»Ein Karnickelchen,« sagte Achilla lachend und streichelte die

Schultern des Kleinen.

»So ganz konnte sie dich aber doch nicht für einen Hasen halten, wenn

sie dich sogar verheiraten wollte?« sagte der Polizeichef Porochontzew.

»Ja, das hat sie gewollt, Woin Wasiljewitsch. Freilich, freilich,«

erwiderte der Kleine, die Stimme immer mehr dämpfend, »das hat sie

gewollt.«

»Wirklich, Nikolai Afanasjewitsch?« riefen mehrere Stimmen zugleich.

Nikolai Afanasjewitsch wurde ganz rot und flüsterte:

»Lügen wäre Sünde, -- ja es war so.«

Und nun stürmte die ganze Gesellschaft auf den Zwerg ein:

»Erzählen, Nikolai Afanasjewitsch, erzählen!«

»Ach, werte Herrschaften, was ist da zu erzählen?« suchte Nikolai

Afanasjewitsch lachend und errötend und die Hände ausstreckend die

Zudringlichen abzuwehren.

Man gab nicht nach. Die Damen faßten seine Hände, küßten ihn auf die

Stirn; er fing die Damenhände, die sich nach ihm ausstreckten, im

Fluge auf und küßte sie, wollte aber trotzdem nicht erzählen, weil

er meinte, die Geschichte wäre zu lang und uninteressant. Da schlug

plötzlich etwas dröhnend gegen den Fußboden, die Hausfrau, die in

diesem Augenblick vor dem Lehnstuhl des Zwerges stand, trat erschrocken

zurück, und den erstaunten Blicken von Nikolai Afanasjewitsch zeigte

sich der Diakon Achilla, kniend mit hoch emporgereckten Armen.

»Herzchen!« flehte er mit heftigen Kopfbewegungen. »Erzähle, wie sie

dich verheiraten wollten.«

»Ja, ja, ich will alles erzählen, steht nur auf, Vater Diakon.«

Achilla erhob sich, klopfte den Staub von seiner Kutte und rief

selbstzufrieden:

»Nun? Was sagt ihr nun? Er wird nicht erzählen, meintet ihr! Da sagte

ich: Ich setze es durch, -- und ich hab's durchgesetzt! Jetzt bitte

wieder Platz zu nehmen, meine Herrschaften, und hübsch still sein, und

die gnädigste Hausfrau ist so gut und läßt dem Nikolascha für seine

Erzählung ein Glas Wasser mit rotem Wein geben, wie das in feinen

Häusern Brauch ist.« --

Alle setzten sich. Man brachte Nikolai Afanasjewitsch ein Glas Wasser,

in das er selbst ein paar Tropfen Rotwein goß, und dann fing er von

neuem zu erzählen an.

Viertes Kapitel.

»Es war bald nach dem Frieden mit Frankreich, meine werten

Herrschaften, als ich mit dem in Gott entschlafenen Kaiser sprach.«

»Sie haben mit dem Kaiser gesprochen?« unterbrachen den Erzähler sofort

mehrere Stimmen.

»Ja, was denken Sie?« sagte der Zwerg sanft lächelnd. »Mit Seiner

Kaiserlichen Majestät Alexander Paulowitsch habe ich gesprochen und

habe Verstand genug gehabt, ihm zu antworten.«

»Hahaha! Ist das ein Kerl, dieser Nikolaurus, Gott straf mich!« brüllte

der Diakon Achilla entzückt und schlug sich mit der flachen Hand auf

die Schenkel. »Seht ihn doch an, -- so ein winziger Floh und hat mit

dem Kaiser geredet.«

»Sitz ruhig, Diakon, und sei still,« sagte Tuberozow ernst.

Achilla gab durch eine Handbewegung zu verstehen, daß er den Erzähler

nicht mehr unterbrechen werde und setzte sich.

