»Dieses Glas,« sagte Sir Davis eines Tages vor der Stahlkabine, »muß

eine luftleere Füllung besitzen, sonst wäre das Gestein nicht zu sehen.«

»Zehn Jahre auf dem Ozean,« sagte der Kapitän, »und es interessiert Sie

nichts mehr als eine Frau.« »Aber,« sagte Sir Davis, »deshalb vermag

doch ein gewisses Quantum Luftleere zwischen dem Glas sich zu befinden«.

»Möglich,« erwiderte der Kapitän und nahm eine Pfeife in den Mund und

pfiff, »ich kümmre mich nicht darum.« Diese Hoffnung ging für Grace

verloren. Ritch verschaffte ihr aus dem Zimmer des Sekretärs den

Schlüssel, nachdem sie ihn narkotisiert hatte. Man war vor Lissabon, die

Wärter hatten ein Mittel im Bauch, das sie wie Klötze liegen ließ. Der

Dampfer hatte schon angelegt und sollte am nächsten Tag nach Rotterdam

fahren.

Das Mädchen trug einen schwarzen Ledermantel mit einer ähnlichen Mütze.

Als sie den Schlüssel umdrehte, der nach einer besonderen Weisung

gedreht werden mußte, brach er ab. In dem gleichen Augenblick sah sie

einen furchtbar aussehenden Mann eine Tür aus der gegenüberliegenden

Wand herausdrücken und sich blitzschnell nach dem kleinen rot

ausgeschlagenen Sarg hin bewegen. Ehe er zugriff, schoß Lady Grace

einmal in das Glas. Es war nicht luftleer gefüllt und die Kugel prallte

ab. Den zweiten Schuß gab sie in das Schloß, die Kugel drang ein, blieb

aber stecken.

Zwischen den beiden Schüssen sah sie plötzlich von der Decke einen

Matrosen herabstürzen. Dieser Mann war ohne Zweifel schön und bei

anderer Zeit hätte man ihn bewundert. Er hatte eine klare weiße, fast zu

hohe Stirn, was seinem Kopf eine Bedeutung gab, die etwas zu stark war

für die banale Schönheit seiner Mund- und Augenpartien. Die Nase war

nicht gerade edel, aber stolz genug, die übrigen Gesichtsfehler zu

beherrschen und einheitlich zu machen. Seine blauschwarzen Haare setzten

mit einem Halbbogen wie bei Jüdinnen an und waren tief und lang

zurückgestrichen. Dieser Mann, der eine Spur zu gewandt war, um nicht

weichlich zu wirken, griff nach der Kette. Es war zweifellos, daß er

kein Matrose war.

Capt. Pound rollte die Augen, als ob er sterben wolle. Dieser Mann war

George Good, sein Partner, der ihm die Beute abjagte und den er nicht

berühren durfte, solange dieser nicht einen Verrat beging. In diesem

Augenblick, den ihre Pupillen sich ineinanderbissen, griffen beide nach

der Kette, es ward dunkel. Man stürzte auf die Schüsse herbei. Da man

den Eingang durch die Kugel versperrt fand, mußte die halb wahnsinnige

Grace den Eingang von der anderen Seite erklären. Man fand, wie sie

gesagt hatte, durch Capt. Pounds ehemalige Kabine keinen Eingang, kam

jedoch durch ein Loch über den Schornstein herein.

Ein Mann, der tagelang mit einer Rauchmaske gearbeitet haben mußte,

hatte mit einer Unmenge Säure den Stahl zerstört. Im Innern fand man die

Mechanik der Klapptüre, aber man kam nicht weiter, da die Öffnung nach

dem Korridor und Pounds Kabine nur durch ein seltsames System von Druck-

und Klopfbewegungen herzustellen war. Die beiden Männer mußten durch den

Schornstein geflohen sein. Mittlerweile hatte Lady Grace jene Kälte

angenommen, die unbegreiflich ist, wenn man sie vorher kannte.

»Laternen« schrie sie sofort, während die anderen noch untersuchten,

Davis ins Ohr.

