Augenblicklich standen beide Zimmer leer, aber Darjanow hörte im

Vorhause hinter der Tür eifrig jemand mit dem Hackmesser arbeiten,

und im Garten unter dem Fenster schien entweder Ziegel gerieben oder

Eisen gefeilt zu werden. Durchaus überzeugt, alles Klopfen führe zu

nichts, trat Darjanow an den Zaun, der das Gärtchen umgab, und begann

eine neue Musterung durch den Spalt, den er zwischen den Brettern

entdeckte. Es war aber nicht so leicht, denn an den Zaun lehnte sich

dichtes Gesträuch, das den Menschen, der da mit den Ziegeln oder

der Feile arbeitete, nicht sehen ließ. Darjanow mußte sich einen

neuen Beobachtungspunkt suchen. Er trat mit der Fußspitze auf ein

vorspringendes Brett, faßte mit der Hand den oberen Rand des Zaunes

und schwang sich empor. Jetzt konnte er den ganzen kleinen, aber

dichtbewachsenen und sehr reinlich gehaltenen Garten übersehen. Quer

hindurch ging ein von der Hostienbäckerin eigenhändig angelegter,

sauber mit gelbem Sand bestreuter Weg, auf welchem der Lehrer Warnawa

saß. Er hielt die ausgestreckten Beine auseinandergespreizt, wie Kinder

beim Ballspielen. Zwischen seinen Knien lag auf dem Sande ein ganzer

Haufen Menschenknochen und ein Bogen blaues Packpapier. In jeder Hand

hielt er einen Ziegelstein und rieb sie mit gewaltiger Kraftanstrengung

aneinander. Der Schweiß floß in Strömen über sein Gesicht, obgleich er

im Schatten saß und alle irgend überflüssigen Toilettenstücke abgelegt

hatte. Er war barfuß und nur mit Hemd und Hose, welch letztere nur

durch einen Träger gehalten wurde, bekleidet.

»Warnawa Wasiljewitsch, machen Sie mir auf!« rief Darjanow ihm zu, aber

dieser Ruf verhallte ergebnislos.

Eher hätten die Toten auf dem verfallenen Friedhof dem Gast Bescheid

geben können, als der ganz in seine Arbeit vertiefte Lehrer. Sobald

Darjanow das begriffen hatte, verzichtete er auf weiteres Rufen und

sprang vom Zaun mitten in den Garten hinein. Er sprang leicht und

gewandt, aber die alten, wackligen Bretter schlugen trotzdem krachend

aneinander und erschreckten den Lehrer dermaßen, daß er in größter

Hast seine Ziegelsteine fallen ließ und, auf allen Vieren stehend, die

Knochen zusammenzusuchen begann.

»Na, Warnawa Wasiljewitsch, guter Freund! Sie sind aber vertieft in

Ihre Arbeit! Man kann sich ja die Lunge aus dem Halse schreien!«

begrüßte ihn der Gast hervortretend. Als Warnawa ihn erkannte, ging

ein Leuchten über sein Antlitz, und er zwinkerte mit den Augen, als er

sagte:

»Ah, Sie sind's! Und ich dachte, es wäre der Achilla.«

Mit diesen Worten breitete der Lehrer freudig die Arme aus, und der

ganze Haufen Knochen plumpste auf den Weg, als würde plötzlich das

Innere des Mannes ausgeschüttet.

»Ach, Valerian Nikolajewitsch,« meinte er, »wenn Sie wüßten, was

hier vorgeht. Nein, hol's der Teufel, -- da soll man noch in diesem

verfluchten Rußland bleiben!«

»Um Gotteswillen, was ist denn passiert? Wollen Sie es mir nicht

verraten?«

»Ja gewiß, wenn ... wenn Sie kein Spion sind.«

»Ich glaube nicht.«

»Dann setzen Sie sich auf die Bank und ich will weiter arbeiten. Setzen

Sie sich nur, mir ist Ihre Gegenwart sogar sehr angenehm; ich habe so

wenigstens einen Zeugen.«

Der Gast kam der Aufforderung nach und bat den Lehrer noch einmal,

zu berichten, was für ein Leid ihn betroffen hätte und wie alles so

gekommen wäre.

