Die Pröpstin erhebt sich, zündet zwei Kerzen an und blickt bei ihrem

Scheine den eintretenden Gatten scharf an. Der Propst küßt die Frau

leise auf die Stirn, nimmt die Kutte ab, zieht den weißen Schlafrock

über, bindet das rote Seidentuch um den Hals und setzt sich ans

Fenster. Die Pröpstin hat alles vergessen, was ihr eben noch der Diakon

vorgeredet, und fragt den Gatten gar nicht danach. Sie geleitet ihn

in das kleine längliche Nebenzimmer, das ihr als Schlafzimmer dient

und wo sie jetzt den Abendimbiß für den Vater Sawelij bereitgestellt

hat. Vater Sawelij setzt sich an den kleinen Tisch, verzehrt die zwei

weichgekochten Eier, spricht sein Dankgebet und wendet sich dann seiner

Frau zu, um ihr Gute Nacht zu sagen. Die Pröpstin selbst ißt abends

nie etwas. Sie sitzt ihrem Gatten gegenüber und leistet ihm allerhand

kleine Dienste, indem sie ihm bald etwas reicht, bald etwas fortträgt.

Dann erheben sich beide, beten vor dem Heiligenbild und beginnen

unmittelbar darauf, sich gegenseitig zu bekreuzigen. Diesen Abendsegen

erteilen sie einander immer zu gleicher Zeit und mit solcher

Gewandtheit und Geschwindigkeit, daß man sich nur wundern kann, wie

ihre hin- und herwirbelnden Hände kein einziges Mal gegeneinander

stoßen oder aneinander hängen bleiben.

Hierauf wechseln die Gatten den Abschiedskuß, wobei der Propst seiner

kleinen Frau die Stirne, sie ihm aber das Herz küßt. Dann trennen sie

sich. Der Propst geht in sein Wohnzimmer, um sich niederzulegen.

Aber heute konnte der Alte keine Ruhe finden. Schon war eine Stunde

vergangen, und immer noch ging er auf und ab in seinem weißen

Pikeeschlafrock, mit dem roten Seidentuch um den Hals. Endlich trat

er an einen kleinen roten Schrank, der auf einer hohen Kommode mit

abgezogener Platte stand. Aus diesem Schränkchen nahm er ein in dicken

blauen Demi-Coton mit gelbem Juchtenrücken gebundenes Exemplar des

»Kalenders« des Eugenios, legte das Buch auf den ovalen Tisch, der vor

seinem Bette stand, zündete zwei Sparkerzen an und horchte auf: es

schien, als ob seine Frau noch nicht schliefe. So war es auch.

»Willst du noch lesen?« fragte in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer

die sanfte, besorgte Stimme der Pröpstin.

»Ja, liebe Natascha, ich will noch ein wenig lesen,« antwortete Vater

Tuberozow. »Du aber tu mir den Gefallen und schlafe --«

»Gewiß werde ich schlafen, gewiß, mein Lieber,« erwiderte die Pröpstin.

»Ja, ich bitte dich, schlafe.« ... Und mit diesen Worten setzte der

Propst eine große silberne Brille auf seine stolze römische Nase und

begann langsam in seinem blauen Buch zu blättern. Er las nicht, sondern

blätterte nur, und dabei interessierte ihn nicht das, was in dem Buch

gedruckt stand, sondern die von seiner eigenen Hand beschriebenen

Einschaltblätter. Diese Notizen waren zu verschiedenen Zeiten gemacht

und weckten in dem alten Priester eine ganze Welt von Erinnerungen, zu

denen er hin und wieder gern zurückkehrte.

Da wir nun zwischen den Propst Sawelij und seine Vergangenheit geraten

sind, wollen wir auch still und ehrfürchtig dem leisen Flüstern der

Greisenlippen lauschen, das durch die dumpfe Stille der Mitternacht

dringt.

Fünftes Kapitel.

Das Demi-Cotonbuch des Propstes Tuberozow.

Tuberozow betrachtete seinen Kalender von dem ersten Einschaltblatte

an, auf dem zu lesen stand: »Nachdem ich am 4. Februar 1831 durch den

Hochwürdigen Gawriil die Priesterweihe empfangen, erhielt ich von ihm

dieses Buch als Belohnung für meine guten wissenschaftlichen Leistungen

im Seminar und mein gutes Betragen.« Auf diese erste Notiz, die am

ersten Tage nach der Ordination gemacht war, folgte als zweite: »Zum

erstenmal im Dom gepredigt, nachdem der Bischof die Messe gehalten.

