_Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, in der sich ein
bescheidenes Einkehrwirtshaus befindet_ (was nicht richtig ist). _In den
Räumen desselben wird Theater gespielt; er ist bald Publikum, bald
Schauspieler. Am Ende heißt es, man müsse sich umziehen, um wieder in
die Stadt zu kommen. Ein Teil des Personals wird in die Parterreräume
verwiesen, ein anderer in die des ersten Stockes. Dann entsteht ein
Streit. Die oben ärgern sich, daß die unten noch nicht fertig sind, so
daß sie nicht herunter können. Sein Bruder ist oben, er unten und er
ärgert sich über den Bruder, daß man so gedrängt wird._ (Diese Partie
unklar.) _Es war übrigens schon beim Ankommen bestimmt und eingeteilt,
wer oben und wer unten sein soll. Dann geht er allein über die Anhöhe,
welche die X-Straße gegen die Stadt hin macht, und geht so schwer, so
mühselig, daß er nicht von der Stelle kommt. Ein älterer Herr gesellt
sich zu ihm und schimpft über den König von Italien. Am Ende der Anhöhe
geht er dann viel leichter._
Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach dem Erwachen
eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklichkeit war.
Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum loben können. Die
Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke beginnen, welches vom
Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde.
Die Analyse des »schönen« Traumes.
Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Beschwerde, das
mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Symptome, die der Patient
vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde damals im Vereine mit
anderen Erscheinungen auf eine (wahrscheinlich hysterisch vorgetäuschte)
Tuberkulose bezogen. Wir kennen bereits diese dem Traume eigentümliche
Sensation der Gehhemmung aus den Exhibitionsträumen und finden hier
wieder, daß sie als ein allezeit bereit liegendes Material zu Zwecken
irgend welcher anderen Darstellung verwendet wird. Das Stück des
Trauminhaltes, welches beschreibt, wie das Steigen anfänglich schwer
war, und am Ende der Anhöhe leicht wurde, erinnerte mich bei der
Erzählung des Traumes an die bekannte meisterhafte Introduktion der
»Sappho« von A. _Daudet_. Dort trägt ein junger Mann die Geliebte die
Treppen hinauf, anfänglich wie federleicht; aber je weiter er steigt,
desto schwerer lastet sie auf seinen Armen, und diese Szene ist
vorbildlich für den Verlauf des Verhältnisses, durch dessen Schilderung
_Daudet_ die Jugend mahnen will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen
von niedriger Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit zu
verschwenden(100). Obwohl ich wußte, daß mein Patient vor kurzem ein
Liebesverhältnis mit einer Dame vom Theater unterhalten und gelöst
hatte, erwartete ich doch nicht, meinen Deutungseinfall berechtigt zu
finden. Auch war es ja in der »Sappho« _umgekehrt_ wie im Traume; in
letzterem war das Steigen anfänglich schwer und späterhin leicht; im
Roman diente es der Symbolik nur, wenn das, was zuerst leicht genommen
wurde, sich am Ende als eine schwere Last erwies. Zu meinem Erstaunen
bemerkte der Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum Inhalt des
Stückes, das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hieß:
»Rund um Wien« und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens, das zuerst
anständig, dann zur Demimonde übergeht, Verhältnisse mit hochstehenden
Personen anknüpft, dadurch »_in die Höhe kommt_«, endlich aber immer
mehr »_herunter kommt_«. Das Stück hatte ihn auch an ein anderes, vor
Jahren gespieltes, erinnert, welches den Titel trug: »_Von Stufe zu
Stufe_«, und auf dessen Ankündigung eine aus mehreren Stufen bestehende
_Stiege_ zu sehen war.
(100) Man denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an die
p. 262 mitgeteilte Bedeutung der Stiegenträume.
Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schauspielerin
gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Verhältnis
unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht. Allein, als
er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien verbrachte, war er in
einem kleinen Hotel in der Nähe _abgestiegen_. Beim Verlassen des Hotels
sagte er dem Kutscher: »Ich bin froh, daß ich wenigstens kein Ungeziefer
bekommen habe« (übrigens auch eine seiner Phobien). Der Kutscher darauf:
»Wie kann man aber da absteigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich
nur ein _Einkehrwirtshaus_.«
An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung eines
Zitats:
»Bei einem Wirte wundermild,
Da war ich jüngst zu Gaste.«
Der Wirt im _Uhland_schen Gedichte ist aber ein _Apfelbaum_.
Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort:
_Faust_ (mit der Jungen tanzend).
Einst hatt' ich einen _schönen Traum_;
Da sah ich einen _Apfelbaum_,
Zwei schöne Äpfel glänzten dran,
Sie reizten mich, ich _stieg hinan_.
_Die Schöne_.
Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fühl' ich mich bewegt,
Daß auch mein Garten solche trägt.
Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfelbaume und
dem Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand auch obenan unter den
Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen Träumer gefesselt hatte.
Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund anzunehmen, daß
der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit zurückgehe. Wenn dies
richtig war, so mußte er sich auf die Amme des jetzt bald
fünfzigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist der Busen der Amme
tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme sowohl als die »_Sappho_«
_Daudets_ erscheinen als Anspielung auf die vor kurzem verlassene
Geliebte.
Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten, und
zwar ist dieser _oben_, er selbst _unten_. Dies ist wieder eine
_Umkehrung_ des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, wie mir
bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient sie erhalten.
Der Träumer vermied bei der Reproduktion des Trauminhaltes zu sagen: Der
Bruder sei oben, er selbst »parterre« gewesen. Es wäre eine zu deutliche
Äußerung geworden, denn man sagt bei uns von einer Person, sie ist
»_parterre_«, wenn sie Vermögen und Stellung eingebüßt hat, also in
ähnlicher Übertragung, wie man »_heruntergekommen_« gebraucht. Es muß
nun einen Sinn haben, daß an dieser Stelle im Traume etwas umgekehrt
dargestellt ist. Die Umkehrung muß auch für eine andere Beziehung
zwischen Traumgedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis
darauf vor, wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des
Traumes, wo es sich mit dem Steigen wiederum _umgekehrt_ verhält wie in
der »_Sappho_«. Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung gemeint ist:
In der »_Sappho_« trägt der Mann das zu ihm in sexuellen Beziehungen
stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich also _umgekehrt_ um
ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser Fall sich nur in der
Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder auf die Amme, die schwer
an dem Säugling trägt. Der Schluß des Traumes trifft es also, die
»_Sappho_« und die Amme in der nämlichen Andeutung darzustellen.
Wie der Name »_Sappho_« vom Dichter nicht ohne Beziehung auf eine
lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des Traumes, in
denen Personen _oben_ und _unten_ beschäftigt sind, auf Phantasien
sexuellen Inhaltes, die den Träumer beschäftigen und als unterdrückte
Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose stehen. Daß es
Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen Vorgänge sind, die
so im Traume dargestellt werden, zeigt die Traumdeutung selbst nicht an;
dieselbe liefert uns nur einen Gedankeninhalt und überläßt es uns,
dessen Realitätswert festzustellen. Wirkliche und phantasierte
Begebenheiten erscheinen hier -- und nicht nur hier, auch bei der
Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde als der Träume -- zunächst als
gleichwertig. Große Gesellschaft bedeutet, wie wir bereits wissen,
Geheimnis. Der Bruder ist nichts anderes, als der in die Kindheitsszene
durch »Zurückphantasieren« eingetragene Vertreter aller späteren
Nebenbuhler beim Weibe. Die Episode von dem Herrn, der auf den König von
Italien schimpft, bezieht sich durch Vermittlung eines rezenten und an
sich gleichgültigen Erlebnisses wiederum auf das Eindrängen von Personen
niederen Standes in höhere Gesellschaft. Es ist, als ob der Warnung,
welche _Daudet_ dem Jüngling erteilt, eine ähnliche, für das säugende
Kind gültige, an die Seite gestellt werden sollte(101).