»Sechsundzwanzig Jahre,« flüsterte der alte Seigneur, als er die

Blendlaternen rollen ließ, »aber das Genie eines Feldherrn.« Sie

entdeckten zwei Boote und folgten mit einem der kleinen Motore, die

heruntergelassen waren. An der im glatten Hafenwasser noch stehenden

Furche sahen sie, daß sie einen Motor vor sich hatten. Auf der

Verfolgung hörten sie Ruderschläge. Sir Davis, der einen Scheinwerfer

bediente, richtete ihn nach der Seite. Sie hatten zwei Matrosen bei sich

und schossen durch ein Gewirr von Dampfern. Die Ruderschläge gingen nach

der Seite und sie sahen einen Kahn, der, von einem Tollen gerudert,

gerade an einem Segler anlegte. Sie schossen hinüber.

Bei ihrer Ankunft hatte der Mann sich an Bord begeben; indem er einen

ganz unglaublichen Sprung, aufs Ruder gestützt, gemacht und ein Tau

erreicht hatte. In diesem Moment zog einer der Matrosen Lady Grace bei

Seite, bekreuzigte sich und hob den Daumen in die Höhe. Sie erkannten am

Wimpel, daß das Schiff die Pest und das gelbe Fieber hatte. Sie hatten

sich dem Quarantäne-Schiff genähert. Grace war außer sich. Sie warfen

den Motor herum, fanden die Spur des anderen und folgten, sie sahen das

Motorboot lediglich an einer Mole treiben. Als der Matrose auf das

Fieberschiff sich schwang, hatte Lady Grace ihn erkannt.

»Photographiere« zischte sie und Ritch faßte ihn mit einer wunderbaren

Magnesiumflamme.

Der eine Matrose hatte ihn ebenfalls erkannt. »Capt. Pound,« sagte er zu

sich, »war an Bord. Wir waren nicht allein. By Jove, er hat bestimmt,

auch wenn es das erstemal ist seit Cuba, Gründe, sein Bein

zurückzulassen.« Er täuschte sich. Es war vielleicht der verrückteste

Erfolg, den Pound in seinem Leben hatte, als er sich mit seinem Bein

unterm Arm auf das Fieberschiff schwang, das er vor Wochen nicht

verlassen durfte und von dem der unerschreckbare Bursche nach drei Tagen

ans Ufer schwamm.

Lady Grace schäumte vor Wut. Dieses junge Mädchen war von der Pranke des

Geheimnisses erfaßt wie ein Süchtiger von dem Mond, der ihn verzaubert.

Sie zermarterte hinter der glatten ruhigen Stirn ihr Hirn, man hätte sie

nach dem Namen ihrer Mutter fragen können und sie hätte mit der Antwort

gezögert. Sie bebte vor Zorn, daß sie besiegt war und verstand diesen

Zustand hinter einer Vernunft zu verstecken, die eigentlich Mathematik

ist.

Ein junges Mädchen, das vor Leidenschaft beginnt, ihre Chancen zu

berechnen, ist in der größten Gefahr, weil sie ein fürchterlicher Gegner

geworden ist. Sie treibt die Waffen der Feinde zur abscheulichsten

Grausamkeit. »Ich habe,« sagte sie sich, »Ritch, die für mich zu sterben

bereit ist und Mittel. Dazu zähle ich Davis. Er ist ein Gerippe, aber

dieses Gerippe ist ehrgeizig auf seine Männlichkeit, darum wird er

unendlich treu sein. Im übrigen werden wir sehen,« und sie biß sich auf

die Lippen mit einem Ausdruck, der hätte sagen können, sie meine das

Leben ihres Vaters.

