erreichten wir die Station. Hatte ich unrecht, daß ich ihr, als wir mit
einer gewissen Heiterkeit die letzten Wagenstunden machten, eine
Geschichte nicht vorenthielt, die ihr Herz stärken konnte? Da sie aus
dem Leben stammte und mit ihren bekannten Figuren aus der Wahrheit wie
aus einem Bilderbogen geschnitten war, hatte sie mehr Überzeugungskraft
als die Literatur, die nur beweist, aber nicht atmet.
Ich wagte kaum zu zittern, als wir uns der Station näherten, ich war
besinnungslos von einer Leidenschaft, die ich nicht zeigen durfte, und
ich war genötigt, ihren Befehl zu respektieren, der mich zurückstieß.
»Zeichnen Sie diese Geschichte auf,« sagte sie mit einem so
verheißungsvollen Lächeln, daß mir die Tränen kamen, »und senden Sie es
mir morgen nach als einen Beweis, der mich stärken wird.« Sie hatte eine
wundervolle Zartheit im Klang, daß ich fürchtete, ich würde sie nicht
wiedersehen. An der Grenze empfingen uns Soldaten. Plötzlich sahen wir
uns an, von Fackelschein übergossen.
Dieses Gesicht, das lange nicht geweint hatte und auf dem Spuren
unzähliger Schmerzen wie ein Verhängnis schwebten, trug die Spuren von
Tränen. Ich reichte ihr die Hand, um auszusteigen, und bemerkte an dem
Druck ihrer Hand, daß es Tränen der Freude, ja der Erlösung waren. In
diesem Augenblick trat ihre ganze Seele, die noch nie gelebt hatte, auf
ihr Gesicht, und ich wurde eines so himmlischen Glanzes ansichtig, daß
mich die Besinnung verließ.
»Ich danke Ihnen mit aller Herzlichkeit, die soviel Unglück übrig
gelassen hat,« flüsterte die Unbekannte mit hinreißender Anmut und gab
mir eine Adresse, unter der ich ihr schreiben konnte. Sie empfing mit
dem Nicken einer Vertrautheit, die nicht mehr menschlich war, mein
Portefeuille.
Man fand mich auf dem Platz hingestreckt wie einen Toten. In der Nacht
schrieb ich die Geschichte eines Frevels auf, dem ein Glück, das der
Sühne, abzugewinnen ich meine Natur in unerhörter Weise zwang. Denn um
das Glück der Sühne zu ertragen, bedarf es eines kalten Herzens. Das
Kind mußte leben, oder sie starb. Ich blieb nach diesem Wettlauf mit der
Wahrheit, der mein Innerstes zerriß, drei Tage besinnungslos in meinem
Zimmer liegen. Ich war gezwungen, mich zur Herstellung meiner Natur ins
Gebirge zu begeben, da mein Körper gewohnt war, alles zu ertragen, die
härtesten Strapazen und die irrsinnigsten Enttäuschungen, aber nicht den
Kampf gegen die Gesetze der Seele, die ihn regieren.
Es gibt vielleicht eine einzige Möglichkeit, ihn diesen Streit ertragen
zu lernen, das ist, ihn zum Siege zu führen. Man hatte mir versichert,
daß am Abend ein Zug gehe, der ihr als ein Herold meinen Brief senden
sollte, der eigentlich mein Schicksal war, auf dessen Echo ich wie ein
Verrückter warten mußte. Ich verbrachte diesen Tag mit einer so
unheimlichen Getrenntheit meines Wesens, daß ich mit den Kerzen
plötzlich vor den Spiegel sprang.
Ich reiste an diesem Tag in dem furchtbaren Hotelzimmer, während ich
gleichzeitig Bogen auf Bogen hinter verschlossenen Läden füllte, an der
Erinnerung der Nacht jede Minute zurück und badete mich, füllte meine
Seele mit jeder Bewegung und jeder Silbe, welche die Unbekannte von sich
gegeben. Gleichzeitig wußte ich, daß bei jedem Buchstaben, den ich für
sie schrieb, sie der Ungewißheit entgegenfuhr, ob dieses Kind sie
verflucht hatte, ehe es starb, oder ob es mit einem Lächeln sie ansehen
würde, das der Anfang eines unfaßbaren Glückes war. Die Frist war kurz,
in der dieses bewundernswerte Herz lieben durfte, und ich hätte nicht
Gott sein mögen, in dessen Hand es lag, und der es vielleicht
zertrümmern mußte.
