Um den freiwilligen Märtyrer aus seiner schwierigen Lage zu bringen,

beugte sich der Abgesandte an sein Ohr und flüsterte ihm mit

geheimnisvoller Miene zu, was die Serbolowa gesagt hatte.

»Sie Spionin!« rief Warnawa und wurde ganz rot.

»Ja.«

»Und vielleicht --«

»Was?«

»Vielleicht auch Sie ...«

»Ja, ich auch.«

Warnawa drückte ihm freundschaftlich die Hand:

»Ich danke Ihnen, daß Sie kein Geheimnis daraus machen.«

Dann ging er mit reinem Gewissen zum Mittagessen.

»Ich muß Ihnen ja gehorchen ...«

Fünfzehntes Kapitel.

Der Plan war also gelungen. Warnawa hatte jetzt einen Vorwand zum Essen

zu kommen, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Er trat ins Zimmer mit

der Miene eines unglücklichen Opfers feindlicher Gewalten und setzte

sich an das schmale Ende des Tisches, Darjanow gegenüber. Zwischen

ihnen, an der Längsseite, nahm Alexandra Iwanowna Platz, während die

vierte Seite frei blieb. Die Hostienbäckerin selbst setzte sich fast

nie mit ihrem Sohne zu Tisch, und auch jetzt begnügte sie sich damit,

die Gäste zu bedienen, ohne mitzuessen. Die Alte war entzückt, ihren

gelehrten Sohn wiederzuhaben, Freude und Kummer wechselten auf ihrem

Antlitz, ihre Augenlider waren gerötet, die Unterlippe zitterte leise

und ihre alten Füßchen gingen nicht, sondern liefen in großer Hast,

wobei sie unausgesetzt bemüht war, sich so zu stellen und zu wenden,

daß man ihr Gesicht nicht sehen konnte.

Die Gäste suchten durch allerlei Listen die Alte zum Bleiben zu

bewegen, und lobten ihre Kochkunst. Aber die Gute wies alles Lob zurück

und meinte, sie verstünde nur die allereinfachsten Speisen zu bereiten.

»Aber gerade diese einfachen Speisen schmecken uns ausgezeichnet.«

»Ach, wie sollen sie schmecken! Bloß gesund sollen sie sein, sagt man.

Aber Gott weiß, ob dem wirklich so ist. Warnawa ißt doch immer, was

ich gekocht habe, -- und sehen Sie ihn bloß an: ganz wie leer ist er.«

»Hm!« brummte Warnawa, sah die Mutter vorwurfsvoll an und schüttelte

den Kopf.

»Ach Gott, was willst du wieder? Wirklich, Warnawa, du bist leer.«

»Sagt das doch noch einmal!« knurrte der Lehrer.

»Es ist doch nichts Kränkendes, Warnascha! Milch trinkst du morgens

bis zur Unendlichkeit; Tee mit Weißbrot nimmst du auch bis zur

Unendlichkeit; Braten und Grütze auch, -- aber wenn du vom Tische

aufstehst, bist du wieder leer bis zur Unendlichkeit. Das ist doch

sicher eine Krankheit. Ich sage dir schon, lieber Sohn, hör' auf

mich ...«

»Mutter!« unterbrach sie der Lehrer zornig.

»Was ist denn dabei, Warnascha? Ich sage dir, wenn du frühmorgens

aufstehst, mußt du beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ -- und dann

erst essen ...«

»Mutter!« rief Warnawa noch lauter.

»Was ärgerst du dich denn, Närrchen? Ich sage dir, du mußt beten: ›Herr

Gott, fülle meine Leere‹ und dann ein Stückchen geweihte Hostie essen,

denn, Sie müssen wissen,« wandte sie sich an die Gäste, »ich hole mir

immer für ihn und für mich je ein Stückchen von der Hostie aus der

Kirche, damit wir einst drüben in demselben Zelt sind. Aber er will es

nie essen. Warum?«

»Warum? Ihr wollt wissen, warum? Schön! Weil ich mit Euch nirgends

zusammen sein will, weder in dieser noch in irgendeiner andern Welt!«

Ehe noch der Lehrer diese Worte gesprochen hatte, erbleichte die Alte.

Sie zitterte so, daß die beiden Fayenceteller, welche sie in der Hand

hielt, ihr entglitten und klirrend in Scherben zersprangen.