Zehntes Kapitel.

»Mein Leiden begann mit meiner Geburt, Valerian Nikolajewitsch,« fing

der Lehrer an, »und wurzelt in der Hauptsache darin, daß ich von meiner

Mutter geboren bin.«

»Trösten Sie sich, lieber Freund, alle Menschen sind von ihren Müttern

geboren,« entgegnete Darjanow und wischte sich den Schweiß von der

Stirn. »Nur Macduff wurde aus dem Mutterleibe geschnitten, und auch

nur, damit Macbeth von keinem besiegt werde, den ein Weib gebar.«

»Na ja, Macbeth! ... Was schert mich euer Macbeth? Wir brauchen keinen

Macbeth, wir brauchen Aufklärung. Aber was soll man machen, wenn man

hier nicht studieren kann? Ich kann es ohne weiteres beschwören, daß

weder in Petersburg, noch in Neapel, noch sonstwo in der Welt der

Mensch, der etwas lernen will, auf solche Hindernisse stößt, wie hier

bei uns. Da redet man von Spanien ... Aber wie ist's mit Spanien? In

Spanien ist die Lutherbibel verboten. Schön! Dafür aber haben sie

auch Verschwörungen und Aufstände und Gott weiß was alles. Ich bin

überzeugt, wenn sich dort jemand ein Skelett zu wissenschaftlichen

Zwecken anschafft, so wird niemand was dagegen einzuwenden haben. Aber

hier? Kaum hatte ich die Knochen präpariert, so ließ meine eigene

Mutter mir keine Ruhe mehr. ›Sei lieb, Warnawa, mein Kind, ich will ihn

beerdigen.‹ Was heißt das: ›ihn‹? Was ist das für ein ›Er‹? Warum sind

diese Knochen ein Er und keine Sie? Hab' ich recht oder nicht?«

»Vollkommen recht.«

»Ausgezeichnet. Jetzt sagt man, daß ich meiner Mutter nicht vernünftig

zuzureden verstehe. Ja, was soll ich denn noch sagen? ›Mütterchen, laßt

die Knochen in Ruhe,‹ sprach ich. ›Ihr versteht nichts davon. Ich habe

sie nötig, ich studiere den Menschen daran.‹ Aber was soll ich machen,

wenn sie mir stets darauf antwortet: ›Weißt du, lieber Warnascha, es

ist doch besser, wenn ich ihn begrabe.‹ -- -- Das ist doch nicht zum

Aushalten.«

»Allerdings.«

»Ich sagte ihr, um sie los zu werden: ›Was quält Ihr Euch um ihn,

Mutter, er war ein Jude.‹ Aber sie glaubt mir nicht. ›Du lügst,‹

meint sie, ›das gibt dir der Teufel ein. Ich weiß es doch besser, die

Juden haben alle Schwänzchen.‹ Niemals, sage ich, haben die Menschen,

gleichviel ob Juden oder Nichtjuden, Schwänze gehabt. Und dann fängt

der Zank an. Ich trete, wie sich's gehört, für die Juden ein, und sie

widerspricht mir. Ich beweise ihr, sie hätten keine Schwänze, aber sie

besteht darauf: Ja -- nein -- mit Schwanz -- ohne Schwanz ... heißt es.

