»1. März. Ich bin wirklich ein alter Narr geworden, über den alle sich

lustig machen. Heute besuchten mich der Arzt und der Stadthauptmann,

und ich sagte ihnen, daß meine Gesundheit infolge des gestrigen

Ausgangs nicht im geringsten gelitten habe; da fingen sie beide an zu

lachen und erwiderten, der Arzt habe mich zum Spaß in der Stube sitzen

lassen, denn er habe mit irgend jemand gewettet, daß er, wenn er wolle,

mich einen ganzen Monat lang zu Hause halten könne. Deshalb redete er

mir von einer Gefahr vor, die gar nicht vorhanden war. Pfui!«

»20. Juni. Ich habe eine Reise durch das Kirchspiel gemacht, die mir

ausgezeichnet bekommen ist. Es ist so frisch und schön draußen in der

Natur, und unter den Menschen herrscht Friede und Zufriedenheit. In

Blagoduchowo haben die Bauern auf eigene Kosten die Kirche ausbauen

und ausmalen lassen, aber auch bei einer so einfachen Sache hat sich

wieder etwas Scherzhaftes hineingemengt. An der Wand der Vorhalle haben

sie einen ehrwürdigen Greis abgebildet, der auf einem Ruhebette liegt,

mit der Inschrift: »Und Gott ruhete am siebenten Tage von allen seinen

Werken, die er machte.« Ich wies den Vater Jakob darauf hin und befahl

das Bild zu übertünchen.«

»11. Juli. Vorgestern war der Bischof auf der Durchreise hier und hat

im Dom die Messe gelesen. Ich fragte den Vater Troadij, ob das Bild

in Bogoduchowo entfernt worden sei, und erfuhr, daß es noch immer

vorhanden, was mich einigermaßen erregte. Aber Vater Troadij beruhigte

mich, meinte, das habe nichts zu sagen, es sei doch »volkstümlich« und

fügte noch eine Anekdote hinzu von den Seelen der Erlösten, die der

Maler in Schuhen dargestellt hatte, und so lief wieder alles auf einen

Scherz hinaus. Ach, was die Leute alle lustig sind!«

»20. Juli. Ich war in Blagoduchowo und ließ das Bild in meiner

Gegenwart abkratzen. Ich halte es nicht für angebracht, diese dumme Art

von Volkstümlichkeit zu pflegen. Ich fragte nach dem Verfertiger des

Bildes; und es stellte sich heraus, daß der Glöckner Pawel es gemalt

hatte. Um dem scherzhaften Geist der Zeit entgegenzukommen, befahl ich

diesem Künstler, sich neben meinen Kutscher auf den Bock zu setzen,

und nachdem wir vierzig Werst weit gefahren waren, ließ ich ihn zu Fuß

nach Hause wandern, damit er unterwegs über seine malerische Phantasie

nachdenken könne.«

»12. Oktober. Der neue Gouverneur ist zur Revision hier gewesen. Er

besuchte den Dom und die Schule und beide Male, hier wie dort, wollte

er durchaus, daß ich ihn segne. Er ist ein echter Russe sowohl dem

Namen, wie dem Benehmen nach. Noch sehr jung, hat er jene privilegierte

Lehranstalt, die Rechtsschule, absolviert, und war bisher noch nie aus

Petersburg herausgekommen, was auch leicht zu bemerken ist, denn alles

interessiert ihn. Besonders angelegentlich erkundigte er sich nach den

Gegensätzen zwischen Geistlichkeit und Adel; leider konnte ich seine

Neugier wenig befriedigen, denn sowohl unser Kreisadelsmarschall

Plodomasow, als auch der Gouvernementsmarschall Tuganow sind würdige

Männer, und von Gegensätzen ist keine Rede.«

»14. November. Es wird erzählt, daß ein Gutsbesitzer sich bei dem

Gouverneur über die Bauern beschwert habe, die ihren Verpachtungen

nicht nachkämen. Der Gouverneur habe seine Klagelitanei unterbrochen

