Der Diakon brannte förmlich vor Neugier und wußte nicht, was

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt.

Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.

Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des

Buches.

Nikolaus Leskow

Die Klerisei

Roman

Kurt Wolff Verlag

Deutsche Übertragung von Arthur Luther.

Copyright 1919 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig.

Erstes Buch.

Erstes Kapitel.

Die Leute, deren Leben und Treiben diese Erzählung schildern soll,

sind die Bewohner der Dompfarrei von Stargorod: der Propst Sawelij

Tuberozow, der Pfarrer Zacharia Benefaktow und der Diakon Achilla

Desnitzyn. Ihre Jugendjahre, sowie auch ihre Kindheit lassen wir

unberührt. Will der Leser sie vor sich sehn, wie unsere Geschichte

sie faßt, so muß er sich das Haupt der Stargoroder Geistlichkeit,

den Propst Sawelij Tuberozow, als Mann vorstellen, der die Sechzig

bereits überschritten hat. Vater Tuberozow ist hochgewachsen und von

stattlicher Leibesfülle, aber noch sehr rüstig und beweglich. Dasselbe

gilt von seinen Geisteskräften: auf den ersten Blick erkennt man, daß

er sich alle Glut des Herzens und alle Energie der Jugend bewahrt hat.

Seinen auffallend schönen Kopf ist man versucht, als Urbild männlicher

Schönheit zu betrachten. Tuberozows Haar ist dicht, wie die Mähne

eines gewaltigen Löwen, und weiß, wie die Locken des Zeus von Phidias.

Es türmt sich malerisch als mächtiger Schopf über der hohen Stirn

und fällt in drei großen Wellen nach rückwärts, ohne die Schultern

zu erreichen. In dem langen zweigeteilten Bart des Propstes und in

dem kleinen Schnurrbart, der bei den Mundwinkeln mit dem Bart in eins

zusammenfließt, blitzen hie und da noch ein paar schwarze Haare auf,

welche dem Bart das Aussehen von schwarz emailliertem Silber geben. Die

Brauen dagegen sind ganz schwarz. In zwei steilgebogenen ~S~-Linien

vereinigen sie sich über dem Rücken seiner ziemlich großen und

fleischigen Nase. Die Augen sind braun, groß, kühn und klar. Sie haben

es ein ganzes Menschenleben lang verstanden, der Spiegel eines regen

und starken Geistes zu sein. Wer dem Propste nahestand, sah sie von

freudiger Begeisterung durchstrahlt, von Schmerz umnebelt, in Tränen

der Rührung gebadet. Mitunter flammte in ihnen das Feuer der Entrüstung

und sie sprühten Funken des Zorns, keines eiteln, rechthaberischen

Zornes, sondern des Zornes eines bedeutenden Mannes. Aus diesen Augen

leuchtete die gerade und ehrliche Seele des Propstes Sawelij, die er in

seiner christlichen Zuversicht unsterblich glaubte.

Zacharia Benefaktow, der zweite Pfarrer am Stargoroder Dom, ist ein

Wesen ganz anderer Art. Seine Person ist die verkörperte Sanftmut und

Milde. Wie sein bescheidener Geist sich in keiner Weise hervorzutun

begehrt, so nimmt auch sein winziger Leib nur ganz wenig Platz weg, als

wäre es ihm peinlich, die Erde allzusehr zu beschweren. Er ist klein,

mager, schmächtig und kahlköpfig. Zwei kleine Löckchen graugelber Haare

flattern nur noch über seinen Ohren. An Stelle eines Bartes scheint dem

Vater Zacharia am Kinn ein Stückchen Schwamm zu kleben. Er hat winzige

Kinderhände, die er immer in den Taschen seines Leibrocks verbirgt.

Seine Beinchen sind dünn und schwach, wie Strohhalme, überhaupt

erscheint der ganze Mann wie aus Stroh geflochten. Seine herzensguten,

grauen Äuglein sind äußerst beweglich, aber sie werden nur selten

voll aufgeschlagen, immer suchen sie sich gleich ein Plätzchen, wo

sie sich vor unbescheidenen Blicken verbergen könnten. An Jahren ist

Vater Zacharia etwas älter als Vater Tuberozow und viel schwächlicher

als dieser, aber auch er ist gleich dem Propst gewohnt, sich stramm zu

halten, und trotz aller Übel und Gebresten, von denen er heimgesucht

wird, hat er sich einen lebhaften Geist und eine große körperliche

Beweglichkeit bewahrt.

Der dritte und letzte Vertreter der Stargoroder Domgeistlichkeit, der

Diakon Achilla, wird durch mehrere Attribute gekennzeichnet, die wir

alle hier mitzuteilen für gut befinden, damit der Leser ein möglichst

klares Bild von dem gewaltigen Achilla gewinne.

Der Inspektor der Kirchenschule, der den Achilla Desnitzyn aus

der Syntax-Klasse »wegen Überreife und mangelhafter Fortschritte«

ausgeschlossen hatte, pflegte zu ihm zu sagen:

»Ach, du langgereckter Holzknüppel, du!«

Der Rektor, der auf ein besonderes Bittgesuch hin den Achilla wieder in

die Rhetorik-Klasse aufgenommen hatte, staunte jedesmal, wenn er den

werdenden Recken zu Gesichte bekam, und pflegte, verblüfft über diese

Riesengröße, Riesenkraft und Rieseneinfalt, zu äußern:

»Es dünkt mich zu wenig, dich bloß einen Knüppel zu nennen,

sintemalen du in meinen Augen zum mindesten eine volle Ladung Holz

repräsentierest.«

Der Dirigent des bischöflichen Sängerchores endlich, in den Achilla

eingereiht wurde, nachdem er aus der Rhetorik entfernt und dem Klerus

zugezählt worden war, nannte ihn »unermeßlich«.

»Dein Baß ist gut,« sagte der Dirigent, »er donnert wie eine Kanone;

aber unermeßlich bist du bis zum äußersten, so daß ich angesichts

dieser Unermeßlichkeit gar nicht weiß, wie ich dich würdig behandeln

soll.«

Die vierte und gewichtigste Charakteristik des Diakons Achilla stammte

von dem Bischof selbst, und zwar ward dessen Urteil an einem für den

Achilla sehr denkwürdigen Tage ausgesprochen, dem Tage nämlich, wo er,

Achilla, aus dem bischöflichen Chor ausgeschlossen und als Diakon nach

Stargorod geschickt wurde. Sie lautete: »der Gepeinigte«. Es dürfte

aber wohl angebracht sein, zu erzählen, auf welche Weise der brave

Achilla zu diesem Namen kam.

Der Diakon Achilla war von Jugend auf ein sehr impulsiver Mensch, der

sich nicht nur in seinen Jünglingsjahren immer wieder hinreißen ließ,

sondern auch in den Jahren des nahenden Alters.

