Diese Uhr trug übrigens an der Seite ein Verzeichnis aller Namen des

Clubs, hinter denen in einem breiten Feld ebenfalls kleine Glasgitter

von verschiedenen Farben glühten. Dieses Verzeichnis konnte mit

Auszeichnungen im Team gedeutet werden, es betraf aber die Frage, ob

diese Leute sich im Spiel mit den Gesetzen berühmt gemacht hatten, ob

sie unterlegen waren oder ob sie wegen Verräterei aus der Welt geschafft

werden mußten. Das gelbe Licht war Verrat, das rote Verdacht, das weiße

bezeichnete besonderen Ruhm, das grüne war der Durchschnitt, das

schwarze das Todeszeichen. Dieses Register war für den, der es

studierte, von den Schauern des Furchtbaren umweht, ein erschreckendes

Thermometer jener Leidenschaften, die sich unterwarfen, um sich

auszutoben. Bei besonderen Anlässen war dieses Register verhüllt.

Hinter den Namen Good und Capt. Pound glänzten die Scheiben grün, das

Signal, daß, nachdem die Auszeichnung auf sie gefallen war, ihre

Tätigkeit begann, die nunmehr neutral beurteilt ward. Jede Leistung

begann auf diese Weise, aber keiner vermochte zu sagen, mit welcher

dieser erschreckenden Farben sie aufhörte, weil noch verfehmter als das

Mißlingen jene Untreue gerächt ward, die das Ziel aufgab oder dem Sinn

des Auftrags sich entgegenstellte. Diese letzte Frage war diejenige,

welche den Bann tödlich machte, der die Männer vereinte, weil sie mit

letzter Raffiniertheit das Schicksal herausforderte, jenes Schicksal,

das mit Vorliebe in menschliche Handlungen eingreift und sowohl ihre

Kurve als auch ihren Sinn ins Gegenteil verkehrt.

Man muß gestehen, daß diese Vorkehrungen mit höllischer Genauigkeit

getroffen waren. Nachdem die beiden Namen bekannt waren, gingen die

Männer auf verschiedenen Ausgängen auseinander. Beim Curling hätte jeder

sich eher die Zunge abgebissen, als daß er ein Wort über diese Dinge von

sich gegeben hätte. Es versteht sich, daß das Geheimnisvolle halb

gewesen wäre, wenn man es mit einer Silbe erwähnt hätte. Die Sitte des

Verschweigens gestattet, das Ungeheuerlichste zu erleben. Es gibt keine

Verschwörung, wenn man ihr die grauenhafte Größe nimmt, indem man davon

spricht.

Am folgenden und den drei nächsten Tagen wurden an allen Börsen eine

Masse Aktien der Nord W. L. Schiffahrtsgesellschaft gekauft. Der Agent,

der das Paket erworben hatte, gab den telephonischen Auftrag zum Kauf

von zwei Fabriken, in der einen wurden gewisse Sorten Edelstahl gewalzt,

in der anderen wurden die Platten zu verschiedenen Zwecken

zusammengesetzt. Am folgenden Tage erhielten die beiden Unterleiter des

Direktoriums der Schiffahrtsgesellschaft einen seltsamen Besuch. Besuche

verrückter Art sind in Amerika häufig, man schützt sich davor, indem man

Leute in die Besuchszimmer der Direktoren setzt, die nicht die

Direktoren sind, sie aber scheinen und in Haltung und Überlegenheit

nachahmen, um die Besucher auszuforschen. Diese Täuschung ist eine der

geringsten, welche die Handelswelt seit der Erfindung der alles

zertrümmernden Trusts gegen die Menschheit vornimmt. Sie hat den

Vorteil, daß von den großen Betrügern die kleinen entlarvt und die

Narren beseitigt werden.

