»20. Dezember. Nein, der erste April ist nicht nur trügerisch, sondern

auch rätselhaft. Ich will hier nicht alles erzählen, was mir bei

meiner diesmaligen Fahrt nach der Gouvernementsstadt widerfuhr; nur

das eine sei gesagt, daß ich beschimpft und geschmäht worden bin in

jeder Weise. Es fehlte nur noch, daß sie mich für meine Beschwerde

geschlagen hätten. Ich weiß nicht, wem ich es zu verdanken habe, da

+er selbst+ auf mich losfuhr und mich anschrie, man hätte meine Ränke

schon satt; ich vermochte nichts zu erwidern, denn so wie ich nur

die Lippen bewegte, hieß es gleich: »Schweig!« So mußte ich alles

hinunterschlucken und bin nun wieder daheim. Wie eine Henne, die man

mit Nesseln verprügelte. Nur das eine begreife ich nicht: warum

erklärt man meine Tat, die ja vielleicht unvorsichtig war, durch nichts

anderes, durch meine Unbildung oder durch mein Ungeschick, sondern

-- was meint ihr wohl? -- durch Mißgunst! Weil nämlich jene Polen

mich nicht in ihre Gesellschaft aufgefordert und mich nicht trunken

gemacht, -- obzwar ich, Gott sei gelobt, niemals ein Trinker gewesen.

Von diesem Geringen auf das Große schließend, gedenke ich der Worte

der französischen Jungfrau Charlotte Corday d'Armont, welche sie in

ihrem letzten Brief vor ihrer Hinrichtung schrieb, daß sich nämlich

»unter den neuen Völkern wenig Patrioten fänden, welche die einfache

patriotische Leidenschaft verstehen und an die Möglichkeit, ihr Opfer

zu bringen, glauben können. Überall nur Egoismus und alles wird durch

ihn erklärt.« Wenn ich nur unsere Leute sehe, so bin ich geneigt,

Charlotte Corday d'Armont recht zu geben, richte ich meinen Blick

dann aber auf die Polen, denen jeder Zugvogel ein Lied von der Heimat

singt, oder auf unsere Altgläubigen, die trotz allen Kränkungen und

Unterdrückungen nicht aufhören, ihr russisches Land zu lieben, dann muß

ich ihr widersprechen und behaupten, es gibt doch noch Vaterlandsliebe

unter den Menschen. So weit kommt man auf seine alten Tage, daß man

sogar an den Polacken etwas zu loben findet! Allein ich will mich

fortan an das Wort halten, das ich neulich so viele Male zu hören

bekam: »Schweig!« ~Nunquam de republica desperandum.~«

»2. Januar 1849. Ich bin bei allen Altgläubigen gewesen und habe mir

die Silberlinge herausschicken lassen. Ich kann mich dem nicht mehr

widersetzen, allein es tut mir hin und wieder bitter weh. Ich mußte es

aber tun, damit meine Pfarrerin nächstens nicht noch zur Subdiakonsfrau

wird, denn nach dem, was ich erlebt habe, ist alles möglich.«

»1. Januar 1850. Das Jahr ist still und friedlich dahingegangen.

Ich habe meine Wohltäterin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, zu Grabe

getragen. Sie starb, nachdem sie fünf Kronenträger überlebt hatte:

Elisabeth, Peter, Katharina, Paul und Alexander; mit zweien von ihnen

hat sie auf Gesellschaften getanzt. Nächstes Jahr will ich einen Anbau

an mein Häuschen machen, denn ich bin einer Schwäche verfallen: ich

finde viel Vergnügen am Preferance-Spiel und habe mir aus Langerweile

das Rauchen angewöhnt, das macht neue Ausgaben. Anfangs rauchte ich nur

spaßeshalber beim Stadthauptmann, aber jetzt habe ich mir auch zu Hause

allen Zubehör angelegt. Eigentlich sollte ich es lassen.«

»10. Januar 1857. Ich erkenne mich selbst nicht mehr. Sieben Jahre

lang keine einzige Zeile hier hineingeschrieben. Mein Leben ist

seltsam, denn es ist ein sattes und behagliches geworden. Ich las eben

alles nach, was ich seit dem Tage meiner Ordination eingetragen. Es

ist bemerkenswert, wie so ganz anders ich in diesen Jahren die Dinge

betrachten gelernt habe. Ich kämpfe nicht mehr, belästige niemand und

werde von keinem belästigt. Steter Tropfen höhlt den Stein!«

»20. Oktober. An Stelle unseres entschlafenen Diakons, des sanften

Prochor, ist aus der Gouvernementsstadt ein neuer Diakon eingetroffen,

namens Achilla Desnitzyn. Dieser ist größer und dicker als wir alle.

