2. Traum und Mythus.

»Der Traum bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Kultur

wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, sie besser zu

verstehen.«

_Nietzsche_.

Die Bedeutung des Traumes für die Mythen- und Märchenbildung ist von den

Forschern seit langem erkannt und anerkannt. Namhafte Mythologen wie

_Laistner_, _Mannhardt_, _Roscher_ und neuestens wieder _Wundt_ haben

die Bedeutung des Traumlebens, namentlich des Angsttraumes, für das

Verständnis einzelner Mythen- oder wenigstens Motivgruppen eingehend

gewürdigt. Insbesondere der Alptraum, mit seinen zahlreichen Beziehungen

zu mythologischen Motiven, bot hiezu am ehesten Anlaß und einzelne

Elemente desselben, wie die Bewegungshemmung, der Namensanruf (Schrei),

die Fragepein u. a. scheinen tatsächlich ihren Niederschlag in den

entsprechenden mythischen Erzählungen gefunden zu haben. Anderseits hat

die Einseitigkeit dieser Betrachtungsweise und ihre Beschränkung auf ein

einzelnes Traumphänomen spätere Autoren angeregt, dem Einfluß des

Traumlebens auf die Volksschöpfungen weiter nachzuspüren. Friedrich von

der _Leyen_, der bald nach Erscheinen der »Traumdeutung« die Wichtigkeit

der psychoanalytischen Ergebnisse für die Märchenforschung betonte, hat

in seiner späteren ausführlichen Publikation wohl auch andere Typen von

Träumen herangezogen, sich aber leider auf die Hervorhebung der im

manifesten Inhalt zu Tage liegenden Analogien beschränkt.

So interessant diese Parallelisierungen auch sind, vermögen sie doch

nicht der Bedeutung des Traumlebens für die Mythenbildung gerecht zu

werden. Die Annahme einer Verwendung einzelner auffälliger

Traumerlebnisse im Zusammenhang märchenhafter Erzählungen kann unmöglich

das Problem erschöpfen. Auch hier hat die psychoanalytische Forschung

allmählich über die Deskription hinaus zu den gemeinsamen unbewußten

Triebkräften der Traum- und Mythenproduktion geführt.

An einer Reihe von Beispielen hat _Riklin_ gezeigt, daß »Wunscherfüllung

und Symbolik im Märchen« sich den analytisch erkannten Traumgesetzen

fügen; _Jones_ vermochte die mythologische Alptraumtheorie dadurch zu

stützen, aber auch zu vertiefen und zu bereichern, daß er den _latenten_

Inhalt dieser sonderbaren nächtlichen Erlebnisse zur Aufklärung gewisser

Formen des mittelalterlichen Aberglaubens verwertete (Hexen- und

Teufelsglauben, Wehrwolf, Vampyr usw.); _Abraham_ unternahm eine

gelungene Deutung der Prometheus-Sage, indem er nachwies, daß die Regeln

der analytischen Traumlehre auf die Gebilde der Völkerphantasie

erfolgreich anwendbar seien; und _Rank_ konnte den Wert der

psychoanalytischen Mythendeutung an der vielumstrittenen Symbolik

erproben, die sich gerade hier einwandfrei bewährte. Es zeigte sich, daß

im »Mythus von der Geburt des Helden« die Aussetzung des Neugeborenen im

Kästchen und Wasser ein symbolischer und tendenziös entstellter Ausdruck

des Geburtsvorganges war wie in den bereits besprochenen Geburtsträumen.

So lag es nahe, viele scheinbar individuelle Traumsymbole

völkerpsychologisch zu fundieren, wie anderseits die aus dem Traume

bekannten Bedeutungen zur Aufklärung mythischer Überlieferungen zu

verwenden. Zugleich wurde aber auf diesem Wege ein vertieftes

Verständnis mancher kulturgeschichtlicher Tatsachen angebahnt, denn

häufig erwies sich das Symbol als Niederschlag einer ursprünglich real

genommenen Identität.

Mythische Bedeutung und kulturgeschichtl. Grundlage der Symbolik.

Diese mannigfachen Beziehungen der Symbolik zu Traum, Mythus und

Kulturgeschichte seien an einem Beispiel, das für mehrere stehe,

erläutert. Wenn wir heute das _Feuer_ in einem Traume als Symbol der

Liebe verwendet finden, so lehrt das Studium der Kulturgeschichte, daß

diesem fast zur Allegorie herabgesunkenen Bilde ursprünglich eine reale,

für die Entwicklung der Menschheit ungeheure Bedeutung zukam. Das

Feuererzeugen hat tatsächlich einmal den Sexualakt selbst vertreten,

d. h. es war mit den gleichen libidinösen Energien und den zugehörigen

Vorstellungen besetzt wie dieser. Ein geradezu klassisches Beispiel

dafür bietet die Feuererzeugung in Indien, die dort unter dem Bilde der

Begattung vorgestellt wird. Im Rigveda (III 29, 1) heißt es:

»Dies ist das Quirlholz; das Zeugende (das männliche Reibholz) ist

zubereitet! Bring die Stammesherrin (das weibliche Reibholz) herbei; den

Agni wollen wir quirln nach alter Art. In den beiden Reibhölzern ruht

der Wesenkenner (Agni) gleich der Leibesfrucht, die schön hineingesetzt

ist in die schwangeren Frauen . . . In sie, die die Beine ausgespreizt

hat, fährt als ein Kundiger ein (das männliche Holz).«(205) Wenn der

Inder Feuer entzündet, dann spricht er ein heiliges Gebet, welches auf

eine Mythe Bezug nimmt. Er ergreift ein Stück Holz mit den Worten: »Du

bist des Feuers Geburtsort«, legt darauf zwei Grashalme. »Ihr seid die

beiden Hoden«, darauf ergreift er das unten liegende Holz: »Du bist

Urvaci«. Darauf salbt er das Holz mit Butter und sagt dabei: »Du bist

Kraft«, stellt es dann auf das liegende Holz und sagt dazu: »Du bist

Pururavas« usw. Er faßt also das liegende Holz mit seiner kleinen

Höhlung als die Repräsentation der empfangenden Göttin und das stehende

Holz als das Geschlechtsglied des begattenden Gottes auf. Über die

Verbreitung dieser Vorstellung sagt der bekannte Ethnologe _Leo

Frobenius_(206): »Das Feuerquirlen, wie es bei den meisten Völkern zu

finden ist, repräsentiert also bei den alten Indern den Geschlechtsakt.