Man wird diesen Zustand der Leidenschaft nur begreifen, wenn man immer

daran festhält, daß, wenn das Höllische in ein so reines Gefäß fällt, es

sämtliche Kraft zu allen guten Handlungen, ja selbst die zärtesten und

unausgesprochensten Gefühle zu einer unglaublichen Energie

zusammenbindet. An Hand der Photographien erfuhr sie in kurzer Zeit, daß

Pound in Lissabon war. In Lissabon findet man jemand, den man sucht,

leichter bei Nacht als am Tag. Auf der Placa do Commercio kauft man um

Mitternacht nicht nur Tänzerinnen, sondern auch Gemüse. Dies Volk der

Weltentdecker hat eine bezaubernde Art, seine Vergangenheit auf den

Banknoten zu verherrlichen, die sie mit einer solchen Leichtigkeit

ausgeben, daß die Geschäfte genötigt sind, die ganze Stadt nachts zu

illuminieren. Hier läuft, während in den Varietés Quadronen und

Mestizinnen tanzen, die Hochbahn wie auf Seilen durch den Sternhimmel,

die Motorräder brausen vorüber, und wer auf einem zweispännigen Wagen

oder einem Auto oder Sattel sitzt, schwenkt den Hut, um die Damen auf

der Avenida in ihrem Korso zu begeistern, wenn sie zu einer ihrer

heißblütigen Beichten gehen, zu denen die Kirchen die ganze Nacht offen

stehen.

Lady Grace vermutete, daß es leicht sei, in diesem Tollhaus die Spur

eines Mannes zu entdecken, den sie berauben oder zum mindesten

übertölpeln wollte. Sorge machte ihr lediglich der Gedanke an jenen

Matrosen, von dem sie nicht annehmen konnte, daß er Pounds Gehilfe war,

da er gezittert hatte. Auch war ihre gemeinsame Flucht diejenige von

Gegnern. Sie fühlte, daß sie diesen Mann nicht genügend bei ihren Plänen

bedachte.

Sie machte trotzdem den Fehler, den imposanteren Mann für den

gefährlicheren Partner zu halten, in den eigentlich nur Frauen fallen,

die geliebt haben. Sie bedachte nicht, daß George Good sie gesehen hatte

und sie von seiner Seite beobachtete.

Good, der auf eine glänzende Weise den Capt. übertölpelt hatte, indem er

auf dessen Schiff sich aller Energieaufwände Pounds bediente wie die

Parasiten, die in der Gestalt von Vögeln im Mund der Krokodile

Sicherheit und Nahrung haben, um damit den Capt. zu betrügen, war ohne

Zweifel vorderhand der geschickteste Feind. Er war der elegantere, das

heißt der klügere. Seine Weichheit erlaubte ihm, auf Brutalität zu

verzichten, aber die Rohheiten seines Partners durch seine Intelligenz

auszunutzen. Er war eine jener glücklichen Naturen, dem diese Abenteuer

dennoch ein, wenn auch glänzendes, so dennoch begrenztes Spiel da noch

blieben, wo die anderen schon Fanatiker und damit gebunden waren. George

Good beobachtete noch, wo Pound schon schäumte.

Als er im Augenblick der Schüsse, die Grace abgefeuert hatte, ihr

Gesicht, daß er täglich beobachtete, sah, war ihm die Leidenschaft

dieser Frau noch nicht klar. Er war entfernt, eine Besessene in ihr zu

sehen, aber zu intelligent, einen so ungewöhnlichen Vorgang mit einer

Liebesangelegenheit zu verquicken. Da er Lissabon an dem ersten Tag

nicht verlassen konnte, reizte es ihn, das Geheimnis der Frau

auszukundschaften. Er ging dabei in seine eigenen Netze. An diesem Tage

wurden zwei Dutzend Offiziere der Marine verhaftet und der Hafen

gesperrt.

Good hatte in einem Kasino masqué beim Chemin-de-Fer-Spiel Grace

gesprochen und über die Halbmaske mit ihr Worte zu wechseln versucht.

Sie hatte sich umgedreht, da sie ihn nicht erkannte und mit ihrem

Hochmut den Mann gereizt. Er hatte in ihrem Hotel Wohnung genommen. Es

gelang ihm, eine Sekunde in ihr Zimmer einzudringen. Zu seinem Unglück

sah er sofort das Bild des Capt. Pound und hielt sie für Pounds

Geliebte, ohne zu ahnen, daß jeder Detektiv Lissabons dieses Bild in der

Tasche trug. Er fühlte sofort, daß er Pound unterschätzt hatte, der mit

solchem Aufwand vorging und reiste dahin, wo man ihn am wenigsten

vermuten konnte, nach Rotterdam.