Wenn man seine Physiognomie und seine Statur betrachtet, muß man die

Schöpferkraft der Natur bewundern. Am meisten aber gefällt mir an dem

Manne seine Gutmütigkeit. Er zeigte mir die Abschrift seines Zeugnisses

aus dem Seminar, in dem geschrieben stand: »Sittliches Verhalten gut,

aber sehr tragfähig.« Was bedeutet denn das? fragte ich. »Ach, nichts

von Belang,« erklärte er, »als ich wegen Fieber im Seminarlazarett

lag, trug ich den kranken Theologen heimlich Schnaps zu. Und zwar in

gehöriger Quantität.««

»7. Dezember. Der Subdiakon Sergej macht mich darauf aufmerksam, daß

unser neuer Diakon Achilla ein wenig vorlaut ist: aus falschem Ehrgeiz

gibt er vielen Betern vom Lande heimlich den priesterlichen Segen. Ich

habe ihm gesagt, daß er sich das in Zukunft nicht unterstehen dürfe.«

»15. August. Auf einem Festmahl beim Stadthauptmann kam es fast zu

einem Skandal, wieder durch einen Streit um den Verstand, und das

erinnerte mich an den alten Streit, der mich einst so lachen gemacht.

Der Diakon Achilla und der Arzt stritten über mich. Der Arzt leugnete

meinen Verstand, der Diakon pries ihn himmelhoch. Auf ihren Lärm und

besonders auf das Geschrei des Arztes kamen wir ins Zimmer und sahen

den Arzt hoch oben auf dem Schranke sitzen und verzweifelt mit den

Beinen strampeln und stoßen. Achilla aber saß seelenruhig mitten im

Zimmer in einem Lehnstuhl und meinte: »Nehmt ihn bitte nicht herunter,

ich habe ihn sozusagen an Wasserflüssen Babylons an die Weiden gehängt

für seine Widerspenstigkeit.« Ich konnte mich des Lachens kaum

erwehren, hielt aber dem Diakon eine ordentliche Strafpredigt und

sagte ihm, Gewalt sei kein Beweis. Er aber machte mir dafür eine tiefe

Verbeugung und wandte sich hierauf zum Arzte: »Nun? Jetzt siehst du's

wohl selbst, daß er der Justizminister ist.« Es ist wunderbar, wie

dieser kosakische Diakon es gleichsam fühlt, daß ich ihn von ganzem

Herzen liebhabe. Ich weiß selbst nicht warum. Aber er hat mich auch

lieb.«

»25. August. Welch große Freude! Die katholische Geistlichkeit in

Litauen hat Nüchternheitsvereine gegründet: sie predigen gegen die

Trunksucht, und die Trunksucht läßt nach. Die Leute kommen zur Vernunft

und die Blutsauger, die Branntweinpächter, platzen. Ach, wie gern

würde ich auch in dieser Art predigen!«

»5. September. In einigen orthodoxen Gemeinden ist dasselbe versucht

worden. Ich fürchte, ich halt's nicht aus und sage ein Wort! Aber da

ich ohne Zensur nicht predigen darf, so will ich eine schlaue Intrige

einfädeln und einen Mäßigkeitsverein gründen. Was soll man machen,

notgedrungen folgt man dem Beispiel des Ignatius Loyola, wenn man auf

geradem Wege nicht gehen darf.«

»7. Oktober. Wir haben die Statuten unseres Vereins entworfen,

aber bestätigt ist er noch nicht. Dagegen schreibt man, daß der

Branntweinpächter sich bei dem Minister über die Prediger beklagt habe,

welche das Volk vom Trinken abhalten. O du freche Kanaille! Wagst es

noch zu klagen, und noch gar dem Minister gegenüber!«

»20. Oktober. Eine wahnsinnige Nachricht! Die Zeitungen melden,

im Juli dieses Jahres hätten die Branntweinpächter beim Minister

des Innern über die orthodoxen Geistlichen, welche das Volk zur

Nüchternheit anhalten, Beschwerde geführt, und der Herr Minister

hätte sie dem Oberprokurator des Heiligen Synods weitergegeben,

welcher geantwortet hätte, daß der Synod den Geistlichen seinen Segen

gebe, an dem verdienstlichen Werke des Kampfes gegen den Mißbrauch

berauschender Getränke nach Kräften mitzuwirken. Aber die Pächter gaben

sich nicht zufrieden und petitionierten noch einmal um Aufhebung der

Verordnung des Heiligen Synods. Hierauf soll der Finanzminister dem

Oberprokurator des Heiligen Synods mitgeteilt haben, daß ein völliges

Verbot des Gebrauchs geistiger Getränke nicht zulässig sei, wenn es

durch religiöse Drohungen, die stark auf das Gemüt des einfachen

Mannes wirken, und durch Ablegung von Gelübden durchgesetzt werde,

weil dieses nicht nur der allgemeinen Anschauung von dem Nutzen eines

mäßigen Weingenusses widerspreche, sondern auch gegen die gesetzlichen

Verordnungen verstoße, auf Grund deren die Regierung die Schanksteuern

verpachtet habe. Infolgedessen soll eine Verordnung getroffen worden

sein, die Beschlüsse der Stadt- und Landgemeinden bezüglich der

Branntweinverbote aufzuheben und keinerlei Gemeindeversammlungen in

dieser Angelegenheit mehr zuzulassen. Sauf, mein armes Volk, sauf dich

zu Tode!«

»8. November. Am Tage des Anführers aller heiligen und himmlischen

Heerscharen, des Erzengels Michael, ward mir von der hohen Obrigkeit

eine ellenlange Nase zuteil. Nicht nur von dem verbrecherischen Plan

der Gründung eines Mäßigkeitsvereins hätte ich lassen sollen, sondern

auch predigen dürfte ich nicht darüber, in Anbetracht von diesem und

jenem und aus solchen Erwägungen und derartigen Rücksichten ... bloß

der einfache Nutzen der Menschheit zählt nicht mit ... Aber habe ich

nicht schon genug davon geschrieben? Soll ich denn immer nur meine

eigene Schmach zu Papier bringen?«

»1. Januar 1860. Sogar den Jahresbeginn lasse ich jetzt unbeachtet!

Wie heiß faßte ich früher alles auf und wie gleichgültig bin ich jetzt

geworden. Meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna sagt freilich, ich wäre

