»Was, von Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.«
_Goethe_.
Den Menschen ist seit jeher aufgefallen, daß ihre nächtlichen
Traumgebilde mancherlei Ähnlichkeit mit den Schöpfungen der Poesie
verraten, und Dichter wie Denker haben mit Vorliebe diesen in Form,
Inhalt und Wirkung zu Tage tretenden Beziehungen nachgespürt. Die bei
diesem Bemühen aufgetauchten Ahnungen und Einsichten sind, wenn sie sich
auch nicht zur Erkenntnis verdichtet haben, doch für das Wesen der
beiden miteinander verglichenen Phänomene so bezeichnend, daß sich auch
für die wissenschaftliche Betrachtung eine Orientierung über diese
Meinungen verlohnt. Den Traumforscher wird dabei vor allem
interessieren, welche Schätzung und welches Verständnis die intuitiven
Seelenkenner dem Traumrätsel entgegenbrachten, in welcher Art die
Dichter ihre Kenntnis des Traumlebens in den Werken zu verwerten wußten,
und endlich welche tieferen Zusammenhänge zwischen den sonderbaren
Fähigkeiten der »schlafenden« und der »inspirierten« Seele sich etwa
erkennen lassen.
Dichteraussprüche über Bedeutung und Wesen des Traumes.
Vor allem wird der Psychoanalytiker mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen,
daß die intuitive Erfassung genialer Menschen dem Traum immer eine
_Bedeutung_ beigemessen hat, die wohl in Widerspruch zu dem Urteil der
offiziellen Wissenschaft und der intellektuellen Mehrheit tritt, sich
aber dafür auf ein jahrtausende altes, endlich durch die Psychologie
sanktioniertes Vorurteil des Volkes berufen darf. Die Überzeugung, daß
im Traumleben der Schlüssel zur Erkenntnis der menschlichen Seele, also
des Menschen überhaupt, gegeben sei, findet sich wiederholt mit dem
größten Nachdruck ausgesprochen. So heißt es in _Hebbels_ »Tagebüchern«
(6. August 1838): »Die menschliche Seele ist doch ein wunderbares Wesen
und der Zentralpunkt aller ihrer Geheimnisse ist der Traum.« Und der
Dichter _Jean Paul_, der seinen Träumen besondere Aufmerksamkeit und ein
sorgfältiges Studium widmete, sagt: »Wahrlich, mancher Kopf würde uns
mehr mit seinen Träumen als mit seinem Denken belehren, mancher Dichter
mehr mit seinen wirklichen Träumen als mit seinen gedichteten ergötzen,
so wie der seichteste Kopf, sobald er in eine Irrenanstalt gebracht ist,
eine Prophetenschule für den Weltweisen sein kann.« Und an einer anderen
Stelle bemerkt er ergänzend: »Besonders könnte ich mich wundern, warum
man den Traum nicht gebraucht, um daran den _unwillkürlichen
Vorstellungsprozeß der Kinder_, der Tiere, _der Wahnsinnigen_ zu
studieren, sogar _der Dichter_, der Tonkünstler und der Weiber.«
Eine ähnliche Schätzung hat _Ferdinand Kürnberger_ für den Traum:
»Wahrlich, wären die Menschen sinniger, die feinen Winke der Natur zu
beobachten und zu deuten, dieses Traumleben müßte sie aufmerksam machen.
Sie müßten finden, daß von dem großen Rätsel, nach dessen Lösung sie
dürsten, die Natur uns hier schon die erste Silbe eingeflüstert hat.«
Der geistreiche Philosoph _Lichtenberg_, dem wir feine Beobachtungen und
Bemerkungen über dieses Thema verdanken, schreibt einmal: »Ich empfehle
Träume nochmals. Wir leben und empfinden so gut im Traum als im Wachen,
und das eine macht so gut als der andere einen Teil unserer Existenz
aus. Es gehört unter die Vorzüge des Menschen, daß er träumt und es
weiß. Man hat schwerlich noch den rechten Gebrauch davon gemacht. Der
Traum ist ein Leben, das mit dem unserigen zusammengesetzt das wird, was
wir menschliches Leben nennen. Die Träume verlieren sich in unser Wachen
allmählich herein, und man kann nicht sagen, wo das eine anfängt und das
andere aufhört.«
Und _Nietzsche_, den wir als direkten Vorläufer der Psychoanalyse auch
auf diesem Gebiete anerkennen müssen, kennt ähnliche _Beziehungen des
Traumes zum Wachleben_(184): »Was wir im Traume erleben, vorausgesetzt,
daß wir es oftmals erleben, gehört zuletzt so gut zum Gesamthaushalt
unserer Seele wie irgend etwas wirklich Erlebtes: wir sind vermöge
desselben reicher und ärmer, haben ein Bedürfnis mehr oder weniger und
werden schließlich am hellen lichten Tage und selbst in den heitersten
Augenblicken unseres wachen Geistes ein wenig von den Gewöhnungen
unserer Träume gegängelt.«
(184) Vgl. dazu die Ausführungen oben p. 5 ff.
Daß er auch hier nicht vor den Konsequenzen seiner Auffassung
zurückschreckte, zeigt folgende Stelle aus der »Morgenröte«: »In allem
wollt ihr verantwortlich sein! Nur nicht für eure Träume! Welche elende
Schwächlichkeit, welcher Mangel an folgerichtigem Mute! Nichts ist mehr
euer Eigen als eure Träume! Nichts mehr euer Werk! Stoff, Form, Dauer,
Schauspieler, Zuschauer -- in diesen Komödien seid ihr alles ihr selber!
Und hier gerade scheut und schämt ihr euch vor euch, und schon _Ödipus_,
der weise _Ödipus_, wußte sich Trost aus dem Gedanken zu schöpfen, daß
wir nichts für das können, was wir träumen(185). Ich schließe daraus:
_daß die große Mehrzahl der Menschen sich abscheulicher Träume bewußt
sein muß_. Wäre es anders: wie sehr würde man seine nächtliche Dichterei
für den Hochmut des Menschen ausgebeutet haben!«
(185) Es ist bezeichnend für _Nietzsches_ Einstellung zum
Ödipuskomplex, daß er hier einen doppelten Irrtum begeht: nicht
Ödipus, sondern seine Mutter sucht Trost in der Bedeutungslosigkeit
der Träume, aber Ödipus läßt sich dadurch nicht trösten.
Ähnlich wertet auch _Tolstoi_ den Traum: »Wenn ich wache, kann ich mich
wohl über mich selbst täuschen, der Traum dagegen gibt mir den rechten
Maßstab für die Stufe sittlicher Vollkommenheit, die ich erreicht habe.«
(Nachl. Bd. III.)
Und _Lichtenberg_ urteilt: »Wenn Leute ihre Träume aufrichtig erzählen
wollten, da ließe sich der Charakter eher daraus erraten als aus dem
Gesicht.«
Im gleichen Sinne hat sich jüngst noch _Gerhart Hauptmann_ geäußert:
»Alle verschiedenen Arten und Grade der Träume erforscht zu haben, würde
bedeuten, in einem weit tieferen Sinne, als irgend einem heutigen Kenner
der menschlichen Seele zu sein.« (Immanuel Quint.)
Ganz psychoanalytisch im Detail der Anweisung klingt endlich eine
Eintragung aus _Hebbels_ »Tagebüchern«: »Wenn sich ein Mensch
entschließen könnte, _alle seine Träume, ohne Unterschied, ohne
Rücksicht, mit Treue und Umständlichkeit und unter Hinzufügung eines
Kommentars, der dasjenige umfaßte, was er etwa selbst nach Erinnerungen
aus seinem Leben und seiner Lektüre an seinen Träumen erklären könnte,
niederzuschreiben_, so würde er der Menschheit ein großes Geschenk
machen. Doch so wie die Menschheit jetzt ist, wird das wohl keiner tun;
im stillen und zur eigenen Beherzigung es zu versuchen, wäre auch schon
etwas wert.«
Aber nicht nur die Bedeutung des Traumlebens für die Menschenkenntnis
wird von den Dichtern anerkannt, sondern sie wissen auch über das _Wesen
des Traumes_ im einzelnen viel Interessantes auszusagen, was sich oft
auffällig mit den Ergebnissen der psychoanalytischen Forschung deckt.
Der von den Traumdeutern und Traumbüchern seit jeher angewandte
Kunstgriff, die Traumauslegung dem Beruf des Träumers anzupassen, findet
sich in der Dichtung wiederholt angedeutet, mit dem Hinweis, daß sich
überhaupt die Gedanken des Tages ins Traumleben fortsetzen(186). Die
Auffassung, daß jeder Mensch seinen Interessen und Neigungen
entsprechend träume, wird häufig in einer dem _Wunscherfüllungsprinzip_
angenäherten Form ausgesprochen. So heißt es bei _Chaucer_ (The
Parlement of Foules, 99 ff.):
»The wery hunter, sleping in his bed,
To wode ayein his minde goth anoon;
The juge dremeth how his plees ben sped;
The carter dremeth, how his cartes goon;
The riche of gold; the knight fight with his foon,
The seke met he drinketh of the tonne;
The lover met he hath his lady wonne.«
(186) Besonders verwendet die an Träumen reiche mittelhochdeutsche
Epik diese Eigentümlichkeit des Traumes, die auch der römische Dichter
_Claudius_ kennt:
»Omnia quae sensu volvuntur rota diurno
Petore sopito reddit amica quies.«
(_Riese_, Anthol. lat. II, 1, II, p. 105.)
