9. _Traum eines Chemikers_,

eines jungen Mannes, der sich bemühte, seine onanistischen Gewohnheiten

gegen den Verkehr mit dem Weibe aufzugeben.

_Vorbericht_. Am Tage vor dem Traume hat er einem Studenten Aufschluß

über die _Grignard_sche Reaktion gegeben, bei welcher Magnesium unter

katalytischer Jodeinwirkung in absolut reinem Äther aufzulösen ist. Zwei

Tage vorher gab es bei der nämlichen Reaktion eine Explosion, bei der

sich ein Arbeiter die Hand verbrannte.

Traum: I. Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die Apparatur

besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium substituiert. Er

ist nun in eigentümlich schwankender Verfassung, sagt sich immer: Es ist

das Richtige, es geht, meine Füße lösen sich schon auf, meine Knie

werden weich. Dann greift er hin, fühlt an seine Füße, nimmt inzwischen

(er weiß nicht wie) seine Beine aus dem Kolben heraus, sagt sich wieder:

Das kann nicht sein. -- Ja doch, es ist richtig gemacht. Dabei erwacht

er partiell, wiederholt sich den Traum, weil er ihn mir erzählen will.

Er fürchtet sich direkt vor der Auflösung des Traumes, ist während

dieses Halbschlafes sehr erregt und wiederholt sich beständig: Phenyl,

Phenyl.

II. Er ist mit seiner ganzen Familie in ***ing; soll um ½12 Uhr beim

Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame sein, wacht aber erst

um ½12 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu spät; bis du hinkommst,

ist es ½1 Uhr. Im nächsten Moment sieht er die ganze Familie um den

Tisch versammelt, besonders deutlich die Mutter und das Stubenmädchen

mit dem Suppentopf. Er sagt sich dann: Nun, wenn wir schon essen, kann

ich ja nicht mehr fort.

_Analyse_: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine Beziehung zur

Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in der Nacht vor der

erwarteten Zusammenkunft geträumt). Der Student, dem er die Auskunft

gab, ist ein besonders ekelhafter Kerl; er sagte ihm: Das ist nicht das

Richtige, weil das Magnesium noch ganz unberührt war, und jener

antwortete, als ob ihm gar nichts daran läge: Das ist halt nicht das

Richtige. Dieser Student muß er selbst sein; -- er ist so gleichgültig

gegen seine _Analyse_, wie jener für seine _Synthese_ --; das Er im

Traume, das die Operation vollzieht, aber ich. Wie ekelhaft muß er mir

mit seiner Gleichgültigkeit gegen den Erfolg erscheinen!

Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) gemacht wird.

Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die Beine im Traume erinnern an

einen Eindruck von gestern abends. Er traf in der Tanzstunde mit einer

Dame zusammen, die er erobern will; er drückte sie so fest an sich, daß

sie einmal aufschrie. Als er mit dem Druck gegen ihre Beine aufhörte,

fühlte er ihren kräftigen Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis

oberhalb der Knie, an den im Traume erwähnten Stellen. In dieser

Situation ist also das Weib das Magnesium in der Retorte, mit dem es

endlich geht. Er ist feminin gegen mich, wie er viril gegen das Weib

ist. Geht es mit der Dame, so geht es auch mit der Kur. Das sich

Befühlen und die Wahrnehmungen an seinen Knien deuten auf die Onanie und

entsprechen seiner Müdigkeit vom Tage vorher. -- Das Rendezvous war

wirklich für ½12 Uhr verabredet. Sein Wunsch, es zu verschlafen und bei

den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei der Onanie) zu bleiben,

entspricht seinem Widerstande.

Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese Radikale auf

yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr bequem zu gebrauchen:

Benzyl, Azetyl usw. Das erklärt nun nichts, aber als ich ihm das

Radikal: _Schlemihl_ vorschlage, lacht er sehr und erzählt, daß er

während des Sommers ein Buch von _Prévost_ gelesen und in diesem war im

Kapitel: Les exclus de l'amour allerdings von den »_Schlemiliés_« die

Rede, bei deren Schilderung er sich sagte: Das ist mein Fall. --

Schlemihlerei wäre es auch gewesen, wenn er das Rendezvous versäumt

hätte.

Es scheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte

experimentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr. K. _Schrötter_ hat

1912 über Anregung von H. _Swoboda_ bei tief hypnotisierten Personen

Träume durch einen suggestiven Auftrag erzeugt, der einen großen Teil

des Trauminhaltes festlegte. Wenn die Suggestion den Auftrag brachte,

vom normalen oder abnormen Sexualverkehr zu träumen, so führte der Traum

diese Aufträge aus, indem er an Stelle des sexuellen Materials die aus

der psychoanalytischen Traumdeutung bekannten Symbole einsetzte. So

z. B. erschien nach der Suggestion, vom homosexuellen Verkehr mit einer

Freundin zu träumen, im Traume diese Freundin mit einer schäbigen

_Reisetasche_ in der Hand, worauf ein Zettel klebte, bedruckt mit den

Worten: »Nur für Damen.« Der Träumerin war angeblich von Symbolik im

Traume und Traumdeutung niemals etwas bekanntgegeben worden. Leider wird

die Einschätzung dieser bedeutsamen Untersuchung durch die unglückliche

Tatsache gestört, daß Dr. _Schrötter_ bald nachher durch Selbstmord

endete. Von seinen Traumexperimenten berichtet bloß eine vorläufige

Mitteilung im »Zentralblatt für Psychoanalyse«.

* * * * *

Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben, können wir in

der p. 205 abgebrochenen Behandlung der _typischen Träume_ fortfahren.

Ich halte es für gerechtfertigt, diese Träume im Groben in zwei Klassen

einzuteilen, in solche, die wirklich jedesmal den gleichen Sinn haben,

und zweitens in solche, die trotz des gleichen oder ähnlichen Inhaltes

doch die verschiedenartigsten Deutungen erfahren müssen. Von den

typischen Träumen der ersten Art habe ich den Prüfungstraum bereits

eingehender behandelt.

Wegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume vom

Nichterreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen angereiht zu

werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese Annäherung. Es sind

Trostträume gegen eine andere im Schlaf empfundene Angstregung, die

Angst zu sterben. »Abreisen« ist eines der häufigsten und am besten zu

begründenden Todessymbole. Der Traum sagt dann tröstend: Sei ruhig, du

wirst nicht sterben (abreisen), wie der Prüfungstraum beschwichtigte:

Fürchte nichts; es wird dir auch diesmal nichts geschehen. Die

Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von Träumen rührt daher, daß

die Angstempfindung gerade an den Ausdruck des Trostes geknüpft ist.

Zahnreizträume.

Der Sinn der »_Zahnreizträume_«, die ich bei meinen Patienten oft genug

zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit entgangen, weil sich zu meiner

Überraschung der Deutung derselben regelmäßig allzu große Widerstände

entgegenstellten.

Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß bei Männern

nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit die Triebkraft

dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher Träume analysieren, von

denen einer gleichzeitig ein »Flugtraum« ist. Beide rühren von derselben

Person her, einem jungen Manne mit starker, aber im Leben gehemmter

Homosexualität:

_Er befindet sich bei einer »Fidelio«-Vorstellung im Parkett der Oper,

neben L., einer ihm sympathischen Persönlichkeit, deren Freundschaft er

gern erwerben möchte. Plötzlich fliegt er schräg hinweg über das Parkett

bis ans Ende, greift sich dann in den Mund und zieht sich zwei Zähne

aus._

Den Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft »geworfen« würde.

Da es sich um eine Vorstellung des »Fidelio« handelt, liegt das

Dichterwort nahe:

»Wer ein holdes Weib errungen« --

Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zu den Wünschen

des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere Verse besser:

»Wem der _große Wurf_ gelungen,

Eines Freundes Freund zu sein . . .«

Der Traum enthält nun diesen »großen Wurf«, der aber nicht allein

Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die peinliche

Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freundschaft schon so oft

Unglück gehabt hat, »hinausgeworfen« wurde, und die Furcht, dieses

Schicksal könnte sich bei dem jungen Manne, neben dem er die

»Fidelio«-Vorstellung genießt, wiederholen. Und nun schließt sich daran

das für den feinsinnigen Träumer beschämende Geständnis an, daß er einst

nach einer Abweisung von Seite eines Freundes aus Sehnsucht zweimal

hintereinander in sinnlicher Erregung onaniert hat.

Der andere Traum: _Zwei ihm bekannte Universitätsprofessoren behandeln

ihn an meiner Statt. Der eine tut irgend etwas an seinem Gliede; er hat

Angst vor einer Operation. Der andere stößt mit einer eisernen Stange

gegen seinen Mund, so daß er ein oder zwei Zähne verliert. Er ist mit

vier seidenen Tüchern gebunden._

Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft. Die

seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem ihm

bekannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen Koitus

ausgeführt, auch nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen Verkehr mit

Männern gesucht hat, stellt sich den sexuellen Verkehr nach dem Vorbilde

der ihm einst vertrauten Pubertätsonanie vor.

Über die Symbolik des Zahnreizes.

Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen

Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn auszieht und

ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich werden(147).

Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der »Zahnreiz« zu dieser

Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Verlegung von

unten nach oben aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht,

und vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und

Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an

anderen einwandfreien Körperteilen realisiert werden können. Ein Fall

von solcher Verlegung ist es auch, wenn in der Symbolik des unbewußten

Denkens die Genitalien durch das Angesicht ersetzt werden. Der

Sprachgebrauch tut dabei mit, indem er »Hinterbacken« als Homologe der

Wangen anerkennt, »Schamlippen« neben den Lippen nennt, welche die

Mundspalte einrahmen. Die Nase wird in zahlreichen Anspielungen dem

Penis gleichgestellt, die Behaarung hier und dort vervollständigt die

Ähnlichkeit. Nur ein Gebilde steht außer jeder Möglichkeit von

Vergleichung, die Zähne, und gerade dies Zusammentreffen von

Übereinstimmung und Abweichung macht die Zähne für die Zwecke der

Darstellung unter dem Drucke der Sexualverdrängung geeignet.

(147) Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist als

Kastration zu deuten (ähnlich wie das Haareschneiden durch den

Friseur; _Stekel_). Es ist zu unterscheiden zwischen Zahnreizträumen

und Zahnarztträumen überhaupt, wie solche z. B. _Coriat_ (Zentralbl.

f. Ps.-A. III, 440) mitgeteilt hat.

Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiztraumes als

Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln kann, voll

durchsichtig geworden ist(148). Ich gebe so viel, als ich zur Erklärung

weiß, und muß einen Rest unaufgelöst lassen. Aber ich muß auch auf einen

anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In

unseren Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den

masturbatorischen Akt: sich einen ausreißen oder sich einen

herunterreißen(149). Ich weiß nicht zu sagen, woher diese Redeweisen

stammen, welche Verbildlichung ihnen zu Grunde liegt, aber zur ersteren

von den beiden würde sich der »Zahn« sehr gut fügen(150).

(148) Nach einer Mitteilung von C. G. _Jung_ haben die Zahnreizträume

bei Frauen die Bedeutung von Geburtsträumen.

(149) Vgl. hiezu den »biographischen« Traum auf p. 289.

(150) Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im Volksglauben

auf den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die Psychoanalyse ihnen

aber solche Bedeutung höchstens im oben angedeuteten parodistischen

Sinn zugestehen kann, schalte ich hier einen von _Otto Rank_ zur

Verfügung gestellten »Zahnreiztraum« ein:

»Zum Thema der Zahnreizträume ist mir von einem Kollegen, der sich

seit einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung lebhafter zu

interessieren beginnt, der folgende Bericht zugekommen:

›_Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen

rückwärtigen Zahn des Unterkiefers ausbohrt. Er arbeitet so lange

herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann faßt er ihn mit der

Zange und zieht ihn mit einer spielenden Leichtigkeit heraus, die mich

in Verwunderung setzt. Er sagt, ich solle mir nichts daraus machen,

denn das sei gar nicht der eigentlich behandelte Zahn und legt ihn auf

den Tisch, wo der Zahn (wie mir nun scheint, ein oberer Schneidezahn)

in mehrere Schichten zerfällt. Ich erhebe mich vom Operationsstuhl,

trete neugierig näher und stelle interessiert eine medizinische Frage.

Der Arzt erklärt mir, während er die einzelnen Teilstücke des

auffallend weißen Zahnes sondert und mit einem Instrument zermalmt

(pulverisiert), daß das mit der Pubertät zusammenhängt und daß die

Zähne nur vor der Pubertät so leicht herausgehen; bei Frauen sei das

hiefür entscheidende Moment die Geburt eines Kindes. -- Ich merke dann

(wie ich glaube im Halbschlaf), daß dieser Traum von einer Pollution

begleitet war, die ich aber nicht mit Sicherheit an eine bestimmte

Stelle des Traumes einzureihen weiß; am ehesten scheint sie mir noch

beim Herausziehen des Zahnes eingetreten zu sein._

_Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr erinnerlichen Vorgang,

der damit abschloß, daß ich Hut und Rock in der Hoffnung, man werde

mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgendwo (möglicherweise in der

Garderobe des Zahnarztes) zurücklassend und bloß mit dem Überrock

bekleidet mich beeilte, einen abgehenden Zug noch zu erreichen. Es

gelang mir auch im letzten Moment, auf den rückwärtigen Waggon

aufzuspringen, wo bereits jemand stand. Ich konnte jedoch nicht mehr

in das Innere des Wagens gelangen, sondern mußte in einer unbequemen

Stellung, aus der ich mich mit schließlichem Erfolg zu befreien

versuchte, die Reise mitmachen. Wir fahren durch ein großes Tunnel,

wobei in der Gegenrichtung zwei Züge wie durch unseren Zug

hindurchfahren, als ob dieser das Tunnel wäre. Ich schaue wie von

außen durch ein Waggonfenster hinein._

Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich folgende

Erlebnisse und Gedanken des Vortages:

I. Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung und

habe zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des

Unterkiefers, der im Traume ausgebohrt wird und an dem der Arzt auch

in Wirklichkeit schon länger herumarbeitet, als mir lieb ist. Am

Vormittag des Traumtages war ich neuerlich wegen der Schmerzen beim

Arzt gewesen, der mir nahegelegt hatte, einen anderen als den

behandelten Zahn im selben Kiefer ziehen zu lassen, von dem

wahrscheinlich der Schmerz herrühren dürfte. Es handelte sich um einen

eben durchbrechenden ›Weisheitszahn‹. Ich hatte bei der Gelegenheit

auch eine darauf bezügliche Frage an sein ärztliches Gewissen

gestellt.

II. Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer Dame

gegenüber meine üble Laune mit den Zahnschmerzen entschuldigen zu

müssen, worauf sie mir erzählte, sie habe Furcht, sich eine Wurzel

ziehen zu lassen, deren Krone fast gänzlich abgebröckelt sei. Sie

meinte, das Ziehen wäre bei den Augenzähnen besonders schmerzhaft und

gefährlich, obwohl ihr anderseits eine Bekannte gesagt habe, daß es

bei den Zähnen des Oberkiefers (um einen solchen handelte es sich bei

ihr) leichter gehe. Diese Bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei

einmal in der Narkose ein falscher Zahn gezogen worden, eine

Mitteilung, welche ihre Scheu vor der notwendigen Operation nur

vermehrt habe. Sie fragte mich dann, ob unter Augenzähnen Backen- oder

Eckzähne zu verstehen seien und was über diese bekannt sei. Ich machte

sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag in all diesen

Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des richtigen Kernes

mancher volkstümlicher Anschauungen zu versäumen. Sie weiß darauf von

einem ihrer Erfahrung nach sehr alten und allgemein bekannten

Volksglauben zu berichten, der behauptet: _Wenn eine Schwangere

Zahnschmerzen hat, so bekommt sie einen Buben._

III. Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die von

_Freud_ in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 193 f.) mitgeteilte

typische Bedeutung der Zahnreizträume als Onanieersatz, da ja auch in

dem Volksspruch der Zahn und das männliche Genitale (Bub) in eine

gewisse Beziehung gebracht werden. Ich las also am Abend desselben

Tages die betreffende Stelle in der Traumdeutung nach und fand dort

unter anderem die im folgenden wiedergegebenen Ausführungen, deren

Einfluß auf meinen Traum ebenso leicht zu erkennen ist wie die

Einwirkung der beiden vorgenannten Erlebnisse. _Freud_ schreibt von

den Zahnreizträumen, ›daß bei Männern nichts anderes als das

Onaniegelüste der _Pubertätszeit_ die Triebkraft dieser Träume

abgebe‹. (p. 193.) Ferner: ›Ich meine, daß auch die häufigen

Modifikationen des typischen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer

dem Träumer den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche

Aufklärung verständlich werden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso

der Zahnreiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die

so häufige _Verlegung von unten nach oben_ (im vorliegenden Traume

auch vom Unterkiefer in den Oberkiefer) aufmerksam, die im Dienste der

Sexualverdrängung steht und vermöge welcher in der Hysterie allerlei

Sensationen und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen

sollten, wenigstens an anderen einwandfreien Körperstellen realisiert

werden können‹ (p. 194). ›Aber ich muß auch auf einen anderen im

sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren

Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen

Akt: sich einen ausreißen oder sich einen herunterreißen‹ (p. 195).

Dieser Ausdruck war mir schon in früher Jugend als Bezeichnung für die

Onanie geläufig und von hier aus wird der geübte Traumdeuter unschwer

den Zugang zum Kindheitsmaterial, das diesem Traume zu grunde liegen

mag, finden. Ich erwähne nur noch, daß die Leichtigkeit, mit der im

Traume der Zahn, der sich nach dem Ziehen in einen oberen Schneidezahn

verwandelt, herausgeht, mich an einen Vorfall meiner Kinderzeit

erinnert, wo ich mir einen wackligen _oberen Vorderzahn_ leicht und

schmerzlos _selbst ausriß_. Dieses Ereignis, das mir heute noch in

allen seinen Einzelheiten deutlich erinnerlich ist, fällt in dieselbe

frühe Zeit, in die bei mir die ersten bewußten Onanieversuche

zurückgehen (Deckerinnerung).

Der Hinweis _Freuds_ auf eine Mitteilung von C. G. _Jung_, wonach die

Zahnreizträume _bei Frauen die Bedeutung von Geburtsträumen_ haben

(Traumdeutung S. 194 Anmkg.) sowie der Volksglaube von der Bedeutung

des Zahnschmerzes bei Schwangeren haben die Gegenüberstellung der

weiblichen Bedeutung gegenüber der männlichen (Pubertät) im Traume

veranlaßt. Dazu erinnere ich mich eines früheren Traumes, wo mir bald,

nachdem ich aus der Behandlung eines Zahnarztes entlassen worden war,

träumte, daß mir die eben eingesetzten Goldkronen herausfielen,

worüber ich mich wegen des bedeutenden Kostenaufwandes, den ich damals

noch nicht ganz verschmerzt hatte, im Traume sehr ärgerte. Dieser

Traum wird mir jetzt im Hinblick auf ein gewisses Erlebnis als

Anpreisung der materiellen Vorzüge der Masturbation gegenüber der in

jeder Form ökonomisch nachteiligeren Objektliebe verständlich

(Goldkronen) und ich glaube, daß die Mitteilung jener Dame über die

Bedeutung des Zahnschmerzes bei Schwangeren diese Gedankengänge in mir

wieder wachrief.‹

So weit die ohne weiteres einleuchtende und wie ich glaube auch

einwandfreie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe,

als etwa den Hinweis auf den wahrscheinlichen Sinn des zweiten

Traumteiles, der über die Wortbrücken: Zahn-(ziehen-Zug;

reißen-reisen) den allem Anschein nach unter Schwierigkeiten

vollzogenen Übergang des Träumers von der Masturbation zum

Geschlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen

Richtungen hinein- und herausfahren) sowie die Gefahren desselben

(Schwangerschaft; Überzieher) darstellt.

Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen

interessant. Erstens ist es beweisend für den von _Freud_ aufgedeckten

Zusammenhang, daß die Ejakulation im Traume beim Akt des Zahnziehens

erfolgt. Sind wir doch genötigt, die Pollution, in welcher Form immer

sie auftreten mag, als eine masturbatorische Befriedigung anzusehen,

welche ohne Zuhilfenahme mechanischer Reizungen zustande kommt. Dazu

kommt, daß in diesem Falle die pollutionistische Befriedigung nicht

wie sonst an einem, wenn auch nur imaginierten Objekte erfolgt,

sondern objektlos, wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist und

höchstens einen leisen homosexuellen Einschlag (Zahnarzt) erkennen

läßt.

Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, ist

folgender: Es liegt der Einwand nahe, daß die _Freud_sche Auffassung

hier ganz überflüssigerweise geltend gemacht zu werden suche, da doch

die Erlebnisse des Vortages allein vollkommen hinreichen, uns den

Inhalt des Traumes verständlich zu machen. Der Besuch beim Zahnarzt,

das Gespräch mit der Dame und die Lektüre der Traumdeutung erklärten

hinreichend, daß der auch nachts durch Zahnschmerzen beunruhigte

Schläfer diesen Traum produziere; wenn man durchaus wolle sogar zur

Beseitigung des schlafstörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von

der Entfernung des schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Übertönung

der gefürchteten Schmerzempfindung durch Libido). Nun wird man aber

selbst bei den weitestgehenden Zugeständnissen in dieser Richtung die

Behauptung nicht ernsthaft vertreten wollen, daß die Lektüre der

_Freud_schen Aufklärungen den Zusammenhang von Zahnziehen und

Masturbationsakt in dem Träumer hergestellt oder auch nur wirksam

gemacht haben könnte, wenn er nicht, wie der Träumer selbst

eingestanden hat (›sich einen ausreißen‹) längst vorgebildet gewesen

wäre. Was vielmehr diesen Zusammenhang neben dem Gespräch mit der Dame

belebt haben mag, ergibt die spätere Mitteilung des Träumers, daß er

bei der Lektüre der Traumdeutung aus begreiflichen Gründen an diese

typische Bedeutung der Zahnreizträume nicht recht glauben mochte und

den Wunsch hegte, zu wissen, ob dies für alle derartigen Träume

zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das wenigstens für seine eigene

Person und zeigt ihm so, warum er daran zweifeln mußte. Der Traum ist

also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung eines Wunsches: nämlich

sich von der Tragweite und der Haltbarkeit dieser _Freud_schen

Auffassung zu überzeugen.«

Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in denen man

fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgl. Was bedeuten diese Träume?

Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie bedeuten, wie wir hören werden, in

jedem Falle etwas anderes, nur das Material an Sensationen, das sie

enthalten, stammt allemal aus derselben Quelle.

Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, muß man

schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinderzeit wiederholen,

nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die für das Kind eine so

außerordentliche Anziehung haben. Welcher Onkel hat nicht schon ein Kind

fliegen lassen, indem er die Arme ausstreckend durchs Zimmer mit ihm

eilte, oder Fallen mit ihm gespielt, indem er es auf den Knien

schaukelte und das Bein plötzlich streckte, oder es hoch hob und

plötzlich tat, als ob er ihm die Unterstützung entziehen wollte. Die

Kinder jauchzen dann und verlangen unermüdlich nach Wiederholung,

besonders wenn etwas Schreck und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen

sie sich nach Jahren die Wiederholung im Traume, lassen aber im Traume

die Hände weg, die sie gehalten haben, so daß sie nun frei schweben und

fallen. Die Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für

Schaukeln und Wippen ist bekannt; wenn sie dann gymnastische Kunststücke

im Zirkus sehen, wird die Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei manchen

Knaben besteht dann der hysterische Anfall nur aus Reproduktionen

solcher Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit ausführen.

Nicht selten sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungsspielen auch

sexuelle Empfindungen wachgerufen worden(151). Um es mit einem bei uns

gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen deckenden Worte zu sagen: es

ist das »Hetzen« in der Kindheit, welches die Träume vom Fliegen,

Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen Lustgefühle jetzt in

Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter weiß, ist auch das Hetzen der

Kinder in der Wirklichkeit häufig genug in Zwist und Weinen ausgegangen.

(151) Ein junger, von Nervosität freier Kollege teilt mir hiezu mit:

»Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln und

zwar in dem Moment, wo die Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, ein

eigentümliches Gefühl in den Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir

eigentlich nicht angenehm war, doch als Lustgefühl bezeichnen muß.« --

Von Patienten habe ich oftmals gehört, daß die ersten Erektionen mit

Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim Klettern

aufgetreten sind. -- Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller

Sicherheit, daß häufig die ersten sexuellen Regungen in den Rauf- und

Ringspielen der Kinderjahre wurzeln.

Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der Zustand

unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen von der

Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen und Fallen

hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst aus der Erinnerung

reproduziert sind, auf welche der Traum sich bezieht, daß sie also

Trauminhalt sind und nicht Traumquellen.

Fliegeträume.

Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende Material von

Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung der allermannigfaltigsten

Traumgedanken verwendet. Die meist lustbetonten Träume vom Fliegen oder

Schweben erfordern die verschiedensten Deutungen, ganz spezielle bei

einigen Personen, Deutungen von selbst typischer Natur bei anderen. Eine

meiner Patientinnen pflegte sehr häufig zu träumen, daß sie über die

Straße in einer gewissen Höhe schwebe, ohne den Boden zu berühren. Sie

war sehr klein gewachsen und scheute jede Beschmutzung, die der Verkehr

mit Menschen mit sich bringt. Ihr Schwebetraum erfüllte ihr beide

Wünsche, indem er ihre Füße vom Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere

Regionen ragen ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliegetraum die

Bedeutung der Sehnsucht: Wenn ich ein Vöglein wär'; andere wurden so

nächtlicherweise zu Engeln in der Entbehrung, bei Tage so genannt zu

werden. Die nahe Verbindung des Fliegens mit der Vorstellung des Vogels

macht es verständlich, daß der Fliegetraum bei Männern meist eine

grobsinnliche Bedeutung hat. Wir werden uns auch nicht verwundern, zu

hören, daß dieser oder jener Träumer jedesmal sehr stolz auf sein

Fliegenkönnen ist.

Dr. Paul _Federn_ (Wien) hat die bestechende Vermutung ausgesprochen,

daß ein guter Teil der Fliegeträume Erektionsträume sind, da das

merkwürdige und die menschliche Phantasie unausgesetzt beschäftigende

Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwerkraft imponieren muß.

(Vgl. hiezu die geflügelten Phallen der Antike.)

Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder Deutung

abgeneigte Traumexperimentator _Mourly Vold_ gleichfalls die erotische

Deutung der Fliege- (Schwebe-) Träume vertritt (Bd. II, p. 791). Er

nennt die Erotik das »wichtigste Motiv zum Schwebetraum«, beruft sich

auf das starke Vibrationsgefühl im Körper, welches diese Träume

begleitet, und auf die häufige Verbindung solcher Träume mit Erektionen

oder Pollutionen.

Die Träume vom _Fallen_ tragen häufiger den Angstcharakter. Ihre Deutung

unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie fast regelmäßig die

symbolische Verwendung des Fallens akzeptieren, welches die

Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung umschreibt. Die

infantilen Quellen des Falltraumes haben wir noch nicht erschöpft; fast

alle Kinder sind gelegentlich gefallen und wurden dann aufgehoben und

geliebkost; wenn sie nachts aus dem Bettchen gefallen waren, von ihrer

Pflegeperson in ihr Bett genommen.

Personen, die häufig vom _Schwimmen_ träumen, mit großem Behagen die

Wellen teilen usw. sind gewöhnlich Bettnässer gewesen und wiederholen

nun im Traume eine Lust, auf die sie seit langer Zeit zu verzichten

gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich die Träume vom Schwimmen

leicht bieten, werden wir bald an dem einen oder dem anderen Beispiele

erfahren.

