II. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht:

Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise nach Aussee

anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden Ischler Zuge auf den

Perron. Dort sehe ich nun den Grafen _Thun_ dastehen, der wiederum zum

Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz des Regens im offenen Wagen

angekommen, direkt durch die Eingangstür für Lokalzüge hinausgetreten

und hatte den Türhüter, der ihn nicht kannte und ihm das Billett

abnehmen wollte, mit einer kurzen Handbewegung ohne Erklärung von sich

gewiesen. Ich soll dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den

Perron wieder verlassen und in den heißen Wartesaal zurückgehen, setze

es aber mühselig durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die

Zeit, aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege

ein Coupé anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen,

d. h. gleiches Recht zu verlangen. Unterdessen singe ich mir etwas vor,

was ich dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne:

»Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen,

Tänzelein wagen,

Soll er's nur sagen,

Ich spiel' ihm eins auf.«

(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.)

Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stimmung

gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich ohne ihnen

wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und revolutionäre Gedanken

durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros passen und zur Erinnerung

an die Komödie von _Beaumarchais_, die ich in der Comédie française

aufführen gesehen. Das Wort von den großen Herren, die sich die Mühe

gegeben haben, geboren zu werden; das Herrenrecht, das der Graf Almaviva

bei Susanne zur Geltung bringen will; die Scherze, die unsere bösen

oppositionellen Tagschreiber mit dem Namen des Grafen _Thun_ anstellen,

indem sie ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht; er

hat jetzt einen schweren Gang zum Kaiser, und _ich_ bin der eigentliche

Graf _Nichtsthun_; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige Ferienvorsätze

dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als Regierungsvertreter bei den

medizinischen Prüfungen bekannt ist, und der sich durch seine Leistungen

in dieser Rolle den schmeichelhaften Beinamen des »Regierungsbeischläfers«

zugezogen hat. Er verlangt unter Berufung auf seine amtliche

Eigenschaft ein Halbcoupé erster Klasse und ich höre den

Beamten zu einem anderen sagen: Wo geben wir den Herrn mit der halben

Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich zahle meine erste Klasse ganz.

Ich bekomme dann auch ein Coupé für mich, aber nicht in einem

durchgehenden Wagen, so daß mir die Nacht über kein Abort zur Verfügung

steht. Meine Klage beim Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem

ich ihm den Vorschlag mache, in diesem Coupé wenigstens ein Loch im

Boden anbringen zu lassen für etwaige Bedürfnisse der Reisenden. Ich

erwache auch wirklich um ¾3 Uhr morgens mit Harndrang aus nachstehendem

Traume.

Menschenmenge, Studentenversammlung. -- _Ein Graf (Thun oder Taaffe)

redet. Aufgefordert, etwas über die Deutschen zu sagen, erklärt er mit

höhnischer Gebärde für ihre Lieblingsblume den Huflattich und steckt

dann etwas wie ein zerfetztes Blatt, eigentlich ein zusammengeknülltes

Blattgerippe ins Knopfloch. Ich fahre auf, fahre also auf(73), wundere

mich aber doch über diese meine Gesinnung._ Dann undeutlicher: _Als ob

es die Aula wäre, die Zugänge besetzt, und man müßte fliehen. Ich bahne

mir den Weg durch eine Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offenbar

Regierungszimmern mit Möbeln in einer Farbe zwischen braun und violett,

und komme endlich in einen Gang, in dem eine Haushälterin, ein älteres

dickes Frauenzimmer, sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie

hält mich aber offenbar für berechtigt, hier zu passieren, denn sie

fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute oder sage ihr, sie

soll auf der Treppe stehen bleiben, und komme mir dabei sehr schlau vor,

daß ich die Kontrolle am Ende vermeide. So bin ich drunten und finde

einen schmalen, steil aufsteigenden Weg, den ich gehe._

(73) Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den

Text des Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die

Analyse zeigt, daß sie ihre Bedeutung hat.

Wieder undeutlich . . . . _Als ob jetzt die zweite Aufgabe käme, aus der

Stadt wegzukommen, wie früher aus dem Hause. Ich fahre in einem

Einspänner und gebe ihm Auftrag, zu einem Bahnhofe zu fahren. »Auf der

Bahnstrecke selbst kann ich nicht mit Ihnen fahren,« sage ich, nachdem

er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn übermüdet hätte. Dabei ist

es, als wäre ich schon eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit

der Bahn fährt. Die Bahnhöfe sind besetzt; ich überlege, ob ich nach

Krems oder Znaim soll, denke aber, dort wird der Hof sein, und

entscheide mich für Graz oder so etwas. Nun sitze ich im Waggon, der

ähnlich einem Stadtbahnwagen ist, und habe im Knopfloch ein eigentümlich

geflochtenes, langes Ding, daran violettbraune Veilchen aus starrem

Stoffe, was den Leuten sehr auffällt._ Hier bricht die Szene ab.

_Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit einem älteren Herrn,

erfinde einen Plan, um unerkannt zu bleiben, sehe diesen Plan aber auch

schon ausgeführt. Denken und Erleben ist hier gleichsam eins. Er stellt

sich blind, wenigstens auf einem Auge, und ich halte ihm ein männliches

Uringlas vor (das wir in der Stadt kaufen mußten oder gekauft haben).

Ich bin also sein Krankenpfleger und muß ihm das Glas geben, weil er

blind ist. Wenn der Kondukteur uns so sieht, muß er uns als unauffällig

entkommen lassen. Dabei ist die Stellung des Betreffenden und sein

urinierendes Glied plastisch gesehen._ Darauf das Erwachen mit

Harndrang.

Der ganze _Traum_ macht etwa den Eindruck einer Phantasie, die den

Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen Andenken ja durch

das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, wie überdies durch einen

kleinen Ausflug in die _Wachau_, bei dem ich Emmersdorf kennen gelernt

hatte, welchen Ort ich fälschlich für den Ruhesitz des Studentenführers

_Fischhof_ hielt, auf den einige Züge des manifesten Trauminhaltes

weisen mögen. Die Gedankenverbindung führt mich dann nach England, in

das Haus meines Bruders, der seiner Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte

»_Fifty_ years ago« nach dem Titel eines Gedichtes von Lord _Tennyson_,

worauf die Kinder zu rektifizieren gewöhnt waren: _Fifteen_ years ago.

Diese Phantasie, die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick

des Grafen _Thun_ hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Fassade

italienischer Kirchen ohne organischen Zusammenhang dem Gebäude dahinter

vorgesetzt; anders als diese Fassaden ist sie übrigens lückenhaft,

verworren, und Bestandteile aus dem Innern drängen sich an vielen

Stellen durch. Die erste Situation des Traumes ist aus mehreren Szenen

zusammengebraut, in die ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung

des Grafen im Traume ist kopiert nach einer Gymnasialszene aus meinem

_15. Jahre_. Wir hatten gegen einen mißliebigen und ignoranten Lehrer

eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein Kollege war, der sich

seitdem _Heinrich VIII._ von _England_ zum Vorbilde genommen zu haben

scheint. Die Führung des Hauptschlages fiel mir zu, und eine Diskussion

über die Bedeutung der Donau für Österreich (_Wachau!_) war der Anlaß,

bei dem es zur offenen Empörung kam. Ein Mitverschworener war der

einzige aristokratische Kollege, den wir hatten, wegen seiner

auffälligen Längenentwicklung die »_Giraffe_« genannt, und der stand,

vom Schultyrannen, dem Professor der _deutschen_ Sprache, zur Rede

gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären der Lieblingsblume

und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas, was wieder eine Blume sein muß (was

an die Orchideen erinnert, die ich einer Freundin am selben Tage

gebracht hatte, und außerdem an eine Rose von _Jericho_), mahnt

auffällig an die Szene aus den Königsdramen _Shakespeares_, die den

Bürgerkrieg der _roten_ und der _weißen_ Rose eröffnet; die Erwähnung

Heinrichs VIII. hat den Weg zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es

nicht weit von den Rosen zu den roten und weißen Nelken. (Dazwischen

schieben sich in der Analyse zwei Verslein ein, eins _deutsch_, das

andere _spanisch_: Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. --

_Isabelita_, no llores que se marchitan las flores. Das Spanische vom

_Figaro_ her.) Die weißen Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der

_Antisemiten_, die roten das der _Sozialdemokraten_ geworden. Dahinter

eine Erinnerung an eine antisemitische Herausforderung während einer

Eisenbahnfahrt im schönen Sachsenland (_Angelsachsen_). Die dritte

Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsituation

abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem _deutschen_

Studentenvereine gab es eine Diskussion über das Verhältnis der

Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner Junge, der

materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um einen höchst

einseitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein überlegener

älterer Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen hat, Menschen zu

lenken und Massen zu organisieren, der übrigens auch einen Namen aus dem

Tierreiche trägt, und machte uns tüchtig herunter; auch er habe in

seiner Jugend die Schweine gehütet und sei dann reuig ins Vaterhaus

zurückgekehrt. Ich _fuhr auf_ (wie im Traume), wurde _saugrob_ und

antwortete, seitdem ich wüßte, daß er die _Schweine_ gehütet, _wunderte

ich mich nicht_ mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traume _wundere_ ich

mich über meine deutschnationale Gesinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde

von vielen Seiten aufgefordert, meine Worte zurückzunehmen, blieb aber

standhaft. Der Beleidigte war zu verständig, um das Ansinnen einer

_Herausforderung_, das man an ihn richtete, anzunehmen, und ließ die

Sache auf sich beruhen.

Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen Schichten. Was

soll es bedeuten, daß der Graf den »Huflattich« proklamiert? Hier muß

ich meine Assoziationsreihe befragen. _Huflattich_ -- _lattice_ --

_Salat_ -- _Salathund_ (der Hund, der anderen nicht gönnt, was er doch

selber nicht frißt). Hier sieht man durch auf einen Vorrat an

Schimpfwörtern: _Gir-affe_, _Schwein_, _Sau_, _Hund_; ich wüßte auch auf

dem Umwege über einen Namen zu einem _Esel_ zu gelangen und damit wieder

zu einem Hohn auf einen akademischen Lehrer. Außerdem übersetze ich mir

-- ich weiß nicht, ob mit Recht -- _Huflattich_ mit »_pisse-en-lit_«;

die Kenntnis kommt mir aus dem _Germinal Zolas_, in dem die Kinder

aufgefordert werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund -- _chien_ --

enthält in seinem Namen einen Anklang an die größere Funktion (_chier_,

wie _pisser_ für die kleinere). Nun werden wir bald das Unanständige in

allen drei Aggregatzuständen beisammen haben; denn im selben _Germinal_,

der mit der künftigen Revolution genug zu tun hat, ist ein ganz

eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich auf die Produktion

gasförmiger Exkretionen, _Flatus_ genannt, bezieht(74). Und nun muß ich

bemerken, wie der Weg zu diesen Flatus seit langem angelegt ist, von den

_Blumen_ aus über das _spanische_ Verslein, die _Isabelita_, zu

_Isabella_ und _Ferdinand_, über _Heinrich VIII._, die englische

Geschichte zum Kampfe der Armada gegen _England_, nach dessen

siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille prägten mit der

Inschrift: _Afflavit_ et dissipati sunt, da der Sturmwind die spanische

Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber zur halb

scherzhaft gemeinten Überschrift des Kapitels »Therapie« zu nehmen, wenn

ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von meiner Auffassung

und Behandlung der Hysterie zu geben.

(74) Nicht im _Germinal_, sondern in _La Terre_. Ein Irrtum, der mir

erst nach der Analyse bemerklich wird. -- Ich mache übrigens auf die

identischen Buchstaben in #Huflattich# und #Flatus# aufmerksam.

Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so ausführliche

Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der Zensur. Ich setze

mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener Revolutionszeit,

der auch ein Abenteuer mit einem _Adler_ gehabt, an incontinentia alvi

gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube, _ich wäre nicht berechtigt,

hier_ die Zensur _zu passieren_, obwohl ein _Hofrat_ (_Aula_,

consiliarius _aulicus_) mir den größeren Teil jener Geschichten erzählt

hat. Die Reihe von Zimmern im Traume verdankt ihre Anregung dem

Salonwagen Sr. Exzellenz, in den ich einen Moment hineinblicken konnte;

sie bedeutet aber, wie so häufig im Traume, _Frauenzimmer_ (ärarische

Frauenzimmer). Mit der Person der Haushälterin statte ich einer

geistreichen älteren Dame schlechten Dank für die Bewirtung und die

vielen guten Geschichten ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind.

-- Der Zug mit der Lampe geht auf _Grillparzer_ zurück, der ein

reizendes Erlebnis ähnlichen Inhaltes notiert und dann in _Hero_ und

_Leander_ (des _Meeres_ und der Liebe _Wellen_ -- die _Armada_ und der

_Sturm_) verwendet hat(75).

(75) An diesem Teil des Traumes hat H. _Silberer_ in einer

inhaltsreichen Arbeit (Phantasie und Mythos, 1910) zu zeigen versucht,

daß die Traumarbeit nicht nur die latenten Traumgedanken, sondern auch

die psychischen Vorgänge bei der Traumbildung wiederzugeben vermöge.

(»Das funktionale Phänomen«.) Ich meine aber, er übersieht dabei, daß

die »psychischen Vorgänge bei der Traumbildung« für mich ein

Gedanken_material_ sind wie alles andere. In diesem übermütigen Traum

bin ich offenbar stolz darauf, diese Vorgänge entdeckt zu haben.

Infantile Wurzeln des revolutionären Traumes.

Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke muß ich

zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen, die zu den

beiden Kinderszenen führen, um deren Willen ich den Traum überhaupt

aufgenommen habe. Man wird mit Recht vermuten, daß es sexuelles Material

ist, welches mich zu dieser Unterdrückung nötigt; man braucht sich aber

mit dieser Aufklärung nicht zufrieden zu geben. Man macht doch sich

selbst aus vielem kein Geheimnis, was man vor anderen als Geheimnis

behandeln muß, und hier handelt es sich nicht um die Gründe, die mich

nötigen, die Lösung zu verbergen, sondern um die Motive der inneren

Zensur, welche den eigentlichen Inhalt des Traumes vor mir selbst

verstecken. Ich muß also darum sagen, daß die Analyse diese drei

Traumstücke als impertinente Prahlereien, als Ausfluß eines

lächerlichen, in meinem wachen Leben längst unterdrückten Größenwahnes

erkennen läßt, der sich mit einzelnen Ausläufern bis in den manifesten

Trauminhalt wagt (_ich komme mir schlau vor_), allerdings die übermütige

Stimmung des Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei

zwar auf allen Gebieten; so geht die Erwähnung von _Graz_ auf die

Redensart: _Was kostet Graz?_ in der man sich gefällt, wenn man sich

überreich mit _Geld_ versehen glaubt. Wer an Meister _Rabelais_'

unübertroffene Schilderung von dem Leben und Taten des _Gargantua_ und

seines Sohnes _Pantagruel_ denken will, wird auch den angedeuteten

Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können.

Zu den zwei versprochenen Kinderszenen gehört aber folgendes: Ich hatte

für diese Reise einen _neuen_ Koffer gekauft, dessen Farbe, ein

_Braunviolett_, im Traume mehrmals auftritt (_violettbraune_ Veilchen

aus starrem Stoffe neben einem Dinge, das man »Mädchenfänger« heißt --

die Möbel in den Regierungszimmern). Daß man mit etwas _Neuem_ den

_Leuten auffällt_, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun ist mir folgende

Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren Erinnerung ersetzt

ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich soll -- im Alter von zwei

Jahren -- noch gelegentlich das _Bett naß_ gemacht haben, und als ich

dafür Vorwürfe zu hören bekam, den Vater durch das Versprechen

_getröstet_ haben, daß ich ihm in N. (der nächsten größeren Stadt) ein

_neues_ schönes, _rotes_ Bett kaufen werde. (Daher im Traume die

Einschaltung, daß wir das _Glas in der Stadt gekauft haben_ oder _kaufen

mußten_; was man versprochen hat, _muß_ man halten.) (Man beachte

übrigens die Zusammenstellung des männlichen Glases und des weiblichen

Koffers, box.) Der ganze Größenwahn des Kindes ist in diesem Versprechen

enthalten. Die Bedeutung der Harnschwierigkeiten des Kindes für den

Traum ist uns bereits bei einer früheren Traumdeutung (vgl. den Traum

p. 151) aufgefallen. Aus den Psychoanalysen an Neurotischen haben wir

auch den intimen Zusammenhang des Bettnässens mit dem Charakterzug des

Ehrgeizes erkannt.

Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als ich sieben

oder acht Jahre alt war, an den ich mich sehr wohl erinnere. Ich setzte

mich abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der Diskretion hinweg,

Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in deren Anwesenheit zu

verrichten, und der Vater ließ in seiner Strafrede darüber die Bemerkung

fallen: aus dem Buben wird nichts werden. Es muß eine furchtbare

Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen sein, denn Anspielungen an diese

Szene kehren immer in meinen Träumen wieder und sind regelmäßig mit

Aufzählung meiner Leistungen und Erfolge verknüpft, als wollte ich

sagen: Siehst du, ich bin doch etwas geworden. Diese Kinderszene gibt

nun den Stoff für das letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur

Rache die Rollen vertauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater,

da die Blindheit auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet(76),

uriniert jetzt vor mir wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom mahne ich

ihn an das Kokain, das ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich

damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich mich über ihn lustig;

weil er blind ist, muß ich ihm das _Glas_ vorhalten und schwelge in

Anspielungen auf meine Erkenntnisse in der Lehre von der Hysterie, auf

die ich stolz bin(77).

(76) Andere Deutung: Er ist einäugig wie _Odhin_, der Göttervater. --

_Odhins Trost._ -- Der _Trost_ aus der Kinderszene, daß ich ihm ein

neues Bett kaufen werde.

(77) Dazu einiges Deutungsmaterial: Das Vorhalten des Glases erinnert

an die Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas

versucht, aber nicht lesen kann. -- (Bauern_fänger_ -- Mädchen_fänger_

im vorigen Traumstück.) -- Die Behandlung des schwachsinnig gewordenen

Vaters bei den Bauern in _Zolas_ La Terre. -- Die traurige Genugtuung,

daß der Vater in seinen letzten Lebenstagen wie ein Kind das Bett

beschmutzt hat; daher bin ich im Traume sein Krankenpfleger. --

»Denken und Erleben sind hier gleichsam eins« erinnert an ein stark

revolutionäres Buchdrama von _Oskar Panizza_, in dem Gottvater als

paralytischer Greis schmählich genug behandelt wird; dort heißt es:

Wille und Tat sind bei ihm eins, und er muß von seinem Erzengel, einer

Art Ganymed, abgehalten werden zu schimpfen und zu fluchen, weil diese

Verwünschungen sich sofort erfüllen würden. -- Das _Plänemachen_ ist

ein aus späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf gegen den Vater,

wie überhaupt der ganze rebellische, majestätsbeleidigende und die

hohe Obrigkeit verhöhnende Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den

Vater zurückgeht. Der Fürst heißt Landesvater, und der Vater ist die

älteste, erste, für das Kind einzige Autorität, aus dessen

Machtvollkommenheit im Laufe der menschlichen Kulturgeschichte die

anderen sozialen Obrigkeiten hervorgegangen sind (insofern nicht das

»Mutterrecht« zur Einschränkung dieses Satzes nötigt.) -- Die Fassung

im Traume »Denken und Erleben sind Eins«, zielt auf die Erklärung der

hysterischen Symptome, zu der auch das _männliche Glas_ eine Beziehung

hat. Einem Wiener brauchte ich das _Prinzip des »Gschnas«_ nicht

auseinanderzusetzen; es besteht darin, Gegenstände von seltenem und

wertvollem Ansehen aus trivialem, am liebsten komischem und wertlosem

Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus Kochtöpfen, Strohwischen

und Salzstangeln, wie es unsere Künstler an ihren lustigen Abenden

lieben. Ich hatte nun gemerkt, daß die Hysterischen es ebenso machen;

neben dem, was ihnen wirklich zugestoßen ist, gestalten sie sich

unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phantasiebegebenheiten, die sie

aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens aufbauen. An

diesen Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den Erinnerungen

der wirklichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder

gleichfalls harmlos. Diese Aufklärung hatte mir über viele

Schwierigkeiten hinweggeholfen und machte mir viel Freude. Ich konnte

sie mit dem Traumelement des »_männlichen Glases_« andeuten, weil mir

von dem letzten »Gschnasabend« erzählt worden war, es sei dort ein

Giftbecher der Lukretia Borgia ausgestellt gewesen, dessen Kern und

Hauptbestandteil ein _Uringlas_ für Männer, wie es in den Spitälern

gebräuchlich ist, gebildet hätte.

Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohnedies mit dem

Thema der Größensucht eng verbunden sind, so kam ihrer Erweckung auf der

Reise nach Aussee noch der zufällige Umstand zu gute, daß mein Coupé

kein Klosett besaß, und ich vorbereitet sein mußte, während der Fahrt in

Verlegenheit zu kommen, was dann am Morgen auch eintraf. Ich erwachte

dann mit den Empfindungen des körperlichen Bedürfnisses. Ich meine, man

könnte geneigt sein, diesen Empfindungen die Rolle des eigentlichen

Traumerregers zuzuweisen, würde aber einer anderen Auffassung den Vorzug

geben, nämlich daß die Traumgedanken erst den Harndrang hervorgerufen

haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgend ein

Bedürfnis im Schlafe gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses

Erwachens, ¾3 Uhr morgens. Einem weiteren Einwand begegne ich durch die

Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter bequemeren Verhältnissen

fast niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen verspürt habe.

Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Schaden unentschieden lassen.

Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse aufmerksam

gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren Deutung zunächst

vollständig erscheint, weil Traumquellen und Wunscherreger leicht

nachweisbar sind, -- daß auch von solchen Träumen wichtige Gedankenfäden

ausgehen, die bis in die früheste Kindheit hineinreichen, habe ich mich

fragen müssen, ob nicht auch in diesem Zuge eine wesentliche Bedingung

des Träumens gegeben ist. Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern

dürfte, so käme jedem Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung

an das rezent Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung

an das älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie

wirklich zeigen kann, daß es in gutem Sinne bis auf die Gegenwart rezent

geblieben ist. Diese Vermutung erscheint aber noch recht schwer

erweislich; ich werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester

Kindheitserlebnisse für die Traumbildung noch in anderem Zusammenhang

(Abschnitt VII) zurückkommen müssen.

Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traumgedächtnisses

hat sich uns die eine -- die Bevorzugung des Nebensächlichen im

Trauminhalt -- durch ihre Zurückführung auf die _Traumentstellung_

befriedigend gelöst. Die beiden anderen, die Auszeichnung des Rezenten

wie des Infantilen haben wir bestätigen, aber nicht aus den Motiven des

Träumens ableiten können. Wir wollen diese beiden Charaktere, deren

Erklärung oder Verwertung uns erübrigt, im Gedächtnis behalten; sie

werden anderswo ihre Einreihung finden müssen, entweder in der

Psychologie des Schlafzustandes oder bei jenen Erwägungen über den

Aufbau des seelischen Apparates, die wir später anstellen werden, wenn

wir gemerkt haben, daß man durch die Traumdeutung wie durch eine

Fensterlücke in das Innere desselben einen Blick werfen kann.

Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber gleich hier

hervorheben. Der Traum erscheint häufig _mehrdeutig_; es können nicht

nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunscherfüllungen nebeneinander in

ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine Wunscherfüllung die

andere decken, bis man zu unterst auf die Erfüllung eines Wunsches aus

der ersten Kindheit stößt; und auch hier wieder die Erwägung, ob in

diesem Satze das »häufig« nicht richtiger durch »regelmäßig« zu ersetzen

ist(78).

(78) Die Übereinanderschichtung der Bedeutungen des Traumes ist eines

der heikelsten, aber auch inhaltsreichsten Probleme der Traumdeutung.

Wer an diese Möglichkeit vergißt, wird leicht irregehen und zur

Aufstellung unhaltbarer Behauptungen über das Wesen des Traumes

verleitet werden. Doch sind über dieses Thema noch viel zu wenige

Untersuchungen angestellt worden. Bisher hat nur die ziemlich

regelmäßige Symbolschichtung im Harnreiztraume eine gründliche

Würdigung durch O. _Rank_ erfahren (s. u. p. 291).

c) _Die somatischen Traumquellen_.

Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die Probleme des

Träumens zu interessieren, und in dieser Absicht die Frage an ihn

richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner Meinung die Träume

herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte im gesicherten Besitze

eines Teiles der Lösung zu sein vermeint. Er gedenkt sofort des

Einflusses, den gestörte oder beschwerte Verdauung (»Träume kommen aus

dem Magen«), zufällige Körperlage und kleine Erlebnisse während des

Schlafens auf die Traumbildung äußern, und scheint nicht zu ahnen, daß

nach Berücksichtigung all dieser Momente etwas der Erklärung Bedürftiges

noch erübrigt.

Die somatischen Traumquellen nach den Autoren.

Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Literatur den

somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im einleitenden Abschnitt

(p. 16 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir uns hier nur

an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern brauchen. Wir haben

gehört, daß dreierlei somatische Reizquellen unterschieden werden, die

von äußeren Objekten ausgehenden objektiven Sinnesreize, die nur

subjektiv begründeten inneren Erregungszustände der Sinnesorgane und die

aus dem Körperinnern stammenden Leibreize, und wir haben die Neigung der

Autoren bemerkt, neben diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische

Quellen des Traumes in den Hintergrund zu drängen oder ganz

auszuschalten (p. 31). Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu gunsten

dieser Klassen von somatischen Reizquellen erhoben werden, haben wir

erfahren, daß die Bedeutung der objektiven Sinnesorganerregungen --

teils zufällige Reize während des Schlafes, teils solche, die sich auch

vom schlafenden Seelenleben nicht fern halten lassen -- durch zahlreiche

Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine

Bestätigung erfährt (p. 19), daß die Rolle der subjektiven

Sinneserregungen durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbilder in

den Träumen (p. 24) dargetan erscheint, und daß die im weitesten Umfang

angenommene Zurückführung unserer Traumbilder und Traumvorstellungen auf

inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen Breite beweisbar ist, aber

sich an die allbekannte Beeinflussung anlehnen kann, welche der

Erregungszustand der Digestions-, Harn- und Sexualorgane auf den Inhalt

unserer Träume ausübt.

»_Nervenreiz_« und »_Leibreiz_« wären also die somatischen Quellen des

Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen Quellen des Traumes

überhaupt.

Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör geschenkt,

welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die Zulänglichkeit der

somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen.

So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tatsächlichen

Grundlagen fühlen mußten -- zumal soweit die akzidentellen und äußeren

Nervenreize in Betracht kommen, die im Trauminhalt wiederzufinden

keinerlei Mühe erfordert --, so blieb doch keiner der Einsicht fern, daß

der reiche Vorstellungsinhalt der Träume eine Ableitung aus den äußeren

Nervenreizen allein wohl nicht zulasse. _Miß Mary Whiton Calkins_ hat

ihre eigenen Träume und die einer zweiten Person durch sechs Wochen

hindurch von diesem Gesichtspunkte aus geprüft und nur 13.2% respektive

6.7% gefunden, in denen das Element äußerer Sinneswahrnehmung

nachweisbar war; nur zwei Fälle der Sammlung ließen sich auf organische

Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was uns

bereits eine flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen hatte

vermuten lassen.

Man beschied sich vielfach, den »Nervenreiztraum« als eine gut

erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen hervorzuheben.

_Spitta_ trennte die Träume in _Nervenreiz-_ und _Assoziationstraum_. Es

war aber klar, daß die Lösung unbefriedigend blieb, solange es nicht

gelang, das Band zwischen den somatischen Traumquellen und dem

Vorstellungsinhalt des Traumes nachzuweisen.

Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der Häufigkeit der

äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die Unzulänglichkeit in

der Aufklärung des Traumes, die durch die Einführung dieser Art von

Traumquellen zu erreichen ist. Die Vertreter der Lehre sind uns zwei

solcher Aufklärungen schuldig, erstens warum der äußere Reiz im Traume

nicht in seiner wirklichen Natur erkannt, sondern regelmäßig verkannt

wird (vgl. die Weckerträume, p. 21), und zweitens warum das Resultat der

Reaktion der wahrnehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so

unbestimmbar wechselvoll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage

haben wir von _Strümpell_ gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung

von der Außenwelt während des Schlafens nicht im stande ist, die

richtige Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt

wird, auf Grund der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung

Illusionen zu bilden, in seinen Worten ausgedrückt (p. 108):

»Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während des Schlafes

in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungskomplex, ein Gefühl,

überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und von der Seele perzipiert

wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der Seele vom Wachen her

verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungsbilder, also frühere

Wahrnehmungen, entweder nackt oder mit zugehörigen psychischen Werten

hervor. Er sammelt gleichsam um sich eine größere oder kleinere Anzahl

solcher Bilder, durch welche der vom Nervenreiz herrührende Eindruck

seinen psychischen Wert bekommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es

der Sprachgebrauch für das wache Verhalten tut, daß die Seele im Schlafe

die Nervenreizeindrücke _deute_. Das Resultat dieser Deutung ist der

sogenannte _Nervenreiztraum_, d. h. ein Traum, dessen Bestandteile

dadurch bedingt sind, daß ein Nervenreiz nach den Gesetzen der

Reproduktion seine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht.«

In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung von

_Wundt_, die Vorstellungen des Traumes gehen jedenfalls zum größten Teil

von Sinnesreizen aus, namentlich auch von solchen des allgemeinen

Sinnes, und sind daher zumeist phantastische Illusionen, wahrscheinlich

nur zum kleineren Teil reine, zu Halluzinationen gesteigerte

Erinnerungsvorstellungen. Für das Verhältnis des Trauminhaltes zu den

Traumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt, findet _Strümpell_

das treffliche Gleichnis (p. 84), es sei, wie »wenn die zehn Finger

eines der Musik ganz unkundigen Menschen über die Tasten des Instruments

hinlaufen«. Der Traum erschiene so nicht als ein seelisches Phänomen,

aus psychischen Motiven entsprungen, sondern als der Erfolg eines

physiologischen Reizes, der sich in psychischer Symptomatologie äußert,

weil der vom Reize betroffene Apparat keiner anderen Äußerung fähig ist.

Auf eine ähnliche Voraussetzung ist z. B. die Erklärung der

Zwangsvorstellungen aufgebaut, die _Meynert_ durch das berühmte

Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem einzelne Zahlen stärker gewölbt

vorspringen, zu geben versuchte.

So beliebt diese Lehre von den somatischen Traumreizen geworden ist und

so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch leicht, den schwachen

Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische Traumreiz, welcher im Schlafe

den seelischen Apparat zur Deutung durch Illusionsbildung auffordert,

kann ungezählt viele solcher Deutungsversuche anregen, also in ungemein

verschiedenen Vorstellungen seine Vertretung im Trauminhalt

erreichen(79). Die Lehre von _Strümpell_ und _Wundt_ ist aber unfähig,

irgend ein Motiv anzugeben, welches die Beziehung zwischen dem äußeren

Reiz und der zu seiner Deutung gewählten Traumvorstellung regelt, also

die »sonderbare Auswahl« zu erklären, welche die Reize »oft genug bei

ihrer reproduktiven Wirksamkeit treffen«. (_Lipps_, Grundtatsachen des

Seelenlebens, p. 170.) Andere Einwendungen richten sich gegen die

Grundvoraussetzung der ganzen Illusionslehre, daß die Seele im Schlafe

nicht in der Lage sei, die wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu

erkennen. Der alte Physiologe _Burdach_ beweist uns, daß die Seele auch

im Schlafe sehr wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke

richtig zu deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem er

ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende

Sinneseindrücke von der Vernachlässigung während des Schlafes ausnehmen

kann (Amme und Kind), und daß man durch den eigenen Namen weit sicherer

geweckt wird als durch einen gleichgültigen Gehörseindruck, was ja

voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe zwischen den Sensationen

unterscheidet (Abschnitt I, p. 39/40). _Burdach_ folgert aus diesen

Beobachtungen, daß während des Schlafzustandes nicht eine Unfähigkeit,

die Sinnesreize zu deuten, sondern ein _Mangel an Interesse für sie_

anzunehmen ist. Die nämlichen Argumente, die _Burdach_ 1830 verwendet,

kehren dann zur Bekämpfung der somatischen Reiztheorie unverändert bei

_Lipps_ im Jahre 1883 wieder. Die Seele erscheint uns demnach wie der

Schläfer in der Anekdote, der auf die Frage »Schläfst du« antwortet

»Nein«, nach der zweiten Anrede, »dann leih' mir zehn Gulden« aber sich

hinter der Ausrede verschanzt: »Ich schlafe«.

(79) Ich möchte jedermann raten, die in zwei Bänden gesammelten,

ausführlichen und genauen Protokolle experimentell erzeugter Träume

von _Mourly Vold_ durchzulesen, um sich zu überzeugen, wie wenig

Aufklärung der Inhalt des einzelnen Traumes in den angegebenen

Versuchsbedingungen findet, und wie gering überhaupt der Nutzen

solcher Experimente für das Verständnis der Traumprobleme ist.

Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traumreizen läßt sich

auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung zeigt, daß ich durch

äußere Reize nicht zum Träumen genötigt werde, wenngleich diese Reize im

Trauminhalt erscheinen, sobald und für den Fall, daß ich träume. Gegen

einen Haut- oder Druckreiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir

verschiedene Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim

Erwachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm gedrückt war;

die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, daß

verschiedenartige und kräftig erregende Empfindungs- und Bewegungsreize

während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die Sensation während

des Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf hindurch, wie es in

der Regel mit schmerzhaften Reizen geschieht, aber ohne den Schmerz in

einen Traum zu verweben; und ich kann drittens auf den Reiz erwachen, um

ihn zu beseitigen. Erst eine vierte mögliche Reaktion ist, daß ich durch

den Nervenreiz zum Traum veranlaßt werde; die anderen Möglichkeiten

werden aber mindestens ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung.

