Eine solche Frage, muß ich gestehen, machte mich äußerst verlegen, denn

ich begriff plötzlich, warum meine unartige Gattin etwas ihr so wenig

Geziemendes erfahren wollte.

Aber mit ihrer ganzen ausgezeichneten Bescheidenheit und all jener

weiblichen Koketterie, die sie auch als Pfarrersfrau von der Natur

geerbt hat, begann sie mich mit Erinnerungen aus meiner verflossenen

Jugendzeit zu locken, und wies darauf hin, daß das, was sie angedeutet,

sehr leicht hätte geschehen können, denn ich sei damals so schmuck

gewesen, daß alle Mädchen, nicht nur aus geistlichen, sondern auch

aus weltlichen Häusern, mir nachgeseufzt hätten, als ich in die

Stadt Fatesh gekommen sei, um bei ihrem Vater um sie anzuhalten. So

erheiternd das auch war, so suchte ich doch alle ihre Zweifel über

meine Jugend zu zerstreuen, was mir auch nicht schwer fiel, denn ich

brauchte nur die reine Wahrheit zu sagen. Allein je eifriger ich sie

beruhigte, desto betrübter ward sie, und ich konnte nicht fassen,

warum meine Rechtfertigung sie gar nicht erfreute, sondern nur immer

trauriger machte, bis sie endlich sagte:

»Denke nach, Vater Sawelij, vielleicht, wenn du doch leichtsinnig

gewesen ... gibt es irgendwo noch ein Waisenkind ...«

Nun erst verstand ich, was sie klar auszusprechen sich geschämt

hatte: sie will mein illegitimes Kind ausfindig machen, das gar nicht

vorhanden ist! Welche Herzensgüte! Wie ein Stier, den die Bremse

gestochen hat, riß ich mich von meinem Platze, stürzte nach dem

Fenster und richtete meine Blicke in die himmlische Ferne hinaus,

daß nur der Himmel mich sehe, mich, den sein Weib so durch seine

Güte und Sorglichkeit beschämt hatte. Sie aber, meine Lilien- und

Levkojenfreundin, meine weiße, keusche, süß duftende Rose, mit leichten

Schritten schlich sie mir nach und legte ihre kleinen Pfötchen mir auf

die Schultern und sprach:

»Denke nach, Liebster: vielleicht ist irgendwo ein Vöglein vorhanden,

und ist es so, dann lasse uns gehen und es holen!«

Nicht nur aufsuchen will sie das Kind, -- sie hat es schon lieb,

sie bemitleidet es wie ein noch unbefiedertes Vöglein! Das ward mir

zu viel, ich biß mich in den Bart, fiel vor ihr in die Knie, neigte

mich tief zur Erde und brach in jenes Schluchzen aus, das keiner auf

Erden zu schildern vermag. Und in Wahrheit, saget mir, alle Zeiten

und Völker, -- wo außer in unserem heiligen Rußland, werden Frauen

geboren, wie diese Tugend? Wer hat sie das alles gelehrt? Wenn nicht

Du, allgütiger Gott, der Du sie deinem unwürdigen Knecht gegeben hast,

daß er Deine Größe und Deine Güte näher fühlen solle!«

Hier war im Tagebuch des Vaters Sawelij fast eine ganze Seite mit Tinte

begossen und unter dem Fleck standen die Zeilen:

»Weder will ich diesen Fleck entfernen noch eine gewisse

Ungeschicklichkeit und Monotonie des Ausdrucks, die ich in den letzten

Zeilen finde, verbessern; mag alles so bleiben, denn alles, was dieser

Augenblick mir geschenkt hat, ist mir in seiner gegenwärtigen Gestalt

teuer. Meine Pfarrerin konnte heut von ihren Schelmereien nicht lassen,

obgleich es schon auf Mitternacht geht und sie gewöhnlich um diese Zeit

schon zu schlafen pflegt. Ich aber ziehe es vor, mich in der Stille

der Nacht noch an einem passenden Buch zu erquicken, oder auch meine

Memorabilien aufzuzeichnen, und oft, wenn ich etwas geschrieben habe,

trete ich an ihr Lager und küsse die Schlafende, und wenn mich etwas

betrübt hat, so schöpfe ich aus diesem Kusse neuen Mut und neue Kraft,

und schlummere dann friedlich ein. Heut aber ist es anders gegangen.