Es sei mir erlaubt, gleich darauf hinzuweisen, daß die alten Inder mit

dieser Auffassung nicht allein dastehen. Die Südafrikaner haben nämlich

dieselbe Anschauung. Das liegende Holz heißt bei ihnen ›weibliche

Scham‹, das stehende ›das Männliche‹. _Schinz_ hat dies seinerzeit für

einige Stämme erklärt und seitdem ist die weite Verbreitung dieser

Anschauung in Südafrika und zwar besonders bei den im Osten wohnenden

Stämmen aufgefunden worden.«

(205) Nach L. v. _Schröders_ Übers. in »Mysterium und Mimus im

Rigveda«, p. 260.

(206) »Das Zeitalter des Sonnengottes«. Berlin 1904, p. 338 f.

Noch deutliche Hinweise auf die sexualsymbolische Bedeutung des

Feuerzündens finden wir im Feuerraubmythus des Prometheus, dessen

sexualsymbolische Grundlage der Mythologe _Kuhn_ (1859) erkannt hat. Wie

die Prometheus-Sage bringen auch andere Überlieferungen die Zeugung mit

dem himmlischen Feuer, dem _Blitz_, in Zusammenhang. So äußert O.

_Gruppe_(207) über die Sage von Semele, aus deren brennendem Leib

Dionysos geboren wird, sie sei »wahrscheinlich einer der in Griechenland

sehr spärlichen Reste des alten Legendentypus, der sich auf die

Entflammung des Opferfeuers bezog«, und ihr Name habe »vielleicht

ursprünglich die ›Tafel‹ oder den ›Tisch‹, das untere Reibholz (vgl.

_Hesych._ σεμέλη τράπεζα) bezeichnet . . . . In dem weichen Holz des

letzteren entzündet sich der Funke, bei dessen Geburt die ›Mutter‹

verbrennt«. -- Noch in der mythisch ausgeschmückten Geburtsgeschichte

des Großen Alexander heißt es, daß seine Mutter Olympias in der Nacht

vor der Hochzeit _träumte_, es umtose sie ein mächtiges Gewitter und

_der Blitz fahre flammend in ihren Schoß_, daraus dann ein wildes Feuer

hervorbreche und in weit und weiter zehrenden Flammen verschwinde(208).

(_Droysen_: Gesch. Alex. d. Gr., p. 69.) Hieher gehört ferner die

berühmte Fabel vom Zauberer Virgil, der sich an einer spröden Schönen

dadurch rächt, daß er alle Feuer der Stadt verlöschen und die Bürger ihr

neues Feuer nur am Genitale der nackt zur Schau gestellten Frau

entzünden läßt; diesem _Gebot_ der Feuerzündung stehen andere

Überlieferungen im Sinne der Prometheus-Sage als _Verbot_ derselben

gegenüber, wie das Märchen von Amor und Psyche, das der neugierigen

Gattin verbietet, den nächtlichen Liebhaber durch Lichtanzünden zu

verscheuchen, oder die Erzählung von Periander, den seine Mutter unter

der gleichen Bedingung allnächtlich als unerkannte Geliebte besuchte.

(207) Griech. Mythol. u. Relig. Gesch. Bd. II (München 1906),

S. 1415 ff.

(208) Ähnlich träumt die mit Paris schwangere Hekuba, sie bringe ein

brennendes Scheit zur Welt, das die ganze Stadt in Brand setze. (Vgl.

dazu die Legende vom Brand des Tempels von Ephesus in der Geburtsnacht

Alexanders.)

Entsprechend dem unteren Reibholz gilt dann jede Feuerstätte, Altar,

Herd, Ofen, Lampe usw., als weibliches Symbol. So diente beispielsweise

bei der Satansmesse als Altar das Genitale eines entblößt daliegenden

Weibes. Dem griechischen Periander wird nach _Herodot_ (V, 92) von

seiner verstorbenen Gattin Melissa eine Weissagung zu teil mit der

Bekräftigung, er habe »das Brot in einen kalten Ofen geschoben«, was ihm

ein sicheres Wahrzeichen war, »da er den Leichnam der Melissa

beschlafen«.