Zum Thema der Predigt hatte ich das Gleichnis von den Söhnen des

Weinbergsbesitzers genommen. Der eine sprach: ich gehe nicht, -- und

ging doch, der andere aber sprach: ich gehe, -- und ging nicht. Ich

bezog dieses auf die guten Handlungen und die guten Vorsätze, wobei

ich mir einige Anspielungen auf die Beamten erlaubte, die ihren

Diensteid ablegen und dann nicht einhalten. Dabei wies ich auch ganz

vorsichtig auf die Machthaber und Vorgesetzten hin. Ich sprach fließend

und weniger feierlich als natürlich. Seine Eminenz belobten diesen

meinen Versuch. Aber später riefen Seine Eminenz mich zu sich und

bemerkten nach einem allgemeinen Lobe meiner Rede im besonderen, daß

ich mich hüten solle, in meinen Predigten direkt auf die Wirklichkeit

hinzuweisen, vor allem aber die Herren Beamten aus dem Spiele lassen,

denn je weiter man sie sich vom Leibe halte, desto gottwohlgefälliger

sei das. Für das aber, was ich schon gesagt hatte, machte er mir keine

Vorwürfe, sondern schien es sogar zu billigen.«

»1832 am 18. Dezember wurde ich zum Bischof gerufen und erhielt eine

Ernennung nach Stargorod, wo das Schisma sehr stark sein soll. Ich

erhielt die Weisung, ihm auf jede Art entgegenzuwirken.«

»1833 am 8. Februar fuhr ich mit meiner Gattin aus dem Dorfe

Blagoduchowo nach Stargorod und gelangte am 12. zur Frühmesse daselbst

an. Unterwegs wären wir fast von Wölfen gefressen worden. In der

Gemeinde fand ich viel Unordnung vor. Die Altgläubigen sind im Besitz

großer Macht. Nachdem ich mich etwas umgeschaut hatte, sah ich, daß der

Kampf gegen das Schisma nach den konsistorialen Vorschriften wenig Wert

hat. Ich schrieb das ans Konsistorium und erhielt einen Verweis.«

Der Propst überschlug ein paar Eintragungen und blieb dann wieder

bei der folgenden stehen: »Nachdem ich einen Verweis für Untätigkeit

erhalten, die man daraus zu ersehen meint, daß ich nicht mit

reichlichen Denunziationen aufwarte, suchte ich mich zu rechtfertigen,

indem ich darauf hinwies, daß die Schismatiker nichts anderes täten,

als was man schon längst von ihnen wisse, und fügte diesem Bericht

noch hinzu, daß vor allem der orthodoxe Klerus in äußerster Armut

lebe, und infolgedessen, in Anbetracht der Schwäche der menschlichen

Natur, gegen Bestechung nicht unempfindlich sei und sogar selber der

Ketzerei Vorschub leiste, gleich anderen Verteidigern der Orthodoxie,

indem er Spenden von den Ketzern annehme. Ich schloß damit, daß man

mit der Befreiung der Geistlichkeit aus ihrer schweren Abhängigkeit

beginnen müsse, wenn man die Schäden der Kirche heilen wolle. Für

selbigen Versuch erhielt ich abermals einen Verweis und wurde zu einer

persönlichen Aussprache zitiert, bei der ich ein »unehrerbietiger Ham«

genannt wurde, der »die Blöße seines Vaters aufdeckt«.«

Etwas weiter, nach einigen anderen Notizen, stand zu lesen: »Ich war

in Geschäften in der Gouvernementsstadt, und als ich mich dem Bischof

vorstellte, berichtete ich ihm persönlich von der Armut des Klerus.

Seine Eminenz zeigten sich sehr gerührt, aber sie bemerkten, daß auch

unser Herr selber nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegen sollte, und

doch nicht müde ward zu lehren. Er riet mir, ich solle den Klerikern

das Buch ›Von der Nachfolge Christi‹ zur Lektüre empfehlen. Darauf

erwiderte ich Seiner Eminenz nichts, und es wäre auch unnütz gewesen,

denn bei unserer Armut können wir dieses Buch gar nicht beschaffen.

