»Nun,« sagte ich, »so etwas kann ja vorgekommen sein, ich will die

Kosaken keineswegs verteidigen, aber wir haben uns trotz allem

heldenmütig behauptet gegen den Mann, vor dem ganz Europa im Staube

lag.«

Sie: »Ganz recht, weil der liebe Gott und der Frost uns zu Hilfe kamen,

haben wir uns behauptet.«

Dieses ebenso verächtliche als ungerechte Urteil machte auf mich einen

so unangenehmen Eindruck, daß ich, ohne mein Unbehagen zu verbergen,

erwiderte:

»Glauben Exzellenz im Ernst, daß in Rußland einzig der Zufall regiert?

Einmal mag's Zufall sein und noch einmal Zufall, aber beim dritten Male

lassen Sie doch auch die Weisheit und den Heldenmut der Führer des

Volkes gelten.«

»Alles ist Zufall, mein Bester, und in allem, was mit diesem Reiche

geschieht, sehe ich neben dem Willen Gottes bisher nichts als

Zufälligkeiten. Hätten deine Altgläubigen den langen Peter umgebracht,

so säßen wir heute noch auf unserm vielgerühmten Grund und Boden nicht

als mächtiger Staat, sondern als so was, wie die Bulgaren in der

Türkei, und würden diesen selben Polen die Hände küssen. Eins nur

gereicht uns zum Lobe: daß unser so viele sind. Es dauert lang, bis

wir einander aufgefressen haben. Das ist uns eine gute Gewähr für die

Zukunft.«

»Das ist traurig,« sagte ich.

»Laß dich's nicht bekümmern. Andere Länder bauen auf ihren Ruhm,

unseres wird auch durch Schimpf stark. Aber nun haben wir genug

geredet, ich bin schon müde geworden. Leb wohl. Und wenn was Schlimmes

passiert, komm nur zu mir und beklage dich. Sieh nicht darauf, daß ich

solch ein verschrumpfter Pilz bin. Der Pilz steht zwar im Wald, aber

man weiß auch in der Stadt von ihm. Und wenn sie über dich herfallen,

so freue dich drüber; wärst du ein Kriecher oder ein Dummkopf, so täten

sie es nicht, sondern würden dich loben und den andern als Beispiel

hinstellen.«

Nachdem sie gesprochen, wandte sie sich zur Zwergin, welche während

unseres ganzen Gespräches ein Paket in der Hand hielt, ließ es sich

geben, reichte es mir und sagte:

»Bring das in meinem Namen deiner Pfarrerin, es sind Korallen, die ich

früher getragen, zwei Stück Stoff zu Kleidern, und Leinwand für den

Hausgebrauch. Und für dich hab' ich hier einen Rubinring.«

Dieses Geschenk machte mich bei aller schlichten Herzlichkeit,

mit der es überreicht wurde, doch etwas verlegen, und während ich

die Korallenketten, die Seidenstoffe und den hell leuchtenden

Rubin betrachtete, sagte ich: »Exzellenz, ich bin Ihnen für diese

schmeichelhafte Aufmerksamkeit sehr dankbar. Die Sachen sind aber so

prächtig, und meine Gattin ist eine ganz schlichte Frau ...«

»Nun,« unterbrach sie mich, »um so besser, wenn du eine einfache Frau

hast; wo der Mann und die Frau alle beide die Hosen anhaben, da kommt

nichts Gescheites heraus. Es ist immer das beste, wenn die Frau ihren

Weiberrock anbehält, -- also mag sie sich aus dem da ein paar Röcke

nähen.«

Hiermit war unser Gespräch beendet und ich muß gestehen, diese Frau

erfüllte mich mit großer Bewunderung. Was mich aber am meisten wundert,

das ist meine Unsicherheit ihr gegenüber. Woher kam es, daß mir die

Zunge am Gaumen kleben blieb, als wenn ich etwas zu fürchten hätte?

Und wenn ich dann zu reden versuchte, so kam alles so armselig heraus.

