Links von ihm schreitet langsam sein Kutscher, der längst schon

seinen Taufnamen verloren hat und von allen nur noch Komar (Mücke)

genannt wird. In seinen Händen befinden sich weder Folterinstrumente

noch Totenköpfe, noch ein blutbesprengter Leinwandsack, sondern er

trägt bloß eine Bank, einen alten roten Fußteppich und ein Paar

straff aufgeblasener Schwimmblasen, die mit einem Tuchstreifen

zusammengebunden sind.

Die dritte Gestalt, die uns vor einer Viertelstunde so grausig

erschien, mit ihrem Schlachtschild unter dem Arm, entpuppt sich als

die sehr bescheidene Gattin des Komar. »Mütterchen Felizata«, wie sie

von dem Hausgesinde genannt wird, trägt freilich eine sehr schwere

Last, die sich aber ganz und gar nicht zu kriegerischen Aktionen

eignet. Vor allem trägt die gute Frau ihren eigenen Leib, in dem ein

künftiger kleiner Komar junior dem Leben entgegenträumt. Unter dem

Arm aber hat sie eine hell in der Sonne glitzernde Messingschüssel,

in der ein Bastwisch liegt, mit einem Badehandschuh aus Tuch, im

Handschuh ein Stückchen Kampherseife, und auf dem Kopfe ein vierfach

zusammengefaltetes Badetuch.

Also ein durch und durch friedliches Bild.

Die weiße Gestalt, die am jenseitigen Ufer langsam zum Wasser

hinabschreitet, hat inzwischen auch alles Imponierende und damit

auch jede Ähnlichkeit mit dem Standbild des Komturs verloren. Der

Mann hat sich in ein weißes Badetuch gehüllt, und als er das Wasser

erreicht und das Tuch fallen läßt, ist es nicht mehr schwer, in ihm

den wohlbeleibten und ungefügen semmelblonden Kreisarzt Pugowkin zu

erkennen.

Der nackte Reiter auf dem langmähnigen roten Roß aber ist kein

anderer als der Diakon Achilla, und sogar der im Gekräusel der

Wellen auftauchende Kürbis gewinnt nach und nach ein wohlbekanntes

menschliches Aussehen: zwei sanfte blaue Augen und eine eingeknickte

Nase zeigen, daß wir es nicht mit einem Kürbis zu tun haben, sondern

mit dem Kahlkopf des alten Konstantin Pizonskij, dessen Greisenleib

ganz im kühlen Wasser steckt.

Es sind die Badeliebhaber von Stargorod, die von alters her an jedem

schönen Sommermorgen hier zusammenkommen und gemeinschaftlich sich des

frischen Wassers erfreuen.

Als erster stürzt sich der Arzt mit einem mächtigen Anlauf kopfüber in

den Fluß und schwimmt auf den großen breiten Stein zu, der sich in der

Mitte des Flusses einen Fuß hoch aus dem Wasser erhebt.

Mit ein paar mächtigen Schlägen hat er ihn erreicht, klettert auf seine

glatte obere Platte hinauf.

»Ich bin wieder der erste im Wasser!« ruft er lachend. Und brüllt dem

Achilla zu:

»Schwimm doch schneller, du Pharao! -- Kahlkopf, komm herauf! Kahlkopf,

komm herauf!«

Inzwischen ist Felizata zu dem Polizeichef getreten. Sie löst seinen

Gürtel, hilft ihm aus dem Schlafrock, so daß er in Unterhosen und einer

bunten Flanelljacke dasteht. Der Arzt auf dem Stein plätschert mit den

Füßen im Wasser, pfeift lustig vor sich hin und klatscht plötzlich den

herangeschwommenen Diakon Achilla so laut und kräftig mit der flachen

Hand auf den nackten Rücken, daß dieser aufschreit, nicht vor Schmerz,

sondern vor Schreck über das laute Klatschen.

»Was haust du mich mit solchem Lärm?«

»Pack mich nicht am Leib,« erwidert der Arzt.

»Wenn das aber meine Gewohnheit ist?«

»Gewöhn dir's ab,« antwortet der Arzt und pfeift laut.

