Woher dies rührt, und wie wir diesem Mangel unserer Technik abhelfen,

wird sich an einer späteren Stelle unserer Arbeit ergeben. Dann wird dem

Leser auch verständlich werden, warum ich hier nur einige aus der Gruppe

der typischen Träume behandeln kann und die Erörterung der anderen auf

jenen späteren Zusammenhang verschiebe.

α) Der Verlegenheitstraum der Nacktheit.

Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegenwart Fremder

sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe sich dessen gar nicht

geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem Nacktheitstraume nur

dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit empfindet, entfliehen oder

sich verbergen will und dabei der eigentümlichen Hemmung unterliegt, daß

man nicht von der Stelle kann und sich unvermögend fühlt, die peinliche

Situation zu verändern. Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch;

der Kern seines Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen

einbezogen werden oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es

handelt sich im wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur

der Scham, daß man seine Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen

möchte und es nicht zu stande bringt. Ich glaube, die allermeisten

meiner Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits befunden

haben.

Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig deutlich. Man

hört etwa erzählen, ich war im Hemde, aber dies ist selten ein klares

Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt, daß sie durch eine

Alternative in der Erzählung wiedergegeben wird: »Ich war im Hemde oder

im Unterrocke.« In der Regel ist der Defekt der Toilette nicht so arg,

daß die dazugehörige Scham gerechtfertigt schiene. Für den, der den Rock

des Kaisers getragen hat, ersetzt sich die Nacktheit häufig durch eine

vorschriftswidrige Adjustierung. Ich bin ohne Säbel auf der Straße und

sehe Offiziere näher kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine

karrierte Zivilhose u. dgl.

Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde mit

unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im typischen

Traume, daß man wegen der Kleidung, die einem selbst solche Verlegenheit

bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird. Die Leute machen ganz

im Gegenteil gleichgültige, oder wie ich es in einem besonders klaren

Traume wahrnehmen konnte, feierlich steife Mienen. Das gibt zu denken.

Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit der Leute

ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume häufig vorkommt.

Zu der Empfindung des Träumenden würde doch nur passen, daß die Fremden

ihn erstaunt ansehen und verlachen, oder sich über ihn entrüsten. Ich

meine aber, dieser anstößige Zug ist durch die Wunscherfüllung beseitigt

worden, während der andere, durch irgend welche Macht gehalten, stehen

blieb, und so stimmen die beiden Stücke dann schlecht zueinander. Wir

besitzen ein interessantes Zeugnis dafür, daß der Traum in seiner durch

Wunscherfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht

gefunden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden,

welches uns allen in der _Andersen_schen Fassung(84) bekannt ist, und in

der jüngsten Zeit durch L. _Fulda_ im »Talisman« poetischer Verwertung

zugeführt worden ist. Im _Andersen_schen Märchen wird von zwei Betrügern

erzählt, die für den Kaiser ein kostbares Gewand weben, das aber nur den

Guten und Treuen sichtbar sein soll. Der Kaiser geht mit diesem

unsichtbaren Gewand bekleidet aus, und durch die prüfsteinartige Kraft

des Gewebes erschreckt, tun alle Leute, als ob sie die Nacktheit des

Kaisers nicht merkten.

(84) »Des Kaisers neue Kleider.«

Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört wohl nicht

viel Kühnheit dazu, anzunehmen, daß der unverständliche Trauminhalt eine

Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung zu erfinden, in welcher die

vor der Erinnerung stehende Situation sinnreich wird. Dieselbe ist dabei

ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt und fremden Zwecken dienstbar

gemacht worden. Aber wir werden hören, daß solches Mißverständnis des

Trauminhaltes durch die bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen

Systems häufig vorkommt und als ein Faktor für die endgültige

Traumgestaltung anzuerkennen ist, ferner daß bei der Bildung von

Zwangsvorstellungen und Phobien ähnliche Mißverständnisse -- gleichfalls

innerhalb der nämlichen psychischen Persönlichkeit -- eine Hauptrolle

spielen. Es läßt sich auch für unseren Traum angeben, woher das Material

für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger ist der Traum, der Kaiser

der Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz verrät eine dunkle

Kenntnis davon, daß es sich im latenten Trauminhalte um unerlaubte, der

Verdrängung geopferte Wünsche handelt. Der Zusammenhang, in welchem

solche Träume während meiner Analysen bei Neurotikern auftreten, läßt

nämlich keinen Zweifel darüber, daß dem Traume eine Erinnerung aus der

frühesten Kindheit zu grunde liegt. Nur in unserer Kindheit gab es die

Zeit, daß wir in mangelhafter Bekleidung von unseren Angehörigen wie von

fremden Pflegepersonen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir

haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt(85). An vielen Kindern

kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre Entkleidung wie

berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu leiten. Sie lachen,

springen herum, schlagen sich auf den Leib, die Mutter oder wer dabei

ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine Schande, das darf man

nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitionsgelüste; man kann kaum durch

ein Dorf in unseren Gegenden gehen, ohne daß man einem zwei- bis

dreijährigen Kleinen begegnete, welches vor dem Wanderer, vielleicht ihm

zu Ehren, sein Hemdchen hochhebt. Einer meiner Patienten hat in seiner

bewußten Erinnerung eine Szene aus seinem achten Lebensjahre bewahrt,

wie er nach der Entkleidung vor dem Schlafengehen im Hemde zu seiner

kleinen Schwester im nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie die

dienende Person es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern

spielt die Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große

Rolle; in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet

zu werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers

Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum Zwang

erhoben worden ist, die der _Exhibitionisten_.

(85) Das Kind tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein

kleines Kind: »Aber er hat ja gar nichts an.«

Der Nacktheitstraum als Exhibitionstraum aufzuklären.

Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rückschau später

als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts anderes als die

Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen. Darum sind auch im

Paradies die Menschen nackt und schämen sich nicht voreinander, bis ein

Moment kommt, in dem die Scham und die Angst erwachen, die Vertreibung

erfolgt, das Geschlechtsleben und die Kulturarbeit beginnt. In dieses

Paradies kann uns nun der Traum allnächtlich zurückführen; wir haben

bereits der Vermutung Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus der

ersten Kindheit (der prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten

vierten Jahre) an und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren

Inhalt weiter ankäme, nach Reproduktion verlangen, daß deren

Wiederholung eine Wunscherfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind also

_Exhibitionsträume_(86).

(86) Eine Anzahl interessanter Nacktheitsträume bei Frauen, die sich

ohne Schwierigkeiten auf die infantile Exhibitionslust zurückführen

ließen, aber in manchen Zügen von dem oben behandelten »typischen«

Nacktheitstraum abweichen, hat _Ferenczi_ mitgeteilt.

Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die nicht als

die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen wird, und die

mangelhafte Bekleidung, welche durch die Überlagerung so vieler späterer

Negligéerinnerungen oder der Zensur zuliebe undeutlich ausfällt; dazu

kommen nun die Personen, vor denen man sich schämt. Ich kenne kein

Beispiel, daß die tatsächlichen Zuschauer bei jenen infantilen

Exhibitionen im Traume wieder auftreten. Der Traum ist eben fast niemals

eine einfache Erinnerung. Merkwürdigerweise werden jene Personen, denen

unser sexuelles Interesse in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen

des Traumes, der Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst die

Paranoia setzt die Zuschauer wieder ein und schließt, obwohl sie

unsichtbar geblieben sind, mit fanatischer Überzeugung auf ihre

Gegenwart. Was der Traum für sie einsetzt, »viele fremde Leute«, die

sich nicht um das gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu der

_Wunschgegensatz_ zu jener einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die

Entblößung bot. »Viele fremde Leute« finden sich in Träumen übrigens

auch häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten immer als

Wunschgegensatz »Geheimnis«(87). Man merkt, wie auch die Restitution des

alten Sachverhaltes, die in der Paranoia vor sich geht, diesem

Gegensatze Rechnung trägt. Man ist nicht mehr allein, man wird ganz

gewiß beobachtet, aber die Beobachter sind »viele, fremde, merkwürdig

unbestimmt gelassene Leute«.

