präsentierte Gläschen Branntwein geleert hatte, erzählte er Vater
Zacharia doch die ganze Geschichte seines Konflikts mit Danilka und
mit Tuberozow in allen Einzelheiten. Zacharia hüpfte währenddem
unausgesetzt im Zimmer hin und her und blieb nur stehen, um bald den
einen, bald den andern der herumhuschenden Blondköpfe aus dem Wege
zu räumen. Als der Diakon seine Erzählung beendet hatte, brummte
Zacharia, das Ende seines dünnen Bartes zwischen die Lippen geklemmt,
bedeutungsvoll: »Ja, ja, ja, aber das tut nichts.«
»Ich kann mir's nicht anders denken, als daß er erzürnt ist und ...«
»Und was noch? Packt euch raus, ihr Bälger! Also was noch?« fragte
Zacharia, die Kinder zur Seite schiebend.
»Daß es unpolitisch von mir war, die Pfeife zu erwähnen,« erklärte der
Diakon.
»Ja natürlich ... versteht sich ... zum Teil mag auch das ... Weg
mit euch, ihr Bälger! ... Übrigens glaube ich, daß er nicht so sehr
unzufrieden mit dir ist ... Er ist vielmehr ... nehme ich an ... Wollt
ihr wohl Platz machen, ihr Bälger! ... Ich meine, daß er in seinem
Herzen ... verstehst du?«
»Betrübt ist?« sagte der Diakon.
Vater Zacharia fuhr sich mit der kleinen Hand über die Brust, zog ein
saures Gesicht und sagte:
»Empört ist.«
»Gepeinigt,« entschied Achilla. »Ich weiß, der Lehrer Warnawka bringt
ihn immer in Zorn, aber ich nehme mir den Warnawka noch einmal
ordentlich vor -- -- und so weiter.«
Und ohne sich in weitere Auseinandersetzungen einzulassen,
verabschiedete sich der Diakon und ging.
Auf dem Heimwege traf er Danilka und hielt ihn an:
»Sei so gut, lieber Danilka, und zürne mir nicht. Wenn ich dich
gestraft habe, so geschah es nur in Erfüllung meiner Christenpflicht.«
»Ihr habt mich vor dem ganzen Volke gekränkt, Vater Diakon,« antwortete
Danilka in einem Tone, der zwar noch immer beleidigt, aber doch auch
schon ein wenig nach Friedensbereitschaft klang.
»Nun, was willst du mir dafür tun, daß ich dich gekränkt habe? Ich
weiß, daß es eine Kränkung war, aber wenn ich streng bin ... Ich
habe es ja nicht aus Frechheit getan. Schon im vorigen Jahr, als ich
dich ertappte, wie du im Vorhause beim Polizeichef das Meßgewand des
Propstes angelegt hattest und den Weihwasserwedel schwenktest, sagte
ich zu dir: ›Du kannst über die Schrift philosophieren, soviel du
willst, Danilka, von der Wissenschaft verstehe ich selbst nicht viel,
aber den Ritus darfst du mir nicht antasten.‹ -- Hab' ich das gesagt
oder nicht?«
Danilka schüttelte widerwillig den Kopf und brummte:
»Vielleicht habt Ihr so was gesagt.«
»Nein, mein Lieber, keine Winkelzüge! Gestehen sollst du! Ich hab' es
deutlich ausgesprochen: den Ritus nicht antasten, und damit basta! Und
warum sagte ich das? Weil es unser Lebensinhalt ist, unsere Wesenheit,
deshalb hast du auch deine Finger davon zu lassen. Hast du mich
verstanden?«
Danilka drehte sich nur zur Seite und lächelte. Ihm selbst war es
furchtbar komisch vorgekommen, als der Diakon ihn am Ohr durch die
ganze Stadt zerrte, und die andern Kleinbürger, welche Zeugen dieser
Szene waren, hatten, im Scherz und mühsam das Lachen verbeißend, dem
Diakon ebenfalls übermäßige Strenge vorgeworfen.
»Ihr seid zu streng, Vater Diakon! Ihr seid übermäßig streng,« hatten
sie ihm gesagt.
Achilla machte nach dieser Bemerkung ein nachdenkliches Gesicht, und
mit einem tugendhaften Seufzer seine Hände auf die Schultern der beiden
zunächst stehenden Kleinbürger legend, meinte er:
»Streng, sagt ihr? Ja, gewiß bin ich streng, da redet ihr wahr.