»Warnascha,« rief sie, »du sagst dich los von mir?«

»Ja, ja, ja, ich sage mich los! Ihr seid mir auch hier schon zuwider,

und mich verlangt nicht im mindesten darnach, Euch noch in jener Welt

auf dem Halse zu haben.«

»St! St! St!« suchte die Alte bitterlich weinend ihn zu unterbrechen,

und fing an, dicht vor seinem Gesicht in die Hände zu klatschen, damit

sie seine furchtbaren Worte nicht höre. Jedoch Warnawa schrie viel

lauter, als seine Mutter klatschte. Da stürzte sie zum Heiligenbild

und rief außer sich, mit den gespreizten Fingern ihrer mageren Hände

fuchtelnd:

»Höre ihn nicht, Gott, höre ihn nicht, höre ihn nicht!«

Und dann fiel sie schluchzend in der Ecke vor dem Bilde zu Boden.

Diese traurige und ganz unerwartete Szene hatte alle Anwesenden in

Erregung versetzt, ausgenommen Prepotenskij. Der Lehrer blieb völlig

ruhig und aß mit seinem gewöhnlichen, nie versagenden Appetit. Die

Serbolowa war aufgestanden und der Alten, welche aus dem Zimmer

stürzte, gefolgt. Darjanow sah durch die offene Tür, wie die

Hostienbäckerin Alexandra Iwanowna umarmte. Er stand auf, schloß die

Tür und stellte sich ans Fenster.

Prepotenskij aß ruhig weiter.

»Wann fährt Alexandra Iwanowna nach Hause?« fragte er, gemächlich

kauend.

»Sobald die Hitze nachläßt,« antwortete Darjanow trocken.

»Erst!« sagte Prepotenskij gedehnt.

»Ja, Tuberozow will sie hier noch aufsuchen.«

»Tuberozow? Bei uns? In unserem Hause?«

»Ja, in Ihrem Hause. Aber er kommt nicht zu Ihnen, sondern zu Alexandra

Iwanowna.«

Darjanow stand während dieses Gespräches mit dem Rücken zu Prepotenskij

und blickte in den Hof hinaus, aber bei den letzten Worten wandte er

sich um und fügte mit einem kaum merklichen Lächeln hinzu:

»Es scheint, Sie haben eine Mordsangst vor Tuberozow.«

»Ich? Ich Angst vor Tuberozow?«

»Ja freilich. Es sieht so aus, als wäre sogar Ihre Nase ganz grün

geworden, wie ich sagte, er wolle hierher kommen.«

»Meine Nase grün geworden? Ich versichere Sie, das kommt Ihnen nur so

vor. Wie wenig ich ihn fürchte, will ich Ihnen heute noch beweisen.«

Mit diesen Worten erhob sich Prepotenskij und ging hinaus. Der

Gast ahnte nicht, was für kühne Gedanken in diesem Augenblick im

verzweifelten Gehirn Warnawas keimten und reiften. Der geneigte Leser

aber soll es im nächsten Kapitel erfahren.

Sechzehntes Kapitel.

Nachdem er das Zimmer verlassen, schlüpfte Prepotenskij in eine kleine

Scheune, entledigte sich seiner Oberkleider und kletterte auf den

Heuboden. Mit großer Anstrengung schob er zwei Deckbretter auseinander

und kroch durch den ziemlich engen Spalt in einen kleinen, von außen

verschlossenen Speicher. Bunt durcheinander lagen dort Töpfe und

Bütten, an der Decke hing ein Schinken, auf Stöckchen waren Bündel von

Bohnenkraut, Pfefferminz und Dill gespießt. Der Lehrer ließ alle diese

Gegenstände unberührt. Er stieg auf eine hohe Truhe aus Tannenholz mit

schrägem Deckel und holte einen großen, leicht gewölbten Trog herunter,

der so blank wie das Schaufenster eines Spiegelgeschäfts gescheuert

war. Mit dem Trog kroch er wieder in die Scheune zurück, wo er die

unseligen Totengebeine sehr geschickt versteckt hatte.

Niemand dachte daran, dem Lehrer nachzuspüren, er aber war es schon so

gewohnt, seine »Lage« für »gefährdet« zu halten, daß er sich nirgends

sicher fühlte. Immer mußte er sich verkriechen und verstecken, weil er

dachte, sonst wäre es ihm unmöglich, sein Unternehmen zu beginnen und

im geeigneten Augenblick mit allem Pomp zur Ausführung zu bringen.

