als die der Männer. In den folgenden Wochen, die den Inhalt eines
Detektivjournals füllen könnten und von beispielloser Grausamkeit der
Ideengänge erfüllt waren, aber langweilen würden, weil sie die
Charaktere nicht deutlicher, aber ihre Taktik auch nicht klarer machen
könnten, ließ sie ein Instrument bauen, das beweist, daß das Mädchen
wahnsinnig oder vollkommen verändert war. Sie ließ es in ein Landhaus
bringen, das Davis gemietet hatte, und welches ein großer Garten
umschloß. Es lag weit genug ab von einer Straße, um isoliert zu sein,
ohne aus den Parkavenuen herauszufallen. Die Räume, die Capt. Pound und
Good bewohnten, hatte sie mittlerweile verschiedentlich untersuchen
lassen. Sie hatte eine kleine Armee von Verbrechern im Dienst, die
teilweise für sie rekognoszierten oder sie schützten. Es war fast ein
Sport, bei sich einbrechen zu lassen, um den anderen eine Falle zu
stellen.
In der Tat hatte Grace versucht, Good nicht mehr zu sehen, sie konnte
ihn jedoch nicht vermeiden. An diesem Gletscher von einer Frau geriet
der Junge in eine Glut, die ihn wie einen Verrückten herumrennen ließ.
Er schien an manchen Tagen geistesabwesend, wenn er nicht gemurmelt
hätte wie ein Shakespearischer Narr. Dies waren Beweisstücke für Capt.
Pound, daß George Good ein Verräter war. Was ihn veranlaßte, der jungen
Engländerin in die Falle zu gehen, war, daß Good plötzlich völlig
verschwand. Es war Pound unmöglich, ein Lebenszeichen von ihm zu
erhalten.
Das hing damit zusammen, daß George Good an einer Melancholie erkrankt
war, die das äußere Zeichen eines furchtbaren Kampfes ist. Er begann
zertrümmert zu werden unter der Neigung zu Grace, der sich seine
Männlichkeit entgegenstellte, die sich an die Gesetze des Clubs
klammerte, welche ihm allerdings einfältig erscheinen mußten, wo er
wirklich liebte.
Er war dieser Frau so verfallen, daß er förmlich unter dieser Neigung
zerfiel. »Darf ich Sie,« sagte Sir Davis bei Tisch zu ihm, »junger Mann
darauf aufmerksam machen, daß man das Äußere an den Austern in England
entfernt.« Good starrte den nackten Vogelschädel so geistesabwesend an,
daß alle lachten. Good, der nichts verstanden hatte, faßte sich und
sagte mit bewundernswertem Instinkt: »Well Sir. Doch sagte man, der
Kondor lasse sie auf die Felsen fallen, um sie nur öffnen zu können,«
und warf einen eisernen Blick auf Grace, die bei dem Wort Kondor
lächelte.
Hier vermochte Sir Davis ein Lächeln nicht zu verbergen: »Dies,« sagte
er und senkte den trockenen Diplomatenkopf, »ist in der Tat wahr.
Zehntausend Dollars dem Kater, der das gleiche vermöchte.« Bei dieser
Antwort wurde Good fahl und fiel vom Stuhl. Den Armen hätte seine
Leidenschaft fast zum zweitenmal getötet.
Der Satz des alten Roués war eine Rohheit, die selbst seine gedrechselte
Sprache nicht verbarg. Er spielte darauf an, daß man Good in letzter
Zeit den Garten hatte abends umschleichen sehen. Selbst einem Blinden
wäre aufgefallen, daß der Anlaß keineswegs ein krimineller war. »Sie
werden ein Ständchen erhalten.« »Werfen Sie Baldrian in den
Nebengarten,« hatte Grace gesagt. George Good war bei dem Satz, den er
am Fenster vernommen, seinerzeit zusammengezuckt.
Als er nun eine Anspielung hörte, war er unter der Erkenntnis der
Hoffnungslosigkeit seiner Bemühungen zusammengestürzt.
