6. _Ein Stiegentraum_.

(Mitgeteilt und gedeutet von _Otto Rank_.)

Demselben Kollegen, von dem der (unten p. 281 f. Anmkg.) angeführte

Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähnlich

durchsichtigen Pollutionstraum:

»Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen Mädchen, das

mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen. Unten am Ende der

Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weibliche Person?) das Kind auf;

ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich es geschlagen habe, denn plötzlich

befand ich mich mitten auf der _Stiege_, wo ich das Kind (gleichsam wie

in der Luft) koitierte. Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb

nur mein Genitale an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie

ihren seitwärts zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des

Sexualaktes sah ich links ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine

Gemälde hängen, Landschaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf

dem einen kleineren stand unten an Stelle der Namenssignatur des Malers

mein eigener Vorname, als wäre es für mich zum Geburtstagsgeschenk

bestimmt. Dann hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf stand,

daß billigere Bilder auch zur Verfügung stehen; (ich sehe mich dann

höchst undeutlich so wie oben auf dem Treppenabsatz im Bette liegen und)

erwache durch die Empfindung der Nässe, welche von der erfolgten

Pollution herrührt.«

_Deutung_: Der Träumer war am Abend des Traumtages im Laden eines

Buchhändlers gewesen, wo er während der Wartezeit einige der

ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive wie die

Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm besonders

gefallen hatte, trat er näher und sah nach dem Namen des Malers, der ihm

jedoch völlig unbekannt war.

Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem böhmischen

Dienstmädchen erzählen gehört, die sich gerühmt hatte, ihr

außereheliches Kind sei »auf der Stiege gemacht worden«. Der Träumer

hatte sich nach dem Detail dieses nicht alltäglichen Vorkommnisses

erkundigt und erfahren, daß das Dienstmädchen mit ihrem Verehrer nach

Hause in die Wohnung ihrer Eltern gegangen war, wo zu geschlechtlichem

Verkehr keine Gelegenheit gewesen wäre, und daß der erregte Mann den

Koitus auf der Stiege vollzogen hatte. Der Träumer hatte dazu in

scherzhafter Anspielung auf den boshaften Ausdruck für Weinfälscherei

geäußert: das Kind sei wirklich »auf der Kellerstiege gewachsen«.

Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im Trauminhalt

vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres reproduziert werden. Ebenso

leicht produziert er aber ein altes Stück infantiler Erinnerung, das

ebenfalls im Traume Verwendung gefunden hat. Das Stiegenhaus ist das

jenes Hauses, in welchem er den größten Teil seiner Kinderjahre

verbracht und wo er insbesondere die erste bewußte Bekanntschaft mit den

Sexualproblemen gemacht hatte. In diesem Stiegenhaus hatte er häufig

gespielt und war dabei unter anderem auch rittlings längs des Geländers

hinuntergerutscht, wobei er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume

eilt er nun ebenfalls ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch,

daß er nach eigener deutlicher Angabe die einzelnen Stufen gar nicht

berührt, sondern, wie man zu sagen pflegt, »hinunter_fliegt_« oder

rutscht. Mit Bezug auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des

Traumes den Moment der sexuellen Erregung darzustellen. -- In diesem

Stiegenhaus und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch

mit den Nachbarskindern häufig sexuelle Raufspiele getrieben, wobei er

sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume geschieht.

Stiegenträume.

Weiß man aus _Freuds_ sexualsymbolischen Forschungen (siehe Zentralblatt

f. Ps.-A., H. 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das Stiegensteigen im

Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird der Traum

völlig durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein Effekt, die

Pollution, zeigt, rein libidinöser Natur. Im Schlafzustand erwacht die

sexuelle Erregung (im Traume dargestellt durch das Hinuntereilen --

rutschen -- über die Stiege), deren sadistischer Einschlag auf Grund der

Raufspiele in der Verfolgung und Überwältigung des Kindes angedeutet

ist. Die libidinöse Erregung steigert sich und drängt zur sexuellen

Aktion (dargestellt im Traume durch das Fassen des Kindes und seine

Beförderung in die Mitte der Stiege). Bis daher wäre der Traum rein

sexualsymbolisch und für den wenig geübten Traumdeuter völlig

undurchsichtig. Aber der überstarken libidinösen Erregung genügt diese

symbolische Befriedigung nicht, welche die Ruhe des Schlafes

gewährleistet hätte. Die Erregung führt zum Orgasmus und damit wird die

ganze Stiegensymbolik als Vertretung des Koitus entlarvt. -- Wenn

_Freud_ als einen der Gründe für die sexuelle Verwertung des

Stiegensymbols den rhythmischen Charakter beider Aktionen hervorhebt, so

scheint dieser Traum besonders deutlich dafür zu sprechen, da nach

ausdrücklicher Angabe des Träumers die Rhythmik seines Sexualaktes, das

Auf- und Niederreiben, das im ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte

Element gewesen war.

Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen von ihrer

realen Bedeutung auch in symbolischem Sinne als »Weibsbilder« gelten,

was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein großes und ein kleines

Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein großes (erwachsenes) und ein

kleines Mädchen vorkommen. Daß auch billigere Bilder zur Verfügung

stehen, führt zum Prostituiertenkomplex, wie anderseits der Vorname des

Träumers auf dem kleinen Bilde und der Gedanke, es sei ihm zum

Geburtstag bestimmt, auf den Elternkomplex hinweisen (auf der Stiege

geboren = im Koitus erzeugt).

Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben auf dem

Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt, scheint über die

infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit zurückzuweisen, und

vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von _Bettnässen_ zum Vorbild zu haben.

Die Traumdeutung · 第 40 / 57 题