Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge verleihen,
indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt werden, welche
niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten. Der psychische Vorgang
bei der Mischbildung im Traume ist offenbar der nämliche, wie wenn wir
im Wachen einen Zentauren oder Drachen uns vorstellen oder nachbilden.
Der Unterschied liegt nur darin, daß bei der phantastischen Schöpfung im
Wachen der beabsichtigte Eindruck des Neugebildes selbst das Maßgebende
ist, während die Mischbildung des Traumes durch ein Moment, welches
außerhalb ihrer Gestaltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken,
determiniert wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr
mannigfaltiger Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung
werden nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese
Darstellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes
Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen wie
des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient sich dabei
geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten zwischen
beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd ausfallen oder
selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nachdem Material und
Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. Sind die Objekte, welche zu
einer Einheit verdichtet werden sollen, gar zu disparat, so begnügt sich
die Traumarbeit oft damit, ein Mischgebilde mit einem deutlicheren Kerne
zu schaffen, an den sich undeutlichere Bestimmungen anfügen. Die
Vereinigung zu einem Bilde ist hier gleichsam nicht gelungen; die beiden
Darstellungen überdecken einander und erzeugen etwas wie einen
Wettstreit der visuellen Bilder. Wenn man sich die Bildung eines
Begriffes aus individuellen Wahrnehmungsbildern vorführen wollte, könnte
man zu ähnlichen Darstellungen in einer Zeichnung gelangen.
Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebilden; einige
Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen bereits
mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume auf
Seite 237, welcher den Lebenslauf der Patientin »durch die Blume« oder
»verblümt« beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden Zweig in der
Hand, der, wie wir erfahren haben, gleichzeitig Unschuld und sexuelle
Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch die Art, wie die Blüten
stehen, außerdem an _Kirsch_blüten; die Blüten selbst, einzeln genommen,
sind _Kamelien_, wobei dazu das Ganze noch den Eindruck eines
_exotischen_ Gewächses macht. Das Gemeinsame an den Elementen dieses
Mischgebildes ergibt sich aus den Traumgedanken. Der blühende Zweig ist
aus Anspielungen an Geschenke zusammengesetzt, durch welche sie bewogen
wurde oder werden sollte, sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit
die Kirschen, in späteren Jahren ein Kamelienstock; das Exotische ist
eine Anspielung auf einen vielgereisten Naturforscher, welcher mit einer
Blumenzeichnung um ihre Gunst werben wollte. Eine andere Patientin
schafft sich im Traume ein Mittelding aus _Badekabinen_ im Seebade,
ländlichen _Abort_häuschen und den _Bodenkammern_ unserer städtischen
Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist die Beziehung auf
menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam; es läßt sich aus der
Zusammensetzung mit dem dritten Element schließen, daß (in ihrer
Kindheit) auch die Bodenkammer der Schauplatz von Entblößung war. Ein
Träumer schafft sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlichkeiten, in
denen »Kur« gemacht wird, aus meinem Ordinationszimmer und dem
öffentlichen Lokal, in dem er zuerst seine Frau kennen gelernt hat. Ein
Mädchen träumt, nachdem der ältere Bruder versprochen hat, sie mit
Kaviar zu regalieren, von diesem Bruder, daß dessen Beine von den
_schwarzen Kaviarperlen übersät_ sind. Die Elemente »_Ansteckung_« im
moralischen Sinne und die Erinnerung an einen _Ausschlag_ der Kindheit,
der die Beine mit roten anstatt mit _schwarzen_ Pünktchen übersät
erscheinen ließ, haben sich hier mit den _Kaviarperlen_ zu einem neuen
Begriff vereinigt, dessen, »_was sie von ihrem Bruder bekommen hat_«.
Teile des menschlichen Körpers werden in diesem Traume behandelt wie
Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. In einem von _Ferenczi_
mitgeteilten Traume kam ein Mischgebilde vor, das aus der Person eines
_Arztes_ und aus einem _Pferde_ zusammengesetzt war und überdies ein
_Nachthemd_ anhatte. Das Gemeinsame dieser drei Bestandteile ergab sich
aus der Analyse, nachdem das Nachthemd als Anspielung auf den Vater der
Träumerin in einer Kindheitsszene erkannt war. Es handelte sich in allen
drei Fällen um Objekte ihrer geschlechtlichen Neugierde. Sie war als
Kind von ihrer Kindsfrau öfters in das militärische Gestüt mitgenommen
worden, wo sie Gelegenheit hatte, ihre -- damals noch ungehemmte --
Neugierde ausgiebig zu befriedigen.
Umgekehrt, im Gegenteil.
Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die Relation
des Widerspruches, Gegensatzes, das »Nein« auszudrücken. Ich gehe daran,
dieser Behauptung zum erstenmal zu widersprechen. Ein Teil der Fälle,
die sich als »Gegensatz« zusammenfassen lassen, findet seine Darstellung
einfach durch Identifizierung, wie wir gesehen haben, wenn nämlich mit
der Gegenüberstellung ein Vertauschen, an die Stelle setzen, verbunden
werden kann. Davon haben wir wiederholt Beispiele erwähnt. Ein anderer
Teil der Gegensätze in den Traumgedanken, der etwa unter die Kategorie
»_Umgekehrt, im Gegenteil_« fällt, gelangt zu seiner Darstellung im
Traume auf folgende merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das
»Umgekehrt« gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert
seine Anwesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen
nahe liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes -- gleichsam
nachträglich -- _umgekehrt_ wird. Der Vorgang ist leichter zu
illustrieren als zu beschreiben. Im schönen Traume von »_Auf und
Nieder_« (p. 213) ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt wie
das Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Introduktionsszene der
»Sappho« _Daudets_; es geht im Traume anfangs schwer, später leicht,
während in der Szene das Steigen anfangs leicht, später immer schwerer
wird. Auch das »Oben« und »Unten« in bezug auf den Bruder ist verkehrt
im Traume dargestellt. Dies deutet auf eine Relation von Umkehrung oder
Gegensatz, die zwischen zwei Stücken des Materials in den Traumgedanken
besteht, und die wir darin gefunden haben, daß in der Kindheitsphantasie
des Träumers er von seiner Amme getragen wird, umgekehrt wie im Roman
der Held die Geliebte trägt. Auch mein Traum von _Goethes_ Angriff gegen
Herrn M. (p. 313) enthält ein solches »Umgekehrt«, das erst redressiert
werden muß, ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. Im Traume
hat _Goethe_ einen jungen Mann, Herrn M., angegriffen; in der Realität,
wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein bedeutender Mann, mein
Freund, von einem unbekannten jungen Autor angegriffen worden. Im Traume
rechne ich vom Sterbedatum _Goethes_ an; in der Wirklichkeit ging die
Rechnung vom Geburtsjahre des Paralytikers aus. Der Gedanke, der in dem
Traummaterial maßgebend ist, ergibt sich als der Widerspruch dagegen,
daß _Goethe_ behandelt werden soll, als sei er ein Verrückter.
Umgekehrt, sagt der Traum, wenn du das Buch nicht verstehst, bist du der
Schwachsinnige, nicht der Autor. In all diesen Träumen von Umkehrung
scheint mir überdies eine Beziehung auf die verächtliche Wendung (»einem
die _Kehrseite_ zeigen«) enthalten zu sein (die Umkehrung in bezug auf
den Bruder im »Sappho«-Traum). Es ist ferner bemerkenswert, wie häufig
die Umkehrung gerade in Träumen benötigt wird, die von verdrängten
homosexuellen Regungen eingegeben werden.
Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines der
beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungsmittel
der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung gegen ein
bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu verschaffen. Wäre es
doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste Ausdruck für die Relation
des Ich gegen ein peinliches Stück Erinnerung. Ganz besonders wertvoll
wird die Umkehrung aber im Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von
Entstellung des Darzustellenden zu stande bringt, welches das
Verständnis des Traumes zunächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn
ein Traum seinen Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der
Umkehrung mit bestimmten Stücken seines manifesten Inhaltes wagen,
worauf nicht selten alles sofort klar wird.
Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu übersehen.
Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin, den Ausgang der
Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges zu Eingang des Traumes
darzustellen und am Ende desselben die Voraussetzungen des Schlusses
oder die Ursachen des Geschehens nachzutragen. Wer nicht an dieses
technische Mittel der Traumentstellung gedacht hat, steht dann der
Aufgabe der Traumdeutung ratlos gegenüber(114).