Er lag seit einigen Tagen nun in einem apathischen Zustand in einem
Parterrezimmer von Graces Landhaus. Sie war so davon überzeugt, daß er
die Kette nicht besaß, daß sie diese Gunst des Zufalls nicht einmal
ausnutzte, bei ihm nachsuchen zu lassen. Zu ihrem Glück gelang es ihr,
dadurch den Capt. auf ihre Spur zu bringen. Er sah ihr Gesicht zuerst im
Spiegel eines Ladens an dem er stand, sprang in einen Wagen und folgte
ihrem Auto in einer Versessenheit, die er nicht mehr bändigen konnte. Er
nahm an, daß sie Good bei Seite geschafft habe und hatte die Kraft, den
Toten noch zu hassen, was ihn nicht hinderte, ihn rächen zu wollen. Die
Überlegungen der Redlichen sind von bezwingender Heiterkeit, wenn die
verschiedenen Ergebnisse einer konsequenten Treue sich zu komplizieren
beginnen und beweisen, daß die höchste Treue nicht ein Gesetz, sondern
das mit allen Gesetzen harmonierende Gefühl ist. Mit welcher Schönheit
ist Treue verklärt, wenn sie die Anmut eines reinen Herzens krönt. Den
Fahnenträger eines Räuberhaufens der Treue vermag man höchstens zu
schätzen, weil er unerbittlich ist, aber zu einfältig, um über der
Anhänglichkeit auch den Sinn der Moral zu erkennen, für die er sich
hergibt.
Als er mit seinem Wagen einfuhr in den Park, entschlossen, ans Äußerste
zu gehen, erlag er dem Paroxysmus seines Blutes. Ein Diener wie aus
Marmor, einer jener Domestiken, die aus den Zeiten Sullas und Vespasians
stammen, die nie sprechen, sondern vor der Schaurigkeit des, was sie
sehen müssen, Eisberge der Kühlheit geworden sind, wies ihn mit einer
stummen Gebärde auf eine Tür. Gleichzeitig meldete er mit einer Stimme,
die vor Entwöhnung von der Hohlheit eines Grabes geworden war: »Lady G.
P. erwartet Sie zum Lunch.« Ehe Capt. Pound sich fassen konnte, sah er
ein Ruhezimmer um sich, auf dem in der soigniertesten Weise ein
Abendanzug aufgelegt war. Es fehlte keine Kleinigkeit, sogar die
Seidenstrümpfe gingen über das Knie. Diesem wilden Scherz ergab sich
selbst der Held von Cuba.
Er fühlte eine Falle, aber die Unverfrorenheit reizte ihn so, daß er
seine Brutalität zurückschob. »Hallo,« murmelte er, als er bemerkte, daß
das Abendjackett keine Taschen hatte, »Windstärke zehn, Capt. Pound.« Er
pfiff vor sich hin, als ein Page mit einem Gong den Korridor entlang
lief. Er folgte ihm, kam durch eine Menge Zimmer und wartete an einer
Tapisserie. Plötzlich machte er einen Sprung und lief denselben Weg
zurück, lief, als wolle er sein Leben retten. Durch eine
Unvorsichtigkeit des Chasseurs, der die Tür hinter ihm schließen sollte,
geriet Ritch in eine Falle. Er überraschte sie beim Untersuchen seiner
Taschen, warf sie, obwohl sie ein Weib war, an die Wand. Sie hatte
nichts gefunden, aber der Capt. brüllte nun vor Wut. Wie der Stier, in
dem allerdings ein Gott saß, der Europa entführte, jagte er die Mestizin
durch den Garten und eine Terrasse herauf. In diesem Zimmer hatte Grace
die Absicht, ihm entgegenzutreten, der Stier warf ihr Programm über den
Haufen. Sie zeigte, daß sie auch dem gewachsen war.
