VI.

Die Traumarbeit.

Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu erledigen,

knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen manifesten

Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traumdeutung zu

gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten, ihr Urteil über

den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt zu begründen. Nur wir

allein stehen einem anderen Sachverhalt gegenüber; für uns schiebt sich

zwischen den Trauminhalt und die Resultate unserer Betrachtung ein neues

psychisches Material ein: der durch unser Verfahren gewonnene _latente_

Trauminhalt oder die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem

manifesten Trauminhalt entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns

tritt darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht gegeben

hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes zu den

latenten Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren, durch welche

Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist.

Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Darstellungen

desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder besser gesagt,

der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung der Traumgedanken in

eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen und Fügungsgesetze wir durch

die Vergleichung von Original und Übersetzung kennen lernen sollen. Die

Traumgedanken sind uns ohne weiteres verständlich, sobald wir sie

erfahren haben. Der Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift

gegeben, deren Zeichen einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu

übertragen sind. Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese

Zeichen nach ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen

wollte. Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus, auf

dessen Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe, dann

eine laufende Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgl. Ich könnte

nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und deren

Bestandteile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht auf das

Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht laufen; auch ist

die Person größer als das Haus, und wenn das Ganze eine Landschaft

darstellen soll, so fügen sich die einzelnen Buchstaben nicht ein, die

ja in freier Natur nicht vorkommen. Die richtige Beurteilung des Rebus

ergibt sich offenbar erst dann, wenn ich gegen das ganze und die

Einzelheiten desselben keine solchen Einsprüche erhebe, sondern mich

bemühe, jedes Bild durch eine Silbe oder ein Wort zu ersetzen, welches

nach irgend welcher Beziehung durch das Bild darstellbar ist. Die Worte,

die sich so zusammenfinden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den

schönsten und sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches

Bilderrätsel ist nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der

Traumdeutung haben den Fehler begangen, den Rebus als zeichnerische

Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen unsinnig und

wertlos.

a) _Die Verdichtungsarbeit_.

Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von Trauminhalt und

Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine großartige _Verdichtungsarbeit_

geleistet wurde. Der Traum ist knapp, armselig, lakonisch

im Vergleich zu dem Umfang und zur Reichhaltigkeit der Traumgedanken.

Der Traum füllt niedergeschrieben eine halbe Seite; die

Analyse, in der die Traumgedanken enthalten sind, bedarf das sechs-,

acht-, zwölffache an Schriftraum. Die Relation ist für verschiedene

Träume wechselnd; sie ändert, soweit ich es kontrollieren konnte,

niemals ihren Sinn. In der Regel unterschätzt man das Maß der

statthabenden Kompression, indem man die ans Licht gebrachten

Traumgedanken für das vollständige Material hält, während weitere

Deutungsarbeit neue, hinter dem Traume versteckte Gedanken enthüllen

kann. Wir haben bereits anführen müssen, daß man eigentlich niemals

sicher ist, einen Traum vollständig gedeutet zu haben; selbst wenn die

Auflösung befriedigend und lückenlos erscheint, bleibt es doch immer

möglich, daß sich noch ein anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt.

Die _Verdichtungsquote_ ist also -- streng genommen -- unbestimmbar. Man

könnte gegen die Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis zwischen

Trauminhalt und Traumgedanken der Schluß zu ziehen sei, es finde eine

ausgiebige Verdichtung des psychischen Materials bei der Traumbildung

statt, einen Einwand geltend machen, der für den ersten Eindruck recht

bestechend scheint. Wir haben ja so oft die Empfindung, daß wir sehr

viel die ganze Nacht hindurch geträumt und dann das meiste wieder

vergessen haben. Der Traum, den wir beim Erwachen erinnern, wäre dann

bloß ein Rest der gesamten Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken an

Umfang gleichkäme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten. Daran

ist ein Stück sicherlich richtig; man kann sich nicht mit der

Beobachtung täuschen, daß ein Traum am getreuesten reproduziert wird,

wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern versucht, und daß seine

Erinnerung gegen den Abend hin immer mehr und mehr lückenhaft wird. Zum

anderen Teil aber läßt sich erkennen, daß die Empfindung, man habe sehr

viel mehr geträumt als man reproduzieren kann, sehr häufig auf einer

Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert werden soll. Die

Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird überdies von der

Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt, denn sie wird durch die

Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen

Stücken des Traumes gehören. Ist tatsächlich ein großes Stück des

Traumes für die Erinnerung verloren gegangen, so bleibt uns hiedurch

etwa der Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist

eine durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, daß die untergegangenen

Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken bezogen hätten, die

wir bereits aus der Analyse der erhalten gebliebenen kennen(99).