(114) Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal
der hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein
hysterisches Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen kleinen Roman
darzustellen, den sie sich im Anschluß an eine Begegnung in der
Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat. Wie der Betreffende, durch
die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während sie liest,
anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene
erlebt. Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch
die Körperzuckungen ein (dabei Lippenbewegungen fürs Küssen,
Verschränkung der Arme für die Umarmung), darauf eilt sie ins andere
Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das Kleid, um den Fuß zu
zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, und spricht mich
an (gibt mir Antwort). Vgl. hiezu die Bemerkung des _Artemidorus_:
»Bei der Auslegung von Traumgesichten muß man sie einmal vom Anfang
gegen das Ende, das andere Mal vom Ende gegen den Anfang hin ins Auge
fassen. . . .«
Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst, wenn man an
dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung, nach verschiedenen Relationen,
vorgenommen hat. So z. B. verbirgt sich im Traume eines jungen
Zwangsneurotikers die Erinnerung an den infantilen Todeswunsch gegen den
gefürchteten Vater hinter folgendem Wortlaut: _Sein Vater schimpft mit
ihm, weil er so spät nach Hause kommt._ Allein der Zusammenhang der
psychoanalytischen Kur und die Einfälle des Träumers beweisen, daß es
zunächst lauten muß: _Er ist böse auf den Vater_ und sodann, daß ihm der
Vater auf alle Fälle _zu früh_ (d. h. zu bald) nach Hause kam. Er hätte
es vorgezogen, daß der Vater überhaupt nicht nach Hause gekommen wäre,
was mit dem Todeswunsch gegen den Vater identisch ist (v. S. 192). Der
Träumer hatte sich nämlich als kleiner Knabe während einer längeren
Abwesenheit des Vaters eine sexuelle Aggression gegen eine andere Person
zu Schulden kommen lassen und war mit der Drohung gestraft worden: Na
wart', bis der Vater zurückkommt!
* * * * *
Die Qualitäten der Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit.
Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traumgedanken weiter
verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum selbst zum
Ausgangspunkte und stellt sich die Frage, was gewisse formale Charaktere
der Traumdarstellung in bezug auf die Traumgedanken bedeuten. Zu diesen
formalen Charakteren, die uns im Traume auffallen müssen, gehören vor
allem die Unterschiede in der sinnlichen Intensität der einzelnen
Traumgebilde und in der Deutlichkeit einzelner Traumpartien oder ganzer
Träume untereinander verglichen. Die Unterschiede in der Intensität der
einzelnen Traumgebilde umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der
Ausprägung, die man -- wiewohl ohne Gewähr -- geneigt ist, über die der
Realität zu stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man
als charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit
keinem der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den
Objekten der Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist.
Gewöhnlich bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem
undeutlichen Traumobjekt empfangen, als »flüchtig«, während wir von den
deutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch längere Zeit der
Wahrnehmung standgehalten haben. Es fragt sich nun, durch welche
Bedingungen im Traummaterial diese Unterschiede in der Lebhaftigkeit der
einzelnen Stücke des Trauminhaltes hervorgerufen werden.
Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, die sich
wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumes auch
wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können, wird man
wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen abgeleiteten
Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität hervorstechen,
oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders lebhaft ausfällt, auf
solche reale Schlafsensationen zurückführbar sein wird. Meine Erfahrung
hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht richtig, daß die Elemente
des Traumes, welche Abkömmlinge von realen Eindrücken während des
Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor den anderen, die aus Erinnerungen
stammen, durch Lebhaftigkeit auszeichnen. Das Moment der Realität geht
für die Intensitätsbestimmung der Traumbilder verloren.
Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinnliche
Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Beziehung habe
zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden Elemente in den
Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität mit psychischer
Wertigkeit zusammen; die intensivsten Elemente sind keine anderen als
die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traumgedanken bilden. Nun
wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente der Zensur wegen meist keine
Aufnahme in den Trauminhalt finden. Aber es könnte doch sein, daß ihre
sie vertretenden nächsten Abkömmlinge im Traume einen höheren
Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß sie darum das Zentrum der
Traumdarstellung bilden müßten. Auch diese Erwartung wird indes durch
die vergleichende Betrachtung von Traum und Traummaterial zerstört. Die
Intensität der Elemente hier hat mit der Intensität der Elemente dort
nichts zu schaffen; es findet zwischen Traummaterial und Traum
tatsächlich eine völlige »_Umwertung aller psychischen Werte_« statt.
Gerade in einem flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder
verdeckten Element des Traumes kann man oft einzig und allein einen
direkten Abkömmling dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig
dominierte.
Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders determiniert
und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente. Zunächst ist es
leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv dargestellt sind,
durch welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt. Dann aber lehrt die
Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen des Traumes auch die meisten
Gedankengänge ausgehen, daß die lebhaftesten gleichzeitig die
bestdeterminierten sind. Es ist keine Änderung des Sinnes, wenn wir den
letzten empirisch gewonnenen Satz in nachstehender Form aussprechen: Die
größte Intensität zeigen jene Elemente des Traumes, für deren Bildung
die ausgiebigste _Verdichtungsarbeit_ in Anspruch genommen wurde. Wir
dürfen dann erwarten, daß diese Bedingung und die andere der
Wunscherfüllung auch in einer einzigen Formel ausgedrückt werden können.
Inhaltliche Darstellung durch die Form des Traumes.
Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der größeren
oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen
Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen Problem
schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit ganzer Träume
oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegensatz von Deutlichkeit:
Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es ist allerdings unverkennbar,
daß in beiden Skalen die steigenden und fallenden Qualitäten einander im
Vorkommen begleiten. Eine Partie des Traumes, die uns klar erscheint,
enthält zumeist intensive Elemente; ein unklarer Traum ist im Gegenteil
aus wenig intensiven Elementen zusammengesetzt. Doch ist das Problem,
welches die Skala vom anscheinend Klaren bis zum Undeutlich-Verworrenen
bietet, weit komplizierter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der
Traumelemente; ja ersteres entzieht sich aus später anzuführenden
Gründen hier noch der Erörterung. In einzelnen Fällen merkt man nicht
ohne Überraschung, daß der Eindruck von Klarheit oder Undeutlichkeit,
den man von einem Traume empfängt, überhaupt nichts für das Traumgefüge
bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als ein Bestandteil desselben
herrührt. So erinnere ich mich an einen Traum, der mir nach dem Erwachen
so besonders gut gefügt, lückenlos und klar erschien, daß ich noch in
der Schlaftrunkenheit mir vorsetzte, eine neue Kategorie von Träumen
zuzulassen, die nicht dem Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung
unterlegen waren, sondern als »Phantasien während des Schlafens«
bezeichnet werden durften. Nähere Prüfung ergab, daß dieser rare Traum
dieselben Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte wie jeder andere;
ich ließ darum die Kategorie der Traumphantasien auch wieder fallen. Der
reduzierte Inhalt des Traumes war aber, daß ich meinem Freunde eine
schwierige und lange gesuchte Theorie der Bisexualität vortrug, und die
wunscherfüllende Kraft des Traumes hatte es zu verantworten, daß uns
diese Theorie (die übrigens im Traume nicht mitgeteilt wurde) klar und
lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil über den fertigen Traum
gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesentliche Stück des
Trauminhaltes. Die Traumarbeit griff hier gleichsam in das erste wache
Denken über und übermittelte mir als _Urteil_ über den Traum jenes Stück
des Traummaterials, dessen genaue Darstellung im Traume ihr nicht
gelungen war. Ein vollkommenes Gegenstück hiezu erlebte ich einmal bei
einer Patientin, die einen in die Analyse gehörigen Traum zuerst
überhaupt nicht erzählen wollte, »weil er so undeutlich und verworren
sei«, und endlich unter wiederholten Protesten gegen die Sicherheit
ihrer Darstellung angab, es seien im Traume mehrere Personen
vorgekommen, sie, ihr Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht gewußt
hätte, ob ihr Mann ihr Vater sei oder wer eigentlich ihr Vater sei, oder
so ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren Einfällen in
der Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um die ziemlich
alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens handle, welches bekennen
mußte, daß sie ein Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören bekomme, »wer
eigentlich der Vater (des Kindes) sei«(115). Die Unklarheit, die der
Traum zeigte, war also auch hier ein Stück aus dem traumerregenden
Material. Ein Stück dieses Inhaltes war in der _Form_ des Traumes
dargestellt worden. _Die Form des Traumes oder des Träumens wird in ganz
überraschender Häufigkeit zur Darstellung des verdeckten Inhaltes
verwendet._
(115) Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und
große Verstimmung, das Hauptleiden dieser Kranken.
Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu demselben
dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der raffiniertesten Weise
zu verhüllen, während sie es doch eigentlich verraten. So z. B. wenn ein
Träumer äußert: Hier ist der Traum _verwischt_, und die Analyse eine
infantile Reminiszenz an das Belauschen einer Person ergibt, die sich
nach der Defäkation reinigt. Oder in einem anderen Falle, der
ausführliche Mitteilung verdient. Ein junger Mann hat einen sehr
deutlichen Traum, der ihn an bewußt gebliebene Phantasien seiner
Knabenjahre mahnt: Er befinde sich abends in einem Sommerhotel, irrt
sich in der Zimmernummer und kommt in einen Raum, in dem sich eine
ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden, um zu Bette zu gehen. Er
setzt fort: _Dann sind einige Lücken im Traum, da fehlt etwas_, und am
Ende war ein Mann im Zimmer, der mich hinauswerfen wollte, mit dem ich
ringen mußte. Er bemüht sich vergebens, den Inhalt und die Absicht jener
knabenhaften Phantasie zu erinnern, auf die der Traum offenbar anspielt.
Aber man wird endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt durch die
Äußerung über die undeutliche Stelle des Traumes bereits gegeben ist.
Die »Lücken« sind die Genitalöffnungen der zu Bette gehenden Frauen; »da
fehlt etwas« beschreibt den Hauptcharakter des weiblichen Genitales. Er
brannte in jenen jungen Jahren vor Wißbegierde, ein weibliches Genitale
zu sehen und war noch geneigt, an der infantilen Sexualtheorie, die dem
Weibe ein männliches Glied zuschreibt, festzuhalten.
In ganz ähnliche Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz eines
anderen Träumers ein. Er träumt: _Ich gehe mit Frl. K. in das
Volksgartenrestaurant_ . . . dann kommt eine dunkle Stelle, eine
Unterbrechung . . . _dann befinde ich mich in einem Bordellsalon, in dem
ich zwei oder drei Frauen sehe, eine in Hemd und Höschen_.
_Analyse_: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie er selbst
zugibt, ein Schwesterersatz. Er hatte nur selten Gelegenheit, mit ihr zu
sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung zwischen ihnen vor, in der
»man sich gleichsam in seiner Geschlechtlichkeit erkannte, als ob man
sagen würde: Ich bin ein Mann und du ein Weib«. Im angegebenen
Restaurant war er nur einmal in Begleitung der Schwester seines
Schwagers, eines Mädchens, das ihm vollkommen gleichgültig war. Ein
andermal begleitete er eine Gesellschaft von drei Damen bis zum Eingang
in dieses Restaurant. Die Damen waren seine Schwester, seine Schwägerin
und die bereits erwähnte Schwester seines Schwagers, alle drei ihm
höchst gleichgültig, aber alle drei der Schwesterreihe angehörig. Ein
Bordell hat er nur selten besucht, vielleicht zwei- oder dreimal in
seinem Leben.
Die Deutung stützte sich auf die »_dunkle Stelle_«, »_Unterbrechung_« im
Traume und behauptete, daß er in knabenhafter Wißbegierde einigemale,
allerdings nur selten, das Genitale seiner um einige Jahre jüngeren
Schwester inspiziert habe. Einige Tage später stellte sich die bewußte
Erinnerung an die vom Traume angedeutete Untat ein.
Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem nämlichen
Ganzen; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Gruppierung und Anzahl,
all das ist sinnreich und darf als ein Stück Mitteilung aus den latenten
Traumgedanken aufgefaßt werden. Bei der Deutung von Träumen, die aus
mehreren Hauptstücken bestehen, oder überhaupt solchen, die derselben
Nacht angehören, darf man auch an die Möglichkeit nicht vergessen, daß
diese verschiedenen und aufeinanderfolgenden Träume dasselbe bedeuten,
die nämlichen Regungen in verschiedenem Material zum Ausdruck bringen.
Der zeitlich vorangehende dieser homologen Träume ist dann häufig der
entstelltere schüchterne, der nachfolgende ist dreister und deutlicher.
Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und von den Kühen,
den Josef deutete, war von dieser Art. Er findet sich bei Josephus
(Jüdische Altertümer, Buch II, Kap. 5 und 6) ausführlicher als in der
Bibel berichtet. Nachdem der König den ersten Traum erzählt hat, sagt
er: »Nach diesem ersten Traumgesicht wachte ich beunruhigt auf und
dachte nach, was dasselbe wohl bedeuten möge, schlief jedoch hierüber
allmählich wieder ein und hatte nun einen noch viel seltsameren Traum,
der mich noch mehr in Furcht und Verwirrung gesetzt hat.« Nach Anhören
der Traumerzählung sagt Josef: »Dein Traum, o König, ist dem Anschein
nach wohl ein zweifacher, allein beide Gesichte haben nur eine
Bedeutung.«
Fortschreitende Deutlichkeit aufeinanderfolgender Traumbilder.
_Jung_, der in seinem »Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes« erzählt,
wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens von ihren
Freundinnen ohne Deutung verstanden und in Abänderungen weitergeführt
wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen, »daß der Schlußgedanke
einer langen Reihe von Traumbildern genau das enthält, was schon im
ersten Bild der Serie darzustellen versucht worden war. Die Zensur
schiebt den Komplex so lange wie möglich weg durch immer wieder erneute
symbolische Verdeckungen, Verschiebungen, Wendungen ins Harmlose usw.«
(l. c. p. 87). _Scherner_ hat diese Eigentümlichkeit der
Traumdarstellung gut gekannt und beschreibt sie im Anschluß an seine
Lehre von den Organreizen als ein besonderes Gesetz (p. 166). »Endlich
aber beobachtet die Phantasie in allen von bestimmten Nervenreizen
ausgehenden symbolischen Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß
sie bei Beginn des Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen
des Reizobjektes malt, am Schlusse aber, wo der malerische Erguß sich
erschöpft hatte, den Reiz selbst respektive sein betreffendes Organ oder
dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der Traum seinen
organischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende erreicht -- -- --.«
Eine schöne Bestätigung dieses _Scherner_schen Gesetzes hat _Otto Rank_
in seiner Arbeit: »Ein Traum, der sich selbst deutet« geliefert. Der von
ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte sich aus zwei auch
zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zusammen, von denen der zweite
mit einer Pollution abschloß. Dieser Pollutionstraum gestattete eine bis
ins einzelne durchgeführte Deutung unter weitgehendem Verzicht auf die
Beiträge der Träumerin und die Fülle der Beziehungen zwischen den beiden
Trauminhalten ermöglichte es zu erkennen, daß der erste Traum in
schüchterner Darstellung dasselbe zum Ausdruck bringe wie der zweite, so
daß dieser, der Pollutionstraum, zur vollen Aufklärung des ersteren
verholfen hatte. _Rank_ erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem
Recht die Bedeutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens
überhaupt.
In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf Sicherheit
oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können, kommt man aber nach
meiner Erfahrung nicht in allen Fällen. Ich werde späterhin den bisher
nicht erwähnten Faktor bei der Traumbildung aufzudecken haben, von
dessen Einwirkung diese Qualitätenskala des Traumes wesentlich abhängt.
In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation und
Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit folgenden
Worten beschrieben werden: »Es ist dann aber, als wäre es gleichzeitig
ein anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes.« Was in solcher
Weise die Haupthandlung des Traumes unterbricht, die nach einer Weile
wieder fortgesetzt werden kann, das stellt sich im Traummaterial als ein
Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke heraus. Die Kondition in den
Traumgedanken wird im Traume durch Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn --
wann).
Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation der
gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will gehen und
kommt nicht von der Stelle, will etwas verrichten und stößt fortwährend
auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in Bewegung setzen und man
kann ihn nicht erreichen; man hebt die Hand, um eine Beleidigung zu
rächen, und sie versagt usw. Wir sind dieser Sensation im Traume schon
bei den Exhibitionsträumen begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht
ernstlich versucht. Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im
Schlafe bestehe motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte
Sensation bemerkbar macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann
nicht beständig von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen
erwarten, daß diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation
irgend welchen Zwecken der Darstellung diene und nur durch das im
Traummaterial gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt werde.
Das Nichtzustandebringen tritt im Traume nicht immer als Sensation,
sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf. Ich halte einen
solchen Fall für besonders geeignet, uns über die Bedeutung dieses
Traumrequisites aufzuklären. Ich werde verkürzt einen Traum mitteilen,
in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt erscheine. _Die Örtlichkeit ist
ein Gemenge aus einer Privatheilanstalt und mehreren anderen Lokalen.