Aber dafür bin ich auch gerecht. Wenn nun diese Sache vor den
Friedensrichter käme? Da ginge es doch viel schlimmer. Er knöpft einem
sofort drei Rubel zum Besten der Kinderbewahranstalten ab.«
»Wer weiß? Mancher Friedensrichter gibt einem dafür noch einen Rubel
Trinkgeld.«
»Na siehst du wohl! Ich weiß, daß ich gerecht bin, mein Lieber.«
»Gerecht? Ach nein, Vater Diakon, Eure Gerechtigkeit ist nicht weit
her!«
»Wieso?«
»Weil doch der Danilka gar nicht so viel Schuld hat. Er hat doch nur
wiederholt, was der gelehrte Mann ihm sagte. Wenn's nach Recht ginge,
müßtet Ihr den Lehrer Warnawa zur Vernunft bringen. Er hat uns das
erklärt, Danilka hat bloß gezweifelt, ob der Lehrer recht hat und der
Regen von selber durchs Naturgesetz gekommen ist, oder ob ihn doch der
Bittgottesdienst hervorgerufen hat. Wenn Ihr den Lehrer durchgewalkt
hättet, so wäre das nur recht und billig gewesen.«
»Den Lehrer?!« Der Diakon breitete die Arme weit aus, schob die Lippen
rüsselförmig vor, stand einen Augenblick vor den Kleinbürgern und
flüsterte dann: »Gerecht? Ja, die Gerechtigkeit verlangt es ... Aber
Vater Sawelij will es nicht ... und also ist es unmöglich ...«
Zweites Kapitel.
Mehrere Tage waren vergangen. Tuberozow hatte sich überzeugt, daß
seine Befürchtungen, die unbändigen Taten des Diakon Achilla könnten
noch ein gerichtliches Nachspiel haben, unbegründet waren. Alles ging
gemütlich seinen gleichen Gang. Die Leute suchten Abwechslung in ihr
eintöniges Leben zu bringen, indem sie sich zankten, um sich wieder zu
versöhnen, und sich versöhnten, um sich wieder zanken zu können. Nichts
drohte die allgemeine Ruhe zu stören. Im Gegenteil, dem Propst ward ein
wunderschöner Tag beschieden, der ihm nichts als Freude brachte. Es war
dies der Namenstag der Frau Stadthauptmann, der sehr bald auf jenen
Tag folgte, an dem Achilla in seinem Glaubenseifer den öffentlichen
Skandal mit dem Kommissar Danilka hervorgerufen hatte. Als alle Gäste
der Pastete des Herrn Polizeichefs die gebührende Ehre erwiesen hatten,
rief der Hausherr, welcher zufällig ans Fenster getreten war, plötzlich
laut seiner Frau zu:
»Ach du lieber Gott! Sieh nur, Frau, was für Gäste wir bekommen!«
»Wer kommt denn da?« fragte die Frau.
»Sieh mal selber nach.«
Die Hausfrau, und mit ihr alle anwesenden Gäste, stürzten ans Fenster,
und nun sah man, daß sich ein mächtiges Dreigespann kräftiger brauner
Pferde vorsichtig den Berg herunter bewegte, fast wie ein dreiköpfiger
Drache, der auf dem Bauche kriecht. Das mittlere Pferd bläht sich auf
und strampelt, wie ein alter General, der einem Untergebenen eine
Pauke halten will. Die Seitenpferde sausen bald, wie Ulanenkornetts
auf dem Ball, die ein Gegenüber suchen, bald drängen sie sich an
das Mittelpferd, wie Schafe im Regen. Das rote Glöcklein schlug
manchmal mit dem Ring gegen den Rand, dann schien es wieder wie
festgeklebt und schwieg; nur die Schellen klirrten dumpf. Jetzt war
der dreiköpfige Drache unten angelangt und breitete sich aus. Die
Rücken der Pferde wurden sichtbar, der Schweif des einen Seitenpferdes
wehte hoch im Winde; auch eine Mähne flog empor; die Pferde hielten
gleichmäßigen Trab und der Wagen polterte über die Brücke. Deutlich
sah man das vergoldete Krummholz mit eingeätzten Ornamenten und den
großen altertümlichen, bronzebeschlagenen, gitarrenförmigen Wagen,
auf dem nebeneinander, wie auf einem Sofa, zwei kleine Geschöpfe, ein
weibliches und ein männliches, saßen; der Mann in einem dunkelgrünen
Kamelot-Mantel und einer großen Mütze aus haarigem Plüsch, die Frau in
einem schlafrockartigen Mantel aus himbeerfarbenem ~Gras-de-Naples~ mit
einem lila Samtkragen und einer Haube mit braunen Bändern.