»Halloooo meine Herren,« sagte Capt. Pound, der ein Stelzbein hatte,

»ich besitze dieses Paket Aktien. Die Nummern finden Sie hier

eingetragen. Hier ist die Bescheinigung des Notars. Die Mäntel liegen

bei Hallgarten. Telephonieren Sie.« Die Klerks blieben rührungslos, sie

schienen aus Wachs, wie man es in Läden für Konfektion sieht. »Und was,«

sagte einer, aber es war nicht zu erkennen, welcher, »hat dieses Ihr

Eigentum mit Ihren Wünschen zu tun?«

Sie sahen gar nicht auf die Papiere, die Pound auf den Tisch geworfen

hatte. »Dies,« sagte Capt. Pound, ohne im geringsten auf die beiden zu

achten, »sind Beurkundungen, daß ich Besitzer der Rollway-Fabriken bin.

Hier ist der Kaufvertrag. Hier die beeidigte Beglaubigung. Hier die

letzte Bilanzabschrift des Unternehmens.« Und er warf sie auf den Tisch.

»Und,« sagte einer der beiden Wachsmänner, die vermuteten, er wolle

seinem Geschrei nach das Personal aus dem Hause treiben, »welchen

Zusammenhang sehen Sie zwischen den beiden abgegebenen Erklärungen?«

»Darüber,« sagte Capt. Pound, »werde ich mit dem sprechen, der am Ende

dieses Gegenstandes sitzt,« und er schlug mit dem Stock auf einen großen

Kautschukbecher, der die Gespräche aufnahm, und wandte sich einer

dichtwattierten Tür zu, die sich von selbst vor diesem unerschrockenen

Besucher öffnete.

Den Tag darauf begannen Arbeiter der Rollway-Fabriken den Einbau einer

unerhört gesicherten Stahlkabine in den Dampfer »Leviathan«. Ein Mann

mit Stelzbein kontrollierte. Die Arbeit mußte in fünf Tagen beendet

sein, sie war es nach viereinhalb, weil Pounds Anwesenheit zauberhaft

wirkte, er verstand mehr von dem Geschäft als seine Ingenieure. Außerdem

ließ er nachts arbeiten. Der geheimnisvolle Mann ließ die Arbeiter

dauernd wechseln und übertrug jedem nur einen geringen Teil der

Beschäftigung, auf diese Weise übersahen sie in der Tat in keiner Weise,

was sie arbeiteten.

Dieser Mann, der sie beaufsichtigte, machte auf alle den

fürchterlichsten Eindruck. Dieser Capt. hatte in einem Krieg, den einige

Jahre vorher seine Nation mit Spanien geführt hatte, sein Bein verloren.

Obwohl niemand heute die Tatsache für möglich halten wird, daß eine

edelmütige Nation wie die amerikanische mit dem friedlichsten Volk der

Welt in kriegerische Verwicklungen kommen konnte, da man vergißt, daß

die kubanischen Erze die Wirtschaftskapitäne beider Länder wie die

Irrsinnigen lockte, trotzdem schoß eine der damals noch kindlich

primitiven Kugeln eines kleinkalibrigen Geschützes ihm in das Knie,

fetzte den unteren Teil ab und Capt. Pound sah sein Bein ins Wasser

fallen. Einer seiner Leute holte es wieder heraus. Er ließ es

präparieren und führte es zu jeder Zeit mit sich. Man hätte diesen

eleganten Mann für einen Professionel im Boxen gehalten, er war Ende der

Dreißig, hatte das Gesicht eines quadratischen Orang und eine furchtbare

Stimme.

Was jetzt geschah, ist aufs äußerste geheimnisvoll. Das Schiff fuhr nach

Beendigung der Arbeiten ab, durchfuhr eine Reihe von Tagen das Meer und

kreuzte einen Tag an einem Teil der chinesischen Küste. Die Nacht

erhielt es Signale und einen Lotsen und botete die meisten Leute aus.

Die Europäer und Amerikaner standen neugierig auf dem Verdeck und

betrachteten in der Morgendämmerung eine grauenhafte Szene. Sie sahen

einen Kilometer lang eine Treppe gegen das Meer herunterkommen, die sich

oben in einer Wolke verlor. Sie schien aus dem Himmel förmlich

herabzufallen, was noch geheimnisvoller dadurch war, daß die Sonne vom

Meer her das ganze Bild grell beleuchtete.