Eine Stunde mochte seit Warnawas Verschwinden vergangen sein, und

es begann zu dämmern, als der Ring an dem wackeligen Pförtchen der

Prepotenskijschen Behausung klirrte.

Tuberozow war gekommen. Warnawa hörte in seiner Scheune, wie unter dem

festen Tritt des beleibten Propstes die Stufen des alten Holztreppchens

knarrten und sich bogen, und wie der Gast die Serbolowa und die alte

Hostienbäckerin begrüßte.

»Nun, meine liebe Witwe von Nain, was macht dein gelehrter Sohn?«

wandte sich Vater Sawelij an die Alte, die eben den kleinen weißen

Tisch auf die offene Veranda hinaustrug, wo die Gäste den Tee trinken

sollten.

»Mein Warnascha? Gott weiß, Vater Propst. Er hat wohl Angst bekommen

und sich irgendwo vor Euch versteckt.«

»Du lieber Himmel, was hat er denn von mir zu fürchten? Er sollte sich

lieber mehr um sich selber kümmern und vorsichtig sein,« und Tuberozow

erzählte Darjanow und der Serbolowa von den nächtlichen Abenteuern

Achillas.

»Wer hat ihn darum gebeten? Wer hat es ihm befohlen?« fragte der

Alte und antwortete selbst: »Niemand! Er hat es ganz für sich allein

beschlossen, mit Warnawa Wasiljewitsch abzurechnen, und die ganze Stadt

haben sie in Aufregung versetzt.«

»Habt Ihr es ihm denn nicht befohlen, Vater Propst?« fragte die Alte.

»Wie käme ich dazu, solche Dummheiten zu befehlen?« erwiderte Tuberozow

und fing von anderen Dingen zu reden an. So verging noch eine halbe

Stunde und die Gäste brachen auf. Warnawa war immer noch unsichtbar,

aber als der Wagen der Serbolowa vorfuhr, flog die Pforte der Scheune,

in welcher der Lehrer sich verborgen hielt, weit auf, und langsam und

feierlich schritt Warnawa Prepotenskij auf die erstaunten Gäste zu.

Er trug seine gewöhnliche Kleidung und hielt in beiden Händen hoch über

seinem Haupte den neuen Waschtrog, den er der Mutter geraubt und in dem

jetzt in schönster symmetrischer Anordnung die wohlbekannten Gebeine

lagen.

Ehe noch jemand begreifen konnte, was die Erscheinung des Lehrers

mit dieser seltsamen Trophäe zu bedeuten hatte, war Prepotenskij

bereits majestätisch an der Veranda vorübergeschritten, hatte dem dort

stehenden Tuberozow die Zunge gezeigt und war dann über den Friedhof

auf die Straße hinausgegangen.

Die Hostienbäckerin zitterte am ganzen Leibe, kaute krampfhaft an den

Spitzen ihrer fest zusammengedrückten Finger und flüsterte:

»Was hat er da? Was trägt er durch die Stadt?«

Als sie es endlich begriffen hatte, heulte sie laut auf und stürzte

mit einer Geschwindigkeit, die man ihren Jahren gar nicht zugetraut

hätte, dem Sohne nach. Die Alte hüpfte und hopste, wie gewisse Vögel,

die, bevor sie auffliegen, erst einen Anlauf nehmen müssen. Trotzdem

Warnawa langsam schritt, erschien es fraglich, ob die Hostienbäckerin

selbst bei diesem schnellen Tempo imstande sein werde, ihren Sprößling

einzuholen, der schon am entgegengesetzten Ende der Straße angelangt

war. Allein ein unerwartetes Ereignis, durch das die ganze Prozession

und die Verfolgung eine völlig neue Wendung nehmen sollte, trat ein.

Irgendwo von oben her ertönte plötzlich ein lautes und lustiges:

»Hallo! Hurra! Nicht hauen! Nicht hauen! Nicht hauen!«

Die Zeugen dieser Szene sahen sich nach der Richtung um, aus welcher

das Geschrei kam, und erblickten auf dem Vorsprung eines der

Nachbardächer einen zerlumpten Kerl, der in der Hand eine dünne Stange

hielt, wie sie Taubenzüchter brauchen, um ihre Tümmler aufzuscheuchen.