Der Zwerg fuhr fort:

»Die ganze Sache nahm scheinbar mit diesem meinem Gespräch mit dem

Kaiser überhaupt ihren Anfang. Meine gnädige Herrin Marfa Andrejewna

hatte den Wunsch, nach Moskau zu reisen, als der Kaiser nach seinem

weltberühmten Siege über Napoleon Bonaparte dort erwartet wurde.

Natürlich mußte auch ich sie wieder auf dieser Reise begleiten. Die

Selige war dazumal schon in hohen Jahren, und weil auch ihre Gesundheit

zu wünschen übrigließ, leicht erzürnt und gekränkt. Da verschaffte

nun Alexei Nikititsch seiner Mutter eine Einladung zu einem Ball,

zu dem auch der Kaiser kommen sollte. Marfa Andrejewna gestand mir

offen, daß ihr das ein großes Vergnügen bereitet hatte. Sie ließ sich

zu diesem Ball ein kostbares Kleid machen, und für mich wurde bei

einem französischen Schneider ein blauer Frack aus englischem Tuch

mit goldenen Knöpfen bestellt, dazu -- entschuldigen Sie, meine Damen

-- Pantalons, Weste, Halsbinde -- alles weiß; ein Spitzenvorhemd und

Schnallenschuhe, -- zweiundvierzig Rubel hat sie bezahlt. Alexei

Nikititsch hatte, um seiner Mutter eine Freude zu machen, es so

eingerichtet, daß sie mich mitnehmen durfte. Dem ~Maitre d'hôtel~

wurde befohlen, mich in die Orangerie zu führen und gerade gegenüber

dem Saale, in den der Kaiser eintreten sollte, irgendwo in einer Ecke

zwischen den Gewächsen aufzustellen. So geschah es denn auch, werte

Herrschaften, aber doch nicht ganz, wie es beabsichtigt war. Der

~Maitre d'hôtel~ sagte mir, ich sollte mich ruhig verhalten und sehen,

soviel ich von meinem Platz nur sehen könnte. Aber was war von da zu

sehen? Nichts. Da machte ich es wie Zachäus, der Zöllner, wissen Sie,

und kletterte -- hoppla -- auf so einen kleinen künstlichen Felsen,

wo ich nun unter einer Palme stand. Der Saal war voll Glanz und Lärm

und Musik, aber auch von meinem Felsen konnte ich nur die Frisuren

der Herrschaften sehen. Plötzlich aber gerieten all diese Köpfe in

lebhafte Bewegung, sie schoben sich auseinander und der Kaiser ging

mit dem Fürsten Golitzyn geradewegs nach der Orangerie, um sich etwas

zu erfrischen. Und -- denken Sie sich nur -- nicht allein, daß er sich

nach der Orangerie begibt, er geht auch gerade auf die entfernte Ecke

zu, wo man mich versteckt hatte. Ganz starr war ich, meine Damen, wie

angewachsen an den Felsen und konnte nicht herunter.«

»Da war dir wohl bange?« fragte Tuberozow.

»Wie soll ich sagen? Bange eigentlich nicht, aber doch gewissermaßen

aufgeregt war ich.«

»Ich wäre davongelaufen,« sagte der Diakon, außerstande, noch weiter zu

schweigen.

»Warum denn davonlaufen, werter Herr? Ich will nicht sagen, daß ich

keine Angst verspürt hätte, aber ans Davonlaufen dachte ich doch nicht.

Seine Majestät kamen indes immer näher und näher. Ich hörte schon

deutlich, wie Ihre Stiefel klipp-klapp, klipp-klapp machten. Ich sah

bereits Ihr sanftes Gesicht, den freundlichen Blick, und wissen Sie, in

meiner Verwirrung dachte ich gar nicht mehr daran, daß ich gleich Ihren

Augen sichtbar werden mußte. Da wandte der Kaiser den Kopf und, ich

sah's, er richtete den Blick direkt auf mich und sah mich an.«

»Nun?« schrie der Diakon und wurde ganz bleich.

