I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur:

_Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt ihr #3 fl. 65 kr.#

aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was tust du? Es kostet ja nur

#21 kr.#_ Dieses Stückchen Traum war mir durch die Verhältnisse der

Träumerin ohne weitere Aufklärung ihrerseits verständlich. Die Dame war

eine Fremde, die ihre Tochter in einem Wiener Erziehungsinstitut

untergebracht hatte und meine Behandlung fortsetzen konnte, solange ihre

Tochter in Wien blieb. In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und

damit endete auch die Kur. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die

Institutsvorsteherin nahegelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte,

das Kind noch ein weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann

offenbar bei sich diese Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem

Falle auch die Behandlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf bezieht

sich nun der Traum, denn ein Jahr ist gleich #365# Tagen, die drei

Wochen bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich ersetzen

durch #21# Tage (wenngleich nicht ebenso viele Behandlungsstunden). Die

Zahlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten standen, werden im Traume

Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein tieferer Sinn zum

Ausdruck käme, denn »_Time is money_«, Zeit hat Geldwert. #365# Kreuzer

sind dann allerdings #3 Gulden 65 Kreuzer#. Die Kleinheit der im Traume

erscheinenden Summen ist offenkundige Wunscherfüllung; der Wunsch hat

die Kosten der Behandlung wie des Lehrjahres im Institut verkleinert.

II. Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem anderen

Traume. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren verheiratete

Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige Bekannte, Elise L., sich

eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: _Sie sitzt mit ihrem Manne im

Theater, eine Seite des Parketts ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt

ihr, Elise L. und ihr Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber

nur schlechte Sitze bekommen, #3# für #1 fl. 50 kr.#, und die konnten

sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch kein Unglück gewesen._

Woher rühren die #1 fl. 50 kr.#? Aus einem eigentlich indifferenten

Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne #150 fl.# zum

Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden, indem sie sich

einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken, daß 150 fl. #100# mal

mehr ist als 1 fl. 50 kr. Woher die #3#, die bei den Theatersitzen

steht? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfung, daß die Braut um

ebensoviel Monate -- _drei_ -- jünger ist als sie. Zur Auflösung des

Traumes führt dann die Erkundigung, was der Zug im Traume, daß eine

Seite des Parketts leer bleibt, bedeuten kann. Derselbe ist eine

unveränderte Anspielung auf eine kleine Begebenheit, die ihrem Mann

guten Grund zur Neckerei gegeben hat. Sie hatte sich vorgenommen, zu

einer der angekündigten Theatervorstellungen der Woche zu gehen, und war

so vorsorglich, mehrere Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie

Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte. Als sie dann ins Theater kamen, fanden

sie, daß die eine Seite des Hauses fast leer war; sie hätte es nicht

nötig gehabt, _sich so sehr zu beeilen_.

Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen: »Ein

_Unsinn_ war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht _nötig

gehabt, mich so zu beeilen_; an dem Beispiele der Elise L. sehe ich, daß

ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und zwar einen _hundertmal_

besseren (Mann, Schatz), wenn ich _nur gewartet_ hätte (Gegensatz zu dem

_Beeilen_ der Schwägerin). _Drei_ solche Männer hätte ich für das Geld

(die Mitgift) kaufen können!« Wir werden darauf aufmerksam, daß in

diesem Traume die Zahlen in weit höherem Grade Bedeutung und

Zusammenhang verändert haben als im vorher behandelten. Die Umwandlungs-

und Entstellungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir

so deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein

besonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwinden

hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traume ein

absurdes Element enthalten ist, nämlich daß _zwei_ Personen _drei_ Sitze

nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im Traume über,

wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des Trauminhaltes den

meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll: Ein _Unsinn_ war es, so

früh zu heiraten. Die in einer ganz nebensächlichen Beziehung der beiden

verglichenen Personen enthaltene 3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist

dann geschickt zur Produktion des für den Traum erforderlichen Unsinns

verwendet worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr.

entspricht der _Geringschätzung des Mannes_ (oder Schatzes) in den

unterdrückten Gedanken der Träumerin.