Nach diesem Tage, der mir eine solche Menge verschiedenartigster

Empfindungen gebracht hat, war ich so in die Schilderung alles dessen,

was auf den vorhergehenden Blättern geschrieben steht, vertieft, daß

ich mein arges Weiblein gleichsam in meiner Seele selbst fühlte, und da

meine Seele sie küßte, dachte ich nicht daran, an ihr Bett zu treten

und sie zu küssen. Sie aber, die Feine und Arglistige, hatte diese

meine Unterlassung wohl bemerkt und machte sie in unglaublich eigener

Weise gut: vor einer Stunde kam sie zu mir, legte mir ein reines

Schnupftuch auf den Tisch, gab mir einen Kuß und ging dann, scheinbar

ganz ernst, zur Ruhe. Aber welch unfaßbare weibliche Schlauheit muß

ich an ihr entdecken! Wie ich so ganz ernst dasitze und schreibe, sehe

ich, daß mein Tuch sich scheinbar bewegt und auf den Boden fällt. Ich

bückte mich, legte es wieder auf den Tisch und schrieb weiter; aber das

Tuch fiel wieder auf den Boden. Ich nahm den Flüchtling und fesselte

ihn, indem ich das Tintenfaß auf ihn stellte, aber er entwich von neuem

und riß sogar das Tintenfaß mit, welches umfiel und meinen Kalender

mit diesem mächtigen Fleck zierte. Was sollte nun diese Leinwandflucht

bedeuten? Sie bedeutet, daß meine Pfarrerin eine ausgemachte Kokette

ist, und zwar eine von ganz seltener Art, denn sie kokettiert nicht

mit andern guten Leuten, sondern mit dem eigenen Ehgemahl. Sie hatte

an das Tuch, das sie mir gebracht, heimlich einen recht langen Faden

befestigt, durch die Türritze bis zu ihrem Bette gezogen, und während

sie ganz still daliegt, zupft sie scherzend an dem Faden, so daß mir

das Tuch aus der Hand gleitet. Und ich dickfelliger Kerl entdeckte dies

nur, weil bei dem letzten Fallen des Tuches hinter der Tür ein leises

fröhliches Lachen ertönte, und ich ihre nackten Füßchen stampfen hörte!«

»7. August. Die ganze vorige Nacht habe ich vor Glück nicht schlafen

können, und ich lüge nicht, wenn ich hinzufüge, daß auch Natascha an

dieser Nachtwache nicht unbeteiligt war. Wie die Verliebten vor St.