Und wenn sie sich gar nicht mehr zu helfen weiß, dann zischt sie nur

noch: Kusch -- kusch -- kusch -- und fuchtelt mir mit den Händen vor

der Nase herum, als wär' ich ein Huhn, das sie von den Gemüsebeeten

verjagen will. Und da verlangt man noch, man solle den Frauen Freiheit

geben. Ich bin gewiß für die Emanzipation, aber man muß die Sache mit

Vernunft anfangen: einer jungen, entwickelten Frau, die sich in ihrem

Tun keinen Zwang auferlegen will, soll man die Freiheit geben, aber

diesen alten Weibern -- -- Nein, dagegen bin ich durchaus, und wundere

mich, daß noch niemand diese Frage öffentlich behandelt hat. Hinter

all dem stecken die Pfaffen mit diesem Tuberozow an der Spitze.«

»Sie übertreiben!«

»Warum nicht gar! Ich habe die Beweise dafür in der Hand. Tuberozow hat

mich nie leiden mögen, jetzt aber haßt er mich einfach wegen meiner

naturwissenschaftlichen Studien. Ich habe ihn ja einmal geschnitten.«

»Wie haben Sie denn das gemacht?«

»Nicht einmal, hundertmal hab' ich ihn schon geschnitten, -- zuletzt

noch in der vorigen Woche. Damals in der Schule, im Sprechzimmer des

Inspektors, fing er an zu predigen, die Feiertage seien etwas ganz

Besonderes, -- da hab' ich ihn in aller Gegenwart geschnitten. Ich

wies ihn einfach darauf hin, es sei mathematisch bewiesen, daß die

Festlegung der Feiertage fehlerhaft sei. Wie steht's denn um unsere

Feste? fragte ich. Wir feiern Weihnachten, und im Auslande haben sie es

schon dreizehn Tage früher gefeiert. Hab' ich nicht recht?«

»Es sind aber nur zwölf Tage, nicht dreizehn.«

»Nun gut, zwölf, darauf kommt es nicht an. Aber er schlug gleich mit

der flachen Hand auf den Tisch und schrie: ›Paß auf, du Mathematikus,

daß man dir dafür nicht noch mal in die Physik fährt!‹ Ich frage Sie:

was meint er mit dem Worte Physik? Sie werden mich verstehen, -- so

redet doch nur ein Ignorant oder Zyniker, -- und: ist das überhaupt

eine Antwort, frage ich Sie?«

Der Gast lachte und sagte, eine Antwort sei es schon, aber freilich

eine höchst merkwürdige.

»Einfach dumm ist sie. Aber so geht es tagaus, tagein. Gestern abend

erst komme ich von der Biziukina, und wenige Schritte vor mir geht der

Kommissar Danilka, -- wissen Sie, jener Herumtreiber, der für zwei

Rubel das Pferd beim Glitsch wegführte, als Achilla Butter schlagen

mußte. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Wo warst du, Danilka? frag'

ich ihn. Er antwortet, er sei beim Polizeichef gewesen und habe ihm

Beeren von der Postmeisterin gebracht. Dort habe man gerade von mir

gesprochen, der Diakon sei dagewesen, bemerkte er noch. Ich geriet

natürlich in Aufregung, aber er suchte mich zu beruhigen: ›Nicht von

Ihnen selbst war die Rede, sondern von dem toten Menschen, den Sie

bei sich haben.‹ Begreifen Sie das Intrigenspiel? Ich gab dem Danilka

zwanzig Kopeken. Was sollte ich machen? Es ist ja nicht schön, aber

es geht nicht ohne Spione. Und nun berichtete er mir, der Diakon habe

gesagt, es sei ein großer Fehler, mir den Ertrunkenen überlassen zu

haben. Aber man kann es noch wieder gutmachen. Der Stadthauptmann kennt

natürlich meinen Charakter und meinte deshalb auch, ich würde die

Knochen nicht wieder zurückgeben, -- und ich geb' sie auch bestimmt

nicht heraus! Achilla aber riet: ›Man nimmt sie ihm einfach fort und

bestattet sie in aller Ruhe.‹ Da meinte der Stadthauptmann: ›Sollte man

vielleicht einen Schutzmann nach den Knochen schicken?‹ Jedoch dieser

Bandit antwortet: ›Ich brauche keinerlei polizeiliche Hilfe. Ich hole

sie einfach, lege sie in einen Kindersarg und die Sache ist erledigt.‹«

Plötzlich stürzte Prepotenskij auf die Gebeine los, breitete die Hände

über sie aus, wie eine Henne ihre vor dem Habicht flüchtenden Küchlein

mit den Flügeln bedeckt, und sagte mit erregter Stimme:

»Bitte sehr! Solange ich am Leben bin, wird die Sache nicht gemacht! Es

ist schon genug, daß Ihr alles verzögert!«

»Was verzögern ›sie‹ denn?«

»Als ob Sie das nicht wüßten!«

»Etwa die Revolution?«

Der Lehrer brach seine Arbeit ab und nickte spöttisch.

Elftes Kapitel.

»Nachdem ich dies alles von Danilka gehört hatte,« fuhr Warnawa fort,

»begab ich mich zur Biziukina zurück, um sie davon in Kenntnis zu

setzen, und eine Stunde später, als ich nach Hause kam, waren alle

Knochen schon fort. ›Wo sind sie geblieben? Wo?‹ schrei' ich, -- und

diese Dame, meine Frau Mama, antwortet: ›Sei nicht bös, mein lieber

Warnaschenka (haben sie mir schon so einen scheußlichen Namen gegeben,

muß er jetzt auch noch so ekelhaft verdreht werden), sei nicht bös,

die Obrigkeit hat sie holen lassen.‹ -- ›Was ist das wieder für ein

Blödsinn,‹ schrei' ich, ›von was für einer Obrigkeit quasselt Ihr

denn?‹ -- ›Während du fort warst,‹ sagt sie, ›kam der Diakon Achilla

ans Fenster und hat sie alle mitgenommen.‹ Was sagen Sie dazu? ›Seit

wann gehört der Diakon zur Obrigkeit?‹ -- ›Ja, Lieber,‹ sagt sie,

›wieso denn nicht? Er hat doch die Weihen empfangen.‹ Wie soll man mit

einer solchen Person reden? Sie lachen, Ihnen kommt das komisch vor,

mir aber war gar nicht lächerlich zumute, als ich selber zu diesem

Banditen hingehen mußte. Jawohl! Achilla nennt mich feige und alle

glauben es, aber gestern habe ich bewiesen, daß ich kein Feigling bin;

geradewegs begab ich mich zu Achilla. Als ich hinkam, schnarchte er

bereits. Ich klopfte ans Fenster und rief: ›Gebt mir meine Knochen

heraus, Achilla Andrejewitsch.‹ Es dauerte eine Weile, bis er erwachte,

und sofort mit seinen Unverschämtheiten loslegte: ›Was willst du mit

den Knochen? (Was soll dies familiäre Du? Seit wann sind wir so intim?)