»Ich machte eine Verbeugung.«

Der Diakon atmete auf, drückte die Hand des Zwerges und flüsterte:

»Erzähle, sei so gut, erzähle schnell weiter!«

»Der Kaiser sah mich also an und geruhte auf Französisch zum Fürsten

Golitzyn zu sagen: ›Ach, was für ein Miniaturexemplar! Wem mag es

gehören?‹ Der Fürst Golitzyn war, wie ich sah, in Verlegenheit,

was er antworten sollte, -- und da ich die französische Rede wohl

verstehen konnte, antwortete ich selber: ›Der gnädigen Frau Plodomasow,

Kaiserliche Majestät!‹ Da wandte sich der Kaiser zu mir und geruhte

zu fragen: ›Welcher Nation sind Sie?‹ -- ›Ein treuer Untertan Eurer

Majestät,‹ antwortete ich. ›Und geborener Russe?‹ fragte er weiter

und ich antwortete: ›Ein Bauer und treuer Untertan Eurer Majestät.‹

Da lachte der Kaiser. ›Bravo,‹ scherzte er, ›bravo, ~mon petit sujet

fidèle~!‹ und faßte meinen Kopf mit der Hand und zog mich an sich.«

Nikolai Afanasjewitsch dämpfte seine Stimme und sagte mit einem leisen

Lächeln im Flüstertone, als handele es sich um ein großes politisches

Geheimnis:

»Er faßte mich um, wissen Sie, und dabei drückte ein Knopf seines

Ärmelaufschlags mir die Nase zusammen, daß es mir ordentlich wehe tat.«

»Nun und du? Du schriest doch nicht?« rief der Diakon.

»Nein, Väterchen, nein, warum sollte ich schreien? Wie kann man

schreien, wenn der Zar einen liebkost? Nein, als er mich losließ, küßte

ich seine Hand ... für das Glück und die Ehre ... und das war mein

ganzes Gespräch mit Seiner Kaiserlichen Majestät. Später natürlich, als

sie mich vom Felsen heruntergenommen hatten und man mich in der Kutsche

nach Hause fuhr, da hab' ich die ganze Zeit geweint.«

»Warum hast du denn nachher geweint?« fragte Achilla.

»Warum? Als ob ich nicht Grund genug gehabt hätte? Vor Rührung weint

der Mensch!«

»So klein ist er und hat so viel Gefühl!« rief Achilla ganz begeistert.

»Nun, erlauben Sie mal,« fing der Erzähler wieder an. »Die

Aufmerksamkeit, die Seine Majestät mir zufällig erwiesen, wurde in

verschiedenen Moskauer Häusern bekannt, Marfa Andrejewna nahm mich

überall mit hin und zeigte mich den Leuten, und -- ich sage Ihnen die

reine Wahrheit, ich lüge nicht -- ich war damals der allerkleinste

Zwerg in ganz Moskau. Aber das dauerte nicht lange, nur einen einzigen

Winter.«

In diesem Augenblick prustete der Diakon plötzlich überlaut und fing

dann, den Kopf zurückwerfend, leise zu kichern an.

Als er merkte, daß er durch sein Lachen den Erzähler unterbrochen

hatte, setzte er sich wieder gerade hin und sagte:

»Es ist nichts! Erzähle nur weiter, Nikolaurus, ich lache über meine

eigene Sache. Wie einmal der Graf Klenychin mit mir gesprochen hat.«

»Nein, sprechen Sie sich nur aus, werter Herr, sonst unterbrechen Sie

mich wieder,« sagte der Zwerg.