»Ich gewöhn mir's auch ab, aber ich vergesse mich immer wieder.«

Der Arzt erwidert nichts und pfeift weiter. Der Diakon schüttelt den

Kopf, spuckt aus, bindet die Schnur auf, mit der sein Heldenleib

gegürtet ist, nimmt die daranhängende Bürste und den Striegel ab und

beginnt mit ebensoviel Eifer wie Sachkenntnis die Mähne seines Pferdes

zu reinigen. Das mächtige Tier, welches sich an der langen Leine

ziemlich frei bewegen kann, biegt den breiten Rücken und schlägt mit

seinen Knien das Wasser zu Schaum.

Dieses Landschafts- und Genrebild zeigt uns die Schlichtheit des

Stargoroder Lebens, wie die Ouvertüre die Musik der Oper andeutet. Aber

die Ouvertüre ist noch nicht zu Ende.

Siebentes Kapitel.

Am linken Flußufer, wo der Stadthauptmann immer noch zögert, hat der

Kutscher Komar den Teppich ausgebreitet, die mitgebrachte Bank darauf

gestellt, und nachdem er sich durch kräftiges Schütteln noch überzeugt

hat, daß sie feststeht, ruft er:

»Setzen Sie sich, Woin Wasiljewitsch, sie steht fest.«

Porochontzew geht schnell auf die Bank zu, rüttelt sie erst noch einmal

eigenhändig und setzt sich erst, nachdem er sich genügend überzeugt

hat, daß sie tatsächlich ganz feststeht. Kaum hat der Herr sich

gesetzt, so packt Komar ihn von hinten an den Schultern, und seine

Frau, welche die Schüssel nebst Bastwisch und Badetuch auf den Teppich

gestellt hat, beginnt den kriegerischen Stadtgewaltigen auszukleiden.

Erst nimmt sie ihm die Kalotte ab, dann die gestrickte Unterjacke, die

Pantoffeln und die Socken, legt hierauf ihre Handflächen vorsichtig an

die dürren Rippen des Rittmeisters und bleibt so unbeweglich stehen,

den Kopf etwas seitwärts gebogen.

»Nun, Felicie, geht es schon? Kann ich schon reiten?« fragt

Porochontzew.

»Nein, Woin Wasiljewitsch, noch schlägt der Puls,« antwortet Felizata.

»Na, wenn er noch schlägt, muß man warten. Aber du kannst hineinhupfen,

Komar.«

»Ich tu's auch gleich.«

»Hupf nur, Bruder, hupf! Schwimm einmal herum und komm dann wieder

raus. Dann wird geritten.«

»Wenn ich dann nur nicht zu schlüpfrig bin, Woin Wasiljewitsch. Dann

fallen Sie wieder runter, wie neulich.«

»Nein, nein, ich fall schon nicht.«

Komar wirft, hinter dem Rücken seines Herrn stehend, das Hemd ab und

stürzt sich mit einem mächtigen Anlauf ins Wasser, wo er alsbald

gewaltig mit den Armen zu arbeiten beginnt.

»Famos schwimmt dein Komar,« sagt Porochontzew.

»Ausgezeichnet,« entgegnet die Frau, welche sich anscheinend nicht im

geringsten geniert und auch keinen der Badenden durch ihre Anwesenheit

stört.

Felizata, eine frühere Leibeigene Porochontzews, ist es seit langem

gewohnt, ihren kränklichen Herrn zu bedienen, und bei dieser

Beschäftigung gibt es für sie keinen Geschlechtsunterschied. Inzwischen

ist Komar rund um den Stein geschwommen, auf dem die Badenden sitzen,

und wieder aus dem Wasser gekrochen und steht nun, den gekrümmten

Rücken einem Herrn zugewendet, vor der Bank. Woin Wasiljewitsch

klettert auf den Rücken, umfaßt den Hals des Kutschers mit beiden

Armen und reitet ins Wasser hinein. Der Rittmeister macht es fast

immer so, denn er liebt es nicht, barfuß auf dem scharfen Kies zu

gehen. Kaum hat jedoch das Wasser die Achselhöhlen Komars erreicht,

so bleibt er stehen und meldet, nun seien keine Steine mehr da, denn

er fühle reinen Sand unter seinen Sohlen. Woin Wasiljewitsch klettert

von seinem Roß hinunter und legt sich auf die Schwimmblasen. Auch

heute war der Vorgang derselbe: der dürre Stadtgewaltige legt sich

hin, Komar gibt ihm einen tüchtigen Stoß und beide schwimmen nach dem

Steine, den sie beide erklettern. Dieser nicht sehr große Stein, dessen

über dem Wasser aufragende glatte, runde Fläche einen Durchmesser

von etwa zwei Fuß haben mag, bietet fünf Personen Unterkunft, von

denen vier -- Porochontzew, Pizonskij, der Arzt und Achilla -- sich

an den Rand gesetzt haben, so daß sie einander den Rücken zukehren,

während Komar mitten in dem engen Viereck steht, das eben diese Rücken

bilden, und seinem Herrn den Kopf wäscht. Es wird eifrig diskutiert;