mit den Worten: »Ich bitte, wenn Sie vom Volke reden, nicht zu

vergessen, daß ich Demokrat bin.««

»20. Januar 1863. Ich notiere die außerordentliche und höchst

belehrende »Geschichte vom Surrogat«. Es wird folgendes Kuriosum von

der ersten Begegnung des neuen Gouverneurs mit unserm Adelsmarschall

Tuganow erzählt. Dieser von höherer Politik durchdrungene Petersburger

Kavalier stellte sich auch unserem Voltairianer als Demokrat vor, wofür

ihn Tuganow auf dem Adelsball vor allen höchlich lobte und hinzufügte,

diese Richtung sei die allerbeste, besonders in der gegenwärtigen Zeit,

denn in drei Kreisen unseres Gouvernements herrsche eine ziemlich

starke Hungersnot und da biete sich reichlich Gelegenheit, sich als

Volksfreund zu bewähren. Der Gouverneur zeigte sich darüber sehr

erfreut, daß die Leute hungern, und war nur ungehalten, daß er bisher

nichts davon gewußt hatte; er rief seinen Kanzleivorsteher und machte

ihm heftige Vorwürfe, daß er ihn nicht früher davon unterrichtet habe,

und als richtiger Heißsporn ordnete er an, daß darüber sofort nach

Petersburg berichtet werde. Aber der Vorsteher, der sich rechtfertigen

wollte, sagte, daß von einer richtigen Hungersnot in jenen Kreisen

nicht geredet werden könnte, denn wenn auch die Kornernte schlecht

gewesen sei, so sei die Hirse doch sehr gut geraten. Damit fing nun

die Geschichte an. »Was ist das -- Hirse?« rief der Gouverneur. »Hirse

ist ein Surrogat für Brotkorn,« erwiderte der gelehrte Vorsteher,

statt einfach zu sagen, daß man aus Hirse Brei koche, was unseren

Rechtsgelehrten vielleicht vollständig befriedigt hätte, denn in

der Kunst, einen Brei anzurühren, muß er Meister sein. Aber nun war

einmal das Wort Surrogat gefallen. »Schämen Sie sich,« sagte der hohe

Politiker, als er dieses Wort vernahm, »schämen Sie sich, mich so

zu betrügen. Man braucht ja nur in einen Obstladen zu treten, um zu

sehen, wozu Hirse gebraucht wird. In Hirse werden Trauben verpackt.«

Tuganow schwieg mit ernstem Gesicht, tags darauf aber schickte er dem

Gouverneur durch die Verpflegungskommission eine Liste der Kornfrüchte

Rußlands. Der Gouverneur wurde verlegen, als er hier auch Hirse

verzeichnet fand, ließ seinen Kanzleivorsteher rufen und sagte zu ihm:

»Verzeihen Sie, daß ich Ihnen damals nicht glauben wollte. Sie haben

recht. Hirse ist ein Getreide.« Du tust mir von Herzen leid, mein

lieber Demokrat! Der Deutsche meinte wohl, daß St. Nikolaus mit Hafer

gehandelt habe, aber solche Weintraubenscherze machte er nicht.«

»6. Dezember. Es kommen immer wieder Nachrichten von Konflikten

zwischen dem Adelsmarschall Tuganow und dem Gouverneur, der, wie man

sagt, eine Gelegenheit sucht, dem Marschall für die Hirse etwas am

Zeuge zu flicken, und wie es scheint, hat er endlich etwas gefunden.

Der Gouverneur steht immer für die Bauern ein und jener, der Voltaire,

verteidigt seine Rechte und Freiheiten. Dem einen hat das Rechtsstudium

den Verstand aus dem Geleise gebracht, und des andern Hochmut kommt dem

Berg Ararat gleich. Er läßt keinerlei fremdes Recht gelten. Es kommt

sicher noch zu einer regelrechten Bataille.«

»20. Dezember. Die Seminaristen sind für die Weihnachtsferien nach Haus

gekommen und der Sohn des Vaters Zacharia, der Privatstunden in guten

Familien gibt, erzählt eine ganz unglaubliche und wüste Geschichte:

ein abgedankter Soldat hätte sich in einem Winkel der Marienkirche

versteckt gehabt und die Krone von dem wundertätigen Bilde St. Johannis

des Kriegers geraubt. Als die Krone dann in seinem Hause gefunden

wurde, behauptete er, er hätte sie nicht gestohlen, sondern er hätte

vor dem Bilde des Heiligen über die traurige Lage der dienstentlassenen

Soldaten geklagt, und den heiligen Krieger in brünstigem Gebet

angefleht, ihm in seiner Not zu helfen. Hierauf habe der Heilige, der

seine Worte vernommen, gesagt: »Sie sollen ihrer Strafe in jener Welt

nicht entgehen, du aber nimm vorläufig dieses hin« -- und mit diesen

teilnehmenden Worten habe er angeblich die kostbare Krone von seinem

Haupte genommen und gesagt: »Da!« Verdient eine solche Ausrede auch

nur die geringste Beachtung? Aber unter dem Eindruck der Hirse denkt

man anders, und also kam vom Gouverneur eine Anfrage ans Konsistorium:

ob ein derartiges Wunder möglich sei? Selbstverständlich war nun das

Konsistorium in einer sehr schwierigen Lage, denn es konnte doch nicht

erwidern, daß ein Wunder unmöglich sei. Aber wo will das alles hinaus?

Der Adelsmarschall Tuganow legte dagegen vertraulich Protest ein und

schrieb, er halte diese Handlungsweise für unvernünftig, und meinte,

sie bezwecke nur eine Erschütterung des Glaubens und eine Verhöhnung

der Geistlichkeit. So wird dieser alte Freigeist zum Anwalt der

Geistlichkeit, und der Rechtskundige, der sie verteidigen sollte, macht

sie zum Gespötte. Nein, es kommt scheinbar wirklich die Stunde und sie

ist schon da, wo der gesunde Menschenverstand nichts mehr von allem,

was geschieht, für sonderbar halten wird. Auch über Tuganows Eintreten

für die Kirche, so nützlich es in diesem Fall war, kann man sich nicht

freuen, denn es geschah nicht aus Eifer für den Glauben, sondern aus

Feindschaft gegen den Gouverneur, und was kann da Gutes kommen, wenn

immer nur einer den andern schikaniert, ohne dessen eingedenk zu sein,

daß sie beide derselben Krone den Eid geschworen haben und demselben

Lande dienen? Es ist schlimm!«

»9. Januar 1864. Tuganow war neulich in Plodomasowo, -- ich weiß nicht

weswegen. Aber ich konnte nicht anders -- ich besuchte ihn dort, um

etwas über seinen Kampf um St. Johannes den Krieger zu erfahren.

Seltsam! Dieser Tuganow, einst ein Verehrer Voltaires, redete zu mir in

freundschaftlichstem und betrübtem Tone. Er meint, sein Protest wäre

noch nicht stark genug gewesen, denn »wie ich selber für mich über

alle Wunder denke, das geht nur mich etwas an und das behalte ich auch

für mich, aber ich kann diese nichtsnutzigen Bestrebungen doch nicht

unterstützen, die darauf hinauslaufen, dem Volke das einzige zu nehmen,

was ihm wenigstens eine Ahnung davon einflößt, daß es einer höheren

Daseinssphäre angehört, als sein gestreiftes Schwein und seine Kuh.«

Wie dürr und trocken ist diese Weisheit! Aber ich widersprach nicht ...

Was ist da zu machen?! Herr, hilf du wenigstens +diesem Unglauben+,

sonst kommen wir doch noch dazu, daß wir wieder in Rudeln umherlaufen,

Wurzeln fressen und wie Pferde wiehern!«

»21. März. Der Gutsherr Plodomasow ist aus der Residenz heimgekehrt und

hat mir und dem Vater Zacharia und dem Diakon Achilla sehr kostbare

Stäbe aus echtem Rohr mitgebracht. Auch zeigte er uns eine kleine

gläserne Lampe mit einer brennenden Flüssigkeit, »Petroleum« oder

Steinöl genannt, die aus Naphtha gewonnen wird.«

»9. Mai. Ich habe mich so kleinlich gezeigt, daß ich mich vor mir

selber schämen muß. Und das alles kam von den eben erwähnten Stäben.