Ähnlich hat _Shakespeare_ in der berühmten Stelle von »Romeo and Juliet«
das Wirken der »Queen Mab« geschildert:
»And in this state she gallops night by night
Through lovers' brains and then they dream on love;
O'er courtiers' knees, that dream on court'sies straight,
O'er lawyers' fingers, who straight dream on fees,
O'er ladies' lips, who straight on kisses dream
. . . . . . . . . . . . . .
Sometimes she gallops o'er a courtier's nose,
And then dreams he of smelling out a suit;
And sometimes comes she with a tithe-pig's tail
Tickling a parson's nose as a' lies asleep,
Then dreams he of another benefice« (Act I, Sc. 4).
Und als Beispiel aus der deutschen Dichtung sei _Johann Peter Uz_ mit
einem Vers zitiert(187):
»Ein jeder gleichet seinen Träumen:
Im Traume zecht Anakreon;
Ein Dichter jauchzt bei seinen Reimen
Und flattert um den Helikon.
Für euch, Monaden, flicht mit Schlüssen
Ein Liebling der Ontologie;
Und allen Mädchen träumt von Küssen:
Denn was ist wichtiger für sie?«
(187) Mitteilung von _Winterstein_ im »Zbl. f. Ps.-A.« II, 192.
Die infantilen Traumquellen in der Dichtung.
Daß man sich in naiveren Zeitaltern auch vor der dichterischen
Darstellung grob sexueller Traumbefriedigungen nicht scheute, mag das
folgende griechische Liebesgedicht (Ausg. v. O. Kiefer) zeigen:
_Wohlfeil kuriert_.
Die Sthenelais, die Stadtentzündende, Feuerbezahlte,
Welche die Wünschenden all überschütten mit Gold,
Hat ganz nackt ein Traum in der Nacht mir zur Seite gezaubert;
Bis zum lieblichen Licht hat sie mir alles gewährt.
Nicht mehr werd' ich nun knie'n vor der Grausamen; werde für mich nicht
Forthin weinen; der Schlaf hat es mir alles gewährt.
Als Gegenstück sei der griechische Schwank von dem weisen Richter
genannt, »der einer Kurtisane das Spiegelbild ihres Lohnes empfahl, als
sie von ihrem Liebhaber die Bezahlung forderte, weil er sie im Traume
genossen hatte« (_v. d. Leyen_, p. 98). Möglicherweise gehört in diesen
Zusammenhang auch die Fabel von dem schönen Jüngling _Endymion_, den
seine Geliebte Selene, so oft er von der Jagd ermüdet entschlummert war,
liebend in zärtlicher Umarmung besuchte, und dem sein Vater Zeus auf
seine Bitten ewigen Schlaf und Jugend gewährte. Diese reizende Phantasie
hat _Wieland_ im »Musarion« als erotischen Wunschtraum gefaßt:
-- -- -- -- -- -- und wenn Endymion,
(Dem Luna, daß sie ihn bequemer küssen möge,
So schöne Träume gab) durch eine Million
Von Sonnenaltern stets in süßen Träumen läge
Und träumt', er schmaus' am Göttertisch
Mit Jupitern und buhle mit Göttinnen
-- -- -- -- -- -- --
Sprich, wer gestände unerrötend ein,
Er wünsche sich Endymion zu sein?
Nicht nur die wunschgerechte Fortsetzung des Wachdenkens im
Schlafzustand ist den Dichtern bekannt, sondern auch die zweite
bedeutsamere _Traumquelle des infantilen Lebens_. So sagt _Dryden_ (The
Cock and the Fox) vom Traum:
»Sometimes forgotten things long cast behind
Rush forward in the brain and come to mind.
The nurse's legends are for truth received,
And the man dreams but what the boy believed.«
Am schönsten hat _Lenau_ diese Rückkehr des Träumers ins Jugendland als
tröstende und wunscherfüllende Traummacht gepriesen:
»Trägt aber uns der Schlaf mit weicher Hand
Ins Zauberboot, das heimlich stößt vom Strand,
Und lenkt das Boot im weiten Ozean
Der Traum herum, ein trunkner Steuermann,
So sind wir nicht allein, denn bald gesellen
Die Launen uns der unbeherrschten Wellen
Mit Menschen mancherlei, vielleicht mit solchen,
Die feindlich unser Innres tief verletzt,
Bei deren Anblick sich das Herz entsetzt,
Getroffen von des Hasses kalten Dolchen;
_An denen gerne wir vorüberdenken_,
Um tiefer nicht den Dolch ins Herz zu senken. --
Dann wieder bringen uns die Wellenfluchten,
_Wohin wir wachend nimmermehr gelangen_,
_In der Vergangenheit geheimsten Buchten_,
Wo uns der Jugend Hoffnungen empfangen.
Was aber hilft's? Wir wachen auf -- -- entschwunden
Ist all das Glück, es schmerzen alte Wunden.
Schlaflose Nacht, du bist allein die Zeit
Der ungestörten Einsamkeit.«
E. T. A. _Hoffmann_, der dem Traum und ähnlichen Zuständen größte
Beachtung schenkte, schreibt im »Kater Murr« (I, 1): »Ewig
unerforschlich bleibt uns das erste Erwachen zum klaren Bewußtsein! --
Wäre es möglich, daß dies mit einem Ruck geschehen könnte, ich glaube,
der Schreck darüber müßte uns töten. Wer hat nicht schon die Angst der
ersten Momente im Erwachen aus tiefem Traum, bewußtlosem Schlaf,
empfunden, wenn er sich selbst fühlend, sich auf sich selbst besinnen
mußte! -- Doch, um mich nicht weit zu verlieren, ich meine, jeder starke
psychische Eindruck in jener Entwicklungszeit läßt wohl ein Samenkorn
zurück, das eben mit dem Emporsprossen des geistigen Vermögens
fortgedeiht, und so lebt aller Schmerz, alle Lust jener Stunden der
Morgendämmerung in uns fort und es sind wirklich die süßen,
wehmutsvollen Stimmen der Lieben, die wir, als sie uns aus dem Schlafe
weckten, nur im Traum zu hören glaubten, und die noch in uns
forthallten.«
Und _Jean Paul_ sucht diese Traumregel, die _Hebbel_ in die Formel faßt:
»Alle Träume sind vielleicht nur Erinnerungen«, zu begründen: »Die
weiter rückwärts liegende Vergangenheit, in welche sich so viel
nachherige eingesponnen, besucht und reizt uns Träumer mehr als die
Leere des vorherigen Tages.« -- »Der Traum setzt uns nach _Herders_
schöner Bemerkung immer in Jugendstunden zurück; -- ganz natürlich, weil
die Enge der Jugend die tiefsten Fußtritte in dem Felsen der Erinnerung
ließ, und weil eine ferne Vergangenheit schon öfter und tiefer in den
Geist eingegraben wird als eine ferne Zukunft.«
Das diesem Infantilstreben zu Grunde liegende Problem der Regression hat
_Hebbel_ wenigstens geahnt: »Diejenigen Träume, welche etwas ganz Neues,
wohl gar Phantastisches bringen, sind in meinen Augen bei weitem nicht
so bedeutend als diejenigen, welche die ganze Gegenwart bis auf die
leiseste Regung der Erinnerung töten und den Menschen in das Gefängnis
eines längst vergangenen Zustandes zurückschleppen. Denn bei jenen ist
doch nur dasselbe Vermögen wirksam, worauf die Kunst und alles, was mehr
oder weniger annähernd zu ihr heranführt, beruht und was man Phantasie
zu nennen pflegt; bei diesen aber eine ganz eigentümliche, rätselhafte
Kraft, die den Menschen im eigentlichsten Verstande sich selbst stiehlt
und die ausgemeißelte Statue wieder in den Marmorblock einschließt.«
(Tgb. 6. August 1838.)
Und _Nietzsche_ (Menschl. II, 27 ff.) hat es deutlich erkannt: »Im
Schlafe und im Traume machen wir das ganze Pensum früheren Menschtums
durch . . . . Der Traum bringt uns in ferne Zustände der menschlichen
Kultur wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, sie besser zu
verstehen.«
Die Traumfunktion in dichterischer Auffassung.