Peter auf die Sonne warten, so saßen wir im sechsten Jahr unserer Ehe

im Fenster und harrten des Sonnenaufgangs. Meine Liebste gestand mir,

daß sie oft nicht schlafe, wenn ich schreibe, und sich nur schlafend

stelle. Auch manches andere gestand sie mir noch; so, daß sie gestern

in der Kirche, als sie meiner Predigt zuhörte, die ihr ganz besonders

gefallen habe, das Gelübde abgelegt habe, zu Fuß nach Kiew zu pilgern,

sobald sie sich gesegneten Leibes fühle. Ich billigte das nicht, denn

eine solche Wanderung ist den Kräften einer Schwangeren gar nicht

angemessen; ich erlaubte ihr aber doch, das Gelübde zu erfüllen, denn

bei einer so großen Freude würde ich selbstverständlich auch mitgehen

und wenn sie ermüdet, würde ich sie tragen. Wir machten gleich einen

Versuch. Ich trug sie lange auf meinen Armen durch den Garten und

träumte, sie wäre schon guter Hoffnung und ich behütete sie, daß ihr

auf der Wanderung kein Unheil zustoße. Und so sehr gewann dieser

Sehnsuchtstraum Gewalt über mich, daß ich, als Natascha sich scherzend

auf die Schaukel setzte, welche das kleine Mädchen der Köchin sich

an einem Apfelbaum befestigt hatte, diese Schaukel herunternahm und

sie ganz hoch in den Baum warf, damit in Zukunft nichts dergleichen

geschehe, worüber Natascha sehr lachte. Allein, obgleich auch mein

Leben nicht reich ist an Dingen, die sorgfältig geheimgehalten werden

müßten, so ist es dennoch gut, daß der Wirt unseres Hauses seinen

Garten mit einem festen Zaun umgeben hat, und Gott längs diesem Zaun

die Himbeersträucher recht dicht hat wachsen lassen, denn sonst hätte

am Ende dieser oder jener gesagt, daß es keine Sünde wäre, den Popen

Sawelij einmal auch einen Hansnarr zu nennen.«

»9. August. Ich notiere eine höchst erheiternde Begebenheit, wie

meine Gattin heut mit dem Sohne des Diakon, einem Seminaristen der

Rhetorikklasse, in richtigen Streit geriet. Das war ein Kasus und eine

Komödie zugleich. Sie stritten darüber, wer der klügste Mann auf Erden

gewesen. Der Rhetor sagte: Salomo, meine Pfarrerin aber behauptet,

ich sei's, und ich muß zugeben, daß diesesmal der üppige König von

Zion einen weit weniger standhaften Advokaten fand, als ich. O, wie

hab' ich gelacht! Was nicht alles in dieser Welt passieren kann! Ich

hörte das alles aus dem Schlafzimmer, wo ich meine Nachmittagsruhe

hielt; als ich erwacht war, wagte ich die Disputation nicht mehr zu

unterbrechen, und die zwei redeten mächtig aufeinander ein. Der Rhetor,

der für die Weisheit Salomonis eintrat, berief sich auf die Worte der

Schrift, daß »Salomo weiser war, denn alle Menschen«, meine Eheliebste

aber schlug ihn mit folgendem Argument: »Was reibt Ihr mir Euer ›also‹

und ›denn‹ und ›sintemal‹ unter die Nase? All diese ›denn‹ und ›also‹

haben gar keine Bedeutung, weil das alles geschrieben wurde, bevor

der Vater Sawelij geboren war.« Jetzt mengte sich in diesen Diskurs

noch der Pfarrer von St. Nikita, Vater Zacharia Benefaktow, hinein,

der dem ganzen Streite zugehört hatte, und ihn zum Schluß brachte,

indem er meiner Gattin recht gab. Es sei richtig, sagte er, -- will

heißen, richtig in dem Sinne, daß ich damals noch nicht auf der Welt

war. So behielt ein jeder von diesen drei Kritikern recht. Ich allein,

dem alle ihre kritischen Meinungen zur Antikritik vorgelegt wurden,

blieb im Unrecht: vorerst betrübte ich meine Natascha, indem ich ihre

Meinung, ich sei der klügste von allen, verwarf, und auf ihre Frage,

wer denn klüger sei als ich, antwortete, sie selber sei es. Dem ward

verzweifelter Widerstand entgegengesetzt, wie er sich nur gegen die

Wahrheit richten kann: »Die Klugen,« -- sagte sie, -- »können über alle

Dinge urteilen, ich aber kann das gar nicht und diskutiere niemals.

Woher kommt das?« Da faßte ich sie leise an ihrem kleinen Näschen und

erwiderte: »Du mischst dich darum nicht gerne in die Diskussion, weil

du statt einer widerspenstigen Nase nur dieses kleine sanftmütige

Knöpfchen hast.« Sie verstand wohl, was ich mit diesem Scherz sagen

wollte, -- nämlich ihre Herzensmilde ins rechte Licht rücken -- und

sie suchte nun es zu widerlegen, indem sie daran erinnerte, wie sie

einmal mit der Postmeistersfrau handgemein geworden sei, um ihr ein

Dienstmädchen zu entreißen, das jene unmenschlich hart strafen wollte.«

»15. August, Mariä Himmelfahrt. Während ich mich so meiner

Gattin freute, hatte ich gar nicht bemerkt, daß meine Predigt am

Verklärungstage, von der Natascha so erbaut gewesen, auf andere

Leute anders gewirkt hatte, und daß ich eine mir höchst unerwünschte

Mißstimmung unter einigen Leuten in der Stadt hervorgerufen hatte.