Grace hatte natürlich das Fieberschiff umstellen lassen und Spitzel in

der Baracke, durch welche die Gesundeten in Quarantäne gingen. Da sie

Geduld noch nicht zu ihren Waffen zählen konnte, machte sie sich auf

einen Einbruch in das Schiff bereit. Hier konnten ihr weder Davis noch

Ritch zu Diensten sein, sie sandte sie weg. Davis hatte ohne Zweifel

soviel in seinem Leben nicht flaniert. »Wenn sie,« sagte er sich, »meine

Augen ruiniert, wird sie mir gestatten müssen, sie mit den Händen zu

befühlen. Praxiteles soll im Alter auf ähnliche Weise die Schönheit

wahrgenommen haben.« Im übrigen war dieser Geck bis zur

Besinnungslosigkeit treu. Da sein Verstand sich vollkommen auf den

Dienst bei jungen Frauen eingestellt hatte, war ihm das Bewußtsein des

tieferen Sinns aller Vorgänge abhanden gekommen. Sein Verstand arbeitete

wie die Vernunft der Setzer, die ein Wort aber nie einen Satz im

Gedächtnis behalten. Er war vielleicht der geschickteste Detektiv, weil

für ihn schließlich jeder Mann ein Konkurrent war und nur der Hahn das

beste Gehör für jenes siegreiche Kikeriki eines anderen besitzt, das

noch kaum angestimmt ist.

Als Grace sich zu dem furchtbaren Schritt entschloß, sich durch eine

reichliche Bestechung an das Fieberschiff fahren zu lassen, erfuhr sie,

daß Pound an Land sei. Eh weiteres bekannt ward, sprach erst sie dann

Davis mit Good. Grace hatte ihn verachtet.

Die Maske hatte Davis eingeholt: »Diese Dame,« sagte sie ihm ins Ohr,

»könnte eine Prinzessin sein, denn sie ist sehr stolz. Vermutlich kann

sie eine Bürgerin sein, denn sie setzt so hoch, wie Aristokraten es

nicht tun würden, die den Reiz des Geldes schon zu lange kennen, um es

so unsinnig auf die Kante zu setzen. Aber ich wette, sie vermöchte auch,

nachdem ich ihre Augen gesehen habe, die Geliebte eines Piraten sein,

der eine Kanonenkugel von achtzehnhundertsiebzig als Kopf, einen

Boxhandschuh als Herz, eine Leber an Stelle der Nase und als Charakter

ein Stelzbein hat.« »Dies erste« erwiderte Davis ihm, »ist sie nicht,

aber sie kann es jeden Tag sein. Der zweite Verdacht stellt Ihren

Scharfblick so in Frage, daß man zweifeln muß, ob Sie ein Edelmann sind,

so daß daher leider für die dritte infame Frage Sie von Sir Joshua Davis

nicht zur Rechenschaft gezogen werden können.« Der alte Geck benahm sich

wie ein verliebter Franzose und ließ den Maskierten stehen, nachdem er

sich aus Eitelkeit verraten hatte.

Zwei Stunden später war Good im Hotel. Den Tag nach ihm reiste Pound ab,

der ihn beobachtete. »Vielleicht,« sagte sich Grace, »ist auch Good

hinter Pound hergefahren,« als Ritch ihr erzählte, daß sie Good auf dem

Gang in dem Moment angetroffen hatte, wo er wie durch Irrtum ihre Tür

öffnete. Auch Davis erinnerte sich an den Mann, mit dem er gesprochen

hatte. Diese Personen, die nach Graces Angaben suchten, hatten alle

durch ihre Fehler nur das Wesen Pounds zu entziffern gesucht in dieser

Stadt, die sie wie ein Karneval überfiel und Good nicht beachtet. Grace

richtete sich auf beide nunmehr ein, nachdem sie eine Niederlage von

demjenigen erhalten hatte, den sie verachtet hatte. Sie hatte nunmehr

seine Witterung.

Sie folgte bis Rotterdam. »Welcher von beiden hat die Kette?« fragte sie

sich in zwei Nächten, die sie im Zug verbrachte. »Wer verfolgt und wer

wird gejagt? Ist das ganze Arrangement gar eine Täuschung? Vielleicht

führt sie ein Dritter weg, während ich hinter diesen beiden her bin?