Mein ganzes vergangenes Leben ist über mich gefallen wie ein Sieb

und hat mich zugedeckt. Ich sitze unter diesem Sieb wie eine Krähe,

der böse Buben die Federn ausgerupft haben, und die sie nun gefangen

halten, um ihren Spott mit ihr zu treiben. Das ist das Traurigste

bei dieser allgemeinen Lebensverflachung: ich selber bin flach und

klein geworden, so flach, daß ich nicht einmal imstande bin, meine

ganze Eitelkeit dem stummen Papier anzuvertrauen. Ich will mich ganz

kurz fassen. Es ärgerte mich, daß ich und Zacharia ganz gleiche Stäbe

erhalten hatten und daß auch der des Achilla sich kaum von den zwei

andern unterschied. O Gott! War ich denn auch früher schon so? Nein,

mit solchen Kleinigkeiten gab ich mich nicht ab! Ich trug mich mit

hohen Gedanken, wie ich hier in diesem irdischen Jammertal immer

vollkommener werden könnte, um einst das ewige Licht zu schauen und dem

Herrn das mir anvertraute Pfund mit reichen Zinsen zurückzugeben.«

Damit schlossen die alten Tuberozowschen Aufzeichnungen, und als der

Greis zu Ende gelesen, nahm er die Feder, trug ein neues Datum ein und

begann danach mit ruhigen, strengen Schriftzügen zu schreiben:

»Es ist seinerzeit von mir vermerkt worden, wie einmal der Sohn der

Hostienbäckerin, der Lehrer Warnawa Prepotenskij, die unschuldigen

Kinder an ihrem Glauben irre zu machen suchte, indem er sie eine

Leiche sehen ließ und behauptete, es gäbe keine Seele, weil ihr

Wohnsitz im Körper nirgends aufzufinden sei. Mein Zorn über diesen

törichten, aber schädlichen Menschen wurde dazumal von klugen Leuten

für übertrieben erklärt, und von der Veranlagung zu diesem Zorn hieß

es, sie sei der Beachtung gar nicht wert. Jetzt hat sich wieder

etwas Neues begeben. Beim letzten Hochwasser wurde eine unbekannte

Leiche an unser Ufer gespült. Die Mutter des Warnawa, die arme

Hostienbäckerin, sagte mir heute unter Tränen, daß der Arzt und der

Stadthauptmann, wohl aus Bosheit gegen ihren Sohn oder um ihn zu

verhöhnen, ihm jenen Toten geschenkt hätten, und Warnawa hätte aus

Dummheit dieses Geschenk angenommen, und die Leiche in der Bütte,

darin sie bisher friedlich ihre Wäsche in Asche gelegt, ausgekocht

und die Brühe unter den Apfelbaum im Garten gegossen, die Knochen

aber in die Gouvernementsstadt gebracht. Und nun fürchte sie, man

werde ihren teuren Sohn mit jenen Knochen als Mörder festnehmen.

Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, und bat den Stadthauptmann

um eine Erklärung, zu welchem Zwecke der Leichnam des Ertrunkenen,

der nach der Sektion kirchlich bestattet werden mußte, dem Lehrer

Warnawa ausgehändigt worden sei? Ich erhielt zur Antwort, das sei im

Interesse der Aufklärung geschehen, d. h. damit er, Warnawa, an dem

Skelett naturwissenschaftliche Studien treiben könne. Diese Sorge um

die Wissenschaft kann einen lachen machen bei Leuten, die ihr so fern

stehen, wie der Stadthauptmann Porochontzew, der sein halbes Leben

im Kavalleriepferdestall zugebracht hat, wo man nichts lernt, als

wie man den Pferden die Schwänze bindet, oder dieses Lügenmaul von

Arzt, der jene Wissenschaft vertritt, deren Anhänger von den wahren

Gelehrten für Ignoranten angesehen werden, was durch seine blödsinnige

Behauptung bewiesen wird, er habe einmal bei Plodomasow versehentlich

statt Branntwein ein Glas Leucht-Petroleum ausgetrunken, und da habe

sein Bauch eine ganze Woche lang geleuchtet! Wie dem nun aber auch

sei, der von dem Lehrer gekochte Leichnam hat sich in ein Skelett

verwandelt. Warnawa brachte die Knochen zu einem Heilgehilfen am

Gouvernementskrankenhaus. Dieser Meister der Anatomie fügte all die

Knochen kunstvoll aneinander und setzte ein Gerippe zusammen, das nun

wieder in unsere Stadt zurückgebracht wurde und sich gegenwärtig bei

Prepotenskij befindet, der es dicht bei seinem Fenster befestigt hat.