Sie aber lenkte das Gespräch ganz nach ihrer Laune, und gab ich mir

Mühe, recht klug zu scheinen, damit ihre Enttäuschung nicht gar so

groß sei, so achtete sie gar nicht darauf. Ihre Worte kamen scheinbar

ganz unvorbereitet, sie schien's auf eine Prüfung meines Verstandes

nicht abgesehen zu haben, -- und doch kann ich sie nicht vergessen!

Worin liegt diese ihre Gewalt? Ich glaube, in jener feinen Weltbildung,

welche unsere geistlichen Erzieher verachten, ohne zu bedenken, daß

sie uns dadurch der so sehr notwendigen Findigkeit und Gewandtheit im

Verkehr mit Menschen der großen Welt berauben.

Aber dieser Tag sollte damit noch nicht schließen. Es kam noch ein

seltsames Erlebnis. Kaum hatte ich mich an der Freude meiner biedern

Natascha über die Geschenke geweidet, da packte auch dieser ehrenwerte

Zwerg Nikolai Afanasjewitsch seine Gaben aus. Zuerst überreichte

er mir ein Paar gestrickte baumwollene Hosenträger, weiß mit roter

Borte, und meiner Gattin ein Kopftüchlein aus zarter Kaninchenwolle.

Während ich noch über die Seltsamkeit dieser neuen unerwarteten Gaben

staunte, entnahm er seiner Tasche ein Paar wollener Strümpfe für unsere

Dienstmagd Axinia, die eben den Samowar brachte. »Was ist denn das für

ein Schenktag!« rief ich unwillkürlich aus, und wagte nicht, den Geber

durch eine Ablehnung zu kränken. Er antwortete mir, es seien alles

Arbeiten seiner eigenen Hand. »Da ich, dank meiner Wohltäterin, nicht

zu arbeiten brauche und nichts anderes gelernt habe, so beschäftige

ich mich immer mit Stricken, um nicht müßig zu sein und die Freude zu

haben, diesem und jenem etwas von meinen Erzeugnissen zu schenken.«

Diese Herzenseinfalt gefiel mir so, daß ich den kleinen Mann umarmte

und ihn mit Küssen fast erstickte.

Werde ich meinen heutigen Bericht überhaupt je zu Ende bringen? Mit

dem Weggang des Dieners der Bojarin Plodomasowa nahmen die Wunder des

Tages immer noch kein Ende; denn als Axinia die Türe des Vorzimmers

für die Nacht schließen wollte, entdeckte sie, daß am Kleiderständer

etwas hing, was nicht uns zu gehören schien, und als Natascha und ich

auf ihren Ruf hinauskamen, fanden wir: erstens einen dunkelbraunen

Leibrock aus französischem ~Gras-de-Naples~-Stoff, zweitens einen

reichgestickten Kammgarn-Gürtel mit purpurroten Bändern, drittens eine

Kutte aus kostbarem, grünem, unzerschnittenem Sammet, und viertens, in

ein langes Stück Kaliko gewickelt, ein vollständiges Meßgewand.

Wir waren alle ganz verblüfft über diesen Fund und wußten nicht,

wie wir uns seine Herkunft erklären sollten. Da bemerkte Axinia als

erste ein Kärtchen am Knopf des Kragens der Kutte befestigt, auf dem

mit runder Schrift, sozusagen ägyptischen Stils, geschrieben stand:

»Gedenke, mein Freund Vater Sawelij, in deinen Gebeten der Magd Gottes

Marfa.« Wir wußten uns vor Erstaunen nicht zu lassen, aber was war

zu tun? Indem wir das neue Meßgewand auf dem Tisch ausbreiteten,

erlebten wir eine neue Überraschung. Als Natascha das Schultertuch

auseinanderfaltet, fällt ein versiegeltes Kuvert mit meiner Adresse

heraus, welches fünfhundert Rubel und einen winzigkleinen Zettel

enthält, auf dem von derselben Hand geschrieben steht: »Damit das Los

deiner Familie im Fall eines Unglücks dich nicht beunruhige, wenn du

vor dem Altar stehst, kaufe dir eine Kate und pflanze Kürbisse an. Dann

wirst du ungestörter an den Ausbau des Gottesreiches denken können.«

Wofür wird mir das zuteil? Warum denkt sie nicht so, wie der

Konsistorialsekretär und der Schließer, daß es leichter sei, am Reiche

Gottes zu bauen, wenn man nichts habe, auf dem man sein Haupt hinlege?