Trotz der »Unermeßlichkeit« seines Basses war Achilla im Sängerchor

doch sehr geschätzt, weil er mit gleicher Leichtigkeit sich zu

den höchsten Höhen emporzuschwingen und bis zur tiefsten Oktave

hinabzuklettern vermochte. Eins nur machte dem Dirigenten bei

dem unermeßlichen Achilla immer wieder Angst, -- seine übergroße

Begeisterungsfähigkeit. So konnte er etwa bei der Vesper sich nicht

damit begnügen, das »Heilig ist der Herr unser Gott« nur dreimal zu

singen, sondern ließ sich oft fortreißen, es ganz allein zum vierten

Male anzustimmen; besonders aber konnte er den Lobgesang am Schluß des

Gottesdienstes nie zur rechten Zeit abbrechen. Doch in allen diesen

Fällen, die schon bekannt waren und die man deshalb auch voraussehen

konnte, wurden vernünftigerweise entsprechende Vorsichtsmaßnahmen

getroffen: einer der erwachsenen Sänger erhielt nämlich den Auftrag,

den Achilla am Rockschoß zu ziehen oder ihn im geeigneten Moment durch

einen kräftigen Druck auf beide Schultern zusammenknicken zu lassen.

Indessen nicht umsonst sagt das Sprichwort, daß man sich nicht für

jeden Augenblick vorsehen könne. An einem der großen zwölf Feiertage

hatte Achilla in der Kommunionsliturgie ein sehr schwieriges Baß-Solo

auf den Text »von Schmerzen gepeinigt« zu singen. Die Bedeutung,

die der Dirigent und der ganze Chor diesem Solo beimaß, machte dem

Achilla nicht wenig Sorge: er war in großer Unruhe und dachte hin und

her, wie er es anstellen sollte, sich nicht zu blamieren, sondern

vor der Eminenz, die ein großer Liebhaber guten Kirchengesanges war,

und vor dem gesamten Gouvernementsadel, der an diesem Tage in der

Kirche sein würde, in Ehren zu bestehen. Tag und Nacht ging er bald

in seiner Stube, bald im Korridor oder im Hofe, bald im bischöflichen

Garten oder auf dem Weideplatz vor der Stadt auf und ab und sang in

den verschiedensten Tonarten: »gepeinigt, gepeinigt, gepeinigt«. So

brach endlich der Tag seines Ruhmes an, wo er sein »gepeinigt« in der

gedrängt vollen Domkirche zu Gehör bringen sollte. Gott, wie groß und

strahlend stand der gewaltige Achilla da, das Notenblatt in der Hand.

Die wohlbekannten Vorschläge sind erledigt. Nun kommt das Baß-Solo.

Achilla schiebt seinen Nachbar mit dem Ellenbogen beiseite und zählt

leise die Takte. Jetzt ist es so weit. Der Dirigent hebt die Hand

mit der Stimmgabel ... Achilla hat die ganze Welt und sich selbst

vergessen, und in der wunderlichsten Weise, der Posaune des Erzengels

vergleichbar, donnert er bald ganz schnell, bald langsam gedehnt:

»Von Schmerzen gepeinigt, gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t,

gepeinigt.« Mit Gewalt hält man ihn zurück, sich in weiteren

unvorhergesehenen Variationen zu ergehen, und das Konzert ist beendet.

Aber in dem »fortgerissenen« Geiste Achillas war es noch nicht zu

Ende. Während die Honoratioren der Stadt mit leisen Begrüßungen an

den Bischof herantraten, um seinen Segen entgegenzunehmen, ertönte

es vom Chor plötzlich wieder, wie ein Posaunenstoß vom Himmel:

»Gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t!« Das singt der in seiner

Begeisterung ganz um den Verstand gebrachte Achilla. Man zupft ihn --

er singt weiter. Man drückt ihn zu Boden, um ihn hinter den Rücken

seiner Genossen verschwinden zu lassen, -- er singt: »gepeinigt«.

Man führt ihn endlich aus der Kirche hinaus, unentwegt singt er:

»g-e-p-e-i-n-i-g-t!«

»Was ist dir?« fragen ihn mitleidige Leute voller Teilnahme.

»Gepeinigt,« singt er, sie verständnislos ansehend, und bleibt an der

Tür der Vorhalle stehen, bis ihn endlich ein Strom frischer Luft von

draußen ernüchtert.

Im Vergleich zu dem Propst Tuberozow und dem Vater Benefaktow kann

Achilla Desnitzyn als junger Mann gelten, aber auch er hat die Vierzig

schon hinter sich und seine tiefschwarzen Locken sind stark angegraut.

Achilla ist von Riesengestalt und ungeheurer Kraft, seine Bewegungen

sind eckig und schroff; sein Gesicht zeigt einen südlichen Typus und er

behauptet, von kleinrussischen Kosaken abzustammen, von denen er auch

in der Tat den Leichtsinn und die Tapferkeit und noch manches andere zu

haben scheint.

Zweites Kapitel.

Alle diese meine altmodischen Helden wohnten auf dem Stargoroder

Pfarrgehöft, am stillen, schiffbaren Fluß Turitza. Jeder von ihnen,

Tuberozow, Zacharia und sogar der Diakon Achilla hatte sein eigenes

Häuschen dicht am Ufer, gerade gegenüber dem jenseits des Flusses

aufragenden alten Dom mit seinen fünf hohen Kuppeln. Aber so

verschieden geartet, wie die drei Männer, waren auch ihre Wohnsitze.

Das Haus des Vaters Sawelij war sehr hübsch, mit hellblauer Ölfarbe

gestrichen und mit verschiedenfarbigen Sternchen, Quadraten und

Schnörkeln über jedem der drei Fenster geziert. Letztere hatten

außerdem noch holzgeschnitzte, grellbemalte Einfassungen und grüne

Läden, die nie geschlossen wurden, denn das festgefügte Haus trotzte

im Winter jeglichem Frost und der Propst liebte das Licht, liebte

den Stern, der nachts vom Himmel in seine Stube schaute, liebte den

Mondstrahl, der sich wie ein Brokatstreifen über den parkettartig

gemusterten Fußboden legte.

Im Häuschen des Propstes herrscht absolute Reinlichkeit und Ordnung,

denn es ist niemand da, der Schmutz oder Unordnung machen könnte. Der

Propst hat keine Kinder und das ist eine Quelle steter Betrübnis für

ihn und seine Lebensgefährtin.

Das Häuschen des Vaters Zacharia Benefaktow ist viel größer als das

des Vaters Tuberozow. Aber es fehlt ihm jene Eleganz und Koketterie,

die den Wohnsitz des Propstes auszeichnet. Das fünffenstrige, etwas

schiefstehende, graue Haus des Vaters Zacharia erinnert eher an einen

großen Geflügelstall, und, um die Ähnlichkeit perfekt zu machen,

drängen und stoßen sich in den engen Rahmen seiner grünen Fenster

unausgesetzt allerlei Schnäbelchen und Schöpfchen. Das ist die gesamte

Nachkommenschaft des Vaters Zacharia, den Gott gesegnet hat, wie den

Jakob, und dessen Gattin er fruchtbar gemacht hat, wie die Rahel. Bei

Vater Zacharia fand man nichts von der spiegelglatten Sauberkeit des

Tuberozowschen Hauses, nichts von dessen strenger Ordnung. Überall

stieß man auf Spuren schmutziger Kinderpfötchen; aus jedem Winkel

guckte ein Kinderköpfchen hervor; alles lebte und webte mit den Kindern

und um die Kinder.