Meine andächtigen Zuhörer, natürlich nicht alle, aber einige, und

unter diesen in erster Linie die Postmeisterin Timonowa, fühlen

sich gekränkt, daß ich sie durch meine Anspielung auf Pizonskij

herabgesetzt habe. Indessen, das sind alles nur Torheiten müßiger und

unkluger Geister. Nach und nach wird das an dem Selbstgefühl der hohen

Herrschaften wieder abtrocknen, wie die Wunden am Fell des Hundes.«

»3. September. Ich war in einem großen Irrtum befangen. Die

Angelegenheit ist keineswegs erledigt. Aus dem Konsistorium kam eine

Anfrage, ob ich wirklich eine Predigt mit Hinweis auf eine lebende

Person improvisiert hätte? Ach Gott, was für eine Angst hat man bei uns

vor allem Lebendigen! Nun, ich habe denn auch geantwortet, ich hätte

dieses und das gesagt. Ich meine, man wird mich dafür nicht hängen und

mir den Kopf nicht abhauen, -- und doch ist mir gegen meinen Willen

unbehaglich zumute, und meine Ruhe ist hin.«

»20. Oktober. Gewiß können sie einem den Kopf nicht abschlagen, aber

den Mund können sie einem stopfen, und das haben sie denn auch nicht

ermangelt zu tun. Am 15. September wurde ich zur Rechenschaft gezogen.

Schon diese Hast ließ wenig Gutes vermuten, denn mit dem Guten haben's

die Leute bei uns nicht eilig, am allerwenigsten die Machthaber. --

Trotzdem machte ich mich voller Mut auf den Weg. Dieser wurde zuerst

dadurch abgekühlt, daß ich 36 Tage ohne Bescheid blieb, und dann der

Befehl kam, hinfort alles, was ich zu sagen gedenke, vorerst dem Zensor

Troadij vorzulegen. Das wird niemals geschehen, lieber will ich stumm

sein wie ein Fisch. Vergib mir meinen Hochmut, Allwalter, aber ich kann

das Amt des Predigers nicht mit kalter Leidenschaftslosigkeit ausüben.

Ich fühle mitunter, wie etwas über mich kommt, wenn meine geliebte

Gabe wirken will. Dann erfaßt mich eine, ich kann wohl sagen heilige

Unruhe; meine Seele bebt und glüht und die Worte fallen wie feurige

Kohlen von meinen Lippen. Nein, dann trägt meine Seele ihr eigenes

Zensurgesetz in sich! ... Und sie verlangen, ich soll an Stelle der

lebendigen Rede, die vom Herzen zum Herzen geht, rhetorische Übungen

hervorbringen!

Nein! lieber mögt ihr euch schließen, ihr Lippen, die ihr nicht zu

schmeicheln wißt, lieber sollst du schweigen, mein schlichtes Wort!

Gezwungen predigen mag ich nicht.«

»23. November. Ich kann wahrhaftig nicht behaupten, daß mein Leben

aller Abwechslung entbehrt. Im Gegenteil, es geht alles bunt

durcheinander, so daß die Spannung keinen Augenblick nachläßt. Achtzehn

Werst von unserer Stadt, in dem großen Kirchdorf Plodomasowo, lebt die

Besitzerin dieses Dorfes, die Bojarin Marfa Andrejewna Plodomasowa.

Dieser Knüppel ist von so altem Holz, daß man schon längst keinerlei

Lebenszeichen an ihm bemerkt hat; man weiß nur aus alten Erinnerungen,

daß sie eine Frau von nicht geringem Geiste war. An die zwanzig Jahre

schon kann kein Fernerstehender sich rühmen, die Bojarin Plodomasowa

gesehen zu haben.

Vorgestern, kurz vor zwölf Uhr mittags, war ich unsagbar erstaunt, als

ich eine große herrschaftliche Droschke, mit drei Füchsen bespannt,

vor meinem Hause vorfahren sah. Im Wagen saß ein absonderlich kleines

Männlein, in einer haarigen Filzmütze mit langem Schirm und in einem

braunen Mantel, den eine Menge übereinanderliegender Kapuzen und

Pelerinen zierten.