Hieher gehören neben den zahlreichen auf das Feuer bezüglichen

Hochzeitsbräuchen auch die im Folk-lore weitverbreiteten

Schwankerzählungen vom Lebenslicht, welche die gleiche Symbolik in Form

einer Traumeinkleidung offen verwerten. Einem Manne träumt, daß ihm der

heilige Petrus im Himmel sein und seines Weibes Lebenslicht zeige. Da in

dem seinen nur noch wenig Öl vorhanden ist, versucht er mit dem Finger

aus seines Weibes Hängelampe Öl in seine einzutröpfeln. So tat er es

mehrmals und sobald der heilige Petrus nahte, _fuhr er zusammen_,

_erschrak_ und erwachte davon; da merkte er, daß er den Finger in den

Geschlechtsteil seines Weibes gesteckt und leckend in seinen Mund den

Finger abgeträufelt habe. (Anthropophyteia, Bd. VII, p. 255 f.) Gleiche

Kenntnis und Verwertung dieser Sexualsymbolik verrät die Anekdote, nach

der der Pfarrer einem Mädchen ihr Genitale als »das Licht des Lebens«

bezeichnet. »Ach, jetzt versteh' ich,« sagt sie, »warum mein Schatz heut

morgen sein' Docht neingesteckt hat.« (Anthrop. VII, p. 310 und eine

Variante ebenda, p. 323.) Umgekehrt sagt in den »Contes drolatiques«

_Balzac's_ die Geliebte des Königs, um den zudringlichen Pfaffen

zurückzuweisen: »Das Ding, das der König liebt, bedarf noch nicht der

letzten Ölung.«

Aber die sexuelle Bedeutung greift allmählich auf alles über, was mit

dem ursprünglichen Symbol in Beziehung tritt. Die Esse, durch die auch

der Storch das Kind fallen läßt, wird zum weiblichen, der

Schornsteinfeger zum phallischen Symbol(209), wie man noch an seiner

jetzigen Glücksbedeutung erkennt; denn die meisten unserer Glückssymbole

waren ursprünglich Fruchtbarkeitssymbole, wie das Hufeisen (Roßtrappe),

das Kleeblatt, die Alraune u. a. m. Selbst unsere heutige Sprache hat

noch vieles von der Feuersymbolik bewahrt: wir sprechen vom

»Lebenslicht«, vom »Erglühen« in Liebe, vom »Feuerfangen« im Sinne von

Verlieben und bezeichnen die Geliebte als »Flamme«.

(209) Der Bergenser _Schornsteinfeger_ singt:

Morgen, ganz zuerst ich kehre

Der Priorin die Röhre. (Anthrop. VI.)

Der Elternkomplex in Mythen und Märchen.

In ähnlicher Weise lassen sich auch andere Symbole durch verschiedene

Schichten ihrer Verwendung und ihres Verständnisses hindurchverfolgen(210):

Ein für das Verständnis der Träume wie der Mythen und Märchen besonders

bedeutsames Symbol ist die Darstellung der Eltern als kaiserliche oder

sonst hochstehende Personen. Die den ehrgeizigen Phantasien des

Individuums dienenden Tagträume von einem »Familienroman« haben das

Verständnis der gleichlautenden Massenphantasien ganzer Völker

ermöglicht und uns gelehrt, in den dem Helden feindlich

gegenübergestellten Machtpersonen Personifikationen des Vaters, in den

ihm von diesen vorenthaltenen Frauen Imagines der Mutter zu erkennen.

Der König und die Königin, von denen fast jedes Märchen zu erzählen

weiß, verleugnen ihren elterlichen Charakter selten und auch der

Heldenmythus bedient sich des gleichen Darstellungsmittels, um die den

Eltern geltenden ambivalenten Regungen vorwurfslos ausleben zu können.

(210) Vgl. _Rank_ und _Sachs_: Die Bedeutung der Psychoanalyse für die

Geisteswissenschaften, S. 15 f. über die Symbolik des Ackerns. Dazu

das schöne Buch von _Dieterich_ »Mutter Erde« (2. Aufl. 1913).

Als Beispiel sei hier ein ungeheuer verbreitetes Märchen angeführt, in

dem ein die ganze Geschichte begründender Traum vielleicht auf die

Beziehung dieser Erzählung zu einem typischen Traumstoff hinweist. Das

Märchen, dessen Parallelen _Th. Benfey_ (Kl. Schr. III) über die ganze

Erde verfolgt hat, beginnt damit, daß _der Sohn träumt, er werde

vornehmer werden als sein Vater, nämlich Kaiser_. Er wird nun hochmütig

und widersetzlich, so daß der Vater, dem er den Grund (nämlich seinen

Traum) nicht verraten will, ihn prügelt und aus dem Hause jagt. Er kommt

nun an den Hof des Kaisers, dem er gleichfalls sein Geheimnis (den

Traum) nicht verraten will, wofür er eingesperrt und zum Hungertode

verurteilt wird. Es gelingt ihm aber, ein Loch in die Mauer seines

Kerkers zu machen und so allnächtlich mit der Königstochter in

Verbindung zu treten, die sich in ihn verliebt und ihn speist. Durch

Erraten schwieriger Rätsel oder durch Lösen schwerer Aufgaben

(Speerwerfen usw.) vermag er schließlich die Hand der Königstochter

wirklich zu gewinnen, ihren Vater zu beseitigen (töten) und sein Erbe

anzutreten. Dieser kurze Auszug, der nur die häufigste Variante der

weitverzweigten Fabel wiedergibt, zeigt doch zur Genüge, daß es sich um

den bekannten Familienroman des Ehrgeizigen handelt, der seinen Vater

(in der Phantasie) zum Kaiser erhöht und ihn dann beseitigt, um seine

Stelle einzunehmen. Mit dieser Stelle ist, wie die psychoanalytische

Untersuchung der individuellen und mythischen Phantasiebildung ergeben

hat, im tiefsten Grunde der Besitz der Mutter gemeint(211), die hier

durch eine Schwesterfigur (die Tochter des Königs) ersetzt ist. Ihre

mütterliche Bedeutung ist aber noch voll erhalten in ihrer Rolle als

Ernährerin, die aus dem zum Familienroman gehörigen Aussetzungsmythus

stammt. Das vornehme Milieu ist nichts als eine den Größenideen dienende

Entstellung der eigenen Familie und die Spaltung der Personen, die in

manchen Fassungen noch weiter geht, dient der vorwurfsfreien

Befriedigung aller den Eltern geltenden Leidenschaften.

(211) In einer ausführlichen Analyse dieser Märchengruppe ließe sich

leicht zeigen, daß die Proben körperlicher Kraft, die der Held ablegt

(Speerwerfen, ungeheure Mengen essen und trinken, schneller als der

Vogel laufen) die eigene Potenz gegenüber der väterlichen

herausstreichen sollen.