Erfreulich ist auch, zu sehen, wie die Dichter gewisse hartnäckige
Vorurteile, die jeder tieferen Traumerkenntnis im Wege standen, durch
ihre kühne antithetische Auffassung zu tiefen Einsichten ummünzen. So
hat _Hebbel_ die scheinbare Unverständlichkeit der Traumbilder daraus
erklärt, daß wir die Sprache des Traumes nicht verstünden, und auf seine
Zusammensetzung aus einzelnen, den Buchstaben vergleichbaren Elementen,
hingewiesen. (»Tagebuch« 1842): »Wahnsinnige, verrückte Träume, die uns
selbst im Traume doch vernünftig vorkommen: die Seele setzt mit einem
Alphabet, das sie noch nicht versteht, unsinnige Figuren zusammen, wie
ein Kind mit den 24 Buchstaben; es ist aber gar nicht gesagt, daß dies
Alphabet an und für sich unsinnig ist.«
Die Auffassung des _Traumes als Schlafhüter_, die gerade beim Erwachen
infolge eines Reizes dem subjektiven Empfinden so sehr zu widersprechen
scheint, hat bereits _Jean Paul_ vertreten: »Sobald der Geist sogar zu
stärkeren Angriffen von außen nur eine Traumgeschichte zu erfinden weiß,
die jene motiviert und einwebt: _so verlängert gerade der Traum den
Schlaf_.«
Auch der uralte, wohl am tiefsten eingewurzelte Aberglaube von der
divinatorischen Kraft des Traumes ist durch _Hebbel_ im wahren Sinne des
Wortes umgewertet worden: »Die Alten wollten aus dem Traum weissagen,
was dem Menschen geschehen würde. Das war verkehrt! Weit eher läßt sich
aus dem Traum weissagen, was er tun wird.« Und in anderer Form:
»_Der Traum als Prophet_.
Was dir begegnen wird, wie sollte der Traum es dir sagen?
Was du tun wirst, das zeigt er schon eher dir an.«
Angst- und Wunschträume in der Dichtung.
Nach diesen Proben wird es uns nicht wundern zu erfahren, daß die
Ausnahmemenschen, deren geistiges Leben in einem hohen Grade der
Selbstbeobachtung und Selbstdarstellung dient, im Verständnis des
Traumes zu den tiefsten Einsichten gelangten. Ist die Konstatierung der
Tagesanknüpfung und der Kindheitsreste nur eine -- wenn auch
scharfsichtige -- Deskription des _manifesten_ Trauminhaltes, so weisen
einzelne feine Bemerkungen auf das Wirken _latenter Traumfaktoren_ und
die ihnen entsprechende Dynamik des Trieblebens hin. Wenn _Goethe_
einmal (12. März 1828) zu Eckermann sagt: »Ich habe in meinem Leben
Zeiten gehabt, wo ich mit Tränen einschlief; aber in meinen Träumen
kamen nun die lieblichsten Gestalten, mich zu trösten und zu beglücken,
und ich stand am anderen Morgen wieder frisch und froh auf den Füßen«,
so kommt darin neben dem Wunschcharakter besonders der von der
Traumarbeit bewirkte _Stimmungswechsel durch Affektverkehrung_ zur
Geltung.
Ganz Ähnliches berichtet _Gottfried Keller_ in seinem Traumbuch
(Baechtold I, 307): »Auffallend ist es mir, daß ich hauptsächlich, ja
fast ausschließlich in traurigen Zeiten . . . . heitere und einfach
liebliche Träume habe.«
Mit voller Deutlichkeit ist die _wunscherfüllende Tendenz des Traumes_
ausgedrückt in _Lenaus_ »Savonarola«, wo der Dulder, nachdem er die
Qualen der Folter erlitten hat, von Paradieseswonnen träumt. Den
gleichen Traumcharakter kennt E. T. A. _Hoffmann_, der noch die
infantile Herkunft der tröstenden Traumbilder betont: »Wenn ich als ein
Armer, Elender, ermüdet, zerschlagen von der mühseligen Arbeit nachts
auf dem harten Lager ruhte, dann kam der Traum und goß, mir in lindem
Säuseln die heiße Stirn fächelnd, alle Seligkeit irgend eines
glücklichen Moments, in dem mir die ewige Macht die Wonne des Himmels
ahnen ließ und dessen Bewußtsein tief in meiner Seele ruht, in mein
Inneres« (»Doge und Dogaresse«).
Die hier ausgesprochene Überzeugung von einer dem manifesten Inhalt oft
entgegengesetzten Traumregung scheut auch nicht vor der äußersten
Konsequenz der Anwendung auf den _Angsttraum_ zurück, der mit
_unterdrückten erotischen Regungen_ in Beziehung gebracht wird. So sagt
der nach einem genußreichen Leben asketisch gewordene _Zacharias
Werner_:
»Selbst in der sieben Hügel Schoß
War das Gelüst mein Taggenoß,
Mein Nachtgesell das Grauen!«
In sehr hübscher symbolischer Einkleidung ist der Angsttraum eines
Mädchens in einem Gedicht aus »Des Knaben Wunderhorn« dargestellt(188):
Wenn ich den ganzen Tag
Geführt hab' meine Klag',
So gibt's mir noch zu schaffen.
Bei Nacht, wann ich soll schlafen
Ein Traum mit großen Schrecken
Tut mich gar oft aufwecken.
Im Schlaf seh ich den Schein
Des Allerliebsten mein,
Mit einem starken Bogen,
Darauf viel Pfeil' gezogen,
Damit will er mich heben
Aus diesem schweren Leben.
Zu solchem Schreckgesicht
Kann ich stillschweigen nicht,
Ich schrei mit lauter Stimmen:
»O Knabe laß dein Grimmen,
Nicht wollst, weil ich tu' schlafen,
Jetzt brauchen deine Waffen!«
(188) Mitteilung von _Winterstein_ im »Zbl. f. Ps.-A.« II, 616.
Das dem Angsttraum zugeordnete Alpdrücken hat _Shakespeare_ an der
bereits erwähnten Stelle direkt auf den Sexualakt bezogen:
This is the hag, when maids lie on their backs,
That presses them, and learns them first to bear,
Making them women of good carriage.
(Dies ist die Hexe, welche Mädchen drückt,
Die auf dem Rücken ruhn, und ihnen lehrt,
Als Weiber einst die Männer zu ertragen.)
(_Schlegel-Tieck_.)
Ein moderner Lyriker endlich, J. R. _Becher_, hat direkt die
psychoanalytische Auffassung des Angsttraumes in Verse gebracht
(Gedichte, Berlin 1912):
»Die Wünsche, die ich tags gedacht,
Sehnsüchte, die ich tags nicht stillen konnte,
werden die Ängste meiner Nacht.
Sie glühen Wahn,
den ich nicht fliehen kann,
daß ich in Feuer rings und Flammen steh',
in der Geliebten meine Mutter seh',
meinen Vater wie einen Fraß der Hunde . . .«
Die in der Angsttheorie angedeutete dynamische Auffassung, wonach das
_Unbefriedigte_, _Unterdrückte im Seelenleben_ sich im Traum
durchzusetzen sucht, hat ebenso häufig poetischen wie erkenntnismäßigen
Ausdruck gefunden. In _Schillers_ »Wallenstein« ist die stolze Gräfin
Terzky überzeugt, daß des Feldherrn Unternehmen glücken müsse und
erstickt alle trüben Ahnungen im Entstehen: »Aber,« klagt sie, »wenn ich
wachend sie bekämpft, sie fallen mein banges Herz in düstern Träumen
an.« Ähnlich heißt es in _Grillparzers_ bekannten Versen:
»Was die Brust im Wachen enget,
aber treu verschließt der Mund,
hat der Schlaf das Band gesprenget,
tut es sich in Träumen kund«,
die der Dichter an anderer Stelle im Sinne der Wunschtheorie ergänzt:
». . . . Die Träume,
Sie erschaffen nicht die Wünsche,
Die vorhand'nen wecken sie;
Und was jetzt verscheucht der Morgen,
Lag als Keim in dir verborgen.«
Gleiches findet sich wieder in Dichtungen moderner, der Psychoanalyse
näherstehenden Autoren wie _Arthur Schnitzler_:
»Doch Träume sind Begierden ohne Mut,
sind freche Wünsche, die das Licht des Tags
zurückgejagt in die Winkel unsrer Seele,
daraus sie erst bei Nacht zu kriechen wagen.«
(»Der Schleier der Beatrice«)
oder _Viktor Hardung_:
. . . . . . . . . Im Traum,
Den wir doch zeugen aus geheimer Lust,
Begehren, Angst, Verlangen ungestanden,
Aus Süchten, unbekannt dem hellen Tag,
Und unser eigen doch, wo wir sie leugnen.
(»Godiva«(189).)