(101) Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers
bezüglichen Situation wird durch den objektiv erhobenen Umstand
erwiesen, daß die Amme in diesem Falle die Mutter war. Ich erinnere
übrigens an das auf p. 155 erwähnte Bedauern des jungen Mannes der
Anekdote, die Situation bei seiner Amme nicht besser ausgenutzt zu
haben, welches wohl die Quelle dieses Traumes ist.
Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der
Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines
anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer
Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen
entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume
überreichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen Kenntnisnahme sie
anfangs ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich die Traumdeutung
nicht bis ans Ende führen kann, scheint das Traummaterial in mehrere
Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen.
Der Käfertraum.
III. _Trauminhalt_: _Sie besinnt sich, daß sie zwei Maikäfer in einer
Schachtel hat, denen sie die Freiheit geben muß, weil sie sonst
ersticken. Sie öffnet die Schachtel, die Käfer sind ganz matt; einer
fliegt zum geöffneten Fenster heraus, der andere aber wird vom
Fensterflügel zerquetscht, während sie das Fenster schließt, wie irgend
jemand von ihr verlangt (Äußerungen des Ekels)._
_Analyse_: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter schläft im
Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend aufmerksam, daß eine
Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie versäumt es aber, sie
herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am Morgen. In ihrer
Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze in siedendes Wasser
werfen, und die Zuckungen des Tieres geschildert. Dies sind die beiden
an sich gleichgültigen Traumanlässe. Das Thema von der _Grausamkeit
gegen Tiere_ beschäftigt sie weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als
sie in einer gewissen Gegend zum Sommer wohnten, sehr grausam gegen das
Getier. Sie legte sich eine Schmetterlingsammlung an und verlangte von
ihr _Arsenik_ zur Tötung der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein
Nachtfalter mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer herumflog;
ein andermal fanden sich einige Raupen, die zur Verpuppung aufbewahrt
wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zarterem Alter
_Käfern_ und Schmetterlingen die Flügel auszureißen; heute würde sie vor
all diesen grausamen Handlungen zurückschrecken; sie ist sehr gutmütig
geworden.
Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen anderen
Widerspruch, den zwischen _Aussehen_ und Gesinnung, wie er in _Adam
Bede_ von der _Eliot_ dargestellt ist. Ein schönes, aber eitles und ganz
dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. Der _Aristokrat_, der
das Gänschen verführt; der Arbeiter, der adelig fühlt und sich ebenso
benimmt. Man kann das den Leuten nicht _ansehen_. Wer würde _ihr_
ansehen, daß sie von sinnlichen Wünschen geplagt wird?
In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung anlegte,
litt die Gegend arg unter der _Maikäferplage_. Die Kinder wüteten gegen
die Käfer, _zerquetschten_ sie grausam. Sie hat damals einen Menschen
gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß und die Leiber dann
verspeiste. Sie selbst ist im _Mai_ geboren, hat auch im Mai geheiratet.
Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie den Eltern einen Brief nach
Hause, wie glücklich sie sei. Sie war es aber keineswegs.
Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt und
verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen, so einen
höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als Mädchen den
Hof gemacht hatte, auch den eines _aristokratischen_ Verehrers(102).
(102) Dies ist der eigentliche Traumerreger.
Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes Buch von
_Maupassant_ in die Hand bekommen(103). _Der Arsenik_, den ihre Kleine
verlangt, erinnert sie an die _Arsenikpillen_, die dem Duc de Mora im
_Nabab_ die Jugendkraft wiedergeben.
(103) Zu ergänzen: Solche Lektüre sei _Gift_ für ein junges Mädchen.
Sie selbst hat in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft.
Zu »Freiheit geben« fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein:
»Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen,
Doch geb' ich dir die _Freiheit_ nicht.«
Zu den »Maikäfern« noch die Rede des _Käthchens_(104):
»Verliebt ja bist du wie ein _Käfer_ mir.«
(104) Ein weiterer Gedankengang führt zur _Penthesileia_ desselben
Dichters: _Grausamkeit_ gegen den Geliebten.