Ein Diener erscheint, um mich zu einer Untersuchung zu rufen. Im Traume
weiß ich, daß etwas vermißt wird, und daß die Untersuchung wegen des
Verdachtes erfolgt, daß ich mir das Verlorene angeeignet. Die Analyse
zeigt, daß Untersuchung zweideutig zu nehmen ist und ärztliche
Untersuchung mit einschließt. Im Bewußtsein meiner Unschuld und meiner
Konsiliarfunktion in diesem Hause gehe ich ruhig mit dem Diener. An
einer Tür empfängt uns ein anderer Diener und sagt, auf mich deutend:
Den haben Sie mir mitgebracht, der ist ja ein anständiger Mensch. Ich
gehe dann ohne Diener in einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der
mich an ein Inferno mit seinen höllischen Strafaufgaben erinnert. An
einem Apparat sehe ich einen Kollegen eingespannt, der allen Grund
hätte, sich um mich zu bekümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heißt
dann, daß ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen Hut nicht und kann
doch nicht gehen._
Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als ehrlicher
Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traumgedanken muß also
allerlei Material vorhanden sein, welches den Widerspruch dagegen
enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen meiner Absolution; wenn
also der Traum am Ende ein Ereignis bringt, das mich im Gehen aufhält,
so liegt es wohl nahe, zu schließen, daß durch diesen Zug das
unterdrückte Material des Widerspruches sich zur Geltung bringt. Daß ich
den Hut nicht finde, bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch.
Das Nichtzustandebringen des Traumes ist ein _Ausdruck des
Widerspruches_, ein »_Nein_«, wonach also die frühere Behauptung zu
korrigieren ist, daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag(116).
(116) Eine Beziehung zu einem Kindheitserlebnis ergibt sich in der
vollständigen Analyse durch folgende Vermittlung: -- Der Mohr hat
seine Schuldigkeit getan, der Mohr _kann gehen_. Und dann die
Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, wenn er seine Schuldigkeit getan
hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll so viel wirres schwarzes
Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge Mutter für einen
kleinen Mohren erklärte.) -- Daß ich den Hut nicht finde, ist ein
mehrsinnig verwertetes Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales
Stubenmädchen hatte ihn versteckt. -- Auch die Ablehnung trauriger
Todesgedanken verbirgt sich hinter diesem Traumende: Ich habe meine
Schuldigkeit noch lange nicht getan; ich darf noch nicht gehen. --
Geburt und Tod wie in dem kurz vorher erfolgten Traume von _Goethe_
und dem Paralytiker (Seite 313).
Die Traumhemmung.
In anderen Träumen, welche das Nichtzustandekommen der Bewegung nicht
bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist derselbe
Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung kräftiger
ausgedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich widersetzt. Die
Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen _Willenskonflikt_ dar.
Wir werden später hören, daß gerade die motorische Lähmung im Schlafe zu
den fundamentalen Bedingungen des psychischen Vorganges während des
Träumens gehört. Der auf die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist
nun nichts anderes als der Wille, und daß wir sicher sind, im Schlafe
diesen Impuls als gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so
überaus geeignet zur Darstellung des _Wollens_ und des »_Nein_«, das
sich ihm entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich
auch leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so nahe
steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst ist ein
libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom Vorbewußten
gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der Hemmung mit Angst
verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen handeln, das einmal fähig
war, Libido zu entwickeln, um eine sexuelle Regung.
Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteilsäußerung: »Das
ist ja nur ein Traum« bedeute und welcher psychischen Macht sie
zuzuschreiben sei, werde ich an anderer Stelle (s. u. p. 350) erörtern.
Ich nehme hier vorweg, daß sie zur Entwertung des Geträumten dienen
soll. Das in der Nähe liegende, interessante Problem, was dadurch
ausgedrückt wird, wenn ein gewisser Inhalt im Traum selbst als
»geträumt« bezeichnet wird, das Rätsel des »Traumes im Traume« hat W.
_Stekel_ durch die Analyse einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem
Sinne gelöst. Das »Geträumte« des Traumes soll wiederum entwertet,
seiner Realität beraubt werden; was nach dem Erwachen aus dem »Traum im
Traume« weiter geträumt wird, das will der Traumwunsch an die Stelle der
ausgelöschten Realität setzen. Man darf also annehmen, daß das
»_Geträumte_« die Darstellung der Realität, die wirkliche Erinnerung,
der fortsetzende Traum im Gegenteil die Darstellung des bloß vom Träumer
Gewünschten enthält. Der Einschluß eines gewissen Inhaltes in einen
»Traum im Traume« ist also gleichzusetzen dem Wunsche, daß das so als
Traum Bezeichnete nicht hätte geschehen sollen. Die Traumarbeit
verwendet das Träumen selbst als eine Form der Ablehnung.
d) _Die Rücksicht auf Darstellbarkeit_.
Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie der Traum
die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt, griffen dabei aber
mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche Veränderung das
Traummaterial überhaupt für die Zwecke der Traumbildung erfährt. Wir
wissen nun, daß das Traummaterial, seiner Relationen zum guten Teile
entblößt, einer Kompression unterliegt, während gleichzeitig
Intensitätsverschiebungen zwischen seinen Elementen eine psychische
Umwertung dieses Materials erzwingen. Die Verschiebungen, die wir
berücksichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzungen einer bestimmten
Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgendwie
nahestehende und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht, indem auf
solche Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres Gemeinsames zwischen
ihnen zur Aufnahme in den Traum gelangte. Von einer anderen Art der
Verschiebung haben wir noch keine Erwähnung getan. Aus den Analysen
erfährt man aber, daß eine solche besteht und daß sie sich in einer
_Vertauschung des sprachlichen Ausdruckes_ für den betreffenden Gedanken
kundgibt. Es handelt sich beidemale um Verschiebung längs einer
Assoziationskette, aber der gleiche Vorgang findet in verschiedenen
psychischen Sphären statt, und das Ergebnis dieser Verschiebung ist das
einemal, daß ein Element durch ein anderes substituiert wird, während im
anderen Falle ein Element seine Wortfassung gegen eine andere
vertauscht.
Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden Verschiebungen
hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern ist auch besonders
gut geeignet, den Anschein phantastischer Absurdität, mit dem der Traum
sich verkleidet, aufzuklären. Die Verschiebung erfolgt in der Regel nach
der Richtung, daß ein farbloser und abstrakter Ausdruck des
Traumgedankens gegen einen bildlichen und konkreten eingetauscht wird.
Der Vorteil und somit die Absicht dieses Ersatzes liegt auf der Hand.
Das Bildliche ist für den Traum _darstellungsfähig_, läßt sich in eine
Situation einfügen, wo der abstrakte Ausdruck der Traumdarstellung
ähnliche Schwierigkeiten bereiten würde, wie etwa ein politischer
Leitartikel einer Zeitung der Illustration. Aber nicht nur die
Darstellbarkeit, auch die Interessen der Verdichtung und der Zensur
können bei diesem Tausche gewinnen. Ist erst der abstrakt ausgedrückte,
unbrauchbare Traumgedanke in eine bildliche Sprache umgeformt, so
ergeben sich zwischen diesem neuen Ausdruck und dem übrigen
Traummaterial leichter als vorher die Berührungen und Identitäten,
welcher die Traumarbeit bedarf, und die sie schafft, wo sie nicht
vorhanden sind, denn die konkreten Termini sind in jeder Sprache ihrer
Entwicklung zufolge anknüpfungsreicher als die begrifflichen. Man kann
sich vorstellen, daß ein gutes Stück der Zwischenarbeit bei der
Traumbildung, welche die gesonderten Traumgedanken auf möglichst knappen
und einheitlichen Ausdruck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche
Weise, durch passende sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor
sich geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen
feststeht, wird dabei verteilend und auswählend auf die
Ausdrucksmöglichkeiten des anderen einwirken und dies vielleicht von
vornherein, ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht in
Reimen entstehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei Bedingungen
gebunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn ausdrücken und ihr Ausdruck
muß den Gleichklang mit der ersten Reimzeile finden. Die besten Gedichte
sind wohl die, wo man die Absicht, den Reim zu finden, nicht merkt,
sondern wo beide Gedanken von vornherein durch gegenseitige Induzierung
den sprachlichen Ausdruck gewählt haben, der mit leichter
Nachbearbeitung den Gleichklang entstehen läßt.