Der Diakon Achilla war Witwer und kinderlos. Wenig kümmerte er sich

um irdische Güter und Hauswirtschaft. Hart am Flußrande hatte er

eine lehmgestrichene, kleinrussische Kate, zu der aber keinerlei

Nebengebäude gehörten; nicht einmal ein Zaun war vorhanden, nichts

als eine rohe Lattenhürde, innerhalb derer, bis an die Knie im Stroh

versinkend, bald ein scheckiger Hengst, bald ein falber Wallach, bald

eine schwarze Stute umherstampfte. Die innere Einrichtung des Hauses

war ebenfalls ganz kosakenmäßig: in dem vorderen, besseren Raume, den

der Hausherr für sich selbst bestimmt hatte, stand ein hölzernes Sofa,

welches Achilla auch als Bett diente. Eine weiße Kosaken-Filzdecke

lag darüber gebreitet und am Kopfende ein ziselierter asiatischer

Sattelbogen, an den sich ein kleines pfannkuchenähnliches Kissen in

einem fettigen Nankingüberzug lehnte. Vor diesem Kosakenlager stand

ein Tisch aus weißem Lindenholz. An der Wand hing eine Gitarre ohne

Saiten, ein hänfener Fangstrick, eine Nagaika und zwei kunstvoll

geflochtene Zäume. In der Ecke auf einem kleinen Wandbrett, hinter

welchem ein verdorrter Palmweidenzweig gesteckt war, stand ein

winziges Heiligenbild, die Himmelfahrt Mariä darstellend, vor dem ein

kleines Kiewer Gebetbuch lag. Sonst war nichts, rein gar nichts in

der Behausung des Diakons Achilla zu finden. Nebenan in einer kleinen

Kammer hauste die alte Nadeshda Stepanowna, genannt Esperance, die

früher einmal Zimmermädchen in einem adligen Gutshause gewesen war.

Sie war eine kleine, ältliche, gelbliche, spitznäsige,

zusammengeschrumpfte Person von so unverträglichem und unerträglichem

Charakter, daß sie trotz ihrer geschickten Hände nirgends dauernd

unterkommen konnte, bis sie zu guter Letzt Bedienerin beim einsamen

Achilla geworden war, dem sie vorschnattern und vorkeifen konnte soviel

sie wollte, denn er beachtete dieses Geschnatter und Gekeife überhaupt

nicht; nur wenn die Erregung seiner alten Hausgenossin gar zu arg

wurde, machte er ihr im entscheidenden Augenblick durch ein donnerndes:

»Versinke, Esperance!« ein Ende, worauf Esperance zumeist auch wirklich

sofort verschwand, denn sie wußte, daß Achilla sie andernfalls in

seine Arme nehmen, auf das Dach seiner Hütte setzen und dort bis zum

Sonnenuntergang ihrem Schicksal überlassen würde.

So lebten diese Leutchen hin und trugen alle mehr oder weniger einer

des andern Lasten und suchten sich gegenseitig das einförmige Dasein

ein wenig bunter zu gestalten durch allerlei leichte Streitigkeiten

und Mißverständnisse, welche auf die durch die Ereignislosigkeit des

Kleinstadtlebens erschlaffte menschliche Natur eine so wohltuend

aufrüttelnde Wirkung ausüben. So hatte zum Beispiel eines Tages der

Gutsbesitzer und Adelsmarschall Alexej Nikititsch Plodomasow von einer

Reise nach Petersburg den von ihm sehr hochgeschätzten Domgeistlichen

verschiedene mehr oder weniger kostbare Geschenke mitgebracht, darunter

auch drei Stöcke: zwei mit ganz gleichen Knöpfen aus Dukatengold für

die beiden Pfarrer, den einen für Vater Tuberozow, den andern für Vater

Zacharia. Der dritte Stock mit einem hübschen Knopf aus emailliertem

Silber war für den Diakon Achilla bestimmt. Diese Stäbe fielen unter

die Stargoroder Geistlichen wie die biblischen Schlangen, welche die

ägyptischen Zauberer vor den Pharao hinwarfen.

»Durch diese Schenkung der Stäbe ist ein Zweifel in uns geweckt

worden,« erzählte der Diakon Achilla.

»Was für einen Zweifel kann es denn geben, Vater Diakon?« fragten die

Leute, denen er sein Leid klagte.

»Ach, ihr Laien versteht von solchen Dingen nichts. Erstens ziemt

es mir in meinem Amte als Diakon gar nicht, einen solchen Stab zu

tragen, denn ich bin kein Pfarrer. Ferner: ich trage diesen Stab

jetzt trotzdem, denn ich habe ihn geschenkt bekommen. Drittens aber

tritt dabei noch eine zweifelerregende Gleichstellung zutage: der

Vater Sawelij und der Vater Zacharia haben Stäbe von ganz derselben

Qualität und gleichem Aussehen erhalten. Darf man sie aber so völlig

gleichstellen? ... Ich frage, darf man das? ... Vater Sawelij ... ihr

wißt es ja selbst ... Vater Sawelij ... ist ein Weiser, ein Philosoph,

ein Justizminister ... und nun sehe ich, daß auch er sich darin nicht

zu finden weiß und verwirrt ist, ganz furchtbar verwirrt.«

»Was kann ihn denn so verwirren, Vater Diakon?«

»Es verwirrt ihn, daß erstens diese völlige Gleichheit Verwechselungen

hervorruft. Was meint ihr, wie soll man erkennen, wem dieser Stab

gehört? Versucht es doch herauszukriegen, welcher Stab dem Propst und

welcher dem Zacharia zukommt, wenn sie beide ganz gleich aussehen!

Freilich, zur Unterscheidung ließe sich ja irgendein Zeichen anbringen

-- ein Tröpfchen Siegellack auf den Knopf oder ein kleiner Einschnitt

in das Holz. Wie steht es aber mit der politischen Seite der Sache? Es

ist doch ganz unmöglich, daß der Propst und der Vater Zacharia gleich

viel wert wären! Und der Propst fühlt das sehr wohl, und ich seh' es

deutlich, und darum sag' ich ihm: ›Vater Propst, es ist in diesem

Falle nichts anderes zu machen: gestattet mir, daß ich den Stab des

Vaters Zacharia irgendwie zeichne, mit Siegellack oder durch einen

Messerschnitt.‹ Er aber antwortet: ›Nichts dergleichen. Untersteh' dich

nicht. Es ist nicht nötig.‹ Ja, wie denn nicht nötig?! ›Nun,‹ sag' ich

da wieder, ›so gebt mir Euren Segen zu etwas anderm. Ich will ganz

insgeheim den Stab des Vaters Zacharia mit dem Messer um einen Zoll

kürzer machen, so daß der Vater Zacharia selber von dieser Verkürzung

gar nichts merken soll.‹ Er aber nennt mich darauf einen Dummkopf.