Man wird mich nach der Geschichte, die ich aufzeichnete, fragen, ich
verheimliche sie nicht. Sie besitzt jene Kostbarkeit, die Erlebnisse
erst adelt, wenn sie ein Herz enthüllt oder getröstet haben. Man darf
der Literatur nur dann jene Liebe, die sie zu Beweiszwecken benutzt,
zuwenden, wenn die Literatur jenes geheimnisvolle Herz besitzt, das mit
den wahren Leidenschaften der Menschen gefüllt ist. Dieses Herz kann
sich plötzlich öffnen, und die Menschen sind in der phantastischen
Stunde dieses Zufalls in der Lage, darin ihre Seele zu sehen. Eine
vortreffliche Literatur wird ihre Bewunderer durch dieses Mysterium
unbeschreiblich entzücken, eine erbärmliche wird sich in den Sekunden,
wo man ihrer bedarf, als das akademische Geplapper entlarven, das nur
sich selber liebt. Das Herz des Menschen ist der Ort, wo die
Gegenstände, die Ereignisse und die Sitten der Welt gemessen werden und
ihren Rang erhalten. Ausgezeichnet wird lediglich, was die Größe hat,
dem Herzen gleich zu sein oder den Ehrgeiz besitzt, es zu übertreffen.
Es gibt in der Literatur einen Opfermut und eine Kühnheit von Gefühlen,
die weit über das hinaus wollen, was menschlichem Ertragen und
menschlicher Spannkraft möglich ist. Diese Literatur ist ohne Zweifel
die höchste in den verschiedenen Klassen des Schrifttums, in dem der
Zynismus die niedrigste, die Weisheit die erhabendste ist. Es ist
unmöglich für ein gleichzeitig kluges wie feuriges Temperament, eine
Literatur anzuerkennen, die ihr Wesen nur durch sich selbst erhält und
wie Narziß sich von den Menschen und ihren Beispielen fernhält. Die
Dichtkunst, meint Balzac, sei die Einleitung zum Staatsmann. Napoleon,
Julius Cäsar, der große Friedrich, der erste Franz von Frankreich,
Machiavell, ja selbst Goethe, Richelieu, der Kardinal Retz, Disraeli,
Bulwer und Constant haben dieser These recht gegeben, indem sie ihren
Geist, der das Schöne zu formen wußte, derart disziplinierten, daß er
das Gebäude des Staates unter den letzten Gesetzmäßigkeiten der
Vernunft, der Gerechtigkeit und der Harmonie erblickte.
Der Staat ist aber jene wundervolle Handschrift der Vorsehung, welche
die Leidenschaften der Menschen auf den Rücken der Ewigkeit gezeichnet
hat und in dem alle Linien des menschlichen Herzens enthalten sind. Wer
diesen Kreis, den das Gebet eines unschuldigen Mädchens bis zur
Grenzenlosigkeit der himmlischen Satzungen durchläuft, verläßt, begeht
einen Frevel, den nur ein Opferwille sühnen kann, welcher stärker ist
als die Natur. Wer kann die Erde aufhalten? Wer vermag die Sonne zu
verdunkeln? Zur Sühne ist dem menschlichen Herzen die Kraft, zum
Verzeihen die Größe gegeben. Zum Widerstand gegen die Gesetze der Natur
besitzt es nur das Dulden, welches die Trotzigen und seit Prometheus
ewig Zerschmetterten manchmal bis zu himmlischem Licht erhebt. Hier ist
die Geschichte:
Im Jahre neunzehnhundertelf ereigneten sich drei Dinge, die an
verschiedenen Stellen der Welt einen geheimnisvollen Zusammenhang
schafften. Es war das Jahr, wo, drei Jahre vor den Schüssen von
Serajewo, die Mitteleuropas Vernichtung und unsere Armut veranlaßten,
einige Menschen anfingen, sich in die Luft zu schwingen, andere das Meer
einige hundert Meter unter der Oberfläche mit Tauchbooten zu
durchfliegen und jenen Kampf begannen, den ein ehrgeiziges Geschlecht
mit seinen Maschinen der Natur ansagte. In einem zarten Vorspiel, das
vier Jahre lang die grandiosen Schlachten ankündigte, die unsere
Nachfolger mit Stumpf und Stiel hinwegrotten werden, hat sich gezeigt,
daß die Natur diese Provokationen auf ihre Urheber zurückwirft.