Zuerst rannten einige Tiere, die man als Kamele erkannte, auf den Stufen

herunter. Es waren vier Tiere, von denen zwei stürzten und mit

zertrümmerten Knochen von Stufe zu Stufe herabglitten. Dann kamen

Stelzenläufer. Die paar Mann an Bord rissen die Augen auf und lachten

über die possierlichen Sprünge. Hinter ihnen her kam ein Trupp, der die

Treppenknäufe besetzte. Ihnen auf dem Fuß folgte eine Kompagnie mit

Fahnen an sehr hohen Stangen. Hinter diesem Trupp, der übrigens von

einer herabrennenden Schar Musikleute begleitet war, kam ein Kamel, das

sehr langsam geführt wurde und ein Zelt auf dem Rücken trug. Die Leute,

welche Ferngläser besaßen, konnten dann Falkenträger mit ihren Tieren

erkennen, zwei bronzene Löwen, die getragen wurden, Fächerträger und

einige Leute, die sehr breite, kurze Banner hielten. Es schien sich eine

große Zeremonie zu entfalten, aber man vermochte nicht zu erkennen,

wozu.

Es folgte offenbar in einem Wall von Speerträgern ein rotausgeschlagener

kleiner, fast ovaler Sarg, dahinter ein Heer von Papageien und Reihern,

die fürchterlich schrien. Dahinter liefen Leute die Treppe herunter, die

mit Bällen jonglierten, unter ihnen bewegten sich andere, die

Goldfischgläser mit eiserner Ruhe trugen, davor ein majestätischer

gelber Sonnenschirm, unter dem sich niemand befand, zuletzt eine

ebenfalls leere Sänfte. Die Treppe führte direkt ins Meer, verbreiterte

sich aber bei der Mündung in eine riesenhaft mit breiten Stufen

herabkommende Terrasse.

An diesem untersten Teil der Stufe hielt eine Motorbarkasse des

»Leviathan«. Nun traten, während sichtlich verhandelt wurde, ein Teil

der angeschwollenen Menge, die sich vermischt hatte, zurück, und endlich

wurde der kleine Sarg mit einem Dutzend Begleiter in die Barkasse

übernommen, die sofort abfuhr. In diesem Augenblick fingen sämtliche

Menschen, die die Treppe hinuntergezogen waren, an sie in einer

entsetzlichen Flucht hinaufzurennen und man hörte in der Ferne ein

Signal von Hörnern, die abwechselnd weich und lang und dazwischen scharf

geblasen wurden. Dieser Vorgang war ungewöhnlich, in seiner Eile

verwirrend, das Schreckliche daran bestand in der Atmosphäre der

Unheimlichkeit, die er ohne Grund hinterließ.

Diese wurde aufs Furchtbarste erhöht. Es waren drei Personen übrig

geblieben, die nun etwa zwanzig Stufen herabstiegen, bis sie links und

rechts auf die Brüstung kamen, die schon über dem Wasser hing. An dieser

Stelle erschossen sie sich und stürzten in das Meer. Der letzte trat bis

an die unterste Stufe, setzte sich und schnitt sich den Leib auf. Er

schnitt, nachdem er die Kleider bei Seite geschoben hatte, eine lange

langsame Linie, die Eingeweide fielen ins Meer, er stürzte zurück und

blieb liegen. »By Jove,« sagte ein Mann am Reeling »er hat keinen Jonny

Rumford, der sie ihm herausholt wie das Bein von Capt. Pound«. Der

Matrose drehte sich um und bemerkte, daß Capt. Pound nicht anwesend war.

Auf diesen Mann konnte sich Capt. Pound wie auf das Sakrament verlassen,

er hatte jedoch, obwohl er in Kuba neben ihm gefochten hatte, vermieden,

ihn von seiner Abwesenheit zu benachrichtigen. In diesen Augenblicken,

die zwischen Grauen und Verständnislosigkeit schwanken, ist der Anblick

eines verdutzten Gesichts eine wundervolle Rettung für den Verstand. Die

Matrosen lachten, sie wieherten vor Vergnügen. Im selben Augenblick

legte die Barkasse an.