Nun ist auch der Pope Sawelij nicht mehr heimatlos! Jetzt soll auch

er sein Hüttlein haben. Aber ach! Es muß gesagt werden, dem Zufall

verdankt er das!«

»6. Dezember. Gestern brachte ich das von der Gutsherrin geschenkte

Meßgewand in die Sakristei und heute amtierte ich darin. Es paßt

mir ausgezeichnet. Sonst, wenn ich die Gewänder meines verstorbenen

Vorgängers anlegen mußte, der von sehr kleiner Statur war, erschien ich

langer Kerl nicht in aller Herrlichkeit der Kirche, sondern sah aus wie

ein Sperling, dem man die Schwanzfedern ausgezupft hatte.«

»9. Dezember. Sonderbar! Der Propst zieht mir ein schiefes Gesicht,

aber da ich mir keiner Schuld ihm gegenüber bewußt bin, bin ich ganz

ruhig.«

»12. Dezember. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen mir und dem

Propst. Weswegen? Wegen des Plodomasowschen Meßgewandes: es sei nicht

in der vorschriftsmäßigen Weise nach der Kirche geschaffen worden, --

und dann fügte er noch hinzu, es »gingen allerlei Gerüchte, daß Ihr

noch etwas von ihr erhalten hättet«. Soll das etwa heißen, daß ich

nicht alles, was der Kirche zukommt, abgeliefert habe, sondern etwas

davon gestohlen habe?«

»1. Januar. Segne das neue Jahr mit deiner Gnade, Herr, und den Popen

Sawelij zu seiner neuen Fahrt in die Gouvernementsstadt. Ich glaube,

daß vor diesen Widersachern auch kein Weihwasser schützt.«

»20. Januar. Diese Zeilen schreibe ich in der schmutzigsten Kammer

des bischöflichen Hofes, im Seminarflügel. Dem Gouverneur ist

mitgeteilt worden, daß mein Subdiakon Lukian den Schismatikern eines

ihrer alten Psalmenbücher zurückgegeben hat, welches mit den andern

bei der Aufhebung der Dejewschen Kapelle konfiszierten Büchern bei

mir in Verwahrung war. Die Begebenheit ist wahr, ich hatte sie aber

verheimlicht, erstens weil sie mir unwichtig dünkte, zweitens, weil ich

den wahren Grund kannte: die Armut, die den Subdiakon Lukian soweit

gebracht hatte. Aber diese Bagatelle wird mir nun als furchtbares

Verbrechen angerechnet, ich bin unter Aufsicht gestellt und in die

Seminarbrauerei geschickt worden, um Kwas zu brauen.«

»9. April. Ich habe meine Zeit abgebüßt und bin zum häuslichen Herde

zurückgekehrt. Tief rührten mich die Tränen meiner Frau, die sich

bitter um mich gehärmt hat, aber noch mehr rührten mich die Tränen der

Frau des Subdiakon Lukian. Von sich schwieg die gute Frau ganz und

dankte nur mir, daß ich für ihren Mann gelitten. Den Lukian selbst hat

man in ein entferntes Kloster verbannt, allerdings nur für ein Jahr.

