(Teilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungsangst
agoraphobischen Frau.)
(137) Aus »Nachträge zur Traumdeutung«. Zentralblatt für
Psychoanalyse I, Nr. 5/6, 1911.
»Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen Strohhut von
eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben aufgebogen ist, dessen
Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung hier stockend), und zwar
so, daß der eine tiefer steht als der andere. Ich bin heiter und in
sicherer Stimmung, und wie ich an einem Trupp junger Offiziere
vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir alle nichts anhaben.«
Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, sage ich
ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem
emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden Seitenteilen.
Daß der Hut ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber man sagt
ja auch: »Unter die Haube kommen!« Absichtlich enthalte ich mich der
Deutung jenes Details über das ungleiche Herabhängen der beiden
Seitenteile, obwohl gerade solche Einzelheiten in ihrer Determinierung
der Deutung den Weg weisen müssen. Ich setze fort: Wenn sie also einen
Mann mit so prächtigem Genitale hat, braucht sie sich vor den Offizieren
nicht zu fürchten, d. h. nichts von ihnen zu wünschen, da sie sonst
wesentlich durch ihre Versuchungsphantasien vom Gehen ohne Schutz und
Begleitung abgehalten wird. Diese letztere Aufklärung ihrer Angst hätte
ich ihr schon zu wiederholten Malen, auf anderes Material gestützt,
geben können.
Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach dieser
Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes zurück und will
nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile nach abwärts hingen. Ich
bin des Gehörten zu sicher, um mich beirren zu lassen, und beharre
dabei. Sie schweigt eine Weile und findet dann den Mut zu fragen, was es
bedeute, daß bei ihrem Manne ein Hode tiefer stehe als der andere, und
ob es bei allen Männern so sei. Damit war dies sonderbare Detail des
Hutes aufgeklärt und die ganze Deutung von ihr akzeptiert.
Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin diesen Traum
mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen Fällen glaubte ich zu
entnehmen, daß der Hut auch für ein weibliches Genitale stehen
kann(138).
(138) Vgl. ein solches Beispiel in der Mitteilung von _Kirchgraber_
(Zentralbl. f. Ps.-A. III, 1912, p. 95). Von _Stekel_ (Jahrbuch,
Bd. I, p. 475) wird ein Traum mitgeteilt, in welchem der Hut mit
schiefstehender Feder in der Mitte den (impotenten) Mann symbolisiert.
Das »Kleine« als Sexualsymbol.
2. _Das Kleine ist das Genitale_ -- _das Überfahrenwerden ist ein
Symbol des Geschlechtsverkehres_.
(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin.)
»Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein gehen
muß. Sie fährt dann mit der Mutter in der Eisenbahn und sieht ihre
Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie überfahren werden
muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein unbehagliches Gefühl, aber
kein eigentliches Entsetzen). Dann sieht sie sich aus dem Waggonfenster
um, ob man nicht hinten die Teile sieht. Dann macht sie ihrer Mutter
Vorwürfe, daß sie die Kleine allein hat gehen lassen.« _Analyse_. Die
vollständige Deutung des Traumes ist hier nicht leicht zu geben. Er
stammt aus einem Zyklus von Träumen und kann nur im Zusammenhange mit
diesen anderen voll verstanden werden. Es ist eben nicht leicht, das für
den Erweis der Symbolik benötigte Material genügend isoliert zu
bekommen. -- Die Kranke findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch
zu deuten ist, als Anspielung auf eine Fahrt von einer Nervenheilanstalt
weg, in deren Leiter sie natürlich verliebt war. Die Mutter holte sie
von dort ab, der Arzt erschien auf dem Bahnhof und überreichte ihr einen
Strauß Blumen zum Abschied; es war ihr unangenehm, daß die Mutter Zeugin
dieser Huldigung sein mußte. Hier erscheint also die Mutter als Störerin
ihrer Liebesbestrebungen, welche Rolle der strengen Frau während ihrer
Mädchenjahre wirklich zugefallen war. -- Der nächste Einfall bezieht
sich auf den Satz: sie sieht sich um, ob man nicht die Teile von hinten
sieht. In der Traumfassade müßte man natürlich an die Teile des
überfahrenen und zermalmten Töchterchens denken. Der Einfall weist
aber nach ganz anderer Richtung. Sie erinnert, daß sie einmal den
Vater im Badezimmer nackt von rückwärts gesehen, kommt auf die
Geschlechtsunterschiede zu sprechen und hebt hervor, daß man beim Manne
die Genitalien noch von rückwärts sehen könne, beim Weibe aber nicht. In
diesem Zusammenhange deutet sie nun selbst, daß das Kleine das Genitale
sei, ihre Kleine (sie hat eine vierjährige Tochter) ihr eigenes
Genitale. Sie macht der Mutter den Vorwurf, daß sie verlangt hätte, sie
solle so leben, als ob sie kein Genitale hätte, und findet diesen
Vorwurf in dem einleitenden Satz des Traumes wieder: Die Mutter schickte
ihre Kleine weg, damit sie allein gehen mußte. In ihrer Phantasie
bedeutet das Alleingehen auf der Straße keinen Mann, keine sexuelle
Beziehung haben (coire = zusammengehen), und das mag sie nicht. Nach
allen ihren Angaben hat sie wirklich als Mädchen unter der Eifersucht
der Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten.
Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem anderen Traum
derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem Bruder identifiziert. Sie war
wirklich ein bubenhaftes Mädel, mußte oft hören, daß an ihr ein Bub
verloren gegangen sei. Zu dieser Identifizierung mit dem Bruder wird es
dann besonders klar, daß das »Kleine« das Genitale bedeutet. Die Mutter
droht ihm (ihr) mit der Kastration, die nichts anderes als Bestrafung
für das Spielen mit dem Gliede sein kann, und somit zeigt die
Identifizierung, daß sie selbst als Kind onaniert hat, was ihre
Erinnerung bisher nur vom Bruder bewahrt hatte. Eine Kenntnis des
männlichen Genitales, die ihr später verloren ging, muß sie nach den
Angaben dieses zweiten Traumes damals früh erworben haben. Ferner deutet
der zweite Traum auf die infantile Sexualtheorie hin, daß die Mädel
durch Kastration aus Buben hervorgehen. Nachdem ich ihr diese
Kindermeinung vorgetragen, findet sie sofort eine Bestätigung hiefür in
der Kenntnis der Anekdote, daß der Bub das Mädel fragt: Abgeschnitten?
worauf das Mädel antwortet: Nein, immer so g'west.
Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales im ersten Traum, bezieht sich
also auch auf die Kastrationsdrohung. Endlich grollt sie der Mutter, daß
sie sie nicht als Knaben geboren hat.
Daß das »Überfahrenwerden« sexuellen Verkehr symbolisiert, würde aus
diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus zahlreichen anderen
Quellen sicher wüßte.