Pizonskij erzählt unter beständigem Zucken seiner schiefen Nase, daß

gestern abend in der Dämmerung irgendwo unterhalb der Brücke im Schilf

sich zwei Schwäne niedergelassen und nachts, während es regnete,

unausgesetzt geschrien hätten.

»Wenn die Schwäne schreien, so verkünden sie irgend jemandes Ankunft,«

meint Komar, indem er den Kopf seines Herrn eifrig mit Seife einreibt.

»Nein, das verheißt bloß einen schönen Tag,« wendet Pizonskij ein.

»Wer sollte auch zu uns kommen?« mischt sich der Arzt ins Gespräch.

»Wir leben ja hier wie die reinen Waldteufel: in hundert Jahren

passiert nichts Neues.«

»Was soll uns auch das Neue?« sagt Pizonskij. »Wir haben ja alles; das

Wetter ist schön, wir sitzen gemütlich auf unserm Stein und keiner

verübelt es uns. Käme aber ein neuer Mensch her, so nähme er vielleicht

Anstoß, es gäbe ein Gerede und ...«

»Ein Gerede: warum sitzen sie so nackigt da?« unterbricht ihn Komar

ungeniert.

»Was ist das für ein Stadthauptmann, der sich von einem Frauenzimmer

waschen läßt?« wirft der Arzt ein.

»Ja, das ist wahr,« ruft der Rittmeister und schaut sich beunruhigt um.

Komar bläst sich in den Schnurrbart, lächelt und sagt leise:

»Und dann wird's heißen: was hat der Polizeichef auf dem Komar ins

Wasser zu reiten?«

»Halt's Maul, Komar!«

»Auch das, auch das wird Fragen veranlassen,« sagt wieder der sanfte

Pizonskij und seufzt, indem er fortfährt: »Und jetzt sitzen wir hier

ohne alle Neuigkeiten wie im Paradiese. Selber sind wir nackt, aber

wir sehen alle Schönheit der Welt: wir sehen den Wald, sehen die

Berge, sehen die Tempel Gottes, das Wasser, das Grün der Wiesen; dort

im Uferschilf piepen die jungen Entlein; vor uns im Wasser spielt das

Völklein der kleinen Fische so fröhlich. Groß ist deine Güte, o Herr!«

Die letzten Worte hatte Pizonskij mit erhobener Stimme gesprochen, sie

hallten weit über den Fluß hin, wurden von den Hügeln zurückgeworfen

und klangen dann noch ein drittes Mal etwas dumpfer von dem flachen

Ufer wider. Pizonskij horcht auf, streckt den Zeigefinger über seinem

kahlen Kopfe zum Himmel empor und sagt:

»Dreimal antwortet dir die Güte des Herrn: was kann es Schöneres geben,

als in solchem Frieden zu leben und in ihm sein Dasein zu vollenden.«

»Wahr, sehr wahr,« antwortet der Rittmeister mit einem Seufzer.

»Da haben der Arzt und ich uns eine kleine Neuerung gestattet: wir

erlaubten dem Warnawa eine Leiche auszukochen. Wozu hat das nicht

geführt! Übrigens, Diakon, vergiß nicht, daß du versprochen hast, dem

Warnawa die Knochen wegzunehmen.«

»Warum sollte ich's vergessen? Ich bin kein Manichäer, den man

hundertmal mahnen muß. Was ich versprochen habe, das halte ich auch.«

»Hast du? Hast du's wirklich schon?«

»Natürlich hab' ich's.«

»Du flunkerst, Diakon!«

Achilla schweigt.