»Ach, es ist gar nichts Besonderes, eine ganz einfache Geschichte,«

erwiderte Achilla. »Der Graf Klenychin besichtigte unser

Seminargebäude, ich machte ihm eine Verbeugung und da sagte er: ›Pack

dich weg, Schafskopf!‹ Und das war unser ganzes Gespräch, über das ich

lachen mußte.«

»Es ist auch wirklich komisch,« sagte der Zwerg lächelnd und fuhr fort:

»Im nächsten Winter brachte die Generalin Wichiorowa aus Petersburg

eine finnische Zwergin namens Meta mit, die war noch um einen Finger

breit kleiner als ich. Die selige Marfa Andrejewna konnte das gar nicht

hören. Anfangs behauptete sie immer, das sei keine natürliche Zwergin,

sondern eine, der man in der Kindheit Blei eingegeben habe; aber als

sie angekommen war und meine gnädige Herrin die Meta Iwanowna mit

eigenen Augen sah, da wurde sie furchtbar böse, daß sie so wohlgebaut

und weiß war. Sogar im Traum ließ es ihr keine Ruhe: immer nur dachte

sie daran, wie sie die Meta Iwanowna kaufen könnte. Aber die Generalin

wollte von Verkauf nichts wissen. Da fing nun Marfa Andrejewna mit

allerlei spitzigen Reden an: ihr Nikolai wäre ein kluger Kopf und

hätte mit dem Kaiser selbst gesprochen, das Mädel aber sehe bloß nett

aus und weiter nichts. So zankten sich die beiden Damen unsertwegen.

Marfa Andrejewna sagte, jene solle ihr das Mädchen verkaufen, und diese

wiederum wollte mich kaufen. Da fuhr Marfa Andrejewna einmal heftig

auf: ›Ich will sie doch nicht bloß zum Spaß haben,‹ sagte sie, ›ich

will sie doch verheiraten, der Nikolai soll sie zur Frau nehmen.‹ Die

Frau Wichiorowa aber meinte: ›Ich kann ja die beiden auch verheiraten,

wenn sie mir gehören.‹ Marfa Andrejewna erwiderte: ›Wenn sie Kinder

kriegen, sollst du ein Paar davon haben.‹ Jene aber versprach, daß sie

ihr ebenfalls ein paar Kinder überlassen wolle, wenn es welche geben

würde. Bis auf zehntausend Rubel waren sie nach und nach gekommen,

meine werten Herrschaften, aber immer wurde nichts aus der Sache, denn

wenn meine gnädige Herrin zehntausend für die Meta bot, so bot die

Generalin elftausend für mich. Wohl war Marfa Andrejewna eine Frau von

starkem und unbezwinglichem Geiste, die mit Pugatschow gestritten und

mit drei Kaisern getanzt hatte, -- aber mit der Generalin Wichiorowa

wurde sie doch nicht fertig. Und auf mich war sie auch böse. ›Du bist

auch so ein dummer Rüpel,‹ geruhte sie zu mir zu sagen, ›der dem Mädel

nicht ordentlich den Kopf verdrehen kann, daß es selber drum bittet,

deine Frau werden zu dürfen.‹ -- ›Mütterchen, Marfa Andrejewna,‹ sagte

ich, ›wie soll ich ihr denn den Kopf verdrehen? Geben Sie mir Ihre

Hand, Mütterchen, daß ich Narr sie küsse.‹ Da wurde sie noch böser.

›O, du dummer, dummer Kerl,‹ sagte sie, ›nichts verstehst du als die

Handküsserei.‹ Da schwieg ich schon lieber ganz.«

»O dieser kleine Kerl! Er kann ja nichts dergleichen, der Arme,«

erklärte der Diakon teilnahmvoll seinem Nachbarn.

Der Zwerg warf ihm einen Blick zu und fuhr fort:

»So ging es nun Tag für Tag, bis es Frühling wurde, und für uns kam

die Zeit, aus Moskau wieder nach Plodomasowo zurückzukehren. Wir

fuhren nochmals zur Wichiorowa und wurden wieder nicht handelseinig.