Höchst politisch brachte ich bei der Abendtafel beim Vater Schließer

von der Domkirche das Gespräch nochmals auf diesen Gegenstand. An

der Tafel nahmen noch der Vater Propst und der Konsistorialsekretär

teil. Aber sie zogen meine Worte ins Scherzhafte. Der Sekretär sagte

spöttisch, daß der Arme leichter ins Himmelreich komme, -- was wir auch

ohne Seine Wohlgeboren schon wußten, der Vater Schließer aber erzählte

bei dieser Gelegenheit eine nicht üble Anekdote von einem Studenten

der Akademie, der später ein berühmter Gottesmann und Prediger wurde.

Dieser hätte nämlich noch als Laie auf die Frage des Bischofs, ob er

irgend Vermögen besitze, geantwortet:

»Freilich besitze ich welches, Eminenz.«

»Bewegliches oder unbewegliches?« fragte dieser, worauf jener erwiderte:

»Sowohl bewegliches, wie unbewegliches.«

»Was besitzest du denn an beweglichem Gut?« fragte abermals der

Bischof, indem er des Jünglings ärmliches Gewand betrachtete.

»An beweglichem Gut besitze ich ein Haus im Dorf,« antwortete der

Befragte.

»Wie kann denn ein Haus als bewegliches Gut gelten? Bedenke, wie dumm

deine Antwort ist.«

Jener aber, nicht im geringsten verlegen, entgegnete, seine Antwort

wäre ganz richtig, denn sein Haus sei solcher Art, daß, sobald der Wind

es anblase, es in heftige Bewegung gerate.

Dem Bischof erschien diese Antwort so eigenartig, daß er den Studiosus

nicht mehr für einen Dummkopf zu halten vermochte, sondern höchst

interessiert weiterfragte:

»Was nennst du denn dein unbewegliches Gut?«

»Mein unbewegliches Gut,« sprach der Student, »ist meine Mutter, die

Küstersfrau, und unsere braune Kuh, die beide ihre Füße nicht bewegen

konnten, als ich die Heimat verließ, die Mutter vor Altersschwäche, die

Kuh wegen Futtermangels.«

Alle lachten sehr darüber, obgleich ich an der Geschichte mehr

Trauriges und Tragisches fand als Komisches. Ich beginne, bei allen

eine große Lachlust und einen Leichtsinn zu bemerken, wovon ich wenig

Gutes erwarte.

Mein Leben geht in Schlafen und Essen dahin. Das Schisma kann ich auf

keine Weise bekämpfen, denn ich bin in allem gebunden, sowohl durch

meinen halbverhungerten Klerus, als durch den allzu satten Polizeichef.

Es empört mich, daß ich gleichsam zum Spott als Missionar hierher

gesandt bin. Ich soll predigen -- und keiner will mich hören; ich

soll lehren -- und keiner will lernen. Der Polizeichef predigt viel

besser als ich, denn er hat so ein gewisses Missionsinstrument mit

zwei Enden, -- von mir aber verlangt man Denunziationen. Eminenz! Was

sollen diese Denunziationen, was soll in sie eingewickelt werden?