Gut denn, ich bin ein Dummkopf, ich hör's von ihm nicht zum erstenmal

und von ihm kränkt's mich auch nicht, aber ich sehe doch, daß er mit

alledem sehr unzufrieden ist, und das raubt mir alle Seelenruhe ... Und

ihr könnt mich einen dreifachen Dummkopf nennen,« -- rief der Diakon,

-- »ja, ich gestatte es euch, nennt mich ruhig dumm, wenn er, der Vater

Sawelij, nicht etwas ganz Politisches im Sinne hat. Ich weiß es ganz

genau, daß er eben deswegen mich nicht gewähren läßt, weil er seine

eigene Politik verfolgt.«

Und der Diakon Achilla schien sich nicht geirrt zu haben. Noch war

kein Monat seit der Beschenkung der Stargoroder Geistlichkeit mit

den erwähnten zweifelerregenden Stäben vergangen, als der Propst

Sawelij sich plötzlich zu einer Reise in die Gouvernementsstadt zu

rüsten begann. Man brauchte dieser Fahrt keine besondere Bedeutung

zuzuschreiben, denn der Propst hatte in Amtsangelegenheiten oft genug

mit dem Konsistorium zu verhandeln. Aber als der Vater Tuberozow

bereits im Wagen saß, wandte er sich plötzlich zum Vater Zacharia:

»Hör' mal, Vater, wo ist denn wohl dein Stab? Gib ihn mir mal her, ich

will ihn mit in die Stadt nehmen.«

Diese scheinbar von ungefähr gesagten Worte ließen ein Licht in den

Gemütern aller derer aufgehen, die vor das Tor gekommen waren, dem

Abreisenden das Geleite zu geben.

Der Diakon Achilla räusperte sich kräftig und flüsterte dem Vater

Benefaktow ins Ohr:

»Nun? Sagt' ich's Euch nicht? Da haben wir die Politik!«

»Weshalb wollt Ihr denn meinen Stab in die Stadt mitnehmen, Vater

Propst?« fragte Vater Zacharia, und zwinkerte demütig mit den Augen,

wobei er zugleich den Diakon beiseite schob.

»Wozu? Nun, vielleicht will ich den Leuten dort zeigen, wie man uns

hier achtet und unser gedenkt,« antwortete Tuberozow.

»Alioscha, lauf hin und hol den Stock,« befahl Zacharia seinem kleinen

Sohne.

»Vielleicht nehmt Ihr dann auch meinen Stab mit, Vater Propst, um ihn

dort zu zeigen?« fragte Achilla in dem sanftmütigsten Tone, dessen er

fähig war.

»Nein, den deinen magst du bei dir behalten,« erwiderte Sawelij.

»Warum denn, Vater Propst? Ich bin doch ebenso ... ich bin doch auch

von dem Herrn Adelsmarschall ausgezeichnet worden,« antwortete der

Diakon ein wenig gekränkt.

Aber der Propst würdigte seinen Einspruch keiner Antwort, legte den ihm

eben gebrachten Stab des Vater Zacharia neben sich hin und hieß den

Kutscher zufahren.

So fuhr er dahin und die beiden zweifelerregenden Stäbe fuhren mit, der

Diakon Achilla aber saß zu Hause und mühte sich vergeblich, das Rätsel

zu lösen, zu welchem Zweck Tuberozow den Stab des Zacharia mitgenommen

hatte.

»Was geht's dich an? Was hast du dabei? Was?« beschwichtigte Zacharia

den von Neugier gemarterten Diakon.

»Vater Zacharia, ich sag's Euch, das ist Politik.«

»Nun und wenn's Politik ist, -- was geht's dich an? Mag er doch

politisieren.«

»Aber ich vergehe vor Neugier, was das für eine Politik sein könnte.

Euren Stab zu beschneiden wollte er mir nicht gestatten; das wäre eine

Dummheit, sagte er; ich schlug ihm vor, Zeichen anzubringen, aber er

wies es zurück. Das einzige, was ich vermute ...«

»Ei nun, was kannst du Schwätzer vermuten?«

»Das einzige wäre, daß er ... Er setzt bestimmt einen Edelstein hinein.«

»Ja! Nun ... nun ja ... Aber wo soll er den Stein denn einsetzen?«

»In den Griff.«

»In den seinen oder in den meinen?«

»In den seinen, natürlich in den seinen. Ein Edelstein ist doch ein

Wertstück.«

»Sehr schön. Wozu hat hat er dann aber meinen Stab mitgenommen? In den

seinen will er den Stein einsetzen lassen, und den meinen nimmt er

mit?!«

Der Diakon schlug sich mit der Hand vor die Stirn und rief:

»Da wär' ich wieder mal der Narr.«

»Hoffentlich bist du der Narr, hoffentlich,« bestätigte Vater Zacharia

und fügte mit leisem Vorwurf hinzu: »und dabei hast du doch Logik

gelernt, mein Lieber. Schäme dich.«

»Warum soll ich mich schämen, wenn ich sie gelernt, aber nicht kapiert

habe! Das kann jedem so gehen,« antwortete der Diakon.

Er sprach fortan keinerlei Vermutungen mehr aus, nur im stillen

verzehrte ihn nach wie vor die Neugier: was wird nun eigentlich

geschehen?

So verging eine Woche, bis der Propst zurückkam. Der Diakon Achilla,

welcher gerade einen von ihm neu eingetauschten Steppengaul einritt,

war der erste, der die schwarze Pfarrkutsche sich der Stadt nähern sah.

Er raste durch die Straßen, machte Halt vor allen Häusern, in denen

gute Bekannte wohnten, und schrie in die offenen Fenster hinein: »Er

kommt! Der Propst Sawelij! Die edle große Seele!«

Ein neuer Gedanke war dem Achilla plötzlich gekommen.

»Jetzt weiß ich, was es ist,« sagte er zu den Umstehenden, während er

vor dem Tore des Pfarrhofes vom Pferde stieg. »Alle meine bisherigen

Vermutungen waren nichts als eitel Torheit. Jetzt aber kann ich euch

für gewiß sagen, der Vater Propst hat nichts anderes getan, als

griechische Lettern -- oder auch lateinische -- in die Knöpfe einätzen

lassen. So ist es, jawohl, so und nicht anders ist es; ganz bestimmt

hat er Lettern einätzen lassen, und wenn ich es jetzt nicht erraten

habe, so könnt ihr mich hundertmal einen Esel nennen.«

»Warte nur, warte, das tun wir noch; das kommt schon noch,« sagte Vater

Zacharia und ging dem eben vorfahrenden Wagen entgegen.

Ernst und würdevoll entstieg der Propst dem Wagen, trat in das Haus

ein, betete, begrüßte seine Gattin, indem er sie dreimal auf den

Mund küßte, bewillkommnete danach auch den Vater Zacharia, wobei sie

sich gegenseitig auf die Schultern küßten, und zu guter Letzt den

Diakon Achilla, der dem Propst die Hand küßte, während dieser mit den

Lippen seinen Scheitel berührte. Nach dieser Begrüßung ging man ans

Teetrinken, Schwatzen, Erzählen, und langsam wich der Abend der Nacht,

ohne daß der Propst auch nur ein Wort über die alle so interessierenden

Stäbe geäußert hätte. Ein Tag verging, ein zweiter, ein dritter, mit

keiner Silbe erwähnte Vater Tuberozow die Angelegenheit. Es schien, als

habe er die Stäbe in die Hauptstadt gebracht und sie dort in den Fluß

versenkt, damit alles Gerede von ihnen schweige.