In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traumverdichtung
noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung finden läßt, welche
als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken Ausdruck gestattet. Das
ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der Traumarbeit dienstbar gemacht.
Man darf sich über die Rolle, welche dem Worte bei der Traumbildung
zufällt, nicht wundern. Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher
Vorstellungen, ist sozusagen eine prädestinierte Vieldeutigkeit und die
Neurosen (Zwangsvorstellungen, Phobien) benutzen die Vorteile, die das
Wort so zur Verdichtung und Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut
wie der Traum(117). Daß die Traumverstellung bei der Verschiebung des
Ausdruckes mitprofitiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend,
wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird; und
der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine bildliche
hält unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals aussagt, ob
die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im übertragenen Sinne zu
deuten sind, direkt oder durch Vermittlung eingeschobener Redensarten
auf das Traummaterial bezogen werden sollen. Es ist im allgemeinen bei
der Deutung eines jeden Traumelementes zweifelhaft, ob es:
a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll
(Gegensatzrelation);
b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz);
c) symbolisch oder ob
d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll.
(117) Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905, 2. Aufl.
1912 -- und die »Wortbrücken« in den Lösungen neurotischer Symptome.
Trotz dieser Vieldeutigkeit darf man sagen, daß die Darstellung der
Traumarbeit, die _ja nicht beabsichtigt, verstanden_ zu werden, dem
Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet als etwa die alten
Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.
Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit des
Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere angeführt
(»Der Mund geht gut auf« im Injektionstraume; »Ich kann noch nicht
gehen« im letzten Traume, p. 250 usw.). Ich werde nun einen Traum
mitteilen, in dessen Analyse die Verbildlichung des abstrakten Gedankens
eine größere Rolle spielt. Der Unterschied solcher Traumdeutung von der
Deutung mittels Symbolik wie im Altertum läßt sich noch immer scharf
bestimmen; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel der
Symbolisierung vom Traumdeuter gewählt; in unseren Fällen von
sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein bekannt und
durch feststehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über den richtigen
Einfall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume dieser Art auch
unabhängig von den Angaben des Träumers ganz oder stückweise auflösen.
Eine mir befreundete Dame träumt: _Sie befindet sich in der Oper. Es ist
eine Wagnervorstellung, die bis ¾8 Uhr morgens gedauert hat. Im Parkett
und Parterre stehen Tische, an denen gespeist und getrunken wird. Ihr
eben von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter sitzt an einem solchen
Tische mit seiner jungen Frau; neben ihnen ein Aristokrat. Von diesem
heißt es, die junge Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise
mitgebracht, ganz offen, etwa wie man einen Hut von der Hochzeitsreise
mitbringt. Inmitten des Parketts befindet sich ein hoher Turm, der oben
eine Plattform trägt, die mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort
hoch oben ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters; er läuft
beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt furchtbar und leitet von
diesem Posten aus das unten um die Basis des Turmes angeordnete
Orchester. Sie selbst sitzt mit einer_ (mir bekannten) _Freundin in
einer Loge. Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett ein großes
Stück Kohle hinaufreichen mit der Motivierung, sie habe doch nicht
gewußt, daß es so lange dauern werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich
frieren. (Etwa als ob die Logen während der langen Vorstellung geheizt
werden müßten.)_
Die Verschiebung des sprachlichen Ausdruckes.
Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine Situation
gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der Dirigent das
Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die Schwester
hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine Analyse
verlangt; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Beziehungen der
Träumerin gelang es mir, Stücke von ihm selbständig zu deuten. Ich
wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker gehabt hatte, dessen
Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unterbrochen worden war. Ich
entschloß mich also den Turm im Parkett _wörtlich_ zu nehmen. Dann kam
heraus, daß der Mann, den sie an _Hans Richters_ Stelle zu sehen
gewünscht hätte, die übrigen Mitglieder des Orchesters _turmhoch_
überragt. Dieser Turm ist als ein _Mischgebilde durch Apposition_ zu
bezeichnen; mit seinem Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit
dem Gitter oben, hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Tier im
Käfig (Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das
spätere Schicksal desselben. »Narrenturm« wäre etwa das Wort, in dem die
beiden Gedanken hätten zusammentreffen können.
Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war, konnte man
versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den Kohlen, die ihr
von der Schwester gereicht werden, mit demselben Schlüssel aufzulösen.
»Kohle« mußte »heimliche Liebe« bedeuten.
»_Kein Feuer_, keine _Kohle_
Kann brennen so heiß,
Als wie _heimliche Liebe_,
Von der niemand was weiß.«
Sie selbst und ihre Freundin waren _sitzen geblieben_; die jüngere
Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die Kohle
hinauf, »weil sie doch nicht gewußt habe, _daß es so lange dauern
wird_«. Was so lange dauern wird, ist im Traume nicht gesagt; in einer
Erzählung würden wir ergänzen: die Vorstellung; im Traume dürfen wir den
Satz für sich ins Auge fassen, ihn für zweideutig erklären und
hinzufügen, »bis sie heiratet«. Die Deutung »heimliche Liebe« wird dann
unterstützt durch die Erwähnung des Vetters, der mit seiner Frau im
Parkett sitzt, und durch die dieser letzteren angedichtete _offene
Liebschaft_. Die Gegensätze zwischen heimlicher und offener Liebe,
zwischen ihrem Feuer und der Kälte der jungen Frau beherrschen den
Traum. Hier wie dort übrigens ein »_Hochstehender_« als Mittelwort
zwischen dem Aristokraten und dem zu großen Hoffnungen berechtigenden
Musiker.
Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes Moment
aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der Traumgedanken in den
Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: _Die Rücksicht auf die
Darstellbarkeit in dem eigentümlichen psychischen Material, dessen sich
der Traum bedient_, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den
verschiedenen Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken wird
diejenige bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt,
und die Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa
zuerst in eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die
ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der
psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende macht.
Diese Umleerung des Gedankeninhaltes in eine andere Form kann sich aber
gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und
Beziehungen zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht
vorhanden wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des
Entgegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck verändert haben.
Die Traumsymbolik.
_Herbert Silberer_ hat einen guten Weg gezeigt, wie man die bei der
Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der Gedanken in Bilder direkt
beobachten und somit dies eine Moment der Traumarbeit isoliert studieren
kann. Wenn er sich im Zustande der Ermüdung und Schlaftrunkenheit eine
Denkanstrengung auferlegte, so ereignete es sich ihm häufig, daß ihm der
Gedanke entschlüpfte und dafür ein Bild auftrat, in dem er nun den
Ersatz des Gedankens erkennen konnte. _Silberer_ nennt diesen Ersatz
nicht ganz zweckmäßig einen »autosymbolischen«. Ich gebe hier einige
Beispiele aus der Arbeit von _Silberer_ wieder, auf welche ich wegen
gewisser Eigenschaften der beobachteten Phänomene noch an anderer Stelle
zurückkommen werde(118).
(118) Siehe unten p. 361 ff.
»Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem Aufsatz eine
holprige Stelle auszubessern.
Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatt hobeln.
Beispiel Nr. 5. Ich suche mir den Zweck gewisser metaphysischer Studien,
die ich eben zu betreiben vorhabe, zu vergegenwärtigen. Dieser Zweck
besteht darin, so denke ich mir, daß man sich auf der Suche nach den
Daseinsgründen zu immer höheren Bewußtseinsformen oder Daseinsschichten
durcharbeitet.
Symbol: Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte, wie um ein
Stück davon zu nehmen.
Deutung: Meine Bewegung mit dem Messer bedeutet das ›Durcharbeiten‹, von
dem die Rede ist . . . . . Die Erklärung des Symbolgrundes ist die
folgende: Es fällt mir bei Tisch hie und da das Zerschneiden und
Vorlegen einer Torte zu, ein Geschäft, welches ich mit einem langen
biegsamen Messer verrichte, was einige Sorgfalt erheischt. Insbesondere
ist das reinliche Herausheben der geschnittenen Tortenteile mit gewissen
Schwierigkeiten verbunden; das Messer muß behutsam _unter_ die
betreffenden Stücke _geschoben_ werden (das langsame ›Durcharbeiten‹, um
zu den Gründen zu gelangen). Es liegt aber noch mehr Symbolik in dem
Bild. Die Torte des Symbols war nämlich eine Dobos-Torte, also eine
Torte, bei welcher das schneidende Messer durch verschiedene _Schichten_
zu dringen hat (die Schichten des Bewußtseins und Denkens).
Beispiel Nr. 9. Ich verliere in einem Gedankengang den Faden. Ich gebe
mir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber erkennen, daß mir der
Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist.
Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen herausgefallen
sind.«
Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und Sprichwörter
im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es vollkommen der
Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art überaus häufig für
Darstellung der Traumgedanken verwendet werden sollten. Was bedeuten
z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit anderem Gemüse angefüllt ist?
Es ist der Wunschgegensatz von »Kraut und Rüben«, also »Durcheinander«
und bedeutet demnach »Unordnung«. Ich habe mich gewundert, daß mir
dieser Traum nur ein einziges Mal berichtet worden ist. Nur für wenige
Materien hat sich eine allgemein gültige Traumsymbolik herausgebildet,
auf Grund allgemein bekannter Anspielungen und Wortersetzungen. Den
größten Teil dieser Symbolik hat übrigens der Traum mit den
Psychoneurosen, den Sagen und Volksgebräuchen gemeinsam.
Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die Traumarbeit mit
dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles leistet. Zur
Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensurfreien
Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im unbewußten
Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Umwandlungen des
verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung auch bewußt werden
dürfen, und von denen alle Phantasien der Neurotiker erfüllt sind. Hier
eröffnet sich dann plötzlich ein Verständnis für die Traumdeutungen
_Scherners_, deren richtigen Kern ich an anderer Stelle verteidigt habe.
Die Phantasiebeschäftigung mit dem eigenen Körper ist keineswegs dem
Traume allein eigentümlich oder für ihn charakteristisch. Meine Analysen
haben mir gezeigt, daß sie im unbewußten Denken der Neurotiker ein
regelmäßiges Vorkommnis ist und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht,
deren Gegenstand die Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen
Geschlechtes für den heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau
werden. Wie aber _Scherner_ und _Volkelt_ ganz zutreffend hervorheben,
ist das Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung
der Leiblichkeit verwendet wird -- im Traume so wenig wie im unbewußten
Phantasieren der Neurose. Ich kenne Patienten, die allerdings die
architektonische Symbolik des Körpers und der Genitalien (reicht doch
das sexuelle Interesse weit über das Gebiet der äußeren Genitalien
hinaus) beibehalten haben, denen Pfeiler und Säulen Beine bedeuten (wie
im Hohen Lied), die jedes Tor an eine der Körperöffnungen (»Loch«), die
jede Wasserleitung an den Harnapparat denken läßt usw. Aber ebenso gern
wird der Vorstellungskreis des Pflanzenlebens oder der Küche zum
Versteck sexueller Bilder gewählt(119); im ersteren Falle hat der
Sprachgebrauch, der Niederschlag von Phantasievergleichungen ältester
Zeiten, reichlich vorgearbeitet (der »Weinberg« des Herrn, der »Samen«,
der »Garten« des Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar harmlosen
Anspielungen an die Verrichtungen der Küche lassen sich die häßlichsten
wie die intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken und träumen, und
die Symptomatik der Hysterie wird geradezu undeutbar, wenn man vergißt,
daß sich sexuelle Symbolik hinter dem Alltäglichen und Unauffälligen als
seinem besten Versteck verbergen kann. Es hat seinen guten sexuellen
Sinn, wenn neurotische Kinder kein Blut und kein rohes Fleisch sehen
wollen, bei Eiern und Nudeln erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche
Furcht vor der Schlange beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung
erfährt, und überall wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient,
wandelt sie die Wege, die einst in alten Kulturperioden die ganze
Menschheit begangen hat, und von deren Existenz unter leichter
Verschüttung heute noch Sprachgebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis
ablegen.
(119) Reichliches Belegmaterial hiezu in den drei Ergänzungsbänden von
_Ed. Fuchs_' »Illustr. Sittengeschichte« (Privatdrucke bei A. Langen,
München).
Die Symbolik des Sexuellen.
Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin ein, in dem
ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der schöne Traum
wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht mehr gefallen.
a) Vortraum: _Sie geht in die Küche zu den beiden Mädchen und tadelt
sie, daß sie nicht fertig werden »mit dem Bissel Essen« und sieht dabei
so viel umgestürztes Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in
Haufen zusammengestellt._ Späterer Zusatz: _Die beiden Mädchen gehen
Wasser holen und müssen dabei wie in einen Fluß steigen, der bis ins
Haus oder in den Hof reicht(120)._
(120) Zur Deutung dieses als »kausal« zu nehmenden Vortraumes siehe
p. 234.
b) Haupttraum(121): _Sie steigt von hoch herab(122) über eigentümliche
Geländer oder Zäune, die zu großen Karos vereinigt sind und aus
Flechtwerk von kleinen Quadraten bestehen(123). Es ist eigentlich nicht
zum Steigen eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz für den Fuß
findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen bleibt, daß
sie im Gehen so anständig bleibt(124). Dabei trägt sie einen #großen
Ast# in der Hand(125), eigentlich wie einen Baum, der dick mit #roten
Blüten# besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet(126). Dabei ist die Idee
Kirsch#blüten#, sie sehen aber auch aus wie gefüllte #Kamelien#, die
freilich nicht auf Bäumen wachsen. Während des Herabgehens hat sie
zuerst #einen#, dann plötzlich #zwei#, später wieder #einen#(127). Wie
sie unten anlangt, sind die unteren #Blüten# schon ziemlich
#abgefallen#. Sie sieht dann, unten angelangt, einen Hausknecht, der
einen eben solchen Baum, sie möchte sagen -- kämmt, d. h. mit einem
Holze #dicke Haarbüschel#, die wie Moos von ihm herabhängen, rauft.
Andere Arbeiter haben solche #Äste# aus einem #Garten# abgehauen und auf
#die Straße# geworfen, wo sie #herumliegen#, so daß #viele Leute sich
davon nehmen#. Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch #einen
nehmen kann#(128). Im Garten steht ein junger #Mann#_ (von ihr bekannter
Persönlichkeit, ein Fremder), _auf den sie zugeht, um ihn zu fragen, wie
man solche #Äste in ihren eigenen Garten# umsetzen könne(129). Er
umfängt sie, worauf sie sich sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob
man sie denn so umfangen darf. Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist
erlaubt(130). Er erklärt sich dann bereit, mit ihr in den #anderen
Garten# zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen, und sagt ihr etwas,
was sie nicht recht versteht: Es fehlen mir ohnedies drei #Meter#_ --
(später sagt sie: _Quadratmeter_) _oder drei Klafter Grund. Es ist, als
ob er für seine Bereitwilligkeit etwas von ihr verlangen würde, als ob
er die Absicht hätte, sich in #ihrem Garten zu entschädigen#, oder als
wollte er irgend ein Gesetz #betrügen#, einen Vorteil davon haben, ohne
daß sie einen Schaden hat. Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie
nicht(131)._
(121) Ihr Lebenslauf.
(122) Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume.
(123) Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten
Boden des Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem
Gegenstand ihrer späteren Phantasien, und den Hof eines schlimmen
Onkels, der sie zu necken pflegte.
(124) Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels,
daß sie sich im Schlafe zu entblößen pflegte.
(125) Wie der Engel in der Verkündigung Mariä einen Lilienstengel.
(126) Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe p. 237: Unschuld,
Periode, Kameliendame.
(127) Auf die Mehrheit der ihrer Phantasie dienenden Personen.
(128) Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i. e. masturbieren.
(129) Der Ast hat längst die _Vertretung_ des männlichen Genitales
übernommen, enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den
Familiennamen.
(130) Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten.
(131) Ein analoger »biographischer« Traum ist der unter den Beispielen
zur Traumsymbolik p. 268 als dritter mitgeteilte; ferner der von
_Rank_ ausführlich mitgeteilte »Traum, der sich selbst deutet«; einen
anderen, der »verkehrt« gelesen werden muß, siehe bei _Stekel_ p. 486.
Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber dessen
Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Verhältnisse
führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine besondere
symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit anzunehmen
braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symbolisierungen, welche im
unbewußten Denken bereits fertig enthalten sind, bedient, weil sie wegen
ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch wegen ihrer Zensurfreiheit, den
Anforderungen der Traumbildung besser genügen.
e) _Die Darstellung durch Symbole im Traume_. _Weitere typische Träume_.
Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik für die
Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut gemacht hat, muß man
sich die Frage vorlegen, ob nicht viele dieser Symbole wie die »Sigel«
der Stenographie mit ein für allemal festgelegter Bedeutung auftreten,
und sieht sich vor der Versuchung, ein neues Traumbuch nach der
Chiffriermethode zu entwerfen. Dazu ist zu bemerken: Diese Symbolik
gehört nicht dem Traume zu eigen an, sondern dem unbewußten Vorstellen,
speziell des Volkes, und ist im Folklore, in den Mythen, Sagen,
Redensarten, in der Spruchweisheit und in den umlaufenden Witzen eines
Volkes vollständiger als im Traume aufzufinden. Wir müßten also die
Aufgabe der Traumdeutung weit überschreiten, wenn wir der Bedeutung des
Symbols gerecht werden und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten
Probleme erörtern wollten, welche sich an den Begriff des Symbols
knüpfen(132). Wir wollen uns also darauf beschränken, zu sagen, daß die
Darstellung durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen gehört, daß
wir aber durch allerlei Anzeichen gewarnt werden, die Symboldarstellung
unterschiedslos mit den anderen Arten indirekter Darstellung
zusammenzuwerfen, ohne noch diese unterscheidenden Merkmale in
begrifflicher Klarheit erfassen zu können. In einer Reihe von Fällen ist
das Gemeinsame zwischen dem Symbol und dem Eigentlichen, für welches es
eintritt, offenkundig; in anderen ist es versteckt; die Wahl des Symbols
erscheint dann rätselhaft. Gerade diese Fälle müssen auf den letzten
Sinn der Symbolbeziehung Licht werfen können; sie weisen darauf hin, daß
dieselbe genetischer Natur ist. Was heute symbolisch verbunden ist, war
wahrscheinlich in Urzeiten durch begriffliche und sprachliche Identität
vereint. Die Symbolbeziehung scheint ein Rest und Merkzeichen einstiger
Identität. Dabei kann man beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in
einer Anzahl von Fällen über die Sprachgemeinschaft hinausreicht(133).
Eine Anzahl von Symbolen ist so alt wie die Sprachbildung überhaupt,
andere werden aber in der Gegenwart fortlaufend neugebildet (z. B. das
Luftschiff, der Zeppelin).
(132) Vgl. die Arbeiten von _Bleuler_ und seinen Züricher Schülern
_Maeder_, _Abraham_ u. a. über Symbolik, und die nicht ärztlichen
Autoren, auf welche sie sich beziehen (_Kleinpaul_ u. a.). Das
Zutreffendste, was über diesen Gegenstand geäußert worden ist, findet
sich in der Schrift von O. _Rank_ und H. _Sachs_, Die Bedeutung der
Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1913, Kap. I.
(133) So tritt z. B. das auf dem Wasser fahrende Schiff in den
Harnträumen ungarischer Träumer auf, obwohl dieser Sprache die
Bezeichnung »schiffen« für »urinieren« fremd ist (_Ferenczi_; vgl.
auch p. 271). In den Träumen von Franzosen und anderen Romanen dient
das Zimmer zur symbolischen Darstellung der Frau, obwohl diese Völker
nichts dem deutschen »Frauenzimmer« Analoges kennen.
Allgemeine Bedeutung der Symbolik.
Der Traum bedient nun sich dieser Symbolik zur verkleideten Darstellung
seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten Symbolen sind nun
allerdings viele, die regelmäßig oder fast regelmäßig das nämliche
bedeuten wollen. Nur möge man der eigentümlichen Plastizität des
psychischen Materials eingedenk bleiben. Ein Symbol kann oft genug im
Trauminhalt nicht symbolisch, sondern in seinem eigentlichen Sinne zu
deuten sein; andere Male kann ein Träumer sich aus speziellem
Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, alles mögliche als Sexualsymbol
zu verwenden, was nicht allgemein so verwendet wird. Wo ihm zur
Darstellung eines Inhaltes mehrere Symbole zur Auswahl bereit stehen,
wird er sich für jenes Symbol entscheiden, das überdies noch
Sachbeziehungen zu seinem sonstigen Gedankenmaterial aufweist, also eine
individuelle Motivierung neben der typisch gültigen gestattet.
Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit _Scherner_ die
Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben -- selbst H.
_Ellis_ bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht möglich, daß unsere
Träume von Symbolik erfüllt seien --, so ist doch zuzugeben, daß die
Aufgabe einer Traumdeutung durch die Existenz der Symbole im Traume
nicht nur erleichtert, sondern auch erschwert wird. Die Technik der
Deutung nach den freien Einfällen des Träumers läßt uns für die
symbolischen Elemente des Trauminhaltes meist im Stich; eine Rückkehr
zur Willkür des Traumdeuters, wie sie im Altertum geübt wurde und in den
verwilderten Deutungen von _Stekel_ wieder aufzuleben scheint, ist aus
Motiven wissenschaftlicher Kritik ausgeschlossen. Somit nötigen uns die
im Trauminhalt vorhandenen symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer
kombinierten Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen des
Träumers stützt, anderseits das Fehlende aus dem Symbolverständnis des
Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auflösung der Symbole und
sorgfältiges Studium derselben an besonders durchsichtigen
Traumbeispielen müssen zusammentreffen, um den Vorwurf der
Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften. Die Unsicherheiten,
die unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes noch anhaften, rühren zum
Teil von unserer unvollkommenen Erkenntnis her, die durch weitere
Vertiefung fortschreitend gehoben werden kann, zum anderen Teil hängen
sie gerade von gewissen Eigenschaften der Traumsymbole ab. Dieselben
sind oft viel- und mehrdeutig, so daß, wie in der chinesischen Schrift,
erst der Zusammenhang die jedesmal richtige Auffassung ermöglicht. Mit
dieser Vieldeutigkeit der Symbole verbindet sich dann die Eignung des
Traumes, Überdeutungen, zuzulassen in einem Inhalt verschiedene, oft
ihrer Natur nach sehr abweichende Gedankenbildungen und Wunschregungen
darzustellen.
Beispiele typischer Symbole.
Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich an: Der Kaiser
und die Kaiserin (König und Königin) stellen wirklich zumeist die Eltern
des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er selbst. -- Alle in die
Länge reichenden Objekte, Stöcke, Baumstämme, Schirme (des der Erektion
vergleichbaren Aufspannens wegen!), alle länglichen und scharfen Waffen:
Messer, Dolche, Piken, wollen das männliche Glied vertreten. Ein
häufiges, nicht recht verständliches Symbol desselben ist die Nagelfeile
(des Reibens und Schabens wegen?). -- Dosen, Schachteln, Kästen,
Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib. -- Zimmer im Traume sind
zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen Eingänge und
Ausgänge macht an dieser Auslegung gerade nicht irre. Das Interesse, ob
das Zimmer »offen« oder »verschlossen« ist, wird in diesem Zusammenhange
leicht verständlich. (Vgl. den Traum Doras im »Bruchstück einer
Hysterieanalyse«.) Welcher Schlüssel das Zimmer aufsperrt, braucht dann
nicht ausdrücklich gesagt zu werden; die Symbolik von Schloß und
Schlüssel hat _Uhland_ im Lied vom »Grafen Eberstein« zur anmutigsten
Zote gedient. -- Der Traum, durch eine Flucht von Zimmern zu gehen, ist
ein Bordell- oder Haremstraum. Er wird aber, wie H. _Sachs_ an schönen
Beispielen gezeigt hat, zur Darstellung der Ehe (Gegensatz) verwendet.
-- Stiegen, Leitern, Treppen respektive das Steigen auf ihnen und zwar
sowohl aufwärts als abwärts, sind symbolische Darstellungen des
Geschlechtsaktes(134). -- Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden
von Häusern, an denen man sich -- häufig unter starker Angst --
herabläßt, entsprechen aufrechten menschlichen Körpern, wiederholen im
Traum wahrscheinlich die Erinnerung an das Emporklettern des kleinen
Kindes an Eltern und Pflegepersonen. Die »glatten« Mauern sind Männer;
an den »Vorsprüngen« der Häuser hält man sich nicht selten in der
Traumangst fest. -- Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleichfalls
Frauen, wohl des Gegensatzes wegen, der hier die Körperwölbungen
aufhebt. »Holz« scheint überhaupt nach seinen sprachlichen Beziehungen
ein Vertreter des weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der Name der
Insel _Madeira_ bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da »Tisch und Bett«
die Ehe ausmachen, wird im Traume häufig der erstere für das letztere
gesetzt, und soweit es angeht, der sexuelle Vorstellungskomplex auf den
Eßkomplex transponiert. -- Von Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau
sehr häufig mit Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten.