(189) Mitteilung im »Zbl. f. Ps.-A.«
Ähnliche Gedanken haben _Jean Paul_ und _Hebbel_ geäußert; dieser im
»Silvesternachtstraum«, wo es ganz allgemein heißt: »[Der Schlaf]
verhilft auch den unterdrückten Elementen in der Menschennatur, ja der
Natur überhaupt, zu ihrem Rechte . . . . . und wenn er sich an das
Gesetz, das uns im wachen Zustand beherrscht, nicht kehrt, wenn er unser
gewöhnliches Maß und Gewicht zerbricht und alle unsere Anschauungs- und
Aneignungsformen durcheinander wirft, so geschieht das nur, weil er
selbst der Ausdruck eines viel höheren Gesetzes ist.« -- Jener an einer
Stelle, die speziell die asozialen, vom Kulturmenschen mit Mühe
unterdrückten Regungen betrifft: ». . . . . das weite Geisterreich der
Triebe und Neigungen steigt in der zwölften Stunde des Träumens herauf
und spielt dicht verkörpert vor uns. Fürchterlich tief leuchtet der
Traum in den uns gebauten Epikurs- und Augiasstall hinein, und wir sehen
in der Nacht alle die wilden Grabtiere oder Abendwölfe ledig
herumstreifen, die am Tage die Vernunft in Ketten hielt.«
Die weitestgehende intuitive Vorwegnahme der psychoanalytischen
Traumlehre aber müssen wir einem »Erleben und Erdichten« überschriebenen
Abschnitt aus _Nietzsches_ »Morgenröte« zugestehen, wo der Traum als
Mittel der halluzinatorischen Triebbefriedigung erkannt ist: »Vielleicht
würde diese Grausamkeit des Zufalles (bei der Triebbefriedigung) noch
greller in die Augen fallen, wenn alle Triebe es so gründlich nehmen
wollten wie der _Hunger_: der sich nicht mit _geträumter Speise_
zufrieden gibt; aber die meisten Triebe, namentlich die sogenannten
moralischen, tun gerade dies, -- wenn meine Vermutung erlaubt ist, _daß
unsere Träume eben den Wert und Sinn haben, bis zu einem gewissen Grade
jenes zufällige Ausbleiben der ›Nahrung‹ während des Tages zu
kompensieren_ . . . . . . Diese Erdichtungen (des Traumes), welche
unseren Trieben . . . . . Spielraum und Entladung geben, -- und jeder
wird seine schlagenderen Beispiele zur Hand haben, -- sind
Interpretationen unserer Nervenreize während des Schlafens, _sehr
freie_, sehr willkürliche Interpretationen. . . . . . Daß dieser Text,
der im allgemeinen doch für eine Nacht wie für die andere sehr ähnlich
bleibt, so verschieden kommentiert wird, daß die dichtende Vernunft
heute und gestern so verschiedene _Ursachen_ für dieselben Nervenreize
_sich vorstellt_: das hat darin seinen Grund, daß der Souffleur dieser
Vernunft heute ein anderer war, als er gestern war, -- ein anderer
_Trieb_ wollte sich befriedigen, betätigen, üben, erquicken, entladen,
-- gerade er war in seiner hohen Flut, und gestern war ein anderer
darin(190).«
(190) Diese Auffassung zeigt die wesentlichste Übereinstimmung mit der
der typischen Träume.
Träume in Dichtungen.
Alle diese Einsichten in das Wesen des Traumes, die sich uns zu einer
der psychoanalytischen Auffassung nahestehenden Traumtheorie
zusammenschlossen, sind eigentlich nur gelegentliche Abfallsprodukte der
intuitiven Seelenkenntnis, die der Dichter in seinen Schöpfungen
künstlerisch darstellt. Er ist zu diesem Wissen weder auf empirischem
noch auf spekulativem Wege gekommen, und es zeigt nur von der Echtheit
und Unmittelbarkeit seiner Erfahrung, wenn in den poetischen Werken
selbst die Träume eine praktische Verwendung finden, die ihrer
geschilderten Schätzung und Würdigung durchaus entspricht.
Vor allem fällt die Häufigkeit auf, mit der seit jeher die Volks- wie
die Kunstdichtung den Traum im Dienste der Schilderung komplizierter
Seelenzustände verwertet hat. Die Werke der schönen Literatur -- Epen,
Romane, Dramen und Gedichte --, in denen Träume bedeutsam in die
Handlung und das Seelenleben der Figuren eingreifen, sind unzählbar. Von
den homerischen Gedichten bis zum Nibelungenlied und den Kunstepen
_Miltons_, _Klopstocks_, _Wielands_, _Hebbels_, _Lenaus_ u. a., vom
Roman gar nicht zu sprechen, der in manchen Richtungen, wie
beispielsweise der weit in unsere moderne Literatur hineinreichenden
romantischen, Traumerscheinungen zum unentbehrlichsten Requisit zählte.
Ist doch bekannt, mit welcher Vorliebe Dichter wie _Tieck_, E. T. A.
_Hoffmann_, _Jean Paul_ ihre Personen träumen und diese Träume
entscheidend auf den Gang der Handlung einwirken lassen. Selbst im Drama
finden sich, wenn auch bei weitem seltener und bedeutungsloser, Träume
verwertet, während anderseits die Einkleidung der ganzen Handlung in
einen Traum sich gerade der Form des Schauspieles am ehesten anpaßt, wie
die bekannten Stücke von _Calderon_, _Shakespeare_ (Widerspenstige),
_Holberg_ (Jeppe paa Bierget), _Grillparzer_, _Hauptmann_ (Schluck und
Jau), in noch höherem Maße aber die modernen, von der wissenschaftlichen
Traumforschung nicht ganz unabhängigen Traumdichtungen von _Strindberg_
(Traumspiel), _Paul Apel_ (»Hans Sonnenstößers Höllenfahrt«), _Franz
Molnar_ (»Das Märchen vom Wolf«) u. a. zeigen. Gelegentlich wird
übrigens die Traumeinkleidung auch in den epischen Dichtungsformen mit
Erfolg verwendet, wie beispielsweise in _Dickens_' »Christmas Carol«
oder in dem einzigartigen Werk des Zeichners _Alfred Kubin_ (»Die andere
Seite«), dessen psychoanalytische Bedeutung Dr. _Hanns Sachs_ (Wien)
dargelegt hat (»Imago«, I, 1912, p. 197). Endlich sind noch in der
Lyrik, die in ihrem innersten Wesen dem Traum sehr nahe steht, derartige
Einkleidungen immer sehr beliebt gewesen. Insbesondere Minne- und
Meistergesang haben in Traumbildern geradezu geschwelgt und den Traum
direkt als Wunscherfüller gepriesen. Am schönsten ist dies in manchen
Liedern _Walters von der Vogelweide_, auf die bereits _Riklin_
hingewiesen hat. Die zahlreichen Traumgedichte des alten _Hans Sachs_
würden eine eigene Bearbeitung erfordern; zur Charakterisierung sei nur
die ergötzliche Darstellung angeführt, wie der Traum einem Krämer eine
Dorfkirchweih mit glänzendem Erlös vorspiegelt in dem Moment, wo ihm
spitzbübische Affen alles zerstört und besudelt hatten(191). Die Lyrik
der Romantik und der ihr nahestehenden Richtungen ist hier noch
besonders zu nennen: _Heine_, _Chamisso_, _Mörike_, _Uhland_, die
_Droste_, _Keller_, _Hebbel_, _Byron_ (The dream) und andere mehr haben
Traumgedichte geschaffen; C. G. _Meyers_ »Lethe«, _Hebbels_
»Geburtsnachttraum«, _Spittelers_ Balladen »Der Vater«, »Das Begräbnis«,
»Das Gastmahl« und Ähnliches in des »Knaben Wunderhorn« gehören zum
Eindruckvollsten, was die Lyrik zu bieten hat.
(191) Über andere Traumgedichte Hans Sachsens vergleiche man die
Literatur bei _Hampe_; zahlreiche Beispiele von Träumen in der
epischen Literatur bei _Nagele_; für die Lyrik besonders _Klaiber_;
eine interessante Zusammenstellung von »Träumen in Dichtungen«
»Kunstwart« XX, 4.
Verwendung der Symbolik in gedichteten Träumen.
Besonders reizvoll wird es für den Psychoanalytiker, sich davon zu
überzeugen, wie die als Dichtung oder in der Dichtung dargestellten
Träume nach den empirisch ermittelten Gesetzen gebaut sind und sich der
psychologischen Betrachtung wie wirklich erlebte Träume darbieten. Ja,
manche Regeln sind als Nebenprodukt philologischer Forschung unmittelbar
aus dem Studium der _gedichteten_ Träume erschlossen worden. So zeigt
_Mentz_ an den französischen Volksepen, »wie _Träume, welche von einer
Person in derselben Nacht geträumt werden, immer zusammengehören und ein
Ganzes, Einheitliches darstellen_« (p. 45). Oder _Jaehde_ findet in den
englisch-schottischen Volksballaden, in denen Träume aus zwei zeitlich
aufeinanderfolgenden Bildern bestehen, daß »_das erste nur symbolisch
und unklar andeutet, was das zweite klar und unverhüllt erkennen läßt_«.
Dies bezieht sich, wie wir wissen(192), insbesondere auf die Symbolik,
die ja dem Dichter als poetisches Ausdrucksmittel geläufig ist. So hat
_Ovid_ im 3. Buche der »Amores« als 5. Elegie in ausführlicher Weise
einen Traum geschildert, in dem die Hitze als Liebesglut, die Kuh als
Geliebte, der Stier als der liebesbegierige Träumer gedeutet wird(193).