Der Auftritt sollte lange dauern und kürzte sich teuflisch ab. »Geben
Sie Good heraus,« schrie der Capt., als er sie sah und versuchte, nach
seiner Pistole zu greifen, fand aber keine Tasche, was ihn förmlich
berauschte vor Zorn. Grace gab ihm einen fragenden Blick, der ihn
vereiste. Dieser Blick wechselte, er war bald dunkel wie Samt, bald so
weißblau wie das Meer unter einem Gewitter. Dieses Auge hatte in beiden
Ausdrücken die Entschlossenheit eines Tigers.
»Ich will es tun,« sagte sie mit der möglichsten Einfachheit. »Geben Sie
dafür die Kette.«
Dies warf Pound in sich selbst herum, er war vor Erstaunen sprachlos.
Das Oranggesicht über der athletischen Schulter war einfach geistlos,
selbst die Wildheit kennt einen Moment der Bestürzung, wo das Böse sich
vor der Dummheit kuscht.
Dann blitzte ein Plan in ihm auf, der das Verrückteste war, denn er
hatte die Kette holen wollen und nach Good gefragt. Nunmehr drängte ihn
seine Verblüfftheit in ein primitives Rachegefühl: er versuchte, sich
dieser Frau zu bemächtigen. In diesem Augenblick erschrak er bis auf den
Rand der Lippen. Dieselbe Frau, die vor ihm stand, stand auch auf der
anderen Seite des Zimmers. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn,
lief auf die eine zu, hielt ein, wandte sich nach der anderen. Auf diese
Weise waren beide verschwunden, als er sich erholt hatte.
»Jonny Rumford,« sagte er, als er die Terrasse herunterging, »ich müßte
jetzt drei Beine haben, wenn wir die gleichen Gespenster wären wie diese
da. Eins unter jedem Arm.« Er tobte vor Zorn mit seinem Holzbein auf den
Stufen. Als er verschwunden war, ließ Sir Davis Wolfsteller im Garten
legen und engagierte ein Dutzend neue Leute. Dieser Bursche war ihm auf
die Nerven gefallen. Er zuckte zusammen, wenn er an das Geräusch des
Stelzbeins dachte, das einem Engländer, auch wenn er ein Franzose sein
will, entsetzlich ist.
Auf Good hatte der Auftritt eine merkwürdige Wirkung. Er stand auf. Das
Gesicht dieses Mannes war völlig verändert. Es war heiter wie der Mond,
obwohl es härter geworden war. Der junge Mann hatte einiges verloren und
anderes gewonnen, wie dies bei Leuten unter Dreißig häufig ist, wenn
ihre Seele sich unter Entschlüssen ändert. Er war weniger hübsch und
langweiliger geworden. Dagegen waren seine Augen im Ausdruck besser. Im
Ganzen schien er verloren zu haben. Es ist seltsam, daß junge Männer
einfältiger wirken, wenn sie besser werden. Bei Frauen ist dies
unmöglich, sie beginnen unter diesen Entschlüssen mit jenem Licht zu
strahlen, das ihre erste Schönheit ist.
Der junge Mann hatte sich entschlossen, Grace die Kette zu bringen. Die
Liebe hatte ihn überwältigt zu einer Handlung, die die erste
leidenschaftliche seines Lebens war, aber sein Leben abschließen mußte.
Dieser Gedanke, daß man ihn töten würde und daß er mit dieser
Möglichkeit immer gerechnet hatte, sie jetzt aber erst begriff, machte
ihn voll einer schmerzlichen Melancholie, die ihn wohl schön erscheinen
ließ, aber mit einer Schönheit, die, anders als sein Geckentum, ihn von
innen heraus erhellte.
Der junge Mann, der lieben gelernt hatte, ohne daß er wieder geliebt
ward, empfand einen tödlichen Schmerz, als er nach seiner Wohnung
schritt. Er wußte, daß nun alles vorbei war, aber er vermochte nicht
anders zu handeln. Die Blätter fielen um ihn nieder von den Bäumen, er
hätte weinen können, obwohl er seit Jahren den Tod herausgefordert
hatte. In einer stillen Straße fühlte er die Tränen. Das machte ihn
fassungslos, gab ihm aber eine Sicherheit des Schmerzes, die ihm die
Welt verdunkelte.