(87) Dasselbe bedeutet, aus begreiflichen Gründen, im Traume die

Anwesenheit der »ganzen Familie«.

Außerdem kommt im Exhibitionstraume die Verdrängung zur Sprache. Die

peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion des zweiten

psychischen Systems dagegen, daß der von ihr verworfene Inhalt der

Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt ist. Um sie zu

ersparen, hätte die Szene nicht wieder belebt werden dürfen.

Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später nochmals handeln.

Sie dient im Traume vortrefflich dazu, den _Willenskonflikt_, das

_Nein_, darzustellen. Nach der unbewußten Absicht soll die Exhibition

fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur unterbrochen werden.

Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen und anderen

Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte noch zufällige.

Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungsprozeß, dessen

Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und ihn in

umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den Traum

zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende Stelle aus G.

_Kellers_ »Grünem Heinrich« aufmerksam: »Ich wünsche Ihnen nicht, lieber

Lee, daß Sie jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in der Lage des

Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt vor Nausikaa und ihren

Gespielen erscheint, so recht aus Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie

wissen, wie das zugeht? Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie

einst getrennt von Ihrer Heimat und allem, was Ihnen lieb ist, in der

Fremde umherschweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren,

haben Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es

Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat nähern;

Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben, holde, feine

und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken Sie plötzlich,

daß Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. Eine namenlose

Scham und Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu bedecken, zu verbergen und

erwachen im Schweiße gebadet. Dies ist, solange es Menschen gibt, der

Traum des kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so hat _Homer_ jene

Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen.«

Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Erweckung der

Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind jene Regungen des

Seelenlebens, die in der später prähistorisch gewordenen Kinderzeit

wurzeln. Hinter den bewußtseinsfähigen und einwandfreien Wünschen des

Heimatlosen brechen im Traume die unterdrückten und unerlaubt gewordenen

Kinderwünsche hervor, und darum schlägt der Traum, den die Sage von der

Nausikaa objektiviert, regelmäßig in einen Angsttraum um.

Mein eigener, auf p. 179 erwähnter Traum von dem Eilen über die Treppe,

das sich bald nachher in ein An-den-Stufen-Kleben verwandelt, ist

gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen Bestandstücke

eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kindererlebnisse

zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben müßte einen Aufschluß

darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienstmädchens gegen mich, ihr

Vorwurf, daß ich den Teppich schmutzig gemacht habe, ihr zur Stellung

verhilft, die sie im Traume einnimmt. Ich kann die gewünschten

Aufklärungen nun wirklich beibringen. In einer Psychoanalyse lernt man

die zeitliche Annäherung auf sachlichen Zusammenhang umdeuten; zwei

Gedanken, die, anscheinend zusammenhangslos, unmittelbar

aufeinanderfolgen, gehören zu einer Einheit, die zu erraten ist, ebenso

wie ein a und ein b, die ich nebeneinander hinschreibe, als eine Silbe:

_ab_, ausgesprochen werden sollen. Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung

der Träume. Der erwähnte Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe

herausgegriffen, deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind.

Der von ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang

gehören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Erinnerung

an eine Kinderfrau zu grunde, die mich von irgend einem Termin der

Säuglingszeit bis zum Alter von 2½ Jahren betreut hat, von der mir auch

eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben ist. Nach den Auskünften,

die ich unlängst von meiner Mutter eingeholt habe, war sie alt und

häßlich, aber sehr klug und tüchtig; nach den Schlüssen, die ich aus

meinen Träumen ziehen darf, hat sie mir nicht immer die liebevollste

Behandlung angedeihen und mich harte Worte hören lassen, wenn ich der

Erziehung zur Reinlichkeit kein genügendes Verständnis entgegenbrachte.

Indem also das Dienstmädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich

bemüht, erwirbt sie den Anspruch, von mir als Inkarnation der

prähistorischen Alten im Traume behandelt zu werden. Es ist wohl

anzunehmen, daß das Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten

Behandlung, seine Liebe geschenkt hat(88).

(88) Eine Überdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das

führte, da »Spucken« eine Tätigkeit der Geister ist, bei loser

Übersetzung zum »esprit d'escalier«. Treppenwitz heißt soviel als

Mangel an Schlagfertigkeit. Den habe ich mir wirklich vorzuwerfen. Ob

aber die Kinderfrau es an »_Schlagfertigkeit_« hat fehlen lassen?

β) Die Träume vom Tod teurer Personen.

Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden dürfen, sind

die mit dem Inhalte, daß ein teurer Verwandter, Eltern oder Geschwister,

Kinder usw. gestorben ist. Man muß sofort von diesen Träumen zwei

Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen man im Traume von Trauer

unberührt bleibt, so daß man sich nach dem Erwachen über seine

Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei denen man tiefen Schmerz über

den Todesfall empfindet, ja ihn selbst in heißen Tränen während des

Schlafes äußert.

Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen; sie haben

keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie analysiert, findet

man, daß sie etwas anderes bedeuten als sie enthalten, daß sie dazu

bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch zu verdecken. So der Traum

der Tante, die den einzigen Sohn ihrer Schwester aufgebahrt vor sich

sieht (p. 116). Das bedeutet nicht, daß sie dem kleinen Neffen den Tod

wünscht, sondern verbirgt nur, wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine

gewisse geliebte Person nach langer Entbehrung wieder zu sehen,

dieselbe, die sie früher einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche

eines anderen Neffen wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der

eigentliche Inhalt des Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und

darum wird auch im Traume keine Trauer verspürt. Man merkt es hier, daß

die im Traume enthaltene Empfindung nicht zum manifesten Trauminhalt

gehört, sondern zum latenten, daß der Affektinhalt des Traumes von der

Entstellung frei geblieben ist, welche den Vorstellungsinhalt betroffen

hat.

Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten verwandten Person

vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt wird. Diese

bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die betreffende Person

sterben möge, und da ich hier erwarten darf, daß sich die Gefühle aller

Leser und aller Personen, die Ähnliches geträumt haben, gegen meine

Auslegung sträuben werden, muß ich den Beweis auf der breitesten Basis

anstreben.

Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen konnten, daß

die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt darstellen, nicht immer

aktuelle Wünsche sind. Es können auch verflossene, abgetane, überlagerte

und verdrängte Wünsche sein, denen wir nur wegen ihres Wiederauftauchens

im Traume doch eine Art von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind

nicht tot wie die Verstorbenen nach unserem Begriffe, sondern wie die

Schatten der Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben, zu einem

gewissen Leben erwachen. In jenem Traume vom toten Kinde in der

Schachtel (p. 118) handelte es sich um einen Wunsch, der vor 15 Jahren

aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. Es ist

vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn ich

hinzufüge, daß selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der frühesten

Kindheit zu grunde liegt. Die Träumerin hat als kleines Kind -- wann,

ist nicht sicher festzustellen -- gehört, daß ihre Mutter in der

Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere Verstimmung

verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst den Tod gewünscht

hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden, folgte sie nur dem

Beispiele der Mutter.

Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein Vater oder

seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so werde ich diesen

Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß er ihnen _jetzt_ den Tod

wünscht. Die Theorie des Traumes fordert nicht so viel; sie begnügt sich

zu schließen, daß er ihnen -- irgend einmal in der Kindheit -- den Tod

gewünscht habe. Ich fürchte aber, diese Einschränkung wird noch wenig

zur Beruhigung der Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso

energisch die Möglichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie

sie sich sicher fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen.

Ich muß darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den

Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen(89).