Wenn in einem Landhaus in York Lady Grace ihr Leben in einer
auffallenden Weise verließ, von einem Tag auf den anderen aus der
behütetsten Dame in einer Reihe von Verbrechen sprang, bedarf es nur der
einen Erklärung, daß sie von jener Krankheit erfaßt war, welche alle
leidenschaftlichen Naturen in dieser Zeit erfaßt hatte: daß sie dieser
Welt kein Interesse abzugewinnen vermochte. Besonders glänzende Figuren
wußten damals sich allerdings in ihrem Innern zu beruhigen und für die
Zeit aufzusparen, wo die künstliche Sicherheit dieses Jahrzehntes in
Flammen aufging, und die Menschheit sich in die grauenhaftesten Kämpfe
stürzen mußte, die diese Erde gesehen hat. Andere, welche mit der
Kühnheit eine Unsicherheit des Glaubens vereinten, begannen jene
furchtbaren Herausforderungen, welche die Natur nicht unbeantwortet
ließ, indem sie die Versucher mit einem Lächeln abschüttelte, das die
Welt mit Blut überschwemmte. Andere, zu denen Lady Grace offensichtlich
gehörte, wechselten plötzlich ihre Seele aus.
Diese Menschen, die damals nicht zahlreich waren, scheinen unter ihrer
Seele eine andere zu besitzen, die plötzlich die erste völlig verdrängt.
Diese Annahme ist aber ohne Zweifel ein Irrtum, denn eine Seele kann nur
durch den Tod den Menschen verlassen. Wenn ein erhabener Mensch sich
plötzlich in furchtbarer Weise verändert, so beweist das nur, daß er den
Weg, welchen das Schicksal ihm vorgeschlagen hat, völlig verläßt, und
daß die Keime des Bösen, die in ihm lagen, tief in ihn eingedrungen
sind. Es bedarf nur der Rückkehr mit gläubigem Herzen, um eine solche
Figur wieder zum schönsten Licht zu entfachen.
Die Entschlüsse, die einen Menschen von großer Leidenschaft wie dieses
kühle Mädchen, von ihrer klaren Bahn und aus der Familie wegtreiben,
liegen oft mit der Kraft eines Abgrundes da in Momenten, wo sie am
wenigsten erwartet werden. Der Übergang kann sich mit einer
Plötzlichkeit vollziehen, der alle ratlos macht, welche die
Zusammenhänge nicht erkennen, welche die Gesetze der Natur selbst mitten
durch die Seele eines reinen Mädchens gelegt haben. Sie passieren
zehnmal am Tage jene Stelle, wo ihr Leben furchtbar bedroht ist, ohne es
zu wissen, und gehen in jenem Augenblick mit nachtwandlerischer Kraft in
das Böse hinein, wo ihre Leidenschaft eine Laune gebiert, die jenseits
ihres Gemütes liegt.
Diese Übergänge sind nicht weiter mit der Vernunft erklärbar, sie müssen
nur bestimmt und von denen, die sie vornehmen, ausgetragen und erduldet
werden. Das Schicksal ist gewaltig genug in jener gewitterhaften Güte,
die es selbst über die Schuldigsten verteilt, auch an das Ende dieses
Frevels ein Licht zu stellen.