Da steht es nun und lockt immer wieder die Straßenmenge an und gibt zu

allen möglichen Streitigkeiten Anlaß und zu einem ewigen häuslichen

Zwist zwischen dem Warnawa und seiner einfältigen Mutter. Der Tote

fängt an Rache zu nehmen. Jede Nacht erscheint er der unglückseligen

Mutter des großen Gelehrten im Traum und fordert immer wieder sein

christliches Begräbnis. Die Arme hat den Sohn auf den Knien angefleht,

ihr dieses Skelett zu geben, daß sie es bestatte, aber natürlich

widersetzt er sich dem mit aller Entschiedenheit. Da entschloß sie sich

zu einer verzweifelten Maßnahme, sammelte in Abwesenheit des Sohnes die

Knochen in eine kleine Holzkiste, trug sie in den Garten und vergrub

sie mit ihren schwachen Greisenhänden unter dem nämlichen Apfelbaum,

unter welchen Warnawa die zerkochten Fleischteile des Unglücklichen

ausgeschüttet hatte. Aber sie hatte kein Glück damit, denn der gelehrte

Sohn grub die Knochen wieder aus, und damit ging eine neue Geschichte

an, die auch heut noch nicht beendet ist. Es ist ebenso lächerlich

wie schmachvoll, was noch weiter folgte. Sie raubten sich die Knochen

gegenseitig so lange, bis mein Diakon Achilla, der sich in alles

mischen muß, diese Sache zum Abschluß brachte und mit solcher Hast

ans Werk ging, daß es ganz unmöglich war, ihm Einhalt zu gebieten.

Auch haben mich die Reden des Arztes und des Stadthauptmanns sehr

verstimmt, die mir Vorwürfe machten wegen meiner eifernden (so nannten

sie es) Intoleranz gegen den Unglauben, denn, meinen sie, wirklich

gläubig sei heutzutag keiner mehr, auch die nicht, welche offiziell

für den Glauben eintreten. Das glaub' ich auch! Ich kann nicht daran

zweifeln. Aber ich wundere mich, woher bei uns dieser erbitterte Haß

und diese Feindschaft gegen den Glauben kommen. Vom Freiheitsdrang?

Aber wen hindert denn der Glaube, mit allem Eifer nach voller Freiheit

in allen Dingen zu streben? Warum haben die wirklichen Denker nicht so

gesprochen?«

Vater Sawelij seufzte tief, legte die Feder hin und trat ans Fenster.

Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt und schon fielen einzelne

Regentropfen klatschend in den dicken Staub. Das war der Regen, um

den Tuberozow am vergangenen Tage gebeten hatte. Der Alte flüsterte

entzückte Worte des Dankes und des Lobes und merkte nicht, wie leise

Tränen über seine Wangen liefen. Die Regentropfen aber fielen immer

dichter und dichter, und endlich war es, als würde oben ein ganz feines

Sieb geschüttelt, und die feuchte Kühle spielte erfrischend um den

leicht erhitzten Kopf des Priesters. So am Fenster sitzend, das Haupt

auf die weißen Hände gestützt, schlief Vater Sawelij ein.

Inzwischen ging der sanfte Regen, den kein Gewitter begleitet hatte,

vorüber, die Luft war frisch und rein geworden, der Himmel klar, und

im Osten färbte die graue Dämmerung sich silbern, um dem Morgenrot den

Weg zu bereiten, dem Morgenrot des Tages, der dem Gedächtnis unseres

heiligen Vaters Methodius von Pesnosch geweiht ist, des Tages, dem, wie

wir uns erinnern müssen, der Diakon Achilla eine so große Bedeutung

zuschrieb.

Sechstes Kapitel.