»Warum redest du denn nicht? Erzähle doch, wie du ihm die Knochen

weggenommen hast. Nun? Was Teufel bist du denn heut so solide?«

»Warum soll ich nicht solid sein, wenn meine Taille es mir gestattet?«

erwidert Achilla selbstbewußt. »Ihr zwei, du und der Arzt, macht

Dummheiten, und ich muß sie wieder gutmachen. Na, da bin ich eben zum

Warnawa ins Fenster hineingestiegen, hab die Knochen alle in einen Sack

gesteckt ...«

»Nun und dann, Achilla? Was dann, mein Lieber?«

»Dann ging es ganz dumm.«

»Ja wie denn? So erzähle doch!«

»Was soll ich erzählen, wo ich selber nichts weiß? Dann hat mir jemand

die Knochen wieder wegstibitzt.«

Porochontzew springt auf und schreit:

»Was? Wieder gestohlen?«

»Ja, wie soll ich sagen? Gestohlen ist vielleicht nicht das richtige

Wort. Ich weiß nur, daß ich den ganzen Kram zu mir nach Haus brachte

und ihn in meinen Karren schüttete, um heut damit zur Begräbnisstätte

zu fahren. Aber wie ich morgens nachseh, ist nichts mehr da -- bis auf

das kleine Schwänzchen hier.«

Der Arzt bricht in ein lautes Gelächter aus.

»Was lachst du?« fragt der Diakon geärgert.

»Ein Schwänzchen ist übriggeblieben, sagst du?«

Achilla wird böse.

»Nun ja, ein Schwänzchen,« erwidert er, »oder was soll das sonst sein?«

Der Diakon löst von dem Striegel einen menschlichen Fußknöchel, den er

mit einem Endchen Bindfaden daran befestigt hatte, reicht ihn dem Arzt

hin und sagt trocken: »Da, sieh's dir an, wenn du mir nicht glaubst.«

»Haben denn die Menschen Schwänze?«

»Etwa nicht?«

»Du hast also auch einen Schwanz?«

»Ich?!« fragt Achilla.

»Ja, du.«

Der Arzt lacht wieder aus vollem Halse, der Diakon aber wird bleich und

sagt:

»Hör mal, mein lieber Meister Quacksalber, scherzen kannst du, -- aber

mit Maß, wenn ich bitten darf. Vergiß nicht, daß ich eine geistliche

Person bin.«

»Na, schon recht! Aber sag mir mal erst, wo hast du deinen Astragalus?«

Das unbekannte Wort »Astragalus« macht auf den Diakon einen

verblüffenden Eindruck: die Fachbezeichnung für das unschuldige

menschliche Sprungbein scheint ihm etwas äußerst Kränkendes, er

schüttelt den Kopf, stößt einen tiefen Seufzer aus und sagt langsam:

»Für so niederträchtig hätte ich dich allerdings nicht gehalten.«

»Ich niederträchtig?«

»Jawohl! Einer geistlichen Person mit derartigen dummen Fragen zu

kommen ist niederträchtig. Aber merk dir: deinen faulen Scherz mit dem

Schwanz hab' ich dir nachgesehen, aber jetzt nimm dich in acht!«

»O wie schrecklich!«

»Ja, hab' dich nur! Ich mein' es ernst. Eure Freigeisterei hängt mir

längst zum Halse heraus.«

»Ja, ist denn das Freigeisterei, wenn man Astragalus sagt?«

»Kusch!« schreit der Diakon.

»Schafskopf« meint der Arzt achselzuckend.

»Kusch!« donnert Achilla und hebt drohend die Faust. Seine Augen

funkeln grimmig.

»Ist das ein Esel! Kein vernünftiges Wort kann man mit ihm reden.«

»Was? Ein Esel bin ich? Man kann nicht mit mir reden? Na warte! Ich bin

euch kein sanfter Sawelij! Runter in den Sumpf!«

Mit diesen Worten hat der Diakon die Leine seines Pferdes aus der

rechten Hand in die linke genommen, packt den Arzt mit der Rechten um

den Leib und reißt ihn ins Wasser hinab. Sie tauchen unter, werden

wieder sichtbar und verschwinden aufs neue. Obgleich das Verhalten des

Diakons deutlich verriet, daß er keineswegs die Absicht hatte, den

Arzt zu ertränken, sondern ihn nur etlichemal untertauchen wollte, --

er hielt auch, während sie so zappelten, immer nach dem Ufer zu -- so

versetzte das verzweifelte Gebrüll des Medikus die Drei auf dem Steine

und die am Ufer stehende Felizata doch in eine so unbeschreibliche

Angst, daß auch sie ein lautes Geschrei erhoben, welches die ganze

Umgegend alarmieren mußte.