auch heute noch geradeso wie einst, aber wie könnte das sein! Ihr mag

das mitunter wohl so vorkommen, denn auch sie hat mittlerweile das

Alter der Mutter Sarah erreicht, ich aber sehe das besser ... Der Leib

ist gesund und sogar fett, aber was nutzt das, wenn die Seele schon

gleichsam mit einer Rinde zu bewachsen beginnt.«

»27. März. Frühlingslüfte wehen und die Wasserbäche stürzen von den

Hügeln. Der Diakon Achilla bringt schon seine Sättel in Ordnung und

wird bald wieder als Steppenkirgise dahersprengen. Wohl ihm, daß er

sich die Zeit so vertreiben kann.«

»23. April. Achilla erschien heute mit Sporen, die er sich für seine

Spazierritte eigens von Pizonskij hatte anfertigen lassen. Schlimm,

daß er in Nichts Maß zu halten versteht und jedes Ding gleich bis zum

Äußersten treiben muß. Um ihn sofort in seine Schranken zu weisen,

brach ich mit einem einzigen Tritt die Sporen von den Stiefeln des

Achilla ab und verbot ihm zur Strafe für diese Albernheit das Reiten

für dieses ganze Jahr. Somit muß er mir jetzt Buße tun. Was soll

man aber machen, wenn er nicht anders gebändigt werden kann? Er ist

imstande und gürtet sich nächstens noch ein Schwert um.«

»14. September. Der Subdiakon Sergej kam heute angeblich nach einer

Bütte zu Sauerkraut und erzählte mir dabei scheinbar ganz von ungefähr,

daß diesen Abend in der Scheune der Ziegelei ein zugereister Komödiant

einen Riesen und Kraftmenschen vorführe, und der Diakon Achilla

der Vorstellung beiwohnen wolle. Einen gemeinen und hinterhältigen

Charakter hat dieser Sergej.«

»Am 15ten. Ich habe mir die Vorstellung angesehen. Ohne selbst

gesehen zu werden, schaute ich durch eine Ritze im Hintertor. Achilla

war wirklich da, aber nicht bloß als Zuschauer, sondern sozusagen

als Mitwirkender. Er erschien in einem mächtigen Schafpelz, dessen

Kragen hochgeschlagen war, und hatte ein gemustertes Tuch umgebunden,

das seine Haare und den größten Teil des Gesichts bis an die Augen

verdeckte. Ich erkannte ihn sofort, was nicht schwer war, weil er, als

der vom Komödianten vorgeführte Riese und Athlet in fleischfarbenem

Trikot erschien, in jeder Hand ein Fünf-Pud-Gewicht, und damit, ein

wenig schwankend, die Bänke entlang wanderte, sich so weit vergaß, daß

er mit seiner gewöhnlichen Stimme laut rief: »Was ist denn an all

dem so Wunderbares?« Als hierauf der Riese in frechem Ton fragte, ob

jemand mit ihm ringen wolle, und sich keine Liebhaber für solch einen

Wettstreit fanden, trat Achilla, das Gesicht tief in das gemusterte

Tuch vergrabend, vor und griff den Riesen an. Ich meinte, ihre Knochen

müßten zerbrechen. Aber endlich überwand Achilla jenen hochmütigen

Deutschen, und nachdem er ihm die Beine kreuzweis übereinandergelegt,

wie man in feinen Häusern die gebratenen Poularden serviert, nahm

er jene zehn Pud und den Kraftmenschen selber und begann mit dieser

ganzen Last vor dem Publico auf- und abzugehen. Alles schrie »Bravo!«

Am wunderbarsten aber war das Finale, das mein guter Achilla zum

besten gab. »Meine Herrschaften,« wandte er sich ans Publikum,

»vielleicht fällt es jemandem ein, zu behaupten, ich wäre wer anders.