Dieser Schreier war der Ausrufer und das Faktotum von Stargorod,

der Proletarier und beschäftigungslose Kleinbürger Danilka, den sie

in der Stadt den »Kommissar« nannten. Er war just mit seinen Tauben

beschäftigt und benutzte die Gelegenheit, um spaßeshalber auch den

Lehrer zu erschrecken. Diesen Zweck erreichte er vollkommen, denn kaum

hatte Prepotenskij den Warnungsruf vernommen, so schlug er sofort ein

schnelleres Tempo an und stürmte wie ein gehetztes Reh vorwärts. Aber

während er einer Gefahr zu entgehen hoffte, lief er einer andern, weit

schlimmern in die Arme; denn an der nächsten Wegkreuzung tauchte vor

den entsetzten Blicken des Lehrers in Riesengröße -- er schien heute

viel gewaltiger als gewöhnlich -- der grimme Diakon Achilla auf.

Wie sagt das Sprichwort? Links die Backpfeife und rechts der

Rippenstoß.

Siebzehntes Kapitel.

Kaum hatte der arme Lehrer den Diakon erblickt, so knickten seine

Knie kraftlos zusammen. Doch schon im nächsten Augenblick reckten sie

sich wieder auf wie Sprungfedern, und mit drei mächtigen Sätzen legte

er eine Entfernung zurück, die ein normaler Mensch in zehn Sprüngen

nicht hätte überwinden können. Dadurch schien Warnawa gerettet,

denn er befand sich jetzt gerade unter dem Fenster der Gattin des

Akziseeinnehmers Biziukin, und zu seinem großen Glück stand die

aufgeklärte Dame selbst am offenen Fenster.

»Nehmen Sie dies!« rief Prepotenskij ganz außer Atem.

»Ich werde verfolgt von Spionen und Pfaffen!«

Bei diesen Worten schob er den Trog mit den Knochen zum Fenster hinein,

er war aber selbst so erschöpft, daß er sich nicht mehr rühren konnte

und an die Mauer lehnen mußte. Im selben Augenblick stand auch schon

Achilla, ebenfalls ganz außer Atem, neben ihm und packte seinen Arm.

Sein Blick traf mitten auf der Straße zwei aus dem Staube emporragende

menschliche Rippen. Sich zu Prepotenskij wendend sagte er:

»Warum hebst du deine Astragalusse nicht auf?«

»Tretet beiseite, dann will ich sie aufheben.«

»Gut, ich will zurücktreten,« -- und der Diakon ging an das Fenster,

stellte sich auf die Zehenspitzen, guckte ins Zimmer hinein und fuhr

fort:

»Hören Sie mal, Frau Rätin, Sie tun sehr unrecht, wenn Sie sich für

diesen Lehrer so ins Zeug legen.«

Statt der erwarteten Antwort der »Rätin« erschien der liberale

Akziseeinnehmer Biziukin selbst am Fenster und hielt dem Diakon den

kahlen Schädel des Skeletts vor Augen.

»Sei mal so gut und lege das Ding fort, sonst werde ich böse,«

entgegnete Achilla höflich. Von innen ertönte nur ein höhnisches

Gelächter, und der Einnehmer ließ den Schädel laut und schauerlich mit

den Zähnen klappern.

»Ich schlag euch alle zu Brei,« brüllte Achilla, indem er mit beiden

Händen einen mächtigen Stein packte, der neben dem Fundament lag und

gut zwei Zentner wiegen mochte. Im selben Augenblick, als er mit

flammenden Augen dieses ungeheure Geschoß emporhob, um es gegen seine

Widersacher zu schleudern, fiel ihm von hinten jemand in den Arm, und

eine bekannte Stimme rief gebieterisch:

»Laß liegen!«

Es war Tuberozow. Mit strengem Gesicht, schwer atmend und zitternd vor

Erregung stand Propst Sawelij vor ihm. Achilla gehorchte. Noch einen

zornigen Blick aus seinen vor Wut geröteten Augen warf er auf den

Einnehmer, dann schleuderte er den Stein mit solcher Wucht zur Seite,

daß er einen Zoll tief in den Boden drang.

»Geh nach Hause,« flüsterte ihm Sawelij zu und wandte sich selbst zum

Gehen.