So begann der Diakon Achilla seinen Ausrottungskampf gegen die in

Stargorod um sich greifende gemeingefährliche Freigeisterei, und

wir werden sehen, was für gewaltige Folgen dieser energische Anfang

zeitigen sollte.

Achtes Kapitel.

Der Lärm und das Geschrei der Badenden hatten den Propst, der an seinem

Fenster kaum ein wenig eingeschlummert war, aufgeweckt. Der Alte

erschrickt, springt auf, sieht auf den Fluß hinaus, kann aber ganz und

gar nicht begreifen, was eigentlich geschehen. In diesem Augenblicke

hält vor seinem Hause ein eleganter, von einem grauen Vollblutpferde

gezogener Jagdwagen. Darin sitzt eine schwarzgekleidete junge Dame: sie

kutschiert selbst, neben ihr ein kleiner Groom. Die Dame ist die junge

verwitwete Gutsbesitzerin Alexandra Iwanowna Serbolowa, seine ehemalige

Lieblingsschülerin.

»Alexandra Iwanowna, seien Sie mir herzlichst willkommen,« erwidert der

Propst ihren Gruß. »Meine Frau steht gleich auf, und dann sind Sie so

freundlich, eine Tasse Tee mit uns zu nehmen.«

Die Dame dankt. Sie sagt, sie sei in die Stadt gekommen, um eine

Totenmesse für ihren verstorbenen Gatten lesen zu lassen, und bittet

Tuberozow, doch recht bald in die Kirche zu kommen.

»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

»Vielen Dank. Ich will jetzt nur noch für einen Augenblick zur alten

Prepotenskaja, sonst ist sie gekränkt.«

Sie nickt dem Priester zu und im nächsten Augenblick ist der leichte

Wagen verschwunden. Der Propst schickt das Dienstmädchen zum Küster

mit dem Befehl, zur Frühmesse läuten zu lassen und den Diakon Achilla

in die Kirche zu beordern; dann tritt er vor den Heiligenbilderschrein,

seine Morgenandacht zu verrichten. Eine halbe Stunde später schlägt

die Domglocke an, und gleich darauf kommt das Mädchen zurück mit der

Meldung, sie habe den Diakon Achilla nicht finden können, niemand

wisse, wo er sei. Zum Warten ist aber keine Zeit mehr und so nimmt der

Propst seinen Stab mit der Inschrift »Der Stecken Aarons erblühte«

und begibt sich in den Dom. Er ist noch keine zehn Minuten fort, als

die Pröpstin Natalia Nikolajewna durch das plötzliche Erscheinen des

Diakons Achilla höchlich überrascht wird. Er ist ganz außer sich.

»Mütterchen,« ruft er, »alles, was ich Euch gestern von den

Totengebeinen versprochen hatte, ist zuschanden geworden.«

»Das habe ich mir doch gleich gedacht,« erwidert Natalia Nikolajewna.

»Nein, bitte sehr, Ihr müßt erst wissen, warum es zuschanden geworden

ist. Wie ich es Euch gestern versprach, so habe ich's auch gemacht.

Ganz wie sich's gehört, habe ich die Überreste dieses Menschen, den

der Warnawka gekocht hat, durchs Fenster gestohlen, in den Sack

gesteckt und zu mir nach Haus getragen. Dann habe ich sie in den Karren

geschüttet. Aber als ich heute nachschaue, ist der Karren leer! Kann

ich dafür?«

»Ja, wer beschuldigt dich denn?«

»Das ist es ja eben. Mich überkam sogar ein Zweifel, ob ich sie nicht

schon nachts vergraben hätte, aber heut früh im Bade war der Arzt so

frech gegen mich, daß ich gleich aus dem Bad zum Warnawka gerannt bin.

Alle Fensterläden waren geschlossen. Ich guckte durch eine Ritze, und

da seh' ich, daß der Gekochte wieder heil und ganz am Nagel hängt! Wo

ist der Vater Propst? Ich muß ihm gleich alles erzählen!«

Natalia Nikolajewna schickte den Diakon ihrem Gatten nach, und der

schnellfüßige Achilla hatte den Propst auch bald eingeholt.

