(Mitgeteilt und gedeutet von _Otto Rank_.)
Demselben Kollegen, von dem der (unten p. 281 f. Anmkg.) angeführte
Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähnlich
durchsichtigen Pollutionstraum:
»Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen Mädchen, das
mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen. Unten am Ende der
Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weibliche Person?) das Kind auf;
ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich es geschlagen habe, denn plötzlich
befand ich mich mitten auf der _Stiege_, wo ich das Kind (gleichsam wie
in der Luft) koitierte. Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb
nur mein Genitale an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie
ihren seitwärts zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des
Sexualaktes sah ich links ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine
Gemälde hängen, Landschaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf
dem einen kleineren stand unten an Stelle der Namenssignatur des Malers
mein eigener Vorname, als wäre es für mich zum Geburtstagsgeschenk
bestimmt. Dann hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf stand,
daß billigere Bilder auch zur Verfügung stehen; (ich sehe mich dann
höchst undeutlich so wie oben auf dem Treppenabsatz im Bette liegen und)
erwache durch die Empfindung der Nässe, welche von der erfolgten
Pollution herrührt.«
_Deutung_: Der Träumer war am Abend des Traumtages im Laden eines
Buchhändlers gewesen, wo er während der Wartezeit einige der
ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive wie die
Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm besonders
gefallen hatte, trat er näher und sah nach dem Namen des Malers, der ihm
jedoch völlig unbekannt war.
Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem böhmischen
Dienstmädchen erzählen gehört, die sich gerühmt hatte, ihr
außereheliches Kind sei »auf der Stiege gemacht worden«. Der Träumer
hatte sich nach dem Detail dieses nicht alltäglichen Vorkommnisses
erkundigt und erfahren, daß das Dienstmädchen mit ihrem Verehrer nach
Hause in die Wohnung ihrer Eltern gegangen war, wo zu geschlechtlichem
Verkehr keine Gelegenheit gewesen wäre, und daß der erregte Mann den
Koitus auf der Stiege vollzogen hatte. Der Träumer hatte dazu in
scherzhafter Anspielung auf den boshaften Ausdruck für Weinfälscherei
geäußert: das Kind sei wirklich »auf der Kellerstiege gewachsen«.
Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im Trauminhalt
vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres reproduziert werden. Ebenso
leicht produziert er aber ein altes Stück infantiler Erinnerung, das
ebenfalls im Traume Verwendung gefunden hat. Das Stiegenhaus ist das
jenes Hauses, in welchem er den größten Teil seiner Kinderjahre
verbracht und wo er insbesondere die erste bewußte Bekanntschaft mit den
Sexualproblemen gemacht hatte. In diesem Stiegenhaus hatte er häufig
gespielt und war dabei unter anderem auch rittlings längs des Geländers
hinuntergerutscht, wobei er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume
eilt er nun ebenfalls ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch,
daß er nach eigener deutlicher Angabe die einzelnen Stufen gar nicht
berührt, sondern, wie man zu sagen pflegt, »hinunter_fliegt_« oder
rutscht. Mit Bezug auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des
Traumes den Moment der sexuellen Erregung darzustellen. -- In diesem
Stiegenhaus und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch
mit den Nachbarskindern häufig sexuelle Raufspiele getrieben, wobei er
sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume geschieht.
Stiegenträume.
Weiß man aus _Freuds_ sexualsymbolischen Forschungen (siehe Zentralblatt
f. Ps.-A., H. 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das Stiegensteigen im
Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird der Traum
völlig durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein Effekt, die
Pollution, zeigt, rein libidinöser Natur. Im Schlafzustand erwacht die
sexuelle Erregung (im Traume dargestellt durch das Hinuntereilen --
rutschen -- über die Stiege), deren sadistischer Einschlag auf Grund der
Raufspiele in der Verfolgung und Überwältigung des Kindes angedeutet
ist. Die libidinöse Erregung steigert sich und drängt zur sexuellen
Aktion (dargestellt im Traume durch das Fassen des Kindes und seine
Beförderung in die Mitte der Stiege). Bis daher wäre der Traum rein
sexualsymbolisch und für den wenig geübten Traumdeuter völlig
undurchsichtig. Aber der überstarken libidinösen Erregung genügt diese
symbolische Befriedigung nicht, welche die Ruhe des Schlafes
gewährleistet hätte. Die Erregung führt zum Orgasmus und damit wird die
ganze Stiegensymbolik als Vertretung des Koitus entlarvt. -- Wenn
_Freud_ als einen der Gründe für die sexuelle Verwertung des
Stiegensymbols den rhythmischen Charakter beider Aktionen hervorhebt, so
scheint dieser Traum besonders deutlich dafür zu sprechen, da nach
ausdrücklicher Angabe des Träumers die Rhythmik seines Sexualaktes, das
Auf- und Niederreiben, das im ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte
Element gewesen war.
Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen von ihrer
realen Bedeutung auch in symbolischem Sinne als »Weibsbilder« gelten,
was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein großes und ein kleines
Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein großes (erwachsenes) und ein
kleines Mädchen vorkommen. Daß auch billigere Bilder zur Verfügung
stehen, führt zum Prostituiertenkomplex, wie anderseits der Vorname des
Träumers auf dem kleinen Bilde und der Gedanke, es sei ihm zum
Geburtstag bestimmt, auf den Elternkomplex hinweisen (auf der Stiege
geboren = im Koitus erzeugt).
Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben auf dem
Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt, scheint über die
infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit zurückzuweisen, und
vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von _Bettnässen_ zum Vorbild zu haben.