(Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes.)
»Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß der Prater
ist, denn man sieht die _Rotunde_, vor dieser einen kleineren _Vorbau_,
an dem ein _Fesselballon_ angebracht ist, der aber ziemlich _schlaff_
scheint. Sein Vater fragt ihn, wozu das alles ist; er wundert sich
darüber, erklärt es ihm aber. Dann kommen sie in einen Hof, in dem eine
große Platte von Blech ausgebreitet liegt. Sein Vater will sich ein
großes Stück davon _abreißen_, sieht sich aber vorher um, ob es nicht
jemand bemerken kann. Er sagt ihm, er braucht es doch nur dem Aufseher
zu sagen, dann kann er sich ohne weiteres davon nehmen. Aus diesem Hof
führt eine _Treppe_ in einen _Schacht_ herunter, dessen Wände weich
ausgepolstert sind, etwa wie ein Lederfauteuil. Am Ende dieses Schachtes
ist eine längere Plattform und dann beginnt ein neuer _Schacht_ . . .«
_Analyse_. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht günstigen
Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen Punkt der Analyse
überhaupt keine Widerstände machen und sich von da an fast unzugänglich
erweisen. Diesen Traum deutete er fast selbständig. Die Rotunde, sagte
er, ist mein Genitale, der Fesselballon davor mein Penis, über dessen
Schlaffheit ich zu klagen habe. Man darf also eingehender übersetzen,
die Rotunde sei das -- vom Kind regelmäßig zum Genitale gerechnete --
Gesäß, der kleinere Vorbau der Hodensack. Im Traum fragt ihn der Vater,
was das alles ist, d. h. nach Zweck und Verrichtung der Genitalien. Es
liegt nahe, diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der fragende Teil
wird. Da eine solche Befragung des Vaters in Wirklichkeit nie
stattgefunden hat, muß man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder
ihn etwa konditionell nehmen: »Wenn ich den Vater um sexuelle Aufklärung
gebeten hätte.« Die Fortsetzung dieses Gedankens werden wir bald an
anderer Stelle finden.
Symbolische Bauten. -- Landschaften.
Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in erster Linie
symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftslokal des Vaters.
Aus Gründen der Diskretion habe ich das »Blech« für das andere Material,
mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst etwas am Wortlaut des
Traumes zu ändern. Der Träumer ist in das Geschäft des Vaters
eingetreten und hat an den eher unkorrekten Praktiken, auf denen der
Gewinn zum guten Teil beruht, gewaltigen Anstoß genommen. Daher dürfte
die Fortsetzung des obigen Traumgedankens lauten: (»Wenn ich ihn gefragt
hätte), würde er mich betrogen haben, wie er seine Kunden betrügt.« Für
das _Abreißen_, welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit
dient, gibt der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die
Onanie. Dies ist uns nicht nur längst bekannt (siehe oben p. 259),
sondern stimmt auch sehr gut dazu, daß das Geheimnis der Onanie durch
das Gegenteil ausgedrückt ist (man darf es ja offen tun). Es entspricht
dann allen Erwartungen, daß die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater
zugeschoben wird, wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den
Schacht deutet er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung der
Wände als Vagina. Daß das Herabsteigen wie sonst das Aufsteigen den
Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will, setze ich aus anderer
Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung im Zentralblatt f. Psychoanalyse, I,
1, 1910; siehe oben p. 262 Note).
Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere Plattform
folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst biographisch. Er hat
eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr infolge von Hemmungen
aufgegeben und hofft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wieder aufnehmen zu
können. Der Traum wird aber gegen Ende undeutlicher und dem Kundigen muß
es plausibel erscheinen, daß sich schon in der zweiten Traumszene der
Einfluß eines anderen Themas geltend mache, auf welches das Geschäft des
Vaters, sein betrügerisches Vorgehen, die erste als Schacht dargestellte
Vagina deuten, so daß man eine Beziehung auf die Mutter annehmen könnte.
4. _Das männliche Genitale durch Personen, das weibliche durch eine
Landschaft symbolisiert_.
(Traum einer Frau aus dem Volke, deren Mann Wachmann ist, mitgeteilt
von B. _Dattner_.)
. . . Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie habe angstvoll
nach einem Wachmanne gerufen. Dieser aber sei mit zwei »Pülchern«
einträchtig in eine Kirche(139) gegangen, zu der mehrere Stufen(140)
emporführten; hinter der Kirche sei ein Berg(141) gewesen und oben ein
dichter Wald(142). Der Wachmann sei mit einem Helm, Ringkragen und
Mantel(143) versehen gewesen. Er habe einen braunen Vollbart gehabt. Die
beiden Vaganten, die friedlich mit dem Wachmann gegangen seien, hätten
sackartig aufgebundene Schürzen um die Lenden gehabt(144). Vor der
Kirche habe zum Berg ein Weg geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras
und Gestrüpp verwachsen gewesen, das immer dichter wurde und auf der
Höhe des Berges ein ordentlicher Wald geworden sei.
(139) Oder Kapelle = Vagina.
(140) Symbol des Koitus.
(141) Mons veneris.
(142) Crines pubis.
(143) Dämonen in Mänteln und Kapuzen sind nach der Aufklärung eines
Fachmannes phallischer Natur.
(144) Die beiden Hälften des Hodensackes.