(89) Vgl. hiezu: Analyse der Phobie eines 5 jährigen Knaben im

Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen,

Bd. I, 1909, und »Über infantile Sexualtheorien« in Sammlung kl.

Schriften z. Neurosenlehre, zweite Folge.

Die Feindseligkeit des Kindes gegen Geschwister.

Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Geschwistern ins

Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es müsse ein liebevolles

sein, da doch die Beispiele von Geschwisterfeindschaft unter Erwachsenen

in der Erfahrung eines jeden sich drängen, und wir so oft feststellen

können, diese Entzweiung rühre noch aus der Kindheit her, oder habe von

jeher bestanden. Aber auch sehr viele Erwachsene, die heute an ihren

Geschwistern zärtlich hängen und ihnen beistehen, haben in ihrer

Kindheit in kaum unterbrochener Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere

Kind hat das jüngere mißhandelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen

beraubt; das jüngere hat sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere

verzehrt, es beneidet und gefürchtet, oder seine ersten Regungen von

Freiheitsdrang und Rechtsbewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker

gewendet. Die Eltern sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen

den Grund hiefür nicht zu finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß der

Charakter auch des braven Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem

Erwachsenen zu finden wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es

empfindet seine Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer

Befriedigung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und

in erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber darum

nicht »schlecht«, wir heißen es »schlimm«; es ist unverantwortlich für

seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem Strafgesetz. Und das

mit Recht; denn wir dürfen erwarten, daß noch innerhalb von

Lebenszeiten, die wir der Kindheit zurechnen, in dem kleinen Egoisten

die altruistischen Regungen und die Moral erwachen werden, daß, mit

_Meynert_ zu reden, ein sekundäres Ich das primäre überlagern und hemmen

wird. Wohl entsteht die Moralität nicht gleichzeitig auf der ganzen

Linie, auch ist die Dauer der morallosen Kindheitsperiode bei den

einzelnen Individuen verschieden lang. Wo die Entwicklung dieser

Moralität ausbleibt, sprechen wir gern von »Degeneration«; es handelt

sich offenbar um eine Entwicklungshemmung. Wo der primäre Charakter

durch die spätere Entwicklung bereits überlagert ist, kann er durch die

Erkrankung an Hysterie wenigstens partiell wieder freigelegt werden. Die

Übereinstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit dem eines

schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hingegen

entspricht dem Durchbruch einer Übermoralität, die als verstärkende

Belastung dem sich immer wieder regenden primären Charakter auferlegt

war.

Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich durch

ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her böse Wünsche

gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sich in Träumen zu

realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders interessant, kleine

Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in ihrem Verhalten gegen

jüngere Geschwister zu beobachten. Das Kind war bisher das einzige, nun

wird ihm angekündigt, daß der Storch ein neues Kind gebracht hat. Das

Kind mustert den Ankömmling und äußert dann entschieden: »Der Storch

soll es wieder mitnehmen.«(90)

(90) Der 3½ jährige Hans, dessen Phobie Gegenstand der Analyse in der

vorhin erwähnten Veröffentlichung ist, ruft im Fieber kurz nach der

Geburt einer Schwester: Ich will aber kein Schwesterchen haben. In

seiner Neurose, 1½ Jahre später, gesteht er den Wunsch, daß die Mutter

das Kleine beim Baden in die Wanne fallen lassen möge, damit es

sterbe, unumwunden ein. Dabei ist Hans ein gutartiges zärtliches Kind,

welches bald auch diese Schwester liebgewinnt und sie besonders gern

protegiert.

Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind abzuschätzen

weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu erwarten hat. Von

einer mir nahestehenden Dame, die sich heute mit ihrer um vier Jahre

jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß ich, daß sie die Nachricht

von deren Ankunft mit dem Vorbehalt beantwortet hat: »_Aber_ meine rote

Kappe werde ich ihr doch nicht geben.« Sollte das Kind erst später zu

dieser Erkenntnis kommen, so wird seine Feindseligkeit in diesem

Zeitpunkte erwachen. Ich kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges

Mädchen den Säugling in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen

weiterer Anwesenheit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder

um diese Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das

kleine Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind

hat wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein

neues vom Storche geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser Liebling

den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent möge dasselbe

Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder so gut gehe wie

vorhin und in der Zwischenzeit?(91) Natürlich ist dieses Verhalten des

Kindes gegen die Nachgeborenen in normalen Verhältnissen eine einfache

Funktion des Altersunterschiedes. Bei einem gewissen Intervall werden

sich in dem älteren Mädchen bereits die mütterlichen Instinkte gegen das

hilflose Neugeborene regen.

(91) Solche in der Kindheit erlebte Sterbefälle mögen in der Familie

bald vergessen worden sein, die psychoanalytische Erforschung zeigt

doch, daß sie für die spätere Neurose sehr bedeutungsvoll geworden

sind.

Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen im

Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beobachtung

Erwachsener auffallen(92).

(92) Beobachtungen, die sich auf das ursprünglich feindselige

Verhalten von Kindern gegen Geschwister und einen Elternteil beziehen,

sind seither in großer Anzahl gemacht und in der psychoanalytischen

Literatur niedergelegt worden. Besonders echt und naiv hat der Dichter

_Spitteler_ diese typische kindliche Einstellung aus seiner frühesten

Kindheit geschildert: Ȇbrigens war noch ein zweiter Adolf da. Ein

kleines Geschöpf, von dem man behauptete, er wäre mein Bruder, von dem

ich aber nicht begriff, wozu er nützlich sei; noch weniger, weswegen

man solch ein Wesen aus ihm mache wie von mir selber. Ich genügte für

mein Bedürfnis, was brauchte ich einen Bruder? Und nicht bloß unnütz

war er, sondern mitunter sogar hinderlich. Wenn ich die Großmutter

belästigte, wollte er sie ebenfalls belästigen, wenn ich im

Kinderwagen gefahren wurde, saß er gegenüber und nahm mir die Hälfte

Platz weg, so daß wir uns mit den Füßen stoßen mußten.«

Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe ich die

Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie jetzt bei

meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach 15 Monaten

durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde. Ich höre zwar,

daß der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das Schwesterchen benimmt,

ihr die Hand küßt und sie streichelt; ich überzeuge mich aber, daß er

schon vor seinem vollendeten zweiten Jahre seine Sprachfähigkeit dazu

benutzt, um Kritik an der ihm doch nur überflüssig erscheinenden Person

zu üben. So oft die Rede auf sie kommt, mengt er sich ins Gespräch und

ruft unwillig: Zu k(l)ein, zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem

das Kind sich durch vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung

entzogen hat, weiß er seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht

verdient, anders zu begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen

daran: Sie hat keine Zähne(93). Von dem ältesten Mädchen einer anderen

Schwester haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals

sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten

bestätigen ließ: »Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht verstehen?«

Lucie war die um 2½ Jahre jüngere Konkurrentin.

(93) In die nämlichen Worte kleidet der 3½ jährige Hans seine

vernichtende Kritik seiner Schwester (l. c.). Er nimmt an, daß sie

wegen des Mangels der Zähne nicht sprechen kann.

Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode der

Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen vermißt. Ich

fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Bestätigung der Regel

umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame während einer Sitzung diesen

Sachverhalt erklärte, der mir bei dem Symptom an der Tagesordnung in

Betracht zu kommen schien, antwortete sie mir zu meinem Erstaunen, sie

habe solche Träume nie gehabt. Ein anderer Traum fiel ihr aber ein, der

angeblich damit nichts zu schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier

Jahren, zuerst als damals Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte.