Man kann nach Belieben bei Lady Grace alle jene Vorzüge voraussetzen,
die eine Schilderung abkürzen werden, ihren Geist, ihre Erziehung, die
Stellung ihres Vaters, ihre Lieblichkeit in gewissen Augenblicken, ihre
körperlichen Fähigkeiten. Ihr Alter beträgt sechsundzwanzig Jahre, was
erstaunlich ist, da ihr Vermögen auch das Leben ihres bevorzugten
Bewerbers hätte ändern können. Ihre Nase, über jener schon
sprichwörtlichen Verlängerung der Oberlippe hatte von der Seite einen
leicht geschwungenen Bogen, sah von vorn aber fast etwas gesträubt und
trotzig aus. Das gab ihr zwei Gesichter, ein durchgängig kühnes und ein
romantisches, was sich sehr apart mischte. Ihre Figur, mehr groß als
mittel, ward von jenem Dunkel der Augenfarben beherrscht, von denen man
in gewissen Momenten erschrocken feststellt, daß sie hell wie das Meer
und fast blau wie Perlmutt sind. Sie gehörte zu jenen Mädchen, die in
den Mondnächten die Nachtigallen um ihren Gesang beneiden, in ihre
Kissen weinen und selbst erstaunt sind, am Tag diese rätselhaften
Spannungen aus sich gewichen zu sehen. Sie sind dabei von einer
Verstandesschärfe, die nur jene Unerwecktheit ist, mit welcher die
Mädchen in unbegreiflichem Instinkt unter den Erfahrungen her die Welt
durchschauen und wohin sie erst durch die Weisheit der Leidenszeit
wieder gelangen werden, ein Zustand, vor dem junge Männer zurückweichen,
weil sie Überlegenheit und Stolz dahinter fürchten. Sie besaß dabei
neben dem Weltblick, den ihre Erziehung ihr mitgegeben, eine
Kameradschaftlichkeit, die jene Distanz der Männer zu ihr noch
vergrößerte, weil sie so traumhaft sicher hingegeben ward.
Diese Sicherheit war es, die sie wie einen Diamant aufleuchten ließ,
wenn sie im Abendkleid und phantastischem Schmuck in der Halle erschien.
Es war ein unbeschreiblich siegreicher Schmelz in dem mit der
Plötzlichkeit eines Schusses aufglühenden Lächeln, daß man, obwohl man
sie haßte, ihr eine unvergleichliche Karriere voraussagte. Den Zorn der
Frauen, die sich die Männer neideten, erregte sie erst durch ihre
völlige Teilnahmlosigkeit für Bewerber. Man hielt sie für wählerisch und
berechnend und nahm an, daß sie sich für den Besten aufhebe und vor
Hochmut bis zum sechsundzwanzigsten Jahre noch keinen so Vortrefflichen
gefunden habe, der ihren Träumen entsprach, während sie in Wahrheit ihre
Seele noch nicht gefunden hatte und eigentlich eine Romantische war.
Diese Mädchen scheinen kalt, weil ihre Herzen glühender als die
Möglichkeiten sind, die ihnen zu Gebot stehen, diese Herzen daran zu
erproben. Man muß bedenken, daß das Fest, welches auf der Terrasse des
Landhauses stattgefunden hatte, eigentlich eines der romaneskesten war,
das die damalige englische Gesellschaft kannte, und daß Lady Grace bis
zum Tod bleich und gelangweilt davon schien. Es war in den zarten und
traumhaften Kostümen Gainsbroughs getanzt worden, dann hatte es
geregnet, und nun gingen in der roten Dämmerung die Fenster alle auf und
es roch nach dem Boden des Parks. In diesem Augenblick erregte es das
Erstaunen eines jungen Mannes, daß ihr Auge sich auf ihn richtete.