Der Diakon brannte förmlich vor Neugier und wußte nicht, was er

ersinnen sollte, um das Gespräch auf die Stäbe zu bringen. Aber die

Sache kam bald von selbst zur Erledigung. Am fünften oder sechsten Tage

nach seiner Heimkehr bat der Vater Sawelij nach dem Hauptgottesdienst

den Stadthauptmann, den Schulinspektor, den Arzt und den Vater Zacharia

nebst dem Diakon Achilla zu sich zum Tee und fing wiederum zu erzählen

an, was er alles in der Gouvernementsstadt gehört und gesehen habe.

Er berichtete ihnen von vielerlei schönen Sachen, welche er in den

Kaufläden gesehen hatte. »Es ist erstaunlich,« meinte er, »was die

dortige Kunstfertigkeit zu leisten vermag.«

Mit diesen Worten ging der Propst ins Nebenzimmer und kam, in jeder

Hand einen der wohlbekannten Stäbe haltend, wieder zurück.

»Sehen Sie mal hier,« sagte er, indem er den Gästen die Oberfläche der

beiden goldenen Knöpfe vor die Augen hielt.

Der Diakon Achilla riß die Augen auf, um zu erspähen, was der Politikus

zustande gebracht hatte, um die gleichwertigen Stäbe unterscheiden zu

können. Aber ach! Es war kein wesentlicher Unterschied zu erkennen. Im

Gegenteil, ihre Gleichwertigkeit schien nun erst vollkommen, denn in

der Mitte eines jeden Knopfes war in ganz gleicher Weise, von einem

Strahlenkranze umgeben, ein Gottesauge eingraviert, um welches sich

eine kurze Kursivinschrift schlang.

»Und Lettern sind keine da, Vater Propst?« bemerkte Achilla, dem die

Geduld ausging.

»Was willst du noch für Lettern?« erwiderte Tuberozow, ohne ihn

anzusehen.

»Um sie in ihrer Gleichwertigkeit zu unterscheiden.«

»Immer kommst du mit deinem dummen Zeug,« wandte sich der Propst zum

Diakon, und dann stützte er den einen Stab gegen seine Brust und sprach:

»Das soll meiner sein.«

Der Diakon Achilla warf einen schnellen Blick auf den Knopf und las

über dem Gottesauge: »Und er fand den Stecken Aarons blühen.«

»Und den nimmst du, Vater Zacharia,« schloß der Propst und gab ihm den

andern Stab.

Auf dem Knopfe desselben war um das völlig gleiche Gottesauge in ganz

derselben altslawischen Kursivschrift eingraviert:

»Und er gab den Stab in seine Hand.«

Kaum hatte Achilla diese zweite Inschrift gelesen, so knickte er hinter

dem Rücken des Vaters Zacharia zusammen, und, den Kopf gegen den Bauch

des Arztes stemmend, zuckte und strampelte er in einem unbändigen

Lachanfall.

»Na, Quälgeist, was gibt's wieder? Was gibt's?« wandte sich der Vater

Zacharia ihm zu, während die übrigen Gäste noch die kunstvolle Arbeit

des Juweliers an den Priesterstäben bewunderten.

»Lettern? He? Lettern, du krauser Schafbock du? Wo sind hier die

Lettern?«

Der Diakon aber prustete und lachte nur immer toller.

»Was lachst du? Was ficht dich an?«

»Wer ist jetzt der Schafbock, he?« fragte der Diakon, die Worte mühsam

hervorstoßend.

»Du natürlich, wer denn sonst?«

Achilla brach in ein neues Gelächter aus, packte den Vater Zacharia an

den Schultern und flüsterte theatralisch:

»Na und Ihr, Vater Zacharia, wo Ihr so viel Logik studiert habt, lest

doch noch einmal. ›Und er gab den Stab in seine Hand.‹ Was sagt Eure

Logik dazu? Wo soll eine solche Inschrift hinaus?«

»Wo hinaus? Nun, so sag du es doch, wo sie hinaus soll!«

»Wo hinaus? Dahinaus,« sagte der Diakon langsam und gedehnt, »daß man

ihm mit dem Lineal eins auf die Pfoten gegeben hat.«

»Du lügst!«

»Ich lüge?! Und warum ist denn +sein+ Stecken erblüht? Und kein

Wort davon, daß er ihm in die Hand gegeben ist? Warum? Weil das zum

Zweck der Erhöhung geschrieben ist, Euch aber ist's zur Erniedrigung

geschrieben, daß Euch der Knüppel in die Tatze gelegt ist.«

Vater Zacharia wollte etwas erwidern, aber der Diakon hatte ihn

wirklich irre gemacht. Achilla triumphierte, daß es ihm gelungen war,

den sanften Benefaktow aus der Fassung zu bringen, doch sein Triumph

war nur von kurzer Dauer.

Kaum hatte er sich umgewandt, so sah er auch schon, daß der Propst ihn

scharf ins Auge gefaßt hatte, und sobald er bemerkte, daß der Diakon

unter der Wirkung dieses strengen Blickes verlegen zu werden begann,

wandte er sich an die Gäste und sagte mit ganz ruhiger Stimme:

»Die Inschriften, die Sie hier sehen, habe ich nicht selbst ausgedacht.

Der Konsistorialsekretär Afanasij Iwanowitsch hat sie mir empfohlen.

Auf einem Abendspaziergang kamen wir beim Goldschmied vorbei, und

da meinte Afanasij Iwanowitsch: Wißt Ihr, Vater Propst, was für ein

Gedanke mir gekommen ist? Ihr solltet Inschriften auf die Stäbe setzen.

Für Euch ›der Stecken Aarons‹ und für den Vater Zacharia -- eben jene,

die jetzt dasteht.«

»Und du, Vater Diakon,« fuhr der Propst fort, »ich wollte auch etwas

von deinem Stabe sagen, wie du mich gebeten hattest, aber ich bin der

Meinung, es wäre am besten, du trügest den Stab überhaupt nicht, denn

er kommt deinem Amte nicht zu.«

Und damit schritt der Propst in aller Seelenruhe nach der Stubenecke,

in welcher der berühmte Stab des Achilla stand, nahm ihn und schloß ihn

in den Kleiderschrank ein.

Dieses war der größte Zwist, der sich je in der Stargoroder Pfarrei

abgespielt hatte.

Wie es heißt, daß durch ein Dreierlicht einst ganz Moskau in Flammen

aufgegangen ist, so entstand auch daraus bald eine ganze Geschichte,

welche die verschiedensten Charakterschwächen und Vorzüge Sawelijs und

Achillas an den Tag brachte.

Der Diakon kannte diese Geschichte am besten, erzählte sie aber nur in

Augenblicken äußerster Erregung.

Drittes Kapitel.

»Was,« sagte Achilla, »hätte ich von Rechts wegen damals tun sollen?

Ich hätte dem Vater Propst zu Füßen fallen und ihm sagen sollen: so und

so stehen die Dinge, nicht aus Bosheit, nicht aus Gehässigkeit hab' ich

das gesagt, sondern einzig, um dem Vater Zacharia zu zeigen, daß ich

zwar nichts von Logik verstehe, aber darum doch nicht dümmer bin als

er. Aber der Stolz übermannte mich und hielt mich zurück. Ich ärgerte

mich, daß er meinen Stab in den Schrank geschlossen hatte, und daß dann

noch der Lehrer Warnawka Prepotenskij dazwischenkam. ... Ach, ich sag'

euch, so bös ich auch auf mich selbst bin, es ist nichts gegen die Wut,

welche ich auf den Lehrer Warnawka habe! Ich will nicht ich sein, wenn

ich sterbe, ohne zuvor mit diesem Sohn der Hostienbäckerin abgerechnet

zu haben!«

»Das darfst du auch wieder nicht,« unterbrach Vater Zacharia den

Achilla.