»Mein Gott, das sind ja die Plodomasowschen Zwerge! -- Nicht möglich!
-- Sehen Sie doch selbst! -- Ja, richtig! -- Gewiß doch! Da -- Nikolai
Afanasjewitsch hat uns schon bemerkt. Sehen Sie, er grüßt! Und jetzt
nickt auch Maria Afanasjewna.«
So tönte es erfreut von allen Seiten. Die Gastgeber beeilten sich,
für die Ankömmlinge das Frühstück wieder auftragen zu lassen, und die
Anwesenden richteten die Blicke gespannt nach der Tür, durch die die
kleinen Leute eintreten mußten.
Voran schritt ein altes Männlein, nicht größer als ein achtjähriger
Knabe, gefolgt von einem alten Frauchen etwas größeren Wuchses.
Das Männlein war ganz Sauberkeit und Wohlanständigkeit. Auf seinem
Gesicht war nichts von gelben Flecken oder Runzeln zu sehen, wie
sie gewöhnlich die Gesichter von Zwergen entstellen. Er hatte eine
sehr wohlproportionierte Gestalt, einen kugelrunden Kopf, der ganz
mit weißen, kurzgeschorenen Haaren bedeckt war, und kleine braune
Bärenaugen. Die Zwergin machte keinen so angenehmen Eindruck wie ihr
Bruder. Ihre Gestalt war schwammig, um den Mund spielte ein Zug von
Dummheit und Sinnlichkeit und die Augen blickten stumpf.
Der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch trug trotz der heißen Jahreszeit warme
Tuchstiefel, schwarze Beinkleider aus haarigem Flauschstoff, eine gelbe
Flanellweste und einen braunen Frack mit Metallknöpfen. Seine Wäsche
war von tadelloser Sauberkeit und seine Wangen stützten sich auf eine
stramm gebundene, hohe Atlashalsbinde. Die Zwergin trug ein grünes
Seidenkleid mit großem Spitzenkragen.
Als Nikolai Afanasjewitsch ins Zimmer getreten war, legte er zuerst die
Händchen an die Hosennaht, drückte dann die Rechte mit der Mütze ans
Herz, machte einen Kratzfuß und schritt etwas breitbeinig gerade auf
die Hausfrau zu.
»Unser gnädiger Herr Nikita Alexejewitsch Plodomasow und der gnädige
Herr Parmen Semenowitsch Tuganow,« sagte er mit leiser und eintöniger
Greisenstimme, »haben uns in ihrem eigenen und im Namen ihrer Frau
Gemahlin befohlen, daß wir als ihre Diener Ihnen, gnädige Frau Olga
Arsentjewna, ihren Glückwunsch darbringen. -- Schwesterlein, wiederholt
es,« wandte er sich an die neben ihm stehende Schwester, und als diese
mit ihrer Gratulation fertig war, machte Nikolai Afanasjewitsch vor
dem Polizeichef ebenfalls einen Kratzfuß und fuhr fort:
»Und auch Ihnen, gnädiger Herr Woin Wasiljewitsch, und der ganzen
geehrten Gesellschaft einen herzlichen Glückwunsch zum frohen
Familienfest. Und ferner habe ich, gnädiger Herr, Ihnen zu melden,
daß mein gnädiger Herr und Parmen Semenowitsch Tuganow, die mich und
meine Schwester als Gratulanten hierher gesandt haben, es gütigst zu
entschuldigen bitten, daß sie ihren Glückwunsch durch uns unwürdige
Knechte darbringen lassen; aber sie können leider über ihre Zeit
nicht verfügen. Sie wollen sich heute abend noch persönlich deswegen
entschuldigen.«
»Parmen Semenowitsch will herkommen?« rief der Polizeichef.
»Mit meinem gnädigen Herrn Nikita Alexejewitsch Plodomasow, der sich
auf der Durchreise nach Petersburg hier aufhält, und um Vergebung
bittet, wenn er im Reiseanzug erscheint.«
Der Gesellschaft bemächtigte sich bei dieser Mitteilung eine leichte
Erregung, welche der Zwerg benutzte, um auf Tuberozow zuzugehen und
seinen Segen entgegenzunehmen. Dabei sagte er leise:
»Parmen Semenowitsch bittet, Ihr möchtet heute abend auch hier sein.«
»Sag' ihm, Lieber, ich würde kommen,« erwiderte Tuberozow.