»Was rennst du so ... und fauchst und schnaufst und stampfest?« fragt

ihn Sawelij, als er seine Schritte hinter sich hört.

»Das ... das tu ich immer, Vater Sawelij, wenn ich laufe. Habt Ihr es

nie bemerkt?«

»Nein, bisher nicht. Aber sprich doch mit dem Arzt, er hilft dir

vielleicht.«

»Jawohl, der Arzt! Redet mir nur nicht von dem, Vater Sawelij! --

Er hat mich heute ganz aus der Fassung gebracht. Denkt Euch diese

Frechheit, Vater Propst ...« Der Diakon beugt sich zu dem Ohre des

Propstes, und nachdem er ihm die Gemeinheit des Arztes leise mitgeteilt

hat, fügt er laut hinzu: »Nun sagt selbst, ist das nicht furchtbar

unverschämt?«

»Ich finde nichts dabei,« erwidert der Propst, indem er langsam die

Stufen vor dem Domportal emporsteigt. »Astragalus ist ein Fußknöchel,

und ich verstehe nicht recht, was dich in solche Wut versetzt hat.«

Der Diakon tritt einen Schritt zurück und ruft erstaunt: »Ein

Fußknöchel?«

»Ja freilich.«

Achilla schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn:

»Ich Dummkopf!«

»Was hast du gemacht?«

»Nein, ich bitt' Euch, seid so gut, nennt mich einen Dummkopf!«

»Ja, weswegen denn?«

»Nein, nein, nennt mich nur so. Ich hätte diesen Arzt beinahe ersäuft.«

»Nun gut, mein Lieber, ich erfülle deinen Wunsch: du bist wahrhaftig

ein Narr, und ich sage dir's voraus, wenn du von dergleichen

Narrengewohnheiten nicht bald lässest, so kommt es noch einmal dahin,

daß du jemand ums Leben bringst.«

»Erbarmt Euch, Vater Sawelij, ich bin doch nicht ganz von Sinnen.«

»Überall, überall folgt dir der Unfrieden auf dem Fuße!«

»Ich weiß nicht, woher das kommt. Ich bin für Frieden und Ordnung, aber

es kommt immer anders.«

Hierauf erzählt Achilla in großer Hast, aber mit allen Einzelheiten,

wie er gestern das Gerippe gestohlen und wie es dann wieder

verschwunden und an seinem alten Platze erschienen sei. Tuberozow hört

ihm zu. Seine Augen werden immer größer und größer, und unwillkürlich

tritt er ein paar Schritte zurück, indem er ausruft:

»Großer Gott, was für ein unseliger Mensch!«

»Wer, Vater Sawelij?« meint Achilla, nicht weniger erstaunt.

»Du, mein Bester, du!«

»Aus welchem Grunde bin ich unselig?«

»Welch böser Geist treibt dich zu alledem?«

»Wozu?«

»Zum Einbrechen, Rauben, Zanken.«

»Ihr habt mich dazu angetrieben,« erwidert der Diakon ganz ruhig und

freundlich. »Ihr sagtet: so oder so -- der Sache muß ein Ende gemacht

werden. Und da hab' ich ihr ein Ende gemacht. Ich habe nur Euren Wunsch

erfüllt.«

Tuberozow schüttelt den Kopf, wendet sich dem Portal zu und tritt in

die Vorhalle, wo er die Serbolowa in stillem Gebete kniend erblickt.

In einer Ecke aber sitzt der Lehrer Prepotenskij auf einer Totenbahre

und klopft sich den Staub von den Beinkleidern. Sein Gesicht strahlt.

Er schaut den Propst und den Diakon mit triumphierendem Lächeln an. Was

konnte ihn, den Gottesleugner, in die Kirche geführt haben? Darüber

erstaunte Tuberozow nicht weniger als Achilla; nur vermochte Achilla

diesen Gedanken auch während der Messe nicht zu bannen, während der

ernste Sawelij ihn bereits von sich gewiesen hatte, als sich die Tür

zum Altarraum vor ihm auftat, denn er war gewohnt, mit Furcht und

Zittern vor das Angesicht seines Gottes zu treten.

