III. Traum vom 2./3. Oktober 1910.

(Bruchstück) . . . Etwas von Prof. _Oser_, der selbst das Menu für

mich gemacht hat, was sehr beruhigend wirkt (anderes vergessen).

Der Traum ist die Reaktion auf eine Verdauungsstörung dieses Tages,

die mich erwägen ließ, ob ich mich nicht wegen Bestimmung einer Diät

an einen Kollegen wenden solle. Daß ich im Traum den im Sommer

verstorbenen _Oser_ dazu bestimme, knüpft an den sehr kurz vorher (1.

Oktober) erfolgten Tod eines anderen von mir hochgeschätzten

Universitätslehrers an. Wann ist aber _Oser_ gestorben und wann habe

ich seinen Tod erfahren? Nach dem Ausweis des Zeitungsblattes am 22.

August; da ich damals in Holland weilte, wohin ich die Wiener Zeitung

regelmäßig nachsenden ließ, muß ich die Todesnachricht am 24. oder 25.

August gelesen haben. Dieses Intervall entspricht aber keiner Periode

mehr, es umfaßt 7 + 30 + 2 = 39 Tage oder vielleicht 40 Tage. Ich kann

mich nicht besinnen, in der Zwischenzeit von _Oser_ gesprochen oder an

ihn gedacht zu haben.

Solche für die Periodenlehre nicht mehr ohne weitere Bearbeitung

brauchbare Intervalle ergeben sich nun aus meinen Träumen ungleich

häufiger als die regulären. Konstant finde ich nur die im Text

behauptete Beziehung zu einem Eindrucke des Traumtages selbst.

Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger aus jenen

Erlebnissen, über die »man noch keine Nacht geschlafen hat«.

Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des Tages vor

der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Beziehung zum Trauminhalt

als andere Eindrücke aus beliebig ferner liegenden Zeiten. Der Traum

kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens wählen, wofern nur von den

Erlebnissen des Traumtages (den »rezenten« Eindrücken) zu diesen

früheren ein Gedankenfaden reicht.

Der Traum von der botanischen Monographie.

Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir werden zu

Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir einen der erwähnten

Träume einer genaueren Analyse unterziehen. Ich wähle den Traum von der

Monographie.

_Trauminhalt_: _Ich habe eine Monographie über eine gewisse Pflanze

geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine

eingeschlagene farbige Tafel um. Jedem Exemplar ist ein getrocknetes

Spezimen der Pflanze beigebunden, ähnlich wie aus einem Herbarium._

_Analyse_: Ich habe am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung ein

neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die Gattung Zyklamen,

offenbar eine Monographie über diese Pflanze.

Zyklamen ist die _Lieblingsblume_ meiner Frau. Ich mache mir Vorwürfe,

daß ich so selten daran denke, _ihr Blumen mitzubringen_, wie sie sich's

wünscht. -- Bei dem Thema: _Blumen mitbringen_ erinnere ich mich einer

Geschichte, welche ich unlängst im Freundeskreise erzählt und als Beweis

für meine Behauptung verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die

Ausführung einer Absicht des Unbewußten sei und immerhin einen Schluß

auf die geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau,

welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauß von ihrem

Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärtlichkeit an einem

solchen Festtag und bricht darüber in Tränen aus. Der Mann kommt hinzu,

weiß sich ihr Weinen nicht zu erklären, bis sie ihm sagt: Heute ist mein

Geburtstag. Da schlägt er sich vor die Stirn, ruft aus: Entschuldige,

hab' ich doch ganz daran vergessen, und will fort, ihr _Blumen_ zu

holen. Sie läßt sich aber nicht trösten, denn sie sieht in der

Vergeßlichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür, daß sie in seinen

Gedanken nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie einstens. -- Diese Frau L.

ist meiner Frau vor zwei Tagen begegnet, hat ihr mitgeteilt, daß sie

sich wohl fühlt, und sich nach mir erkundigt. Sie stand in früheren

Jahren in meiner Behandlung.

Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches geschrieben

wie eine _Monographie_ über eine Pflanze, nämlich einen Aufsatz über die

_Kokapflanze_, welcher die Aufmerksamkeit von K. _Koller_ auf die

anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt hat. Ich hatte diese

Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation selbst angedeutet, war

aber nicht gründlich genug, die Sache weiter zu verfolgen. Dazu fällt

mir ein, daß ich am Vormittag des Tages nach dem Traume (zu dessen

Deutung ich erst abends Zeit fand) des Kokains in einer Art von

Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich je Glaukom bekommen sollte, würde

ich nach Berlin reisen und mich dort bei meinem Berliner Freunde von

einem Arzte, den er mir empfiehlt, inkognito operieren lassen. Der

Operateur, der nicht wüßte, an wem er arbeitet, würde wieder einmal

rühmen, wie leicht sich diese Operationen seit der Einführung des

Kokains gestaltet haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich

an dieser Entdeckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie

schlossen sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei,

ärztliche Leistungen von Seite der Kollegen für seine Person in Anspruch

zu nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde ich wie

ein anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum mir in den Sinn

gekommen, merke ich erst, daß sich die Erinnerung an ein bestimmtes

Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der Entdeckung _Kollers_ war

nämlich mein Vater an Glaukom erkrankt; er wurde von meinem Freunde, dem

Augenarzte Dr. _Königstein_, operiert, Dr. _Koller_ besorgte die

Kokainanästhesie und machte dann die Bemerkung, daß bei diesem Falle

sich alle die drei Personen vereinigt fänden, die an der Einführung des

Kokains Anteil gehabt haben.

Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese Geschichte

des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor einigen Tagen, als ich

die Festschrift in die Hand bekam, mit deren Erscheinen dankbare Schüler

das Jubiläum ihres Lehrers und Laboratoriumsvorstandes gefeiert hatten.

Unter den Ruhmestiteln des Laboratoriums fand ich auch angeführt, daß

dort die Entdeckung der anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch

K. _Koller_ vorgefallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß mein Traum

mit einem Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade

Doktor _Königstein_ nach Hause begleitet, mit dem ich in ein Gespräch

über eine Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal, wenn sie berührt

wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Hausflure mit ihm aufhielt,

kam Professor _Gärtner_ mit seiner jungen Frau hinzu. Ich konnte mich

nicht enthalten, die beiden darüber zu beglückwünschen, wie _blühend_

sie aussehen. Nun ist Professor _Gärtner_ einer der Verfasser der

Festschrift, von der ich eben sprach, und konnte mich wohl an diese

erinnern. Auch die Frau L., deren Geburtstagsenttäuschung ich unlängst

erzählte, war im Gespräche mit Dr. _Königstein_, in anderem

Zusammenhange allerdings, erwähnt worden.

Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des Trauminhaltes zu

deuten. Ein _getrocknetes Spezimen_ der Pflanze liegt der Monographie

bei, als ob es ein _Herbarium_ wäre. Ans Herbarium knüpft sich eine

Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasialdirektor rief einmal die Schüler der

höheren Klassen zusammen, um ihnen das Herbarium der Anstalt zur

Durchsicht und zur Reinigung zu übergeben. Es hatten sich kleine

_Würmer_ eingefunden -- _Bücherwurm_. Zu meiner Hilfeleistung scheint er

nicht Zutrauen gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige

Blätter. Ich weiß noch heute, daß Kruziferen darauf waren. Ich hatte

niemals ein besonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner

botanischen Vorprüfung bekam ich wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung

und -- erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht

meine theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. -- Von den

Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die

Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich _meine

Lieblingsblume_ heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir

diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzubringen.

Ich sehe die Monographie _vor mir liegen_, die ich geschrieben habe.

Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schrieb mir

gestern aus Berlin: »Mit deinem Traumbuche beschäftige ich mich sehr

viel. _Ich sehe es fertig vor mir liegen und blättere darin._« Wie habe

ich ihn um diese Sehergabe beneidet! Wenn ich es doch auch schon fertig

vor mir liegen sehen könnte!

_Die zusammengelegte farbige Tafel_: Als ich Student der Medizin war,

litt ich viel unter dem Impuls, nur aus _Monographien_ lernen zu wollen.

Ich hielt mir damals, trotz meiner beschränkten Mittel, mehrere

medizinische Archive, deren _farbige Tafeln_ mein Entzücken waren. Ich

war stolz auf diese Neigung zur Gründlichkeit. Als ich dann selbst zu

publizieren begann, mußte ich auch die Tafeln für meine Abhandlungen

zeichnen und ich weiß, daß eine derselben so kümmerlich ausfiel, daß

mich ein wohlwollender Kollege ihretwegen verhöhnte. Dazu kommt noch,

ich weiß nicht recht wie, eine sehr frühe Jugenderinnerung. Mein Vater

machte sich einmal den Scherz, mir und meiner ältesten Schwester ein

Buch mit _farbigen Tafeln_ (Beschreibung einer Reise in Persien) zur

Vernichtung zu überlassen. Es war erziehlich kaum zu rechtfertigen. Ich

war damals fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das

Bild, wie wir Kinder überselig dieses Buch zerpflückten (_wie eine

Artischocke_, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das einzige,

was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben ist.

Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine ausgesprochene

Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen (analog der Neigung, aus

Monographien zu studieren, eine _Liebhaberei_, wie sie in den

Traumgedanken betreffs Zyklamen und Artischocke bereits vorkommt). Ich

wurde ein _Bücherwurm_ (vgl. _Herbarium_). Ich habe diese erste

Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich über mich nachdenke, immer auf

diesen Kindereindruck zurückgeführt oder vielmehr, ich habe erkannt, daß

diese Kinderszene eine »Deckerinnerung« für meine spätere Bibliophilie

ist(57). Natürlich habe ich auch frühzeitig erfahren, daß man durch

Leidenschaften leicht in Leiden gerät. Als ich 17 Jahre alt war, hatte

ich ein ansehnliches Konto beim Buchhändler und keine Mittel, es zu

begleichen, und mein Vater ließ es kaum als Entschuldigung gelten, daß

sich meine Neigungen auf nichts Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung

dieses späteren Jugenderlebnisses bringt mich aber sofort zu dem

Gespräche mit meinem Freunde Dr. _Königstein_ zurück. Denn um dieselben

Vorwürfe wie damals, daß ich meinen _Liebhabereien_ zuviel nachgebe,

handelte es sich auch im Gespräche am Abend des Traumtages.

(57) Vergleiche meinen Aufsatz »Über Deckerinnerungen« in der

Monatschrift für Psychiatrie und Neurologie, 1899.

Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung dieses

Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben, welcher zu ihr

führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an das Gespräch mit Dr.

_Königstein_ erinnert worden, und zwar von mehr als einer Stelle aus.

Wenn ich mir vorhalte, welche Dinge in diesem Gespräche berührt worden

sind, so wird der Sinn des Traumes mir verständlich. Alle angefangenen

Gedankengänge, von den Liebhabereien meiner Frau und meinen eigenen, vom

Kokain, von den Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter Kollegen,

von meiner Vorliebe für monographische Studien und meiner

Vernachlässigung gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält dann

seine Fortsetzung und mündet in irgend einen der Fäden der

vielverzweigten Unterredung ein. Der Traum bekömmt wieder den Charakter

einer Rechtfertigung, eines Plaidoyers für mein Recht, wie der erst

analysierte Traum von Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene

Thema fort und erörtert es an einem neuen Material, welches im Intervall

zwischen beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die scheinbar

indifferente Ausdrucksform des Traumes bekömmt einen Akzent. Es heißt

jetzt: Ich bin doch der Mann, der die wertvolle und erfolgreiche

Abhandlung (über das Kokain) geschrieben hat, ähnlich wie ich damals zu

meiner Rechtfertigung vorbrachte: Ich bin doch ein tüchtiger und

fleißiger Student; in beiden Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich

kann aber auf die Ausführung der Traumdeutung hier verzichten, weil mich

zur Mitteilung des Traumes nur die Absicht bewogen hat, an einem

Beispiele die Beziehung des Trauminhaltes zu dem erregenden Erlebnis des

Vortages zu untersuchen. So lange ich von diesem Traume nur den

manifesten Inhalt kenne, wird mir nur eine Beziehung des Traumes zu

einem Tageseindruck augenfällig; nachdem ich die Analyse gemacht habe,

ergibt sich eine zweite Quelle des Traumes in einem anderen Erlebnis

desselben Tages. Der erste der Eindrücke, auf welche sich der Traum

bezieht, ist ein gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im

Schaufenster ein Buch, dessen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt

mich kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen hohen

psychischen Wert; ich habe mit meinem Freunde, dem Augenarzt, wohl eine

Stunde lang eifrig gesprochen, ihm Andeutungen gemacht, die uns beiden

nahegehen mußten, und Erinnerungen in mir wachgerufen, bei denen die

mannigfaltigsten Erregungen meines Innern mir bemerklich wurden.

Überdies wurde dieses Gespräch unvollendet abgebrochen, weil Bekannte

hinzukamen. Wie stehen nun die beiden Eindrücke des Tages zueinander und

zu dem in der Nacht erfolgenden Traum?

Im Trauminhalt finde ich nur eine Anspielung auf den gleichgültigen

Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum mit Vorliebe

Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In der

Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht erregende

Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es einzig richtig ist,

nach dem latenten, durch die Analyse zu Tage geförderten Inhalt

beurteile, so bin ich unversehens zu einer neuen und wichtigen

Erkenntnis gelangt. Ich sehe das Rätsel zerfallen, daß der Traum sich

nur mit den wertlosen Brocken des Tageslebens beschäftigt; ich muß auch

der Behauptung widersprechen, daß das Seelenleben des Wachens sich in

den Traum nicht fortsetzt, und der Traum dafür psychische Tätigkeit an

läppisches Material verschwendet. Das Gegenteil ist wahr; was uns bei

Tage in Anspruch genommen hat, beherrscht auch die Traumgedanken, und

wir geben uns die Mühe zu träumen nur bei solchen Materien, welche uns

bei Tage Anlaß zum Denken geboten hätten.

Die Rolle des indifferenten rezenten Eindruckes.

Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleichgültigen

Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende mich zum Traume

veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder ein Phänomen der

Traumentstellung vorliegt, welche wir oben auf eine als Zensur waltende

psychische Macht zurückgeführt haben. Die Erinnerung an die Monographie

über die Gattung Zyklamen erfährt eine Verwendung, als ob sie eine

_Anspielung_ auf das Gespräch mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im

Traume von dem verhinderten Souper die Erwähnung der Freundin durch die

Anspielung »geräucherter Lachs« vertreten wird. Es fragt sich nur, durch

welche Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu dem Gespräche

mit dem Augenarzt in das Verhältnis der Anspielung treten, da eine

solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele vom

verhinderten Souper ist die Beziehung von vornherein gegeben;

»geräucherter Lachs« als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne

weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei der

Träumenden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel handelt es sich

um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts gemeinsam haben, als

daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die Monographie fällt mir am

Vormittage auf, das Gespräch führe ich dann am Abend. Die Antwort,

welche die Analyse an die Hand gibt, lautet: Solche erst nicht

vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Eindrücken werden

nachträglich vom Vorstellungsinhalt des einen zum Vorstellungsinhalt des

anderen angesponnen. Ich habe die betreffenden Mittelglieder bereits bei

der Niederschrift der Analyse hervorgehoben. An die Vorstellung der

Monographie über Zyklamen würde ich ohne Beeinflussung von anderswoher

wohl nur die Idee knüpfen, daß diese die Lieblingsblume meiner Frau ist,

etwa noch die Erinnerung an den vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich

glaube nicht, daß diese Hintergedanken genügt hätten, einen Traum

hervorzurufen.