»_Eine Menge Kinder, alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen

tummelten sich auf einer Wiese. Plötzlich bekamen sie Flügel, flogen auf

und waren weg._« Von der Bedeutung des Traumes hatte sie keine Ahnung;

es wird uns nicht schwer fallen, einen Traum vom Tode aller Geschwister

in seiner ursprünglichen, durch die Zensur wenig beeinflußten Form darin

zu erkennen. Ich getraue mich folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem

Tode eines aus der Kinderschar -- die Kinder zweier Brüder wurden in

diesem Falle in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen -- wird unsere

noch nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person gefragt

haben: Was wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die Antwort

wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und werden Engerl. Im

Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Geschwister alle Flügel wie

die Engel und -- was die Hauptsache ist -- sie fliegen weg. Unsere

kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke, das einzige nach einer

solchen Schar! Daß sich die Kinder auf einer Wiese tummeln, von der sie

wegfliegen, deutet kaum mißverständlich auf Schmetterlinge hin, als ob

dieselbe Gedankenverbindung das Kind geleitet hätte, welche die Alten

bewog, die Psyche mit Schmetterlingsflügeln zu bilden.

Die Vorstellung des Kindes vom »Totsein«.

Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der Kinder

gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie käme das

Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber oder

stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen, als ob alle Vergehen

nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht, erwägt nicht,

daß die Vorstellung des Kindes vom »Totsein« mit der unserigen das Wort

und dann nur noch _wenig_ anderes gemein hat. Das Kind weiß nichts von

den Greueln der Verwesung, vom Frieren im kalten Grabe, vom Schrecken

des endlosen Nichts, das der Erwachsene, wie alle Mythen vom Jenseits

zeugen, in seiner Vorstellung so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem

Tode ist ihm fremd, darum spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht

einem anderen Kinde: »Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben,

wie der Franz gestorben ist,« wobei es die arme Mutter schaudernd

überläuft, die vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere

Hälfte der erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der

Kindheit bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gange

durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen:

»Mama, ich habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich

ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer,

immer sehen kann!« So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom

Gestorbensein der unserigen(94).

(94) Von einem hochbegabten 10 jährigen Knaben hörte ich nach dem

plötzlichen Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen folgende Äußerung:

Daß der Vater gestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht zum

Nachtmahl nach Hause kommt, kann ich mir nicht erklären. -- Weiteres

Material zu diesem Thema findet sich in der Rubrik »Kinderseele« von

»_Imago_«, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die

Geisteswissenschaften, Bd. I und II, 1912 und 1913.

Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die Szenen des

Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als »fort sein«, die

Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet nicht, auf welche Art

diese Abwesenheit zu stande kommt, ob durch Verreisen, Entfremdung oder

Tod. Wenn in den prähistorischen Jahren eines Kindes seine Kinderfrau

weggeschickt worden und einige Zeit darauf seine Mutter gestorben ist,

so liegen für seine Erinnerung, wie man sie in der Analyse aufdeckt,

beide Ereignisse in einer Reihe übereinander. Daß das Kind die

Abwesenden nicht sehr intensiv vermißt, hat manche Mutter zu ihrem

Schmerze erfahren, wenn sie nach mehrwöchiger Sommerreise in ihr Haus

zurückkehrte und auf ihre Erkundigung hören mußte: Die Kinder haben

nicht ein einziges Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in

jenes »unentdeckte Land« verreist ist, »von des Bezirk kein Wanderer

wiederkehrt«, so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und

erst _nachträglich_ beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern.

Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen Kindes zu

wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch in die Form zu

kleiden, es möge tot sein, und die psychische Reaktion auf den

Todeswunschtraum beweist, daß trotz aller Verschiedenheit im Inhalt der

Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche ist wie der gleichlautende

Wunsch des Erwachsenen.

Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister erklärt wird

durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister als Mitbewerber

auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch gegen die Eltern erklären,

die für das Kind die Spender von Liebe und Erfüller seiner Bedürfnisse

sind, deren Erhaltung es gerade aus egoistischen Motiven wünschen

sollte?

Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß die Träume

vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des Elternpaares

betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß also der Mann

zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode der Mutter träumt. Ich

kann das nicht als regelmäßig hinstellen, aber das Überwiegen in dem

angedeuteten Sinne ist so deutlich, daß es eine Erklärung durch ein

Moment von allgemeiner Bedeutung fordert. Es verhält sich -- grob

ausgesprochen -- so, als ob eine sexuelle Vorliebe sich frühzeitig

geltend machen würde, als ob der Knabe im Vater, das Mädchen in der

Mutter den Mitbewerber in der Liebe erblickte, durch dessen Beseitigung

ihm nur Vorteil erwachsen kann.

Das Verhältnis des Kindes zu den Eltern.

Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge man auch hier

die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern ins Auge fassen. Man

hat zu sondern, was die Kulturforderung der Pietät von diesem Verhältnis

verlangt, und was die tägliche Beobachtung als tatsächlich ergibt. In

der Beziehung zwischen Eltern und Kindern liegen mehr als nur ein Anlaß

zur Feindseligkeit verborgen; die Bedingungen für das Zustandekommen von

Wünschen, welche vor der Zensur nicht bestehen, sind im reichsten

Ausmaße gegeben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater

und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des

Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahrnehmung der

Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum zu merken, daß der

größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung des vierten Gebotes

hinaussetzt. In den tiefsten wie in den höchsten Schichten der

menschlichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die Eltern vor anderen

Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nachrichten, die in Mythologie

und Sage aus der Urzeit der menschlichen Gesellschaft auf uns gekommen

sind, geben von der Machtfülle des Vaters und von der Rücksichtslosigkeit,

mit der sie gebraucht wurde, eine unerfreuliche Vorstellung.

Kronos verschlingt seine Kinder, etwa wie der Eber den Wurf

des Mutterschweines, und Zeus entmannt den Vater(95) und setzt sich als

Herrscher an seine Stelle. Je unumschränkter der Vater in der alten

Familie herrschte, desto mehr muß der Sohn als berufener Nachfolger in

die Lage des Feindes gerückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden

sein, durch den Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch

in unserer bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Verweigerung

der Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel an den Sohn dem

natürlichen Keime der Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur

Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt oft genug in die Lage zu

bemerken, daß der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne die

Befriedigung über die endlich erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann.

Den Rest der in unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten potestas

patris familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten und jeder

Dichter ist der Wirkung sicher, der wie _Ibsen_ den uralten Kampf

zwischen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln rückt. Die

Anlässe zu Konflikten zwischen Tochter und Mutter ergeben sich, wenn die

Tochter heranwächst und in der Mutter die Wächterin findet, während sie

nach sexueller Freiheit begehrt, die Mutter aber durch das Aufblühen der

Tochter gemahnt wird, daß für sie die Zeit gekommen ist, sexuellen

Ansprüchen zu entsagen.

(95) Wenigstens in einigen mythologischen Darstellungen. Nach anderen

wird die Entmannung nur von Kronos an seinem Vater Uranos vollzogen.

Über die mythologische Bedeutung dieses Motivs vergl. _Otto Rank_: Der

Mythus von der Geburt des Helden, fünftes Heft der »Schriften zur

angew. Seelenkunde, 1909« und »Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage«,

1912, Kap. IX, 2.

Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns Augen. Sie

fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume vom Tode der Eltern

zu erklären, welche sich bei Personen finden, denen die Pietät gegen die

Eltern längst etwas Unantastbares geworden ist. Auch sind wir durch die

vorhergehenden Erörterungen darauf vorbereitet, daß sich der Todeswunsch

gegen die Eltern aus der frühesten Kindheit ableiten wird.

Die sexuellen Regungen der Kinder gegen die Eltern.

Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich diese

Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vorgenommenen

Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig die sexuellen Wünsche

des Kindes erwachen -- soweit sie im keimenden Zustand diesen Namen

verdienen --, und daß die erste Neigung des Mädchens dem Vater, die

ersten infantilen Begierden des Knaben der Mutter gelten. Der Vater wird

somit für den Knaben, die Mutter für das Mädchen zum störenden

Mitbewerber, und wie wenig für das Kind dazu gehört, damit diese

Empfindung zum Todeswunsch führe, haben wir bereits für den Fall der

Geschwister ausgeführt. Die sexuelle Auswahl macht sich in der Regel

bereits bei den Eltern geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der

Mann die kleinen Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange

hält, während beide, wo der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht

verstört, mit Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind

bemerkt die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil des

Elternpaares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu

finden, ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen

Bedürfnisses, sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem

Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe und

erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, wenn es

seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie diese trifft.

Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder pflegt

man die meisten zu übersehen; einige kann man auch nach den ersten

Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen meiner Bekanntschaft

benutzt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische abberufen wird, um

sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. »Jetzt will ich die Mama

sein: Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, ich bitte dich« usw. Ein

besonders begabtes und lebhaftes Mädchen von nicht vier Jahren, an der

dies Stück Kinderpsychologie besonders durchsichtig ist, äußert direkt:

»Jetzt kann das Muatterl einmal fortgehen, dann muß das Vaterl mich

heiraten, und ich will seine Frau sein.« Im Kinderleben schließt dieser

Wunsch durchaus nicht aus, daß das Kind auch seine Mutter zärtlich

liebe. Wenn der kleine Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der

Vater verreist ist, und nach dessen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß

zu einer Person, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der

Wunsch bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit

er seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und ein

Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der Vater

tot ist, denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: »Tote« Leute,

wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie wieder.

Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vorgeschlagenen

Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings nicht die volle

Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener Neurotiker dem Arzte

aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden Träume erfolgt hier mit

solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als Wunschträume unausweichlich

wird. Ich finde eines Tages eine Dame betrübt und verweint. Sie sagt:

»Ich will meine Verwandten nicht mehr sehen, es muß ihnen ja vor mir

grausen.« Dann erzählt sie fast ohne Übergang, daß sie sich an einen

Traum erinnert, dessen Bedeutung sie natürlich nicht kennt. Sie hat ihn

mit vier Jahren geträumt, er lautet folgendermaßen: _Ein Luchs oder

Fuchs geht auf dem Dache spazieren, dann fällt etwas herunter oder sie

fällt herunter, und dann trägt man die Mutter tot aus dem Hause_, wobei

sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mitgeteilt, daß dieser Traum

den Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten muß, die Mutter tot zu sehen, und

daß sie dieses Traumes wegen meinen muß, die Verwandten grausen sich vor

ihr, so liefert sie bereits etwas Material, den Traum aufzuklären.

»Luchsaug« ist ein Schimpfwort, mit dem sie einmal als ganz kleines Kind

von einem Gassenjungen belegt wurde; ihrer Mutter ist, als das Kind drei

Jahre alt war, ein Ziegelstein vom Dache auf den Kopf gefallen, so daß

sie heftig geblutet hat.

Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das verschiedene

psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren. In einer

tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann, zeigte die

Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter, schlug und

beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette näherte, während sie gegen

eine um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll und gefügig

blieb: Dann folgte ein klarer, aber etwas apathischer Zustand mit sehr

gestörtem Schlafe; in dieser Phase begann ich die Behandlung und

analysierte ihre Träume. Eine Unzahl derselben handelte mehr oder minder

verhüllt vom Tode der Mutter; bald wohnte sie dem Leichenbegängnis einer

alten Frau bei, bald sah sie sich und ihre Schwester in Trauerkleidern

bei Tische sitzen; es blieb über den Sinn dieser Träume kein Zweifel.

Bei noch weiter fortschreitender Besserung traten hysterische Phobien

auf; die quälendste darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei.

Von wo sie immer sich befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich

zu überzeugen, daß die Mutter noch lebe. Der Fall war nun,

zusammengehalten mit meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er

zeigte in gleichsam mehrsprachiger Übersetzung verschiedene

Reaktionsweisen des psychischen Apparates auf dieselbe erregende

Vorstellung. In der Verworrenheit, die ich als _Überwältigung_ der

zweiten psychischen Instanz durch die sonst unterdrückte erste auffasse,

wurde die unbewußte Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig;

als dann die erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, die

Herrschaft der Zensur wieder hergestellt war, blieb dieser

Feindseligkeit nur mehr das Gebiet des Träumens offen, um den Wunsch

nach ihrem Tode zu verwirklichen; als das Normale sich noch weiter

gestärkt hatte, schuf es als hysterische Gegensatzreaktion und

Abwehrerscheinung die übermäßige Sorge um die Mutter. In diesem

Zusammenhange ist es nicht mehr unerklärlich, warum die hysterischen

Mädchen so oft überzärtlich an ihren Müttern hängen.

Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das unbewußte

Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch Zwangsneurose fast

existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen konnte, weil ihn die Sorge

quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingen, um. Er verbrachte

seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi in Ordnung zu halten,

falls die Anklage wegen eines der in der Stadt vorgefallenen Morde gegen

ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu bemerken, daß er ein ebenso

moralischer wie fein gebildeter Mensch war. Die -- übrigens zur Heilung

führende -- Analyse deckte als die Begründung dieser peinlichen

Zwangsvorstellung Mordimpulse gegen seinen etwas überstrengen Vater auf,

die sich, als er sieben Jahre alt war, zu seinem Erstaunen bewußt

geäußert hatten, aber natürlich aus weit früheren Kindesjahren stammten.

Nach der qualvollen Krankheit und dem Tode des Vaters trat im 31.

Lebensjahre der Zwangsvorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf

Fremde übertrug. Wer im stande war, seinen eigenen Vater von einem

Berggipfel in den Abgrund stoßen zu wollen, dem ist allerdings

zuzutrauen, daß er auch das Leben Fernerstehender nicht schone; der tut

darum recht daran, sich in seine Zimmer einzuschließen.

Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern im

Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle, und

Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den anderen Teil des

Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit gebildeten

und für die Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Materials an

psychischen Regungen. Ich glaube aber nicht, daß die Psychoneurotiker

sich hierin von anderen normal verbleibenden Menschenkindern scharf

sondern, indem sie absolut Neues und ihnen Eigentümliches zu schaffen

vermögen. Es ist bei weitem wahrscheinlicher und wird durch

gelegentliche Beobachtungen an normalen Kindern unterstützt, daß sie

auch mit diesen verliebten und feindseligen Wünschen gegen ihre Eltern

uns nur durch die Vergrößerung kenntlich machen, was minder deutlich und

weniger intensiv in der Seele der meisten Kinder vorgeht. Das Altertum

hat uns zur Unterstützung dieser Erkenntnis einen Sagenstoff

überliefert, dessen durchgreifende und allgemeingültige Wirksamkeit nur

durch eine ähnliche Allgemeingültigkeit der besprochenen Voraussetzung

aus der Kinderpsychologie verständlich wird.

Die Ödipusmythe und ihre infantile Wurzel.

Ich meine die Sage vom König _Ödipus_ und das gleichnamige Drama des

_Sophokles_. _Ödipus_, der Sohn des _Laïos_, Königs von Theben, und der

_Jokaste_ wird als Säugling ausgesetzt, weil ein Orakel dem Vater

verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn werde sein Mörder sein. Er

wird gerettet und wächst als Königssohn an einem fremden Hofe auf, bis

er, seiner Herkunft unsicher, selbst das Orakel befragt und von ihm den

Rat erhält, die Heimat zu meiden, weil er der Mörder seines Vaters und

der Ehegemahl seiner Mutter werden müßte. Auf dem Wege von seiner

vermeintlichen Heimat weg trifft er mit König _Laïos_ zusammen und

erschlägt ihn in rasch entbranntem Streite. Dann kommt er vor _Theben_,

wo er die Rätsel der den Weg sperrenden Sphinx löst und zum Dank dafür

von den Thebanern zum König gewählt und mit _Jokastes_ Hand beschenkt

wird. Er regiert lange Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit der ihm

unbekannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest ausbricht,

welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seite der _Thebaner_

veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des _Sophokles_ ein. Die Boten

bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, wenn der Mörder des

Laïos aus dem Lande getrieben sei. Wo aber weilt der?