Durch ein Signal wurde das Deck geleert. Die Leute, die heraufgestiegen,

erblickte kein Auge. Sie nahmen Besitz von einem Teil des Schiffs, der

nicht zugänglich war.

Das Geheimnis dieser Vorgänge ist völlig banal. Man wird es heute

weniger verstehen, daß es Aufsehen machte als morgen und die Bedeutung,

die man ihm beilegte, damit verstehen, daß in diesen Jahren der

Untergang eines Eisbergs durch ein Schiff, das mit ihm zusammenstieß,

die wahrscheinliche Ermordung einer Mutter durch die rothaarige Frau

Steinheil in Paris oder die Flucht einer sächsischen Prinzessin mit

einem italienischen Walzerkomponisten sensationelle Geschehnisse waren,

die den Atem der Gesellschaft für Monate gepreßt hielten. Das Geheimnis,

das nach Jahren noch nicht gelöst ward, hätten zwei Menschen leicht

entschleiern können.

Der erste war natürlich Capt. Pound, der am Abend an Land gegangen, die

Verhandlungen mit den Leuten über jener Treppe geführt hatte und sich

daraufhin verabschiedet und mit einem Auto nach der nächsten Station

hatte bringen lassen. Man war der Ansicht, daß er nach Peking fahren

wolle. Der hühnenhafte Stelzfuß war drei Stunden am Strand

zurückgelaufen und in der Nähe der Treppe trotz seinem Holzzusatz am

rechten Bein nach dem Schiff zurückgeschwommen. Er hatte ungesehen seine

Kajüte erreicht.

Hier nahm er ein Musterwerk der Mechanik vor, indem er eine Wand über

seinem Bett öffnete, in einen Korridor geriet, von diesem in eine

Stahlkabine, die allerdings nicht hoch genug war, um darin stehen zu

können, dafür ein Ruhebett besaß, das sie in fünfundvierzig Grad

diagonal durchschnitt. Der übrige Raum dieser Kabine war aufs

verständigste ausgenutzt, um Lebensmittel, Wasser und Zigaretten

unterzubringen. Der Mann hatte die Klappen hinter sich geschlossen,

untersuchte die Nietungen, brummte, untersuchte die Nietungen an der

anderen Seite der Kabine und nahm befriedigt Platz: »Diese Fabrik,«

sagte er, »fertigt die anständigste Präzisionsarbeit der Welt. Es lohnt

sich, eine Zeitlang schräg zur Erde sich aufzuhalten. Im übrigen werde

ich sie behalten, denn sie scheint ausbaubar zu sein.«

Dann erst sah er in einen Apparat, der einem Stereoskop glich. Es war

der Beginn eines Scherenfernrohrs. Er vermochte durch zwei winzige

Löcher, die der Ventilation dienten, von der Decke der Kabine, die er

hatte einbauen lassen, diesen ganzen Raum zu übersehen. Er befand sich

durch fünfzig Zentimeter besten Stahl getrennt neben dieser Kabine.

Diese wurde am Morgen geöffnet, einige Leute betraten sie und

untersuchten zwei Stunden lang. Sie benutzten dazu nicht nur

Instrumente, sondern auch die Zunge, um geheime Ritzen zu erkennen.

Capt. Pound, der offenbar wie auf die Auferstehung auf die

Zuverlässigkeit der Mechanik vertraute, konnte es nicht unterlassen,

während dieser Zeit Zigaretten zu rauchen. Der tollkühne Bursche hatte

die Frechheit der Abenteurer, die jeden Einsatz auf der höchsten Quote

spielen, ähnlich den Seiltänzern eines verschwundenen Jahrhunderts, die

lieber zwischen Kirchtürmen, als in mittlerer Höhe und mit einem Netz

geschützt laufen. Es gibt eine Berufsehre, die den Militärs mit den

Verbrechern gemeinsam ist und die beide veranlaßt, mit der möglichsten

Kühnheit zu leben.