Genug,« endete sie jedesmal mit seltsamer Gelassenheit, »sie ist da, ist

geraubt, sie muß zu finden sein.« Das hieß, daß sie an ihre Mittel und

ihre Leidenschaft glaubte. Sie war derart besessen, daß sie vollkommen

überlegen war.

Woher, fragt man, besaß dieses Mädchen, das vor drei Wochen die

behütetste Erbin in York war, die Kenntnis dieser Welt, diese

Erfahrungen, die einen Abgrund an Lastern voraussetzen, jene

ungewöhnliche Sicherheit, die nur großen Kokotten oder alten Lebemännern

eigen ist? Diese Frage erledigt eine Tatsache: ihr Genie. Die Tradition

einer alten Familie hatte in ihr alle Fähigkeiten, der Welt gegenüber

sicher zu sein, so vorbereitet, daß im Augenblick, wo sie innerlich

entflammte, sie wie durch ein Geheimnis die Erfahrungen übersprang und

aus dem Genie ihres Instinkts heraus alles beherrschte. Ihre

Besessenheit gab ihr die Überlegenheit über die Ideen des Lasters und

Verbrechens ebenso zu gebieten, wie sie es über diejenigen der Tugend

und der Mädchenhaftigkeit getan hätte. Sie hatte sofort und ohne

Probezeit den Schritt vom nichts zur Vollkommenheit getan.

Ungeschickterweise setzte man sie in Rotterdam auf eine falsche Spur. Es

schien, als solle sie nicht aus der Eisenbahn herauskommen. Sie fuhr

diesmal hinter Good her bis Warnemünde, von wo dieser nach Dänemark

übersetzen sollte. Diese Nachricht kam von einem Paßbureau und zu ihrem

Unglück prüfte sie sie nicht genauer. Sie verwirrte die Fäden damit ins

Unendliche. Die drei Hauptspieler dieses Stückes hatten sich bereits

derartig eingekreist, daß es kein Entrinnen mehr gab. Da einer immer den

anderen beobachtete und mindestens vom Aufenthalt eines der drei auf dem

Laufenden war, trafen sie sich stets zusammen und hingen mit

unsichtbaren Ketten einer Leidenschaft aneinander, die ungeheuer war,

aber deren Gefühle sich aufs schroffste unterschieden.

In der Tat reiste George Good nach Warnemünde, aber ohne Paß, und erst

nach Lady Grace. Pound, der erfuhr, daß Good hinter einer Frau nach der

Ostsee fuhr, erlitt einen Wutanfall. Nach der Beschreibung war kein

Zweifel, daß es sich um jenes Weib handelte, das er tagelang durch sein

Scherenfernrohr an dem Glas seiner Stahlkabine gesehen hatte. Er brachte

es mit seinem Hereinfall zusammen und schlug die Zähne aufeinander vor

Ärger. Er zweifelte nicht daran, in dieser Frau Goods Helferin und

Geliebte zu sehen und war bereit, ihnen einen furchtbaren Streich zu

spielen. In diesem Fall vereinte der Zufall, auf den zu setzen ein

Wahnsinn, den nicht zu bedenken ein noch größerer Unsinn ist, die zwei

Männer und die Frau, welche zu folgen glaubte, aber die Gejagte war.

Angekommen, erreichte sie es, das Zimmer des Mannes zu sehen, hinter dem

sie herzusein vermutete.

Einer jener seltsamen kleinen Zufälle, die scheinbar Beweise sind, ließ

sie ein halbgeräumtes Zimmer sehen. Da die Fähre ausgeblieben war, hatte

der Mann das Stations-Flugzeug genommen und sie sah dieses am Horizont

noch niedergehen. Sie verfolgte das Wasserflugzeug, das eine Panne

hatte, mit einem Küstenmotorboot, einem abscheulichen plumpen Kahn, der

sie halb tot puffte und erreichte es, als der Passagier von einem der

Hochsee-Fischerboote aufgenommen wurde, die drei Masten haben und wie

eine Arabergasse stinken. Dieser Herr aber, den sie an Reeling rufen

ließ, hatte nicht nötig, ihr die Gründe seiner Eile anzugeben, denn sie

hatte dieses Gesicht auch im Traum noch nicht gesehen.