Der junge Mann, der den Vorzug hatte, in Indien gekämpft zu haben, was
seine Blässe und Melancholie mit einem dicken Kontrast unterstrich, war
vor Schreck darüber fast erstarrt, in welcher Weise sich ihr Blick,
während er auf ihm ruhte, veränderte. Ihm schwindelte ein wenig und er
fühlte sich halb umstrickt, halb durchbohrt. Er folgte ihr, als sie das
Auge zur Tür gleiten ließ: »Kann ich auf Sie vertrauen?« frug sie mit
grauenhafter Kälte. »Vergessen Sie nicht, daß ich das Leben von
fünfhundert Menschen, die mir dienten, monatelang in Händen hatte,« rief
er. »Wollen Sie mir dienen, Charley?« sagte sie mit einer Stimme, die
ihn erzittern machte. »Diese Frage,« sagte er ergriffen, »beleidigt das
Herz, das nie etwas anderes tat.« »Sie werden mich verlassen, wenn ich
es wünsche?« sagte sie ruhig. Er nickte betroffen. »Sorgen Sie für zwei
Wagen. Vergessen Sie Ritch nicht abzuholen. Sie wohnt im Gartenhaus. Ich
brauche einen älteren Begleiter. Nehmen Sie Davis und geben Sie ihm
Geld, daß er einen Kammerdiener mitnimmt. Zweihundert Meter von der
Parktür warten Sie auf mich in einer Stunde.« Sie nickte und zog sich
zurück. Zwei Stunden später fuhr das Mädchen nach Dover, ohne sich die
Mühe zu nehmen, ihr Kleid zu wechseln, das sie unter einem Staubmantel
verbarg.
Ritch war ein schwarzes Faktotum, das ihren Vater aus den Kolonien
begleitet hatte und auf das sie sich blindlings verließ. Diese Negerin
war eigentlich javanischen Blutes, fast schön, nur zu dunkel, stark wie
ein Tier und von der Wachsamkeit eines Hundes. Was im zweiten Auto
folgte, war ein Greis mit Kammerdiener und einer alten Gouvernante. Sir
Davis war von der senilen Schwäche eines Lebemanns, der nicht genügend
Mittel hatte, seine Leidenschaften in der Jugend zu befriedigen, in
diese Hörigkeit zu jungen Damen angekommen, die nichts begehrt, als
ihnen zu Diensten zu sein. Sie opfern sich auf für den Beruf einer
Attrappe und würden ihr Leben hingeben dafür, daß sie in der Nähe dieser
Wesen trotz des Zustandes ihrer Zähne noch bleiben dürfen. Sie werden
nicht beachtet, auch nicht bedankt und erfüllen die Dienste des
Hofmarschalls mit größerer Leidenschaft, als diejenigen des Liebhabers,
als sie noch Wünsche hatten.
In der Nacht fuhren sie noch über und setzen die Autos auf die Strecke
Paris, Dijon, Valence, Montélimar, Avignon.
Ehe sie Calais verließen, frug Lady Grace, als sie den Fuß auf die
Dampfbarkasse setzte: »Ist das Telegramm abgegangen?« »Es ist durch
meinen Bruder vom Foreign Office aufgeliefert worden,« antwortete
Charley mit dem Ton eines Menschen, der etwas unerhört Schweres erledigt
hat. »Dann kehren Sie zu Gaby zurück,« rief sie mit jener Härte, die nur
unverbrauchte Herzen über sich gewinnen, weil sie nicht wissen, wie
unendlich sie damit schmerzen. Man muß wissen, daß sich bei ihrer
Abreise eine Szene abspielte, deren Helden ihre Windspiele waren. Diese
Tiere, die sie auf allen Einladungen, so auch nach York begleiteten, von
denen einige noch von ihrem Vater kurz vor seinem Tod eingestellt waren,
wollten sie nicht verlassen, holten die Autos ein und rannten eine Weile
neben ihnen her. Sie hörten die Locktöne ihrer Herrin und wußten nicht,
daß diese sie zum erstenmal zurücktrieb. Plötzlich begann ihr
Lieblingstier Gaby etwas Unerwartetes, Ungeheures, es sprang über das
hinrasende Auto. Diese Sprünge wiederholten sich, bis Lady Grace halten
ließ. Man mußte die Tiere anbinden. Nun kommandierte sie den jungen Mann
zum Schutz ihrer Tiere, ohne zu bedenken, ob er gemerkt habe, daß sie
innerlich weinte, als Gaby ihre unglaublichen Sätze begann. Er konnte
denken, daß sie ihn zu ihren Liebsten sandte, aber er vermochte sich
dabei nicht voll Bitterkeit zu verschweigen, daß sie die Hunde mehr
liebte als ihn. Ein englischer Junge dieser Kreise hat zum Glück genug
Einfältigkeit, die Launen einer Frau zu prüfen. Er war tödlich gekränkt,
aber, da er liebte, machte er sich ohne Umstände an den Anfang.