»Wo findet sich

die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?«

(Übersetzung von Donner, v. 109.)

Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in der

schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung -- der

Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar --, daß _Ödipus_ selbst der

Mörder des _Laïos_, aber auch der Sohn des Ermordeten und der _Jokaste_

ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel erschüttert, blendet sich

_Ödipus_ und verläßt die Heimat. Der Orakelspruch ist erfüllt.

König _Ödipus_ ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre tragische

Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem übermächtigen Willen der

Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom Unheil bedrohten Menschen

beruhen; Ergebung in den Willen der Gottheit, Einsicht in die eigene

Ohnmacht soll der tief ergriffene Zuschauer aus dem Trauerspiele lernen.

Folgerichtig haben moderne Dichter es versucht, eine ähnliche tragische

Wirkung zu erzielen, indem sie den nämlichen Gegensatz mit einer

selbsterfundenen Fabel verwoben. Allein die Zuschauer haben ungerührt

zugesehen, wie trotz alles Sträubens schuldloser Menschen ein Fluch oder

Orakelspruch sich an ihnen vollzog; die späteren Schicksalstragödien

sind ohne Wirkung geblieben.

Wenn der König _Ödipus_ den modernen Menschen nicht minder zu

erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die Lösung

wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen Tragödie nicht

auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschenwillen ruht, sondern in

der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, an welchem dieser Gegensatz

erwiesen wird. Es muß eine Stimme in unserem Innern geben, welche die

zwingende Gewalt des Schicksals im _Ödipus_ anzuerkennen bereit ist,

während wir Verfügungen wie in der »Ahnfrau« oder in anderen

Schicksalstragödien als willkürliche zurückzuweisen vermögen. Und ein

solches Moment ist in der Tat in der Geschichte des Königs _Ödipus_

enthalten. Sein Schicksal ergreift uns nur darum, weil es auch das

unserige hätte werden können, weil das Orakel vor unserer Geburt

denselben Fluch über uns verhängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht

war es beschieden, die erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten

Haß und gewalttätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume

überzeugen uns davon. König _Ödipus_, der seinen Vater _Laïos_

erschlagen und seine Mutter _Jokaste_ geheiratet hat, ist nur die

Wunscherfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns

seitdem, insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen,

unsere sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, unsere

Eifersucht gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher

sich jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück

mit dem ganzen Betrage der Verdrängung, welche diese Wünsche in unserem

Innern seither erlitten haben. Während der Dichter in jener Untersuchung

die Schuld des _Ödipus_ ans Licht bringt, nötigt er uns zur Erkenntnis

unseres eigenen Innern, in dem jene Impulse, wenn auch unterdrückt, noch

immer vorhanden sind. Die Gegenüberstellung, mit der uns der Chor

verläßt,

. . . »sehet, das ist _Ödipus_,

der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht,

dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten;

Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!«

diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den

Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer Schätzung.

Wie _Ödipus_ leben wir in Unwissenheit der die Moral beleidigenden

Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und nach deren Enthüllung

möchten wir wohl alle den Blick abwenden von den Szenen unserer

Kindheit(96).

(96) Keine der Ermittlungen der psychoanalytischen Forschung hat so

erbitterten Widerspruch, ein so grimmiges Sträuben und -- so

ergötzliche Verrenkungen der Kritik hervorgerufen wie dieser Hinweis

auf die kindlichen, im Unbewußten erhalten gebliebenen Inzestneigungen.

Die letzte Zeit hat selbst einen Versuch gebracht, den Inzest,

allen Erfahrungen trotzend, nur als »symbolisch« gelten zu

lassen.

Daß die Sage von _Ödipus_ einem uralten Traumstoffe entsprossen ist,

welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern durch die

ersten Regungen der Sexualität zum Inhalt hat, dafür findet sich im

Texte der _Sophokle_ischen Tragödie selbst ein nicht mißzuverstehender

Hinweis. _Jokaste_ tröstet den noch nicht aufgeklärten, aber durch die

Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten _Ödipus_ durch die

Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Menschen träumen, ohne daß er,

meint sie, etwas bedeute:

»_Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon_

_Sich zugesellt der Mutter_: Doch wer alles dies

Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.«

Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso wie damals

auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn empört und verwundert

erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel der Tragödie und das

Ergänzungsstück zum Traume vom Tode des Vaters. Die _Ödipusfabel_ ist

die Reaktion der Phantasie auf diese beiden typischen Träume, und wie

die Träume vom Erwachsenen mit Ablehnungsgefühlen erlebt werden, so muß

die Sage Schreck und Selbstbestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen.

Ihre weitere Gestaltung rührt wiederum von einer mißverständlichen

sekundären Bearbeitung des Stoffes her, welche ihn einer

theologisierenden Absicht dienstbar zu machen sucht. (Vgl. den

Traumstoff von der Exhibition p. 183 f.) Der Versuch, die göttliche

Allmacht mit der menschlichen Verantwortlichkeit zu vereinigen, muß

natürlich an diesem Material wie an jedem anderen mißlingen.

Die Deutung von _Shakespeare's_ »Hamlet«.

Auf demselben Boden wie »König Ödipus« wurzelt eine andere der großen

tragischen Dichterschöpfungen, der _Hamlet Shakespeares_. Aber in der

veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes offenbart sich der ganze

Unterschied im Seelenleben der beiden weit auseinanderliegenden

Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der Verdrängung im

Gemütsleben der Menschheit. Im Ödipus wird die zu grunde liegende

Wunschphantasie des Kindes wie im Traume ans Licht gezogen und

realisiert; im _Hamlet_ bleibt sie verdrängt, und wir erfahren von ihrer

Existenz -- dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich -- nur durch die

von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden Wirkung

des moderneren Dramas hat es sich eigentümlicherweise als vereinbar

gezeigt, daß man über den Charakter des Helden in voller Unklarheit

verbleiben könne. Das Stück ist auf die Zögerung Hamlets gebaut, die ihm

zugeteilte Aufgabe der Rache zu erfüllen; welches die Gründe oder Motive

dieser Zögerung sind, gesteht der Text nicht ein; die vielfältigsten

Deutungsversuche haben es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute noch

herrschenden, durch _Goethe_ begründeten Auffassung stellt _Hamlet_ den

Typus des Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde

Entwicklung der Gedankentätigkeit gelähmt wird (»Von des Gedankens

Blässe angekränkelt«). Nach anderen hat der Dichter einen krankhaften,

unentschlossenen, in das Bereich der Neurasthenie fallenden Charakter zu

schildern versucht. Allein die Fabel des Stückes lehrt, daß Hamlet uns

keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des Handelns überhaupt

unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auftreten, das einemal in

rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher hinter der Tapete

niederstößt, ein anderesmal planmäßig, ja selbst arglistig, indem er mit

der vollen Unbedenklichkeit des Renaissance-Prinzen die zwei Höflinge in

den ihm selbst zugedachten Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der

Erfüllung der Aufgabe, die der Geist seines Vaters ihm gestellt hat?