Dieser süße Druck in seiner Brust war von sehr großer Kraft: Wenn er an
Grace dachte, empfand er jene Begeisterung, die bei wirklich erhabenen
Seelen auch den Tod verachtet, ja die um dieser Glut zuliebe den Tod als
höchste Erhabenheit herbeisehnt.
Dies hatte bei aller augenblicklichen Täppigkeit ihm einen Ausdruck
gegeben, der Grace neugierig gemacht hatte, sie war ihm durch eine
Parktür in einem Umhang Ritchs gefolgt und so den Spionen Pounds
entgangen. Dieser ließ, nur von dem Gedanken der Rache getrieben, das
Haus umstellen. Er nahm keine Rücksichten mehr, weil das Bewußtsein des
Geldes ihn vor jeder Torheit schützte. Man vermochte sich auch damals
nicht zu denken, wenn man ein Einkommen von ein paar hunderttausend
Dollars besaß, daß es Gesetze geben könne, die töten. Er kam mit zwei
riesigen Autos an, stürmte das umzingelte Haus, durchsuchte es nach
Good, den er nicht fand und stellte Ritch, die seine Faust bereits
kennengelernt hatte. Er faßte sie, wie man Hasen anfaßt, und hob sie in
die Höhe.
»Wo ist die Lady?« herrschte er sie an. Ein teuflischer Blick der
Negerin traf ihn. »Schonen Sie sie, wenn Sie ein Gentleman sind,« schrie
sie und schlang, während sie die Portiere aufriß, einen großen schwarzen
Shawl um ihre Gebieterin. »Marsch,« schrie Capt. Pound, und da die
völlig zusammengebrochene Frau ihn irgendwo verwirrte, stampfte er mit
dem Holzfuß wie ein Verrückter auf den Boden. Sein eleganter
Athletenkörper mit dem verwüsteten Gesicht sah aus wie ein Teufel, den
einer der jungen Maler dieser Zeit geschildert hat, die von der Natur
verflucht waren, die Dinge in höllischen Verzerrungen zu sehen. Er hielt
die Pistole immer wieder zur Seite nach rückwärts und beobachtete beide
mit einem flackernden Auge.
»Marsch,« schrie er heiser »in den Wagen,« und er stampfte vor, weil er
sich fürchtete, entweder zusammenzubrechen oder schießen zu müssen. Er
war völlig verstört und nur von dem Gedanken wie von einer Biene, die
sein Hirn durchsummte und deren monotoner Ton ihn verrückt machte,
gefüllt, diese Frau in die Hand zu bekommen. Die Javanerin warf ihm
einen verschleierten Blick zu, als sie mit ihrer Lady einstieg. Die
Wagen waren geschlossen, Grace war wie eine Betrunkene getaumelt. Der
Capt. beobachtete sie mit funkelnden Augen. Grace saß mit der Starrheit
des Todes und schenkte ihm keinen Blick. Sie schien bei jedem Sprung des
Wagens zusammenfallen.
Diese Fahrt war eine abscheuliche Quälerei. Pound schien das zu
bedenken: »He,« brüllte er plötzlich, »Lady, ich bin dafür, daß Sie
meinen Platz tauschen.« Sie beachtete ihn wie einen alten Schuh. Der
Soldat war diese Rache einer Feindin gewohnt und schwieg. Nach einer
Weile versuchte er einfach die Lady herüberzusetzen. Er sprang auf und
schrie so toll, daß der Chauffeur ihn gehört haben mußte. Er hielt eine
Puppe in der Hand. Sie war Grace mit bewundernswerter Kunst
nachgebildet.