Ebenso der Mantel, wobei es dahingestellt bleibt, welcher Anteil an
dieser Symbolverwendung dem Wortanklang zukommt. In Träumen der Männer
findet man häufig die Krawatte als Symbol des Penis, wohl nicht nur
darum, weil sie lange herabhängt und für den Mann charakteristisch ist,
sondern auch, weil man sie nach seinem Wohlgefallen auswählen kann, eine
Freiheit, die beim Eigentlichen dieses Symbols von der Natur verwehrt
ist(135). Personen, die dies Symbol im Traume verwenden, treiben im
Leben oft großen Luxus mit Krawatten und besitzen förmliche Sammlungen
von ihnen. -- Alle komplizierten Maschinerien und Apparate der Träume
sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien, in deren Beschreibung
sich die Traumsymbolik so unermüdlich wie die Witzarbeit erweist. --
Ebenso sind viele Landschaften der Träume, besonders solche mit Brücken
oder mit bewaldeten Bergen, unschwer als Genitalbeschreibungen zu
erkennen. _Marcinowski_ hat eine Reihe von Beispielen gesammelt, in
denen die Träumer ihre Träume durch Zeichnungen erläuterten, welche die
darin vorkommenden Landschaften und Räumlichkeiten darstellen sollten.
Diese Zeichnungen machen den Unterschied von manifester und latenter
Bedeutung im Traume sehr anschaulich. Während sie arglos betrachtet
Pläne, Landkarten u. dgl. zu bringen scheinen, enthüllen sie sich einer
eindringlicheren Untersuchung als Darstellungen des menschlichen
Körpers, der Genitalien usw. und ermöglichen erst nach dieser Auffassung
das Verständnis des Traumes. (Vgl. hiezu _Pfisters_ Arbeiten über
Kryptographie und Vexierbilder.) Auch darf man bei unverständlichen
Wortneubildungen an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller
Bedeutung denken. -- Auch Kinder bedeuten im Traume oft nichts anderes
als Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewöhnt sind, ihr Genitale
liebkosend als ihr »Kleines« zu bezeichnen. Mit einem kleinen Kinde
spielen, den Kleinen schlagen usw. sind häufig Traumdarstellungen der
Onanie. -- Als ein ganz rezentes Traumsymbol des männlichen Genitales
ist das Luftschiff zu erwähnen, welches sowohl durch seine Beziehung zum
Fliegen wie gelegentlich durch seine Form solche Verwendung
rechtfertigt. -- Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht genügend
verifizierter Symbole hat _Stekel_ angegeben und durch Beispiele belegt.
Die Schriften von _Stekel_, besonders sein Buch: »Die Sprache des
Traumes« enthalten die reichste Sammlung von Symbolauflösungen, die zum
Teil scharfsinnig erraten sind und sich bei der Nachprüfung als richtig
erwiesen haben, z. B. in dem Abschnitt über die Symbolik des Todes. Die
mangelhafte Kritik des Verfassers und seine Neigung zu Verallgemeinerungen
um jeden Preis machen aber andere seiner Deutungen zweifelhaft
oder unverwendbar, so daß bei dem Gebrauch dieser Arbeiten
Vorsicht dringend anzuraten ist. Ich beschränke mich darum auf die
Hervorhebung weniger Beispiele.
(134) Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die
zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie, Zentralbl. f.
Psychoanalyse I, Nr. 1/2, 1910) geäußert habe: »Vor einiger Zeit wurde
es mir bekannt, daß ein uns ferner stehender Psychologe sich an einen
von uns mit der Bemerkung gewendet, wir überschätzten doch gewiß die
geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häufigster Traum sei, eine
Stiege hinauf zu steigen, und da sei doch gewiß nichts Sexuelles
dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem
Vorkommen von Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit
geschenkt und konnten bald feststellen, daß die Stiege (und was ihr
analog ist) ein sicheres Koitussymbol darstellt. Die Grundlage der
Vergleichung ist nicht schwer aufzufinden; in rhythmischen Absätzen,
unter zunehmender Atemnot kommt man auf eine Höhe und kann dann in ein
paar raschen Sprüngen wieder unten sein. So findet sich der Rhythmus
des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen wir nicht, den
Sprachgebrauch heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das »Steigen« ohne
weiteres als Ersatzbezeichnung der sexuellen Aktion gebraucht wird.
Man pflegt zu sagen, der Mann ist ein »Steiger«, »nachsteigen«. Im
Französischen heißt die Stufe der Treppe la marche; »un vieux
marcheur« deckt sich ganz mit unserem »ein alter Steiger«.«
(135) Vgl. im Zbl. für Ps.-A. II, 675 die Zeichnung einer 19 jährigen
Manischen: ein Mann mit einer Schlange als _Krawatte_, die sich einem
Mädchen entgegenwendet. Dazu die Geschichte »Der Schamhaftige«
(Anthrop. VI, 334): In eine Badestube trat eine Dame ein und dort
befand sich ein Herr, der kaum das Hemd anzulegen vermochte; er war
sehr beschämt, deckte sich aber sofort den Hals mit dem Vorderteil des
Hemdes zu und sagte: »Bitte um Verzeihung, bin ohne _Krawatte_.«
_Rechts_ und _Links_ sollen nach _Stekel_ im Traum ethisch aufzufassen
sein. »Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des Rechtes, der linke den
des Verbrechens. So kann der linke Homosexualität, Inzest, Perversion,
der rechte die Ehe, Verkehr mit einer Dirne usw. darstellen. Immer
gewertet von dem individuell moralischen Standpunkt des Träumers« (l. c.
p. 466). Die _Verwandten_ überhaupt spielen im Traume meistens die Rolle
von Genitalien (p. 473). Hier kann ich in dieser Bedeutung nur den Sohn,
die Tochter, die jüngere Schwester bestätigen, soweit also das
Anwendungsgebiet des »Kleinen« reicht. Das _Nichteinholen_ eines Wagens
löst _Stekel_ als das Bedauern über eine nicht einzuholende
Altersdifferenz (p. 479). Das _Gepäck_, mit dem man reist, sei die
Sündenlast, von der man gedrückt wird (ibid.). Gerade das Reisegepäck
erweist sich aber häufig als unverkennbares Symbol der eigenen
Genitalien. Auch den häufig in Träumen vorkommenden Zahlen hat _Stekel_
fixierte Symbolbedeutungen zugewiesen, doch erscheinen diese Auflösungen
weder genügend sichergestellt, noch allgemein gültig, wenngleich die
Deutung im einzelnen Falle meist als wahrscheinlich anerkannt werden
darf. Die Dreizahl ist übrigens ein mehrseitig sichergestelltes Symbol
des männlichen Genitales. Eine der Verallgemeinerungen, welche _Stekel_
aufstellt, bezieht sich auf die doppelsinnige Bedeutung der
Genitalsymbole. »Wo gäbe es ein Symbol, das -- wenn es die Phantasie nur
einigermaßen erlaubt -- nicht männlich und weiblich zugleich gebraucht
werden könnte!« Der eingeschobene Satz nimmt allerdings viel von der
Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn die Phantasie erlaubt es eben
nicht immer. Ich halte es aber doch für nicht überflüssig,
auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der allgemeine Satz _Stekels_
vor der Anerkennung einer größeren Mannigfaltigkeit zurückzutreten hat.
Außer Symbolen, die ebenso häufig für das männliche wie für das
weibliche Genitale stehen, gibt es solche, die vorwiegend oder fast
ausschließlich eines der Geschlechter bezeichnen, und noch andere, von
denen nur die männliche oder nur die weibliche Bedeutung bekannt ist.
Lange, feste Gegenstände und Waffen als Symbole des weiblichen Genitales
zu gebrauchen oder hohle (Kasten, Schachteln, Dosen usw.) als Symbole
des männlichen, gestattet eben die Phantasie nicht.
Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbewußten
Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden, einen archaischen
Zug verrät, da in der Kindheit die Verschiedenheit der Genitalien
unbekannt ist und beiden Geschlechtern das nämliche Genitale
zugesprochen wird.
Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen genügen, um
andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen(136).
(136) Bei aller Verschiedenheit der _Scherner_schen Auffassung von der
Traumsymbolik und der hier entwickelten, muß ich doch hervorheben, daß
_Scherner_ als der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume
anerkannt werden sollte, und daß die Erfahrungen der Psychoanalyse
sein für phantastisch gehaltenes vor rund 50 Jahren veröffentlichtes
Buch nachträglich zu Ehren gebracht haben.
Beispiele sexueller Symbolik. -- Der Hut.
Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher Symbole in
Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich es wird, zur
Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich der Traumsymbolik
verschließt, wie unabweisbar sich aber eine solche auch in vielen Fällen
aufdrängt.