Mir verbietet, soweit ich die Sache verstehe, mein Amt, dergleichen

zu schreiben. Lieber will ich, wenn es nötig ist, reines Papier

hergeben ...«

»Heute morgen, am 18. März 1836, deutete meine Pfarrerin Natalia

Nikolajewna an, daß sie sich gesegneten Leibes fühle. O Herr, schenke

uns diese Freude! Zu erwarten Ende November.«

»Am 9. Mai, dem Tage des heiligen Nikolaus, wurde auf obrigkeitlichen

Befehl die altgläubige Kapelle in Dejewo zerstört. Es war ein

schauerliches, unwürdiges und wahrhaft empörendes Schauspiel. Zu

allem andern riß noch das Eisenkreuz von der Kuppel ab und blieb an

den Ketten hängen. Als die Zerstörer mit ihren Feuerhaken es voller

Erbitterung ganz herabzuzerren sich bemühten, stürzte es plötzlich

herunter und zerschmetterte einem Feuerwehrsoldaten den Schädel, daß er

tot liegen blieb. Er war ein Jude. O wie weh tat es mir, das alles mit

ansehen zu müssen! Herr, mein Gott! Sie sollten doch wenigstens keine

Juden beauftragen, das Kreuz herabzureißen! Abends versammelte sich das

Volk auf der Trümmerstätte und ihre und unsere Geistlichkeit kam auch

hin, und alle haben wir geweint und zuletzt fielen wir uns in die Arme.«

»10. Mai. Die Obrigkeit hat einen großen Fehler begangen. Kurz vor

Mitternacht verbreitete sich das Gerücht, das Volk habe eine heilige

Lampe auf die Steine gestellt und halte eine Gebetsversammlung beim

zerstörten Gotteshaus ab. Wir gingen alle hinaus und fanden die Leute

wirklich beim Gebet. Ein alter Mann hielt die Lampe in der Hand und sie

erlosch nicht. Der Stadthauptmann gab leise Befehl, die Feuerspritzen

heranzufahren und die Menge mit Wasser zu begießen. Das war höchst

unbedacht, ich kann sogar sagen: dumm -- denn das Volk zündete Kerzen

an und ging heim. Dabei sang es vom »grausamen Pharao« und rief:

»Der Herr hilft dem verfolgten Glauben und der Wind verlöscht die

Lichter nicht!« Ich machte den Stadthauptmann darauf aufmerksam, wie

unvorsichtig seine Verordnung gewesen, die Kapelle zu zerstören, das

Kreuz herabzureißen und das Marienbild fortzuschaffen. Aber was kümmert

er sich drum?«

»12. Mai. Die Eitelkeit hat mich übermannt: ich habe mir von der

Wirtschafterin der Frau Adelsmarschall zwei seidene Kleider der

Gnädigen auf Kredit geben lassen und habe sie in die Stadt zum

Färben geschickt. Daraus will ich mir dann eine seidene Kutte machen

lassen. Es geht nicht anders, man muß sich akkurat kleiden. Ich komme

allmählich in alle adeligen Häuser, und ich will nicht über die Achsel

angesehen werden.«

»17. Mai. Die Pfarrerin Natalia Nikolajewna deutete heute an, daß sie

sich betreffs ihres Zustandes getäuscht habe.«

»20. Juni. Auf einen Bericht des Stadthauptmanns, daß ich zu Ostern

nicht auch in die Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuze gegangen,