»There needs no ghost, my lord, come from the grave

To tell us this«

heißt es im _Hamlet_. Aber siehe da, in der Analyse werde ich daran

erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte, _Gärtner_ hieß, daß

ich seine Frau _blühend_ fand; ja ich besinne mich eben jetzt

nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den schönen Namen

_Flora_ trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches stand. Es

muß so zugegangen sein, daß ich über diese Mittelglieder aus dem

botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden

Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden, vollzog. Dann

stellten sich weitere Beziehungen ein, die des Kokains, welche mit Fug

und Recht zwischen der Person des Dr. _Königstein_ und einer botanischen

Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln kann, und befestigten

diese Verschmelzung der beiden Vorstellungskreise zu einem, so daß nun

ein Stück aus dem ersten Erlebnis als Anspielung auf das zweite

verwendet werden konnte.

Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine willkürliche

oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre geschehen, wenn

Professor _Gärtner_ mit seiner blühenden Frau nicht hinzugetreten wäre,

wenn die besprochene Patientin nicht _Flora_, sondern _Anna_ hieße? Und

doch ist die Antwort leicht. Wenn sich nicht diese Gedankenbeziehungen

ergeben hätten, so wären wahrscheinlich andere ausgewählt worden. Es ist

so leicht, derartige Beziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und

Rätselfragen, mit denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen.

Der Machtbereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt

weiter zu gehen: wenn sich zwischen den beiden Eindrücken des Tages

keine genug ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen lassen, so

wäre der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger

Eindruck des Tages, wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns

vergessen werden, hätte für den Traum die Stelle der »Monographie«

übernommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt des Gespräches gelangt und

hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein anderer als der von der

Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der für die

Verknüpfung passendste gewesen sein. Man braucht sich nie wie Hänschen

Schlau bei _Lessing_ darüber zu wundern, »daß nur die Reichen in der

Welt das meiste Geld besitzen«.

Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Darstellung das

gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psychisch Wertvolle

gelangt, muß uns noch bedenklich und befremdend erscheinen. In einem

späteren Abschnitt werden wir uns vor der Aufgabe sehen, die

Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten Operation unserem

Verständnis näherzubringen. Hier haben wir es nur mit dem Erfolge des

Vorganges zu tun, zu dessen Annahme wir durch ungezählte und regelmäßig

wiederkehrende Erfahrungen bei der Traumanalyse gedrängt werden. Der

Vorgang ist aber so, als ob eine _Verschiebung_ -- sagen wir: des

psychischen Akzentes -- auf dem Wege jener Mittelglieder zu stande käme,

bis anfangs schwach mit Intensität geladene Vorstellungen durch

Übernahme der Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu einer

Stärke gelangen, welche sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu

erzwingen. Solche Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es sich um

die Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt um motorische Aktionen

handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre Zärtlichkeit auf Tiere

überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher Sammler wird, daß der

Soldat einen Streifen farbigen Zeuges, die Fahne, mit seinem Herzblute

verteidigt, daß im Liebesverhältnis ein um Sekunden verlängerter

Händedruck Seligkeit erzeugt, oder im _Othello_ ein verlorenes

Schnupftuch einen Wutausbruch, das sind sämtlich Beispiele von

psychischen Verschiebungen, die uns unanfechtbar erscheinen. Daß aber

auf demselben Wege und nach denselben Grundsätzen eine Entscheidung

darüber gefällt wird, was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm

vorenthalten bleibt, also was wir denken, das macht uns den Eindruck des

Krankhaften, und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt.

Verraten wir hier als das Ergebnis später anzustellender Betrachtungen,

daß der psychische Vorgang, den wir in der Traumverschiebung erkannt

haben, sich zwar nicht als ein krankhaft gestörter, wohl aber als ein

vom normalen verschiedener, als ein Vorgang von mehr _primärer_ Natur

herausstellen wird.

Die Traumentstellung.

Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste von

nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der

_Traumentstellung_ (durch Verschiebung) und erinnern daran, daß wir in

der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psychischen Instanzen

bestehenden Durchgangszensur erkannt haben. Wir erwarten dabei, daß die

Traumanalyse uns regelmäßig die wirkliche, psychisch bedeutsame

Traumquelle aus dem Tagesleben aufdecken wird, deren Erinnerung ihren

Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben hat. Durch diese

Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu der Theorie von _Robert_

gebracht, die für uns unverwendbar geworden ist. Die Tatsache, welche

_Robert_ erklären wollte, besteht eben nicht; ihre Annahme beruht auf

einem Mißverständnis, auf der Unterlassung, für den scheinbaren

Trauminhalt den wirklichen Sinn des Traumes einzusetzen. Man kann noch

weiterhin gegen die Lehre von _Robert_ einwenden: Wenn der Traum

wirklich die Aufgabe hätte, unser Gedächtnis durch besondere psychische

Arbeit von den »Schlacken« der Tageserinnerung zu befreien, so müßte

unser Schlafen gequälter sein und auf angestrengtere Arbeit verwendet

werden, als wir es von unserem wachen Geistesleben behaupten können.

Denn die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen wir

unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich groß; die

Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewältigen. Es ist sehr viel

wahrscheinlicher, daß das Vergessen der gleichgültigen Eindrücke ohne

aktives Eingreifen unserer seelischen Mächte vor sich geht.

Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem _Robert_schen Gedanken ohne

weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir haben die Tatsache

unerklärt gelassen, daß einer der indifferenten Eindrücke des Tages --

und zwar des letzten Tages -- regelmäßig einen Beitrag zum Trauminhalt

liefert. Die Beziehungen zwischen diesem Eindruck und der eigentlichen

Traumquelle im Unbewußten bestehen nicht immer von vornherein; wie wir

gesehen haben, werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste der

beabsichtigten Verschiebung, während der Traumarbeit hergestellt. Es muß

also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen gerade nach der Richtung

des rezenten, obwohl gleichgültigen Eindruckes anzubahnen; dieser muß

eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität dazu bieten. Sonst

wäre es ja ebenso leicht durchführbar, daß die Traumgedanken ihren

Akzent auf einen unwesentlichen Bestandteil ihres eigenen

Vorstellungskreises verschieben.

Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Aufklärung leiten.

Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse gebracht hat, welche Träume

anzuregen würdig sind, so vereinigt der Traum die Erwähnung beider zu

einem einzigen Ganzen; er gehorcht einem _Zwang, eine Einheit aus ihnen

zu gestalten_; z. B.: Ich stieg eines Nachmittags im Sommer in ein

Eisenbahncoupé ein, in welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber

fremd waren. Der eine war ein einflußreicher Kollege, der andere ein

Angehöriger einer vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt

war. Ich machte die beiden Herren miteinander bekannt; ihr Verkehr ging

aber während der langen Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem einen,

bald mit dem anderen einen Gesprächstoff zu behandeln hatte. Den

Kollegen bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine ärztliche

Praxis begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der Kollege

erwiderte, er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes überzeugt, aber

sein unscheinbares Wesen werde ihm den Eingang in vornehme Häuser nicht

leicht werden lassen. Ich erwiderte: Gerade darum bedarf er der

Empfehlung. Bei dem anderen Mitreisenden erkundigte ich mich bald darauf

nach dem Befinden seiner Tante -- der Mutter einer meiner

Patientinnen --, welche damals schwer krank danieder lag. In der Nacht

nach dieser Reise träumte ich, mein junger Freund, für den ich die

Protektion erbeten hatte, befinde sich in einem eleganten Salon und

halte vor einer ausgewählten Gesellschaft, in die ich alle mir bekannten

vornehmen und reichen Leute versetzt hatte, mit weltmännischen Gesten

eine Trauerrede auf die (für den Traum bereits verstorbene) alte Dame,

welche die Tante des zweiten Reisegenossen war. (Ich gestehe offen, daß

ich mit dieser Dame nicht in guten Beziehungen gestanden hatte.) Mein

Traum hatte also wiederum Verknüpfungen zwischen beiden Eindrücken des

Tages aufgefunden und mittels derselben eine einheitliche Situation

komponiert.