Achilla widersetzte sich auch diesem Befehl nicht und schlich leise und

niedergeschlagen, wie ein sonst artiger Schulbub, der bei einem dummen

Streich ertappt worden ist, von dannen.

»Gott, was für eine alberne und ärgerliche Geschichte,« sagte

Tuberozow, mühsam nach Luft schnappend, zu Darjanow, der ihn inzwischen

eingeholt hatte.

»Macht Euch keine unnützen Gedanken, die Sache wird weiter keine Folgen

haben.«

»Wieso keine Folgen? Die Folge wird sein, daß Achilla vor Gericht

kommt. Haben Sie denn nicht gehört, was er schrie, als er mit dem Stein

drohte? Er wollte sie alle zu Brei schlagen!«

»Ihr werdet sehen, alles löst sich in Wohlgefallen und Lachen auf.«

»Nein, das glaube ich nicht. Hier gibt es nichts zum Lachen. Es handelt

sich um eine große Dummheit, die gemeine Menschen zu ihren Zwecken

ausnutzen können.«

Der Propst beschleunigte seine Schritte und eilte nach Hause, indem er

mit seinem langen Stabe zornige Zickzacklinien durch den Straßenstaub

zog.

Im nächsten Buche unserer Chronik werden wir sehen, was für Folgen

diese Begebenheit hatte und wer von den beiden Propheten im Recht war.

Zweites Buch.

Erstes Kapitel.

Der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch war vorüber und der

erwachende Morgen verhieß einen heiteren und stillen Tag.

Tuberozow, von der Messe zurückgekommen, saß beim Tee, auf demselben

Sofa, auf dem er nachts geschlafen, und vor demselben Tisch, an dem

er seine Memorabilien geschrieben hatte. Die Pröpstin bediente ihren

Gatten, um dessen Ruhe sie so besorgt war, daß sie ihm alles an den

Augen abzusehen suchte und nicht wagte, durch irgendeine Frage seine

ernsten Gedanken zu stören. Flüsternd befahl sie dem Dienstmädchen, die

beiden Pfeifen des Propstes mit Shukowschem Knaster zu stopfen und sie

in den Ständer in der Ecke zu stellen, und dann setzte sie sich ihm

gegenüber und wartete, das Kinn auf die Hand gestützt, bis der Propst

das erste Glas geleert habe und ein zweites verlangen würde.

Aber ehe es so weit war, wurde ihre Aufmerksamkeit durch einen

ungewöhnlichen Lärm ganz in der Nähe des Hauses abgelenkt. Man

vernahm hastige Schritte und wirre Stimmen, die sich hin und wieder

zu wütendem Geschrei verdichteten. Die Pröpstin schaute zum Fenster

ihres Schlafzimmers hinaus und sah, daß Lärm und Geschrei von einer

Menschenmenge herüberdrangen, welche sich mit großer Hast geradewegs

auf ihr Haus zu bewegte.

»Was kann das sein?« dachte die Pröpstin, ging ins Wohnzimmer zurück

und sagte ihrem Manne:

»Sieh doch, Vater Sawelij, was da für eine Menge Leute kommt.«

»Leute gibt es viel, meine Liebe, aber es sind keine Menschen

darunter,« antwortete Sawelij ruhig.

»Nein, du solltest wirklich hinaussehen, es sind ihrer furchtbar viele.«

»Laß sie doch rumlaufen, soviel sie wollen; gib mir lieber noch ein

Gläschen Tee.«

Die Pröpstin nahm sein Glas, füllte es, reichte es ihm und trat wieder

ans Fenster. Der lärmende Haufe war verschwunden. Nur drei oder vier

aus ihm standen noch herum und blickten mit offenkundiger Verlegenheit

nach dem Tuberozowschen Hause.

»Um Gotteswillen, brennt es nicht irgendwo bei uns, Vater Sawelij!«

rief die Pröpstin und stürzte entsetzt ins Zimmer ihres Gatten, aber

schon an der Schwelle blieb sie stehen und begriff endlich, was

eigentlich geschehen war.

Die Tür zum Wohnzimmer ging lärmend auf und in der Wohnstube des

Propstes erschien der Diakon Achilla, und dicht hinter ihm, feuerrot

und ganz verwirrt, der Kommissar, welchen Achilla fest am Ohr hielt.