So kam es, daß, als sie nach Rotterdam zurückfuhr, ihr Schlafwagen die

Züge kreuzte, in denen zuerst Good, dann Pound an ihr vorüber nach der

Ostsee sausten. Keiner Betonung bedarf es, daß beide ihr wieder folgten.

Dabei erlitt Good eine Schlappe, weil Pound ihn dem Zoll denunziert

hatte und ihn durch eine scharfe Kontrolle laufen ließ. Da man nichts

fand, konnte er triumphieren, aber er mußte diese Visitation einer Macht

zuschreiben, die ihn überwachte. Er machte hier seinen größten Fehler,

denn er begann Pound zu hassen, auf dessen Geliebte er die Schuld seiner

Kontrolliertheit schob, und verlor damit seine Sicherheit. Der Haß schob

die beiden Spieler der Leidenschaft auf einer Ebene nah zusammen, auf

der es kein Entweichen mehr gab. Als George Good am Bahnhof Muiderpoort

in Amsterdam ankam, war er tief in das Netz eines Hasses geraten, der

ihm nur einen Ausweg ließ, den verderblichsten. Er hatte sich mit dem

Bild jener Frau, die er mit Pound dauernd zusammenbrachte, so heftig

beschäftigt, daß ein Mensch von seiner Schönheit und Gewandtheit sich

glühend in sie verlieben mußte. Er begehrte dieses Mädchen plötzlich mit

einer Wildheit, die ihn unfähig machte, seine Klugheit anzuwenden.

Er wäre vernichtet worden durch diese Leidenschaft, wenn nicht Capt.

Pound von einer anderen Leidenschaft ergriffen worden wäre, die so

finster war, daß sie ihn fast erblinden ließ. Dieses Stelzbein, das noch

nie geliebt hatte, war unfähig zu begreifen, daß eine Frau schließlich

jeden Fehler bei Männern entschuldigt, die sie lieben. Das Leben dieses

Seemanns, der ein unerschrockenes und daher kindliches Herz besaß, war

auf jene Treue gestellt, die überhaupt nur auf Männer rechnet. Einen

Treubruch hätte er nicht überlebt, und als eifrigster der Mitglieder des

Mégroz-Clubs hätte er einen Abfall von seinen Gesetzen als ebenso toll

und verabscheuungswert angesehen, wie er in einer besseren Zeit den

Übergang zum Feind von einer Front zur anderen verdammt hätte.

Dieser Mann war aus dem Holz der Leute, die früher in ihre Fahne

gewickelt ins Meer gesenkt wurden, welche von ihren Königen mißbraucht

wurden und für die Verführer ihrer Frauen starben und die jene Dummheit

der Treue besaßen, mit der die Thermopylenkämpfer starben und welche die

bewundernswerteste Größe eines menschlichen Herzens ist. Für Charaktere

seiner Art bedarf es Zeiten, die entweder selbst Größe besitzen oder zum

mindesten nicht von jenem Geist verseucht sind, der eine Nation

gescheit, aber charakterlos macht. Diese Treue und ein vortrefflich

geschultes Hirn gehen nicht zusammen, weil die Erde sonst vollkommen

genannt werden müßte, was sie nicht sein darf, da sie dann als glühende

Gotteslästerung durch die Sphären jagen würde. Capt. Pound war

überzeugt, daß George Good der Frau zuliebe, die dieser wiederum für des

Capt. Geliebte hielt, das Gesetz des Clubs verrate und das machte ihn

besinnungslos vor Rachgier. Auf diese Weise hatten die Gegner nichts

voneinander voraus.

Ihre Leidenschaften hatten sich verschoben und damit verschärft, ja sie

hatten sich zu einer Ungeheuerlichkeit entwickelt, die sie nicht mehr

aufeinander jagen ließ, sondern sie zusammenpreßte auf den engsten Raum,

der ihnen möglich war. Sie suchten gegenseitig ihre Gegenwart, die sie

nicht mehr entbehren konnten. Das Rätsel der Kette schien für alle außer

Lady Grace völlig in den Hintergrund getreten. Gewöhnlich ist jede

Leidenschaft trügerisch, weil das unbekannte Gesetz, das sie beherrscht,

jeden Augenblick den Sinn zu wechseln vermag. Über den Verbleib der

Kette konnte es indessen nur einen Anhalt geben. Jener geheimnisvolle

Unbekannte, der die Geschicke dieser Menschen zu leiten schien, war

allein in der Lage, an den Färbungen seiner Uhr es abzulesen.