Eine andere, uns gleichfalls aus dem Traumstudium geläufige
Sexualsymbolik verwendet _Byron_ im VI. Gesange des »Don Juan«, wo der
Held als Frau verkleidet das Lager der Dudu teilt, die aus einem
symbolisch dargestellten Sexualtraum, der sich an den Sündenfallmythus
anlehnt, mit Angst erwacht(194). Daß gelegentlich einem Dichter die
eigentliche Bedeutung gewisser typischer Symbole ganz klar werden
konnte, beweist die Schilderung der eleusinischen Mysterien in der
XII. römischen Elegie _Goethes_(195), wo es heißt:
»Wunderlich irrte darauf der Eingeführte durch Kreise
Seltner Gestalten; im _Traum_ schien er zu wallen; denn hier
_Wanden sich Schlangen_ am Boden umher, _verschlossenes Kästchen_,
_Reich mit Ähren umkränzt_, trugen hier Mädchen vorbei:
. . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet,
Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg.
Und was war _das Geheimnis_, als _daß Demeter, die große_,
_Sich gefällig einmal auch einem Helden bequemt_,
Als sie dem Saoon einst, dem rüstigen König der Kreter,
Ihres unsterblichen Leibs _holdes Verborgne_ gegönnt,
Da war Kreta beglückt! _Das Hochzeitsbette der Göttin_
_Schwoll von Ähren und reich drückte der Acker die Saat_.«
(192) Vgl. oben p. 249.
(193) Näheres in der Mitteilung _Abrahams_ im »Zentralblatt für
Psychoanalyse« II, p. 160.
(194) Den Text hat _Rosenstein_ ebenda p. 161 mitgeteilt.
(195) Vgl. die Mitteilung von _Winterstein_, ebenda p. 291 f.
Wie ein moderner Autor den typischen Geburtstraum in vollkommen
korrekten Symbolen darzustellen weiß, möge schließlich ein Beispiel aus
allerneuester Zeit illustrieren:
In _Moritz Heimanns_ Tragödie »Der Feind und der Bruder«(196) erzählt
eine junge Frau ihren Traum, der von einer älteren, die bereits Mutter
war, als Schwangerschafts- resp. Geburtstraum gedeutet wird; wir dürfen
dies als intuitive Bestätigung der typischen psychoanalytisch eruierten
Symbolik von Wasser (Geburtswasser) und Kästchen -- hier Glocke --
(Mutterleib) ansehen:
_Pallas_.
Vergangne Nacht sah ich im Meer mich schwimmen;
und vor mir schwamm auf der _lichtblinden_ Bahn
ein schimmerndes Gebilde, eine _Glocke_
von _rosenfarbnem Blut_, ätherisch leuchtend,
daß sie zu klingen schien, -- da regte sich,
an einem Fels empört, das glatte Wasser,
und jäh zerschlug der Sturz der Nereïde
dort vor mir die Gestaltung, daß _sie riß_
und ich davon in meinem _Weiberleib_ --
sieh: hier -- den heißen Stich des Schmerzes so empfing --
_Maddalena_.
Erwachtest du?
_Pallas_.
Noch nicht. Es hob mich nur
aus tiefem Traum zu minder tiefem Traum,
und wieder schwamm ich, und vor mir, fast schon
am Horizont, doch immer sichtbar, schwebten
_zwei Glocken_, eine wie die andre, zart
und feurig doch, und zogen her vor mir
bis in den uferlosen luft'gen Gischt
von Licht, darin ich dann erwachte, müd
und mit dem wunderlichen Schmerz, der jetzt
beim Steigen wieder mich erinnerte
an meinen Traum und an -- ich weiß nicht was.
_Maddalena_.
Wo saß der süße Schmerz?
(Sie legt eine Hand auf Pallas Brust.)
_Und fühlst du etwa_
_auch schon die zarten Brüstchen leise tickend_
_sich dir entfremden, einem andern zu?_
Zwei wird zu eins; und daß die Rechnung stimme,
wird danach eins zu zwei, du junge Frau.
(196) Berlin, S. Fischer, 1911.
Die Analyse gedichteter Träume.
Detaillierte Untersuchungen über die in poetischer Darstellung
verwendeten Träume sind leider erst vereinzelt unternommen worden, doch
haben sie bereits wertvolle Einblicke in die dichterische Seelenkenntnis
und das Wesen der künstlerischen Schöpfung gewährt. Es ist erfreulich,
daß die erste derartige auf psychoanalytischer Grundlage ruhende Studie
von einem Literarhistoriker herrührt, der die Bedeutung der analytischen
Traumpsychologie frühzeitig erkannte und erfolgreich für sein Fachgebiet
zu verwerten suchte. Es stand ihm allerdings das denkbar günstigste
Material zu Gebote: »die Träume in _Gottfried Kellers_ ›Grünem
Heinrich‹.« Aus der kleinen Schrift von _Ottokar Fischer_, die im
einzelnen eine Reihe von Bestätigungen der psychoanalytischen Traumlehre
liefert, sei nur eine Stelle zur Probe angeführt:
»Dem Träumenden gibt sich, ihm selber unbewußt und unerwartet, ein gutes
Stück seiner Ideenwelt und nicht zuletzt der eigentliche Inhalt seiner
verborgenen, selbst uneingestandenen Wünsche kund. Im Traum erst
bemächtigt sich Heinrichs grenzenloses Heimweh, da er im Wachen nicht
Zeit gefunden hat, sich den Gefühlen hinzugeben. Im Traum erst tritt
alles das in den Vordergrund, was bei Tage übertönt und nicht beachtet
wurde, und was sich in seiner wahren Gestalt darstellen mußte als
Vorwurf, Schmerz oder Sehnsucht. Ja, Sehnsuchtsträume sind so gut wie
alle im »Grünen Heinrich« geschilderten Träume.«
»Der Roman ist aufgebaut auf dem Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Im
Mittelpunkte von Heinrichs Träumen befindet sich der Gedanke an die
Mutter, Sehnsucht nach ihr, Sorge um sie und doch Scham, sich zu
dergleichen Gefühlsduseleien zu bekennen. Wieder trifft die allgemeine
Bemerkung zu, in den Träumen stellen sich Ideen ein, die im Wachen
unwirsch bei Seite geschoben wurden. Heinrich macht sich in der Tat
eines argen Vergehens schuldig, indem er an die Mutter nicht schreibt,
ja er will an sie kaum denken und ist sich selber seiner wahren Gefühle
ihr gegenüber gar nicht bewußt. Erst der Schlaf klärt ihn über das
eigene Empfinden auf« (p. 17 ff.).
Beschränkt sich diese Untersuchung auf den Nachweis, daß die allgemeinen
Traumgesetze auch in den erdichteten oder dichterisch verwerteten
Träumen wirksam und aufzuzeigen sind, so bemüht sich eine andere,
gleichfalls von keinem Arzt unternommene Arbeit, an einem einzelnen
Beispiel die analytische Deutungstechnik im Detail anzuwenden. Mit ihrem
ganzen Rüstzeug versehen, hat Dr. _Alfred Robitsek_ an der »Analyse von
Egmonts Traum« gezeigt, daß der vom Dichter seinem Helden beigelegte
Traum sich der Analyse gegenüber nach jeder Richtung hin wie ein
wirklich geträumter erweist. Durch Zerlegung in seine Elemente und die
Heranziehung der zugehörigen Partien der Dichtung gelang es, »die
Anknüpfungen an Wachgedanken und ›Tagesreste‹ nachzuweisen, seine
Symbolik zu deuten, hinter dem manifesten den latenten Inhalt zu zeigen,
den Charakter der Wunscherfüllung im allgemeinen und einzelnen zu
finden«. Der Autor konnte sich dabei wie bei seinen Schlußfolgerungen
auf eine paradigmatische Untersuchung stützen: auf die bereits (p. 74
Anmkg.) erwähnte Analyse des Wahns und der Träume in W. _Jensens_
»Gradiva«, welche gestattet hatte, die vom Dichter zur Schilderung des
Seelenzustandes seines Helden eingeflochtenen Traumbilder in die ihnen
zu grunde liegenden Gedanken zu übersetzen und in den Zusammenhang des
seelischen Geschehens einzufügen. Die daraus gefolgerte intuitive
Einsicht des Dichters in die Mechanismen der Traumbildung nötigt zu dem
Schluß, daß er bei seiner Produktion aus derselben Quelle schöpft, die
der Analytiker mit seiner mühseligen Technik erschließen muß, nämlich
aus dem Unbewußten(197).
(197) In der mir leider unzugänglich gebliebenen Novelle »_Faira_«
soll _Jensen_ über die Entstehung der Träume gesprochen haben.
(»Sonnenwende«, Berlin 1882).
Verwandtschaft von Traum und Dichtung.
