis erzähle?«

Die verblüffte Hausfrau schwieg, der Gast aber fuhr fort:

»Ihr richtet hier Schulen ein, -- na ja, wenn man sich an die

landesübliche Schablone der roten Hähne halten wollte, müßte man das

loben, aber Termosesow als praktischer Mensch tut das nicht. Termosesow

sagt: Zum Teufel mit den Schulen, sie sind vom Übel; wenn das Volk zu

lesen versteht, nimmt es die heiligen Bücher vor. Sie glauben, die

Bildung gehört zu den zerstörenden Elementen? Keineswegs. Sie ist ein

aufbauendes Element, wir aber wollen vor allem zerstören.«

»Es heißt doch aber, eine Revolution wäre jetzt bei dem Bildungsstand

unseres Volkes nicht möglich,« wagte die Hausfrau einzuwerfen.

»Zu was Teufel brauchen wir sie denn, die Revolution, wenn es auch ohne

Revolution ganz nach unsern Wünschen geht? Aber sehn Sie, da steht Ihr

Söhnlein und spitzt die Ohren. Warum erlauben Sie ihm zuzuhören, was

die Erwachsenen reden?«

»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Dame.

»Nicht Ihr Sohn? Wer ist es denn?«

»Ein Diener.«

»Ein Diener! Und so herausstaffiert! Fix, Waschwasser, du

Teufelsbraten!«

»Ist schon fertig,« antwortete Jermoschka schroff, wie es ihm

vorgeschrieben war.

»Warum hast du es denn nicht gleich gesagt? Marsch hinaus!«

»Das ist nun ein wahrhaft kluger Mensch,« dachte Frau Daria Biziukina,

als sie wieder allein geblieben war, und starrte unverwandt nach der

Tür, durch die Termosesow hinausgegangen war. »Alle andern sind so

streng, -- dies kann man nicht und das soll man nicht, hier aber ist

alles erlaubt, alles möglich, und doch fürchtet dieser Mann sich vor

nichts. Mit so einem Mann zu leben wäre leicht; ja es wäre süß, sich

ihm zu unterwerfen.«

Der arglistige Fremde hatte das Herz Darias völlig erobert. Alles an

dem Gaste begann ihr zu gefallen. Was hatte er für eine Stimme! Wie

stark war er! Überhaupt, -- was war er für ein Mann! ... Wie entzückend

war er! Kein Seladon, wie ihr Gatte; kein Trantopf, wie Prepotenskij,

-- nein, er war entschlossen, unbeugsam, ein ganzer Mann ... Der würde

nie nachgeben! Er war wie der Sturmwind ... er kommt ... reißt fort ...

vernichtet ...

Wo bist du nun, du armer Akziseeinnehmer? Juckt dir nicht schon die

Stirn wie einem jungen Böcklein, dem die Hörner wachsen wollen?

Neuntes Kapitel.

Zu den Ohren der verliebten Biziukina war aus dem Kabinett längst

schon bald ein sanftes Entenplätschern, bald ein wildes Spritzen und

seltsames Gurgeln gedrungen. Plötzlich jedoch war alles still geworden

und immer noch zeigte sich Termosesow nicht. Hatte er denn wirklich

so viel mit diesem wortkargen Fürsten zu reden? Oder schlief er? ...

Das konnte der Fall sein, denn die Reise mußte ihn ermüdet haben.

Oder las er vielleicht? Was konnte er lesen? Und was brauchte er zu

lesen, wenn er selbst klüger war als alle Bücherschreiber? ... Aber

während sie so grübelte, ging die Tür auf und auf der Schwelle erschien

Jermoschka mit einer Waschschüssel voll Seifenwasser. Er schloß die

Tür nicht hinter sich, so daß Daria Nikolajewna ins Zimmer hineinsehen

konnte. Ganz hinten am Fenster entdeckte sie die schmächtige Figur des

Fürsten. Dicht vor ihm, etwas näher zur Tür, erhob sich der fleischige

Torso Termosesows. Beide, der Revisor und sein Sekretär, waren im

Negligé. Bornowolokow in Beinkleidern und einem schneeweißen Hemde

aus holländischer Leinwand, über das sich kreuzweise die zwei roten

Streifen der seidenen Hosenträger legten. Sein kleines blondes Köpfchen

war glatt gekämmt, und er bemühte sich, es mit Hilfe einer Metallbürste

noch mehr zu glätten. Termosesows Gestalt zeigte sich in ihrer ganzen

plastischen Vollendung, der Kragen seines Hemdes war aufgeknöpft und

die weit über den Ellbogen aufgeschürzten Ärmel ließen die muskulösen,

dicht behaarten Arme deutlich erkennen.

Mit diesen Armen hob Termosesow ein langes russisches Handtuch, an

dessen Enden rote Hähne gestickt waren, und bearbeitete damit seine

sich wild sträubenden nassen Haare aufs kräftigste.

Aus der Energie, mit welcher der liebenswürdige Ismail Petrowitsch

dieses Geschäft betrieb, ließ sich ohne weiteres erraten, daß die

fröhlichen, machtvollen und ungenierten Fiorituren, die eben noch

durch die geschlossene Tür bis in den Saal gedrungen waren, von

Termosesow herrührten, während Bornowolokow nur wie eine Ente zischen

und plätschern konnte. Der zurückkehrende Jermoschka, welcher die Tür

zuschlug, zerstörte das holde Bild.

Aber Termosesow hatte genügend Zeit gehabt, um das Feld mit seinem

Adlerblick zu überschauen, und er ließ sich die Gelegenheit nicht

nehmen, die Hausfrau durch sein Erscheinen ohne den Fürsten zu

erfreuen. Er warf schnell seinen weiten Mantel über seine höchst

unvollkommene Toilette und stieß den armen Jermoschka, ihn am Ohr

packend, ins Vorzimmer hinaus mit den Worten:

»Daß du deine Nase hier nicht zu zeigen wagst, bis ich dich rufen

werde!«

Dann schloß er die Tür zum Kabinett, in dem sich der Fürst noch befand,

und setzte sich in seinem immerhin recht seltsamen Kostüm ungeniert

neben die Hausfrau.

»Hören Sie mal, Biziukina, so geht das nicht, Herzchen,« fing er an und

faßte sie ohne weiteres bei der Hand. »Sie haben Ihren Lausbuben gar zu

sehr verwöhnt. Ich nannte ihn ein Ferkel, weil er dem Fürsten die Ärmel

beplantscht hatte, worauf er mir: ›Meine Mutter ist keine Sau, sondern

eine Frau!‹ antwortete. Daran sind Sie natürlich schuld, Sie haben ihn

so emanzipiert, nicht wahr?«

Und mit völlig veränderter Stimme fuhr er zärtlich fort: »Sie sind

es? Ja? Sagen Sie -- ja?« Dieses Ja wurde in einem Ton gesagt, der

das Herz der Biziukina erschauern machte. Sie begriff, daß die

gewünschte Antwort gar nicht der gestellten Frage galt, sondern einer

unausgesprochenen, deren heimlicher Sinn sie durch seinen Realismus

geradezu erschreckte, und darum schwieg sie. Aber Termosesow ließ nicht

locker.

»Ja oder nein? Ja oder nein?« drängte er mit wachsender Ungeduld.

Zu langem Überlegen war keine Zeit. Die Biziukina sah Termosesow

ängstlich an und begann schüchtern:

»Ja, ich weiß n...«

Aber Termosesow unterbrach sie hart:

Die Klerisei · 第 12 / 25 段