Du bist ohne Knochen viel netter.‹ -- ›Das geht Euch gar nichts an, ob

und wann ich netter bin.‹ -- ›Im Gegenteil, das geht mich sogar sehr

viel an, denn ich bin eine geistliche Person.‹ -- ›Aber Ihr habt nicht

das Recht, fremdes Eigentum fortzunehmen.‹ -- ›Sind denn Totengebeine

Eigentum? Du solltest erst mal kapieren, daß du solches Eigentum gar

nicht besitzen darfst.‹ Darauf erwiderte ich ihm, daß der Diebstahl

den geistlichen Personen doch wohl auch nicht gestattet sei: er kenne

wahrscheinlich die englischen Gesetze nicht. In England könne er dafür

gehenkt werden. Und was antwortet er mir? ›Wenn du mir von allerlei

Gesetzen vorschwatzen willst, dann bedenke gefälligst, daß du dafür

nach der Gendarmeriekanzlei gebracht werden kannst. Da schiebt man dich

bis zum Gürtel ins Kellerloch und dann setzt es Rutenhiebe mit zwei

Bündeln zugleich. Dann hast du dein England.‹ Und damit schmeißt er

sich wieder auf sein Bett. Jetzt war mir alles klar. Ich ging sofort

zu Biziukins, um gleich alles Daria Nikolajewna zu erzählen, die ganz

meiner Meinung war. Wie ich ihr gestern meine Vermutungen über den

Diakon Achilla mitteilte, sagte sie sofort: ›Natürlich ist er ein

Spion! In Ihrer gegenwärtigen, gefährlichen Lage muß es Ihre Hauptsorge

sein, wieder in den Besitz der Knochen zu gelangen und sie dann aufs

allereifrigste zu Lehrzwecken auszunutzen. Achilla kann sie jetzt bei

Nacht noch nicht fortgeschafft haben, und wenn Sie sich gleich zu ihm

schleichen, so können Sie sie wiederbekommen. Passen Sie nur auf, daß

er Sie nicht erwischt, sonst könnte er Sie arg verhauen ...‹«

»Verhauen?«

»So meinte sie, weil sie die Gewohnheiten des Achilla gut kennt, und

fügte noch hinzu: ›Lassen Sie sich aber nicht beirren. Nehmen Sie mein

dickes, gemustertes Tuch und wickeln Sie es sich um den Hals. Auf den

Kopf setzen Sie meine wattierte Winterkappe. Wenn er Sie dann wirklich

ertappt und zuschlägt, so sind Sie geschützt und es tut Ihnen nicht

weh.‹ Ich legte alles an und zog los. So kam ich denn zum zweitenmal

in den Hof dieses Viehes. Der Hund schlug an, aber Daria Nikolajewna

hatte auch das vorausgesehen und mir ein Stück Kuchen für den Köter

mitgegeben. Ich fütterte ihn und ging weiter, bis ich vor mir einen

Karren stehen sah. Ich stürze auf ihn zu, -- und richtig, da lagen sie

alle drinnen, alle meine Knochen.«

»Sie machten sich natürlich gleich an die Arbeit?«

»Versteht sich! Ich nahm die Kappe vom Kopf, wickelte die Knochen

hinein und raste im schnellsten Tempo davon.«

»Und damit war die Geschichte zu Ende?«

»Zu Ende? Nein, jetzt war sie erst in vollem Gange. Soll ich

weitererzählen?«

»Ich bitte darum!«

Zwölftes Kapitel.

»Erst muß ich Ihnen noch erklären, wie und warum ich heute in die

Kirche gekommen bin. Früh fährt Alexandra Iwanowna Serbolowa bei uns

vor. Sie kennen sie sicher besser als ich. Sie ist strenggläubig

und ihre Anschauungen sind überhaupt stark rückständig, aber sie

unterstützt meine Mutter in diesem und jenem, und deshalb bringe ich

das Opfer und vermeide es, mit ihr zu streiten. Aber wozu sage ich das?

Ach ja, -- wie sie gekommen war, sagte meine Mutter zu mir: ›Steh auf,

mein lieber Warnaschenka, und begleite Alexandra Iwanowna zur Kirche,

damit die Hunde des Akziseeinnehmers ihr nichts zu Leide tun.‹ So ging

ich mit. Sie wissen, ich betrete die Kirche sonst nie; aber schließlich

können mir weder Achilla noch Sawelij dort etwas anhaben, und so tat

ich's eben. Aber wie ich da stehe, fällt mir plötzlich ein, daß ich

meine Zimmertür nicht abgeschlossen habe. Ich laufe deshalb so schnell

ich kann nach Hause, finde aber meine Mutter nirgends. Ich werfe einen

Blick auf die Wand, -- die Knochen sind weg!«

»Sie hatte sie begraben?«

»Jawohl!«

»Ohne Scherz?«

»Als ob man mit +der+ Frau scherzen könnte! Ich bat und bettelte:

›Liebes, gutes Mütterlein, ich will Euch lieben und ehren, aber sagt

mir, wo habt Ihr meine Knochen gelassen?‹ ›Frage nicht, Warnascha,

mein Liebling, sie haben jetzt Ruhe.‹ Ich versuchte, was ich konnte,

ich weinte, drohte mit Selbstmord, versprach ihr endlich sogar, fortan

jeden Tag zu beten, -- es half alles nichts! Voller Wut ging ich zur

Schule, fest entschlossen, heute nacht den Spaten zu nehmen, eins

der alten Gräber hier auf dem Friedhof aufzugraben und mir ein neues

Skelett zu verschaffen; denn diesen Triumph durfte ich der Bande nicht

gönnen. Ich hätte es auch ganz bestimmt getan. Wäre das nicht ein

sogenanntes Verbrechen gewesen?«

»Sogar ein großes.«

»Sehen Sie. Und wer hätte mich dazu gebracht? Die eigene Mutter! Sicher

wäre es so gekommen, wenn nicht zu meinem Glück ein Junge in die Klasse

getreten wäre, der erzählte, am Flußufer hätte ein Schwein Knochen

ausgegraben. Ich stürze hin, fest überzeugt, daß es meine Knochen sind,

-- was auch der Fall war. Das Volk schwatzt von Wiederbegraben, ich

jedoch jage das Pack zu allen Teufeln. Plötzlich höre ich den Achilla

nahen. Ich raffe meine Knochen rasch zusammen und renne, was ich rennen

kann. Achilla kriegt mich am Rock zu fassen. Ich wende mich um, --

krach! Der Rockschoß ist zum Teufel. Achilla packt mich am Kragen, --

wieder kracht's, und der Kragen ist auch zum Teufel. Nun hat er mich

bei der Weste. Krach! Die Weste ist mitten entzwei gerissen. Er will

mir nun an den Hals. Ich aber renne, was ich rennen kann, -- und sitze

jetzt hier und säubere die Knochen. Da kamen Sie und erschreckten mich

von neuem. Ich meinte, es wäre Achilla.«

»Aber was denken Sie, Achilla wird doch nicht über Ihren Zaun steigen!

Er ist doch Diakon.«

»Jawohl, Diakon! Sie haben gut reden. Der kümmert sich viel darum.

Mir sagte der Kommissar Danilka gestern, Achilla hätte beim Abschied

zu Tuberozow geäußert: ›Nun, Vater Sawelij, bis ich diesen Warnawa

kleingekriegt habe, sollt Ihr mich nicht Achilla den Diakon, sondern

Achilla den Krieger nennen.‹ Mag er Krieg führen soviel er will,

ich fürchte ihn nicht. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Ich bin

nämlich zu der Überzeugung gekommen, daß ich hier nicht länger bleiben

kann. Ich korrespondiere mit verschiedenen Leuten in Petersburg, von

denen einer ein großes Unternehmen plant, an dem ich mitwirken kann.

Freilich macht sich bereits auch dort die Gemeinheit breit, -- und

die gesinnungstüchtigsten Zeitungen fangen schon an, sich über die

wachsende Begeisterung für die Naturwissenschaften lustig zu machen.

Haben Sie es gelesen?«

»Ja, ich glaube etwas Ähnliches gelesen zu haben.«

»Aha! Also auch Ihnen leuchtet es ein! Nun sagen Sie mal, wozu

haben sie uns denn dann immerfort dazu angetrieben, an Fröschen zu

experimentieren und so weiter?«

»Das weiß ich nicht.«

»Das wissen Sie nicht? Nun, dann will ich es Ihnen sagen! Das soll den

Leuten nicht so durchgehen! Ich packe meine Knochen zusammen, fahre

nach Petersburg und hau sie ihnen einfach in die Fratzen, mitten in die

Fratzen! Dann mögen sie mich vor ihren Friedensrichter schleppen --«

Dreizehntes Kapitel.

»Hahaha! Da tun Sie recht daran!« rief plötzlich die Serbolowa, die,

von den beiden Männern unbemerkt, hinter einem Kirschstrauch gestanden

hatte.