Wir stehen hier wieder vor dem interessanten Problem, von dem wir
ausgegangen waren, der Verwandtschaft des poetischen Schaffens mit der
Traumproduktion. Frühzeitig schon müssen die Menschen hier einen
Zusammenhang beobachtet haben, welchen die Alten in ihrer naiven Weise
so auffaßten, daß irgendwie bevorzugten Sterblichen von einem Gott die
Dichtergabe im Traume verliehen worden sei: Von den großen Epikern
_Homer_ und _Hesiod_ glaubten sie dies und erzählten es auch von ihrem
ursprünglichsten Dramatiker _Aischylos_. Auch in aufgeklärteren
Zeitaltern konnte man sich ähnlichen Eindrücken nicht ganz entziehen,
besonders da die Dichter selbst an solche Quellen ihrer Inspiration
glaubten, wie wir es beispielsweise von _Pindar_ u. a. wissen(198). Daß
wir in dem Glauben vom Ursprung der Dichtkunst aus dem Traum »ein altes
indogermanisches Motiv« (_Henzen_) vor uns haben, zeigt sich in dem
zähen Festhalten an der in verschiedener dichterischer Einkleidung immer
wieder auftauchenden Idee. Als Beispiel sei auf _Hans Sachsens_
»Dichterweihe« verwiesen und in der daran anknüpfenden »Zueignung« von
_Goethe_ hat man einen letzten Ausläufer dieses Themas erkannt. Es ist
auch kein Zufall, wenn _Richard Wagner_ gerade seinem _Hans Sachs_ die
bekannten Verse in den Mund legt:
»Mein Freund, das grad' ist Dichters Werk,
daß er sein Träumen deut' und merk'.
Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
wird ihm im Traume aufgetan:
All' Dichtkunst und Poeterei
ist nichts als Wahrtraumdeuterei.
Was gilt's, es gab der Traum euch ein,
wie heut' ihr sollet Sieger sein?«
(Meistersinger, III. Akt.)
(198) Man vgl. auch die Erzählung _Bedas_ von dem Dichter Caedmon
(Beda historia eccl. ed. Holder lib. IV, cap. 24).
Ähnliches hat _Hebbel_ ausgesprochen in dem epigrammatischen Gedicht
»_Traum und Poesie_«, wo es heißt:
»Träume und Dichtergebilde sind eng miteinander verschwistert,
Beide lösen sich ab oder ergänzen sich still . . .«
und in einzelnen Tagebuchnotizen:
»Mein Gedanke, daß Traum und Poesie identisch sind, bestätigt sich mehr
und mehr.«
»Der Zustand dichterischer Begeisterung (wie tief empfind' ich's in
diesem Augenblick) ist ein Traumzustand, so müssen andere Menschen sich
ihn denken. _Es bereitet sich in des Dichters Seele vor, was er selbst
nicht weiß._«
Derartige Beobachtungen und Bekenntnisse sind bei den Dichtern nicht
vereinzelt. Wir wissen unter anderem von _Goethe_, daß er viele seiner
Gedichte »instinktmäßig und traumartig niederzuschreiben sich getrieben
fühlte« und _Paul Heyse_ sagt in seinen Jugenderinnerungen, persönliche
Erfahrungen verallgemeinernd: »Nun vollzieht sich freilich der letzte
Teil aller künstlerischen Erfindungen in einer geheimnisvollen
unbewußten Erregung, die mit dem eigentlichen Traumzustand nahe verwandt
ist.«
Häufig sind es auch ganz spezielle Erlebnisse, welche zur Konstatierung
dieser Beziehungen geführt haben. Dichtern, die ihren Träumen besondere
Aufmerksamkeit schenkten, wie _Hebbel_ oder _Gottfried Keller_, ist eine
gewisse Abhängigkeit der poetischen Produktion von ihrem Traumleben
aufgefallen. Am 6. November 1843 schreibt jener in Paris: »Als ich noch
dichterische Werke ausführte, träumte ich dichterisch, nun nicht mehr.«
Nachdem er eine Reihe seltsamer Träume angeführt hat, fährt er in einem
Gedichte fort:
»Damals aber konnt' ich noch keine Tragödien dichten,
Seit ich dieses vermag, bleiben die Träume mir aus.
Wären die Träume vielleicht nur unvollkommene Gedichte?
Ist ein gutes Gedicht ein vollkommener Traum?«
Bei _Keller_ ist ganz deutlich zu sehen, wie er eine rein subjektive,
dem Tagebuch (15. Januar 1848) anvertraute Beobachtung dem ihm am
nächsten stehenden Helden, dem »Grünen Heinrich« zuschreibt: »Wenn ich
am Tage nichts arbeite, so schafft die Phantasie im Schlafe auf eigene
Faust, aber das neckische, liebe Gespenst nimmt seine Schöpfungen mit
sich hinweg und verwischt sorgfältig alle Spuren seines spukhaften
Wirkens.« (Tagebuch bei Baechtold I, 308.)
»Seit ich nämlich die Phantasie und ihr ungewöhntes Gestaltungsvermögen
nicht mehr am Tage beschäftigte, regten sich ihre Werkleute während des
Schlafes mit selbständigem Gebaren und schufen mit anscheinender
Vernunft und Folgerichtigkeit ein Traumgetümmel.« (D. Gr. H. 4, 102.)
Andere Male tritt an Stelle dieses vikariierenden Verhältnisses von
Traum und Dichtung ein förderndes oder gar eine Identität. Hieher
gehören die zahlreichen Fälle, in denen einzelne im Traum aufgetauchte
Verse und Reime oder ganze Gedichte sich als poetisch wertvoll erwiesen
haben sollen, wie in dem bekannten Beispiel von _Coleridges_ »Kubla
Khan«, dessen Sicherheit H. _Ellis_ jedoch neuerdings bezweifelt hat
(Welt d. Tr., p. 269). Andere Dichter haben wieder Geträumtes zum
dichterischen Schaffen verwertet oder in poetische Form gebracht. So
sind _Uhlands_ Gedichte »Die Harfe« und »Die Klage« nach Träumen
gedichtet, _Hebbels_ »Traum« (»ein wirklicher«) und manches andere Lied
von _Mörike_, _Keller_ u. a. Auch Erzähler wie _Stevenson_, _Ebers_,
_Lynkeus_ (Jos. Popper) haben zugegeben, daß sie einzelne Stoffe oder
Züge ihren Träumen verdanken. Ja selbst höhere künstlerische Leistungen,
als im Wachleben möglich sein sollen, werden dem Traum zugeschrieben;
das berühmteste Beispiel dieser Art, _Tartinis_ Teufelssonate, wird
allerdings auch bezweifelt (_Ellis_ l. c. p. 269), und derartige
poetische Darstellungen, wie E. T. A. _Hoffmanns_ »Musiker Kreisler«,
kommen als Beweis kaum in Betracht.
Bedeutung des Traumstudiums für die Probleme der Ästhetik.
Es ist begreiflich, daß diese nahe, oft für Wesensgleichheit gehaltene
Verwandtschaft von Traum und Kunst dazu anregte, auf Grund mancher
Einsichten in das eine Phänomen die Rätsel des anderen zu erschließen.
Besonders den Romantikern unter den Dichtern und Philosophen mußte dies
sehr nahe liegen. Bereits 1796 hat _Tieck_ (in seiner Vorrede zu
_Shakespeares_ »Sturm«) ein förmliches Programm einer solchen Ästhetik
entworfen, aus dem folgende Stelle angeführt sei: »Shakespeare, der so
oft in seinen Stücken verrät, wie vertraut er mit den leisesten Regungen
der menschlichen Seele sei, beobachtete sich wahrscheinlich in seinen
Träumen, und wandte die hier gemachten Erfahrungen auf seine Gedichte
an. Der Psychologe und der Dichter können ganz ohne Zweifel ihre
Erfahrungen sehr erweitern, wenn sie dem Gange der Träume nachforschen.«
_Schopenhauer_, der in Anlehnung an die Weltbetrachtung der Inder einem
extremen »Traumidealismus« huldigte, hat ähnliche Anschauungen auch in
bezug auf die Kunst vertreten. An einer Stelle des Nachlasses, wo er
»über die Dichtkunst« handelt (Reclam Bd. 4, p. 391 u. ff.), heißt es:
»Daher sage ich, die Größe des _Dante_ besteht darin, daß, während
andere Dichter die Wahrheit der wirklichen Welt haben, so hat er die
_Wahrheit des Traumes_: er läßt uns unerhörte Dinge gerade so sehen, wie
wir dergleichen im Traume sehen, und sie täuschen uns eben so. Es ist,
als ob er jeden Gesang die Nacht über geträumt und am Morgen
aufgeschrieben hätte. So sehr hat alles die Wahrheit des Traumes . . . .