»Warum denn nicht? Gottlosigkeit duld' ich nicht! Da frage ich nicht

nach der Person! Und die Sache macht sich ganz von selbst: ich fahr'

ihm mit der Faust in den Schopf, schüttel' ihn tüchtig durch und

laß ihn dann laufen. Jetzt geh und beschwer' dich, daß du von einer

geistlichen Person wegen Gottlosigkeit durchgewalkt worden bist!

... Der wird sich hüten! ... Ach, du mein Gott! Was war nur in mich

gefahren, daß ich auf diesen Taugenichts hören konnte, und wie ist's

möglich, daß ich ihn bis heute mir noch nicht richtig vorgenommen

habe! Den Küster Sergej hab' ich damals für sein Geschwätz über den

Donner sofort verwichst; den Kommissar, den Kleinbürger Danilka, der

sich in den letzten großen Fasten unterstand, auf offener Straße ein

Ei zu essen, hab' ich unverzüglich vor versammeltem Volke nach Gebühr

an den Ohren gezaust, -- und diesen Lümmel laß ich immer noch frei

herumlaufen, obgleich er mir das Ärgste angetan hat! Wäre er nicht

gewesen, so würde es gar nicht zu diesem Zwist gekommen sein. Der Vater

Propst hätte mir wegen meiner Äußerung über den Vater Zacharia gezürnt,

aber nicht lange. Muß da dieser Warnawka kommen, und erbittert und

gepeinigt, wie ich bin, laß ich mich von ihm aufhetzen! Er schwatzt

mir vor: ›Diese Tuberozowsche Inschrift ist zu allem andern auch noch

dumm!‹ Ich in meiner Pein, müßt ihr wissen, lechzte förmlich danach,

auch dem Vater Sawelij was anzuhängen, und so fragte ich, was denn

Dummes daran sei. Warnawka sagte: ›Dumm ist sie, weil die Tatsache,

von der in ihr die Rede ist, gar nicht feststeht. Und nicht nur

das, -- sie ist überhaupt unglaubwürdig. Wer, sagt er, kann es denn

bezeugen, daß der Stecken Aarons erblühte? Kann ein trockenes Stück

Holz Blüten treiben?‹ Ich fiel ihm hier in die Rede und meinte: ›Bitte

sehr, Warnawa Wasiljitsch, solche Reden darfst du nicht führen. Der

allmächtige Willen Gottes ist stärker als die Ordnung der Natur.‹ ...

Aber weil diese unsere Unterhaltung bei der Akziseeinnehmersfrau,

der Biziukina, stattfand, welche allerlei Flüssiges aufgetischt

hatte, lauter gute Weine, -- nichts als ho--ho--ho: ~Haut-Sauterne~

und ~Haut-Margaux~, -- so war ich, hol mich dieser und jener, schon

ein bißchen benebelt, und der Warnawka redete sein gelehrtes Zeug

in mich hinein. ›So war's ja auch -- sagte er -- dazumal mit dem

Menetekel beim Gastmahl des Belsazar. Heut haben wir's als reinsten

Schwindel erkannt. Wollt ihr, so mach ich's euch gleich mit einem

Phosphorstreichhölzchen vor.‹ Ich war starr vor Entsetzen, er aber

quasselte immer weiter: ›Und überhaupt, sagte er, es wimmelt da nur

so von Widersprüchen.‹ Dann legte er los, wißt ihr, und redete und

redete und widerlegte alles, und ich saß dabei und hörte zu. Und nun

noch dieser ~Haut-Margaux~! Ich war so schon gepeinigt genug, und

fing am Ende selber an in freigeistigem Stil zu reden. Ja, sagte

ich, wenn ich nicht sähe, was der Vater Sawelij für ein aufrechter

Mann ist, denn ich weiß, er steht vor dem Altar und der Rauch seines

Opfers steigt kerzengerade empor, wie beim Opfer Abels, ich möchte

nur kein Kain sein, sonst könnte ich ihn schon ... Versteht ihr wohl,

so redete ich vom Vater Sawelij! Und diese Person, die Biziukina,

meinte: ›Ja, versteht Ihr denn selber, was Ihr da schwatzt? Wißt Ihr

überhaupt, was der Kain wert war? Was war denn -- sagte sie -- Euer

Abel? Nichts weiter als ein kleines Schaf, ein Kriecher und Streber,

eine Sklavennatur; Kain aber war ein stolzer Mann der Tat. So -- sagte

sie -- hat ihn der englische Schriftsteller Biehron geschildert ...‹

Und nun legte sie los ... Na, von all dem ~Haut-Margaux~ schon so

spiritualisiert, überkam mich plötzlich ein Gefühl, als müßte ich zum

Kain werden und damit Punktum. Als ich auf dem Heimweg bis zum Hause

des Vater Propst gelangt war, blieb ich vor seinen Fenstern stehen,

stemmte, wie ein Offizier, die Arme in die Seiten und brüllte los:

›Ich Zar, ich Knecht, ich Wurm, ich Gott!‹ Grundgütiger Gott, wie

entsetzlich ist mir jetzt die bloße Erinnerung an meine Schamlosigkeit!

Als der Vater Propst mein Gemecker vernommen, sprang er aus dem Bette,

trat im Hemde ans Fenster, stieß es auf und rief mit zorniger Stimme:

›Geh zu Bett, du wütiger Kain!‹ Ihr könnt mir's glauben, ich erbebte

bei diesem Wort. Denn er hatte mich schon Kain genannt, da ich es doch

erst werden wollte. Er hatte es vorausgesehen! Ach Gott, ach Gott! Ich

konnte mich kaum nach Hause schleppen; meine ganze Widerspenstigkeit

war hin, und bis auf den heutigen Tag kann ich seitdem nur trauern und

stöhnen.«

War er in seiner Erzählung so weit gekommen, versank der Diakon

gewöhnlich in Gedanken, seufzte, und fuhr nach einer Minute in

melancholischem Tone fort:

»Und nun fliehen und fließen die Tage dahin, aber der Zorn des Vater

Sawelij ist bis auf heute nicht von ihm gewichen. Ich ging zu ihm und

klagte mich selber an; ich klagte mich an und tat Buße. Ich sprach:

›Vergebt mir, wie der Herr den Sündern vergibt‹ -- aber ich erhielt

nichts zur Antwort, als ›Geh.‹ Wohin? Wohin soll ich gehen, frage ich.