Der Zwerg empfing dann auch von Zacharia den Segen. Der Diakon Achilla
ergriff die Hand des kleinen Mannes, der sich ehrerbietig vor ihm
verbeugte und dabei lächelnd sagte:
»Ich bitte Euch nur, werter Herr, versucht Eure Heldenkraft nicht an
mir.«
»Ist er denn so kräftig, Nikolai Afanasjewitsch?« scherzte der Hausherr.
»Er gibt gern Proben seiner Kraft,« antwortete der Alte. »Aber lohnt es
sich an einem Krüppel?«
»Wie steht's mit der Gesundheit, Nikolai Afanasjewitsch?« fragten die
Damen, welche den Zwerg von allen Seiten umringt hatten und seine
Händchen drückten.
»Ach was Gesundheit, meine werten Damen! Es ist ein Spott und eine
Schande! Wie ein Ferkelchen bin ich geworden. Der Sommer ist längst da,
-- und ich friere beständig.«
»Sie frieren?«
»Ei freilich. Schauen Sie mich bloß an. Ich bin ja ganz in Hasenwolle
eingenäht. Aber was ist daran auch verwunderlich, werte Herrschaften?
Ich unnützer Mensch habe doch schon die Achtzig hinter mir.«
Nikolai Afanasjewitsch wurde von allen Seiten mit Fragen überschüttet.
Man setzte ihn an den Tisch, reichte ihm die Speisen. Er antwortete
allen klug und gewandt, rührte aber von den Speisen nichts an: er äße
längst schon sehr wenig, und auch dann nur höchstens ein leichtes
Gemüse. »Aber die Schwester wird essen,« sagte er, sich zu dieser
wendend. »Eßt nur, Schwesterlein, eßt. Geniert Euch nicht. Wollt Ihr
aber ohne mich nicht essen, dann bitte ich Olga Arsentjewna um etwas
Möhrenfüllung aus der Pastete hier auf dieses kleine Tellerchen ...
So ist's recht. Danke schön, danke! Was brauch' ich überhaupt noch zu
essen? Ich kann ja gar nichts mehr. Nicht einmal einen Zwirnstrumpf
bring' ich mehr ordentlich fertig. Und früher konnte ich doch viel
besser stricken als die Schwester, sogar ~Broderies anglaises~ verstand
ich zu flechten; aber jetzt lasse ich beständig die Maschen fallen.«
Der Propst sah dem Zwerge mit glücklichem Lächeln in die Augen:
»Wenn ich dich betrachte, Nikolai, so denke ich an ein lieber altes
Märchen, mit dem man sterben möchte.«
»Ach, Väterchen, unser liebes Märchen ist vor uns heimgegangen.«
»Vergißt du sie nicht schon, deine Herrin? Die Bojarin Marfa
Andrejewna?« fragte, sich ihm nähernd, der Diakon Achilla, welchen der
Zwerg immer noch ein wenig zu fürchten schien.
»Zum Vergessen bin ich schon zu alt, Vater Diakon, ich denke lange
schon daran, daß es für mich Zeit wird, ihr in jener Welt wieder zu
dienen,« erwiderte er leise und sich halb dem Diakon zukehrend.
»Sie war eine trostreiche Frau, diese Alte,« sagte der Diakon, ohne
seine Rede an eine bestimmte Person zu richten.
»In welchem Sinne trostreich? Wie meinst du das?« fragte Tuberozow.
»Spaßig war sie.«
Der Propst lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung. Nikolai
Afanasjewitsch aber fiel Achilla ins Wort und sagte sehr bestimmt:
»Keine Spaßmacherin war sie, sondern eine wirkliche Trösterin, werter
Herr.«
»Was belehrst du ihn, Nikolai! Erzähle lieber, wie sie dich erbittert
hat. Und wie sie dann alles wieder zum Besten kehrte,« rief der Propst.
»Ach, Hochwürden, das ist eine so alte Geschichte.«
»Er weiß von dieser seiner Erbitterung mit so viel Wärme zu erzählen,«
wandte sich Tuberozow an die Gäste.