Daß tatsächlich der in der Sprache des Unbewußten (Kaiser) dargestellte

Konflikt mit dem Vater um den Besitz der Mutter dieser Märchengruppe zu

Grunde liegt, zeigt eine von _Benfey_ (p. 188) angeführte griechische

Version, welche die Geschichte dem Äsop zuschreibt. Dieser hatte seinen

Adoptivsohn Ainos mit dem Tode bedroht, da er eine von des Königs (=

Vaters) Kebsweibern verführt hatte. Um sich zu retten und beim König in

Gunst zu setzen, fälscht Ainos einen angeblich von Äsop verfaßten

hochverräterischen Brief, auf Grund dessen Äsop in den Kerker geworfen

und von Lykurg zum Tode verurteilt wird. Sein Freund, der Henker, rettet

ihn aber und ernährt ihn heimlich in einem der Gräber. Als aber der

König später Äsops Fähigkeit, schwere Aufgaben durch List zu lösen,

gegen den Ägypterkönig ins Treffen führen will, bereut er die rasche

Verurteilung. Äsop wird zur Stelle geschafft, hilft seinem Herrn gegen

den Ägypterkönig und wird wieder in seine frühere Stellung eingesetzt,

die inzwischen sein Sohn eingenommen hatte. Dieser erhängt sich. Hier

ist der Konflikt zwischen Vater und Sohn, den das Märchen auf Grund des

Familienromans in das königliche Milieu verlegt, wieder auf den

bürgerlichen Boden der eigenen Familie zurückversetzt und direkt

ausgesprochen, daß der Sohn eine von des Königs Kebsweibern (nicht seine

Tochter) erobert.

Den gleichen Vaterkonflikt innerhalb des königlichen Milieus zeigt noch

das stofflich nahestehende Drama _Calderons_: »Das Leben ein Traum«. Da

träumt die Mutter vor der Geburt des Sohnes, dieser werde einst seinen

Fuß auf den Nacken des Vaters setzen. Als sie bei der Geburt stirbt,

wird der Sohn in einen einsamen Turm (Gefängnis) gebracht, wo er niemand

sieht als Clotald, der ihm Speise und Trank bringt (Ernährung). Später

bereut der König doch diese strenge Maßregel und will einen Versuch

machen, der entscheiden soll, ob sich sein Sohn zum Thronerben eigne. Er

bekommt einen Schlaftrunk und wird so ins Schloß gebracht, wo ihm -- als

er erwacht ist -- als Erben von Polens Krone gehuldigt wird. Aber er

macht sich durch sein rohes, wütendes Benehmen unmöglich und wird --

wieder im Schlaf -- in seinen Turm zurückgebracht. Dort erwacht er aus

einem Traum, indem er murmelt: Clotald soll sterben und mein Vater vor

mir knien. Clotald stellt ihm sein ganzes Erlebnis als einen Traum dar,

worauf er in sich geht, seine wilden Sitten ablegt und vom Volk zum

König ausgerufen wird. Sein Vater kniet schließlich wirklich vor ihm,

aber der Sohn zeigt sich milde und nachsichtig gegen ihn. So zeigen die

Träume, welche diese Erzählungen einleiten, scheinbar eine ferne

unerwartete Zukunft prophetisch an, während sie in Wirklichkeit nur

symbolische Ausdrücke (Kaiser) jener Regungen des Ödipus-Komplexes sind,

die auch im realen Leben zu Erfolg, Macht, Ansehen und Besitzergreifung

eines hochstehenden Sexualobjektes führen können. Der Traum aber lehrt

uns, daß alle diese Regungen und Phantasien eigentlich den Eltern gelten

(Vater).

Kulturhistorische Entwicklung des Elternverhältnisses.

Auch hier zeigt die Kulturhistorie die ursprünglich reale Bedeutung der

später nur noch im Symbol fortlebenden Beziehung darin, daß der Vater in

primitiven Verhältnissen seiner »Familie« gegenüber wirklich mit den

höchsten Machtvollkommenheiten ausgestattet war und über Leib und Leben

der »Untertanen« verfügen konnte. Über den Ursprung des Königtums aus

dem Patriarchat in der Familie äußert der Sprachforscher _Max Müller_:

»Als die Familie im Staate aufzugehen begann, da wurde der König

inmitten seines Volkes das, was der Gemahl und Vater im Hause gewesen

war: der Herr, der starke Schützer(212). Unter den mannigfachen

Bezeichnungen für König und Königin im Sanskrit ist eine einfach: Vater

und Mutter. Ganaka im Sanskrit bedeutet Vater von _GAN_ zeugen; es kommt

auch als Name eines wohlbekannten Königs im Veda vor. Dies ist das

altdeutsche chuning, englisch king. Mutter im Sanskrit ist gani oder

ganî, das griechische γυνή, gotisch quinô, slawisch zena, englisch

queen. Königin also bedeutet ursprünglich Mutter oder Herrin und wir

sehen wiederum, wie die Sprache des Familienlebens allmählich zur

politischen Sprache des ältesten arischen Staates erwuchs, wie die

Brüderschaft der Familie die φρατρία des Staates wurde.« -- Auch heute

noch ist diese Auffassung des königlichen Herrschers und der göttlichen

und geistlichen Oberhoheit als Vater im Sprachgebrauch lebendig.

Kleinere Staaten, in denen die Beziehungen des Fürsten zu seinen

Untertanen noch engere sind, nennen ihren Herrscher »Landesvater«;

selbst für die Völker des mächtigen Russenreiches ist ihr Kaiser das

»Väterchen«, wie seinerzeit für das gewaltige Hunnenvolk ihr Attila

(Diminutiv von got. atta = Vater). Das herrschende Oberhaupt der

katholischen Kirche wird als Vertreter Gott-Vaters auf Erden von den

Gläubigen »heiliger Vater« genannt und führt im Lateinischen den Namen

»Papa« (Papst), mit dem auch unsere Kinder noch den Vater bezeichnen.

(212) Vater ist von einer Wurzel _PA_ abgeleitet, welche nicht zeugen,

sondern beschützen, unterhalten, ernähren bedeutet. Der Vater als

Erzeuger hieß im Sanskrit ganitar (genitor). _Max Müller_: Essays,

II. Bd., Leipzig 1869, deutsche Ausg., S. 20.

Brüdermärchen und Weltelternmythe.