Die Frist ist so kurz, daß die Seinen nicht umzukommen brauchen, auch

wenn sie nichts zu essen bekommen. Sie kommen so dem lieben Gott näher,

wie die Herrn im Konsistorium behaupten.«

»20. April. Der liebenswürdige Zwerg war wieder hier und teilte mir

mit, Marfa Andrejewna hätte angeordnet, daß ich alljährlich dreimal --

zu St. Nikolai im Sommer, im Winter und zu Epiphanias -- aufgefordert

werde, in der Kirche von Plodomasowo die Messe zu zelebrieren, wofür

mir durch den Verwalter ein Gehalt von 150 Rubel, also 50 Rubel für

jede Messe, abgezahlt werden solle. O diese Zufälle! Weiß Gott, ich

werde bald anfangen, sie zu fürchten.«

»15. August. Der Glöckner Jewticheitsch ist aus der Gouvernementsstadt

zurückgekehrt und hat erzählt, zwischen dem Bischof und dem Gouverneur

sei ein Zwist wegen einer gegenseitigen Visite ausgebrochen.«

»2. Oktober. Das Gerücht vom Visitenstreit bestätigt sich. Der

Gouverneur hat, wenn er an Staatsfeiertagen dem Gottesdienst im Dom

beiwohnt, die Gewohnheit, sich dabei laut zu unterhalten. Da beschloß

der Bischof, ihm dies abzugewöhnen und schickte seinen Stabträger zu

seiner Exzellenz mit der Bitte, dieselben wollten sich doch anständiger

betragen. Der Gouverneur nahm die Botschaft mit sehr hochfahrender

Miene entgegen und fing nach kurzer Zeit wieder an, laut mit dem

Gendarmenoberst zu sprechen. Diesmal aber unterbrach der Bischof die

Liturgie und sagte vernehmlich: »Gut, Exzellenz, ich werde warten. Wenn

Sie fertig sind, fahre ich fort.« Ich kann diese Handlungsweise des

Bischofs nur billigen.«

»8. November. Ich habe das Epigonation erhalten. Ich weiß nicht, wie

ich zu dieser Auszeichnung komme. Soll ich es etwa dem Visitenstreit

zuschreiben und dem Umstande, daß der Gouverneur mir nicht grün ist?«

»6. Januar 1837. Wieder eine Neuigkeit! Der Bischof hat zu Neujahr die

Tochter des Gouverneurs zurückgewiesen, als sie in Handschuhen zu ihm

hintrat, um den Segen zu empfangen. »Zieh erst das Hundefell von deiner

Hand,« sagte er ihr.«

»17. März. Der Oberpfarrer von der Epiphaniaskirche kam nachts mit

dem Venerabile von einem Kranken und wurde von einer Patrouille auf

die Polizeiwache gebracht, -- angeblich weil er betrunken war. Am

nächsten Tage machte ihm der Bischof einen Besuch im vollen Ornat. O

du polackischer Kanzleivorsteher, dieses Stücklein kann dir teuer zu

stehen kommen!«

»18. Mai. Der Bischof ist in eine andere Diözese versetzt worden.«

»16. August. Ich war beim neuen Bischof. Er scheint ein verständiger

und charakterfester Mann zu sein. Wir sprachen über die Lage der

Geistlichkeit und er befahl mir, einen Bericht darüber aufzusetzen. Er

sagte, ich wäre ihm von seinem Vorgänger aufs beste empfohlen worden.