Capt. Pound mußte den Verstand verlieren oder sich befreien. Er verlor
den Verstand eine Sekunde, das Blut verließ seine Schläfen und er
zitterte, weiß wie Wachs, mit geschlossenen Augen. Dann sagte er kalt:
»Ich werde mich überzeugen, ob du aus derselben Wolle gemacht bist« und
schoß viermal in Ritchs Körper, wo dieser dem Kapitän des »Leviathan« am
köstlichsten erschienen war. Diese Schüsse waren nicht tödlich, aber sie
verunstalteten, was schlimmer ist. Es gibt Schüsse, die das Herz oder
die Lunge durchbohren und die ein unglaublicher Wille überwindet. Manche
geringfügige Blessuren haben den Tod sofort hinter sich her. Capt. Pound
begab sich in das andere Auto. Das seine drehte, mit Hilfe der Leute,
die er bezahlte, ward Ritch in das Landhaus getragen und starb in Graces
Armen, als sie zurückkam.
Der Tod hat eine lösende Kraft für junge Menschen. Er befreit sie von
jenen Ängsten, die ihre Klarheit verbittern, er bringt sie zurück bis an
die Schwelle ihrer Jugend, die die reinste Zeit eines Lebens ist, er hat
die Ungeheuerlichkeit einer sühnenden Kraft, die beispiellos ist, weil
sie blind ist. Nur das Leben ist ängstlich, weil es verwirrt ist. Der
Tod ist von einer Reinheit und Größe, deren Horizont sich unvergeßlich
aufschlägt und ordnet. Das Furchtbare des Todes empfinden nur die
Verstockten, der Anblick des Todes ist für die Verirrten das erhabenste
Erlebnis. Es ist der Freude ebenso nahe, wie der Schmerz ein Bruder der
Liebe ist. Am Lager eines Toten herrscht die Harmonie, welche mit der
Majestät der Liebe gesegnet ist.
Als Grace von dem Lager Ritchs zurücktrat, die für sie gestorben war,
trat George Good herein. Er ging fast gebückt aber mit der Heiterkeit
der Leute, die wissen, daß die Kugel für sie geladen ist. Er schreckte
zusammen, als er eine Frau sah, die er kaum kannte. Sie trat ihm wie
eine Fürstin entgegen, die beleidigt ist, aber so verziehen hat, daß
alles an ihr schäumt vor einer kalten Güte, deren Entscheidungen ihn
verdammen mußten, auch wenn sie segnen.
Er trug die Kette auf beiden Händen, für die sie keinen Blick hatte. Sie
winkte ihm. In diesem Augenblick strömten ihm die Tränen aus den Augen.
Das Glück dieses Augenblicks war das größte seines Lebens. Sie winkte
noch einmal, er ging langsam zurück. An der Tür steckte er die Kette
ein. Es rettete sein Leben, aber an dieser Wunde ging er zugrunde wie
jener Prinz, dem ein Affe ein Stück aus der Brust gebissen, und der kein
Fleisch hatte, die Wunde damit zu nähren. Dieser Prankenhieb schlug die
Sehnsucht in ihm frei, und er litt mit dem Maß, mit dem er sie nicht
gekannt hatte und nicht befriedigen konnte, nach diesem Erlebnis. Dieser
junge Mann, der nie besiegt worden war, gewann sein Leben, aber die
Liebe saß wie der Tod in seinem Herzen, das heißt, er ging verklärt aus
diesem Haus, wie ein Wahnsinniger, vom Blitz gerührt von Glück, bis zur
Besessenheit von Liebe beladen, die er kaum tragen konnte ...