Aber auch eine weitere kulturgeschichtliche Entwicklungsphase des

Vaterverhältnisses hat in einer ungeheuer verbreiteten und weitläufigen

Märchengruppe Niederschlag gefunden. Wie sich im individuellen

Seelenleben die dem Vater geltenden, stark verpönten Eifersuchtsregungen

bald gegen den Bruder als Konkurrenten um die Liebe der Mutter wenden,

so zeigen die sogenannten _Brüdermärchen_, als deren bekanntesten Typus

wir das _Grimm_sche Märchen (Nr. 60) nennen(213), die Ersetzung des

Vaters durch den Bruder mit aller Deutlichkeit. Die vergleichende

Märchenforschung in Verbindung mit der psychoanalytischen

Betrachtungsweise ermöglicht es, von den stark entstellten Fassungen, in

denen der Bruder als Rächer des Bruders auftritt, eine geschlossene

Kette von Verbindungsgliedern zu weniger entstellten Versionen

aufzudecken, in denen der Bruder den Bruder beseitigt, um dessen Weib zu

erringen. Dabei ergibt sich, daß der ältere Bruder am jüngeren

Vaterstelle vertritt und die sexuelle Natur der Rivalität kann über

jeden Zweifel sichergestellt werden durch eine Gruppe von

Überlieferungen(214), welche die Kastration des Konkurrenten (andere

Male nur symbolisch angedeutet) unverhüllt schildern.

(213) Die Brüdermärchen sind so weit verbreitet und für die

Mythenforschung so bedeutsam, daß _Georg Hüsing_ sie für den Urtypus

aller Mythenbildung erklärt hat. -- _Hartland_ hat in einem

dreibändigen Werk (The legend of Perseus) die Parallelen des

Brüdermärchens zusammengestellt.

(214) Die ägyptischen Sagen von Osiris und Bata. Vgl. Näheres bei

_Rank_ und _Sachs_ l. c. Cap. II.

Die detaillierte Analyse dieser und ähnlicher Überlieferungen läßt

erkennen, daß nicht alle Mythen ihre eigentliche Bedeutung so unverhüllt

verraten wie die naive Ödipus-Fabel, sondern die ihnen zu Grunde

liegenden anstößigen Wunschregungen erscheinen in ähnlichen

Entstellungen und symbolischen Verkleidungen wie die Mehrzahl unserer

Träume. Wir finden in der Mythenbildung die uns aus dem Traumstudium

bekannten Mechanismen der Verdichtung, der Affektverschiebung, der

Personifizierung psychischer Regungen und ihrer Spaltung oder

Vervielfachung, endlich auch die Schichtenbildung wieder und können, was

noch wichtiger ist, die Tendenzen aufzeigen, durch welche diese

Mechanismen in Funktion gesetzt werden. Macht man auf Grund dieser

Kenntnis alle Entstellungen rückgängig, so stößt man am Ende auf jene

_psychische Realität_ unbewußter Phantasien, die in den Träumen der

heutigen Kulturmenschen so fortleben wie sie einst in objektiver

Realität geherrscht haben.

Die auf dem Verständnis des Traumlebens fußende psychoanalytische

Mythenforschung geht also über den bloßen Berührungspunkt einer

gemeinsamen Symbolik weit hinaus. Sie setzt an Stelle der flächenhaften

Vergleichung von Traum und Mythus eine genetische Betrachtungsweise,

welche gestattet, die Mythen als die entstellten Überreste von

Wunschphantasien ganzer Nationen, sozusagen als die Säkularträume der

jungen Menschheit aufzufassen. Wie der Traum in individueller Hinsicht,

so repräsentiert der Mythus im phylogenetischen Sinne ein Stück des

untergegangenen Kinderseelenlebens und es ist eine der glänzendsten

Bestätigungen der psychoanalytischen Betrachtungsweise, daß sie die aus

der Individualpsychologie geschöpfte Erfahrung des unbewußten

Seelenlebens in den mythischen Überlieferungen der Vorzeit

vollinhaltlich wiederfindet. Insbesondere der tragende Konflikt des

kindlichen Seelenlebens, das ambivalente Verhältnis zu den Eltern und

zur Familie mit all seinen vielseitigen Beziehungen (sexuelle

Wißbegierde usw.), hat sich als Hauptmotiv der Mythenbildung und als

wesentlicher Inhalt der mythischen Überlieferungen erwiesen. Ja, einer

der Hauptvertreter der astralen Mythendeutung, _Eduard Stucken_, geht so

weit anzunehmen, alle Mythen wären im letzten Grunde Schöpfungsmythen.

Diese Auffassung würde sich psychoanalytisch reduzieren auf die

infantile, die Geburtsvorgänge betreffende Sexualneugierde und ihre aufs

Universum projezierten Versuche, zur Erkenntnis zu gelangen.

Insbesondere die sogenannten Weltelternmythen, welche die gewaltsame

Trennung der Ureltern durch den Sohn zum Inhalt haben, scheinen

sämtliche Urmotive des infantilen Ödipus-Komplexes im weiteren Sinne

widerzuspiegeln(215).

(215) Vgl. _Rank_: Das Inzestmotiv, 1912, IX, 1 und _Lorenz_ in

»Imago« II, 1913, p. 22 ff.

Wie weit das Traumleben die Mythenbildung beeinflußt haben mag und in

welcher Weise die alten Mythenerzähler ihr Verständnis des Traumes zu

verwerten wußten, zeigt die Tatsache, daß zahlreiche in Mythen, Märchen

und alter Überlieferung vorkommenden Träume oft detailliert in einer

Weise ausgelegt werden, die eine verblüffende Kenntnis der Symbolik und

der wesentlichen Traumgesetze vorauszusetzen scheint.

Vom Standpunkt der Psychoanalyse kann es gewiß nicht als Zufall

betrachtet werden, daß die meisten dieser Träume von der Sexualsymbolik

ausgiebig Gebrauch machen. So wird in der Kyros-Sage der Mutter des

Helden während ihrer Schwangerschaft ein Traum zugeschrieben, worin

soviel Wasser von ihr geht, daß es, einem großen Strome gleich, ganz

Asien überschwemmt. Wenn im weiteren Verlauf der Erzählung die

Traumdeuter dieses Gesicht auf die bevorstehende Geburt eines Kindes

(und seine künftige Größe) beziehen, so scheinen sie damit die Einsicht

in die psychoanalytisch festgestellte Symbolschichtung zu verraten, nach

der solche ihrem manifesten Inhalt nach vesikale Träume bei Frauen oft

die symbolisch nahestehende Geburtsbedeutung haben können. Übrigens

fügen sich auch die Sintflutsagen der Geburtsbedeutung des

Wassersymbols, indem sich immer an sie eine Regeneration des

Menschengeschlechtes anschließt(216).