Was, dachte ich, kann das für eine seltsame Person sein, und kommt

sie auch wirklich zu mir oder hat sie nur irrtümlicherweise den Weg

zu mir genommen? Diese meine Zweifel wurden aber sehr bald durch jene

geheimnisvolle Person selbst gelöst, die in mein Wohnzimmer trat, mit

jenem überaus feinen Anstand, welcher mir stets so wohlgefiel. Vorerst

bat der Gast um meinen Segen, dann machte er mit seinem ausnehmend

kleinen Füßchen einen Kratzfuß, trat mit einer Verbeugung zwei Schritte

zurück und sprach:

»Meine Herrin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, haben mir einen Gruß an

Euch aufgetragen, Vater Sawelij, und bitten Euch, alsbald mit mir zu

ihr zu kommen.«

»Darf ich nun meinerseits,« sprach ich, »erfahren, mein Herr, aus

wessen Munde ich das alles höre?«

»Ich bin,« erwiderte der Kleine, »ein Leibeigener Ihrer Exzellenz, der

gnädigen Frau Marfa Andrejewna, und nenne mich Nikolai Afanasjew.«

Nachdem dieses winzige Persönchen sich mir so vorgestellt hatte,

erinnerte es mich nochmals daran, daß seine Herrin mich erwarte.

Während ich mich im Nebenzimmer ankleidete, knüpfte dieser interessante

Zwerg eine Unterhaltung mit Natalia Nikolajewna an und brachte sie

durch seine Reden in helles Entzücken. Und wahrlich, es liegt in den

Worten und in der ganzen Redeweise dieses winzigen Greises etwas

unaussprechlich Liebliches. Dazu kommt noch sein feiner Anstand

und eine große Freundlichkeit. Dem Dienstmädchen, das ihm ein Glas

Wasser brachte, legte er einen Zwanziger auf das Tablett, und als sie

zögerte, das Geld zu nehmen, wurde er selbst verlegen und sagte: »Nein,

meine Beste, tun Sie das mir nicht an, es ist das nun mal so meine

Gewohnheit.« Und als meine Pfarrerin zu mir hinausgegangen war, um mir

die Haare zu salben, nahm er das schmutzige Mädelchen der Köchin, das

der Mutter nachgelaufen war, bei der Hand und sagte: »Hör mal, wie die

Entchen da unten am Flusse schwatzen. Die Ente, die feine Dame, sagt

zum Enterich, dem Kavalier: Kauf mir 'ne Kappe, kauf mir 'ne Kappe!

-- und der Enterich antwortet: Hab schon, hab schon, hab schon!« Das

Kind lachte laut, und auch ich konnte mich bei dieser Auslegung des

Entengeschnatters eines Lächelns nicht erwehren. Dessen hätte sich auch

der Herr Lafontaine oder unser Iwan Krylow nicht zu schämen brauchen.

Die Fahrt verlief mir im Gespräch mit diesem wunderbaren Zwerge so

schnell, daß ich kaum etwas vom Wege sah. So viel Verstand, Reinheit

und Gesundheit fand ich in allen seinen Reden.

Nun aber kommt die Hauptsache: die Stunde der Begegnung mit der

einsamen Bojarin nahte.

Es wundert mich nicht wenig, daß ich in der Erwartung, obschon ich

von Natur keineswegs schüchtern bin, doch so etwas wie eine kleine

Verzagtheit verspürte. Nikolai Afanasjewitsch führte mich durch eine

Reihe Gemächer, deren Prunk und äußerste Sauberkeit mich staunen

machten, und blieb endlich in einem runden Zimmer mit zwei Reihen

Fenstern stehen, deren Wölbungen mit bunten Scheiben geziert waren.

Hier fanden wir eine alte Frau, die nur um ein Geringes größer war als

Nikolai. Als wir eintraten, stand sie da und drehte den Griff einer

großen Orgel. Fast hätte ich sie für die Herrin selbst gehalten und

ihr eine Verbeugung gemacht. Aber als sie uns erblickte, -- dank der

weichen Teppiche, die in allen Gemächern den Fußboden bedeckten, waren

wir unhörbar eingetreten -- verstummte sofort ihre Musik, und mit

einer etwas tierischen Hast eilte sie in den Nebenraum, dessen Eingang

ein großer Vorhang aus weißem Atlasstoff schloß, der mit allerlei

chinesischen Figürlein in farbiger Seide bestickt war.

Diese Frauensperson, welche mit solcher Hast hinter dem Vorhang

verschwand, war, wie ich später erfuhr, die leibliche Schwester

des Nikolai und ebenfalls eine Zwergin. Es fehlte ihr aber die

Liebenswürdigkeit, die aus der ganzen äußern Erscheinung ihres sanften

Bruders sprach.