»Sechsundzwanzig Jahre,« sagte Sir Davis, als sie drei Tage später über
den Kanal fuhren, »und soviel Erlebnisse, daß man ein Jahr davon
erzählen könnte, und man muß darüber schweigen, welches Verhängnis.«
Grace sah ihn mit einem Blick an, der alle Erleuchtungen eines klaren
Herzens trug: »Wovon reden Sie, Davis?« sagte sie, und der alte Geck war
von dieser unwiderstehlichen Frage so verwirrt, daß er sich in den Arm
kniff, um festzustellen, ob er denn träume oder sie. Der erfahrene
Frauenkenner sah sie ängstlich an, er erblickte ein unberühmtes, nichts
wissendes Gesicht. Dieses Gesicht war das einer Sechszehnjährigen voll
großer Hoffnungen und ohne Erlebnisse, die eine Seele vergiften. Der Tod
hatte diesem Mädchen die Barriere geschlossen, durch die ohne Trennung
die Welt des Frevels neben der Welt ihrer Seele lag. Das Glück hatte sie
verschwenderisch überhäuft. Das Glück, das im Augenblick des Todes einen
Menschen überfällt, hat eine wundervolle Verwandtschaft mit dem Blut,
das in dem Sinn der Sühne vergossen ist, dieses Glück heilt, verzeiht
und macht vergessen. Es tilgt die Schuld, es wirft den Frevel zurück, es
überwindet das Böse mit einer Übermacht der Reinheit, die mit der
Majestät der Liebe darin gekrönt wird. Diese Liebe, die selbst das
Vergessen lehrt, kennt keine Abgründe mehr, weil das Herz, das sie
nunmehr regiert, unbeirrbar ist.
Dieses Glück, welches das junge Mädchen überfallen hatte, besaß das
Anrecht, mit den zartesten Namen genannt zu werden. Davis staunte und
bekam hektische Backen. Dieser Wollüstling, der die Frau als Wesen
verehrte, ohne ihre Moral abzuschätzen, sah, statt einer Frau mit den
kalten Augen des Tigers, eine liebliche Erscheinung. Davis hielt sich
einige Sekunden für verrückt. In ihren Blicken war keine Spur mehr von
der harten Glut, die ihr jene Entschlossenheit der Tollheit geliehen
hatte, der er sich sofort gefügt hatte. Dieses Mädchen war völlig rein,
hatte den Himmel im Auge und nur einen leichten Unmut, wie ihn
verwöhnte, engelhafte Kinder haben, um den Mund: »Von was reden Sie,
Davis?«
Dieser Satz machte den alten Wüstling, der die tollsten Sprünge seines
Lebens in diesen Tagen erlebt hatte, fast närrisch. Er starrte sie an.
Der Lüstling, welcher, ohne mehr zu tun als es festzustellen, Kurtisanen
verröcheln, Damen zu Dirnen werden, Frevlerinnen bereuen gesehen hatte,
der beobachtet hatte, daß Menschen sich blitzschnell herumwandten, als
ob ihre Seele beweglicher sei als wie ihr Rücken, der Frauen aus
Leidenschaft in den Tod und aus dem Tod in jene Wollust hatte tauchen
sehen, die durch ihre Verzweiflung noch tiefer ist als der Tod, der
Mörderinnen hatte sich bessern und Engel in ein Unglück hatte treiben
sehen, das beispiellos war, der Mann, der die Wandlungen der Frauen
einer Gesellschaft beobachtet hatte, welche an der Grenze zwischen zwei
Menschenklassen stand, von der die eine sie band und die andere sie
befreite, ohne daß die Fessel sie beglückte und die Befreiung sie
erlöste, ... der Mann, der die Verheerungen des Teufels und einer
lächerlich angewandten Vernunft unter den Frauen der Jahrhundertwende
von den Verzückungen der Verwirrten bis zu den Heucheleien der
Verdammten bis ins Kleinste kannte, starrte dieses Wunder vor sich an.
Vor diesem Mädchen, in der Tat, lag das Leben makellos. Er hatte eine
Jungfrau vor sich, der kein Schatten die Stirn getrübt hatte. Reinheit
ist immer unberührbar, weil sie vollkommen ist. Sir Davis, der nach der
Sitte seines zurückliegenden Jahrhunderts nur beobachtete, ohne den Sinn
zu ergrübeln, schwenkte sofort um. Er gehörte zu den Männern, die Gott
oder der apokalyptischen Hure dienen, wenn beide nur in der Form der
Frau erscheinen, die sie anbeten dürfen.