»Vater Propst,« begann Achilla, indem er Danilka losließ und die Hände

dem Propst entgegenstreckte.

Tuberozow segnete ihn.

Hierauf trat auch Danilka vor Sawelij hin und nahm den Segen in

Empfang.

Nachdem dies geschehen war, packte der Diakon ihn wieder fest am Ohr,

riß ihn zwei Schritte zurück und fing an:

»Stellt Euch vor, Vater Sawelij, eben gehe ich die Straße entlang,

da höre ich laut reden. Ein paar Kleinbürger sprechen vom gestrigen

Regen, den uns der liebe Gott auf unseren Bittgottesdienst gesandt

hat, -- und jener dort« -- Achilla stieß den Zeigefinger seiner linken

Hand dem ängstlich zwinkernden Danilka gerade in die Nase -- »wagt zu

widersprechen!«

Tuberozow hob den Kopf.

»Denkt nur, er behauptete,« fuhr der Diakon fort und zog Danilka

näher zu sich heran, »er behauptete, der Regen, den wir vorige Nacht

nach dem Bittgottesdienst gehabt hätten, sei gar nicht infolge des

Gottesdienstes gekommen.«

»Woher weißt du denn das?« fragte Tuberozow trocken.

Danilka schwieg verlegen.

»Denkt doch bloß, Vater Propst! Er behauptet, der Regen sei einfach

kraft eines Naturgesetzes gekommen.«

»Zu welchem Zwecke hast du die Betrachtungen angestellt?« fragte

Tuberozow.

»Ein Zweifel regte sich in mir,« antwortete Danilka bescheiden.

»Zu zweifeln hat ein so kompletter Ignorant, wie du, überhaupt nicht,

und also hat der Täter seinen Lohn dahin. Du hast bekommen, was du

verdientest. Und nun hinaus aus meinem Hause, du Schwätzer.«

Nachdem der Freigeist Danilka auf diese Weise an die Luft befördert

war, nahm der Propst wieder am Teetisch Platz, trank sein Glas

schweigend aus, und als er damit fertig war, wandte er sich an den

Diakon Achilla. »Und du, Vater Diakon, -- hast du die Absicht, noch

lange so zu wüten? Hab' ich dich nicht ermahnt, deine Hände davon zu

halten?«

»Es geht nicht, Vater Propst; ich konnte mich nicht bezwingen; ich

wollte Euch schon längst davon Mitteilung machen, wie er -- denkt nur

-- immer gegen die Gottheit und gegen die Schrift redet.«

»Und da mußtest du dich vor allem Volke mit ihm prügeln?«

»Und wenn's auch vor allem Volke war, -- was ist denn dabei, Vater

Propst? Ich bin ein Diener des Altars und muß an jedem Ort für meinen

Glauben eintreten. Der heilige Nikolaus hat dem Ketzer Arius auch vor

allem Volke eins ausgewischt ...«

»Du bist aber nicht der heilige Nikolaus,« fiel ihm Tuberozow ins Wort.

»Du bist eine simple Krähe, verstehst du, und als solche hast du dich

nicht um Dinge zu kümmern, die dich nichts angehen. Was hast du mit

deinem Knüppel so zu fuchteln? Du hast wohl vergessen, daß ein Knüppel

zwei Enden hat? Du verläßt dich immer auf deine Kraft, du Dromedar!«

»Das tu ich.«

»Tust du's? Nun, so tu es lieber nicht. Nicht deine Kraft hat dich

gerettet, sondern das da,« -- sagte der Propst und zog den Diakon am

Ärmel seiner Kutte.

»Wollt Ihr mir das zum Vorwurf machen, Vater Propst? Ich bin mir der

Würde meines Amtes bewußt.«

»So? Du bist dir der Würde deines Amtes bewußt?«

Mit diesen Worten trat der Propst dem Diakon einen Schritt näher,

schlug sich mit der flachen Hand auf das Knie und flüsterte:

»Ist es Euch vielleicht bekannt, Vater Diakon, wer mit den

Handlungsgehilfen vor dem Kolonialwarenladen sitzt und Zigaretten

raucht?«

Der Diakon wurde verlegen und erwiderte hastig:

»Ja, gewiß hab' ich, Vater Propst ... Ich kann's nicht leugnen ... Aber

das geschah nur aus Unvorsichtigkeit, Vater Propst, wirklich nur aus

Unvorsichtigkeit.«

»Seht nur, ihr Leute, was wir für einen feinen Diakon haben, wie famos

er die Zigaretten zu drehen versteht.«

»Nein, wirklich, Vater Propst, nicht deswegen war es. Was hätt' ich

mich groß damit zu rühmen? In bezug auf das Tabakskraut sind auch

andere geistliche Personen nicht sehr enthaltsam.«

Tuberozow maß den Diakon von Kopf bis zu Fuß mit einem sehr

vielsagenden Blick, dann warf er den Kopf zurück und fragte:

»Was willst du damit sagen? Daß der Propst auch Tabak raucht, nicht

wahr?«

Der Diakon war so verlegen, daß er nichts zu erwidern vermochte.

Tuberozow wies mit der Hand nach der Zimmerecke, wo seine drei Pfeifen

standen.

»Was rauche ich wohl, Vater Diakon?«

Der Diakon schwieg.

»Habt die Güte, mir Antwort zu geben. Was rauche ich? Rauche ich

Pfeifen?«

»Ihr raucht Pfeifen,« antwortete der Diakon.

»Pfeifen? Ausgezeichnet. Und wo rauche ich sie? Rauche ich sie zu

Hause?«

»Ihr raucht sie zu Hause.«

»Manchmal rauche ich auch eine bei guten Freunden, die ich besuche.«

»Ihr raucht auch manchmal bei guten Freunden.«

»Aber nicht mit Ladenjungen vor dem Tor!« rief Tuberozow und schlug

mit dem rechten Zeigefinger drohend gegen die linke Handfläche. »Geh

jetzt deines Weges und hab' Acht auf dich,« schloß er. »Es kommt eine

neue Ordnung, es wird ein neues Gerichtsverfahren eingeführt, es kommen

neue Gebräuche, nichts soll mehr im Verborgenen bleiben, sondern alles

offenbar werden; dann werde ich dich nicht mehr schützen können.«

Nach diesen Worten trat der Propst mit seinem großen Fuß auf einen

Strohstuhl und langte vorsichtig den gelben Käfig mit dem Kanarienvogel

herunter.

»Pfui! Daß Gott sich erbarme! Da hab' ich den Glauben verteidigen

wollen und wieder war's ein Reinfall!« brummte Achilla vor sich

hin, als er das Haus des Propstes verlassen hatte und mit schnellen

Schritten auf ein kleines gelbes Häuschen zuging, aus dessen offenen

Fenstern ein ganzer Haufen blonder Kinderköpfchen herausguckte.

Der Diakon stieg eilig die Verandastufen hinauf, trat ins Vorhaus und

öffnete, nachdem er mit der Stirn erst gegen den Querbalken gerannt

war, die Tür zum Wohnzimmer.

In dem niedrigen Raume ging der dürre, winzige Zacharia im Leibrock,

die Hände auf dem Rücken, eine lange silberne Kette auf der

eingefallenen Brust, auf und ab.

Achilla betrat dieses Haus mit einem ganz anderen Gesicht und in ganz

anderer Haltung, als das des Propstes. Die Verwirrung, in der er sich

befunden hatte, als er das Haus Tuberozows verließ, war geschwunden,

und schon erfüllten ihn eitel Milde und Güte.

»Nun, Vater Zacharia! Nun, Brüderlein, liebes ... Nun!« begann er

ungeduldig in der Tür.

»Was gibt's?« fragte Zacharia mit sanftem Lächeln. »Was drehst und

windest du dich so?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann der dürre

Pfarrer wieder auf- und abzulaufen.

Der Diakon brach erst in ein lustiges Lachen aus und rief dann:

»Ach, Freundchen, hat das wieder eine Kopfwäsche gegeben! Ach, Vater,

sogar der Schädel tut mir weh von der Seife. Kann ich mal fix einen

kippen?«

»Einen kippen? Schön! Aber wer hat dich denn vorgekriegt?«

»Wer sonst als der Justizminister!«

»Vater Sawelij!«

»Eben der! Es ist eine ganz ungewöhnliche Sache, Vater Zacharia.

Ich wollte mich verdient machen, aber er hat alles herumgedreht,

durcheinandergeschmissen. Erzählen läßt es sich gar nicht.«

Die Klerisei · 第 9 / 25 段