»Rapprochement forcé« der Traumreize.

Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz aufstellen daß

für die Traumarbeit eine Art von Nötigung besteht, alle vorhandenen

Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume zusammenzusetzen(58). Wir

werden diesen Zwang zur Zusammensetzung in einem späteren Abschnitt

(über die Traumarbeit) als ein Stück der _Verdichtung_, eines anderen

psychischen Primärvorganges, kennen lernen.

(58) Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant

Vorhandenes in einer Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von

mehreren Autoren bemerkt worden, z. B. von _Delage_ (p. 41),

_Delboeuf_: rapprochement forcé (p. 236); andere hübsche Beispiele bei

H. _Ellis_ (p. 35 u. ff.) u. a.

Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traumerregende

Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein rezentes (und

bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres Erlebnis, also die

Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein Gedankengang die

Rolle des Traumerregers übernehmen kann. Die Antwort, die sich aus

zahlreichen Analysen auf das bestimmteste ergibt, lautet im letzteren

Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer Vorgang sein, der gleichsam

durch die Denkarbeit am Tage rezent geworden ist. Es wird jetzt wohl der

richtige Moment sein, die verschiedenen Bedingungen, welche die

Traumquellen erkennen lassen, in einem Schema zusammenzustellen.

Die Traumquelle kann sein:

a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches im Traume

direkt vertreten ist(59).

(59) Traum von Irmas Injektion; Traum vom Freunde, der mein Onkel ist.

b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den _Traum_ zu

einer Einheit vereinigt werden(60).

(60) Traum von der Trauerrede des jungen Arztes.

c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die im

Trauminhalt durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber indifferenten

Erlebnisses vertreten werden(61).

(61) Traum von der botanischen Monographie.

d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedankengang), welches

dann im Traume _regelmäßig_ durch die Erwähnung eines rezenten, aber

indifferenten Eindruckes vertreten wird(62).

(62) Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der

Analyse.

Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die Bedingung

festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhaltes einen rezenten

Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung im Traume

bestimmte Anteil kann entweder dem Vorstellungskreis des eigentlichen

Traumerregers selbst angehören, und zwar entweder als wesentlicher oder

als unwichtiger Bestandteil desselben -- oder er rührt aus dem Bereiche

eines indifferenten Eindruckes her, der durch mehr oder minder

reichliche Verknüpfung mit dem Kreise des Traumerregers in Beziehung

gebracht worden ist. Die scheinbare Mehrheit der Bedingungen kommt hier

nur durch die _Alternative_ zu stande, _daß eine Verschiebung

unterblieben oder vorgefallen_ ist, und wir merken hier, daß diese

Alternative uns dieselbe Leichtigkeit bietet, die Kontraste des Traumes

zu erklären, wie der medizinischen Theorie des Traumes die Reihe vom

partiellen bis zum vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. p. 57 f.).

Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wertvolle, aber

nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) für die Zwecke

der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch indifferentes

Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die beiden Bedingungen

eingehalten werden, daß 1. der Trauminhalt eine Anknüpfung an das rezent

Erlebte erhält; 2. der Traumerreger ein psychisch wertvoller Vorgang

bleibt. In einem einzigen Falle (a) werden beide Bedingungen durch

denselben Eindruck erfüllt. Zieht man noch in Erwägung, daß dieselben

indifferenten Eindrücke, welche für den Traum verwertet werden, solange

sie rezent sind, diese Eignung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder

höchstens mehrere) älter geworden sind, so muß man sich zur Annahme

entschließen, daß die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen

gewissen psychischen Wert für die Traumbildung verleiht, welcher der

Wertigkeit affektbetonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie

gleichkommt. Wir werden erst bei späteren psychologischen Überlegungen

erraten können, worin dieser Wert _rezenter_ Eindrücke für die

Traumbildung begründet sein kann(63).

(63) Vgl. im Abschnitt VII über die »Übertragung«.

Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß zur

Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt wichtige Veränderungen

mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor sich gehen können.

Die Forderung, eine Nacht über eine Angelegenheit zu schlafen, ehe man

sich endgültig über sie entscheidet, ist offenbar vollberechtigt. Wir

merken aber, daß wir an diesem Punkte aus der Psychologie des Träumens

in die des Schlafes übergegriffen haben, ein Schritt, zu welchem sich

der Anlaß noch öfter ergeben wird.

Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolgerungen

umzustoßen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur solange sie rezent

sind in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es, daß wir im

Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden vorfinden, die zur

Zeit, da sie rezent waren -- nach _Strümpells_ Worten keinen psychischen

Wert besaßen, also längst vergessen sein sollten, Elemente also, die

weder frisch noch psychisch bedeutsam sind?

Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die Ergebnisse

der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung lautet nämlich, daß

die Verschiebung, welche das psychisch wichtige Material durch

indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das Denken), hier bereits

in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden hat und seither im

Gedächtnis fixiert worden ist. Jene ursprünglich indifferenten Elemente

sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie durch Verschiebung die

Wertigkeit vom psychisch bedeutsamen Material übernommen haben. Was

wirklich indifferent geblieben ist, kann auch nicht mehr im Traume

reproduziert werden.

Es gibt keine »harmlosen« Träume.

Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht schließen, daß ich

die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten Traumerreger, also

auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller Strenge und

Ausschließlichkeit meine Meinung, abgesehen von den Träumen der Kinder

und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächtliche Sensationen. Was man

sonst träumt, ist entweder manifest als psychisch bedeutsam zu erkennen,

oder es ist entstellt und dann erst nach vollzogener Traumdeutung zu

beurteilen, worauf es sich wiederum als bedeutsam zu erkennen gibt. Der

Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im

Schlafe nicht stören(64). Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich

als arg, wenn man sich um ihre Deutung bemüht; wenn man mir die

Redensart gestattet, sie haben es »faustdick hinter den Ohren«. Da dies

wiederum ein Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da

ich gern die Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Arbeit

zu zeigen, will ich eine Reihe von »_harmlosen_« Träumen aus meiner

Sammlung hier der Analyse unterziehen.

(64) H. _Ellis_, der liebenswürdigste Kritiker der »Traumdeutung«,

schreibt (p. 169): »Da ist der Punkt, von dem an viele von uns nicht

mehr im stande sein werden, F. weiter zu folgen.« Allein H. _Ellis_

hat keine Analysen von Träumen angestellt und will nicht glauben, wie

unberechtigt das Urteilen nach dem manifesten Trauminhalt ist.

Beispiele von »harmlosen« Träumen.

I. Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben zu den

Reservierten, zu den »stillen Wassern« gehört, erzählt: _Ich habe

geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme und beim Fleischhauer

sowie bei der Gemüsefrau nichts bekomme._ Gewiß ein harmloser Traum,

aber so sieht ein Traum nicht aus; ich lasse ihn mir detailliert

erzählen. Dann lautet der Bericht folgendermaßen: _Sie geht auf den

Markt mit ihrer Köchin, die den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr,

nachdem sie etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und will

ihr etwas anderes geben mit der Bemerkung: Das ist auch gut. Sie lehnt

ab und geht zur Gemüsefrau. Die will ihr ein eigentümliches Gemüse

verkaufen, was in Bündeln zusammengebunden ist, aber schwarz von Farbe.