wurde ich wieder nach der Gouvernementsstadt zitiert. Ich legte die

ganze Sache dem Bischof eingehend dar. Nicht aus Fahrlässigkeit hätte

ich die Häuser der Altgläubigen gemieden, denn auch meine Tasche hätte

ja davon Schaden gehabt. Ich tat es, um die Schismatiker fühlen zu

lassen, daß ihnen die Ehre nicht gebühre, von mir und dem gesamten

Klerus besucht zu werden. Der Bischof wurde nachdenklich und ließ

sodann diese meine Erklärung gelten. Allein nicht umsonst sagt das

Volk, daß, wenn der Zar auch gnädig sei, sein Hundejunge es noch nicht

zu sein brauche. Weil die Sache meiner unterlassenen Amtshandlung zum

Teil auch die weltliche Obrigkeit angeht, schickte der Bischof mich

zum Gouverneur, damit ich ihm eine Erklärung in der hochwichtigen

Angelegenheit abgebe ... War das eine Erklärung! ... Wehe mir armen

Sünder, was ich auszustehen hatte! Wehe auch euch, ihr meine Nächsten,

meine Brüder, Vertrauten und Freunde, ob der Schmach und Erniedrigung,

die ich von diesem kurzschwänzigen Glaubensfeind erdulden mußte! Der

Gouverneur, der als Deutscher die Ambitionen seines Luther hochhalten

zu müssen wähnt, ließ den russischen Popen überhaupt nicht zu sich

heran, sondern schickte mich zur Erörterung der Angelegenheit zu seinem

Kanzleivorsteher. Dieser, ein Pole, war aber nicht geneigt, die Sache

wie der Bischof anzusehen, sondern er fiel über mich her mit Geschrei

und Gebrüll, sagte, ich leiste den Ketzern Vorschub und widersetze

mich dem Willen meines Kaisers. Wehe dir, du aussätziger Pole, daß du

mit deinem löcherigen Gewissen dich unterstehst, mir Widersetzlichkeit

gegen meinen Kaiser vorzuwerfen! Allein ich nahm es hin und ging

schweigend von dannen, des Sprichwortes gedenkend: Wie der Herr, so's

Gescherr. Und so gewinnt es den Anschein, als wäre alles Geschilderte

nur geschehen, um meine neue seidene Kutte einzuweihen, welche, wie ich

hier bemerken will, sehr akkurat gefertigt ist, und der man es nur bei

Sonnenschein ein wenig ansieht, daß sie aus zwei verschiedenen Stoffen

gefertigt ist.«

»23. März 1837. Heute, am Karsamstag, kamen die Kleriker und der Diakon

zu mir. Prochor bittet, wir sollten zu Ostern durchaus auch in die

Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuz gehen, denn es brächte ihnen zu

viel Schaden, wenn wir es unterließen. Ich gab ihnen vierzig Rubel

von meinem Gelde, weil ich mich der Schmach nicht unterziehen wollte,

vor den Türen der reichen Bauern um Almosen zu bitten. Jetzt scheint

es mir eine Torheit, daß ich mir die seidene Kutte machen ließ; ich

wäre auch ohne sie ausgekommen und hätte dann mehr für den Klerus

übriggehabt. Ich gedachte eben: Kleider machen Leute.«

»24. April. Eine Schmach ist mir widerfahren, die mich weinen und

schluchzen ließ. Ich bin erneut denunziert worden. Nochmals stand

ich vor jenem Gouvernementskanzleivorsteher und mußte mich wegen

Nichtbesuches der Altgläubigen verantworten. Mein eigener Klerus hat

mich denunziert. Wie ertrag' ich diese Niedrigkeit und Undankbarkeit!

Du Denker und Administrator! Betrachte in deinem aufgeklärten Geiste,

woraus das Leben eines russischen Popen sich zusammensetzt! Auf dem

Heimwege haderte ich die ganze Zeit mit mir selber, daß ich nicht auf

die Akademie gegangen war. Von dort wäre ich zur Klostergeistlichkeit

gegangen, wie so viele andere. Mit der Zeit wäre ich Archimandrit

geworden und Bischof. In einer Kutsche wäre ich gefahren und hätte

selber kommandiert, statt daß man mich kommandierte. Es war mir eine

boshafte Freude, mich diesen eiteln Gedanken hinzugeben; immer wieder

sah ich mich als Bischof. Aber als ich heimgekehrt war, wurde ich so

zärtlich von meiner Pfarrerin empfangen, daß ich Gott dem Herrn dankte,

der alles so gefügt hat, wie es ist.«

»25. April. In der Gouvernementsstadt haben sie mir Schmach angetan;

allein das ist nichts dagegen, wie ich heute zu Hause beschämt worden

bin. Einem Schulbuben gleich. Gestern erst schrieb ich die Memorabilien

meiner Bekümmernisse und Ärgernisse nieder. Heute stand ich früh

auf, setzte mich ans Fenster, und in Gedanken versunken schaute ich

auf das Gemüsefeld des bettelarmen Pizonskij, das sich gerade vor

meinem Fenster ausbreitet. Voriges Jahr wurde auf diesem Felde ein

schwachsinniges Mädchen, eine gewisse Nastia, die ein vorüberziehender

Soldat verführt hatte, von einem Knäblein entbunden, worauf sie sich

in den Fluß stürzte und ertrank. Pizonskij hatte dieses Kind als

Trost seines einsamen Alters zu sich genommen, und dann hatten alle

die Geschichte bald vergessen. Ich als einer der ersten ebenfalls.