Hier bietet sich wieder die Auskunft, daß es die besondere Natur dieser

Aufgabe ist. _Hamlet_ kann alles, nur nicht die Rache an dem Manne

vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen

Stelle eingenommen hat, an dem Manne, der ihm die Realisierung seiner

verdrängten Kinderwünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen

sollte, ersetzt sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch

Gewissensskrupel, die ihm vorhalten, daß er, wörtlich verstanden, selbst

nicht besser sei als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe dabei ins

Bewußte übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß;

wenn jemand _Hamlet_ einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als

Folgerung aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung stimmt sehr

wohl dazu, die _Hamlet_ dann im Gespräche mit _Ophelia_ äußert, die

nämliche Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters in den nächsten

Jahren immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren Gipfeläußerungen im

_Timon von Athen_. Es kann natürlich nur das eigene Seelenleben des

Dichters gewesen sein, das uns im _Hamlet_ entgegentritt; ich entnehme

dem Werke von _Georg Brandes_ über _Shakespeare_ (1896) die Notiz, daß

das Drama unmittelbar nach dem Tode von _Shakespeares_ Vater (1601),

also in der frischen Trauer um ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir

annehmen, der auf den Vater bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet

worden ist. Bekannt ist auch, daß _Shakespeares_ früh verstorbener Sohn

den Namen _Hamnet_ (identisch mit _Hamlet_) trug. Wie _Hamlet_ das

Verhältnis des Sohnes zu den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit

nahestehende _Macbeth_ auf dem Thema der Kinderlosigkeit. Wie übrigens

jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum, der Überdeutung fähig

ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird auch jede

echte dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv und einer

Anregung in der Seele des Dichters hervorgegangen sein und mehr als eine

Deutung zulassen. Ich habe hier nur die Deutung der tiefsten Schicht von

Regungen in der Seele des schaffenden Dichters versucht.

Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten nicht

verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie des Traumes

überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume zeigen uns den

recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, daß der durch den verdrängten

Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Zensur entgeht und unverändert in

den Traum übertritt. Es müssen besondere Verhältnisse sein, die solches

Schicksal ermöglichen. Ich finde die Begünstigung für diese Träume in

folgenden zwei Momenten: Erstens gibt es keinen Wunsch, von dem wir uns

ferner glauben; wir meinen, das zu wünschen könnte »uns auch im Traume

nicht einfallen«, und darum ist die Traumzensur gegen dieses

Ungeheuerliche nicht gerüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung

_Solons_ keine Strafe für den Vatermord aufzustellen wußte. Zweitens

aber kommt dem verdrängten und nicht geahnten Wunsche gerade hier

besonders häufig ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer _Sorge_ um das

Leben der teuren Person. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum

eintragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient; der

Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen Sorge maskieren.

Wenn man meint, daß dies alles einfacher zugeht, daß man eben bei Nacht

und im Traume nur fortsetzt, was man bei Tag angesponnen hat, so läßt

man die Träume vom Tode teurer Personen eben außer allem Zusammenhang

mit der Traumerklärung und hält ein sehr wohl reduzierbares Rätsel

überflüssigerweise fest.

Verhältnis der Ödipusträume zur Angstentwicklung.

Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den Angstträumen

zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer Personen hat der verdrängte

Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er sich der Zensur -- und der durch

sie bedingten Entstellung -- entziehen kann. Die nie fehlende

Begleiterscheinung ist dann, daß schmerzliche Empfindungen im Traume

verspürt werden. Ebenso kommt der Angsttraum nur zu stande, wenn die

Zensur ganz oder teilweise überwältigt wird, und anderseits erleichtert

es die Überwältigung der Zensur, wenn Angst als aktuelle Sensation aus

somatischen Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in

welcher Tendenz die Zensur ihres Amtes waltet, die Traumentstellung

ausübt; es geschieht, _um die Entwicklung von Angst oder anderen Formen

peinlichen Affektes zu verhüten_.

* * * * *

Der Egoismus der Träume.

Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele gesprochen und

knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen Zusammenhang ahnen zu

lassen, daß die Träume auch diesen Charakter bewahrt haben. Sie sind

sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt das liebe Ich auf, wenn auch

verkleidet. Die Wünsche, die in ihnen erfüllt werden, sind regelmäßig

Wünsche dieses Ichs; es ist nur ein täuschender Anschein, wenn je das

Interesse für einen anderen einen Traum hervorgerufen haben sollte. Ich

will einige Beispiele, welche dieser Behauptung widersprechen, der

Analyse unterziehen.

I. Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: _Er hat eine große

garnierte Schüssel gesehen, worauf ein großes Stück Fleisch gebraten

war, und das Stück war auf einmal ganz -- nicht zerschnitten --

aufgegessen. Die Person, die es gegessen hat, hat er nicht gesehen_(97).

(97) Auch das Große, Überreiche, Übermäßige und Übertriebene der

Träume könnte ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen

sehnlicheren Wunsch als groß zu werden, von allem so viel zu bekommen

wie die Großen; es ist schwer zu befriedigen, kennt kein Genug,

verlangt unersättlich nach Wiederholung dessen, was ihm gefallen oder

geschmeckt hat. _Maß halten_, sich bescheiden, resignieren lernt es

erst durch die Kultur der Erziehung. Bekanntlich neigt auch der

Neurotiker zur Maßlosigkeit und Unmäßigkeit.

Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleischmahlzeit unser

Kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traumtages müssen uns darüber

aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen Tagen nach ärztlicher

Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traumtages war er aber unartig, und

da wurde ihm zur Strafe die Abendmahlzeit entzogen. Er hatte schon

früher einmal eine solche Hungerkur durchgemacht und sich sehr tapfer

dabei benommen. Er wußte, daß er nichts bekommen werde, getraute sich

aber auch nicht, mit einem Worte anzudeuten, daß er Hunger habe. Die

Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken; sie äußert sich bereits im

Traume, der einen Anfang von Traumentstellung zeigt. Es ist kein

Zweifel, daß er selbst die Person ist, deren Wünsche auf eine so reiche

Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit, zielen. Da er aber weiß, daß

diese ihm verboten ist, wagt er es nicht, wie die hungrigen Kinder es im

Traume tun (vgl. den Erdbeertraum meiner kleinen Anna, p. 100), sich

selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. Die Person bleibt anonym.

II. Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buchhandlung ein

neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die ich sonst zu

kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien zur Weltgeschichte,

berühmte Kunststätten usw.). _Die neue Sammlung nennt sich: Berühmte

Redner (oder Reden) und das Heft I derselben trägt den Namen Dr.

Lecher._

In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der Ruhm Dr.

_Lechers_, des Dauerredners der deutschen Obstruktion im Parlament,

während meiner Träume beschäftige. Der Sachverhalt ist der, daß ich vor

einigen Tagen neue Patienten zur psychischen Kur aufgenommen habe, und

nun zehn bis elf Stunden täglich zu sprechen genötigt bin. Ich bin also

selbst so ein Dauerredner.

III. Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an unserer

Universität sagt: _Mein Sohn, der Myop._ Dann folgt ein Dialog, aus

kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber dann ein drittes

Traumstück, in dem ich und meine Söhne vorkommen, und für den latenten

Trauminhalt sind Vater und Sohn, Professor M., nur Strohmänner, die mich

und meinen Ältesten decken. Ich werde diesen Traum wegen einer anderen

Eigentümlichkeit noch weiter unten behandeln.

IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, die sich

hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum:

_Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im Gesichte und hat

vortretende Augen._

Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos verbleibe,

weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder überwacht, sie

erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie überdies zu allen

Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können, beschenkt. Er war am

Traumtage zu Besuch, und da bemerkte meine Frau, daß er müde und

abgespannt aussehe. Nachts kommt mein Traum und leiht ihm einige der

Zeichen der _Basedow_schen Krankheit. Wer sich in der Traumdeutung von

meinen Regeln freimacht, der wird diesen Traum so verstehen, daß ich um

die Gesundheit meines Freundes besorgt bin, und daß diese Besorgnis sich

im Traume realisiert. Es wäre ein Widerspruch nicht nur gegen die

Behauptung, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen

die andere, daß er nur egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so

deutet, möge mir erklären, warum ich bei Otto die _Basedow_sche

Krankheit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den

leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes Material

aus einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zugetragen hat. Wir

fuhren, eine kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor R. befand,

in tiefer Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden weit von

unserem Sommeraufenthalt entfernt. Der nicht ganz nüchterne Kutscher

warf uns mit dem Wagen einen Abhang hinunter, und es war noch glücklich,

daß wir alle heil davon kamen. Wir waren aber genötigt, im nächsten

Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde von unserem Unfall große

Sympathie für uns erweckte. Ein Herr, der die unverkennbaren Zeichen des

Morbus _Basedowii_ an sich trug, -- übrigens nur Bräunung der

Gesichtshaut und vortretende Augen, ganz wie im Traume, kein Struma --

stellte sich ganz zu unserer Verfügung und fragte, was er für uns tun

könne. Professor R. in seiner bestimmten Art antwortete: Nichts anderes,

als daß Sie mir ein Nachthemd leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid,

das kann ich nicht, und ging von dannen.

Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß _Basedow_ nicht nur der

Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten Pädagogen. (Im

Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht recht sicher.) Freund

Otto ist aber diejenige Person, die ich gebeten habe, für den Fall, daß

mir etwas zustößt, die körperliche Erziehung meiner Kinder, speziell in

der Pubertätszeit (daher das Nachthemd), zu überwachen. Indem ich nun

Freund Otto im Traume mit den Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers

sehe, will ich offenbar sagen: Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm

ebensowenig etwas für die Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn

Baron L. trotz seiner liebenswürdigen Anerbietungen. Der egoistische

Einschlag dieses Traumes dürfte nun wohl aufgedeckt sein(98).

(98) Als Prof. _Jones_ in einem wissenschaftlichen Vortrag vor einer

amerikanischen Gesellschaft vom Egoismus der Träume sprach, erhob eine

gelehrte Dame gegen diese unwissenschaftliche Verallgemeinerung den

Einwand, der Autor könne doch nur über die Träume von Österreichern

urteilen und dürfe über die Träume von Amerikanern nichts aussagen.

Sie sei für ihre Person sicher, daß alle ihre Träume streng

altruistisch seien.

Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache an Freund

Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen Träumen schlecht

behandelt zu werden, sondern in folgender Beziehung. Indem ich Otto als

Baron L. im Traume darstelle, habe ich gleichzeitig meine eigene Person

mit einer anderen identifiziert, nämlich mit der des Professors R., denn

ich fordere ja etwas von Otto, wie in jener Begebenheit R. vom Baron L.

gefordert hat. Und daran liegt es. Professor R. hat ähnlich wie ich

seinen Weg außerhalb der Schule selbständig verfolgt und ist erst in

späten Jahren zu dem längst verdienten Titel gelangt. Ich will also

wieder einmal Professor werden! Ja selbst das »in späten Jahren« ist

eine Wunscherfüllung, denn es besagt, daß ich lange genug lebe, um meine

Knaben selbst durch die Pubertät zu geleiten.

γ) Der Prüfungstraum.

Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien

abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der

Angsttraum, daß er durchfallen werde, die Klasse wiederholen müsse

u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades ersetzt

sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vorhält, daß er

die rigorosen Prüfungen abzulegen habe, und gegen den er vergeblich noch

im Schlafe einwendet, daß er ja schon seit Jahren praktiziere,

Privatdozent sei oder Kanzleileiter. Es sind die unauslöschlichen

Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kindheit für verübte Untaten

erlitten haben, die sich so an den beiden Knotenpunkten unserer Studien,

an dem »dies irae, dies illa« der strengen Prüfungen in unserem Inneren

wieder geregt haben. Auch die »Prüfungsangst« der Neurotiker findet in

dieser Kinderangst ihre Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler

zu sein, sind es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder

später die Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die unerbittliche

Kausalverkettung des Lebens hat unsere weitere Erziehung übernommen, und

nun träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosum, -- und wer hat

damals nicht selbst als Gerechter gezagt? -- so oft wir erwarten, daß

der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht recht gemacht,

nicht ordentlich zu stande gebracht haben, so oft wir den Druck einer

Verantwortung fühlen.

Eine weitere Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer Bemerkung von

Seite eines kundigen Kollegen, der einmal in einer wissenschaftlichen

Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der Maturatraum nur bei

Personen vorkomme, die diese Prüfung bestanden haben, niemals bei

solchen, die an ihr gescheitert sind. Der ängstliche Prüfungstraum, der,

wie sich immer mehr bestätigt, dann auftritt, wenn man vom nächsten Tage

eine verantwortliche Leistung und die Möglichkeit einer Blamage

erwartet, würde also eine Gelegenheit aus der Vergangenheit

herausgesucht haben, bei welcher sich die große Angst als unberechtigt

erwies und durch den Ausgang widerlegt wurde. Es wäre dies ein sehr

auffälliges Beispiel von Mißverständnis des Trauminhaltes durch die

wache Instanz. Die als Empörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede: Aber

ich bin ja schon Doktor u. dgl., wäre in Wirklichkeit der Trost, den der

Traum spendet, und der also lauten würde: Fürchte dich doch nicht vor

morgen; denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt

hast, und es ist dir doch nichts geschehen. Heute bist du ja schon

Doktor usw. Die Angst aber, die wir dem Traume anrechnen, stammte aus

den Tagesresten.

Die Proben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen anstellen

konnte, wenngleich sie nicht zahlreich genug waren, haben gut gestimmt.

Ich bin z. B. als Rigorosant in gerichtlicher Medizin durchgefallen;

niemals hat dieser Gegenstand mir im Traume zu schaffen gemacht, während

ich häufig genug in Botanik, Zoologie oder Chemie geprüft wurde, in

welchen Fächern ich mit gut begründeter Angst zur Prüfung gegangen, der

Strafe aber durch Gunst des Schicksals oder des Prüfers entgangen bin.

Im Gymnasialprüfungstraume werde ich regelmäßig aus Geschichte geprüft,

wo ich damals glänzend bestanden habe, aber allerdings nur, weil mein

liebenswürdiger Professor -- der einäugige Helfer eines anderen Traumes,

vgl. p. 13, -- nicht übersehen hatte, daß auf dem Prüfungszettel, den

ich ihm zurückgab, die mittlere von drei Fragen mit dem Fingernagel

durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht bestehen

solle. Einer meiner Patienten, der von der Matura zurückgetreten war und

sie später nachgetragen hatte, dann aber bei der Offiziersprüfung

durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, berichtet mir, daß er oft

genug von der ersteren, aber nie von der letzteren Prüfung träumt.

Die Prüfungsträume setzen der Deutung bereits jene Schwierigkeit

entgegen, die ich vorhin als charakteristisch für die meisten der

typischen Träume angegeben habe. Das Material an Assoziationen, welches

uns der Träumer zur Verfügung stellt, reicht für die Deutung nur selten

aus. Man muß sich das bessere Verständnis solcher Träume aus einer

größeren Reihe von Beispielen zusammentragen. Vor kurzem gewann ich den

sicheren Eindruck, daß die Einrede: Du bist ja schon Doktor u. dgl.

nicht nur den Trost verdeckt, sondern auch einen Vorwurf andeutet.

Derselbe hätte gelautet: Du bist jetzt schon so alt, schon so weit im

Leben, und machst noch immer solche Dummheiten, Kindereien. Dies Gemenge

von Selbstkritik und Trost würde dem latenten Inhalt der Prüfungsträume

entsprechen. Es ist dann nicht weiter auffällig, wenn die Vorwürfe wegen

der »Dummheiten« und »Kindereien« sich in den zuletzt analysierten

Beispielen auf die Wiederholung beanständeter sexueller Akte bezogen.

Die Traumdeutung · 第 32 / 57 题