Prepotenskij schlug sein aufgeknöpftes Hemd über der Brust zusammen,

richtete sich auf und sagte, indem er zugleich die ganz mit Ziegelstaub

bestreuten Hosen mit der anderen Hand in die Höhe zog:

»Entschuldigen Sie, Alexandra Iwanowna, daß ich so mangelhaft bekleidet

bin ...«

»Macht nichts. Mit einem Arbeitsmann rechtet man nicht wegen seiner

Toilette. Aber kommen Sie jetzt. Ihre Frau Mutter bittet, zum Essen zu

kommen.«

»Nein, Alexandra Iwanowna, ich komme nicht. Ich kann mit meiner Mutter

nicht mehr zusammenleben. Zwischen uns ist alles aus.«

»Sie sollten sich schämen, so zu reden. Ihre Mutter liebt Sie doch so

sehr.«

»Ihr Vorwurf trifft mich nicht. Sie hält es mit meinen Feinden, sie

vergräbt meine Knochen. -- Wenn ich mir eine Zigarette an dem Lämpchen

vor dem Heiligenbilde anzünde, spielt sie gleich die Gekränkte.«

»Warum müssen Sie aber auch Ihre Zigaretten ausgerechnet am

Heiligenlämpchen anstecken? Als ob Sie nicht anderswo Feuer bekommen

können!«

»Trotzdem ist das doch zu dumm!«

Alexandra Iwanowna lächelte und sagte:

»Besten Dank!«

»Sie meine ich doch nicht! Ich rede von dem Lämpchen. Feuer ist Feuer.«

»Eben darum können Sie Ihre Zigarette auch sonstwo anzünden.«

»Ach, man kann es ihr doch nie recht machen. Gestern gab ich unserem

Hunde etwas Suppe von unserer Schüssel, da fängt die Mutter gleich

jämmerlich an zu heulen und schlägt zuletzt vor Ärger die Schüssel in

Stücke. ›Ich kann sie nun doch nicht mehr brauchen,‹ meint sie, ›da

der Hund sie angerochen hat.‹ Ich bitte Sie, meine Herrschaften, --

Sie, Valerian Nikolajewitsch, haben doch auch Physik studiert, kann

man etwas ›anriechen‹?! Beriechen kann man eine Sache, herausriechen

kann man etwas, -- aber anriechen?! Nur ein kompletter Dummkopf kann so

reden!«

»Sie hätten dem Hunde sein Essen aber auch in einem andern Gefäß geben

können!«

»Gewiß. Aber warum?«

»Um Ihrer Mutter nicht weh zu tun.«

»Ach, so sehen Sie die Sache an! Meiner Ansicht nach ist alles Lavieren

eines ehrlichen Menschen unwürdig.«

Die Serbolowa lachte leise, reichte Darjanow den Arm und beide gingen

zum Essen, den Lehrer mit seinem Knochenhaufen allein lassend.

Vierzehntes Kapitel.

Die Hostienbäckerin Prepotenskaja, ein kleines altes Frauchen mit einem

winzigen Gesicht und ewig erstaunten, gutmütigen Äuglein, über welchen

die Brauen gleich Apostrophen hingen, bat Darjanow um Entschuldigung,

daß sie sein Klopfen nicht gehört habe, beugte sich über den Tisch zu

ihm hinüber und fragte flüsternd:

»Haben Sie meinen Warnascha gesehen?«

Darjanow bejahte.

»Er bringt mich zur Verzweiflung, Valerian Nikolajewitsch,« klagte die

Alte.