Eine Stunde war vergangen und die Totenmesse beendet. Die Serbolowa

und ein entfernter Vetter von ihr, ein gewisser Darjanow, hatten beim

Propst Tee getrunken und waren fortgegangen. Die Serbolowa wollte

gegen Abend, wenn die Sonne nicht mehr so heiß brannte, auf ihr Gut

zurückkehren. Jetzt aber gedachte sie etwas zu ruhen. Darjanow sollte

mit ihr bei der alten Prepotenskaja Mittag essen, wohin Tuberozow

später ebenfalls kommen wollte, um ein Gläschen Tee zu trinken und

seinem lieben Beichtkinde das Geleite zu geben.

Neuntes Kapitel.

Öde, traurig und eintönig ist der Anblick der menschenleeren

Straßen unserer Kreisstädte zu jeder Zeit; aber nie erscheinen sie

so ausgestorben wie an einem heißen Sommermittag. Der dicke, graue

Staub, den stellenweise die Spuren von Wagenrädern durchfurchen, das

schläfrige, welke Gras, das die ungepflasterten Straßen an der Seite,

wo die Trottoirs anzunehmen sind, umsäumt, die grauen, halbverfaulten,

schiefen Zäune, die Kirchentüren mit ihren schweren Hängeschlössern,

die Holzbuden, die von ihren Besitzern verlassen und mit zwei übers

Kreuz geschlagenen Brettern verbarrikadiert sind, -- alles das

schlummert in der Mittagshitze so verführerisch, daß der Mensch, der

verurteilt ist, in dieser Umgebung zu leben, ganz von selbst alle

Munterkeit verliert und auch matt wird und einschläft.

Um diese Stunde war es, als Valerian Nikolajewitsch Darjanow, nachdem

er einige öde Straßen durchschritten hatte, in ein enges Gäßchen

einbog, das durch einen alten Gitterzaun völlig abgeschlossen ward.

Hinter dem Zaun war eine Kirche sichtbar. Darjanow bückte sich tief

und trat durch das niedrige Pförtchen in den Kirchhof. Hier stand

in einer Ecke das kaum bemerkbare Hüttchen des Kirchenwächters, und

weiter hinten, inmitten eines ganzen Waldes verfallener Grabkreuze,

verbarg sich das niedrige, dreifenstrige Häuschen der Hostienbäckerin

Prepotenskaja.

Der Friedhof war frei von dem Staube, der in dicker Schicht alle

Straßen und Plätze der Stadt bedeckte. Hier wuchs schönes grünes

Gras, und zwei Hühner, die sich im weichen Staube im Sonnenschein

ausliegen wollten, mußten vor die Pforte hinaus und sich unter der

Schwelle in den weichen Staub eingraben, so daß man sie kaum sehen

konnte. Dort lagen sie meist den ganzen Tag, fest überzeugt, daß keiner

sie stören werde. Als Darjanow über sie hinwegschritt, rührten sie

sich nicht; jedes öffnete nur eins seiner bernsteinfarbenen Augen,

begleitete den Gast mit einem schläfrigen Blick und schloß dann die

grauen Lider wieder. Darjanow ging geradewegs auf das Pförtchen des

Prepotenskijschen Hauses zu und schlug mit dem schweren eisernen

Ring gegen das Holz. Alles blieb stumm. Kein Hund bellte, keine

menschliche Stimme ließ sich vernehmen. Darjanow klopfte noch einmal,

aber wieder erfolglos. Dann ließ er alle Hoffnung fahren, kroch unter

dem Lattenwerk hindurch ins Himbeergesträuch, welches das Haus der

Hostienbäckerin dicht umgab, und schaute in eins der Fenster. Diese

waren gegen die Sonnenhitze durch Läden geschlossen, aber durch die

breiten Ritzen konnte man den ganzen Innenraum übersehen. Es war ein

großes, hohes Zimmer, fast ohne Möbel, mit zwei Türen, durch deren eine

man in eine zweite, winzige blaue Kammer mit einem hohen Bett blickte,

über welchem eine aus Kattunflicken zusammengenähte Decke lag.

Das große, leere Zimmer gehörte dem Lehrer Warnawa, die kleine Kammer

seiner Mutter. Das ganze Haus bestand nur aus diesem zwei Räumen, denn

die winzige Küche, in der man sich kaum umdrehen konnte, zählte nicht

mit.

Die Klerisei · 第 7 / 25 段