Überhaupt, um sich von dem Wirken des Genius im echten Dichter, von der
Unabhängigkeit dieses Wirkens von aller Reflexion einen Begriff zu
machen, betrachte man sein eigenes poetisches Wirken im Traum.«
». . . wie weit übersteigen solche Schilderungen alles, was wir mit
Absicht und aus Reflexion vermöchten: wenn Sie einmal aus einem recht
lebhaften und ausführlichen dramatischen Traume erwachen, so gehen Sie
ihn durch und bewundern Ihr eignes poetisches Genie. Daher man sagen
kann: ein großer Dichter, z. B. _Shakespeare_, ist ein Mensch, der
wachend tun kann, was wir alle im Traum.«
Ähnlich heißt es bei _Jean Paul_: »Die Phantasie kann im Traume am
schönsten ihren hängenden Garten aufspannen und überblümen, und sie
nimmt darein besonders die aus den liegenden so oft vertriebenen Weiber
auf. _Der Traum ist unwillkürliche Dichtkunst_(199) und zeigt, daß der
Dichter mit dem körperlichen Gehirn mehr arbeitet als ein anderer
Mensch. . . . . Der echte Dichter ist ebenso im Schreiben nur der
Zuhörer, nicht der Sprachlehrer seiner Charaktere . . . . er schaut sie
wie im Traume lebendig an und dann hört er sie.«
(199) _Kant_ nennt in der »Anthropologie« den Traum eine
unwillkürliche Dichtkunst.
Und _Nietzsche_ preist in seinem Jugendwerk: »Die Geburt der Tragödie
aus dem Geiste der Musik« den Traum als eine der Quellen der Kunst: »Wie
nun der Philosoph zur Wirklichkeit des Daseins, so verhält sich der
künstlerisch erregbare Mensch zur Welt des Traumes; er sieht genau und
gerne zu: denn aus diesen Bildern deutet er sich das Leben, an diesen
Vorgängen übt er sich für das Leben. Nicht nur etwa die angenehmen und
freundlichen Bilder sind es, die er mit jener Allverständigkeit an sich
erfährt: auch das Ernste, Trübe, Traurige, Finstere, die plötzlichen
Hemmungen, die Neckereien des Zufalles, die bänglichen Erwartungen, kurz
die ganze ›göttliche Komödie‹ des Lebens, mit dem Inferno zieht an ihm
vorbei, nicht nur wie ein Schattenspiel, denn er lebt und leidet mit in
diesen Szenen -- und doch auch nicht ohne jene flüchtige Empfindung des
Scheines; und vielleicht erinnert sich mancher, gleich mir, in den
Gefährlichkeiten und Schrecken des Traumes sich mitunter ermutigend und
mit Erfolg zugerufen zu haben: ›Es ist ein Traum! Ich will ihn weiter
träumen!‹(200) Wie man mir auch von Personen erzählt hat, die die
Kausalität eines und desselben Traumes über drei und mehr
aufeinanderfolgende Nächte hin fortzusetzen im stande waren: Tatsachen,
welche deutlich Zeugnis dafür abgeben, daß unser innerstes Wesen, der
gemeinsame Untergrund von uns allen, mit tiefer Lust und freudiger
Notwendigkeit den Traum an sich erfährt.«
(200) Vgl. _Hebbels_ Verse:
»Den bängsten Traum begleitet
Ein heimliches Gefühl,
Daß alles nichts bedeutet
Und wär' es noch so schwül.«
Die Ähnlichkeiten zwischen Traum und Dichtung wurden dann besonders von
idealistischen Ästhetikern wie _Vischer_ und _Volkelt_ studiert. So sagt
_Vischer_, »daß alle die Gestalten, die die großen Dichter geschaffen,
von einem Traumhauch umwittert sind«. »Was nicht Traumcharakter hat, ist
nicht schön, nicht vollendet, nicht poetisch, nicht wahrhaft
künstlerisch.«
Neuerdings hat _Artur Bonus_ die Bedeutung des Traumes für das
Verständnis der künstlerischen Technik betont und den Traum als das
denkbar günstigste Mittel bezeichnet, um sich über das eigentliche Wesen
des künstlerischen Schaffens zu verständigen. Den am weitesten gehenden
Versuch, die Psychologie der Traumvorgänge zur Erklärung der
ästhetischen Grundphänomene zu verwerten, hat _Artur Drews_ in einer
1901 erschienenen Abhandlung: »Das ästhetische Verhalten und der Traum«
unternommen. Er geht von dem auch psychoanalytisch(201) am ehesten
zugänglichen Problem der widerspruchsvollen Doppelstellung des
Genießenden aus und führt dessen _gleichzeitige_ Einstellung zum
Kunstwerk als Wirklichkeit und als Schein auf die das Traumleben
charakterisierende reale Spaltung unseres Bewußtseins in ein Ober- und
Unterbewußtsein zurück. »Das Kunstwerk vermag nur dadurch jene
suggestive Wirkung auszuüben, daß es mit Umgehung des Oberbewußtseins
sich gleichsam direkt an das Unterbewußtsein wendet.« Das Oberbewußtsein
aber kennzeichnet diesen anschaulichen, konkreten und sinnlichen Inhalt
des Unterbewußtseins als Schein. So wird das ästhetische Verhalten »nur
möglich, weil der Glaube an den Schein und die Durchschauung des Scheins
in zwei getrennten Bewußtseinssphären existieren, die sich zur höheren
Einheit des ästhetischen Bewußtseins aufheben«. »Im Unterbewußtsein
selbst ist das Ideale vom Realen nicht verschieden.« »Diese ganze
symbolisierende Tätigkeit, die heute immer allgemeiner als der Kern des
ästhetischen Verhaltens anerkannt wird, ist nur die Tätigkeit des
Traumbewußtseins, welche darin beruht, Symbole zu schaffen, seine
eigenen subjektiven Zustände in ein objektives Gewand zu kleiden und in
Bilder, Gestalten und Vorgänge umzuwandeln.« »Bei dieser Übereinstimmung
zwischen dem Inhalt des Traumbewußtseins und dem ästhetischen Schein
können wir in der Tat nicht zweifeln, daß das ästhetische Verhalten auf
der Entfesselung des Traumbewußtseins beruht.« -- »Das Traumbewußtsein
zeigt eine Herabminderung der Intelligenz ins Kindliche, Unentwickelte,
Rudimentäre, Naive« und ähnlich läßt sich nach _Drews_ »das
ästhetische Verhalten mit seiner instinktiven Symbolisierungs- und
Personifikationstendenz geradezu als ein zeitweiliger atavistischer
Rückschlag in die Kindheitsanschauungen der Menschheit betrachten, wo
jeder Gegenstand lebendig erscheint«. Diesen letzten Gesichtspunkt hatte
bereits _Du Prel_ in seinen auf dem Traumstudium basierenden
Untersuchungen »Zur Psychologie der Lyrik« verwendet, die er als eine
Art »paläontologischer Weltanschauung« zu verstehen sucht. Erwähnenswert
ist, daß er den uns aus der Traumarbeit bekannt gewordenen
»Verdichtungsprozeß von Vorstellungsreihen« bei jeder Art künstlerischer
Produktion findet und zum Wesen der Intuition überhaupt rechnet(202). Er
fußt dabei auf der Anschauung, »daß das Denken auf einem unbewußten
Verfahren beruht und hier das Schlußresultat desselben fertig ins
Bewußtsein tritt. Dies ist besonders der Fall bei der echten
künstlerischen Produktion und überhaupt bei jeder genialen Leistung, im
kleinen aber immer dann, wenn zu Tage kommt, was man im Deutschen einen
Einfall, im Französischen un aperçu nennt«.
(201) Vgl. dazu _Rank_ und _Sachs_: Die Bedeutung der Psychoanalyse
für die Geisteswissenschaften, Kap. V.
(202) Auf Grund eines Ausspruches von _Mozart_ über die Art seiner
Produktion sieht _Du Prel_ »das Geheimnis musikalischer Konzeption in
der Verdichtung von Gehörsvorstellungen« (Phil. d. Mystik, p. 89).
Neuerdings hat _Hans Thoma_ versucht, auch das Schaffen des Malers aus
einem dem Traumzustand verwandten »inneren« Schauen zu verstehen:
». . . Es tritt hier das ein, was man beim künstlerischen Schaffen als
das Unbewußte bezeichnet, das der Grund ist des großen Zaubers, den
die Unerklärlichkeit der hohen Kunstwerke ausübt. Auch der Schaffende
hat keine Erklärung, weil etwas mit ihm geschehen, das von einem
geheimnisvollen Wirken der Natur aus sein Schaffen geleitet hat, daß
er doch bei aller verstandesmäßigen Findigkeit in bezug auf sein
Material und Handwerk wie in einem Traumzustand schaffen konnte.«
Tagtraum und Dichtung.
So beachtenswert diese Ergebnisse einer auf dem Studium des Traumes
fußenden Psychologie des Kunstwerkes auch sind, und so nahe sie durch
Berücksichtigung des Unbewußten an die psychoanalytische Auffassung
heranrücken, so bleiben sie doch immer recht allgemein und entbehren
überzeugender Detailnachweise. Erst mit Hilfe des analytischen
Verständnisses der Traumarbeit und der Erkenntnis des Unbewußten ist es
möglich geworden, mit der Parallelisierung von Traum und Dichtung, die
bisher eigentlich immer nur ein, wenn auch zutreffendes, Gleichnis
geblieben war, Ernst zu machen. Unsere vertiefte Einsicht in die
Mechanismen sowie in den Sinn und Gehalt der Traumbildungen gestattet
auch ein besseres Erfassen des nahestehenden künstlerischen
Schöpfungsprozesses. Dabei leisten die sogenannten Phantasien oder
Tagträume als ein Zwischenreich zwischen der Welt des Traumes und der
Poesie wertvolle Dienste. Diese Produkte des Wachzustandes, welche die
Sprache selbst mit unseren nächtlichen Erzeugnissen in engste Beziehung
bringt, zeigen manches deutlich, was im Traume oft nur entstellten
Ausdruck finden kann. Sie verraten uns einzelne Charaktere der
Phantasietätigkeit, die der Traum erst mühseligem Studium preisgibt und
die auf die Mitmenschen berechnete Dichtung kaum mehr erkennen läßt.