Lady Grace kam dem Zustand der Annäherung entgegen. Es war soweit, daß

ein Zusammentreffen für alle am erfolgreichsten schien. Sie lockte die

Tiere ins Haus, von denen sie hören mußte, daß sie es umschlichen. »Sir

Davis,« sagte sie und richtete einen tiefblauen Blick auf ihn, daß er

nervös zu zittern anfing, »Sie erinnern sich des Mannes, mit dem Sie in

Lissabon auf dem Tajoball beim Kasino über mich plauderten. Gehen Sie in

das Doelenhotel. Ist er da nicht, finden Sie ihn im Flora-Varieté. Sie

werden ihn finden.«

Davis fühlte die Notwendigkeit unter diesem Blick wie unter denen einer

Armee sich zu halten. »Ihre sechsundzwanzig Jahre verlangen, daß ich,

ehe Sie ihn sehen, ihn zur Rechenschaft ziehe. Er hat Sie beleidigt,

auch wenn er eine Maske trug.«

Grace lachte und Ritch lachte mit ihr. Die Vorstellung, daß Davis

fechte, war weniger komisch als die Grenadierpose, die dieser

knieschwache Lebemann angenommen hatte. Da er gutmütig war, lachte er

mit ihnen.

»Auf,« sagte Grace dann, indem sie die Stirn wieder ohne Bewegung hielt,

»gehen Sie und vergessen Sie Ihre Ehre. Nicht alle Leute haben darin ein

so langes Gedächtnis wie Sie.« Im Amstelroom kamen sie nach dem Theater

zum Speisen. Vollkommener als Davis hätte niemand diese Zusammenkunft

arrangieren können. Sie war vollendet in ihrer Zufälligkeit und brillant

durch die Liebenswürdigkeit, mit der man sich voneinander versteckte.

Als Good zum Tee bei Lady Grace erschien, wurde er durch einen

offenbaren Zufall in ein falsches Appartement geführt, der Sessel, in

dem er Platz genommen hatte, fiel nach hinten und schraubte ihn an

Händen und Füßen fest. Offenbar wurde er hinterher betäubt und

untersucht. Als er zu sich kam, blickte er in das Gesicht von Ritch, das

ohne Ausdruck war. Er befand sich in einem anderen Zimmer. Kurz darauf

erschien Grace. Er konnte sein Mißtrauen kaum hinter seiner Gewandtheit

verbergen. Die Stirn dieser Frau war ohne Trübung. Sie war von einer

Höflichkeit und einer Würde, die ihn bezauberten, je stärker er hinter

ihnen die Einfalt eines ausgezeichneten Herzens entdeckte. Diese keusche

Frau, deren Formen unnahbar waren, hätte keinen Gedanken fassen können,

der nicht vollkommen war.

Als er ihre Hand zum Abschied faßte, verlor er zum erstenmal die

Besinnung. Er stürzte auf seinen Stuhl zurück. Ein unerhörtes Zittern

überfiel ihn, bis er die Augen fest gegen die von Grace richtete, die so

hell waren wie der Himmel. Dieser aufs wildeste erschütterte Mann hatte

ihre Hand am Druck erkannt. Es gibt keine narkotische Betäubung, hinter

der nicht die Leidenschaft des Mannes heraus Wege in das Leben findet.

Die Hände, die ihn narkotisiert hatten, waren von einer Süßigkeit und

Unerbittlichkeit, daß sie ihn besinnungslos machten, als er sie im Leben

umfaßte. Dieser Spieler war zum zweitenmal besinnungslos, aber von einer

Wollust, die ihn bis zur Raserei durchstürmte. Es wäre ihm früher

unmöglich gewesen, eine Frau sich vorzustellen, die einen Engel Philippo

Lippis mit der Gestalt der Judith vereinigte. Von diesem Augenblick an

war er ihr ebenso verfallen, wie sie ihn verachtete.

Die Engel mit dem Spleen · 第 4 / 6 段