Nikolai folgte seiner Schwester hinter den Vorhang, nachdem er mich

gebeten hatte, auf einem Sessel Platz zu nehmen. Während der halben

Stunde, welche ich warten mußte, empfand ich eine gewisse Bitterkeit im

Munde, die mir noch aus meiner Kindheit, von den Schulprüfungen her, so

gut im Gedächtnis geblieben war. Aber auch das nahm ein Ende. Hinter

dem Vorhang vernahm ich die Worte: »Nun zeig mir mal den klugen Popen,

der, wie ich höre, gewohnt ist, die Wahrheit zu reden.«

Wie auf den Wink eines Zauberers, an unsichtbaren Schnüren gezogen,

teilte sich der Vorhang plötzlich, und die Bojarin Plodomasowa

stand vor mir. Ihre Stimme, die ich zuvor gehört hatte, widerlegte

schon meine Meinung von ihrer Hinfälligkeit, und ihre Erscheinung

tat es noch mehr. In einer Fülle der Kraft, die, schien es, nie

versiegen konnte, stand die Bojarin vor mir. Von Wuchs nicht groß

und auch nicht besonders üppig, scheint sie gleichsam über allem

zu herrschen. Auf ihrem Antlitz liegt der Ausdruck einer großen

Strenge und Wahrhaftigkeit, und, nach den Zügen zu schließen, muß es

einstmals sehr schön gewesen sein. Ihr Gewand ist seltsam und zu der

heutigen Zeit wenig passend, ein Halbrock aus hellem Tuch, darunter

ein Sammetrock, grell orangegelb, und gelbe Stiefelchen auf hohen

silbernen Absätzen. Um den Kopf windet sich mehrfach, wie bei einer

Türkin, ein großer brauner Schal. In der Hand hält sie einen Stock mit

einem Amethyst-Knopf. Zu ihrer Rechten stand Nikolai Afanasjewitsch,

zur Linken Maria Afanasjewna, hinter ihr der Pfarrer der Dorfkirche,

Vater Alexei, ein entlassener Leibeigener, der auf ihre Anordnung zum

Priester geweiht worden war.

»Guten Tag,« sagte sie, ohne den Kopf auch nur im geringsten zu senken.

»Es freut mich, daß ich dich zu sehen bekomme.«

Ich erwiderte ihren Gruß mit einer Verbeugung, welche recht ungeschickt

war, glaube ich.

»Komm her und segne mich,« sagte sie.

Ich trat zu ihr und segnete sie. Sie ergriff meine Hand, um sie zu

küssen, was ich auf jede Weise zu verhindern suchte.

»Zieh deine Hand nicht weg,« sagte sie, als sie es bemerkte. »Ich

huldige nicht dir, sondern deinem Amte. Setze dich jetzt, und wir

wollen ein wenig miteinander bekannt werden.«

Wir setzten uns, -- das heißt sie, ich und der Vater Alexei. Die Zwerge

stellten sich zu beiden Seiten der Herrin auf.

»Vater Alexei hat mir gesagt, dir sei die Gabe der Rede und ein klarer

Verstand verliehen. Er selber versteht nichts davon, er hat's aber wohl

von den Leuten gehört. Ich habe lange schon keine klugen Leute gesehen,

und da wollt' ich dich einmal zu meiner Zerstreuung anschauen. Sei mir

alten Frau deswegen nicht böse.«

»Man hat dich hergeschickt,« fuhr sie fort, »die Altgläubigen zu

bekehren?«

»Ja,« erwiderte ich, »mit meiner Ernennung hierher war auch diese

Absicht verbunden.«

»Ich meine,« sagte sie, »es ist ein nutzloses Unterfangen. Den Dummen

belehren und den Toten kurieren zu wollen ist eins des andern wert.«

Ich weiß nicht mehr, in was für Worte ich meine Antwort, daß ich nicht

alle Altgläubigen für dumm halte, kleidete.

»Nun, wenn du sie für so klug hältst, -- wie viele hast du schon auf

den rechten Weg geleitet?«

»Noch kann ich mich keiner Erfolge rühmen,« entgegnete ich, »aber das

hat seine Gründe.«

Sie: »Was für Gründe meinst du?«

Ich: »Man behandelt sie nicht in der entsprechenden Weise, und das Übel

wächst infolge des Wankelmuts, den sie in der orthodoxen Gemeinde und

auch bei der Geistlichkeit selbst beobachten.«

Sie: »Du sagst ›Übel‹. Was ist denn an ihnen so Übels? Harmlose Narren

vor dem Herrn sind sie, deren ganze Sünde darin besteht, daß sie zuviel

Bücher gelesen haben.«

Ich: »Allein, der rechtgläubige Altar leidet unter solcher Spaltung.«

Sie: »Ihr solltet diesem Altar treuer dienen und ihn nicht zum

Kramladen machen, dann würde keiner von euch abfallen. Ihr handelt ja

aber alle mit dem Heil, wie andere Leute mit Tuch.«

Ich schwieg.