Bitte seid so gut und spuckt dann dem Kerl ins Gesicht, denn ich bin

bloß der Kleinbürger Iwan Morozow aus Sewsk.« Als ob ihn jemand um

diese Erklärung gebeten hätte. Aber mir war das doch immerhin eine

recht heitere Zerstreuung. Ach, wie geht unser Leben dahin! Wie ist

es schon hingegangen! Als ich von der Schaustellung wieder heimging,

kamen mir Tränen in die Augen -- ich weiß selbst nicht weshalb. Ich

fühlte nur das eine, daß etwas da ist, das ich beweinen muß, wenn

ich an die kühnen Pläne meiner Jugend denke und sie mit dem weiteren

Verlauf meines Lebens vergleiche! Als mir einst jene große Kränkung

widerfuhr, da träumte ich, ich könnte immer noch ein würdig Leben

führen, nicht im Wirken nach außen, sondern in stiller Arbeit an der

eigenen inneren Vervollkommnung; aber ich bin kein Philosoph, sondern

ein Bürger; mir ist das nicht genug: ich plage mich und leide ohne

Tätigkeit, und darum kann ich die Lebhaftigkeit meines lieben Achilla

nicht immer verurteilen. Gott verzeihe ihm und segne seine entzückende

Herzenseinfalt, in der ihn alles erfreut und erheitert. Dem Subdiakon

Sergej habe ich gesagt, er hätte gelogen, und ich habe ihm verboten,

noch weiter gegen den Achilla zu hetzen. Ich fühle, daß ich mit aller

Schwäche eines Vaters diesen guten Menschen liebgewonnen habe.«

»14. Mai 1861. In was für seltsame Dinge kann den Menschen sein

Leichtsinn verwickeln! Als ob wir nicht auch ohne den Diakon Achilla

Hansnarren genug hätten. Der Stadthauptmann wollte bei seinem

Schwiegervater, dem Verwalter der fürstlichen Güter Glitsch, ein

Pferd für sein Sechsgespann kaufen, welches dieser aber nicht zu

verkaufen gedachte. Da haben sie gewettet, daß der Stadthauptmann in

den Besitz des Pferdes gelangen werde. Darauf hat der Stadthauptmann

einen beschäftigungslosen Kleinbürger, namens Danilka, den sie hier

den Kommissar nennen, für zwei Rubel gedungen, ihm das Pferd beim

Herrn Glitsch zu stehlen. Einen zum Diebstahl anzustiften paßt sich

vorzüglich für einen Stadthauptmann -- sei es auch nur im Scherz. Was

aber das Tollste war: mein Achilla erbot sich, dem Danilka bei dieser

Sache zu helfen. Wieder war es der Subdiakon Sergej, der mir davon

Mitteilung machte, und ich ließ den Achilla rechtzeitig zu mir kommen,

um ihn für diesen Tag unter Aufsicht meiner Natalia Nikolajewna, für

die er Butter schlagen mußte, zu stellen; nachts jedoch ließ ich ihn

in meiner Stube auf dem Fußboden schlafen, und, damit er sich nicht

davonmachen könne, verwahrte ich seine Kleider und Schuhe bis zum

Morgen unter Schloß und Riegel. Heute früh aber wurden wir durch einen

großen Lärm aufgeweckt: Nach dem Hause des Stadthauptmanns jagte ein

mit drei Pferden bespannter Leiterwagen, in dem der Kommissar Danilka