Als die Untersuchungen abgeschlossen waren, wurde mitten in dem Raum,

der vorher mit Blendlaternen übertaghell erleuchtet war, der Sarg,

offen, aufgestellt, worauf der Raum in einem leichten grünen Licht

schwamm. Daraufhin wurde die große Stahltür geschlossen und man konnte

eine Scheibe aus meterdickem Glas darin beobachten, die trotzdem

durchsichtig genug war, den Raum zu kontrollieren. Die Leute, die diesen

Transport zu erledigen hatten, hatten scheinbar die Tür plombiert und

mit Wachen umzingelt, denn das Schiff begann sich zu bewegen.

»Capt. Pound,« sagte der Matrose Jonny Rumford, »ist nicht

zurückgekehrt. Er wird seine Gründe haben. Wir sind nicht allein. Sein

Bein ist da.« Er ahnte nicht, daß Pound seine Ruhe, die er vor Kuba

behalten hatte, als er ihm sein Bein überreichte, verloren hatte. Capt.

Pound hatte damals, obwohl er vor Schmerz weiß geworden war, gesagt:

»Das nächstemal deines, Junge, ich werde es dir bringen.« Capt. Pound

starrte wie ein aufgeregter Verrückter in das Fernrohr. In dem offenen

kleinen Sarg lag jene schauerliche Sache, die diesen Mann in seinem

kleinen Käfig fast ersticken ließ, und deren Anziehungskraft stark genug

war, ein junges Mädchen aus einem völlig vortrefflichen Dasein in das

Verbrechen hineinzujagen, dem sie ebenso überlegen war wie den Tugenden.

Der zweite Mann, der das Geheimnis kannte, aber gelächelt hätte, wenn

dieses Wort an sein Ohr gedrungen wäre, bedarf einer Minute Pause, um

ihn einzuführen, weil die Literatur seinen Namen mit jenem Pomp behängt

hat, den armselige Skribenten anwenden, wenn ihnen ein Begriff die Mühe

ersetzen soll, einen Menschen darzustellen, dessen Schilderung sie nicht

gewachsen sind. Eine gute Literatur tut gut daran, einen Menschen so zu

bringen, daß man seine Stellung nicht kennt, denn die unbegabten

Schriftsteller haben um gewisse Sachen einen Lärm gemacht, daß die Leser

unter dem Namen schon Vorstellungen empfangen, die die erlesenste

Schilderung nicht mehr beseitigen kann. Diese schlechten Zauberkünstler

haben es fertig gebracht, daß ein Feldherr etwas Vollendetes erscheint

und unmöglich pucklig und feig geglaubt wird, daß ein Flieger schlank

und kühl sich vorgestellt wird, während das in der Regel neurasthenische

Affen sind, daß man eine französische Frau kokett und eine englische

langweilig findet, während die einen nur natürlich, die anderen höchst

amüsant sind. Diese Schriftsteller haben es in hunderten von Fällen

fertig gebracht, daß man sich entschuldigen muß, eine Illusion zu

zerstören, die im Grunde nichts wie eine Bequemlichkeit unfähiger Leute

war.

Die Kunst des Schreibens besteht in vielem darin, daß, wenn etwa von

einer Wendeltreppe die Rede ist, der Leser nicht begeistert mit dem

Zeigefinger eine Spirale in die Luft haut, sondern sprachlos vernimmt

und glaubt, daß sie viereckig ist. In der Tat ist schon bei den Ägyptern

eine Wendeltreppe stets ein im Grunde quadratischer Aufbau gewesen, und

die Römer sind ihnen darin ebenso gefolgt wie die Früh-Germanen und

Juden.

Diese Person ohne Zweifel, die der Anlaß einer immer schneller dem Ende

sich nähernden Geschichte ist, ist von berückender Schlichtheit. Sie

hatte das Unglück, eine Kette, die nicht den geringsten Wert besitzt, da

sie keiner der bekannten Edel- oder Halbedelstein-Arten zugehört, zu

zerreißen. Diese Person hatte Gründe, die nicht verheimlicht werden

sollten, diese Kette in Europa reparieren zu lassen.