Sie: »Bist du verheiratet oder Witwer?«

Ich: »Verheiratet.«

Sie: »Nun, wenn Gott dich mit Kindern segnet, dann nimm mich zur

Taufpatin. Ich tu's gerne. Selber komm ich nicht zur Taufe, ich schicke

meine Zwergin. Aber wenn du das Kind hierherbringst, will ich's selber

halten.«

Ich dankte und fragte sie:

»Eure Exzellenz haben Kinder wohl gerne?«

»Welcher gescheite Mensch hat sie denn nicht lieb? Ihrer ist das Reich

Gottes.«

»Exzellenz leben schon lange allein?«

Sie: »Ganz allein, sehr, sehr lange schon.« Und sie seufzte.

Ich: »Die Einsamkeit ist oft sehr schwer zu tragen.«

Sie: »Bist du denn nicht einsam?«

Ich: »Wie kann ich einsam sein, wenn ich eine Frau habe?«

Sie: »Ja, versteht denn deine Frau alles, was dich, als Mann von

Verstand, quälen und betrüben kann?«

Ich: »Meine Frau macht mich glücklich und ich liebe sie.«

Sie: »Du liebst sie? Ja, aber du liebst sie mit dem Herzen, und mit den

Gedanken deiner Seele bist du doch einsam. Bedaure mich nicht, daß ich

so einsam bin: jeder, der in seinem Hause über die Nase seines Bruders

hinaussieht, ist einsam mitten unter den Seinigen. Ich habe auch einen

Sohn, aber es sind bald drei Jahre, daß ich ihn nicht mehr gesehen

habe. Es ist ihm wohl zu langweilig in meiner Gesellschaft.«

Ich: »Wo befindet sich Ihr Herr Sohn?«

Sie: »In Polen. Er ist Regimentskommandeur.«

Ich: »Es ist ein ruhmvolles Werk, die Feinde des Vaterlandes zu

bezwingen.«

Sie: »Ich weiß nicht, wieviel Ruhm uns das bringt, daß wir uns mit

diesen Polacken immer noch herumschlagen. Meiner Ansicht nach zeugt das

nur von unserer Schlamperei.«

Ich: »Wir werden schon fertig, die Zeit kommt noch.«

Sie: »Die kommt nie, weil sie schon vorüber ist. Wir haben immer so

dagestanden wie die Schnepfe im Sumpf: der Schnabel ist zu lang, und

der Schwanz ist zu lang. Ziehn wir den Schnabel raus, bleibt der

Schwanz stecken; ziehn wir den Schwanz raus, steckt der Schnabel

drin. Wir schaukeln hin und her, daß alle Narren ihre Freude dran

haben: einmal kommen wir den Polen mit der Knute, und das andere Mal

küssen wir ihren schlauen Polinnen die Händchen. Es ist eine Sünde und

Schande, die Leute so zu verderben.«

»Und doch,« sagte ich, »hält unsere Armee die Polen im Zaum, daß sie

uns keinen Schaden zufügen können.«

»Niemanden hält sie im Zaum,« antwortete sie, »und diese Polen wären

uns gar nicht gefährlich, wenn wir uns gegenseitig nicht fressen

wollten.«

»Dieses Urteil Eurer Exzellenz,« meinte ich, »scheint mir doch etwas zu

schroff.«

Sie: »Die Wahrheit ist nie zu schroff.«

»Sie erinnern sich doch gewiß noch des Jahres 1812,« bemerkte ich, »was

für eine Einmütigkeit zeigte Rußland damals!«

Sie: »Jawohl, ich erinnere mich sehr gut: ich selbst habe aus diesem

Fenster zugesehen, wie unsere Kosaken meine Bauern prügelten und meine

Speicher plünderten.«

Die Klerisei · 第 3 / 25 段