Sie sagt: Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht._

Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war wirklich zu

spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr bekommen. _Die

Fleischbank war schon geschlossen_, drängt sich einem als Beschreibung

des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht eine recht gemeine

Redensart, die -- oder vielmehr deren Gegenteil -- auf eine

Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? Die Träumerin hat

diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist vielleicht ihnen ausgewichen;

suchen wir nach der Deutung der im Traume enthaltenen Einzelheiten.

Wo etwas im Traume den Charakter einer Rede hat, also gesagt oder gehört

wird, nicht bloß gedacht -- was sich meist sicher unterscheiden läßt --,

da stammt es von Reden des wachen Lebens her, die freilich als

Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert, vor allem aber aus

dem Zusammenhange gerissen worden sind(65). Man kann bei der

Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher stammt also die Rede

des Fleischhauers: _Das ist nicht mehr zu haben_? Von mir selbst; ich

hatte ihr einige Tage vorher erklärt, »daß die ältesten Kindererlebnisse

_nicht mehr_ als solche _zu haben sind_, sondern durch ›Übertragungen‹

und Träume in der Analyse ersetzt werden«. Ich bin also der

Fleischhauer, und sie lehnt diese Übertragungen alter Denk- und

Empfindungsweisen auf die Gegenwart ab. -- Woher rührt ihre Trauerrede:

_Das kenne ich nicht_, das nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse zu

zerteilen. »_Das kenne ich nicht_« hat sie selbst Tags vorher zu ihrer

Köchin gesagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt:

_Benehmen Sie sich anständig._ Hier wird eine Verschiebung greifbar; von

den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, hat sie den

bedeutungslosen in den Traum genommen; der unterdrückte aber: »Benehmen

Sie sich anständig!« stimmt allein zum übrigen Trauminhalt. So könnte

man jemandem zurufen, der unanständige Zumutungen wagt und vergißt, »die

Fleischbank zuzuschließen«. Daß wir der Deutung wirklich auf die Spur

gekommen sind, beweist dann der Zusammenklang mit den Anspielungen, die

in der Begebenheit mit der Gemüsefrau niedergelegt sind. Ein Gemüse, das

in Bündeln zusammengebunden verkauft wird (länglich ist, wie sie

nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann das anderes sein

als die Traumvereinigung von Spargel und schwarzem Rettig? Spargel

brauche ich keinem und keiner Wissenden zu deuten, aber auch das andere

Gemüse -- als Zuruf: _Schwarzer, rett' dich!_ -- scheint mir auf das

nämliche sexuelle Thema hinzuweisen, das wir gleich anfangs errieten,

als wir für die Traumerzählung einsetzen wollten: die Fleischbank war

geschlossen. Es kommt nicht darauf an, den Sinn dieses Traumes

vollständig zu erkennen; so viel steht fest, daß er sinnreich ist und

keineswegs harmlos(66).

(65) Vergleiche über die Reden im Traume im Abschnitte über die

Traumarbeit. Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der

Traumreden erkannt zu haben, _Delboeuf_ (p. 226), indem er sie mit

»clichés« vergleicht.

(66) Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sich eine

Phantasie verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen

meinerseits und von Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung

unerhört erscheinen sollte, den mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo

Ärzte solche Anklagen von hysterischen Frauen erfahren haben, bei

denen die nämliche Phantasie nicht entstellt und als Traum

aufgetreten, sondern unverhüllt bewußt und wahnhaft geworden ist. --

Mit diesem Traume trat die Patientin in die psychoanalytische

Behandlung ein. Ich lernte erst später verstehen, daß sie mit ihm das

initiale Trauma wiederholte, von dem ihre Neurose ausging, und habe

seither das gleiche Verhalten bei anderen Personen gefunden, die in

ihrer Kindheit sexuellen Attentaten ausgesetzt waren und nun gleichsam

deren Wiederholung im Traume herbeiwünschen.

II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser

Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: _Ihr Mann fragt: Soll man das

Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt nicht, es muß ohnedies neu

beledert werden._ Wiederum die Wiederholung eines realen Ereignisses vom

Vortag. Ihr Mann hat so gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was

bedeutet es, daß sie es träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein

_ekelhafter_ Kasten, der einen _schlechten_ Ton gibt, ein Ding, das ihr

Mann schon vor der Ehe besessen hat(67) usw., aber den Schlüssel zur

Lösung ergibt doch erst die Rede: _Es lohnt nicht._ Diese stammt von

einem gestern gemachten Besuche bei ihrer Freundin. Dort wurde sie

aufgefordert, ihre Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den Worten:

_es lohnt nicht_, ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung muß mir

einfallen, daß sie gestern während der Analysenarbeit plötzlich an ihre

Jacke griff, an der sich ein Knopf geöffnet hatte. Es ist also, als

wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht hin, _es lohnt nicht_. So

ergänzt sich der _Kasten_ zum _Brustkasten_, und die Deutung des Traumes

führt direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung, da sie anfing,

mit ihren Körperformen unzufrieden zu sein. Es führt auch wohl in

frühere Zeiten, wenn wir auf das »_Ekelhaft_« und den »_schlechten Ton_«

Rücksicht nehmen und uns daran erinnern, wie häufig die kleinen

Hemisphären des weiblichen Körpers -- als Gegensatz und als Ersatz --

für die großen eintreten, -- in der Anspielung und im Traume.

(67) Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar

werden wird.

III. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harmlosen Traum

eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, _daß er wieder seinen

Winterrock anzieht, was schrecklich ist_. Anlaß dieses Traumes ist

angeblich die plötzlich wieder eingetretene Kälte. Ein feineres Urteil

wird indes bemerken, daß die beiden kurzen Stücke des Traumes nicht gut

zueinander passen, denn in der Kälte den schweren oder dicken Rock

tragen, was könnte daran »schrecklich« sein. Zum Schaden für die

Harmlosigkeit dieses Traumes bringt auch der erste Einfall bei der

Analyse die Erinnerung, daß eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden,

daß ihr letztes Kind einem geplatzten Kondom seine Existenz verdankt. Er

rekonstruiert nun seine Gedanken bei diesem Anlasse: Ein dünner Kondom

ist gefährlich, ein dicker schlecht. Der Kondom ist der »Überzieher« mit

Recht, man zieht ihn ja über; so heißt man auch einen leichten Rock. Ein

Ereignis wie das von der Dame berichtete wäre für den unverheirateten

Mann allerdings »schrecklich«. -- Nun wieder zurück zu unserer harmlosen

Träumerin.

IV. _Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze ist aber

gebrochen, so daß sie nicht gut steht. Die Mädchen in der Schule sagen,

sie sei ungeschickt; das Fräulein aber, es sei nicht ihre Schuld._

Ein realer Anlaß auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze in den

Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist eine

durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein Gegenstand,

der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, so daß sie

nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes (»_es sei

nicht ihre Schuld_«). Ob nur die sorgfältig erzogene und allem Häßlichen

fremd gebliebene junge Frau diese Verwendung der Kerze kennt? Zufällig

kann sie noch angeben, durch welches Erlebnis sie zu dieser Erkenntnis

gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt auf dem Rhein fährt ein Boot an ihnen

vorüber, in dem Studenten sitzen, welche mit großem Behagen ein Lied

singen oder brüllen: »Wenn die Königin von Schweden bei geschlossenen

Fensterläden mit Apollokerzen . . . .«

Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß ihr die

verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im Trauminhalt ersetzt

durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag, den sie einmal im

Pensionat _ungeschickt_ ausführte, und zwar vermöge des Gemeinsamen:

_geschlossene Fensterläden_. Die Verbindung des Themas von der Onanie

mit der Impotenz ist klar genug. »Apollo« im latenten Trauminhalt

verknüpft diesen Traum mit einem früheren, in dem von der jungfräulichen

Pallas die Rede war. Alles wahrlich nicht harmlos.

V. Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirklichen

Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, füge ich noch

einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint und von derselben Person

herrührt. _Ich habe etwas geträumt_, erzählt sie, _was ich bei Tag

wirklich getan habe, nämlich einen kleinen Koffer so voll mit Büchern

gefüllt, daß ich Mühe hatte, ihn zu schließen, und ich habe es so

geträumt, wie es wirklich vorgefallen ist._ Hier legt die Erzählerin

selbst das Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum und

Wirklichkeit. Alle solche Urteile über den Traum, Bemerkungen zum

Traume, gehören nun, obwohl sie sich einen Platz im wachen Denken

geschaffen haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns

noch spätere Beispiele bestätigen werden. Es wird uns also gesagt, das,

was der Traum erzählt, ist am Tage vorher wirklich vorgefallen(68). Es

wäre nun zu weitläufig, mitzuteilen, auf welchem Wege man zum Einfalle

kommt, bei der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, es

handelt sich wieder um eine kleine _box_ (vgl. p. 118 den Traum vom

toten Kind in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts

mehr hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal.

(68) Vgl. p. 16, Note.

In all diesen »harmlosen« Träumen schlägt das sexuelle Moment als Motiv

der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein Thema von

prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen müssen.

b) _Das Infantile als Traumquelle_.

Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhaltes haben wir mit

allen Autoren (bis auf _Robert_) angeführt, daß im Traume Eindrücke aus

den frühesten Lebensaltern erscheinen können, über welche das Gedächtnis

im Wachen nicht zu verfügen scheint. Wie selten oder wie häufig sich

dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer zu beurteilen, weil die

betreffenden Elemente des Traumes nach dem Erwachen nicht in ihrer

Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß es sich hier um Eindrücke der

Kindheit handelt, muß also auf objektivem Wege erbracht werden, wozu

sich die Bedingungen nur in seltenen Fällen zusammenfinden können. Als

besonders beweiskräftig wird von A. _Maury_ die Geschichte eines Mannes

erzählt, welcher eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger

Abwesenheit seinen Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise

träumte er, er sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne

daselbst auf der Straße einem unbekannten Herrn, mit dem er sich

unterhalte. In seine Heimat zurückgekehrt, konnte er sich nun

überzeugen, daß diese unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiner

Heimatstadt wirklich existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes

stellte sich als ein dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters

heraus. Wohl ein zwingender Beweis dafür, daß er beide, Mann wie

Ortschaft, in seiner Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als

Ungeduldstraum zu deuten wie der des Mädchens, welches das Billett für

den Konzertabend in der Tasche trägt (p. 117), des Kindes, welchem der

Vater den Ausflug nach dem Hameau versprochen hat, u. dgl. Die Motive,

welche dem Träumer gerade diesen Eindruck aus seiner Kindheit

reproduzieren, sind natürlich ohne Analyse nicht aufzudecken.

Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine Träume nur sehr

selten der Traumentstellung unterliegen, teilte mir mit, daß er vor

einiger Zeit im Traume gesehen, _sein ehemaliger Hofmeister befinde sich

im Bette der Bonne_, die bis zu seinem elften Jahre im Hause gewesen

war. Die Örtlichkeit für diese Szene fiel ihm noch im Traume ein.

Lebhaft interessiert teilte er den Traum seinem älteren Bruder mit, der

ihm lachend die Wirklichkeit des Geträumten bestätigte. Er erinnere sich

sehr gut daran, denn er sei damals sechs Jahre alt gewesen. Das

Liebespaar pflegte ihn, den älteren Knaben, durch Bier betrunken zu

machen, wenn die Umstände einem nächtlichen Verkehre günstig waren. Das

kleinere, damals dreijährige Kind -- unser Träumer --, das im Zimmer der

Bonne schlief, wurde nicht als Störung betrachtet.

Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne Beihilfe

der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente aus der Kindheit

enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter _perennierender_ ist,

der, in der Kindheit zuerst geträumt, später immer wieder von Zeit zu

Zeit während des Schlafes des Erwachsenen auftritt. Zu den bekannten

Beispielen dieser Art kann ich einige aus meiner Erfahrung hinzufügen,

wenngleich ich an mir selbst einen solchen perennierenden Traum nicht

kennen gelernt habe. Ein Arzt in den Dreißigern erzählte mir, daß in

seinem Traumleben von den ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum

heutigen Tage häufig ein gelber Löwe erscheint, über den er die

genaueste Auskunft zu geben vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe

fand sich nämlich eines Tages in natura als ein lange verschollener

Gegenstand aus Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner

Mutter, daß dieses Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen

Kinderzeit gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte.

Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den Traumgedanken,

welche erst die Analyse aufdeckt, so kann man mit Erstaunen die

Mitwirkung der Kindheitserlebnisse auch bei solchen Träumen

konstatieren, deren Inhalt keine derartige Vermutung erweckt hätte. Dem

geehrten Kollegen vom »gelben Löwen« verdanke ich ein besonders

liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines solchen Traumes. Nach der

Lektüre von _Nansens_ Reisebericht über seine Polarexpedition träumte

er, in einer Eiswüste galvanisiere er den kühnen Forscher wegen einer

Ischias, über welche dieser klage! Zur Analyse dieses Traumes fiel ihm

eine Geschichte aus seiner Kindheit ein, ohne welche der Traum

allerdings unverständlich bleibt. Als er ein drei- oder vierjähriges

Kind war, hörte er eines Tages neugierig zu, wie die Erwachsenen von

Entdeckungsreisen sprachen, und fragte dann den Papa, ob das eine

schwere Krankheit sei. Er hatte offenbar _Reisen_ mit »_Reißen_«

verwechselt, und der Spott seiner Geschwister sorgte dafür, daß ihm das

beschämende Erlebnis nicht in Vergessenheit geriet.

Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse des Traumes von

der Monographie über die Gattung Zyklamen auf eine erhalten gebliebene

Jugenderinnerung stoße, daß der Vater dem fünfjährigen Knaben ein mit

farbigen Tafeln ausgestattetes Buch zur Zerstörung überläßt. Man wird

etwa den Zweifel aufwerfen, ob diese Erinnerung wirklich an der

Gestaltung des Trauminhaltes Anteil genommen hat, ob nicht vielmehr die

Arbeit der Analyse eine Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die

Reichhaltigkeit und Verschlungenheit der Assoziationsverknüpfungen bürgt

für die erstere Auffassung: Zyklamen -- Lieblingsblume --

Lieblingsspeise -- Artischocke; zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt

für Blatt (eine Wendung, die einem anläßlich der Teilung des

chinesischen Reiches damals täglich ans Ohr schlug); -- Herbarium --

Bücherwurm, dessen Lieblingsspeise Bücher sind. Außerdem kann ich

versichern, daß der letzte Sinn des Traumes, den ich hier nicht

ausgeführt habe, zum Inhalt der Kinderszene in intimster Beziehung

steht.

Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die Analyse belehrt,

daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat, als dessen Erfüllung

der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben stammt, so daß man zu

seiner Überraschung _im Traume das Kind mit seinen Impulsen weiterlebend

findet_.

Das infantile Moment im Onkeltraum.

Ich setze an dieser Stelle die Deutung des Traumes fort, aus dem wir

bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine den Traum:

Freund R. ist mein Onkel (p. 106). Wir haben dessen Deutung so weit

gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor ernannt zu werden,

greifend entgegentrat, und wir erklärten uns die Zärtlichkeit des

Traumes für Freund R. als eine Oppositions- und Trotzschöpfung gegen die

Schmähung der beiden Kollegen, die in den Traumgedanken enthalten war.