Die Deutung der Träume vom _Feuer_ gibt einem Verbot der Kinderstube

recht, welches die Kinder nicht »zündeln« heißt, damit sie nicht

nächtlicher Weile das Bett nässen sollen. Es liegt nämlich auch ihnen

die Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinderjahre zu Grunde. In

dem »Bruchstück einer Hysterieanalyse« 1905(152) habe ich die

vollständige Analyse und Synthese eines solchen Feuertraumes im

Zusammenhange mit der Krankengeschichte der Träumerin gegeben und

gezeigt, zur Darstellung welcher Regungen reiferer Jahre sich dieses

infantile Material verwenden läßt.

(152) Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre. Zweite Folge, 1909.

Man könnte noch eine ganze Anzahl von »typischen« Träumen anführen, wenn

man darunter die Tatsache der häufigen Wiederkehr des gleichen

manifesten Trauminhaltes bei verschiedenen Träumern versteht, so z. B.:

Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom Gehen durch eine ganze

Flucht von Zimmern, die Träume vom nächtlichen Räuber, dem auch die

Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor dem Schlafengehen gelten, die von

Verfolgung durch wilde Tiere (Stiere, Pferde) oder von Bedrohung mit

Messern, Dolchen, Lanzen, die beide letztere für den manifesten

Trauminhalt von Angstleidenden charakteristisch sind u. dgl. Eine

Untersuchung, die sich speziell mit diesem Material beschäftigen würde,

wäre sehr dankenswert. Ich habe an ihrer Statt zwei Bemerkungen zu

bieten, die sich aber nicht ausschließlich auf typische Träume beziehen.

Vorwiegen sexueller Wünsche in den latenten Traumgedanken.

I. Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt, desto

bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der Träume

Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische Wünsche zum

Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, d. h. vom

manifesten Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken vordringt,

kann sich ein Urteil hierüber bilden, nie wer sich damit begnügt, den

manifesten Inhalt zu registrieren (wie z. B. _Näcke_ in seinen Arbeiten

über sexuelle Träume). Stellen wir gleich fest, daß diese Tatsache uns

nichts Überraschendes bringt, sondern in voller Übereinstimmung mit

unseren Grundsätzen der Traumerklärung steht. Kein anderer Trieb hat

seit der Kindheit so viel Unterdrückung erfahren müssen wie der

Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponenten(153), von keinem anderen

erübrigen so viele und so starke unbewußte Wünsche, die nun im

Schlafzustande traumerzeugend wirken. Man darf bei der Traumdeutung

diese Bedeutung sexueller Komplexe niemals vergessen, darf sie natürlich

auch nicht zur Ausschließlichkeit übertreiben.

(153) Vgl. des Verf. »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, 1905,

2. Aufl. 1910.

An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung feststellen können,

daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem sie eine unabweisbare

Überdeutung ergeben, in welcher sie homosexuelle, d. h. der normalen

Geschlechtsbetätigung der träumenden Person entgegengesetzte Regungen

realisieren. Daß aber alle Träume bisexuell zu deuten seien, wie W.

_Stekel_(154) und _Alf. Adler_(155) behaupten, scheint mir eine ebenso

unbeweisbare wie unwahrscheinliche Verallgemeinerung, welche ich nicht

vertreten möchte. Ich wüßte vor allem den Augenschein nicht

wegzuschaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, welche andere als -- im

weitesten Sinne -- erotische Bedürfnisse befriedigen, die Hunger- und

Durstträume, Bequemlichkeitsträume usw. Auch die ähnlichen

Aufstellungen, »daß hinter jedem Traum die Todesklausel zu finden sei«

(_Stekel_), daß jeder Traum ein »Fortschreiten von der weiblichen zur

männlichen Linie« erkennen lasse (_Adler_), scheinen mir das Maß des in

der Traumdeutung Zulässigen weit zu überschreiten.

(154) Die Sprache des Traumes, 1911.

(155) Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose,

Fortschritte der Medizin 1910, Nr. 16 und spätere Arbeiten im

Zentralblatt für Psychoanalyse I, 1910/11.

Daß die auffällig harmlosen Träume durchweg grobe erotische Wünsche

verkörpern, haben wir bereits an anderer Stelle behauptet und könnten

wir durch zahlreiche neue Beispiele erhärten. Aber auch viele

indifferent scheinende Träume, denen man nach keiner Richtung etwas

Besonderes anmerken würde, führen sich nach der Analyse auf

unzweifelhaft sexuelle Wunschregungen oft unerwarteter Art zurück. Wer

würde z. B. bei nachfolgendem Traume einen sexuellen Wunsch vor der

Deutungsarbeit vermuten? Der Träumer erzählt: _Zwischen zwei stattlichen

Palästen steht etwas zurücktretend ein kleines Häuschen, dessen Tore

geschlossen sind. Meine Frau führt mich das Stück der Straße bis zu dem

Häuschen hin, drückt die Tür ein und dann schlüpfe ich rasch und leicht

in das Innere eines schräg aufsteigenden Hofes._

Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird allerdings sofort

daran gemahnt werden, daß das Eindringen in enge Räume, das Öffnen

verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen Symbolik gehört, und

wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine Darstellung eines

Koitusversuches von rückwärts (zwischen den beiden stattlichen

Hinterbacken des weiblichen Körpers) finden. Der enge, schräg

aufsteigende Gang ist natürlich die Scheide; die der Frau des Träumers

zugeschobene Hilfeleistung nötigt zur Deutung, daß in Wirklichkeit nur

die Rücksicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem solchen Versuche

besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am Traumtag ein junges Mädchen

in den Haushalt des Träumers eingetreten ist, welches sein Wohlgefallen

erregt und ihm den Eindruck gemacht hat, als würde es sich gegen eine

derartige Annäherung nicht zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen

den zwei Palästen ist von einer Reminiszenz an den Hradschin in Prag

hergenommen und weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt stammende

Mädchen hin.

Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Ödipustraumes, mit der

eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so bekomme ich zur

Antwort: Ich kann mich an einen solchen Traum nicht erinnern. Gleich

darauf steigt aber die Erinnerung an einen anderen unkenntlichen und

indifferenten Traum auf, der sich bei dem Betreffenden häufig wiederholt

hat, und die Analyse zeigt, daß dies ein Traum des gleichen Inhaltes,

nämlich wiederum ein Ödipustraum ist. Ich kann versichern, daß die

verkappten Träume vom Sexualverkehre mit der Mutter um ein Vielfaches

häufiger sind als die aufrichtigen(156).

(156) Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Ödipustraumes

habe ich in Nr. 1 des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht;

ein anderes mit ausführlicher Deutung O. _Rank_ ebendort in Nr. 4.