III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes vor, die

ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: _Er sitzt bei

B. ._ (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft) _und sagt: Es war

ein Unsinn, daß Sie mir die Mali nicht gegeben haben. Darauf fragt er

das Mädchen: Wie alt sind Sie denn? Antwort: Ich bin #1882# geboren. --

Ah, dann sind Sie #28# Jahre alt._

Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar schlecht

gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der des Paralytikers

an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa nicht anders aufklären

läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen, deren Gedanken kein

Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen können. Seine Nachfolgerin

in meinem Ordinationszimmer war einige Monate hindurch regelmäßig eine

junge Dame, der er begegnete, nach der er sich häufig erkundigte, und

mit der er durchaus höflich sein wollte. Diese war es, deren Alter er

auf _#28# Jahre_ schätzte. Soviel zur Aufklärung des Resultates der

scheinbaren Rechnung. #1882# war aber das Jahr, in dem er geheiratet

hatte. Er hatte es nicht unterlassen können, auch mit den beiden anderen

weiblichen Personen, die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den

beiden keineswegs jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu

öffnen pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die

Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren »_gesetzten_«

Herrn.

Rechnen und Reden im Traum.

IV. Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige Determinierung

oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist, verdanke ich mitsamt

seiner Deutung Herrn B. _Dattner_:

»Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten, träumt, er

stünde auf der Straße Posten, was eine Wunscherfüllung ist. Da kommt ein

Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen die Nummer #22# und #62#

oder #26# trägt. Jedenfalls aber seien mehrere Zweier draufgewesen.

Schon die Zerteilung der Zahl 2262 bei der Wiedergabe des Traumes läßt

darauf schließen, daß die Bestandteile eine gesonderte Bedeutung haben.

Sie hätten gestern im Amt über die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen,

fällt ihm ein. Ursache gab ein Inspektor, der mit #62# Jahren in Pension

gegangen sei. Der Träumer hat erst #22# Dienstjahre und braucht noch #2#

Jahre #2# Monate, um eine 90%ige Pension zu erreichen. Der Traum

spiegelt ihm nun zuerst die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den

Inspektorsrang, vor. Der Vorgesetzte mit der #2262# auf dem Kragen ist

er selbst, er versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein

Lieblingswunsch, hat seine #2# Jahre und #2# Monate abgedient und kann

nun wie der #62# jährige Inspektor mit voller Pension aus dem Amte

scheiden(160).«

(160) Analysen von anderen Zahlenträumen siehe bei _Jung_,

_Marcinowski_ u. a. Dieselben setzen oft sehr komplizierte

Zahlenoperationen voraus, die aber vom Träumer mit verblüffender

Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch _Jones_, »Über unbewußte

Zahlenbehandlung« (Zentralbl. f. PS.-A. II, 1912, S. 241 f.).

Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele zusammenhalten,

dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt nicht, weder richtig

noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den Traumgedanken vorkommen und

als Anspielungen auf ein nicht darstellbares Material dienen können, in

der Form einer Rechnung zusammen. Sie behandelt dabei die Zahlen in

genau der nämlichen Weise als Material zum Ausdruck ihrer Absichten wie

alle anderen Vorstellungen, wie auch die Namen und die als

Wortvorstellungen kenntlichen Reden.

Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. Soviel von Rede

und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag, die an sich sinnig oder

unvernünftig sein können, die Analyse zeigt uns jedesmal, daß der Traum

dabei nur Bruchstücke von wirklich geführten oder gehörten Reden den

Traumgedanken entnommen hat und höchst willkürlich mit ihnen verfahren

ist. Er hat sie nicht nur aus ihrem Zusammenhange gerissen und

zerstückt, das eine Stück aufgenommen, das andere verworfen, sondern

auch oft neu zusammengefügt, so daß die zusammenhängend scheinende

Traumrede bei der Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser

Neuverwendung hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken

hatten, bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn

abgewonnen(161). Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der Traumrede

deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als Bindemittel

dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir ausgelassene

Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traumrede hat so den

Aufbau eines Brecciengesteins, in dem größere Brocken verschiedenen

Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse zusammengehalten werden.

(161) In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die Neurose.