Mit den Leuten da werde ich wirklich noch zum Kain ... Ich weiß es,

ich weiß es genau, nur er allein, nur der Vater Sawelij vermag mich in

Subordination zu halten -- und er ... und er ...«

Bei diesen Worten kamen dem Diakon die Tränen in die Augen und leise

aufschluchzend schloß er seinen Bericht:

»Und er spielt ein so böses Spiel mit mir -- er schweigt! Was ich auch

sage, er schweigt! ... Warum schweigst du?« schrie der Diakon plötzlich

laut auf und fing nun wirklich an zu schluchzen. Dabei streckte er

beide Arme in der Richtung aus, wo sich nach seiner Voraussetzung

das Haus des Propstes befinden mußte. -- »Meinst du, das wäre recht

gehandelt? Ist es recht, wenn ich in meinem Amte als Diakon zu ihm

trete und sage: ›Vater, segne mich‹ -- und ich küsse dann seine Hand

und fühle, daß sogar sie für mich eiskalt ist! Ist das recht? Am

Pfingsttage, vor dem großen Gebet, kam ich, in Tränen zerfließend,

zu ihm und bat ihn: segne mich ... Aber er zeigte keine Rührung. ›Sei

gesegnet,‹ sagte er. Was soll mir dieser Formenkram, wenn alles ohne

Freundlichkeit geschieht!«

Der Diakon rechnete auf Trost und Unterstützung.

»Verdien' dir seine Freundlichkeit,« sagte ihm der Vater Zacharia,

»verdiene sie dir ordentlich, und er wird dir verzeihen und wieder gut

zu dir sein.«

»Wie soll ich sie mir denn verdienen, Vater Zacharia?«

»Durch musterhaftes Betragen.«

»Was nützt mir denn all mein Betragen, wenn er mich überhaupt nicht

bemerkt? Glaubst du, es ließe mich kalt, ihn jetzt immer so bekümmert,

immer so tief in Gedanken zu sehen? Gott im Himmel, sag' ich zu

mir selbst, was mag ihn so beschäftigen? Am Ende gar quält er sich

meinetwegen. ... Mag er mir auch noch so sehr zürnen, er verstellt sich

ja doch nur: ich weiß, daß er mich liebhat ...«

Der Diakon wandte das Gesicht ab, schlug mit der rechten Faust gegen

die linke Handfläche und brummte:

»Na, warte, du Hostienbäckerlümmel, das geht dir nicht so durch! Ich

will in Wahrheit Kain und nicht der Diakon Achilla sein, wenn ich

diesen Lehrer Warnawka nicht vor aller Augen zum Krüppel schlage!«

Aus dieser Drohung allein kann der Leser schon ersehen, daß einem

gewissen, hier erwähnten Lehrer Warnawa Prepotenskij seitens des

Diakons Achilla eine ernste Gefahr drohte, und diese Gefahr rückte

immer näher und drohender heran, je stärker und quälender Achillas

Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese wurde, die Sehnsucht nach dem

eingebüßten Wohlwollen des Vaters Sawelij. Und endlich schlug die

Stunde, da Warnawa Prepotenskij seinen Lohn aus der Hand Achillas

empfangen sollte, das Ereignis, mit dem das große Stargoroder Drama

beginnt, welches den Inhalt dieser Chronik bilden soll.

Um den Leser in das Verständnis dieses Dramas einzuführen, lassen

wir vorderhand alle Schleichwege beiseite, auf denen Achilla, gleich

einem amerikanischen Pfadfinder, seinem Feinde, dem Lehrer Warnawka,

nachspürt. Versenken wir uns lieber in die Tiefen der inneren Welt

der dramatischsten Person unserer Geschichte und treten in jene Welt,

die bisher noch allen, welche sie aus der Nähe oder aus der Ferne

betrachteten, unbekannt und unsichtbar geblieben ist: in das reinliche

Häuschen des Vaters Tuberozow. Vielleicht, wenn wir im Innern dieses

Hauses stehen, finden wir ein Mittel, auch in die Seele seines Herrn

zu schauen, wie man in einen gläsernen Bienenstock schaut, wo die

Biene ihre wundersame Wabe baut, aus Wachs, das vor dem Antlitz Gottes

leuchten, und aus Honig, der den Menschen erfreuen soll. Aber seien

wir vorsichtig und rücksichtsvoll: ziehen wir leichte Sandalen an, auf

daß unserer Schritte Schall den sinnenden und betrübten Propst nicht

störe. Setzen wir die Tarnkappe aus dem Märchen aufs Haupt, damit

unser neugierig Antlitz den ernsten Blick des würdigen Greises nicht

verwirre, und lauschen wir mit offenem Ohr auf alles, was wir von ihm

zu hören bekommen.

Viertes Kapitel.

Der Sommerabend hat sich über Stargorod herabgesenkt. Längst ist

die Sonne untergegangen. Die Anhöhe, auf der sich die spitze Kuppel

des Domes erhebt, liegt in bleiches Mondlicht getaucht, das stille,

flache Ufer drüben versinkt in warmer Finsternis. Über die schwimmende

Brücke, welche beide Stadtteile miteinander verbindet, bewegen sich

ab und zu einsame Gestalten. Sie haben es eilig; denn die Nacht im

stillen Städtchen treibt sie früh in ihre Nester und an ihre Herdfeuer.

Schellenklingelnd fährt ein Postwagen über die Brückenbohlen, wie

über Klaviertasten; dann ist alles wieder totenstill. Von den Wäldern

draußen weht eine wohltuende Kühle herüber. Blau schimmert auf der von

zwei Armen der Turitza gebildeten Insel das Gemüsefeld des uralten

schiefnäsigen Sonderlings Konstantin Pizonskij, welcher von allen

»Onkel Kotin« genannt wird.

»Molwoscha! Wo bist du, Molwoscha?!« schallt es von der Insel herüber.

Der Alte ruft den muntern Buben, seinen Pflegesohn, und so deutlich ist

dieser Ruf im Hause des Propstes zu hören, daß man glauben möchte, es

riefe jemand dicht unter dem Fenster, an welchem die Pröpstin sitzt.

Von demselben Gemüsefeld schallt ein lautes Kinderlachen herüber, man

hört das Wasser plätschern, nackte Kinderfüßchen laufen klatschend

über die Brückenbohlen, und hellauf bellt ein spielender Hund. Alles

das scheint so nah, daß die Mutter Pröpstin von ihrem Platz am Fenster

aufspringt und die Arme nach vorn ausstreckt. Sie meint, das laufende

und lachende Kind müsse ihr gleich in den Schoß fallen. Aber als sie

sich umschaut, erkennt sie die Täuschung. Sie tritt vom Fenster in das

Innere des Zimmers zurück, zündet eine der auf der Kommode stehenden

Kerzen an und ruft ein kleines, etwa zwölfjähriges Mädchen zu sich

heran.

»Weißt du nicht, Feklinka, wo unser Vater Propst ist?« fragt sie.