»Ja, Väterchen, sie, meine gnädige Herrin, verstand es, einen Menschen
so zu erbittern und dann so zu trösten, wie nur ein Engel Gottes zu
trösten vermag,« fiel der Zwerg sofort ein.
»Nun, so erzähle doch.«
»Ja, Nikolascha, erzähle, erzähle!«
»Nun, werte Herrschaften, ob Sie sich über mich lustig machen oder
ob es Sie wirklich interessiert, -- wenn die ganze Gesellschaft es
wünscht, so will ich mich nicht widersetzen und Ihnen die Geschichte
erzählen.«
Und er begann.
Drittes Kapitel.
»Es war kaum ein Jahr, nachdem meine gnädige Herrin mich von meiner
früheren Herrschaft gekauft hatte. Ein Jahr in bittern Schmerzen lag
hinter mir. Ich war von meiner Heimat und von meinen Lieben für immer
getrennt. Natürlich ließ ich meinen Kummer nicht merken. Es war jedoch
vergebens, denn die Selige hatte ihn längst erraten. Als nun mein
Namenstag kam, geruhte sie mir zu sagen:
›Was soll ich dir denn zum Namenstage schenken, Nikolai?‹
›Mütterchen,‹ sag' ich, ›was brauch' ich Narr noch beschenkt zu werden?
Ich bin auch so völlig zufrieden.‹
›Nein,‹ geruhte sie zu sagen, ›einen Rubel sollst du wenigstens haben.‹
Natürlich wagte ich nicht zu widersprechen und küßte ihr die Hand:
›Vielen Dank, Euer Gnaden!‹ sprach ich nur.
Und setzte mich wieder auf das Fußbänkchen gegenüber ihrem Sessel und
strickte meinen Strumpf weiter. Nach einiger Zeit fragt sie wieder:
›Was wirst du mit dem Rubel anfangen, Nikolai, den ich dir morgen
schenken will?‹
›Den schicke ich bei Gelegenheit meinem Vater.‹
›Und wenn ich dir zwei schenke?‹
›So bekommt mein Mütterchen den zweiten.‹
›Und wenn es drei werden?‹
›Dann soll auch mein Bruder Iwan Afanasjewitsch einen haben.‹
Da schüttelte sie den Kopf:
›Du hast aber viel Geld nötig, wenn du alle bedenken willst! Das kannst
du, so klein wie du bist, ja dein Lebtag nicht verdienen.‹
›Dem lieben Gott hat es gefallen, mich so zu schaffen,‹ antwortete
ich und fing leise zu weinen an. Mein Herz krampfte sich zusammen,
wissen Sie, ich ärgerte mich selbst über meine Tränen und doch mußte
ich weinen. Sie aber, die Selige, guckte und guckte mich an, bis sie
auf einmal mir schweigend winkte: ich fiel ihr zu Füßen und sie legte
meinen Kopf auf ihren Schoß, und ich weinte nun erst recht und sie
weinte auch. Dann stand sie auf und sprach:
›Haderst du nie mit dem lieben Gott, Nikolai?‹
›Wie soll ich mit dem lieben Gott hadern, Mütterchen? Niemals tu ich
das.‹
›So wird Er dich auch trösten.‹
Und er hat mich wirklich getröstet.«
Als der Zwerg in seiner Erzählung so weit gekommen war, fingen seine
dünnen Augenlider plötzlich heftig zu zucken an, er sprang hastig von
seinem Stuhl auf, lief in eine Ecke, wischte sich dort mit einem weißen
Tüchlein die Augen und kehrte mit verschämtem Lächeln auf seinen Platz
zurück. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, begann er mit einer ganz
anderen, feierlichen Stimme:
»Ich war früh aufgestanden, werte Herrschaften, war ganz leise mich
waschen gegangen, denn ich schlief ja zu Füßen ihres Bettes, hinter
einem Schirm auf einem Teppich. Dann war ich in die Kirche gegangen,
um beim Vater Alexei einen Dankgottesdienst nach der Frühmesse zu
bestellen. Wie ich nun, werte Herrschaften, in die Kirche komme,
gehe ich geradewegs nach dem Altar, um vom Vater Alexei den Segen zu
empfangen, und sehe, daß Vater Alexei ein so seltsam frohes Gesicht
macht und mir so herzlich zur großen Freude gratuliert. Ich bezog das
natürlich auf den Festtag und auf meinen Namenstag. Aber was sollte