(216) Wie unsere Kinder diese Bedeutung aus eigenem wieder beleben,

mag der Traum eines etwa vierjährigen Mäderls zeigen, den C. G. _Jung_

(Jahrb. f. Ps.-A. II, 1910) mitgeteilt hat: »Ich habe heute nacht die

Arche Noah geträumt und da waren viele Tierchen darin und da war unten

ein Deckel daran, der ging auf und die Tierchen fielen alle heraus.«

Ein anderes durch den Hinweis auf die Wunscherfüllung beachtenswertes

Beispiel entnehmen wir der »Aithiopika« des _Heliodorus_ (c. 18).

Thyamis, der Hauptmann, hat am Tage die Chariklea, nebst ihrem Geliebten

und anderer Beute geraubt und kämpft mit der Versuchung, das junge

Mädchen mit Gewalt zu der Seinigen zu machen. »Nachdem er den größten

Teil der Nacht geruht hatte, wurde er von umherschweifenden Träumen

beunruhigt, plötzlich im Schlafe gestört, und verlegen über ihre

Deutung, hing er wachend seinen Gedanken nach. Denn um die Zeit, wo die

Hähne krähen(217) . . . . . . kam ihm durch göttliche Schickung

folgendes Traumgesicht: Indem er zu Memphis, seiner Vaterstadt, den

Tempel der Isis besuchte, kam es ihm vor, als ob dieser ganz _von

Fackelschein erleuchtet_ würde. Altäre und Herde waren von

mannigfaltigen Tieren angefüllt und mit _Blut benetzt, die Vorhallen und

Gänge aber voll_ Menschen, die mit Händeklatschen und gemischtem Getös

alles erfüllten. Nach seinem Eintritt in das Heiligtum selbst sei ihm

die Göttin entgegengekommen, habe ihm die Chariklea eingehändigt und

gesagt: ›Diese Jungfrau, Thyamis, übergebe ich dir. Habend wirst du sie

nicht haben, sondern wirst ungerecht sein und die Fremde töten; aber sie

wird nicht getötet werden.‹ Dieses Gesicht setzte ihn in große

Verlegenheit. Er wendete es nach allen Seiten, und suchte den Sinn

aufzufinden, und da ihm dieses nicht gelingen wollte, _paßte er die

Lösung seinen Wünschen an_. Die Worte: ›Habend wirst du sie nicht haben‹

deutete er: ›zur Gattin, und nicht mehr als Jungfrau‹. Den Ausdruck: ›Du

wirst sie töten‹ bezog er auf die _jungfräuliche Verletzung_, an der

Chariklea nicht sterben würde. Auf diese Art erklärte er den Traum,

indem sein Verlangen den Ausleger machte.« (Übers. v. Fr. Jacobs,

Stuttgart 1837.)(218)

(217) Träume gegen Morgen gesehen, galten für wahr.

(218) Wenngleich der Inhalt des gegebenen Traumes hier in dieser Weise

aufgefaßt wird, so ist doch nicht zu übersehen, daß er, offenbar aus

einem anderen Zusammenhang stammend (ein altes Orakel scheint zu

Grunde zu liegen), ursprünglich auch eine andere Bedeutung gehabt

haben dürfte.

Träume und ihre Deutung im Mythus.

Wie es sich hier um eine symbolische Darstellung der Defloration

handelt, die in sadistischer Auffassung als Tötung erscheint, wobei auch

das Blut nicht fehlt, so zeigt ein in seinen Vorbedingungen ähnlicher

Traum aus ganz anderer Überlieferung den gleichen Wunsch in einer

ebenfalls typisch symbolischen Einkleidung. _Saxo Grammaticus_ (ed.

Hölder p. 319) erzählt folgende Geschichte. Thyri bittet ihren Gatten

Gormo in der Hochzeitsnacht inständig, sich während dreier Nächte des

Beischlafes zu enthalten; sie werde sich ihm nicht zu eigen geben, bevor

er im Schlafe ein Zeichen erhalten hätte, daß ihre Ehe fruchtbar sein

werde. Unter diesen sonderbaren Bedingungen träumt ihm folgendes: »Zwei

Vögel, der eine größer als der andere, fliegen auf den Geschlechtsteil

seiner Frau herab (prolapsos) und mit schwingenden Körpern erheben sie

sich im Fluge wieder in die Lüfte. Nach einer Weile kehren sie wieder

und setzen sich in seine Hände. Ein zweites und drittes Mal fliegen sie,

durch kurze Rast gestärkt (recreatos), davon, bis endlich der kleinere

von ihnen seines Genossen ledig mit blutigem Gefieder (pennis cruore

oblitis) zu ihm zurückkehrt. Durch dieses Gesicht erschreckt, gibt er,

schlafend wie er war, seinem Entsetzen Ausdruck und erfüllt das ganze

Haus mit lautem Geschrei. Thyri aber zeigt sich über den Traum sehr

erfreut und meint, sie wäre niemals seine Gattin geworden, wenn sie

nicht aus diesen Traumbildern die sichere Gewähr ihres Glückes geschöpft

hätte.« Diesen in allen seinen Details charakteristischen

Deflorationstraum deutet die Frau mit leichter Verschiebung ihrer

eigenen Wunschregungen als minder anstößiges Zeichen für Kindersegen.