Heut aber blicke ich von oben herab auf das Land dieses Pizonskij und

denke an meine Angelegenheiten, da bemerke ich, daß dieser frisch

aufgerissene, schwarze, sogar ein wenig bläuliche Erdboden ganz

ungemein lieblich anzuschauen ist, wie er so von der Morgensonne

übergossen daliegt. Die Furchen entlang schreiten hagere schwarze

Vögel und stärken ihren hungernden Leib mit frischem Gewürm. Der alte

Pizonskij selbst, den kahlen Kopf im hellsten Sonnenlicht badend, stand

auf einer Treppe vor einem auf Pfählen befestigten Treibbeet, hielt

in der einen Hand eine Schale mit Samen und legte mit der andern die

Körner in die Erde, immer kreuzweise in ganz kleinen Prisen. Und dabei

blickte er zum Himmel empor und sprach bei jedem Korn ein Wort des

Spruches: »Herr, laß wohlgelingen, wachsen und gedeihen, auf daß ein

jeder sein Teil habe, der Hungernde und der Verwaiste, der Wünschende,

der Bittende und der Fordernde, der Segnende und der Undankbare.« Kaum

hatte er zu Ende gesprochen, da schrien alle schwarzglänzenden Vögel,

die auf dem Acker umhergingen, die Hühner gackerten, der Hahn krähte

aus vollem Halse und schlug laut mit den Flügeln, und von seiner Matte

schob sich jenes Kind, das Söhnlein der Blödsinnigen, das der alte

Sonderling zu sich genommen. Es lachte hell auf in kindischer Freude,

klatschte in die Händchen und kroch lachend über den weichen Erdboden.

Es war mir wie eine Vision. Der alte Pizonskij war glückselig und sang

laut Halleluja! ... Halleluja, Herr mein Gott! -- sang auch ich still

für mich vor Entzücken, und Tränen der Rührung entströmten meinen

Augen. In diesen heilenden Tränen löste sich mein Groll und ich sah

ein, wie töricht mein Kummer gewesen war. Vermehre und laß wachsen,

Herr, deine Gaben auf dieser Erde, daß ein jeder sein Teil erhalte, der

Wünschende, der Bittende, der Fordernde und der Undankbare. ... Mir ist

ein solches Gebet in keinem gedruckten Buch vorgekommen. Gott, mein

Gott! Dieser alte Mann gedachte auch des dem Diebe zukommenden Teiles

und betete für ihn! O du mein weichherziges Rußland, wie bist du schön!«

»6. August, Christi Verklärung. Was für ein entzückendes Weib ist meine

Pfarrerin Natalia Nikolajewna! Wieder frage ich: wo, außer im heiligen

Rußland, kann es solche Frauen geben? Ich sagte ihr einmal, wie mich

die Zärtlichkeit des bettelarmen Pizonskij zu den Kindern rühre, und

gleich verstand oder erriet sie meine Gedanken und meine Sehnsucht:

sie umarmte mich und mit der Schamröte, die ihr so schön zu Gesichte

steht, sprach sie: »Warte nur, Vater Sawelij, vielleicht schenkt uns

Gott doch noch -- --« ein Kindlein wollte sie sagen. Aber ich hab' es

zu oft schon erfahren, daß diese ihre Hoffnungen sich als trügerisch

erwiesen, daher fragte ich sie gar nicht nach den Einzelheiten, -- --

und es kam auch wirklich wieder so, daß man sich nur vergeblich gefreut

hatte. Aber auch aus diesem blinden Lärm ward mir ein rührendes

Erlebnis. Heute predigte ich von der Notwendigkeit einer beständigen

inneren Wandlung, daß man Kraft gewinne, in allen Kämpfen gleich einem

starken und geschmeidigen Metall geschmiedet zu werden, und nicht dem

Ton gleichwerde, der sich plattdrücken läßt, und wenn er trocken wird,

noch die Spur des Fußes zeigt, der zuletzt auf ihn trat. Und wie ich

so redete, ließ ich mich zu einer Improvisation hinreißen und wies

das Volk auf Pizonskij hin, welcher an der Tür stand. Zwar nannte

ich nicht seinen Namen, aber ich redete von ihm als von einem, der

sich in unserer Mitte befinde, der zu uns gekommen sei nackt und bloß

und von allen Narren ob seiner Armut verspottet, der aber doch nicht

nur selbst nicht zugrunde gegangen sei, sondern auch das Größte getan

habe, was ein Mensch tun könne, da er unbefiederte Vöglein gerettet und

aufgezogen habe. Ich sprach davon, wie süß das sei, den wehrlosen Leib

der Kleinen zu wärmen und in ihre Seelen die Saat des Guten zu streuen.