Marfa Andrejewna sagte ihr: ›So erlaub doch wenigstens deiner

Qualle, daß sie mit Nikolai vor dem Hause auf und ab geht.‹ Die

Generalin gestattete das, und nun mußten Meta Iwanowna und ich auf

dem Trottoir vor den Fenstern hin- und herspazieren. Das war eine

große Freude für die selige Marfa Andrejewna, und für uns beide wurden

die verschiedensten Kostüme genäht. Wir kamen hin und sie befahl:

›Heute sollen Nikolai und Meta als Paysans gehen.‹ Dann erschienen

wir beide in Holzschuhen, ich in Kamisol und Hut und Meta Iwanowna

mit einer großen Haube, und so gingen wir vor dem Hause auf und ab,

und die Leute auf der Straße blieben stehen und schauten uns an. Ein

andermal mußten wir uns als Türke und Türkin zeigen. Dann als Matrose

und Matrosenmädchen. Ferner hatten wir noch Bärenkostüme, aus braunem

Flanell genäht, wie Futterale. In diese stopfte man uns hinein, wie man

eine Hand in den Handschuh steckt oder den Fuß in den Strumpf, nichts

war zu sehen als die Augen, und oben am Kopfe waren solche kleine

Zipfel aus Tuch angemacht, wie Ohren, die hin- und herwackelten. In

diesen Kleidern schickte man uns aber nicht auf die Straße, sondern

ließ sie uns zuweilen anlegen, wenn die beiden Damen beim Kaffee

saßen. Dann mußten wir auf dem Teppich vor dem Kaffeetisch miteinander

ringen. Meta Iwanowna war sehr stark für ein Mädchen, wenn ich ihr aber

geschickt und schlau ein Bein stellte, dann fiel sie doch gleich um.

Aber ich gab ihr doch meist aus Mitleid mit ihrem weiblichen Geschlecht

nach, und die Generalin pflegte auch oft ihr Bologneserhündchen zu

Hilfe zu rufen, das mir in die Waden fuhr. Dann ärgerte sich Marfa

Andrejewna ... Ach, ich mag gar nicht an diese Ringkämpfe denken!