Diese Zusammenhänge sind von kläglicher Einfältigkeit. Würde ich Sie

fragen, wie Sie sich den chinesischen Kaiser vorstellten, würden Sie ihn

dick und würdevoll, offenbar mit der Unbequemlichkeit einer Krone, eines

Szepters und eines Baldachins vorstellen und damit eine beklagenswerte

Dummheit der Zivilisation vollziehen. Das in der Tat Wunderbare ereignet

sich allerdings sekündlich in aller Öffentlichkeit dieses mechanisierten

Zeitalters, ohne beachtet zu werden. Man hat sich jedoch, wahrscheinlich

als Entschuldigung für soviel Blindheit einige phantastische

Vorstellungen aufgebahrt, an denen nicht gerüttelt wird. Man begeht in

fröhlicher Laune die Vergewaltigung, Menschen und Vorgänge, die unter

den wirtschaftlichen Gesetzen der modernen Zeit stehen wie wir auch, zu

geheimnisvollen, fast göttlicher Einwirkung fähigen Sachen

zurechtzudenken.

Diese Kritik an der Zeit wäre im Munde eines Räsoneurs in der Tat voll

großer Möglichkeiten. Diese Geschichte ist nicht im Stile Diderots

geschrieben, sondern in einem verbrecherisch stoßenden Wagen erzählt und

handelt von Halunken, deren Tempo und Technik auch die Erzählung

anzunehmen hat. Dieser junge, elegante Mann also, dessen Stirn ein

großes Nachdenken gefaltet, eine noch tiefere Weisheit aber wieder

geglättet hat, der in dieser Nacht im Auto ankam und am Morgen auf dem

Meer den »Leviathan,« auf der anderen Seite des Hügels einen Garten mit

Springbrunnen, kleinen Kindern und Pelikanen beobachtete, wäre ohne

Zweifel zusammengestürzt unter der Welle von Reflexionen, zu denen

selbst Schiller und Moliere ihren Teil gegeben haben, wenn er unter

jenem Titel vorgeführt worden wäre, dessen Machtvorstellungen ihn

einfach zertrümmert hätten.

Dieser junge Mann, den jene Wolke nebst seinem Haus den Blicken Jonny

Rumfords und seiner Kameraden entzog, war in der peinlichen Lage, vor

einer der Legenden zu fliehen, die die Stütze eines Staates und der

Dynastie, aber den Beteiligten ein Stachelbett der Unbequemlichkeiten

sind. Er versuchte sich eines Wunders zu entledigen, dessen Tatsache die

Leute so verrückt zu machen schien, daß sie es in der Tat erlebten. Jene

zerrissene Kette, die unter Pounds Kontrolle auf dem Meer schwamm,

sollte eine Kraft haben, die einer vertausendfachten Leidenschaft glich,

das heißt, wer sie sah, ward von der Begierde angefallen, sie zu

besitzen.

Diese Albernheit, die einer Anzahl Menschen, welche die Tradition

lieben, zum Verhängnis und Tod gedieh, veranlaßte den klügeren Besitzer,

sie aus dem Lande zu bringen, bis er den Gerüchten der Masse das Gerücht

entgegensetzen konnte, sie sei in der Tat wieder vollendet

zurückgekehrt. Man mußte sich einer Legende bedienen um eine Legende zu

parieren ebenso, wie Achilleus sich in ein Löwenfell wickeln ließ, um

einen Löwen zu erwürgen. Es ist bezeichnend für die Dummheit der

Menschen, daß selbst Leute von der überlegenen Klugheit Europas, die

dieses Metier der gutwilligen Fälschung in Kriegen und Revolutionen

brillant verstanden, auf den Leim eines Wunders gingen, von dem der

Urheber sich halb ärgerlich gerade befreit, der Urheber, den man als

Kaiser vorzustellen freilich ohne diese Vorbereitung nicht den Mut

besitzen konnte. In diesem Sinne waren selbst jene Menschen, die ihr

Leben einsetzten um dieser banalen Sache willen, vollkommen Betrogene,

aber es ist zu ihrer Erläuterung zu sagen, daß die Ziele eines Herzens

in dieser Welt nicht wichtig sind, die Erlebnisse des Herzens aber

ungeheuer gewogen werden.