Als ich das ausgesprochen hatte, fühlte ich meine Wimpern von Tränen

feucht und sah, daß auch viele von den Zuhörern ihre Augen trockneten

und jenen suchten, den meine Seele meinte, Kotin den Bettler, Kotin

den Ernährer der Waisen. Und als ich merkte, daß er nicht mehr da war,

denn er war demütig hinausgegangen, weil er meine Andeutung verstanden

hatte, da ergriff mich eine gewisse Beklemmung, daß ich ihn durch mein

Lob verwirrt hatte, und ich sprach: »Er weilt nicht mehr unter uns,

liebe Brüder! Denn er bedarf dieses meines schwachen Wortes nicht, weil

das Wort der Liebe längst schon mit dem Flammenfinger Gottes in sein

demütiges Herz geschrieben ist. Ich bitte euch,« sprach ich und neigte

mich tief, -- -- »ihr alle, die ihr hier versammelt seid, ehrenwerte

und angesehene Mitbürger, vergebt mir, daß ich in meiner Ansprache euch

keinen hochberühmten Feldherrn als Muster der Kraft und als Beispiel

zur Nachahmung hingestellt habe, sondern einen von den Geringen, und

wenn euch das ärgern sollte, so legt das meiner Armut zur Last, denn

euer sündiger Pfarrer Sawelij hat oft, wenn er auf diesen Geringen

schaute, gefühlt, daß er neben ihm kein Priester des höchsten Gottes

sei, sondern in diesem Gewande, das meine Unwürde verhüllt, nichts als

ein übertünchter Sarg. Amen.«

Ich weiß nicht, was in diesen meinen schlichten Worten, die ich ganz

~ex promptu~ gesprochen hatte, Weises und Schönes enthalten war.

Ich muß aber sagen, daß meine andächtige Gemeinde etwas dieser Art

herausgehört hatte, und als ich bei der Entlassung meine Hand den

einzelnen darreichte, fiel mehr denn eine Träne darauf. Doch das ist

noch nicht alles: das Wichtigste sollte für mich erst kommen.

Gewissermaßen als Belohnung für mein aufrichtiges Wort über das

Glück, nicht bloß für die eigenen, sondern auch für fremde Kinder

sorgen zu können, hat der Allgegenwärtige und Allwaltende auch meine

Unwürdigkeit in seine Vaterhand genommen. Er hat mir heute den ganzen

wahren Wert des Schatzes offenbar gemacht, den ich dank seiner

unermeßlichen Milde besitze. Eben komme ich mit fünf nach der Messe

geweihten Äpfeln heim, da erwartet mich an der Schwelle eine alte

gute Bekannte: meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna. Sie war während

des Schlußgesanges leise hinausgeschlichen und hatte mir daheim nach

Gewohnheit den Tee nebst einem leichten Frühstück bereitet. Nun steht

sie kerzengerade auf der Schwelle, nicht mit leeren Händen, sondern

mit einem Strauß von Wasserlilien und Gartenlevkojen. »Nun, bist du

nicht ein hinterlistiges Weib, Natalia Nikolajewna!« sage ich, der

ihr sonst nie Hinterlist vorgeworfen. Aber sie begriff, daß es im

Scherz gesagt war, umhalste mich und begann leise zu weinen. Woher

diese Tränen? -- Das ist ihr Geheimnis, allein für mich ist dieses

dein Geheimnis nicht geheimnisvoll, liebes Weib, daß du nicht weißt,

wie es seinen Gatten trösten soll, und das ihm den Trost Israels,

den kleinen Benjamin, nicht schenken darf. Ja, nur mit Wasserlilien

und Gartenlevkojen begrüßte mich an diesem Tage ihr in Liebe und

Wohlwollen weit aufgetanes Herz! In stiller Bekümmernis setzten wir

zwei Kinderlosen uns an den Teetisch, doch nicht der Tee, sondern

unsere Tränen wurden uns zum Trank; und Hand in Hand sanken wir nieder

vor dem Bilde des Heilandes und lange und heiß beteten wir zu ihm um

den Trost Israels. Natascha entdeckte mir später, daß sie gleichsam

eine Engelstimme vernommen habe, und ob ich gleich verstand, daß dieses

nur eine Frucht ihrer Phantasie gewesen, so wurden wir doch beide froh

wie die Kindlein. Ich muß aber bemerken, daß auch in dieser Stimmung

Natalia Nikolajewna mich, den rohen Mann, an Findigkeit des Geistes und

an Würde der erhabenen Gefühle weit übertraf.

»Sage mir, Vater Sawelij,« fragte sie lieblich kosend, »sage mir,

Lieber, hast du nicht irgendeinmal, ehe du mich gefunden, gegen das

Gebot der Keuschheit gesündigt?«

Die Klerisei · 第 2 / 25 段