Dank dir, armer, schmählich geschlagener Alter, für dein gutes Wort!«

»25. Dezember. Ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, wozu ich

geboren und berufen bin. Meine Pfarrerin macht mir Vorwürfe, daß ich

sogar am heutigen Weihnachtstage arbeite, aber es gibt für mich kein

schöneres Vergnügen als diese Arbeit. Ich schreibe meinen Bericht über

die Lage der Geistlichkeit mit einer Freude und einer Liebe, die ich

gar nicht auszudrücken vermag. Betitelt habe ich die Schrift: »Über die

Lage der orthodoxen Geistlichkeit und über die Mittel, durch welche sie

zum Nutzen der Kirche und des Staates gebessert werden könnte.« Ich

glaube, es ist gut so. Nie noch habe ich mich so glücklich und so stolz

gefühlt, so gütig und so reich an Kraft und Verstand.«

»1. April. Mein Bericht ist dem Bischof eingereicht. Meine Pfarrerin

meinte, ich hätte es heute nicht tun sollen; denn der erste April sei

ein trügerischer Tag. Wollen sehen.«

»10. August. Ich bin Oberpfarrer geworden.«

»4. Januar 1839. Heute kam ein Schreiben aus dem Konsistorium und mein

ahnungsvolles Herz schlug freudig, -- aber es bezog sich nicht auf

meinen Bericht, sondern meldete nur, daß mir das Brustkreuz verliehen

sei. Vielen, vielen Dank. Aber das Schicksal meines Berichts bekümmert

mich doch.«

»8. April. Ich bin zum Propst ernannt. Von meinem Bericht ist immer

noch nichts zu hören. Ich weiß nicht, wie man diese Posaunen zum Tönen

bringen soll.«

»10. April 1840. Nun bin ich schon ein Jahr Propst. Von meinem Bericht

ist immer noch nichts zu vernehmen. Der Aberglaube der Pfarrerin ist

doch nicht so unvernünftig. Heute machte sie mich wieder lachen: sie

meinte, ich hätte meine Sache vielleicht sehr gut geschrieben, aber

nicht richtig unterschrieben.«

»20. Juni 1841. Ich ging trocken mitten durch das Meer und ward

gerettet von der Ägypter Bosheit, darum will ich lobsingen dem

Herrn, solange ich lebe ... Was hat sich mit mir begeben? Was habe

ich erdulden müssen und wie bin ich nach alledem wieder an Gottes

Tageslicht gekommen? Neugierig bin ich, was du wohl tun magst, du

Dichter von Fabeln, Balladen, Erzählungen und Romanen, wenn du in

dem Leben, das dich umgibt, keine Fäden zu entdecken behauptest, die

es wert wären, in deine vergnüglich zu lesende Fabel geflochten zu

werden? Oder kümmert dich, der du der Menschen Sitten zu bessern dich

vermissest, jenes wirkliche Leben gar nicht, das die Erdenmenschen

leben, sondern suchest du nur nach einem Vorwand zu leerem Geschwätz?

Ist dir bekannt, was für ein Leben ein russischer Pope führt; dieser

»unnütze Mensch«, den man deiner Meinung nach vielleicht unnötigerweise

herbeirief, deinen Eintritt ins Leben zu begrüßen, und den man abermals

-- auch wider deinen Willen -- rufen wird, daß er dich zum Grabe

geleite? Weißt du, daß das elende Leben dieses Popen nicht arm ist,

sondern überreich an Nöten und Abenteuern, -- oder meinst du, daß

seinem Weihrauchherzen edle Leidenschaften fremd sind und daß es keine

Schmerzen empfindet? Oder willst du von deiner Dichterhöhe mich, den

Popen, deiner Aufmerksamkeit überhaupt nicht würdigen? Oder wähnst du,

meine Zeit sei schon vorbei, und das Land, das dich und mich geboren

und aufgezogen, brauche mich nicht mehr? O du Blinder, sage ich, wenn

du das erste denkst; o du Narr, sage ich, wenn du das zweite denkst und

dich bemühst, nicht mich aufzurichten und zu beleben, sondern einen

Stein auf mich zu wälzen und des Erstickenden zu spotten.

Aber ich wende mich vom Philosophieren zu jener Begebenheit, die mich

philosophieren gemacht hat.

Ich bin nicht mehr Propst und hätte fast auch mein Priesteramt

verloren. Wofür? Dafür! Ich will die ganze Geschichte ausführlich

erzählen. Im März dieses Jahres besuchte der Gouverneur auf der

Durchreise unsere Stadt, aus welchem Anlaß der Adelsmarschall ein Fest

gab. Ich benutzte diese Gelegenheit, um mich beim Gouverneur über

die Gutsherren zu beschweren, welche ihre Bauern mit Arbeiten auch

an Sonntagen und sogar an den zwölf großen Festtagen überhäufen, so

daß das arme Volk noch ärmer wird, denn in vielen Dörfern ist jetzt

weder Roggen noch Hafer zu finden. ... Kaum aber hatte ich dieses Wort

»Hafer« ausgesprochen, als der hohe Herr in heftigen Zorn geriet, von

mir abrückte, als wäre ich ein giftiges Tier, und schrie: »Was kommt

Ihr mir mit Eurem Hafer auf den Hals?« Und dann ging es los: ich bin

dies und das und jenes, -- und zuletzt: »Ich bin doch nicht der heilige

Nikolaus, ich handle nicht mit Hafer!« Das konnte ich nicht dulden und

erwiderte: »Ich muß Eure Exzellenz, als eine mit den Glaubenslehren

wenig bekannte Persönlichkeit, vor allem darauf aufmerksam machen, daß

St. Nikolaus Bischof war und keinerlei Handel trieb. Ferner aber müßten

Sie wissen, daß unser rechtgläubiges Volk der Priester und Diakonen

bedarf, denn das ist bisher das Einzige, was wir noch nicht von den

Deutschen übernommen haben.« Der Gouverneur lachte boshaft und sagte:

»Nur keine Furcht, Herr Pfarrer, wenn der Pfuhl erst da ist, kommen

die Teufel von selbst.« Diese letzte Rede war für mich bitterer als

die erste. Wer sind diese Teufel, und was meint dein Schandmaul mit

dem Pfuhl? So dachte ich im Zorne und konnte nicht stillschweigen,

sondern sagte zu dem Herrn, daß ich aus Achtung vor meinem Amte ihn

auch diesmal nicht als Teufel bezeichnen wolle. Und was war die Folge?

Heute bin ich Propst +gewesen+, und ich danke dir, Herr, mein Gott, daß

ich nicht auch des Priesteramtes beraubt und exkommuniziert bin. Nein,

solche Dinge mögt ihr modernen Geschichtenschreiber nicht behandeln.

Ihr denkt nicht daran, den Leuten zu erzählen, wie schwer mir ums Herz

ist.«

»3. September. Das Herbstwetter stimmt mich unsagbar trübe. Ich war

gewohnt, immer in Tätigkeit zu sein, und nun quält mich das Nichtstun.

Ich treibe die Torheit schon so weit, daß ich oft insgeheim, wenn meine

Gattin es nicht sehen kann, still für mich weine.«

»27. Januar 1842. Ich habe mir bei einem Juden für sieben Rubel eine

Spieldose und ein Damespiel gekauft.«

»18. Mai. Ich habe mir einen Zeisig angeschafft und lehre ihn zur

Spieldose singen.«

»2. März 1845. Drei Jahre sind vergangen, ohne daß sich in meinem

Leben etwas geändert hätte. Ich habe mein Haus bestellt und in den

Kirchenvätern und Geschichtschreibern gelesen. Zu zwei Schlüssen bin

ich gekommen und möchte sie gerne beide für falsch halten. Der erste

ist, daß das Christentum in Rußland überhaupt noch gar nicht gepredigt

worden ist, und der zweite, daß die Ereignisse sich wiederholen und

man sie voraussagen kann. Über den ersten Schluß redete ich einmal

mit meinem sehr verständigen Amtsbruder, dem Vater Nikolaus, und war

sehr erstaunt, wie er das aufnahm und mir beistimmte. »Ja,« sagte er,

»das ist unbestreitbar, wir werden in Jesu Namen getauft, aber wir

nehmen Jesum nicht in uns auf.« Also bin ich es nicht allein, der das

sieht, andere sehen es auch. Warum erscheint es aber ihnen allen nur

lächerlich, während es mich bis aufs Blut peinigt.«

»Neujahr 1846. Es sind mehrere Polen zu uns in die Verbannung

geschickt. Über das Schicksal meines Berichts ist mir noch immer nichts

bekannt. Ich interessiere mich lebhaft für die politischen Wirren, die

im Westen im Anzuge sind und habe in Anbetracht dessen eine politische

Zeitung abonniert.«

»6. Mai 1847. Es sind noch zwei neue Polen zu uns gekommen, der Pater

Aloysius Konarkiewicz und Pan Ignacij Czemernicki. Letzterer ist noch

ein ganz junger Mann, aber bereits eine komplette Kanaille. Unsere

Stadthauptmannsfrau, die ja selber Polin ist, hat sich mit einem ganzen

Schwarm von Landsleuten umgeben und begünstigt letzteren vor allen

anderen.«

»20. November. Ich bemerke etwas ganz Erstaunliches und

Unbegreifliches. Die Polen werfen sich bei uns geradezu zu Herren

auf. Man kann durch sie bei der Gouvernementsverwaltung alles

erreichen, denn der Czemernicki erweist sich als intimer Freund jenes

Kanzleivorstehers, den ich in so guter Erinnerung habe.«

»5. Februar 1848. Was ich mein Lebtag nicht hatte tun wollen, habe

ich jetzt getan. Ich habe mich über die Polen beschwert, denn ihr