Über andere verkappte Ödipusträume, in denen die Symbolik des Auges

hervortritt, siehe _Rank_ (Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse I,

1913). Daselbst auch Arbeiten über »Augenträume« und Augensymbolik von

_Eder_, _Ferenczi_, _Reitler_. Die Blendung in der Ödipussage wie

anderwärts als Stellvertretung der Kastration. Den Alten war übrigens

auch die symbolische Deutung der unverhüllten Ödipusträume nicht

fremd. (Vgl. O. _Rank_, Jahrb. II, p. 534): »So ist von Julius Cäsar

ein Traum vom geschlechtlichen Verkehr mit der Mutter überliefert, den

die Traumdeuter als günstiges Vorzeichen für die Besitzergreifung der

Erde (_Mutter-Erde_) auslegten. Ebenso bekannt ist das den Tarquiniern

gegebene Orakel, demjenigen von ihnen werde die Herrschaft Roms

zufallen, der zuerst die _Mutter küsse_ (osculum matri tulerit), was

Brutus als Hinweis auf die _Mutter-Erde_ auffaßte (terram osculo

contigit, scilicet quod ea communia mater omnium mortalium esset.

Livius I, LXI). Vgl. hiezu den Traum des _Hippias_ bei Herodot VI,

107: »Die Barbaren aber führte Hippias nach Marathon, nachdem er in

der vergangenen Nacht folgendes Traumgesicht gehabt: Es deuchte dem

Hippias, er schliefe bei seiner eigenen Mutter. Aus diesem Traume

schloß er nun, er würde heimkommen nach Athen und seine Herrschaft

wieder erhalten und im Vaterlande sterben in seinen alten Tagen.«

Diese Mythen und Deutungen weisen auf eine richtige psychologische

Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen, die sich von der

Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet wissen, im Leben jene besondere

Zuversicht zu sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus

bekunden, die nicht selten als heldenhaft erscheinen und den

wirklichen Erfolg erzwingen.«

Es gibt Träume von Landschaften oder Örtlichkeiten, bei denen im Traume

noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon einmal. Dieses »Déjà

vu« hat aber im Traum eine besondere Bedeutung. Diese Örtlichkeit ist

dann immer das Genitale der Mutter; in der Tat kann man von keiner

anderen mit solcher Sicherheit behaupten, daß man »dort schon einmal

war«. Ein einziges Mal brachte mich ein Zwangsneurotiker durch die

Mitteilung eines Traumes in Verlegenheit, in dem es hieß, er besuche

eine Wohnung, in der er schon _zweimal_ gewesen sei. Gerade dieser

Patient hatte mir aber längere Zeit vorher als Begebenheit aus seinem

sechsten Lebensjahre erzählt, er habe damals einmal das Bett der Mutter

geteilt und die Gelegenheit dazu mißbraucht, den Finger ins Genitale der

Schlafenden einzuführen.

Geburtsträume.

Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind, oft das

Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im Wasser zum Inhalt

haben, liegen Phantasien über das Intrauterinleben, das Verweilen im

Mutterleibe und den Geburtsakt zu Grunde. Im folgenden gebe ich den

Traum eines jungen Mannes wieder, der in der Phantasie schon die

intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines Koitus zwischen den

Eltern benutzt.

_Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem ein Fenster ist wie im

Semmeringtunnel. Durch dieses sieht er zuerst leere Landschaft und dann

komponiert er ein Bild hinein, welches dann auch sofort da ist und die

Leere ausfüllt. Das Bild stellt einen Acker dar, der vom Instrument tief

aufgewühlt wird, und die schöne Luft, die Idee der gründlichen Arbeit,

die dabei ist, die blauschwarzen Schollen machen einen schönen Eindruck.

Dann kommt er weiter, sieht eine Pädagogik aufgeschlagen . . . . und

wundert sich, daß den sexuellen Gefühlen (des Kindes) darin soviel

Aufmerksamkeit geschenkt wird, wobei er an mich denken muß._

Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer besonderen

Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender:

_In ihrem Sommeraufenthalt am **See stürzt sie sich ins dunkle Wasser

dort, wo sich der blasse Mond im Wasser spiegelt._

Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung gelangt man, wenn

man die im manifesten Traume mitgeteilte Tatsache umkehrt, also anstatt:

sich ins Wasser stürzen, -- aus dem Wasser herauskommen, d. h.: geboren

werden(157). Die Lokalität, aus der man geboren wird, erkennt man, wenn

man an den mutwilligen Sinn von »la lune« im Französischen denkt. Der

blasse Mond ist dann der weiße Popo, aus dem das Kind hergekommen zu

sein bald errät. Was soll es nun heißen, daß die Patientin sich wünscht,

in ihrem Sommeraufenthalt »geboren zu werden«? Ich befrage die

Träumerin, die ohne zu zögern antwortet: Bin ich nicht durch die Kur wie

_neugeboren_? So wird dieser Traum zur Einladung, die Behandlung an

jenem Sommerorte fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält

vielleicht auch eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches, selbst

Mutter zu werden(158).

(157) Über die mythologische Bedeutung der Wassergeburt siehe _Rank_:

Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909.

(158) Die Bedeutung der Phantasien und unbewußten Gedanken über das

Leben im Mutterleibe habe ich erst spät würdigen gelernt. Sie

enthalten sowohl die Aufklärung für die sonderbare Angst so vieler

Menschen, lebendig begraben zu werden, als auch die tiefste unbewußte

Begründung des Glaubens an ein Fortleben nach dem Tode, welches nur

die Projektion in die Zukunft dieses unheimlichen Lebens vor der

Geburt darstellt. _Der Geburtsakt ist übrigens das erste Angsterlebnis

und somit die Quelle und Vorbild des Angstaffektes._

Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung einer Arbeit

von E. _Jones_: »_Sie stand am Meeresufer und beaufsichtigte einen

kleinen Knaben, welcher der ihrige zu sein schien, während er ins Wasser

watete. Dies tat er so weit, bis das Wasser ihn bedeckte, so daß sie nur

noch seinen Kopf sehen konnte, wie er sich an der Oberfläche auf und

nieder bewegte. Die Szene verwandelte sich dann in die gefüllte Halle

eines Hotels. Ihr Gatte verließ sie, und sie ›trat in ein Gespräch mit‹

einem Fremden._«

Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei der

Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und Anknüpfung

intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der erste Teil des Traumes

war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den Träumen wie in der

Mythologie wird die Entbindung eines Kindes _aus_ dem Fruchtwasser

gewöhnlich mittels der Umkehrung als Eintritt des Kindes _ins_ Wasser

dargestellt; neben vielen anderen bieten die Geburt des Adonis, Osiris,

Moses und Bacchus gut bekannte Beispiele hiefür. Das Auf- und

Niedertauchen des Kopfes im Wasser erinnert die Patientin sogleich an

die Empfindung der Kindesbewegungen, welche sie während ihrer einzigen

Schwangerschaft kennen gelernt hatte. Der Gedanke an den ins Wasser

steigenden Knaben erweckt eine Träumerei, in welcher sie sich selbst

sah, wie sie ihn aus dem Wasser herauszog, ihn in die Kinderstube

führte, ihn wusch und kleidete und schließlich in ihr Haus führte.

Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, welche das

Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der verborgenen

Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte des Traumes

entspricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasie.