nun kommen, meine lieben und werten Herrschaften! Ich trete auf den
linken Altarflügel hinaus, -- und sehe plötzlich mitten im Volke mein
Mütterlein und meinen Vater und meinen Bruder Iwan Afanasjewitsch. Den
Vater und die Mutter fand ich in der Menge nicht gleich heraus, aber
der Bruder Iwan Afanasjewitsch ... der war ja der reine Gardehusar. Ihn
sah ich sofort. Erst dachte ich, es wäre eine Vision! Denn ich hatte
mich an diesem Tage so sehr nach ihnen gesehnt. Aber nein, es war keine
Vision! Ich sah meine Mutter -- sie war eine Bäuerin -- bitterlich
weinen und dachte, sie habe ihre Herrschaft um Urlaub gebeten und den
weiten Weg gemacht, um ihr Kind wiederzusehen. Natürlich wollte ich den
Gottesdienst nicht stören und ging wieder in den Altarraum zurück. Wie
ich aber nach Schluß der Messe heraustrete, da erblicke ich vor dem
Betpult mit dem Heiligenbilde Marfa Andrejewna selber; und hinter ihr
meine Schwester Maria Afanasjewna, die Sie hier sehen, meine Eltern und
meinen Bruder. Ich gehe auf Marfa Andrejewna zu, um sie zu begrüßen.
Sie aber schiebt mich leise mit der Hand beiseite und sagt:
›Geh erst und begrüße deine Eltern.‹
So begrüßte ich den Vater, die Mutter, den Bruder, unter Tränen. Nur
meine Schwester Maria Afanasjewna weinte nicht, denn sie hat einen
besseren Charakter. Ich aber bin so schwach, daß ich immer weinen muß.
Nun traten wir aus der Kirche heraus und meine gnädige Herrin nimmt ein
Beutelchen aus der Tasche -- ich hatte selbst gesehen, wie sie diesen
Beutel strickte, aber ich wußte natürlich nicht, für wen er bestimmt
war -- und sagt zu mir: ›Nun beschenke die Deinigen, Nikolascha.‹ Ich
greife in den Beutel, dem Vater gab ich einen Silberrubel, der Mutter
einen Silberrubel, dem Bruder Iwan Afanasjewitsch einen Rubel. Es waren
lauter ganz neue Rubel! Im Beutel aber lagen noch vier Rubel. ›Wer soll
denn die noch bekommen, Mütterchen?‹ frage ich meine gnädige Herrin.
Aber da sehe ich schon den Verwalter Dementij, der mir meine Schwägerin
und ihre drei Kinder zuführt, alle in langen Röcken. Dank der großen
Gnade meiner Herrin konnte ich auch sie noch beschenken, ehe wir aus
der Kirche alle zusammen nach Hause gingen. Vor dem Herrenhaus bemerkte
ich drei Wagen, mit den Gutspferden meiner gnädigen Herrin bespannt.
Die beiden Pferdchen meines Bruders waren hinten angebunden, und das
ganze Gepäck der Eltern und des Bruders lag auf dem Wagen. Dies machte
mich ganz verwirrt, und ich wußte nicht mehr, was ich sagen sollte.
Marfa Andrejewna war die ganze Zeit mit dem Vater Alexei vorausgegangen
und hatte von der Ernte gesprochen und mich anscheinend gar nicht
beachtet. Jetzt aber, wie sie eben die Verandastufen hinauf will,
wendet sie sich nach mir um und geruht also zu sprechen: ›Hier hast du
einen Freibrief, mein braver Knecht, deine Eltern und dein Bruder nebst
Kindern sind von mir losgekauft.‹ Und damit schob sie mir das Papier
hinter die Weste ... Das war zu viel für mich ...«
Nikolai Afanasjewitsch hob die Hände bis zur Höhe seines Gesichts und
sagte:
»›Du!‹ rief ich wie wahnsinnig, ›du willst mich durch das Übermaß
deiner Güte ganz erdrücken!‹ Es schnürte mir die Kehle zusammen, meine
Schläfen hämmerten, vor meinen Augen zuckten bunte Flämmchen, und ich
fiel bewußtlos vor dem Wagen meines Vaters nieder, den Freibrief an
die Brust gedrückt.«
»Ach du, Alter! So viel Gefühl hast du!« rief der Diakon Achilla
gerührt und schlug Nikolai Afanasjewitsch auf die Schulter.