zwischen zwei Bauern saß und wie ein Wahnsinniger schrie. Wir gingen

hinaus, um zu erfahren, aus welchem Grunde er so brüllte, und sahen,

wie man dem Danilka die Hosen herunterzog, die ganz mit Nesseln

vollgestopft waren. Es stellte sich heraus, daß der Herr Glitsch

ihn ertappt und zur Strafe in die Nesseln gesetzt hatte, worauf die

Gutsknechte ihn zu dem zurückgeschafft hatten, der ihn ausgesandt.

Ich fragte den Diakon, wie ihm wohl zumute gewesen wäre, wenn er das

Schicksal des Danilka hätte teilen müssen? Er erwiderte, das hätte ihm

nicht passieren können. Wenn selbst ihrer zehn über ihn hergefallen

wären, würde er sich ihnen nicht ergeben haben. »Nun, und wenn es

zwanzig gewesen wären?« fragte ich. »Ja, mit zwanzig,« meinte er,

»wär' ich auch nicht fertiggeworden,« und erzählte, wie er einmal als

Schüler mit seinem Bruder zu den Ferien nach Hause gewandert wäre und

sie gleichzeitig mit einer vorüberziehenden Abteilung Soldaten einen

Holderstrauch mit ein paar Zweigen voller Beeren bemerkt, sich auf

diese doch fast zu nichts zu gebrauchenden Beeren gestürzt hätten --

Achilla und sein Bruder und an die vierzig Soldaten. »Es kam,« sagte

er, »zwischen uns zu einem gewaltigen Handgemenge und mein Bruder

Finogescha blieb für tot liegen.« Wie naiv und einfach das ist! Jede

seiner Geschichten ist ein Ereignis! Das Leben ist ihm wirklich keinen

Heller wert!«

»29. September 1861. Aus der Gouvernementsstadt ist der Sohn der

Hostienbäckerin von St. Nikita, der Marfa Nikolajewna Prepotenskaja,

Warnawa, hier eingetroffen. Er hat das Seminar als einer der ersten

absolviert, aber nicht Geistlicher werden wollen und ist jetzt als

Rechenlehrer an der hiesigen Kreisschule angestellt. Auf meine Frage,

warum er den geistlichen Stand verschmäht habe, antwortete er kurz, er

wolle kein Betrüger ein. Ich konnte diese dumme Antwort nicht ungerügt

lassen und sagte ihm, er sei ein Narr. Aber so gering ich auch diesen

Menschen und alle seine Meinungen achte, seine Antwort hat mir doch weh

getan, wie der Stich einer giftigen Wespe.«

»27. Dezember. Achilla legt mitunter einen derartigen Leichtsinn an den

Tag, daß man in seinem eigenen Interesse hart gegen ihn sein muß. Der

schon mehrfach erwähnte Konstantin Pizonskij bat ihn jüngst, er möge

den Knaben, den der arme Alte bei sich aufgenommen und großgezogen, ein

recht schönes Gedicht lehren, mit dem das Kind den Bürgermeister zum

Weihnachtsfest beglückwünschen könne, -- Achilla hat sich gleich dazu

bereit erklärt und dem Buben folgende Verse beigebracht:

Heute ward unser Heiland geboren.

Herodes hat den Verstand verloren.

Herr Bürgermeister ehrenwert,

Werd' Euch von Gott das gleiche beschert!