Dies könnte nicht geschehen, wenn nicht das _Motiv des Träumens

außerhalb der somatischen Reizquellen läge_.

Die _Scherner_sche Leibreiztheorie.

In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der Erklärung

des Traumes durch somatische Reize haben nun andere Autoren --

_Scherner_, dem der Philosoph _Volkelt_ sich anschloß -- die

Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen die bunten

Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, also doch

wieder das Wesen des Träumens ins Seelische und in eine psychische

Aktivität verlegt. _Scherner_ gab nicht nur eine poetisch

nachempfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen

Eigentümlichkeiten, die sich bei der Traumbildung entfalten; er glaubte

auch das Prinzip erraten zu haben, nach dem die Seele mit den ihr

dargebotenen Reizen verfährt. In freier Betätigung der ihrer

Tagesfesseln entledigten Phantasie strebt nach _Scherner_ die

Traumarbeit dahin, die Natur des Organs, von dem der Reiz ausgeht, und

die Art dieses Reizes _symbolisch_ darzustellen. Es ergibt sich so eine

Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume, mittels dessen

aus Traumbildern auf Körpergefühle, Organzustände und Reizzustände

geschlossen werden darf. »So drückt das Bild der Katze die ärgerliche

Mißstimmung des Gemütes aus, das Bild des hellen und glatten Gebäcks die

Leibesnacktheit. Der menschliche Leib als Ganzes wird von der

Traumphantasie als Haus vorgestellt, das einzelne Körperorgan durch

einen Teil des Hauses. In den ›Zahnreizträumen‹ entspricht dem Mundorgan

ein hochgewölbter Hausflur und dem Hinabfall des Schlundes zur

Speiseröhre eine Treppe, im ›Kopfschmerztraum‹ wird zur Bezeichnung der

Höhenstellung des Kopfes die Decke eines Zimmers gewählt, welche mit

ekelhaften, krötenartigen Spinnen bedeckt ist« (p. 39). »Diese Symbole

werden vom Traume in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ

verwendet; so findet die atmende Lunge in dem flammenerfüllten Ofen mit

seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und Körben, die

Harnblase in runden, beutelförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten

Gegenständen. Besonders wichtig ist es, daß am Schlusse des Traumes

öfter das erregende Organ oder dessen Funktion unverhüllt hingestellt

wird, und zwar zumeist an dem eigenen Leibe des Träumers. So endet der

›Zahnreiztraum‹ gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus

dem Munde zieht« (p. 35). Man kann nicht sagen, daß diese Theorie der

Traumdeutung viel Gunst bei den Autoren gefunden hat. Sie erschien vor

allem extravagant; man hat selbst gezögert, das Stück Berechtigung

herauszufinden, das sie nach meinem Urteil beanspruchen darf. Sie führt,

wie man sieht, zur Wiederbelebung der Traumdeutung mittels _Symbolik_,

deren sich die Alten bedienten, nur daß das Gebiet, aus welchem die

Deutung geholt werden soll, auf den Umfang der menschlichen Leiblichkeit

beschränkt wird. Der Mangel einer wissenschaftlich faßbaren Technik bei

der Deutung muß die Anwendbarkeit der _Scherner_schen Lehre schwer

beeinträchtigen. Willkür in der Traumdeutung scheint keineswegs

ausgeschlossen, zumal da auch hier ein Reiz sich in mehrfachen

Vertretungen im Trauminhalt äußern kann; so hat bereits _Scherners_

Anhänger _Volkelt_ die Darstellung des Körpers als Haus nicht bestätigen

können. Es muß auch Anstoß erregen, daß hier wiederum der Seele die

Traumarbeit als nutz- und ziellose Betätigung auferlegt ist, da sich

doch nach der in Rede stehenden Lehre die Seele damit begnügt, über den

sie beschäftigenden Reiz zu phantasieren, ohne daß etwas wie eine

Erledigung des Reizes in der Ferne winkte.

Von einem Einwand aber wird die _Scherner_sche Lehre der Symbolisierung

von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen. Diese Leibreize sind

jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach allgemeiner Annahme

während des Schlafens zugänglicher als im Wachen. Man versteht dann

nicht, warum die Seele nicht kontinuierlich die Nacht hindurch träumt,

und zwar jede Nacht von allen Organen. Will man sich diesem Einwand

durch die Bedingung entziehen, es müßten vom Auge, Ohre, von den Zähnen,

Därmen usw. besondere Erregungen ausgehen, um die Traumtätigkeit zu

wecken, so steht man vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als

objektiv zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich

ist. Wenn der Traum vom Fliegen eine Symbolisierung des Auf- und

Niedersteigens der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so müßte

entweder dieser Traum, wie schon _Strümpell_ bemerkt, weit häufiger

geträumt werden oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit während dieses

Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall möglich, der

wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise besondere Motive

wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen viszeralen Sensationen

Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt bereits über die

_Scherner_sche Theorie hinaus.

Der Wert der Erörterungen von _Scherner_ und _Volkelt_ liegt darin, daß

sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes aufmerksam machen,

welche der Erklärung bedürftig sind und neue Erkenntnisse zu verdecken

scheinen. Es ist ganz richtig, daß in den Träumen Symbolisierungen von

Körperorganen und Funktionen enthalten sind, daß Wasser im Traume häufig

auf Harnreiz deutet, daß das männliche Genitale durch einen aufrecht

stehenden Stab oder eine Säule dargestellt werden kann usw. In Träumen,

welche ein sehr bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende Farben zeigen, im

Gegensatz zu der Mattigkeit anderer Träume, kann man die Deutung als

»Gesichtsreiztraum« kaum abweisen, ebensowenig den Beitrag der

Illusionsbildung in Träumen bestreiten, welche Lärm und Stimmengewirr

enthalten. Ein Traum, wie der von _Scherner_, daß zwei Reihen schöner

blonder Knaben auf einer Brücke einander gegenüberstehen, sich

gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen, bis

endlich der Träumer sich auf eine Brücke setzt und einen langen Zahn aus

seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von _Volkelt_, in dem zwei

Reihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der wiederum mit dem

Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen bei beiden Autoren in großer

Fülle mitgeteilte Traumbildungen lassen es nicht zu, daß man die

_Scherner_sche Theorie als müßige Erfindung bei Seite wirft, ohne nach

ihrem guten Kerne zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe, für die

vermeintliche Symbolisierung des angeblichen Zahnreizes eine

andersartige Aufklärung zu erbringen.

Die somatischen Reize als rezentes Material behandelt.

Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den

somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument

geltend zu machen, welches sich aus unseren Traumanalysen ableitet. Wenn

wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material an Träumen

nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der Traum einen ihm

eigenen Wert als psychische Aktion besitzt, daß ein Wunsch das Motiv

seiner Bildung wird, und daß die Erlebnisse des Vortages das nächste

Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede andere Traumlehre,

welche ein so wichtiges Untersuchungsverfahren vernachlässigt und

dementsprechend den Traum als eine nutzlose und rätselhafte psychische

Reaktion auf somatische Reize erscheinen läßt, auch ohne besondere

Kritik gerichtet. Es müßte denn, was sehr unwahrscheinlich ist, zwei

ganz verschiedene Arten von Träumen geben, von denen die eine nur uns,

die andere nur den früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist.

Es erübrigt nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuchliche

Lehre von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung

innerhalb unserer Traumlehre zu verschaffen.

Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den Satz

aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle

gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu verarbeiten

(p. 136). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucksfähige Erlebnisse

vom Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen sich ergebenden Wünsche

in einem Traume vereinigt werden, desgleichen, daß zum Traummaterial der

psychisch wertvolle Eindruck und die indifferenten Erlebnisse des

Vortages zusammentreten, vorausgesetzt, daß sich kommunizierende

Vorstellungen zwischen beiden herstellen lassen. Der Traum erscheint

somit als Reaktion auf alles, was in der schlafenden Psyche gleichzeitig

als aktuell vorhanden ist. Soweit wir also das Traummaterial bisher

analysiert haben, erkannten wir es als eine Sammlung von psychischen

Resten, Erinnerungsspuren, denen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten

und des infantilen Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren

Charakter von Aktualität zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht

viel Verlegenheit, vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen

Erinnerungsaktualitäten neues Material an Sensationen während des

Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine

Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind; sie werden mit

den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um das Material für die

Traumbildung abzugeben. Die Reize während des Schlafes werden, um es

anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet, deren andere

Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesreste sind. Diese

Vereinigung _muß_ nicht vollzogen werden; wir haben ja gehört, daß gegen

körperliche Reize während des Schlafes mehr als eine Art des Verhaltens

möglich ist. Wo sie vollzogen wird, da ist es eben gelungen, ein

Vorstellungsmaterial für den Trauminhalt zu finden, welches für

beiderlei Traumquellen, die somatischen wie die psychischen, eine

Vertretung darstellt.

Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den psychischen

Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt eine

Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch das aktuelle

Material bestimmt wird.

Ich will hier gern Raum lassen für eine Reihe von Eigentümlichkeiten,

welche die Bedeutung äußerer Reize für den Traum veränderlich gestalten

können. Ich stelle mir vor, daß ein Zusammenwirken individueller,

physiologischer und zufälliger, in den jeweiligen Umständen gegebener

Momente darüber entscheidet, wie man sich in den einzelnen Fällen von

intensiverer objektiver Reizung während des Schlafes benehmen wird; die

habituelle und akzidentelle Schlaftiefe im Zusammenhalt mit der

Intensität des Reizes wird es das eine Mal ermöglichen, den Reiz so zu

unterdrücken, daß er im Schlafe nicht stört, ein anderes Mal dazu

nötigen, aufzuwachen, oder den Versuch unterstützen, den Reiz durch

Verwebung in einen Traum zu überwinden. Der Mannigfaltigkeit dieser

Konstellationen entsprechend werden äußere objektive Reize bei dem einen

häufiger oder seltener im Traume zum Ausdruck kommen als bei dem

anderen. Bei mir, der ich ein ausgezeichneter Schläfer bin und

hartnäckig daran festhalte, mich durch keinen Anlaß im Schlafe stören zu

lassen, ist die Einmengung äußerer Erregungsursachen in die Träume sehr

selten, während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht zum

Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen Traum

aufgezeichnet, in dem eine objektive, schmerzhafte Reizquelle zu

erkennen ist, und gerade in diesem Traume wird es sehr lehrreich werden,

nachzusehen, welchen Traumerfolg der äußere Reiz gehabt hat.

Der Traum vom Reiten.

_Ich reite auf einem grauen Pferde, zuerst zaghaft und ungeschickt, als

ob ich nur angelehnt wäre. Da begegne ich einem Kollegen P., der im

Lodenanzug hoch zu Roß sitzt und mich an etwas mahnt_ (wahrscheinlich,

_daß ich schlecht sitze_). _Nun finde ich mich auf dem höchst

intelligenten Roß immer mehr zurecht, sitze bequem und merke, daß ich

oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe ich eine Art Polster, das den

Raum zwischen Hals und Croup des Pferdes vollkommen ausfüllt. Ich reite

so knapp zwischen zwei Lastwagen hindurch. Nachdem ich die Straße eine

Strecke weit geritten bin, kehre ich um und will absteigen, zunächst vor

einer kleinen offenen Kapelle, die in der Straßenfront liegt. Dann

steige ich wirklich vor einer ihr nahestehenden ab; das Hotel ist in

derselben Straße; ich könnte das Pferd allein hingehen lassen, ziehe

aber vor, es bis dahin zu führen. Es ist, als ob ich mich schämen würde,

dort als Reiter anzukommen. Vor dem Hotel steht ein Hotelbursche, der

mir einen Zettel zeigt, der von mir gefunden wurde, und mich darum

verspottet. Auf dem Zettel steht, zweimal unterstrichen: Nichts essen

und dann ein zweiter Vorsatz_ (undeutlich) _wie: nichts arbeiten; dazu

eine dumpfe Idee, daß ich in einer fremden Stadt bin, in der ich nichts

arbeite._

Dem Traume wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter dem Einflusse,

unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes entstanden ist. Ich hatte

aber Tags vorher an Furunkeln gelitten, die mir jede Bewegung zur Qual

machten, und zuletzt war ein Furunkel an der Wurzel des Skrotum zur

Apfelgröße herangewachsen, hatte mir bei jedem Schritte die

unerträglichsten Schmerzen bereitet, und fieberhafte Müdigkeit,

Eßunlust, die trotzdem festgehaltene schwere Arbeit des Tages hatten

sich mit den Schmerzen vereint, um meine Stimmung zu stören. Ich war

nicht recht fähig, meinen ärztlichen Aufgaben nachzukommen, aber bei der

Art und bei dem Sitze des Übels ließ sich an eine andere Verrichtung

denken, für die ich sicherlich so untauglich gewesen wäre wie für keine

andere, und diese ist das _Reiten_. Gerade in diese Tätigkeit versetzt

mich nun der Traum; es ist die energischeste Negation des Leidens, die

der Vorstellung zugänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume

auch sonst nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferde

gesessen und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in

diesem Traume reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte,

_nein, gerade weil ich keinen haben will_. Mein Sattel ist der

Beschreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Einschlafen ermöglicht

hat. Wahrscheinlich habe ich durch die ersten Stunden des Schlafes -- so

verwahrt -- nichts von meinem Leiden verspürt. Dann meldeten sich die

schmerzhaften Empfindungen und wollten mich aufwecken, da kam der Traum

und sagte beschwichtigend: »Schlaf doch weiter, du wirst doch nicht

aufwachen! Du hast ja gar keinen Furunkel, denn du reitest ja auf einem

Pferde, und mit einem Furunkel an der Stelle kann man doch nicht

reiten!« Und es gelang ihm so; der Schmerz wurde übertäubt und ich

schlief weiter.

Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die hartnäckige

Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vorstellung, den

Furunkel »abzusuggerieren«, wobei er sich benommen wie der

halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind verloren hat(80),

oder des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen gebracht haben;

sondern die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation und des zu ihrer

Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch als Material, um das, was

sonst in der Seele aktuell vorhanden ist, an die Situation des Traumes

anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen. Ich reite ein _graues_

Pferd, die Farbe des Pferdes entspricht genau dem _pfeffer- und

salzfarbigen_ Dreß, in dem ich dem Kollegen P. zuletzt auf dem Lande

begegnet bin. _Scharf gewürzte_ Nahrung ist mir als die Ursache der

Furunkulose vorgehalten worden, immerhin als Ätiologie dem _Zucker_

vorzuziehen, an den man bei Furunkulose denken kann. Freund P. liebt es,

sich mir gegenüber aufs _hohe Roß_ zu setzen, seitdem er mich bei einer

Patientin abgelöst, mit der ich große _Kunststücke_ ausgeführt hatte

(ich sitze im Traume auf dem Pferde zuerst wie ein _Kunstreiter_

tangential), die mich aber wirklich, wie das Roß in der Anekdote den

Sonntagsreiter, geführt hat, wohin sie wollte. So kommt das Roß zur

symbolischen Bedeutung einer Patientin (es ist im Traume _höchst

intelligent_). »_Ich fühle mich ganz heimisch oben_« geht auf die

Stellung, die ich in dem Hause innehatte, ehe ich durch P. ersetzt

wurde. »_Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im Sattel_«, hat mir mit

Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner wenigen Gönner unter den großen

Ärzten dieser Stadt vor kurzem gesagt. Es war auch ein _Kunststück_, mit

solchen Schmerzen acht bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu

treiben, aber ich weiß, daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden

meine besonders schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen kann, und der

Traum ist voll düsterer Anspielungen auf die Situation, die sich dann

ergeben muß (der Zettel, wie ihn die Neurastheniker haben und dem Arzte

vorzeigen): -- _Nicht arbeiten und nicht essen._ Bei weiterer Deutung

sehe ich, daß es der Traumarbeit gelungen ist, von der Wunschsituation

des Reitens den Weg zu finden zu sehr frühen Kinderstreitszenen, die

sich zwischen mir und einem jetzt in England lebenden, übrigens um ein

Jahr älteren Neffen abgespielt haben mußten. Außerdem hat er Elemente

aus meinen Reisen in Italien aufgenommen; die Straße im Traume ist aus

Eindrücken von Verona und von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer gehende

Deutung führt zu sexuellen Traumgedanken, und ich erinnere mich, was bei

einer Patientin, die nie in Italien war, die Traumanspielungen an das

schöne Land bedeuten sollten (gen Italien -- Genitalien), nicht ohne

Anknüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P. Arzt war,

und an die Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt.