»Ja,« fuhr der Zwerg fort, nachdem er sich den Mund gewischt hatte.
»Ich kam erst nach neun Tagen wieder zu mir, denn ich war an einem
schweren Fieber erkrankt. Und wie ich mich umschaute, sah ich meine
gnädige Herrin zu Häupten meines Bettes sitzen: ›Vergib mir um Christi
willen, Nikolascha,‹ sprach sie, ›ich verrücktes Frauenzimmer hätte
dich beinahe umgebracht!‹ So ein gewaltiger Mensch war sie, die gnädige
Bojarin Plodomasowa!«
»Ach du allerliebster Alter!« rief wieder der Diakon Achilla und packte
den Zwerg scherzend an einem Knopfe seines Fracks, diesen scheinbar
abreißend.
Der Kleine faßte schweigend nach dem Knopf, und als er sich überzeugt
hatte, daß er heil und ganz an seinem Platze geblieben war, meinte er:
»Ja, ja, ich bin doch ein ganz unbedeutendes Wesen, aber sie war immer
besorgt um mich und schenkte mir ihr Vertrauen; sogar ihren Kummer
teilte sie mir mit, besonders als die Trennung von ihrem Sohne Alexei
Nikititsch ihr so nah ging. Bekam sie mal einen Brief, dann las sie ihn
erst ganz schnell für sich und später las sie ihn mir vor. Sie sitzt
und liest vor und ich stehe mit meinem Strickstrumpf daneben und höre
zu. Und wenn sie zu Ende ist, sprechen wir über den Brief. ›Jetzt wird
er wohl bald Offizier,‹ sagt sie zu mir. Und ich antworte: ›Ja, sicher
muß die Reihe schon an ihn gekommen sein.‹ Und sie wieder: ›Was meinst
du, Nikolascha, da wird man ihm wohl mehr Geld schicken müssen.‹ --
›Gewiß hat er jetzt mehr nötig, Mütterchen,‹ sage ich. ›Ei freilich,
wir haben hier das Geld ja gar nicht nötig.‹ ›Natürlich, Mütterchen,
wozu brauchen wir Geld?‹ Meine Schwester Maria Afanasjewna aber
schweigt still, und das ist meiner gnädigen Herrin nicht recht und sie
wird gleich böse. ›Ach, du Holzklotz,‹ sagt sie. ›Ja, die wußten, was
sie taten, als sie dich mir umsonst als Zugabe zum Bruder überließen.‹«
Nikolai Afanasjewitsch besann sich plötzlich, wurde ganz rot und sagte
zu seiner stumpfsinnigen Schwester:
»Nehmt mir's nicht übel, Schwesterlein, daß ich das erzähle.«
»Erzählt nur, erzählt nur, es tut nichts,« antwortete Maria
Afanasjewna, mit der Zunge gegen die Backe stoßend.
»Nun, und euch beiden hat sie die Freiheit nicht geben wollen?« fragte
jemand.
»Die Freiheit? Nein, freigegeben hat sie uns nicht. Meine Schwester
Maria Afanasjewna stand wohl mit drin im Freibrief, den sie meinen
Eltern gegeben, aber mich wollte sie nicht fortlassen. Mitunter sagte
sie: ›Wenn ich tot bin, magst du leben, wo du willst (denn sie hatte
ein kleines Kapital als Pension für mich angelegt), aber solange ich am
Leben bin, lasse ich dich nicht frei.‹ -- ›Ach, Mütterchen,‹ sagte ich
darauf, ›was soll ich mit der Freiheit? Mich hacken doch die Spatzen
tot!‹«
»Ach, du kleiner Kerl!« rief Achilla gerührt.
»Er war ja in allem ihre rechte Hand, unser Nikolai Afanasjewitsch,«
fiel Tuberozow ein.
»Ja, Vater Propst, ich habe ihr gedient, so gut ich's verstand. Wenn
die Selige nach Moskau oder Petersburg reiste, nahm sie nie eine Zofe
mit. Sie konnte weibliche Bedienung auf Reisen nicht leiden. Oft
sagte sie: ›So eine Prinzessin Pumfia tut nichts weiter als quasseln
und im Gasthof im Korridor herumlungern und Bekanntschaften machen.
Mein Nikolascha aber sitzt hübsch still im Winkel, wie ein Hase.‹ Sie
betrachtete mich gar nicht als Mann, sondern nannte mich immer nur
Hase.«