Das zweite Ereignis, das in jenem seltsamen Zusammenhang mit dieser
Abreise stand, war der General-Appell des Mégroz-Clubs in New York, von
dessen Bestand Lady Grace ebensowenig ahnte wie dieser Club von der
Tatsache, daß eine glänzend schöne Frau sich anschickt, ein tödliches
Wettrennen mit seinen besten Mitgliedern zu beginnen. Dieser Club, der
sich nach einem der berühmtesten Eiskünstler nannte, vereinigte seine
Mitglieder zum Curling. Das ist ein Spiel, welches, dem italienischen
Bocca ähnlich, auf der Eisfläche geschossen wird und Kraft mit
Gewandtheit verbindet. Man hielt sich jahrüber eine eigene geschlossene
Eisbahn, was gewisses Aufsehen erregte, da dieser Sport in Amerika fast
unbekannt war. Der Club hatte sehr strenge sportliche Satzungen, spielte
Inter-League-Games und unterstand dem Olympischen Komitee. Man wird
nicht vermuten, daß diese ernste Angelegenheit, die jeder Prüfung
standhielt (denn keine menschliche Fähigkeit wird so genau kontrolliert
wie das grausamste Spiel der modernen Zeit, der Sport) eine
Lächerlichkeit sei.
Diese Sportleute fanden das Curling erbärmlich langweilig, es war ein
Gesicht, das sie sich vorhielten, um ein anderes zu verstecken. Diese
Zeit vor den Erfindungen der Tanks und der Vernichtungslust mußte
Gefühle verstecken und mit den Kräften, die keine Auswirkung fanden, auf
einer so gefährlichen Ebene zu spielen beginnen, daß sie ihr Leben und
ihren Geist riskierten. Es gab so wenig Widerstände, daß man welche
erfinden mußte wie jene Dächse tun, die sich Bauten so kompliziert
anlegen, daß sie sie teilweise wieder zerstören müssen, um in ihren
Hauptkessel zu gelangen. Hätte jemand vermutet, daß dieser Sport den
Bedürfnissen seiner Mitglieder genügte, hätten sie ihn im Inneren für
einen Verrückten gehalten. In der Tat hatten diese Leute eine ingeniöse
Erfindung gemacht, sich das Geheimnis zu beschwören, nach dem sie
lechzten. Das war eine Tambola der Gefahr, eine Machinerie der
Leidenschaften, ein wahrhaftiger Apparat, dessen Einrichtung von
genialem Irrsein war.
In dieser Einrichtung war ihr Schicksal mit einem Raffinement verbunden,
das jeden von ihnen täglich mit aller Furchtbarkeit wahllos erfassen
konnte, kurz, diese Leute waren begabte Spieler, die statt um Geld, das
sie besaßen, um Erlebnisse spielten, bei denen mehr zu verlieren war als
Vermögen. Vor allem verband sie, der Zuchtlosigkeit entgegen, die jedem
erlaubte, nach Gutdünken zu leben, eine eiserne Disziplin, gegen welche
der Gehorsam der Armeen ein Kinderspiel war.
Was sie beherrschte und im Notfall bestrafte, war ihnen nämlich
unbekannt. Sie hatten sich eine geheimnisvolle Macht erfunden, die sie
mit aller Tyrannei beherrschte, womit sie glücklich waren. Die Zucht,
die diesen Haufen von Spielern, Abenteurern, Soldaten der
Kolonialarmeen, Kenner oder Adepten des Wunderbaren, Blasierte und vom
Leben Gezüchtigte zusammenhielt, verwickelte sie in fast jede scheinbar
unmögliche Angelegenheit. Es wird nicht erstaunen, daß Curling nur ein
liebenswürdiges Lächeln gegen die Welt darstellte, hinter dem sie
zwischen halsbrecherischen Gefahren ja Verbrechen, sich jene Genugtuung
ihrer Nerven verschafften, die verrückt, aber bewundernswert war.