Benehmen übersteigt jegliches Maß. Nicht genug, daß sie sich seit

langem schon öffentlich über die Zeitungsmeldungen lustig machen

und behaupten, es sei gar nicht so, wie die Blätter berichteten,

sondern gerade umgekehrt: nicht wir schlügen die Feinde, sondern wir

würden geschlagen, -- sie gehen auch schon von bloßen Worten zu Taten

über. Bei der Totenmesse für die gefallenen Krieger erhoben sie mit

der Stadthauptmannsfrau ein derart unziemliches Gelächter, daß der

Oberpfarrer einen Kirchendiener zu ihnen schickte mit der Bitte, sich

entweder ruhig zu verhalten oder die Kirche zu verlassen, worauf sie

lächelnd hinausgingen. Und als wir mit dem Klerus nach Beendigung des

Gottesdienstes am Kolonialwarenladen der Gebrüder Lialin vorübergingen,

trat einer von den Polen mit einem Glase Punsch in der Hand vor die Tür

und rief, die Stimme des Diakons nachahmend: »Mir noch 'nen Heißen!«

Ich begriff, daß es eine Verspottung des »Kyrie eleison« sein sollte,

und habe es in meiner Beschwerde auch so erwähnt.«

»1. April. Abends. Meine Beschwerde über das Benehmen der Polen hat,

so scheint es, wenn auch spät, doch eine gewisse Wirkung gehabt. Heute

früh kam der Chef der Gendarmen in die Stadt und berief mich zu sich

und fragte mich lange nach allen Einzelheiten. Ich erzählte ihm, wie es

gewesen, und er teilte mir mit, daß all diesen polnischen Gemeinheiten

bald ein Ende gemacht werden solle. Ich fürchte nur, daß alles dies

wieder mal, recht zum Possen, am ersten April gesagt sein wird. Ich

fange an zu glauben, daß dieser Tag wirklich ein trügerischer Tag ist.«

»7. September. Der erste April scheint diesmal doch nicht

getrogen zu haben. Konarkiewicz und Czemernicki sind beide in die

Gouvernementsstadt versetzt worden.«

»25. November. Unser Stadthauptmann nebst Gemahlin haben uns verlassen.

Er ist zum Polizeimeister in der Gouvernementsstadt ernannt worden.

+Die+ Strafe ist noch zu ertragen.«

»5. Dezember. Der neue Stadthauptmann ist angekommen. Er nennt sich

Hauptmann Mratschkowskij. Der Name kommt vom Worte »~mrak~« -- die

Finsternis. O Herr, Du allein weißt, wann auch etwas vom Licht zu uns

kommen wird!«

»9. Dezember. Heute war ich beim neuen Stadthauptmann zum Frühstück.

Liebenswürdig sind sie beide, er sowohl wie die Gattin. Nachdem er

gehörig getrunken hatte, sang er uns vor: »Denkst du daran, mein

tapfrer Kampfgenosse?« Und sein Söhnchen, ein munterer Bub in einem

russischen Hemd, sang auch: »Heil dir, Meister Frost, bist ein wackrer

Russe!« Das sind mir doch Neuigkeiten! Aus dem Gespräch mit besagtem

Mratschkowskij ist mir vor allem die Geschichte von einem Professor der

Moskauer Universität bemerkenswert, der seinen Abschied erhalten haben

soll, weil er in einer Festrede gesagt hatte: »~Nunquam de republica

desperandum~«, -- was bedeuten sollte: man darf niemals am Staat

verzweifeln. Aber ein Kanzleiweiser legte es so aus, er hätte sagen

wollen, man dürfe nie an der +Republik+ verzweifeln. Daraufhin ward der

Professor gebeten, sein Entlassungsgesuch einzureichen. Es ist kaum

glaublich.«

Die Klerisei · 第 4 / 25 段