(99) Hinweise auf die Verdichtung im Traume finden sich bei

zahlreichen Autoren. _Du Prel_ äußert an einer Stelle (p. 85), es sei

absolut sicher, daß ein Verdichtungsprozeß der Vorstellungsreihe

stattgefunden habe.

Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die Analyse zu

jedem einzelnen Element des Trauminhaltes beibringt, wird sich bei jedem

Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man denn all das, was einem bei

der Analyse nachträglich einfällt, zu den Traumgedanken rechnen darf,

d. h. annehmen darf, all diese Gedanken seien schon während des

Schlafzustandes tätig gewesen und hätten an der Traumbildung mitgewirkt?

Ob nicht vielmehr während des Analysierens neue Gedankenverbindungen

entstehen, die an der Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem

Zweifel nur bedingt beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst

während der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann

sich jedesmal überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen

Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer Weise

verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam Nebenschließungen,

Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand anderer und tiefer liegender

Verbindungswege. Für die Überzahl der bei der Analyse aufgedeckten

Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie schon bei der Traumbildung

tätig gewesen sind, denn wenn man sich durch eine Kette solcher

Gedanken, die außer Zusammenhang mit der Traumbildung scheinen,

durchgearbeitet hat, stößt man dann plötzlich auf einen Gedanken, der,

im Trauminhalt vertreten, für die Traumdeutung unentbehrlich ist und

doch nicht anders als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man

vergleiche hiezu etwa den Traum von der botanischen Monographie, der als

das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung erscheint,

wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe.

Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während des

Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle die

Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander durchlaufen

oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von verschiedenen

Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich meine, es liegt noch

keine Nötigung vor, sich von dem psychischen Zustand bei der

Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen. Vergessen wir nur

nicht, daß es sich um unbewußtes Denken handelt, und daß der Vorgang

leicht ein anderer sein kann als der, welchen wir beim absichtlichen,

von Bewußtsein begleiteten Nachdenken in uns wahrnehmen.

Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdichtung beruht,

steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdichtung nun zu stande?

Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken nur die

wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume vertreten

sind, so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe auf dem Wege der

_Auslassung_, indem der Traum nicht eine getreuliche Übersetzung oder

eine Projektion Punkt für Punkt der Traumgedanken, sondern eine höchst

unvollständige und lückenhafte Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht

ist, wie wir bald finden werden, eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir

zunächst auf ihr und fragen uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den

Traumgedanken in den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen bestimmen

die Auswahl derselben?

Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine Aufmerksamkeit

den Elementen des Trauminhaltes zu, welche die gesuchten Bedingungen ja

erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu dessen Bildung eine besonders starke

Verdichtung beigetragen, wird für diese Untersuchung das günstigste

Material sein. Ich wähle den auf p. 128 mitgeteilten Traum von der

botanischen Monographie.

_Trauminhalt_: _Ich habe eine Monographie über eine (unbestimmt

gelassene) Pflanzenart geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich blättere

eben eine eingeschlagene farbige Tafel um. Dem Exemplar ist ein

getrocknetes Spezimen der Pflanze beigebunden._

Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die _botanische

Monographie_. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages; in einem

Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine _Monographie

über die Gattung »Zyklamen«_ gesehen. Die Erwähnung dieser Gattung fehlt

im Trauminhalt, in dem nur die Monographie und ihre Beziehung zur Botanik

übrig geblieben sind. Die »botanische Monographie« erweist sofort ihre

Beziehung zu der _Arbeit über Kokain_, die ich einmal geschrieben habe;

vom Kokain aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift

und zu gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium,

anderseits zu meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. _Königstein_,

der an der Verwertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat.

An die Person des Dr. K. knüpft sich weiter die Erinnerung an das

unterbrochene Gespräch, das ich abends zuvor mit ihm geführt, und die

vielfältigen Gedanken über die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter

Kollegen. Dieses Gespräch ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger;

die Monographie über Zyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber

indifferenter Natur; wie ich sehe, erweist sich die »botanische

Monographie« des Traumes als ein _mittleres Gemeinsames_ zwischen beiden

Erlebnissen des Tages, von dem indifferenten Eindruck unverändert

übernommen, mit dem psychisch bedeutsamen Erlebnis durch ausgiebigste

Assoziationsverbindungen verknüpft.

Überdeterminierung der Traumelemente.

Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung »_botanische

Monographie_«, sondern auch jedes ihrer Elemente »_botanisch_« und

»_Monographie_« gesondert geht durch mehrfache Verbindungen tiefer und

tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu »_botanisch_« gehören

die Erinnerungen an die Person des Professors _Gärtner_, an seine

_blühende_ Frau, an meine Patientin, die _Flora_ heißt, und an die Dame,

von der ich die Geschichte mit den vergessenen _Blumen_ erzählt habe.

_Gärtner_ führt neuerdings auf das Laboratorium und auf das Gespräch mit

_Königstein_; in dasselbe Gespräch gehört die Erwähnung der beiden

Patientinnen. Von der Frau mit den Blumen zweigt ein Gedankenweg zu den

_Lieblingsblumen_ meiner Frau ab, dessen anderer Ausgang im Titel der

bei Tag flüchtig gesehenen Monographie liegt. Außerdem erinnert

»_botanisch_« an eine Gymnasialepisode und an ein Examen der

Universitätszeit, und ein neues in jenem Gespräche angeschlagenes Thema,

das meiner Liebhabereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner

scherzhaft sogenannten _Lieblingsblume_, der Artischocke an die von den

vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter »Artischocke«

steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine Kinderszene

anderseits, in der ich meine seither intim gewordenen Beziehungen zu

Büchern eröffnet habe. »_Botanisch_« ist also ein wahrer Knotenpunkt, in

welchem für den Traum zahlreiche Gedankengänge zusammentreffen, die, wie

ich versichern kann, in jenem Gespräche mit Fug und Recht in

Zusammenhang gebracht worden sind. Man befindet sich hier mitten in

einer Gedankenfabrik, in der wie im Weber-Meisterstück

»Ein Tritt tausend Fäden regt,

Die Schifflein herüber, hinüber schießen,

Die Fäden ungesehen fließen,

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.«

»_Monographie_« im Traume rührt wiederum an zwei Themata, an die

Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner

Liebhabereien.

Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck, daß die

Elemente »botanisch« und »Monographie« darum in den Trauminhalt Aufnahme

gefunden haben, weil sie mit den meisten Traumgedanken die ausgiebigsten

Berührungen aufweisen können, also _Knotenpunkte_ darstellen, in denen

sehr viele der Traumgedanken zusammentreffen, weil sie mit Bezug auf die

Traumdeutung _vieldeutig_ sind. Man kann die dieser Erklärung zu grunde

liegende Tatsache auch anders aussprechen und dann sagen: Jedes der

Elemente des Trauminhaltes erweist sich als _überdeterminiert_, als

mehrfach in den Traumgedanken vertreten.

Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des Traumes auf ihr

Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die _farbige Tafel_, die ich

aufschlage, geht (vgl. die Analyse p. 131) auf ein neues Thema, die

Kritik der Kollegen an meinen Arbeiten, und auf ein bereits im Traume

vertretenes, meine Liebhabereien, außerdem auf die Kindererinnerung, in

der ich ein Buch mit farbigen Tafeln zerpflücke; das getrocknete

Exemplar der Pflanze rührt an das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und

hebt diese Erinnerung besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die

Beziehung zwischen Trauminhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die

Elemente des Traumes sind durch die Traumgedanken _mehrfach_

determiniert, sondern die einzelnen Traumgedanken sind auch im Traume

durch mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des Traumes führt

der Assoziationsweg zu mehreren Traumgedanken; von einem Traumgedanken

zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt also nicht so, daß

der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von solchen eine Abkürzung

für den Trauminhalt liefert, und dann der nächste Traumgedanke eine

nächste Abkürzung als Vertretung, etwa wie aus einer Bevölkerung

Volksvertreter gewählt werden, sondern die ganze Masse der Traumgedanken

unterliegt einer gewissen Bearbeitung, nach welcher die meist- und

bestunterstützten Elemente sich für den Eintritt in den Trauminhalt

herausheben, etwa der Wahl durch Listenskrutinium analog. Welchen Traum

immer ich einer ähnlichen Zergliederung unterziehe, ich finde stets die

nämlichen Grundsätze bestätigt, daß die Traumelemente aus der ganzen

Masse der Traumgedanken gebildet werden, und daß jedes von ihnen in

bezug auf die Traumgedanken mehrfach determiniert erscheint.

Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt und

Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches sich durch

besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Beziehungen

auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her, den ich wegen

Claustrophobie (Angst in geschlossenen Räumen) behandelte. Es wird sich

bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt finde, diese ausnehmend

geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu überschreiben:

Die Traumdeutung · 第 33 / 57 题