Der Osten wurde immer heller, und während sich die Sonne im Nebel

hinter dem dampfenden Walde wusch, reckten sich die goldenen Pfeile

ihrer Strahlen schon in scharfen Strichen über den Horizont. Ein

leichter Nebel wallte über dem Flusse auf und kletterte das zerklüftete

Ufer entlang; unter der Brücke ballte er sich zusammen und blieb an

den schwarzen, nassen Pfählen kleben. Durch diesen Nebel sieht man das

Gemüsefeld bläulich schimmern und den weißen Streifen der Landstraße

hinüberleuchten. Über allem liegen noch die Schatten des Halbdunkels,

und nirgends, weder in den Häusern, noch auf den Plätzen und Straßen,

merkt man etwas vom Erwachen.

Aber da, auf dem höchsten Punkte der steilen Hügelseite von Stargorod,

über dem schmalen Zickzackweg, der den steinigen Abhang hinab zum

Wasser führt, heben sich zart und durchsichtig die Umrisse einer

höchst seltsamen Gruppe ab. In dem schwachen Licht, das sie bescheint,

wirkt sie ganz phantastisch. In der Mitte steht ein Mann, von dessen

Schultern ein langes, im Gürtel leicht geschürztes Gewand bis zur Erde

niederwallt. Ganz plötzlich ist diese Gestalt aus dem allmählich dünner

werdenden Nebel aufgetaucht und steht unbeweglich, wie ein Gespenst.

Ein abergläubischer Mensch könnte denken, es wäre der Hauskobold von

Stargorod, der, ehe die Stadt erwacht, noch ein paar Klageseufzer über

ihr anstimmen will.

Aber je heller es wird, desto deutlicher erkennt man, daß es kein

Hauskobold, noch sonst ein Geist ist, trotzdem aber auch nicht etwas

ganz Alltägliches. Wir sehen jetzt, daß die Figur ihre Hände in die

Taschen gesteckt hat. Aus der einen Tasche guckt eine sehr lange Gerte

hervor, an deren Ende eine Schleuder oder eine Angelschnur gebunden

ist. Aus der anderen hängt an vier Fäden etwas, das wie eine schwere

Keule aussieht. Ein leiser Wind erhebt sich, die Oberfläche des

schläfrigen Flusses beginnt sich leicht zu kräuseln, ein Zittern fährt

durch die Zweige der Birken hinter dem schöngemusterten Gittertor des

Domes, und die leeren Falten am weiten Gewande der Gestalt auf dem

Berge geraten in Bewegung und enthüllen ein paar dünne Beine in weißen

Unterhosen. In demselben Augenblick, wo diese dünnen Beine sichtbar

werden, tauchen hinter ihnen plötzlich vier Hände auf, welche zwei

anderen Gestalten gehören, die sich mehr im Hintergrunde gehalten

hatten. Diese diensteifrigen Hände fassen die wehenden Enden des

Gewandes, schlagen sie wieder zusammen und verhüllen aufs neue die

dünnen, weißen Beine des Standbildes. Jetzt braucht man nur etwas

schärfer hinzusehen, um auch die zwei anderen Gestalten zu erkennen.

Rechts zeigt sich eine Frau. Sie fällt vor allem durch die ungeheure

Wölbung ihres Leibes auf, über dem sich eine schmale Tunika hoch

emporbläht. In der Hand hält sie einen glänzenden Metallschild, in

dessen Mitte ein großer Büschel Haare befestigt ist, die soeben erst

mit der Haut vom Kopfe des Feindes gelöst zu sein scheinen. Auf der

anderen Seite, also zur Linken der hohen Gestalt, zeigt sich ein

kurzbeiniger, schwarzer Wilder mit breitem Bart. Unter dem linken Arm

hält er etwas wie ein Folterinstrument, und in der Rechten hat er

einen blutigen Sack, aus dem zwei Menschenköpfe heraushängen, bleich,

haarlos, wohl die unglücklichen Opfer der grausamen Folter. Um diese

drei Gestalten scheint der ganze Zauber der nordischen Sage zu wehen.