Das allerschönste Kostüm, das die Selige hatte machen lassen, habe

ich heute noch: mich zogen sie als französischen Grenadier und Meta

Iwanowna als Marquise an. Ich hatte eine hohe Bärenmütze, einen langen

Waffenrock, eine Flinte mit Bajonett und Meta Iwanowna trug einen

Reifrock und hielt einen großen Fächer in der Hand. Dann mußte ich

mich mit der Flinte vor der Tür aufstellen und Meta Iwanowna ging mit

ihrem Fächer an mir vorüber und ich präsentierte das Gewehr. Und dann

fing Marfa Andrejewna wieder mit der Generalin zu feilschen an, denn

sie wollte uns gar zu gerne verheiraten. Ich muß Ihnen aber sagen, daß

all diese Kostüme für mich und Meta Iwanowna meine gnädige Herrin auf

ihre Kosten machen ließ, denn sie glaubte ganz sicher, daß sie die

Meta Iwanowna schließlich doch bekommen würde; ja, je mehr Kleider sie

für uns machen ließ, desto mehr wurde sie in der Zuversicht bestärkt,

daß wir beide ihr Eigentum seien. Aber die Sache sollte ganz anders

ausgehen. Die Generalin Karolina Karlowna Wichiorowa war nicht umsonst

eine Deutsche: wo etwas ihr von Vorteil war, da widersetzte sie sich

nicht, sondern nahm alles an, aber nachgeben war ihre Sache nicht. Da

kam Alexei Nikititsch -- Gott schenke ihm Gesundheit und langes Leben,

ihm selbst war die Sache schon lange ein Dorn im Auge, und er sah, daß

sie bös auslaufen würde -- er kam also auf den Gedanken, oder irgendein

kluger Offizier von seinem Regiment hatte ihm den Rat gegeben, der Frau

Mutter mitzuteilen, die Wichiorowsche Zwergin sei verschwunden. Das

beruhigte Marfa Andrejewna noch einigermaßen, daß jetzt niemand die

Meta Iwanowna haben sollte, und sie redete beständig davon. ›Wie ist

sie denn verloren gegangen?‹ fragt sie. Alexei Nikititsch antwortet,

ein Jude hätte sie gestohlen. ›Wie? Was für ein Jude?‹ Und wir fabeln

weiter, wie's uns gerade einfällt: so ein kastanienbrauner Jude sei

es gewesen, mit einem langen Bart, alle hätten ihn gesehen, wie er

sie gepackt und fortgeschleppt habe. ›Warum hat man ihn denn nicht

festgehalten?‹ fragt sie wieder. -- Ja, er sei eben aus einer Straße

in die andere, aus einer Gasse in die andere gerannt. -- ›Sie ist aber

auch ein dummes Frauenzimmer, daß sie sich so fortschleppen läßt und

nicht einmal schreit! Mein Nikolai hätte sich sowas nicht gefallen

lassen.‹ -- ›Wie werd' ich mich denn von einem Juden überwältigen

lassen?!‹ sagte ich. Und so glaubte sie alles, wie ein kleines Kind.

Aber da machte Alexei Nikititsch versehentlich einen kleinen Fehler,

oder richtiger, er wollte es zu schlau anfangen. Seine Absicht war

natürlich, Marfa Andrejewna schneller mit mir aufs Land zu schaffen,

denn dort, glaubte er, würde sie leichter vergessen, und so sagte er

zu seiner Mutter: ›Seien Sie unbesorgt, liebe Mutter. Man wird die

Zwergin sicher wiederfinden, denn sie wird überall gesucht, und wenn

man sie gefunden hat, schreibe ich Ihnen sofort aufs Land.‹ Die Selige

klammerte sich nun an dieses Wort. ›Nein,‹ sagte sie, ›wenn man sie

sucht, dann will ich lieber hier abwarten. Vor allem aber möchte ich

den Juden sehen, der sie geraubt hat.‹ Ja, meine Herrschaften, da

mußten wir noch einen Polizisten anstellen, daß er uns lügen half.

Jeden Tag kam er und meldete, die Kleine würde gesucht, sei aber

immer noch nicht gefunden. Sie gab ihm jeden Tag fünf Rubel, mich

aber schickte sie tagtäglich zur Frühmesse, daß ich Sankt Johannes

dem Krieger einen Bittgottesdienst abhalten lasse um Rückkehr der

entflohenen Sklavin ...«

»Sankt Johann dem Krieger? Du sagst, zu Sankt Johann dem Krieger

hättest du beten lassen?« unterbrach ihn der Diakon.

»Ja, Sankt Johannes dem Krieger.«

»Na, dann gratuliere ich, mein Lieber. Da habt ihr gar nicht zu dem

richtigen Heiligen gebetet.«

»Wirst du wohl Ruhe halten, Diakon? Sei so gut,« fiel Vater Sawelij

ein.

»Bitte, Nikolai, erzähle weiter.«

»Ja, Hochwürden, was ist da noch viel zu erzählen? Meine Geschichte

ist so gut wie zu Ende. Einmal kamen wir mit Marfa Andrejewna von der

Kapelle der Iberischen Mutter Gottes, als uns in der Petrowka-Straße

der Wagen der Generalin Wichiorowa entgegenkam, in dem neben der

Generalin auch Meta Iwanowna saß. Da begriff Marfa Andrejewna alles und

... Sie mögen mir glauben, meine werten Herrschaften, oder nicht, --

sie fing in der Kutsche leise, aber bitterlich zu weinen an.«

Der Zwerg schwieg.

»Nun, Nikola,« suchte der Propst ihn anzuspornen.