Nein, man muß ihn mit mehr Strenge behandeln.«

»1. Januar 1862. Der Arzt hat in Erfüllung seiner Amtspflicht die

Leiche eines plötzlich Verstorbenen geöffnet, und der Lehrer Warnawa

Prepotenskij ist mit mehreren Schülern der Kreisschule zur Sektion

gekommen, um sie mit den Grundbegriffen der Anatomie bekannt zu machen.

In der Klasse hat er sie später gefragt: »Habt ihr den Körper gesehen?«

-- »Ja,« sagten die Knaben. -- »Und die Knochen habt ihr gesehen?«

-- »Die Knochen auch.« -- »Habt ihr alles gesehen?« -- »Alles.« --

»Habt ihr auch die Seele gesehen?« -- »Nein, die Seele haben wir nicht

gesehen.« -- »Nun, wo ist sie denn?« Und so bewies er ihnen, daß

es keine Seele gäbe. Ich machte den Inspektor konfidentiell darauf

aufmerksam und sagte, daß ich bei der nächsten Direktorenrevision

bestimmt die Rede darauf bringen würde.

Nun bist du wieder nötig geworden, armer Pope! Du hast mit den

Altgläubigen Krieg geführt und bist mit ihnen nicht fertig geworden;

du hast mit den Polen gekämpft und kriegtest sie nicht klein. Jetzt

sieh zu, was du mit dieser Narretei anstellst, denn da wächst schon die

Frucht deiner Lenden auf. Wirst du damit fertig werden? Zähl's doch an

den Knöpfen ab!«

»9. Januar. Ich bin an der Grippe erkrankt und kann das Haus nicht

verlassen. Die Religionsstunden in der Kreisschule gibt Vater Zacharia

an meiner Statt. Gestern kam er verwirrt und verstört zurück und

erklärte unter Tränen, er könne mich in der Schule nicht länger

vertreten. Die Ursache ist folgende: in der vorletzten Stunde hatte

Vater Zacharia in der dritten Klasse von der göttlichen Vorsehung

gesprochen, und heute prüfte er die Jungen daraufhin. Da sagt ihm

plötzlich ein Schüler, der Sohn des Kolonialwarenhändlers Lialin,

Alioscha, ein sehr begabter Bub, er »könne Gott den Schöpfer wohl

gelten lassen, aber Gott den Fürsorger erkenne er nicht an«. Erstaunt

ob einer solchen Antwort, fragte Vater Zacharia, worauf der junge

Theologe seine Anschauung denn begründe, -- und jener erwiderte darauf,

daß in der Natur sehr viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu finden

sei; er wies dabei vor allem auf den Tod hin, der für den Sündenfall

eines einzigen ungerechterweise dem ganzen Menschengeschlecht auferlegt

sei. Vater Zacharia, der diese freche Antwort nicht unerwidert lassen

konnte, fing nun an, den Jungen zu erklären, daß wir, angesichts der

Unvollkommenheit unserer Vernunft, über diese Dinge nicht gut urteilen

könnten, und unterstützte seine Worte mit dem Hinweis, daß, wenn wir

in unserer Sündhaftigkeit ewig wären, auch die Sünde und mit ihr

alles Schlechte und Böse ewig sein müßte, -- und, um die Sache noch

deutlicher zu erläutern, fügte er hinzu, daß dann auch der blutgierige

Tiger und der grimmige Hai ewig sein müßten, und überzeugte sie damit

denn auch alle. Aber in der zweiten Stunde, als Vater Zacharia in

der unteren Klasse war, kam derselbe Bub dort hinein und widerlegte

den Vater Zacharia vor all den Kleinen, indem er sagte: »Was könnten

der Tiger und der Hai uns denn anhaben, wenn wir unsterblich wären?«

Vater Zacharia fand in seiner Gutmütigkeit und bei seinem Mangel an

Schlagfertigkeit keine andere Antwort als: »Darüber haben sich schon

klügere Leute als du und ich den Kopf zerbrochen.« Das ging aber dem

alten Manne so nahe, daß er wohl eine Stunde bei mir geweint hat.