»Was sorgen Sie sich deshalb so sehr? Er ist jung, und Jugend hat keine

Tugend. Wenn er älter wird, wird er auch vernünftiger. Und wenn er erst

eine Frau hat ...«

»Eine Frau? Wie soll ich ihn denn dazu bringen, daß er heiratet? Das

ist ganz unmöglich. Er ist ja ganz verdreht. An den lieben Gott glaubt

er nicht; Fleisch und Milch genießt er an allen Fastentagen, sogar in

der Karwoche, und ich muß Ihnen gestehen, lieber Freund, ich fürchte

mich, besonders abends ...«

Die schwarzen Apostrophe über den Äuglein der winzigen, ängstlichen

Alten schoben sich unruhig hin und her. Sie zuckte zusammen und

flüsterte:

»Und zu alledem, lieber Freund, habe ich immer schreckliche Träume,

so daß ich beim Erwachen gleich bete: ›Sankt Simeon, deute mir mein

Traumgesicht.‹ Könnte ich mich mit jemand im Hause darüber aussprechen,

so ertrüge ich es viel leichter; aber so bin ich immer und ewig allein

mit den Totengebeinen. Ich fürchte keinen Toten, über dem die Gebete

gesprochen sind, aber Warnascha erlaubt es ja nicht, daß ich die Gebete

lesen lasse.«

»Zürnen Sie ihm nicht, er ist trotz alledem ein guter Kerl.«

»Gewiß, gut ist er schon. Ich will auch nichts Böses von ihm sagen. Ich

war seine glückliche Mutter, und er war früher so gut gegen mich, bis

er in die Philosophieklasse kam. Damals, wenn er zu den Ferien nach

Hause kam, ging er auch in die Kirche, und ich führte ihn zum Vater

Sawelij, und der Vater Sawelij war freundlich gegen ihn und half ihm

auch in diesem und jenem, -- bis es dann plötzlich über ihn kam, ich

weiß selbst nicht wie und woher: er fing an, den Weisen zu spielen.

Seitdem wurde es mit jedemmal, wenn er aus dem Seminar kam, schlimmer

und schlimmer. Sagen Sie, was Sie wollen, ich kann es mir nicht anders

erklären, als daß er behext ist. Vater Zacharia hat mir neulich aus dem

›Familienblatt‹ vorgelesen, wie ein Sohn aus gutem Hause vom Teufel

besessen war, so daß zehn Mann nicht mit ihm fertig werden konnten.

Gerade so ist es mit Warnawa auch.«

Die Alte sprang auf, schlüpfte in die Küche, wischte sich dort die

Tränen aus den Augen, kam wieder ins Zimmer zurück und berichtete

weiter:

»Ich will es Ihnen nur gestehen, ich gebe ihm jeden Tag geweihtes

Wasser zu trinken. Er weiß natürlich nichts davon und merkt es nicht.

Ich geb's ihm aber. Es hilft nur leider nichts, und eine Sünde ist es

auch. Vater Sawelij sagt immer wieder, er verdiente, irgendwohin nach

Taschkent verschickt zu werden. Warum soll man es denn nicht noch

einmal mit Güte versuchen? denke ich. Er aber meint, mit Güte sei

da nichts zu machen, weil ihm alle natürlichen Gefühle fremd sind.

Aber wenn auch, mir ist es doch leid um ihn.« Und die Hostienbäckerin

verschwand wieder.

»So ein unglückliches Wesen,« sagte die junge Frau leise.

»Ja, freilich,« stimmte Darjanow ihr bei. »Und der Rüpel spielt noch

Komödie und kommt nicht mal zum Essen.«

»Gehen Sie doch noch mal hinaus und holen Sie ihn.«

»Er ist ja so störrisch wie ein Pferd und wird nicht kommen.«

»Das wollen wir doch sehen. Sagen Sie ihm, ich befehle es, ich sei

Agent der Geheimpolizei und wünschte ihn sofort hier zu sehen,

widrigenfalls ich Meldung mache, daß er nach Petersburg zu ziehen

beabsichtige.«

Darjanow lachte und ging hinaus, um Warnawa zu holen. Inzwischen hatte

der Lehrer seine Schätze in Sicherheit gebracht, und da die Arbeit

seinen Appetit mächtig angeregt hatte, fiel es ihm nicht leicht, sich

charakterfest zu zeigen und die Aufforderung zum Essen zurückzuweisen.

Die Klerisei · 第 8 / 25 段