»Ja, was nun? Als wir nach Hause gekommen waren, sagte sie zu Alexei

Nikititsch: ›Mein liebes Söhnchen, du bist ein rechter Schafskopf, daß

du dich unterstehen konntest, deine Mutter zu betrügen und mir noch den

Polizisten auf den Hals zu schicken.‹ Und damit ließ sie ihre Sachen

packen und fuhr aufs Land.«

Fünftes Kapitel.

Nikolai Afanasjewitsch drehte sich auf seinem Stühlchen den Gästen zu

und sagte: »Ich hatte Sie ja schon darauf aufmerksam gemacht, daß es

eine ganz einfache und wenig interessante Geschichte sein würde. Und

nun, Schwesterlein,« dabei stand er auf, »müssen wir auch fahren.«

Maria Afanasjewna erhob sich ebenfalls, aber der Diakon fing wieder an:

Nikolai Afanasjewitsch habe nicht zum richtigen Heiligen beten lassen.

»Das ist nicht meine Sache, werter Vater Diakon,« rechtfertigte sich

Nikolai Afanasjewitsch, während er seine Mütze suchte.

»Wieso denn nicht? Natürlich ist es deine Sache! Du mußt doch wissen,

zu welchem Heiligen du betest!«

»Erlaubt mal, als ich zum erstenmal deshalb in die Kirche kam, gab

ich dem Priester einen Zettel mit der Aufschrift ›um Rückkehr einer

entflohenen Sklavin‹ und ein Fünfzigkopekenstück, darauf hielt der

Priester einen Bittgottesdienst vor Sankt Johannes dem Krieger ab, und

so ging es denn auch später.«

»Wenn die Dinge so stehen, taugt eben der Priester nichts.«

»Wieso? Wieso? Wieso? Wieso taugt der Priester nichts?« mischte sich

plötzlich Vater Zacharia Benefaktow ins Gespräch.

»Weil er die Befugnisse seines Amtes nicht kennt,« erwiderte Achilla

höchst selbstbewußt. »Wer betet denn um Rückkehr eines entflohenen

Knechtes zu Sankt Johann dem Krieger?«

»Ja, was meinst du? Zu wem denn sonst? Zu wem? Zu wem?«

»Zu wem? Ihr habt es wohl vergessen? Neben dem Platz des

Kirchenältesten hing früher an der Wand ein Blatt. Jetzt ist es

fortgenommen. Allein ich erinnere mich noch ganz genau, welche Heiligen

bei den verschiedenen Gelegenheiten anzurufen sind.«

»So.«

»Jawohl! und wenn Ihr's wissen wollt, -- zu dem Heiligen Theodor Tyron

hätte gebetet werden müssen.«

»Du hast unrecht. Es war ganz richtig, daß sie den Johannes anriefen.«

»Blamiert Euch nicht, Vater Zacharia.«

»Ich sage dir, es war ganz richtig.«

»Ich aber sage Euch, Ihr blamiert Euch ganz unnützerweise. Ich weiß die

ganze Tabelle auswendig.«

Er schob den breiten Ärmel seiner Kutte weit auf den Ellenbogen hinauf

und bog mit der rechten Hand den Daumen der Linken ein, als ob er ihn

abbrechen wollte.

»Um Heilung von der fallenden Sucht,« begann er, »betet man zum

heiligen Maroas.«

»Zum heiligen Maroas,« wiederholte Benefaktow zustimmend.

»Um Heilung von der zehrenden Sucht -- zum heiligen Märtyrer Artemios,«

fuhr Achilla fort und bog in derselben Weise den Zeigefinger ein.

»Artemios,« wiederholte Benefaktow.

»Um Erlösung von Unfruchtbarkeit -- zum Wundertäter Romanus; wenn

der Gatte sein Weib verschmäht -- zu den Märtyrern Gurios, Samon und

Abebas; wenn man vom Teufel geplagt wird -- zum heiligen Nyphon; gegen

die wollüstige Leidenschaft -- zur heiligen Thomais ...«

»Und zum heiligen Moses Ugrinos,« fügte Benefaktow, der bisher nur im

Takt mit dem Kopf geschüttelt hatte, leise hinzu.