Und ich muß zum Unglück immer noch krank sein und kann nicht aus dem

Hause, um diesem Unfug zu steuern, hinter dem sicher der Lehrer Warnawa

steckt.«

»13. Januar. Wie gut ich's erraten habe! Alioscha Lialin hat von seinem

Vater für seine Freigeisterei die wohlverdienten Prügel bekommen und

unter Tränen gestanden, daß der Lehrer Prepotenskij ihn jene Frage und

die spätere Antwort gelehrt habe. Ich bin ganz entrüstet, aber unser

Arzt meint, ich dürfe das Haus noch nicht verlassen, denn ich hätte

eine Rezidiv-Angina, und könnte leicht den Weg ~ad patres~ finden.

Was ich doch noch nicht möchte. Ich habe dem Inspektor geschrieben.

Als Antwort erhielt ich die Mitteilung, dem Prepotenskij sei auf

meine Beschwerde hin ein Verweis erteilt worden. Jawohl, ein Verweis!

Der die Geister verwirrt, der sich an den Kleinen versündigt, den

ehrenwertesten, sanftmütigsten, man kann wohl sagen: musterhaftesten

Diener des Altars kränkt -- erhält einen Verweis! Und wenn ein

hungernder Subdiakon ein altes Psalmenbuch gegen ein neues eintauscht,

wird seine Familie für ein ganzes Jahr des Ernährers beraubt ... O du

arglistiges Geschlecht! ...«

»27. Ich bin in der größten Aufregung. Mit dem abscheulichen Warnawa

ist kein Auskommen. In der Stunde erzählte er neulich, daß der

Prophet Jonas unmöglich vom Walfisch verschluckt werden konnte, denn

dieses riesengroße Tier hätte doch eine sehr enge Gurgel. Ich kann

das unmöglich dulden, aber ich wage es nicht, mich beim Direktor zu

beschweren, denn am Ende läuft es wieder auf einen flüchtigen Verweis

hinaus.«

»17. Februar. Prepotenskij bringt mich ganz aus der Fassung. Ich kann

ihn nach dem, was er sich jetzt wieder erlaubt hat, kaum noch für einen

Menschen halten, und habe darüber nicht seinem Direktor, sondern dem

Adelsmarschall Tuganow Bericht erstattet. Was mir von diesem alten

Voltairianer kommen wird, weiß ich nicht, aber immerhin ist er ein

bodenständiger Mensch und kein Mietling und wird daher vielleicht ein

Einsehen haben. Warnawka treibt Dinge, wie sie nur der Wahnsinn einem

eingeben kann. Weil der Lehrer Gonorskij erkrankt ist, hat Prepotenskij

zeitweilig den Geschichtsunterricht übernehmen müssen, -- und hat

gleich damit angefangen, von der Unsittlichkeit des Krieges zu reden

und es direkt auf die Begebenheiten in Polen bezogen. Indessen das war

ihm noch nicht genug, er begann über die Zivilisation zu spotten, den

Patriotismus und die nationalen Prinzipien zu verhöhnen, und zuletzt

sich auch noch lustig über die Anstandsregeln zu machen, welche er zum

Teil sogar als unsittlich bezeichnete. Als Beispiel führte er an, daß

die gebildeten Völker den Akt der Geburt des Menschen verheimlichen,

den des Mordes aber nicht, indem sie sich sogar mit Kriegswaffen

öffentlich sehen lassen. Was will dieser Narr? Wahrlich, das ist so

dumm, daß man sich schämen muß, und doch ärgere ich mich. Es ist ja nur

eine Kleinigkeit; aber ich muß ja nach den Kleinigkeiten sehen, denn

über Kleinem bin ich gesetzt.«

»28. Februar. Oho! Mein Voltairianer liebt nicht zu scherzen. Der

Direktor ist hergekommen. Ich konnt' es nicht länger ertragen und ging

trotz aller Drohungen des Arztes zu ihm hin und berichtete ihm von den

Ungebührlichkeiten des Prepotenskij, aber der Herr Direktor haben zu

alledem nur herzlich gelacht. Wie lachlustig sie alle sind! Er gab dem

Ganzen eine scherzhafte Wendung und sagte, deswegen werde Moskau nicht

in Flammen aufgehen, -- »und übrigens,« fügte er hinzu, »wo soll ich

denn andere hernehmen? Sie sind heutzutage alle so.« Und so stand ich

wieder da, wie ein Narr, der unnütz Krakeel macht. Aber das muß wohl so

sein.«

Die Klerisei · 第 5 / 25 段