(80) Vergleiche die Stelle bei _Griesinger_ und die Bemerkung in

meinem zweiten Aufsatz über die _Abwehr-Psychoneurosen_,

Neurologisches Zentralblatt 1896.

Der Wunsch, den Schlaf fortzusetzen.

In einem anderen Traume gelang es mir auf ähnliche Weise, eine _diesmal_

von einer Sinnesreizung drohende Schlafstörung abzuwehren, aber es war

nur ein Zufall, der mich in den Stand setzte, den Zusammenhang des

Traumes mit dem zufälligen Traumreiz zu entdecken, und solcher Art den

Traum zu verstehen. Eines Morgens erwachte ich, es war im Hochsommer in

einem tirolischen Höhenort, mit dem Wissen, geträumt zu haben: _Der

Papst ist gestorben._ Die Deutung dieses kurzen, nicht visuellen Traumes

gelang mir nicht. Ich erinnerte mich nur der einen Anlehnung für den

Traum, daß in der Zeitung kurze Zeit vorher ein leichtes Unwohlsein Sr.

Heiligkeit gemeldet worden war. Aber im Laufe des Vormittags fragt meine

Frau: »Hast du heute morgens das fürchterliche Glockenläuten gehört?«

Ich wußte nichts davon, daß ich es gehört hatte, aber ich verstand jetzt

meinen Traum. Er war die Reaktion meines Schlafbedürfnisses auf den Lärm

gewesen, durch den die frommen Tiroler mich wecken wollten. Ich rächte

mich an ihnen durch die Folgerung, die den Inhalt des Traumes bildet,

und schlief nun ganz ohne Interesse für das Geläute weiter.

Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen fänden sich

bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung sogenannter

Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in vollen Zügen ist ein

solcher; in ihm ist der somatische Reiz anscheinend die einzige

Traumquelle, der aus der Sensation entspringende Wunsch -- der Durst --

das einzige Traummotiv. Ähnlich ist es in anderen einfachen Träumen,

wenn der somatische Reiz für sich allein einen Wunsch zu bilden vermag.

Der Traum der Kranken, die nachts den Kühlapparat von der Wange abwirft,

zeigt eine ungewöhnliche Art, auf Schmerzensreize mit einer

Wunscherfüllung zu reagieren; es scheint, daß es der Kranken

vorübergehend gelungen war, sich analgisch zu machen, wobei sie ihre

Schmerzen einem Fremden zuschob.

Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hungertraum, aber er

weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht des Kindes nach der

Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose Begierde zur Decke für

eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt äußern darf, zu benutzen. Im

Traume vom Grafen _Thun_ konnten wir sehen, auf welchen Wegen ein

akzidentell gegebenes körperliches Bedürfnis mit den stärksten, aber

auch stärkst unterdrückten Regungen des Seelenlebens in Verbindung

gebracht wird. Und wenn, wie in dem von _Garnier_ berichteten Falle, der

erste Konsul das Geräusch der explodierenden Höllenmaschine in einen

Schlachtentraum verwebt, ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin

ganz besonders klar das Bestreben, in dessen Dienst die Seelentätigkeit

sich überhaupt um die Sensationen während des Schlafens kümmert. Ein

junger Advokat, der voll von seinem ersten großen Konkurs des

Nachmittags einschläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der große

Napoleon. Er träumt von einem gewissen G. Reich in _Hussiatyn_, den er

aus dem Konkurs kennt, aber _Hussiatyn_ drängt sich weiter gebieterisch

auf; er muß erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchialkatarrh

leidet, heftig -- husten.

Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein

ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen

Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse ins

Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und dann mit der Motivierung

weiterschläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht

aufzustehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer

Bequemlichkeitstraum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines

Träumens unverhohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des

Träumens überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume --

_Bequemlichkeitsträume_; sie dienen der Absicht, den Schlaf

fortzusetzen, anstatt zu erwachen. _Der Traum ist der Wächter des

Schlafes, nicht sein Störer._ Gegen die psychisch erweckenden Momente

werden wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre

Anwendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren Reize können wir hier

bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt nicht um

die Anlässe zu Sensationen während des Schlafes, wenn sie dies gegen die

Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung dieser Reize

vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize in Abrede zu

stellen oder zu entwerten, oder drittens, wenn sie dieselben anerkennen

muß, so sucht sie jene Deutung derselben auf, welche die aktuelle

Sensation als einen Teilbestand einer gewünschten und mit dem Schlafen

verträglichen Situation hinstellt. Die aktuelle Sensation wird in einen

Traum verflochten, _um ihr die Realität zu rauben_. Napoleon darf weiter

schlafen; es ist ja nur eine Traumerinnerung an den Kanonendonner von

Arcole, was ihn stören will(81).

(81) Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich

ihn kenne, nicht übereinstimmend erzählt.

_Der Wunsch zu schlafen, auf den sich das bewußte Ich eingestellt hat

und der nebst der Traumzensur(82) dessen Beitrag zum Träumen darstellt,

muß so als Motiv der Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und

jeder gelungene Traum ist eine Erfüllung desselben._ Wie dieser

allgemeine, regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlafwunsch

sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der, bald jener

durch den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegenstand einer anderen

Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch haben wir aber jenes Moment

aufgedeckt, welches die Lücke in der _Strümpell-Wundt_schen Theorie

auszufüllen, die Schiefheit und Launenhaftigkeit in der Deutung des

äußeren Reizes aufzuklären vermag. Die richtige Deutung, deren die

schlafende Seele sehr wohl fähig ist, nähme ein tätiges Interesse in

Anspruch, stellte die Anforderung, dem Schlafe ein Ende zu machen; es

werden darum von den überhaupt möglichen Deutungen nur solche

zugelassen, die mit der absolutistisch geübten Zensur des Schlafwunsches

vereinbar sind. Etwa: Die Nachtigall ist's und nicht die Lerche. Denn

wenn's die Lerche ist, so hat die Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter

den nun zulässigen Deutungen des Reizes wird dann jene ausgewählt,

welche die beste Verknüpfung mit den in der Seele lauernden

Wunschanregungen erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und

nichts der Willkür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion,

sondern -- wenn man so will -- Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei

dem Ersatz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzensur, ein Akt der

Beugung des normalen psychischen Vorganges zuzugeben.

(82) (und der später zu erwähnenden »sekundären Bearbeitung«).

Verwertung peinlicher Sensationen zur Erfüllung verdrängter Wünsche.

Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv genug sind, um

sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen sie -- falls

überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist -- einen festen

Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern im Traummaterial, zu dem eine

entsprechende Wunscherfüllung in ähnlicher Weise gesucht wird, wie

(siehe oben) die vermittelnden Vorstellungen zwischen zwei psychischen

Traumreizen. Es ist insofern für eine Anzahl von Träumen richtig, daß in

ihnen das somatische Element den Trauminhalt kommandiert. In diesem

extremen Falle wird selbst behufs der Traumbildung ein gerade nicht

aktueller Wunsch geweckt. Der Traum kann aber nicht anders, als einen

Wunsch in einer Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor

die Aufgabe gestellt, zu suchen, welcher Wunsch durch die nun aktuelle

Sensation als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies aktuelle

Material von schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch

darum zur Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch

über Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Widerspruch

scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein zweier

psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur

erklärlich wird.

Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben _verdrängte_ Wünsche, die

dem ersten System angehören, gegen deren Erfüllung das zweite System

sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch gemeint, daß es solche

Wünsche gegeben hat und diese dann vernichtet worden sind; sondern die

Lehre von der Verdrängung, deren man in der Psychoneurotik bedarf,

behauptet, daß solche verdrängte Wünsche noch existieren, gleichzeitig

aber eine Hemmung, die auf ihnen lastet. Die Sprache trifft das

Richtige, wenn sie von »_Unterdrücken_« solcher Impulse redet. Die

psychische Veranstaltung, damit solche unterdrückte Wünsche zur

Realisierung durchdringen, bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet

es sich aber, daß ein solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird,

so äußert sich die überwundene Hemmung des zweiten (bewußtseinsfähigen)

Systems als Unlust. Um nun diese Erörterung zu schließen: wenn

Sensationen mit Unlustcharakter im Schlafe aus somatischen Quellen

vorhanden sind, so wird diese Konstellation von der Traumarbeit benutzt,

um die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches -- mit mehr oder

weniger Beibehalt der Zensur -- darzustellen.

Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen, während eine

andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen Traumbildungen einen

anderen Mechanismus erkennen läßt. Die Angst in den Träumen kann nämlich

eine psychoneurotische sein, aus psychosexuellen Erregungen stammen,

wobei die Angst verdrängter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie

der ganze Angsttraum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir

stehen an der Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des Traumes

scheitert. In anderen Angstträumen aber ist die Angstempfindung

somatisch gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herzkranken bei zufälliger

Atembehinderung), und dann wird sie dazu benutzt, solchen energisch

unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu verhelfen, deren

Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angstentbindung zur Folge

gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden scheinbar gesonderten

Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen Bildungen, einer Affektneigung

und einem Vorstellungsinhalt, die innig zusammengehören, hebt die eine,

die aktuell gegeben ist, auch im Traume die andere; bald die somatisch

gegebene Angst den unterdrückten Vorstellungsinhalt, bald der aus der

Verdrängung befreite, mit sexueller Erregung einhergehende

Vorstellungsinhalt die Angstentbindung. Von dem einen Falle kann man

sagen, daß ein somatisch gegebener Affekt psychisch gedeutet wird; im

anderen Falle ist alles psychisch gegeben, aber der unterdrückt gewesene

Inhalt ersetzt sich leicht durch eine zur Angst passende somatische

Deutung. Die Schwierigkeiten, die sich hier für das Verständnis ergeben,

haben mit dem Traume nur wenig zu tun; sie rühren daher, daß wir mit

diesen Erörterungen die Probleme der Angstentwicklung und der

Verdrängung streifen.

Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leiblichkeit gehört

unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung. Nicht daß sie den

Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt den Traumgedanken eine

Auswahl aus dem Material auf, welches zur Darstellung im Trauminhalt

dienen soll, indem sie den einen Teil dieses Materials, als zu ihrem

Wesen passend, nahe legt, den anderen fern hält. Überdies ist ja wohl

diese Allgemeinstimmung vom Tage her mit den für den Traum bedeutsamen

psychischen Resten verknüpft. Dabei kann diese Stimmung selbst im Traume

erhalten bleiben, oder überwunden werden, so daß sie, wenn unlustvoll,

ins Gegenteil umschlägt.

Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes -- die

Schlafsensationen also -- nicht von ungewöhnlicher Intensität sind, so

spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung eine ähnliche

Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indifferenten Eindrücke des

Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung herangezogen, wenn

sie sich zur Vereinigung mit dem Vorstellungsinhalt der psychischen

Traumquelle eignen, im anderen Falle aber nicht. Sie werden wie ein

wohlfeiles, allezeit bereitliegendes Material behandelt, welches zur

Verwendung kommt, so oft man dessen bedarf, anstatt daß ein kostbares

Material die Art seiner Verwendung selbst mit vorschreibt. Der Fall ist

etwa ähnlich, wie wenn der Kunstgönner dem Künstler einen seltenen

Stein, einen Onyx, bringt, aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Größe

des Steines, seine Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher

Kopf oder welche Szene in ihm dargestellt werden soll, während bei

gleichmäßigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der

Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinne gestaltet.

Auf diese Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß jener

Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten Reizen aus

unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen Träumen und

nicht in jeder Nacht im Traume erscheint(83).

(83) _Rank_ hat in einer Reihe von Arbeiten gezeigt, daß gewisse,

durch Organreiz hervorgerufene Weckträume (die Harnreiz- und

Pollutionsträume) besonders geeignet sind, den Kampf zwischen dem

Schlafbedürfnis und den Anforderungen des organischen Bedürfnisses

sowie den Einfluß des letzteren auf den Trauminhalt zu demonstrieren.

Ein Traum vom Gehemmtsein.

Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung

zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages mühte ich

mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmtsein, nicht von der

Stelle können, nicht fertig werden u. dgl., die so häufig geträumt wird

und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl bedeuten mag. In der Nacht

darauf hatte ich folgenden Traum: _Ich gehe in sehr unvollständiger

Toilette aus einer Wohnung im Parterre über die Treppe in ein höheres

Stockwerk. Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich, daß

ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich sehe ich, daß ein

Dienstmädchen die Treppen herab und also mir entgegenkommt. Ich schäme

mich, will mich eilen, und nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich klebe an

den Stufen und komme nicht von der Stelle._

_Analyse_: Die Situation des Traumes ist der täglichen Wirklichkeit

entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien zwei Wohnungen, die nur durch

die Treppe außen verbunden sind. Im Hochparterre befindet sich meine

ärztliche Wohnung und mein Arbeitszimmer, einen Stock höher die

Wohnräume. Wenn ich in später Stunde unten meine Arbeit vollendet habe,

gehe ich über die Treppe ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traume

hatte ich diesen kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette

gemacht, d. h. ich hatte Kragen, Krawatte und Manschetten abgelegt; im

Traume war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter Grad

von Kleiderlosigkeit geworden. Das Überspringen von Stufen ist meine

gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits im Traume

anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit dieser Leistung

hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit getröstet. Ferner ist

diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer Gegensatz zu der Hemmung

in der zweiten Hälfte des Traumes. Sie zeigt mir -- was des Beweises

nicht bedurfte --, daß der Traum keine Schwierigkeit hat, sich

motorische Aktionen in aller Vollkommenheit ausgeführt vorzustellen; man

denke an das Fliegen im Traume!

Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines Hauses; ich

erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegenkommende Person klärt

mich über die gemeinte Örtlichkeit auf. Diese Person ist das

Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich zweimal besuche, um ihr

Injektionen zu machen; die Treppe ist auch ganz ähnlich jener, die ich

zweimal im Tage dort zu ersteigen habe.

Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in meinen Traum?

Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist, hat unzweifelhaft

sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem ich träume, ist älter

als ich, mürrisch und keineswegs anreizend. Zu diesen Fragen fällt mir

nun nichts anderes ein als das folgende: Wenn ich in diesem Hause den

Morgenbesuch mache, werde ich gewöhnlich auf der Treppe von Räuspern

befallen; das Produkt der Expektoration gerät auf die Stiege. In diesen

beiden Stockwerken befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich

vertrete den Standpunkt, daß die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine

Kosten erfolgen darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes

ermöglicht werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche und

mürrische Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich ihr

zuzugestehen bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen

Standpunkt ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte

Freiheit erlauben werde, und wenn sie das konstatiert hat, höre ich sie

vernehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die gewohnte

Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Traumes bekam nun die

Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch das Dienstmädchen. Ich

hatte eilig wie immer meinen Besuch bei der Kranken abgemacht, als die

Dienerin mich im Vorzimmer stellte und die Bemerkung von sich gab: »Herr

Doktor hätten sich heute schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins

Zimmer kommen. Der rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren

Füßen.« Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen

geltend machen können, um in meinem Traume zu erscheinen.

Zwischen meinem Über-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-der-Treppe-Spucken

besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh wie Herzbeschwerden

sollen beide die Strafen für das Laster des Rauchens darstellen, wegen

dessen ich natürlich auch bei meiner Hausfrau nicht den Ruf der größten

Nettigkeit genieße, in dem einen Hause so wenig wie in dem anderen, die

der Traum zu einem Gebilde verschmilzt.

Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis ich berichten

kann, woher der typische Traum von der unvollständigen Bekleidung rührt.

Ich bemerke nur als vorläufiges Ergebnis des mitgeteilten Traumes, daß

die Traumsensation der gehemmten Bewegung überall dort hervorgerufen

wird, wo ein gewisser Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand

meiner Motilität im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes

sein, denn einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser

Erkenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen.

d) _Typische Träume_.

Wir sind im allgemeinen nicht im stande, den Traum eines anderen zu

deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Trauminhalt stehenden

unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch wird die praktische

Verwertbarkeit unserer Methode der Traumdeutung schwer beeinträchtigt.

Nun gibt es aber, so recht im Gegensatz zu der sonstigen Freiheit des

einzelnen, sich seine Traumwelt in individueller Besonderheit

auszustatten und dadurch dem Verständnis der anderen unzugänglich zu

machen, eine gewisse Anzahl von Träumen, die fast jedermann in derselben

Weise geträumt hat, von denen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie auch

bei jedermann dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet

sich diesen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermutlich bei

allen Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders gut

geeignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß zu geben.

Wir werden also mit ganz besonderen Erwartungen darangehen, unsere

Technik der Traumdeutung an diesen typischen Träumen zu versuchen und

uns nur sehr ungern eingestehen, daß unsere Kunst sich gerade an diesem

Material nicht recht bewährt. Bei der Deutung der typischen Träume

versagen in der Regel die Einfälle des Träumers, die uns sonst zum

Verständnis des Traumes geleitet haben, oder sie werden unklar und

unzureichend, so daß wir unsere Aufgabe mit ihrer Hilfe nicht lösen

können.

Die Traumdeutung · 第 31 / 57 题