Bald darauf, vor Genua, kam Lady Grace an Bord. Das Telegramm des

Foreign Office hätte ihr die gepflegteste Aufmerksamkeit gesichert, wenn

man sie ihr nicht von selbst gewidmet hätte. »Gehen Sie,« sagte sie, als

sie das Schiff betrat, zu Sir Davis, der ihren schwarzen Shawl auf dem

Arm hatte »und erzählen Sie mir beim Lunch, was Sie mir bieten wollen

auf diesem Floß, auf das Sie mich geschleppt haben.«

»Sie ist sechsundzwanzig,« sagte Sir Davis zu dem Kapitän, der von ihrem

Lächeln nicht rasch genug entzückt war, »aber sie besitzt die Linie von

achtzehn und den Verstand von fünfunddreißig, wo er gerade groß genug

ist, auch vom Genuß noch ein paar Jahre etwas zu haben.«

»Wir,« sagte der Kapitän, der jenen amerikanischen Typ Männlichkeit

verkörperte, der halb weibisch, halb mulattisch wirkt, und steckte die

Hände in die Manschetten, »wir, die zehn Monate des Jahres unter Männern

und auf dem Wasser sind, haben, wie mir scheint, die gleichen Ideen wie

die Herren vom Land.«

Er salutierte und dachte dabei an Ritch. Er fand Grace zu mager. Mit der

Geschicklichkeit der Leute, die das für sie Unerreichbare aus ihrem

Geschmack ausschalten, hatte er infolge ihrer runden Formen die

Javanerin, die ein hübsches Tuch als Turban trug, bereits in sein Herz

geschlossen. Sir Davis konnte Grace von dem Geheimnis erzählen, über

welches das Schiff munkelte. Ritch erhielt gewisse Befehle. Der Kapitän

widerstand der Neugier einer so hochstehenden Dame. Der chinesische

Sekretär vermochte in der Angehörigen eines der höchsten englischen

Beamten keine Feindin seiner Aufgabe zu sehen. Auf diese Weise erblickte

Lady Grace die Kette durch das Glas.

Capt. Pound kam in die Lage, durch sein Scherenfernrohr zum erstenmal

eine beispiellos schöne Frau zu sehen, die die Kette besichtigte. Er sah

dieses Gesicht öfters und es prägte sich ihm ein. Pound empfand einen

Haß gegen dieses Gesicht, das sich mit seinen meerblauen Augen an die

Kette festsaugte und von dem er bemerkte, daß es zitterte. Es bebte

nicht mit den Nerven oder mit den Augen, es zitterte mit der ganzen

Gewalt einer Gefangenheit, die hinter einem kühlen Gesicht sich bäumt.

»Ich gehe meine Bären füttern,« sagte sie im Scherz, wenn sie

hinunterschlüpfte. In der Tat, sie hatte etwas von der Leidenschaft der

Dompteusen, die ihre Macht über die Tiere genießen und dabei selbst

etwas von der Grazie und der Gefährlichkeit ihrer Tiere angenommen

haben.

Sie hatte die blitzhafte Kraft in der Wirkung ihrer Erscheinung

beibehalten, aber es war ein wenig von der geheimnisvollen Gefahr der

Steine auf ihr Gesicht getreten. Ihre Anmut schien voll tödlicher

Schrecken, ihre Gefahr aber war ihre Anmut. Lachend verwöhnte sie die

Wärter mit Früchten und Zigaretten. Die kleinen Chinesen aßen ihr aus

der Hand wie einem Wärter die Katzen. Vor Marseille gab sie ihnen

Opiumzigaretten, sie wirkten nicht und sie mußte das Experiment

vertagen. Inzwischen hatte Ritch eingesehen, daß der Kapitän gewisse

Eigenschaften, die ihn auszeichnen müßten, ebensowenig besaß als

Schlüssel.

Die Engel mit dem Spleen · 第 3 / 6 段