Der Vogel erscheint hier deutlich als phallisches Symbol, sogar mit

besonderer Darstellung der verschiedenen Zustände (groß und klein), die

schwingende Bewegung wie überhaupt die Rhythmik des ganzen Traumes

weisen auf den intendierten Koitus und charakteristische Details (ein

zweites und drittes Mal, durch kurze Rast gestärkt) auf die gewünschte

Wiederholung; daß endlich der kleine allein mit blutigen Federn

zurückbleibt, läßt wohl in seiner Bedeutung keinen Zweifel zu. Die Angst

am Schluß des Traumes erklärt sich einwandfrei als Ausdruck der durch

die Traumsymbolik nicht voll befriedigten Libido, deren Abfuhr gehemmt

ist(219). Dieser Mechanismus entspricht vollauf dem aus wiederholter

Erfahrung bekannten analogen Fall, wo an Stelle der intendierten, aber

gehemmten Libidobefriedigung (Pollution) Angst auftritt. Ich kann es mir

an dieser Stelle nicht versagen, einen unter ganz ähnlichen Umständen

geträumten und in seiner Symbolik überraschend analogen Traum einer

jungen Frau mitzuteilen(220).

(219) Vgl. die Angst im Traum vom Lebenslicht, oben S. 392.

(220) Vgl. _Rank_: Aktuelle Sexualregungen als Traumanlässe.

Ein junger Ehemann will in sexueller Erregung den Geschlechtsakt mit

seiner Frau ausführen, muß es aber mit Rücksicht auf die unerwartet

eingetretene Menstruation der Frau unterlassen. Nachdem er den flüchtig

aufsteigenden Gedanken, sich auf irgend eine andere Weise zu

befriedigen, von sich gewiesen und die Frau auf eine leise Anspielung

eines Fellatiowunsches sich ablehnend gezeigt hatte, schlafen beide ein.

Jeder von ihnen hat nun einen auf dieses Erlebnis bezüglichen Traum und

diese beiden in einer Nacht vorgefallenen Träume gehören inhaltlich so

gut zusammen, _als wären sie von derselben Person geträumt_. Ihre

Kenntnis verdanke ich nicht etwa einer besonderen Offenherzigkeit der

Eheleute, sondern ihrer Unkenntnis der Traumsymbolik, und die zum

besseren Verständnis vorerwähnten sexuellen Vorfälle wurden erst später

ermittelt, um die vermutete Deutung zu verifizieren.

Der Traum, den die, vermutlich gleichfalls erregte, aber von einer

Fellatio abgestoßene Frau in derselben Nacht hatte, lautet nach ihrer

Niederschrift, die der Mann auf mein Ersuchen besorgen ließ,

folgendermaßen:

»Mein Mann hat aus einer Dachrinne junge _Spatzen_, die noch _ganz naß_

waren, _mit der Hand herausgeworfen_ und ich habe ihm _gesagt, er soll

das nicht tun_. Mit einem von ihnen, _der schon größer war_, habe ich

mich _gespielt_; er ist mir _auf die Hand geflogen_ und hat mich mit

einem _großen Stachel_, der wie ein _Schwanz_ oder wie ein _Schnabel_

war, _in den Finger gestochen_, so daß ich geschrien habe: Au, nicht!

Das tut ja weh! -- Dann hat mein Mann einen von den jungen _Spatzen_

genommen und gesagt, _man kann sie auch essen_. Ich habe mich aber davor

_geekelt_ und _erbrochen_.« Die Deutlichkeit dieser Traumsprache(221),

die durch einen Kommentar nur leiden könnte, gewinnt noch ein besonderes

Interesse durch die Übereinstimmung in manchen Details mit dem Traum des

Mannes, von denen das Erbrechen auf ein gemeinsames peinliches Erlebnis,

das in den Fingerstechen aber darauf hindeutet, daß doch gegenseitige

oder autoerotische Manipulationen an den Genitalien vorgenommen worden

sein dürften.

(221) In einem anderen Traume stellt dieselbe Frau in Anlehnung an die

ihr bekannten geflügelten Phalloi der Antike das ganze männliche

Genitale (inklusive Hoden) in der Vogelsprache dar: »Es haben mich

Löwen und Tiger, auch wilde _Schweine_ verfolgt, die mich fressen oder

mit mir verkehren wollten. Ich flüchtete, um mich zu retten; dann

waren auch ein Paar von den Bestien schon _eingesperrt_. Dann kam ich

über einen Bergesabhang auf einen Hof, wo ich Vögel herumfliegen sah.

Doch hatte ich schon einen schönen _kleinen weißen Vogel_ im Käfig

_eingesperrt_. Ich habe ihn herausgenommen, jedem gezeigt und gesagt,

das ist mein eigener Vogel, den ich schon lange eingesperrt habe. Von

den herumfliegenden Vögeln sind dann _zwei_ vom Dach _heruntergefallen_;

ich habe sie aufgefangen, aber sie waren schon _ganz hin_;

da habe ich sie gedrückt und _sie sind wieder lebendig geworden_.

_Sie waren zusammengewachsen_ und es sind mir an ihnen _eigentlich

nur_ die schön gefärbten _Flügel_ aufgefallen.« Die letzten

Details (zusammengewachsen und nur die Flügel im Gegensatz zu

dem anderen ganzen Vogel) weisen, wenn noch ein Zweifel bleiben

könnte, unzweideutig auf das sexuelle Vorbild dieses Symbols hin.

Die Traumentstellung in der mythischen Überlieferung.