Ich kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder oder Stücke

von solchen unwillkürlich und widerwillig hört (halluziniert), ohne

deren Bedeutung für ihr Seelenleben verstehen zu können. Sie ist

übrigens gewiß nicht paranoisch. Die Analyse zeigt dann, daß sie den

Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen mißbräuchlich verwendet

hat. »Leise, leise, fromme Weise.« Das bedeutet für ihr Unbewußtes:

Fromme _Waise_, und diese ist sie selbst. »O du selige, o du

fröhliche« ist der Anfang eines Weihnachtsliedes; indem sie es nicht

bis zu »Weihnachtszeit« fortsetzt, macht sie daraus ein Brautlied

u. dgl. -- Derselbe Entstellungsmechanismus kann sich übrigens auch

ohne Halluzination im bloßen Einfall durchsetzen. Warum wird einer

meiner Patienten von der Erinnerung an ein Gedicht heimgesucht, das er

in jungen Jahren lernen mußte:

»Nächtlich am Busento lispeln . . . ?«

Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats:

»_Nächtlich am Busen_« begnügt.

Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen

Technik nicht verzichtet hat. Die »Fliegenden Blätter« brachten einst

unter ihren Illustrationen zu deutschen »Klassikern« auch ein Bild zum

Schillerschen »Siegesfest«, zu dem das Zitat vorzeitig abgeschlossen

war.

»Und des frisch erkämpften Weibes

Freut sich der Atrid und strickt.«

(Fortsetzung:

Um den Reiz des schönen Leibes

Seine Arme hochbeglückt.)

In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur für jene

Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der Rede haben und

als »Reden« beschrieben werden. Die anderen, die nicht gleichsam als

gehört oder als gesagt empfunden werden (keine akustische oder

motorische Mitbetonung im Traume haben), sind einfach Gedanken, wie sie

in unserer wachen Denktätigkeit vorkommen und unverändert in viele

Träume übergehen. Für das indifferent gehaltene Redematerial des Traumes

scheint auch die Lektüre eine reich fließende und schwer zu verfolgende

Quelle abzugeben. Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig

hervortritt, unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst

gehaltene oder gehörte Rede.

Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir bereits bei der

Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen Zwecken mitgeteilt worden

sind. So in dem »harmlosen Markttraum« auf p. 139, in dem die Rede: _Das

ist nicht mehr zu haben_, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu

identifizieren, während ein Stück der anderen Rede: _Das kenne ich

nicht, das nehme ich nicht_, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum

harmlos zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgend welche

Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: Das kenne ich

nicht, _benehmen Sie sich anständig_, und nun von dieser Rede das

indifferent klingende erste Stück in den Traum genommen, um mit ihm auf

das spätere Stück anzuspielen, das in die Phantasie, welche dem Traume

zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, aber auch dieselbe verraten hätte.

Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche

ergaben:

_Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden._ Er sagt: _Da geh' ich

weg, das kann ich nicht sehen._ (Keine deutliche Rede.) _Dann trifft er

zwei Fleischhauerbuben und fragt: »Na, hat's geschmeckt?« Der eine

antwortet: Na, nöt gut war's. Als ob es Menschenfleisch gewesen wäre._

Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht nach dem

Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven, aber keineswegs

_appetitlichen_ Nachbarsleuten. Die gastfreundliche alte Dame befindet

sich eben bei ihrem Abendessen und _nötigt_ ihn (man gebraucht dafür

scherzhaft unter Männern ein zusammengesetztes, sexuell bedeutsames

Wort) davon zu kosten. Er lehnt ab, er habe keinen Appetit mehr. »_Aber

gehen's weg_, das werden Sie noch vertragen« oder so ähnlich. Er muß

also kosten und rühmt dann das Gebotene vor ihr. »_Das ist aber gut._«

Mit seiner Frau wieder allein, schimpft er dann sowohl über die

Aufdringlichkeit der Nachbarin, als auch über die Qualität der

gekosteten Speise. »Das kann ich nicht sehen,« das auch im Traume nicht

als eigentliche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die

körperlichen Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre,

daß er diese zu schauen nicht begehrt.

Der Traum »Non vixit«.

Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes gestalten, den

ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittelpunkt bildet, schon

an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Würdigung der Affekte im

Traume aufklären werde. Ich träume sehr klar: _Ich bin nachts ins

Brücke_sche _Laboratorium gegangen und öffne auf ein leises Klopfen an

der Tür dem_ (verstorbenen) _Professor Fleischl, der mit mehreren

Fremden eintritt und sich nach einigen Worten an seinen Tisch setzt._

Dann folgt ein zweiter Traum: _Mein Freund Fl. ist im Juli unauffällig

nach Wien gekommen; ich begegne ihm auf der Straße im Gespräche mit

meinem_ (verstorbenen) _Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, wo

sie einander wie an einem kleinen Tische gegenübersitzen, ich an der

schmalen Seite des Tischchens vorn. Fl. erzählt von seiner Schwester und

sagt: In dreiviertel Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das ist

die Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet sich Fl. an mich und

fragt mich, wieviel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt habe.

Darauf ich, von merkwürdigen Affekten ergriffen, Fl. mitteilen will, daß

P. (ja gar nichts wissen kann, weil er) gar nicht am Leben ist. Ich sage

aber, den Irrtum selbst bemerkend: #Non vixit.# Ich sehe dann P.

durchdringend an, unter meinem Blicke wird er bleich, verschwommen,

seine Augen werden krankhaft blau -- und endlich löst er sich auf. Ich

bin ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch Ernst Fleischl

nur eine Erscheinung, ein Revenant war, und finde es ganz wohl möglich,

daß eine solche Person nur so lange besteht, als man es mag, und daß sie

durch den Wunsch des anderen beseitigt werden kann._

Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt rätselhaften

Charaktere, -- die Kritik während des Traumes selbst, daß ich meinen

Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst bemerke; den

unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum selbst für

verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und die hohe

Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, -- daß ich »für mein Leben

gern« die volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte. Ich bin aber in

Wirklichkeit unfähig, das zu tun -- was ich nämlich im Traume tue -- die

Rücksicht auf so teure Personen meinem Ehrgeiz aufzuopfern. Bei jeder

Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte Sinn des Traumes zu Schanden

geworden. So begnüge ich mich denn, zuerst hier, und dann an späterer

Stelle einige Elemente des Traumes zur Deutung herauszugreifen.

Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. durch einen

Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merkwürdig und unheimlich

blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene ist die unverkennbare

Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war Demonstrator am

physiologischen Institut, hatte den Dienst in den Frühstunden, und

_Brücke_ hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät ins Schülerlaboratorium

gekommen war. Da kam er einmal pünktlich zur Eröffnung und

wartete mich ab. Was er mir sagte, war karg und bestimmt;

es kam aber gar nicht auf die Worte an. Das Überwältigende waren die

fürchterlichen blauen Augen, mit denen er mich ansah, und vor denen ich

verging -- wie P. im Traume, der zu meiner Erleichterung die Rollen

verwechselt hat. Wer sich an die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen

Augen des großen Meisters erinnern kann und ihn je im Zorne gesehen hat,

wird sich in die Affekte des jugendlichen Sünders von damals leicht

versetzen können.

Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das »_Non vixit_« abzuleiten,

mit dem ich im Traume jene Justiz übe, bis ich mich besann, daß diese

zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als _gesehene_ so

hohe Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann wußte ich sofort,

woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser Josef-Denkmals in der

Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu lesen:

Saluti patriae _vixit_

_non_ diu sed totus.

Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen

feindseligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was heißen

sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja gar nicht.

Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige Tage nach der

Enthüllung des _Fleischl_-Denkmals in den Arkaden der Universität

geträumt worden war, wobei ich das Denkmal _Brückes_ wiedergesehen hatte

und (im Unbewußten) mit Bedauern erwogen haben muß, wie mein

hochbegabter, und ganz der Wissenschaft ergebener Freund P. durch einen

allzufrühen Tod seinen begründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen

Räumen verloren. So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund

P. hieß mit dem Vornamen Josef(162).

(162) Als Beitrag zur Überdeterminierung: Meine Entschuldigung für

mein Zuspätkommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen

den weiten Weg von der _Kaiser Josef_-Straße in die Währingerstraße zu

machen hatte.

Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer nicht

berechtigt, das _non vivit_, das ich brauche, durch _non vixit_, das mir

die Erinnerung an das Josefs-Monument zur Verfügung stellt, zu ersetzen.

Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch seinen Beitrag

ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf achten, daß in der

Traumszene eine feindselige und eine zärtliche Gedankenströmung gegen

meinen Freund P. zusammentreffen, die erstere oberflächlich, die

letztere verdeckt, und in den nämlichen Worten: _Non vixit_ ihre

Darstellung erreichen. Weil er sich um die Wissenschaft verdient gemacht

hat, errichte ich ihm ein Denkmal; aber weil er sich eines bösen

Wunsches schuldig gemacht hat (der am Ende des Traumes ausgedrückt ist),

darum vernichte ich ihn. Ich habe da einen Satz von ganz besonderem

Klange gebildet, bei dem mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo

findet sich nur eine ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen

zweier entgegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person,

die beide den Anspruch erheben, voll berechtigt zu sein, und

doch einander nicht stören wollen? An einer einzigen Stelle, die sich

aber dem Leser tief einprägt; in der Rechtfertigungsrede des _Brutus_ in

_Shakespeares Julius Cäsar_: »Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um

ihn; weil er glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr' ich

ihn, aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.« Ist das nicht

der nämliche Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den

ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im Traume. Wenn ich nur

von dieser überraschenden Kollateralverbindung noch eine andere

bestätigende Spur im Trauminhalt auffinden könnte! Ich denke, dies

könnte folgendes sein: Mein Freund Fl. kommt im _Juli_ nach Wien. Diese

Einzelheit findet gar keine Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist

im Monat _Juli_ meines Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der Monat

_Juli_ ist nach _Julius Cäsar_ benannt und könnte darum sehr wohl die

von mir gesuchte Anspielung auf den Zwischengedanken, daß ich den Brutus

spiele, vertreten(163).

(163) Dazu noch _Cäsar_-_Kaiser_.

Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus gespielt. Ich

habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Gedichten vor einem

Auditorium von Kindern aufgeführt und zwar als 14 jähriger Knabe im

Vereine mit meinem um ein Jahr älteren Neffen, der damals aus England zu

uns gekommen war, -- auch so ein _Revenant_ -- denn es war der Gespiele

meiner ersten Kinderjahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem

vollendeten dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten

einander geliebt und miteinander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat,

wie ich schon einmal angedeutet, überall meine späteren Gefühle im

Verkehre mit Altersgenossen entschieden. Mein Neffe John hat seither

sehr viele Inkarnationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite

seines in meiner unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten Wesens

wiederbelebten. Er muß mich zeitweilig sehr schlecht behandelt haben,

und ich muß Mut bewiesen haben gegen meinen Tyrannen, denn es ist mir in

späteren Jahren oft eine kurze Rechtfertigungsrede wiedererzählt worden,

mit der ich mich verteidigte, als mich der Vater -- sein Großvater --

zur Rede stellte: Warum schlägst du den John? Sie lautete in der Sprache

des noch nicht Zweijährigen: _Ich habe ihn ge(sch)lagt, weil er mich

ge(sch)lagt hat._ Diese Kinderszene muß es sein, die _non vivit_ zum

_non vixit_ ablenkt, denn in der Sprache späterer Kinderjahre heißt ja

das _Schlagen_ -- _Wichsen_; die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich

solcher Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität so wenig

begründete Feindseligkeit gegen meinen Freund P., der mir vielfach

überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kindergespielen abgeben

konnte, geht sicherlich auf die komplizierte infantile Beziehung zu John

zurück.

Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen.

g) _Absurde Träume_. _Die intellektuellen Leistungen im Traume_.

Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das Element

der _Absurdität_ im Trauminhalt gestoßen, daß wir die Untersuchung nicht

länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, und was es etwa

bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität der Träume den Gegnern

der Traumschätzung ein Hauptargument bot, um im Traume nichts anderes

als ein sinnloses Produkt einer reduzierten und zerbröckelten

Geistestätigkeit zu sehen.

Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des

Trauminhaltes nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in den

Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume, die -- wie

man zuerst meint, zufällig -- vom toten Vater handeln.

Absurde Träume vom toten Vater.

Die Traumdeutung · 第 45 / 57 题