Dazu gehören vor allem die egozentrische Einstellung des
Phantasierenden, ferner der Wunscherfüllungscharakter seiner Schöpfungen
und ihre erotische Färbung. Diese Tagträume, die manche Dichter selbst
als Vorstufen ihres poetischen Schaffens erkannt haben, entsprechen
unentstellten Träumen wie die Dichtungen etwa nach verschiedener
Richtung idealisierten entsprächen. Sie erleichtern uns den Rückschluß
von der Psychologie des Träumers auf die Psychologie des Künstlers und
lassen deutlich erkennen, daß die unbewußten Triebkräfte wie der
psychische Inhalt in beiden Fällen derselbe ist und nur die als
»sekundäre Bearbeitung« gekennzeichnete Formgebung sich in wesentlichen
Punkten unterscheidet. Im Grunde aber schafft auch der Dichter sich in
seinem Werke eine mannigfach entstellte und symbolisch eingekleidete
Erfüllung seiner geheimsten Wünsche, auch er ermöglicht den in der
Kinderzeit verdrängten, aber im Unbewußten mächtig fortwirkenden
Triebregungen zeitweise Befriedigung und Abfuhr (Katharsis).
Typische Traummotive in der Dichtung.
Dies läßt sich aber aus den Träumen, als einem ähnlichen Vorgang, nicht
bloß erschließen, sondern gewisse Traumbilder gestatten, diese allgemein
menschlichen Triebregungen aufzuzeigen und ihre Wandlungen bis zum
Kunstwerk im einzelnen zu verfolgen. Es sind dies die sogenannten
»typischen Träume«, die uns bereits über einzelne psychische
Traumquellen entscheidende Aufschlüsse gegeben haben.
So hat der (p. 182 ff.) ausführlich erörterte Nacktheitstraum Anlaß
gegeben, sich mit ähnlichen Gestaltungen der dichterischen Phantasie zu
beschäftigen und in ihnen die gleichen von der psychischen Zensur
gehemmten Triebregungen wirksam zu zeigen(203). Die im Text bereits
erörterte Erzählung _Andersens_ wie die Nausikaa-Episode aus der
_Odyssee_ konnten als gesetzmäßige Typen einer großen Gruppe von
Phantasieschöpfungen eingeordnet werden, die sich als verschieden
weitgehende und mannigfach eingekleidete Verdrängungsprodukte der
infantilen Zeigelust erwiesen, welche in den Exhibitionsträumen so
charakteristischen Ausdruck findet. Als solche typische Gestaltungen
verdrängter exhibitionistischer Regungen ergaben sich die auch mythisch
nachweisbaren dichterischen Motive der Kleiderpracht (Monna Vanna), der
Fesselung (Odyssee), der körperlichen Entstellung (Armer Heinrich), der
Unsichtbarkeit (Lady Godiva), die in entsprechenden Traumsituationen
(Kleidungsdefekt, Hemmung usw.) ihr Vorbild und in gewissen neurotischen
Symptomen (Urticaria) oder Phantasien sowie einzelnen Perversionen
(Kleiderfetischismus usw.) gut verstandene Gegenstücke finden. Alle
diese Gestaltungen des Nacktheitsmotivs beziehen ihre Triebkraft
vorwiegend aus der namentlich den Eltern geltenden Sexualneugierde des
Kindes, wobei die Regungen, welche eine Befriedigung der verbotenen
Gelüste anstreben, in gleicher Weise Ausdruck finden wie die hemmenden,
verdrängenden Strebungen des kulturell eingestellten Ich. Während aber
die Sage die entsprechende Traumsituation veräußerlicht, gleichsam
materialisiert, scheint die Dichtung eine Verinnerlichung, eine
Verfeinerung derselben anzustreben.
(203) Vgl _Rank_: Die Nacktheit in Sage und Dichtung. »Imago« II,
1913.
Die Heranziehung der typischen Träume zum Verständnis anderer
weitverbreiteter Dichtungsstoffe steht zum guten Teil noch aus, weil
einerseits das Traumleben in dieser Hinsicht analytisch noch nicht
genügend erforscht ist, anderseits das vielfach überarbeitete Material
der Dichtung nicht immer -- wenn auch manchmal -- Rückschlüsse
gestattet. Jedenfalls scheint es auffällig und der Hervorhebung wert,
daß die wenigen bis jetzt unternommenen und zu erwartenden Versuche die
erotischen Quellen der poetischen Schöpfung ins hellste Licht rücken.
Dies ist insbesondere bei der bedeutsamsten dieser Gruppen der Fall, die
wir als Repräsentanten des sogenannten Ödipus-Komplexes kennen gelernt
haben. _Sophokles_' Tragödie vom König Ödipus, deren psychologisches
Verständnis uns die Traumdeutung ermöglicht hat, stellt nur einen
besonders deutlichen Ausdruck jener Neigungen dar, die sich beim Kinde
im Verhältnis zu den Eltern regen, sobald es im Vater den störenden
Konkurrenten um die Liebe und Zärtlichkeit der Mutter erblickt. Eine auf
das Prinzip der Sekularverdrängung im Seelenleben der Menschheit
gestützte Untersuchung der dichterischen Phantasiebildung vermag zu
zeigen, daß mehr oder minder verhüllte, entstellte oder abgeschwächte
Darstellungen desselben Urkonfliktes sich durch die Weltliteratur ziehen
und die Dichter immer wieder aufs neue zur Bearbeitung locken. O. _Rank_
hat an einem großen Material die Bedeutung der Inzestphantasie für das
dichterische Schaffen, aber auch für das Seelenleben des Künstlers und
das psychologische Verständnis seiner Werke aufgezeigt und dabei die
Ubiquität des Inzestmotivs bei den bedeutendsten Dichtern der
Weltliteratur festgestellt. Im einzelnen ist noch mancherlei zu
verfolgen und aufzuklären, insbesondere die Zusammenhänge mit dem
persönlichen Lebensschicksal des Dichters, wie auch die Probleme der
künstlerischen Formgebung und technischen Gestaltung in jedem
Einzelfalle einer speziellen Erörterung bedürfen. Dem Thema des
»_Hamlet_« hat _Ernest Jones_ eine ausführliche Untersuchung gewidmet.
Auf eine reiche Kenntnis der einschlägigen Literatur gestützt, versuchte
er dem Problem von den verschiedensten Seiten näherzukommen, um
schließlich seine Lösung, übereinstimmend mit der bei den typischen
Träumen gegebenen Deutung (p. 193 f.), in der Inzestphantasie zu
finden(204). _Jones_ hat seine Untersuchung aber nicht auf die
Hauptpersonen des Dramas beschränkt, sondern gezeigt, wie auch die
anderen Gestalten im Zusammenhang dieser Auffassung ihren guten
psychologischen Sinn erhalten, wie sie sich als dramatische Abspaltungen
und Verdoppelungen der seelischen Einheit erweisen, die wir im Ich des
Dichters zu suchen haben. Der bereitliegende Einwand, daß es sich hier,
ähnlich wie beim Ödipus, nur um die dramatische Gestaltung eines
altüberlieferten mythischen Stoffes handelt, dessen Inhalt dem Dichter
gegeben sei, bietet der Psychoanalyse willkommenen Anlaß, darauf
hinzuweisen, daß auch die Schöpfungen der Volksphantasie den gleichen
Gesetzen unterliegen wie die individuellen Leistungen eines einzelnen
und daß ja der Dichter je nach der Vorherrschaft seiner Komplexe nicht
nur die Wahl unter den vorliegenden Stoffen hat, sondern auch noch die
Nötigung empfindet, das Thema in seinem Sinne um- und auszugestalten.
Wie die Ödipus-_Sage_ selbst, auf der so viele dichterische
Bearbeitungen fußen, als universeller Ausdruck jener primitiven
Urregungen aus der Kindheit des Menschengeschlechtes anzusehen ist, so
läßt sich auch der Hamlet-Stoff in seinen mythologischen Überlieferungen
als eine etwas entstellte Reaktion auf die gleichen seelischen Kämpfe
verstehen, die den Dichter dann dazu drängen, sich dieses
bereitstehenden Gefäßes zur Ablagerung seiner analogen psychischen
Konflikte zu bedienen.
(204) Das kürzlich erschienene Buch von _Erich Wulffen_: »Shakespeares
Hamlet ein Sexualproblem« (Berlin 1913) kommt als mißverständliche
Verflachung der psychoanalytischen Auffassung hier nicht in Betracht.