»Er spielt Dame beim Polizeichef, Mütterchen.«

»Ah so, beim Polizeichef. Schon recht. Wir wollen ihm das Bett machen,

Feklinka, damit alles fertig ist, wenn er heimkommt.«

Feklinka bringt aus dem Nebenzimmer zwei Kissen in die Wohnstube, ein

Bettuch und eine gelbe wollene Steppdecke; die Pröpstin einen weißen

Pikee-Schlafrock und ein großes rotseidenes Tuch. Das Bett wird dem

Propst auf dem großen, ziemlich harten Sofa aus Masernbirkenholz

gemacht. Zu Häupten wird die Decke zurückgeschlagen; der weiße

Schlafrock über einen Lehnstuhl zu Füßen des Bettes ausgebreitet, und

auf den Schlafrock das Seidentuch gelegt. Sowie alles gemacht ist,

schiebt die Pröpstin mit Feklinka einen ovalen Tisch auf massivem Fuße,

ebenfalls aus Masernholz, neben das Kopfende des Bettes, und stellt

eine Kerze, ein Glas Wasser, ein Tellerchen mit gestoßenem Zucker und

eine Glocke darauf. Alle diese Vorbereitungen und die Genauigkeit,

mit der sie vorgenommen werden, zeugen von der großen Aufmerksamkeit,

mit der die Pröpstin allen Gewohnheiten ihres Gatten entgegenkommt.

Erst als sie alles gewohnheitsmäßig geordnet hat, beruhigt sie sich

wieder, löscht die Kerze aus und setzt sich an ihr einsames Fenster,

um auf den Gatten zu warten. Wer sie hätte sehen können, würde eine

gewisse Unruhe in dieser Erwartung bemerkt haben, welche ihre guten

Gründe hatte: Tuberozow, der seit langem schon unfroh schien, war

heute den ganzen Tag mürrisch gewesen und das beunruhigte seine treue

Gefährtin. Er war auch sehr müde, denn er hatte heute auf die Felder

der Vorstadtbewohner hinausgemußt, um einen Bittgottesdienst anläßlich

der andauernden Trockenheit abzuhalten. Nach dem Essen hatte er sich

etwas niedergelegt und war dann spazierengegangen. Später hatte er den

Polizeichef aufgesucht, und war bei ihm sitzen geblieben. Die kleine

Pröpstin wartete erst eine halbe Stunde und dann noch eine ganze, aber

er kam nicht. Tiefe Stille herrschte überall. Plötzlich klingt es von

der Hügelseite herüber wie Gesang. Die Pröpstin horcht auf. Es ist der

Diakon Achilla; sie kennt diese angenehme tiefe Stimme gut. Er steigt

den Batawin-Berg herab und singt:

Es ruht die Welt im Frieden

Der lauen Frühlingsnacht,

Längst haben alle Müden

Die Augen zugemacht.

Der Diakon ist unten angekommen, geht über die Brücke und singt weiter:

Da klopft mit seinem Stecken

Cupido an mein Tor,

Und ich in jähem Schrecken

Fahr' aus dem Traum empor.

Die Pröpstin hört dem Gesang des Achilla mit Vergnügen zu. Sie hat

den Mann gern, weil er ihren Gatten so liebt, und sie mag auch seinen

Gesang. In Träumerei versinkend merkt sie gar nicht, wie der Diakon

die Brücke hinter sich läßt und immer näher und näher kommt. Als er

endlich dicht vor ihrem Fensterlein steht, donnert er plötzlich mit

schauerlichem Pathos:

Wer -- frag ich -- ist der Kühne,

Der da zu klopfen wagt?

Die aus ihren Träumen aufgeschreckte Pröpstin schreit leise auf und

eilt in das Innere des Zimmers zurück.

Als der Diakon ihren Schreckensruf hört, unterbricht er sofort seinen

Gesang.

»Ihr schlaft noch nicht, Natalia Nikolajewna?« fragt er, packt dabei

mit beiden Händen das Fensterbrett und schwingt sich auf das Gesimse.

»Wir haben Frieden!« ruft er.

»Was?« fragt die Pröpstin.

»Friede,« antwortet der Diakon, »Friede.«

Achilla fährt mit der Hand durch die Luft und fügt hinzu:

»Der Vater Propst ... hat ein Ende gemacht.«

»Was redest du da. Was für ein Ende?« fragt die Pröpstin erregt.

»Schluß! ... Der Streit mit mir hat ein Ende! ... Von nun an herrscht

Frieden und Wohlgefallen. Den wievielten haben wir heute? Den vierten

Juni. Notiert's Euch: ›am vierten Juni Frieden und Wohlgefallen‹. Denn

Friede soll mit allen sein. Der Lehrer Warnawka kriegt's jetzt aber zu

spüren.«

»Was hast du? Nach Branntwein riechst du nicht und schwindelst doch.«

»Ich schwindeln! Ihr sollt bald sehen, wie ich schwindle! Heut ist der

vierte Juni, der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch, -- notiert

Euch das auch, denn mit diesem Tage geht es los.«

Der Diakon richtet sich auf den Ellenbogen noch höher auf und flüstert,

sich fast bis zum Gürtel ins Fenster hineinschiebend:

»Ihr wißt wohl gar nicht, was der Lehrer Warnawka getan hat?«

»Nein, Freundchen, ich habe nichts gehört. Was hat der Tunichtgut denn

getan?«

»Etwas Entsetzliches! Er hat einen Menschen im Topf gekocht.«

»Diakon, du lügst!« ruft die Pröpstin.

»Nein, er hat ihn gekocht!«

»Ganz gewiß, du lügst! Ein Mensch hat doch in einem Kochtopf nicht

Platz.«

»Er hat ihn im Aschenkasten gekocht,« fuhr der Diakon unbekümmert fort,

»und obgleich ihm diese greuliche Tat vom Polizeichef und vom Arzt

gestattet war, wird er doch dafür meinen Händen ausgeliefert.«

»Diakon, du lügst. Das sind alles Lügen.«

»Nein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, nicht eine Silbe ist

gelogen,« erwiderte der Diakon mit heftigem Kopfschütteln und die Worte

wirbelten noch schneller von seinen Lippen. »Warnawka hat tatsächlich

einen Menschen mit Genehmigung der Obrigkeit, das heißt: des Arztes

und des Polizeichefs, gekocht. Es war eine Wasserleiche. Aber dieser

Gekochte quält jetzt ihn und seine Mutter, die Frau Hostienbäckerin,

aufs grausamste, und ich habe das alles in Erfahrung gebracht und

beim Polizeichef dem Vater Propst erzählt, und der Vater Propst hat

dem Herrn Polizeichef dafür ein tüchtiges -- ~coppe vachée~ heißt's

auf französisch -- gemacht. Der Polizeichef hat gesagt: ›Ich will --

sagt er -- Soldaten holen und der Sache ein Ende machen.‹ Ich aber

fügte dazu: ›Hol du nur deine Soldaten, ich bin selber Soldat!‹ Und

von morgen ab, Euer Hochwürden, ehrenwerteste Frau Pröpstin Natalia

Nikolajewna, werdet Ihr sehen, wie der Diakon Achilla den Lehrer

Warnawka strafen wird, ihn, den Gotteslästerer, der die Lebenden irre

macht und die Toten martert. Jawohl, heute ist der vierte Juni, der

Gedächtnistag des heiligen Methodius von Pesnosch! Ihr solltet Euch das

notieren ...«

Hier wurde der Redestrom des Diakons Achilla plötzlich unterbrochen,

denn aus der Ferne vom Hügel ließ sich ein Husten vernehmen, das nur

vom Vater Propst kommen konnte.

»Halloh! Da kommt der Propst Sawelij!« ruft Achilla, springt vom Gesims

auf die Erde und geht seines Weges.

Die Klerisei · 第 1 / 25 段