Außer der früher erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen in

jeder Hälfte des Traumes Platz. In der ersten Hälfte geht das Kind _in

das Wasser_ und dann baumelt sein Kopf; in den zu Grunde liegenden

Traumgedanken tauchen erst die Kindesbewegungen auf und dann _verläßt_

das Kind das Wasser (eine doppelte Umkehrung). In der zweiten Hälfte

verläßt ihr Gatte sie; in den Traumgedanken verläßt sie ihren Gatten.

(Übersetzt von O. _Rank_.)

Geburts-Rettungsträume.

Einen weiteren Geburtstraum erzählt _Abraham_ von einer jungen, ihrer

ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von einer Stelle des Fußbodens

im Zimmer führt ein unterirdischer Kanal direkt ins Wasser (Geburtsweg

-- Fruchtwasser). Sie hebt eine Klappe im Fußboden auf und sogleich

erscheint ein in einen bräunlichen Pelz gekleidetes Geschöpf, das

beinahe einem Seehund gleicht. Dieses Wesen entpuppt sich als der

jüngere Bruder der Träumerin, zu dem sie von jeher in einem mütterlichen

Verhältnis gestanden hatte.

_Rank_ hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die Geburtsträume

sich derselben Symbolik bedienen wie die Harnreizträume. Der erotische

Reiz wird in ihnen als Harnreiz dargestellt; die Schichtung der

Bedeutung in diesen Träumen entspricht einem Bedeutungswandel des

Symbols seit der Kindheit.

Den _Geburtsträumen_ schließen sich die Träume von »_Rettungen_« an.

Retten, besonders aus dem Wasser retten, ist gleichbedeutend mit

gebären, wenn es von einer Frau geträumt wird, modifiziert aber diesen

Sinn, wenn der Träumer ein Mann ist. (Siehe einen solchen Traum bei

_Pfister_: Ein Fall von psychoanalytischer Seelsorge und Seelenheilung.

Evangelische Freiheit, 1909.) -- Über das Symbol des »Rettens« vgl.

meinen Vortrag: Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie.

Zentralblatt für Psychoanalyse, Nr. 1, 1910, sowie: Beiträge zur

Psychologie des Liebeslebens, I. Über einen besonderen Typus der

Objektwahl beim Manne, Jahrbuch f. Ps.-A., Bd. II, 1910(159).

(159) Ferner _Rank_: Belege zur Rettungsphantasie (Zentralblatt f.

Ps.-A. I, 1910, p. 331), _Reik_: Zur Rettungssymbolik (ebenda, p. 499)

u. a. m.

Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen man sich

vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegentlich den Schlafenden

heimsuchen, entstammen einer und derselben infantilen Reminiszenz. Es

sind die nächtlichen Besucher, die das Kind aus dem Schlafe geweckt

haben, um es auf den Topf zu setzen, damit es das Bett nicht nässe, oder

die die Decke gehoben haben, um sorgsam nachzuschauen, wie es während

des Schlafens die Hände hält. Aus den Analysen einiger dieser

Angstträume habe ich noch die Person des nächtlichen Besuchers zur

Agnoszierung bringen können. Der Räuber war jedesmal der Vater, die

Gespenster werden wohl eher weiblichen Personen im weißen Nachtgewande

entsprechen.

f) _Beispiele von Darstellungen_. -- _Rechnen und Reden im Traume_.

Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden Momente an

die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner Traumsammlung

einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zusammenwirken der drei

uns bekannten Momente erläutern, teils Beweise für frei hingestellte

Behauptungen nachtragen oder unabweisbare Folgerungen aus ihnen

ausführen können. Es ist mir ja in der vorstehenden Darstellung der

Traumarbeit recht schwer geworden, meine Ergebnisse an Beispielen zu

erweisen. Die Beispiele für die einzelnen Sätze sind nur im

Zusammenhange einer Traumdeutung beweiskräftig; aus dem Zusammenhange

gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und eine auch nur wenig

vertiefte Traumdeutung wird bald so umfangreich, daß sie den Faden der

Erörterung, zu deren Illustrierung sie dienen soll, verlieren läßt.

Dieses technische Motiv mag entschuldigen, wenn ich nun allerlei

aneinanderreihe, was nur durch die Beziehung auf den Text des

vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird.

Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von

ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer Dame heißt

es: _Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter wie zum Fensterputzen und

hat einen Schimpanse und eine Gorillakatze_ (später korrigiert:

_Angorakatze_) _bei sich. Sie wirft die Tiere auf die Träumerin; der

Schimpanse schmiegt sich an die letztere an, und das ist sehr ekelhaft._

Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein höchst einfaches Mittel

erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und nach ihrem

Wortlaute darstellte. »Affe« wie Tiernamen überhaupt sind Schimpfwörter,

und die Traumsituation besagt nichts anderes als »_mit Schimpfworten um

sich werfen_«. Diese selbe Sammlung wird alsbald weitere Beispiele für

die Anwendung dieses einfachen Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen.

Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: _Eine Frau mit einem Kinde, das

einen auffällig mißbildeten Schädel hat; von diesem Kinde hat sie

gehört, daß es durch die Lage im Mutterleibe so geworden. Man könnte den

Schädel, sagt der Arzt, durch Kompression in eine bessere Form bringen,

allein das würde dem Gehirn schaden. Sie denkt, da es ein Bub ist,

schadet es ihm weniger._ -- Dieser Traum enthält die plastische

Darstellung des abstrakten Begriffes: »_Kindereindrücke_«, den die

Träumerin in den Erklärungen zur Kur gehört hat.

Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden Beispiel

ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug zum Hilmteich bei

Graz: _Es ist ein schreckliches Wetter draußen; ein armseliges Hotel,

von den Wänden tropft das Wasser, die Betten sind feucht._ (Letzteres

Stück des Inhaltes ist minder direkt im Traume, als ich es bringe.) Der

Traum bedeutet »_überflüssig_«. Das Abstraktum, das sich in den

Traumgedanken fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht worden,

etwa durch »überfließend« ersetzt oder durch »flüssig und überflüssig«,

und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur Darstellung

gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den Wänden, Wasser als

Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und »_über_«flüssig. -- Daß zu

Zwecken der Darstellung im Traume die Orthographie weit hinter dem

Wortklang zurücktritt, wird uns nicht gerade wundernehmen, wenn sich

z. B. der Reim ähnliche Freiheiten gestatten darf. In einem weitläufigen

von _Rank_ mitgeteilten und sehr eingehend analysierten Traum eines

jungen Mädchens wird erzählt, daß sie zwischen Feldern spazieren geht,

wo sie schöne Gerste- und Korn_ähren_ abschneidet. Ein Jugendfreund

kommt ihr entgegen, und sie will es vermeiden, ihn anzutreffen. Die

Analyse zeigt, daß es sich um einen _Kuß in Ehren_ handelt (Jahrb. II,

p. 491). Die Ähren, die nicht abgerissen, sondern abgeschnitten werden

sollen, dienen in diesem Traum als solche und in ihrer Verdichtung mit

_Ehre_, _Ehrungen_ zur Darstellung einer ganzen Reihe von anderen

Gedanken.

Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die Darstellung

seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze Reihe von

Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret gemeint waren und

gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne gebraucht werden. Der Traum

braucht diesen Worten nur ihre frühere volle Bedeutung wiederzugeben

oder in den Bedeutungswandel des Wortes ein Stück weit herabzusteigen.

Z. B. es träumt jemand, daß sein Bruder in einem _Kasten_ steckt; bei

der Deutungsarbeit ersetzt sich der Kasten durch einen »_Schrank_« und

der Traumgedanke lautet nun, daß dieser Bruder sich »_einschränken_«

solle, an seiner Statt nämlich. Ein anderer Träumer steigt auf einen

Berg, von dem aus er eine ganz außerordentlich weite _Aussicht_ hat. Er

identifiziert sich dabei mit einem Bruder, der eine »_Rundschau_«

herausgibt, welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten

beschäftigt.

In einem Traum des »_Grünen Heinrich_« wälzt sich ein übermütiges Pferd

im schönsten Hafer, von dem jedes Korn aber »ein süßer Mandelkern, eine

Rosine und ein neuer Pfennig« ist, »zusammen in rote Seide gewickelt und

mit einem Endchen Schweinsborste eingebunden«. Der Dichter (oder der

Träumer) gibt uns sofort die Deutung dieser Traumdarstellung, denn das

Pferd fühlt sich angenehm gekitzelt, so daß es ruft: _Der Hafer sticht

mich._

Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wortwitztraum macht

(nach _Henzen_) die altnordische Sagaliteratur, in der sich kaum ein

Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wortspiel findet.

Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu sammeln und

nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu ordnen. Manche dieser

Darstellungen sind fast witzig zu nennen. Man hat den Eindruck, daß man

sie niemals selbst erraten hätte, wenn der Träumer sie nicht mitzuteilen

wüßte:

1. Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an den er sich aber

nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle heißen: _Es fällt mir

nicht im Traume ein._

2. Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle handelnden

Personen besonders groß waren. Das will heißen, setzt sie hinzu, daß es

sich um eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit handeln muß, denn

damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so ungeheuer groß erschienen.

Ihre eigene Person trat in diesem Trauminhalt nicht auf.

Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch anders

ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht die

betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt am Ende eines langen

Weges oder so, als ob man sie mit einem verkehrt gerichteten Opernglas

betrachten würde.

3. Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdrucksweise

geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in gewissem

Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben ein Zug ankomme.

Dann werde aber der _Perron an den stehenden Zug angenähert_, also eine

absurde Umkehrung des wirklichen Vorganges. Dieses Detail ist auch

nichts anderes als ein Index, der daran mahnt, daß etwas anderes im

Trauminhalt umgekehrt werden solle. Die Analyse desselben Traumes führt

zu Erinnerungen an Bilderbücher, in denen Männer dargestellt waren, die

auf dem Kopfe standen und auf den Händen gingen.

4. Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen Traum,

der fast an die Technik eines Rebus erinnert. Sein Onkel gibt ihm im

Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die Deutung hinzu, die ich nie

gefunden hätte, das heiße: _Autoerotismus_. Ein Scherz im Wachen hätte

ebenso lauten können.

5. Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das heißt: Er

gibt ihr den _Vorzug_.

6. Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser gegenüber:

Er bringt sich in _Gegensatz_ zum Vater.

7. Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines

_Knochenbruches_. Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstellung eines

_Ehebruches_ u. dgl.

8. Die Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig Lebenszeiten der

Kindheit. So bedeutet z. B. um ¼6 Uhr früh bei einem Träumer das Alter

von 5 Jahren 3 Monaten, den bedeutungsvollen Zeitpunkt der Geburt eines

jüngeren Bruders.

9. Eine andere Darstellung von _Lebenszeiten_ im Traume: Eine Frau geht

mit zwei kleinen Mädchen, die 1¼ Jahre auseinander sind. -- Die

Träumerin findet keine Familie ihrer Bekanntschaft, für die das zuträfe.

Sie deutet selbst, daß beide Kinder ihre eigene Person darstellen, und

daß der Traum sie mahnt, die beiden traumatischen Ereignisse ihrer

Kindheit seien um soviel voneinander entfernt. (3½ und 4¾ J.)

10. (H. _Sachs_.) »Aus der ›Traumdeutung‹ wissen wir, daß die

Traumarbeit verschiedene Wege kennt, um ein Wort oder eine Redewendung

sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann sich z. B. den Umstand, daß

der darzustellende Ausdruck zweideutig ist, zunutze machen und, den

Doppelsinn als ›Weiche‹ benutzend, statt der ersten, in den

Traumgedanken vorkommenden Bedeutung, die zweite in den manifesten

Trauminhalt aufnehmen.

Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume geschehen und

zwar unter geschickter Benutzung der dazu tauglichen rezenten

Tageseindrücke als Darstellungsmaterial.

Ich hatte am Traumtage an einer Erkältung gelitten und deshalb am Abend

beschlossen, das Bett, wenn irgend möglich, während der Nacht nicht zu

verlassen. Der Traum ließ mich scheinbar nur meine Tagesarbeit

fortsetzen; ich hatte mich damit beschäftigt, Zeitungsausschnitte in ein

Buch zu kleben, wobei ich bestrebt war, jedem Ausschnitt den passenden

Platz anzuweisen. Der Traum lautete:

›_Ich bemühe mich, einen Ausschnitt in das Buch zu kleben; er geht aber

nicht auf die Seite, was mir großen Schmerz verursacht._‹

Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des Traumes als

realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch zwang, meinem Vorsatz

untreu zu werden. Der Traum hatte mir als ›Hüter des Schlafes‹ die

Erfüllung meines Wunsches, im Bette zu bleiben, durch die Darstellung

der Worte ›er geht aber nicht auf die Seite‹ vorgetäuscht.«

Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr sprödem

Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene Verwertung sehr

entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume _hat mir der alte Brücke

eine Aufgabe gestellt. Ich fertige ein Präparat an und klaube etwas

heraus, was wie zerknülltes Silberpapier aussieht._ (Von diesem Traume

noch später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt:

»Staniol«, und nun weiß ich, daß ich den Autornamen _Stannius_ meine,

den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete Abhandlung

über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wissenschaftliche

Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirklich auf das

Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer Name war im

Bilderrätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen.

Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonderbarem

Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum bemerkenswert ist

und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame erzählt: Ich

kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt geträumt habe, _der

liebe Gott habe einen zugespitzten Papierhut auf dem Kopfe_. Einen

solchen Hut pflegte man mir nämlich sehr oft bei Tische aufzusetzen,

damit ich nicht auf die Teller der anderen Kinder hinschauen könne,

wieviel sie von dem betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich gehört

habe, Gott sei allwissend, so bedeutet der Traum, ich wisse alles auch

trotz des aufgesetzten Hutes.

Zahlen und Rechnungen im Traum.

Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material, den

Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an den _Zahlen

und Rechnungen_ zeigen, die in Träumen vorkommen. Geträumte Zahlen

gelten überdies dem Aberglauben als besonders verheißungsvoll. Ich werde

also einige Beispiele solcher Art aus meiner Sammlung heraussuchen.

Die Traumdeutung · 第 44 / 57 题