Der eigentliche Vorgang war folgendermaßen: Das Haus war derart gebaut,
daß es allen Entdeckungen auch durch Mitglieder gewachsen war und jede
Manipulation erlaubte, die nötig schien. Jährlich wurden fünfzig
Metallkapseln im Dunkeln gezogen, in einer befand sich der Schlüssel zu
einem Verschlag, dessen Vorderseite eine viereckige Uhr war. Keiner,
selbst der Besitzer des vorigen Jahres, wußte, in wessen Hand der
Schlüssel kam. In dem Haus waren sechzig Kabinen aus Stahl, in denen die
Mitglieder sich zu maskieren hatten, wenn sie aufgerufen wurden, einem
Appell Folge zu leisten. Auch die Einrichtung der Kabinen, ihre
Numerierung und die jedesmalige Verteilung der Nummern schloß jedes
gegenseitige Erkennen aus. Ihre Vermummungen und die Art ihres Eintritts
in den Hauptraum sowie die Abdämpfung der Lichter genügte ebenfalls, daß
man nicht wußte, in wessen Nähe man sich befand.
Vor allem darf nicht vergessen werden, daß diese Leute das Geheimnis
liebten, das sie eingesetzt hatten und toll gewesen wären, wenn sie es
gelüftet hätten. Diese Leute flüchteten aus ihrer ungeheuren Macht in
die Unsicherheit und waren damit beschäftigt, das Gift eines Frevels zu
genießen und nicht, es zu enthüllen. Diese geheime Legion der
Männlichkeit, die ihr Jahrhundert verachtete und seine Garantien wie
seine Einrichtungen verlachte, besaß nur eine Abhängigkeit, das war
jener Wille, der von dem Träger des Schlüssels ausging, welcher ihr
Leben und Tod nach völligem Belieben in der Hand hielt. Wenn eine Sache
dieser Welt groß oder verrückt genug schien, sich daran zu bewähren,
berief er den Appell.
Zu diesem Zweck erschien irgendein Mann im Club und frug nach einem Glas
Whisky. Dieser Mann mußte einen Satz sagen, der lautete: »Die Uhr ist
aufgestellt, meine Herrn.« Diese Uhr war die Seele des Clubs. Da sie
Schicksale bestimmte, war das Grausen auf sie übergegangen, das man der
Vorsehung schuldet. Durch eine Vorrichtung war es möglich, daß am Tag
nach der Ankündigung jeder der Vermummten, wenn er den Schlüssel besaß,
sich, ohne aufzufallen, in den Raum hinter der Uhr begeben konnte. Dies
geschah durch eine liftartige Versenkung, die lautlos alle Etagen
durchglitt. Man konnte von fünf Etagen über zwei Dutzend Gänge in den
Saal kommen, es war unmöglich festzustellen, wer in die Uhr eintrat.
Diese Uhr ruhte auf drei Säulen und hatte einige ovale Öffnungen. Die
Mitglieder mußten in den dämmerigen Raum vor die Uhr, einer nach dem
anderen, treten, in dem Verschlag zur Seite die Maske lüften und
weitergehen. Jeder tat dies mit dem furchtbaren Gefühl, daß hinter der
Milchglasscheibe einer in sein Gesicht sah und über sein Leben
bestimmte. Dies geschah so, daß der Mann, der nach Whisky fragte, einen
Brief abgab, der in der Regel nur einen aus einer Zeitung gerissenen
Wisch enthielt. In den kurzen Nachrichten der Journale sind in trockener
Form die ungeheuerlichsten Dramen enthalten.
Der Fall, der diese Geschichte mit England und einem ereignisvollen
Teile der Geschichte Asiens verknüpft, hatte ein schauderhaftes Aufsehen
unter den Mitgliedern gemacht. Ihr unverbrüchliches Schweigen bewies,
daß sie zitterten vor Erregung. Die ersten Dreißig waren ergebnislos
passiert. Da blitzte ein weißes Licht und rollte in einen Ausschnitt der
Uhr, daneben glomm in dem Schalter auf der Platte der Name George Good
auf. Bei dem zweiundvierzigsten wiederholte sich eine Linie tiefer
dasselbe. Der Name hieß nur: Capt. Pound.