Die Übereinstimmungen sind so augenfällig und erstrecken sich so weit

auf die Vorbedingungen und ins Detail, daß ihre besondere Hervorhebung

und Erörterung sich erübrigt. Dagegen läßt sich ein bemerkenswerter

Unterschied nicht übergehen: nämlich daß dieser dem ersten ganz analoge

Traum von der Frau stammt, während ihn bei _Saxo_ der Mann träumt. Aber

dieser Widerspruch verliert seine scheinbare Bedeutung, wenn wir uns aus

dem eben mitgeteilten Beispiel daran erinnern, daß unter den gegebenen

Umständen offenbar beide beteiligten Personen der Situation

entsprechende Traumbilder haben und daß es für eine das weibliche

Schamgefühl schonende Fassung(222) sehr nahe lag, einen -- quasi

gemeinsamen -- Traum dem Manne zuzuschreiben. Für die Einwirkung einer

solchen Milderungstendenz würde auch der Umstand sprechen, daß spätere

von _Saxo_ zweifellos beeinflußte Fassungen den Traum wieder der Frau

zuschreiben, ihn aber dafür von der anstößigen Einkleidung befreien. Der

Untersuchung von _Benezé_ entnehmen wir, daß ein ähnlicher Traum sich in

dem mittelhochdeutschen Spielmannsepos »Salman und Morolf« findet, dem

man es kaum mehr anmerkt, daß er nach dem Vorbild bei _Saxo_ gestaltet

ist. Salmans treulose Frau sucht ihren Gatten durch Erzählung eines, wie

sie glaubt, nachkommenverheißenden Traumes zu versöhnen und wieder zu

gewinnen. Sie erzählt ihm, ihr habe geträumt, daß sie in seiner süßen

Umarmung schlafe, als zwei Falken ihr auf die Hand flogen. Von größerem

Interesse ist es, daß auch Kriemhilds Traum (im Anfang des

Nibelungenliedes) in diesen Zusammenhang gehört: Ihr träumt von einem

starken, schönen, wilden Falken, den sie sich gezogen (und den ihr zwei

Adler geraubt hatten). Dieser noch weiter entstellte und rationalisierte

Traum kommt merkwürdigerweise in seiner Deutung dem ursprünglichen Sinn

insofern näher, als diese die Fruchtbarkeitsbedeutung ganz außer acht

läßt und den Vogel direkt mit dem zu erwartenden Mann identifiziert. Die

Bedingung zur Traumentstellung ist hier durch die Sexualablehnung des

Mädchens gegeben, die bewußterweise von Männerliebe nichts wissen will.

Ähnlich wird in der Volsungasage (c. 25) Gudruns Traum, in dem sie einen

schönen Habicht mit goldigen Federn auf ihrer Hand sah, auf einen

Königssohn gedeutet, der um sie werben, den sie bekommen und sehr lieben

werde. »Eine vielfache Anwendung finden die Vögel ferner« nach _Mentz_

in den französischen Volksepen, »um bei Frauen die Geburt von Kindern

anzuzeigen. Immer sehen die Träumenden dann, wie aus dem _Munde_ oder

dem _Magen_ Vögel herausflattern.« In der mittelhochdeutschen Epik

erscheint der Falke endlich sehr häufig als glück- und rettungbringender

Vogel, ein letzter Nachklang seiner symbolisch Geschlechtsgenuß und

Kindersegen schaffenden Funktion.

(222) Vgl. Thyris' Wunsch nach Fruchtbarkeit, der ihr Sexualverlangen

ersetzt. Es sei hier nicht unerwähnt, daß die wirkliche

Fruchtbarkeitsbedeutung in einer zweiten Version derselben Sage einen

ganz anderen, in mehrfacher Hinsicht interessanten Ausdruck findet.

Dort ist Thyri noch unvermählt und stellt ihrem Zukünftigen folgende

Bedingung: er möge ein Haus bauen, wo vorher noch keines gestanden,

dort die drei Nächte schlafen und darauf achten, was ihm träume. Er

hat dann drei Träume von je drei Ochsen, wodurch Thyri über den

Ausfall der nächsten drei Jahre unterrichtet, zur Vorsorge mit

Getreidevorräten veranlaßt wird. _Henzen_, der hier mit Recht an die

biblischen Träume des Pharao von den sieben fetten und sieben mageren

Kühen erinnert, betont das »Zugrundeliegen alter indogermanischer

Anschauung, welche die Zeugungskraft der Natur unter dem Bilde des

Stieres und die Fruchtbarkeit der Erde unter dem der Kuh sich

vorzustellen liebte« (vgl. Sanskrit gans = Kuh und Erde). So könnte

auch dem Pharaotraum ein Wunsch nach menschlicher Fruchtbarkeit, eine

Potenzphantasie zu grunde liegen. Die besonders geforderte Bedingung

der Neuheit des Hauses und des Bauplatzes, die andere Male zu einem

wahren Zeremoniell ausgestaltet erscheint (Unberührtheit des Lagers,

des Bettzeugs, der Wäsche), könnte hier die Unberührtheit des Mädchens

ersetzen. Noch heute herrscht übrigens der Glaube, daß der erste in

einem neuen Milieu geträumte Traum in Erfüllung geht.

Schließlich ist noch eine merkwürdige Beziehung des Traumes zur

Mythenforschung zu erwähnen, die nur auf dem Boden der Psychoanalyse

erwachsen konnte. Es gibt Träume, die sich zur Darstellung aktueller

psychischer Situationen gewisser aus der Kindheit bekannter

Märchenstoffe bedienen. Die Analyse deckt in diesen Fällen zugleich mit

dem Grund für die individuelle Verwendung des Motivs oft auch dessen

allgemeine Bedeutung auf, die sich mythologisch fruchtbar erweist. Die

neurotischen Patienten, die ja viel deutlicher als der Normale die

primitive Einstellung bewahrt haben, geben oft in dieser Weise den Weg

an, den die Schöpfer der Massenphantasien bei ihren Produktionen

gegangen sind. So berichtet _Freud_ von einem jungen Manne, der aus

seinem fünften Lebensjahr einen Angsttraum von sieben Wölfen erzählte.

Die Analyse ergab, daß der Traum an das Märchen vom Wolf und den sieben

jungen Geißlein anknüpft, und die Angst vor dem Vater zum Inhalt hat wie

der dem Märchen selbst zu Grunde liegende Mythus von Kronos, der von

seinem jüngsten Sohn Zeus entmannt wird.

Auch hier bewährt sich die psychoanalytische Grundanschauung, daß die

gleichen unbewußten Triebkräfte an der Produktion der normalen,

pathologischen und sozial hochwertigen seelischen Leistungen des

einzelnen wie des Volkes entscheidend mitwirken und daß darum die

Erkenntnis des einen zum Verständnis des anderen soweit beizutragen

vermag, als das Allgemein-Menschliche im Seelenleben reicht.

Die Traumdeutung · 第 53 / 57 题