Davis lachte in sich hinein. »Ich freue mich auf Gaby,« sagte Grace.
»Das,« sagte Sir Davis, »tut man mit sechzehn Jahren. Glückliche
Windspiele, die herrlich sein müssen, auch mit sechsundzwanzig das
Gleiche noch zu erregen. Warum soll man es mit einundziebzig nicht tun?«
Der Alte, der ein Glück darin sah, der ewige Sklave der Launen schöner
Frauen zu sein, und sein Alter zum erstenmal gestand, reichte ihr mit
großartiger Bewegung den Schirm, damit die Sonne keine Wolke über diese
Stirn ziehen ließe ... -- -- --
Fünf Jahre später las ich diese Geschichte, die hier abschließt, zwei
Leuten vor, die in verschiedener Weise damit sich zu beschäftigen
hatten. »Sie haben,« sagte der Mann, der im Kreis einer Lampe sich auf
einen der breiten Stühle gelegt hatte, wie ein Hund darin Platz nimmt,
»im wesentlichen hier Angriffe gegen eine Zeit gerichtet, welche ich
ehre. Ich verstehe nichts von Literatur.« Dieses Scheusal hustete auf
eine heimtückische Weise, indem er sich mit der Koketterie einer
wohlgewachsenen Frau ausdehnte. Die Natur hatte ihm seine schlechte
Seele in die linke Schulter gezogen, die wie ein zweiter Kopf ohne Augen
neben seinem Scheitel in die Luft ragte. Er war eine der gefürchtetsten
Hyänen der Börse und voll Launen, die einem Journalisten Ehre gemacht
hätten. Dieser Kopf schien Milliarden aus der Börse ziehen zu können,
Straßenzüge mit einem Gedanken zu schlucken, zu verdauen und mit einem
märchenhaften Gewinst auszuspeien. Seine Agenten reisten, mit seinen
Gedanken belastet, als Herolde der Vernichtung durch jene Staaten, deren
Währungen sie bald vernichteten, bald nahe an eine unglaubliche Hoffnung
auf Besserung kommen ließen. Der Kopf des Mannes, dessen Atem roch wie
Vernichtung, und dessen Augen den spitzen Glanz hatten, der Totengräbern
eigen ist, war der Kopf eines Götzen, dessen verbrecherische Größe von
jenen Schlachtplänen der Leere und den Bilanzen des Umsturzes herkommt,
die aus Europa ein Leichenfeld der Gesittung und eine Wüste der
Schönheit gemacht hatten.
Dieser Mann glänzte förmlich wie eine häßliche Gottheit aus Kupfer, die
sich an dem Elend von Millionen gemästet hat. Die Siege, die nicht mit
dem Herzen errungen werden, sind zwecklos, wenn sie gewogen werden, aber
von den Siegen der Macht sind die ohne Zweifel die erbärmlichsten, die
ohne den Ruhm der Traditionen und mit der Gier der Häßlichkeit
gestempelt sind.
Diese Hyäne, die anfing, ein Loblied ihrer Zeit zu singen, hatte eine
Schwäche, seine Frau. Er war der Besitzer einer Frau von so
überwältigender Schönheit, daß die Sicherheit seines Geldes ihn nicht
von der Eifersucht freihielt, die jeden Zwerg selbst mit der
furchtbarsten Macht im Gefühl seiner Niedrigkeit von der Schönheit
entfernen mußte. Auch Schönheit allein ist nicht vollkommen und daher
käuflich, aber immer nur mit der Menge Goldes, die eine Spanne, nicht
eine Ewigkeit aufwiegt. Das Scheusal, dessen Erfolge seine Klugheit
beweisen, war nicht blind, und wo andere ihn nachts auf seine
Tagerfolgen ausruhen dachten, glühte es vor der Größe seiner Zweifel.