Nun steigt die helle Sonne noch ein wenig höher, und der Sagenzauber

löst sich in nichts auf. Die drei stehen noch einen Augenblick da und

eilen dann den Hügel hinab. Nachdem sie etwa zehn Schritte gemacht

haben, bleiben sie wieder stehen, und der Größte, der vorausging, sagt

leise:

»Schau mal, Freund Komar, es ist heut noch nichts von ihnen zu sehen.«

»Ja, es ist nichts zu sehen,« erwidert der schwarzbärtige Komar.

»Sieh besser zu!«

Komar blickt scharf über den Fluß hin:

»Es lohnt gar nicht hinzuschauen, es ist keiner da.«

»Und die Stille in der Stadt, ach du lieber Gott!«

»Das schlafende Königreich,« spricht leise die Gestalt, die den Schild

unter dem Arm hält.

»Was sagst du, Felicie?« fragt der Lange, der nicht recht gehört hat.

»Ich melde Ihnen, Woin Wasiljewitsch, daß die Stadt dem schlafenden

Königreich gleicht,« antwortet die Frau.

»Ja, dem schlafenden Königreich; aber bald werden sie erwachen. Schau

mal hin, Komar, da drüben, scheint mir, platscht eben einer hinein.«

Die Gestalt weist nach der Insel, von der sich ein leichter Dampf

erhebt und leise nach der Brücke hin schwebt.

»Ganz recht,« sagt Komar, und seine Blicke verfolgen zwei dünne Kreise

auf dem stillen Wasser, die immer breiter werden. Im Mittelpunkt des

vorderen Kreises schwankt und dreht sich etwas, das wie ein überreifer

gelber Kürbis aussieht.

»Ach, die Kanaille ist wieder zuerst reingesprungen, ohne auf die

Obrigkeit zu warten.«

»Der drüben ist auch fertig,« sagt Komar gleichgültig.

»Nicht möglich, -- du lügst, Komar.«

»Sehn Sie doch hin! Da ist er schon dicht am Wasser!«

Alle drei legen die Hände über die Augen und blicken hinüber. Drüben

sehen sie etwas Großes, Dickes zum Wasser herabschreiten. Es ist ganz

in ein weißes schleppendes Gewand gehüllt und erinnert auffallend an

die Statue des Komtur aus dem »Don Juan«, bewegt sich auch genau so

langsam und feierlich und ebenso unbeirrt seinem Ziel entgegen.

Jetzt ist aber auch der strahlende Phöbus auf seinem Feuerwagen ein

gutes Stück höher hinaufgekommen; der zerflatternde Nebel schimmert in

Bernsteintönen. Die ganze Landschaft leuchtet in Purpur und Blau und in

diesem grellen, mächtigen Licht, ganz von Sonnenstrahlen überflutet,

zeigt sich in den Wellen des Flusses ein nackter Recke mit einer

mächtigen Mähne schwarzer Haare auf dem gewaltigen Haupte. Er sitzt

auf einem mächtigen Rotfuchs, der seines Reiters würdig und mit seiner

breiten Brust die Wellen kräftig teilt, zornig mit den feuerfarbenen

Nüstern schnaubend.

Der Reiter im Flusse und alle oben geschilderten Fußgänger streben dem

nämlichen Punkte zu. Wollten wir Verbindungslinien von dem einen zum

andern ziehen, sie würden sich alle bei einem großen Steine kreuzen,

der in der Mitte des Flusses aus dem Wasser herausragt. In der ersten

Gestalt, die den Berg herabsteigt, erkennen wir den Polizeichef von

Stargorod, Rittmeister a. D. Woin Wasiljewitsch Porochontzew. Er hat

einen himbeerfarbenen seidenen Schlafrock an und eine spitz zulaufende

Kalotte aus Kamelgarn auf dem Kopfe. Aus der einen Tasche, in der seine

rechte Hand steckt, guckt ein dünner Peitschenstiel, an dem eine lange

Peitschenschnur hängt, und bei der andern, in die der Polizeichef

seine Linke gelegt hat, sieht man eine riesengroße, ganz schwarz

gerauchte Meerschaumpfeife und einen orientalischen Tabaksbeutel aus

Saffian an einem Jagdriemen baumeln.

Die Klerisei · 第 6 / 25 段