Der Diakon, der schon alle fünf Finger der linken Hand eingebogen

hatte, sann einen Augenblick nach, indem er den Vater Zacharia scharf

ansah, dann öffnete er die linke Faust, um nun die Finger der Rechten

einzubiegen, und meinte:

»Ja, man kann auch zum Moses Ugrinos beten.«

»Bitte weiter.«

»Gegen die Trunksucht -- zum Märtyrer Bonifatius.«

»Und zum Moses Murinos.«

»Wie?«

»Zum Bonifatius und zum Moses Murinos,« wiederholte Vater Zacharia.

»Ganz recht,« stimmte der Diakon ihm bei.

»Bitte weiter.«

»Zum Schutz gegen bösen Zauber -- zum heiligen Märtyrer Cyprianus.«

»Und zur heiligen Justina.«

»So hört endlich auf mit Eurem Vorsagen, Vater Zacharia!«

»Wenn's aber doch mit russischen Buchstaben deutlich gedruckt steht:

und der heiligen Justina.«

»Schön, sei's drum! Und der heiligen Justina. Um Wiedergewinnung

gestohlener Gegenstände und um Rückkehr entflohener Knechte (der Diakon

betonte jedes einzelne Wort) -- zu dem Theodor Tyron, dessen Gedächtnis

wir am siebzehnten Februar feiern.«

Jedoch kaum hatte Achilla sein letztes Wort gleich einem

Trompetensignal herausgeschmettert, als auch schon Zacharia mit

derselben leisen und leidenschaftslosen Stimme in der Aufzählung

fortfuhr:

»Und zum heiligen Johannes dem Krieger, dessen Gedächtnis wir am

zehnten Juli feiern.«

Achilla riß die Augen weit auf und schrie:

»Jetzt fällt mir's ein, ja, man kann auch zu Johannes dem Krieger

beten.«

»Aber weshalb habt Ihr denn eine ganze Stunde gestritten, Vater

Diakon?« sagte Nikolai Afanasjewitsch, ihm zum Abschied sein Händchen

entgegenstreckend.

»Daß mir sowas passieren mußte! Ich hatte die Duplikate vergessen,

deshalb stritt ich,« verteidigte sich der Diakon.

»Das ist genau wie im Sprichwort, werter Herr: ich suche meine Mütze

und habe sie auf dem Kopfe. Meinen ehrerbietigsten Gruß, Vater Diakon.«

»Ich suche meine Mütze! ... Ach, du Kleiner!« grinste Achilla, kriegte

den Zwerg am Rockschoß zu packen und setzte ihn auf seine Hand, indem

er rief:

»Der ist ja so leicht wie eine Flaumfeder!«

»Laß sein,« befahl Vater Tuberozow.

Der Diakon stellte den Zwerg wieder auf den Boden und bemerkte

scherzend, in Anbetracht seiner Leichtigkeit sei es unmöglich, ihn nach

Gewicht zu verkaufen. Doch der Propst, den das vorlaute Gebaren des

Diakons schon zu ärgern begann, wandte ein:

»Weißt du, wen man nach Gewicht schätzt?«

»Nun, wen?«

»Den Wicht.«

»Schönsten Dank!«

»Bitte sehr, recht gern geschehen.«

Der Diakon wurde verlegen, fuhr mit seinem Baumwolltaschentuch über den

haarigen Filz seines Hutes und brummte:

»Ihr könnt auch nie und nirgends ohne Politik auskommen!«

Und schritt mit gekränkter Miene zur Tür hinaus.

Bald begannen sich auch die andern Gäste zu verabschieden und gingen

ein jeder seines Weges.

Die Klerisei · 第 11 / 25 段