Der Traum war mein eigener; ich darf darum dessen Analyse mit der

Mitteilung fortsetzen, daß mein Gefühl durch die erreichte Lösung noch

nicht befriedigt war. Ich wußte, daß mein Urteil über die in den

Traumgedanken mißhandelten Kollegen im Wachen ganz anders gelautet

hätte; die Macht des Wunsches, ihr Schicksal in Betreff ihrer Ernennung

nicht zu teilen, erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen

wacher und Traum-Schätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit

einem anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so

beweist dies einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den

ich fern von mir glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich zu kennen

glauben, in diesem Punkte über mich urteilen würden; vielleicht habe ich

auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn, so hat er sich längst auf

andere Objekte als auf Titel und Rang eines Professor extraordinarius

geworfen.

Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben hat? Da fällt

mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen gehört habe, daß bei

meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den Erstgeborenen glücklichen

Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen großen Mann geschenkt habe.

Solche Prophezeiungen müssen sehr häufig vorfallen; es gibt so viel

erwartungsvolle Mütter und so viel alte Bäuerinnen oder andere alte

Weiber, deren Macht auf Erden vergangen ist, und die sich darum der

Zukunft zugewendet haben. Es wird auch nicht der Schade der Prophetin

gewesen sein. Sollte meine Größensehnsucht aus dieser Quelle stammen?

Aber da besinne ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren

Jugendjahren, der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war

eines Abends in einem der Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den

elf- oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein Mann

auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines Honorar Verse

über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich wurde abgeschickt,

den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und er erwies sich dem Boten

dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe fragte, ließ er einige Reime über

mich fallen und erklärte es in seiner Inspiration für wahrscheinlich,

daß ich noch einmal »Minister« werde. An den Eindruck dieser zweiten

Prophezeiung kann ich mich noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des

Bürgerministeriums, der Vater hatte kurz vorher die Bilder der

bürgerlichen Doktoren _Herbst_, _Giskra_, _Unger_, _Berger_ u. a. nach

Hause gebracht, und wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminiert. Es

waren sogar Juden unter ihnen; jeder fleißige Judenknabe trug also das

Ministerportefeuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken

jener Zeit sogar zusammenhängen, daß ich bis kurz vor der Inskription an

der Universität willens war, Jura zu studieren, und erst im letzten

Moment umsattelte. Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn überhaupt

verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, daß er mich

aus der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit des

Bürgerministeriums zurückversetzt und meinen Wunsch von _damals_ nach

seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten und achtenswerten

Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht behandle, den einen, als ob

er ein Schwachkopf, den anderen, als ob er ein Verbrecher wäre, indem

ich so verfahre, benehme ich mich, als ob ich der Minister wäre, habe

ich mich an die Stelle des Ministers gesetzt. Welch gründliche Rache an

Sr. Exzellenz! Er verweigert es, mich zum Professor extraordinarius zu

ernennen, und ich setze mich dafür im Traume an seine Stelle.

Sehnsuchtsträume von _Rom_.

In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch, welcher den

Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine mächtige Verstärkung

aus tiefreichenden Kindererinnerungen bezieht. Es handelt sich hier um

eine Reihe von Träumen, denen die Sehnsucht, nach _Rom_ zu kommen, zu

grunde liegt. Ich werde diese Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch

Träume befriedigen müssen, denn um die Zeit des Jahres, welche mir für

eine Reise zur Verfügung steht, ist der Aufenthalt in _Rom_ aus

Rücksichten der Gesundheit zu meiden(69). So träume ich denn einmal, daß

ich vom Coupéfenster aus _Tiber_ und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich

der Zug in Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja gar

nicht betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem

bekannten Stiche nachgebildet, den ich Tags zuvor im Salon eines

Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand auf

einen Hügel und zeigt mir _Rom_, vom Nebel halb verschleiert und noch so

fern, daß ich mich über die Deutlichkeit der Aussicht wundere. Der

Inhalt dieses Traumes ist reicher, als ich hier ausführen möchte. Das

Motiv, »das Gelobte Land von fern sehen«, ist darin leicht zu erkennen.

Die Stadt, die ich so zuerst im Nebel gesehen habe, ist _Lübeck_; der

Hügel findet sein Vorbild in -- _Gleichenberg_. In einem dritten Traume

bin ich endlich in _Rom_, wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu

meiner Enttäuschung eine keineswegs städtische Szenerie, _einen kleinen

Fluß mit dunklem Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze Felsen,

auf der anderen Wiesen mit großen weißen Blumen. Ich bemerke einen Herrn

Zucker_ (den ich oberflächlich kenne) _und beschließe, ihn um den Weg in

die Stadt zu fragen._ Es ist offenbar, daß ich mich vergebens bemühe,

eine Stadt im Traume zu sehen, die ich im Wachen nicht gesehen habe.

Wenn ich das Landschaftsbild des Traumes in seine Elemente zersetze, so

deuten die weißen Blumen auf das mir bekannte _Ravenna_, das wenigstens

eine Zeitlang als Italiens Hauptstadt _Rom_ den Vorrang abgenommen

hatte. In den Sümpfen um _Ravenna_ haben wir die schönsten Seerosen

mitten im schwarzen Wasser gefunden; der Traum läßt sie auf Wiesen

wachsen wie die Narzissen in unserem _Aussee_, weil es damals so

mühselig war, sie aus dem Wasser zu holen. Der dunkle Fels, so nahe am

Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der _Tepl_ bei _Karlsbad_.

»Karlsbad« setzt mich nun in den Stand, mir den sonderbaren Zug zu

erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. Es sind hier in dem

Material, aus dem der Traum gesponnen ist, zwei jener lustigen jüdischen

Anekdoten zu erkennen, die so viel tiefsinnige, oft bittere

Lebensweisheit verbergen, und die wir in Gesprächen und Briefen so gern

zitieren. Die eine ist die Geschichte von der »Konstitution«, des

Inhaltes, wie ein armer Jude ohne Fahrbillett den Einlaß in den Eilzug

nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt, bei jeder Revision vom Zuge

gewiesen und immer härter behandelt wird, und der dann einem Bekannten,

welcher ihn auf einer seiner Leidensstationen antrifft, auf die Frage,

wohin er reise, zur Antwort gibt: »Wenn's meine _Konstitution_ aushält

-- nach _Karlsbad_.« Nahe dabei ruht im Gedächtnis eine andere

Geschichte von einem des Französischen unkundigen Juden, dem

eingeschärft wird, in _Paris_ nach dem Wege zur Rue Richelieu zu fragen.

Auch _Paris_ war lange Jahre hindurch ein Ziel meiner Sehnsucht, und die

Seligkeit, in welcher ich zuerst den Fuß auf das Pflaster von _Paris_

setzte, nahm ich als Gewähr, daß ich auch die Erfüllung anderer Wünsche

erreichen werde. Das Um-den-Weg-Fragen ist ferner eine direkte

Anspielung an _Rom_, denn nach _Rom_ führen bekanntlich alle Wege.

Übrigens deutet der Name _Zucker_ wiederum auf _Karlsbad_, wohin wir

doch alle mit der _konstitutionellen_ Krankheit Diabetes Behafteten

schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der Vorschlag meines Berliner

Freundes, uns zu Ostern in Prag zu treffen. Aus den Dingen, die ich mit

ihm zu besprechen hatte, würde sich eine weitere Beziehung zu _Zucker_

und Diabetes ergeben.

(69) Ich habe seither längst erfahren, daß auch zur Erfüllung solcher

lange für unerreichbar gehaltener Wünsche nur etwas Mut erfordert

wird.

Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich wieder nach

_Rom_. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und wundere mich darüber, daß

dort so viele deutsche Plakate angeschlagen sind. Tags vorher hatte ich

meinem Freunde in prophetischer Voraussicht geschrieben, _Prag_ dürfte

für deutsche Spaziergänger kein bequemer Aufenthaltsort sein. Der Traum

drückte also gleichzeitig den Wunsch aus, ihn in _Rom_ zu treffen

anstatt in einer böhmischen Stadt, und das wahrscheinlich aus der

Studentenzeit stammende Interesse daran, daß in Prag der deutschen

Sprache mehr Duldung gewährt sein möge. Die tschechische Sprache muß ich

übrigens in meinen drei ersten Kinderjahren verstanden haben, da ich in

einem kleinen Orte Mährens mit slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein

tschechischer Kindervers, den ich in meinem 17. Jahre gehört, hat sich

meinem Gedächtnis mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen

kann, obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt also

auch diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen zu den

Eindrücken meiner ersten Lebensjahre.

Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderm am

_Trasimenersee_ vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den Tiber

gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von _Rom_ umgekehrt

war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach der ewigen Stadt

aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade den Plan, nächstes Jahr

an _Rom_ vorbei nach _Neapel_ zu reisen, als mir ein Satz einfiel, den

ich bei einem unserer klassischen Schriftsteller gelesen haben muß: Es

ist fraglich, wer eifriger in seiner Stube auf und ab lief, nachdem er

den Plan gefaßt, nach _Rom_ zu gehen, der Konrektor _Winckelmann_ oder

der Feldherr _Hannibal_. Ich war ja auf den Spuren _Hannibals_

gewandelt; es war mir so wenig wie ihm beschieden, _Rom_ zu sehen, und

auch er war nach _Kampanien_ gezogen, nachdem alle Welt ihn in _Rom_

erwartet hatte. _Hannibal_, mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht

hatte, war aber der Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen; wie so

viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien während der Punischen

Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager zugewendet. Als dann im

Obergymnasium das erste Verständnis für die Konsequenzen der Abstammung

aus landesfremder Rasse erwuchs, und die antisemitischen Regungen unter

den Kameraden mahnten Stellung zu nehmen, da hob sich die Gestalt des

semitischen Feldherrn noch höher in meinen Augen. _Hannibal_ und _Rom_

symbolisierten dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit des

Judentums und der Organisation der katholischen Kirche. Die Bedeutung,

welche die antisemitische Bewegung seither für unser Gemütsleben

gewonnen hat, verhalf dann den Gedanken und Empfindungen jener frühen

Zeit zur Fixierung. So ist der Wunsch, nach _Rom_ zu kommen, für das

Traumleben zum Deckmantel und Symbol für mehrere andere heißersehnte

Wünsche geworden, an deren Verwirklichung man mit der Ausdauer und

Ausschließlichkeit des Puniers arbeiten möchte, und deren Erfüllung

zeitweilig vom Schicksal ebensowenig begünstigt scheint wie der

Lebenswunsch _Hannibals_, in _Rom_ einzuziehen.

Das infantile Moment zu den Romträumen.

Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all diesen

Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äußert. Ich mochte zehn

oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater begann, mich auf seine

Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen seine Ansichten über die

Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte er mir einmal, um mir zu

zeigen, in wie viel bessere Zeiten ich gekommen sei als er: Als ich ein

junger Mensch war, bin ich in deinem Geburtsorte am Samstag in der

Straße spazieren gegangen, schön gekleidet, mit einer neuen Pelzmütze

auf dem Kopfe. Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem Schlage die

Mütze in den Kot und ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! »Und was

hast du getan?« Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze

aufgehoben, war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft

von dem großen starken Manne, der mich Kleinen an der Hand führte. Ich

stellte dieser Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere

gegenüber, die meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in welcher

_Hannibals_ Vater _Hamilkar_(70) _Barkas_, seinen Knaben vor dem

Hausaltar schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen. Seitdem hatte

_Hannibal_ einen Platz in meinen Phantasien.

(70) In der ersten Auflage stand hier der Name: Hasdrubal, ein

befremdender Irrtum, dessen Aufklärung ich in meiner »Psychopathologie

des Alltagslebens« (1901, 1904, 4. Aufl. 1912) gegeben habe.

Ich meine, daß ich die Schwärmerei für den karthagischen General noch

ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen kann, so daß es sich

auch hier nur um die Übertragung einer bereits gebildeten Affektrelation

auf einen neuen Träger handeln dürfte. Eines der ersten Bücher, das dem

lesefähigen Kinde in die Hände fiel, war _Thiers_' Konsulat und

Kaiserreich; ich erinnere mich, daß ich meinen Holzsoldaten kleine

Zettel mit den Namen der kaiserlichen Marschälle auf den flachen Rücken

geklebt, und daß damals schon _Masséna_ (als Jude: _Menasse_) mein

erklärter Liebling war. (Diese Bevorzugung wird wohl auch durch den

Zufall des gleichen Geburtsdatums, genau hundert Jahre später,

aufzuklären sein.) _Napoleon_ selbst schließt sich durch den Übergang

über die Alpen an _Hannibal_ an. Und vielleicht ließe sich die

Entwicklung dieses Kriegerideals noch weiter zurück in die Kindheit

verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freundschaftliche, bald

kriegerische Verkehr während der ersten drei Jahre mit einem um ein Jahr

älteren Knaben bei dem schwächeren der beiden Gespielen hervorrufen

mußte.

Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto häufiger

wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt, welche im

latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen.

Wir haben gehört (p. 16), daß der Traum sehr selten Erinnerungen so

reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert den alleinigen

manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige Beispiele für dieses

Vorkommen sichergestellt, zu denen ich einige neue hinzufügen kann, die

sich wiederum auf Infantilszenen beziehen. Bei einem meiner Patienten

brachte einmal ein Traum eine kaum entstellte Wiedergabe eines sexuellen

Vorfalles, die sofort als getreue Erinnerung erkannt wurde. Die

Erinnerung daran war im Wachen zwar nie völlig verloren gewesen, aber

doch stark verdunkelt worden, und ihre Neubelebung war ein Erfolg der

vorausgegangenen analytischen Arbeit. Der Träumer hatte mit zwölf Jahren

einen bettlägerigen Kollegen besucht, der sich wahrscheinlich nur

zufällig bei einer Bewegung im Bette entblößte. Beim Anblick seiner

Genitalien von einer Art Zwang ergriffen, entblößte er sich selbst und

faßte das Glied des anderen, der ihn aber unwillig und verwundert ansah,

worauf er verlegen wurde und abließ. Diese Szene wiederholte ein Traum

23 Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommenden

Empfindungen, veränderte sie aber dahin, daß der Träumer anstatt der

aktiven die passive Rolle übernahm, während die Person des Schulkollegen

durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt wurde.

In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Trauminhalt

nur durch eine Anspielung vertreten und muß durch Deutung aus dem Traume

entwickelt werden. Die Mitteilung solcher Beispiele kann nicht sehr

beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kindererlebnisse meistens

jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie in ein frühes Alter

fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt. Das Recht, überhaupt

aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu schließen, ergibt sich bei

der psychoanalytischen Arbeit aus einer ganzen Reihe von Momenten, die

in ihrem Zusammenwirken verläßlich genug erscheinen. Zum Zwecke der

Traumdeutung aus ihrem Zusammenhange gerissen, werden solche

Zurückführungen von Träumen auf Kindererlebnisse vielleicht wenig

Eindruck machen, besonders da ich nicht einmal alles Material mitteile,

auf welches sich die Deutung stützt. Indes will ich mich von der

Mitteilung darum nicht abhalten lassen.

I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charakter des

»_Gehetzten_«; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den Eisenbahnzug

nicht zu versäumen u. dgl. In einem Traume soll sie ihre Freundin

besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht gehen; _sie

läuft aber und fällt dabei in einem fort_. -- Das bei der Analyse

auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an Kinderhetzereien zu

erkennen (man weiß, was der Wiener »_eine Hetz_« nennt), und gibt

speziell für den einen Traum die Zurückführung auf den bei Kindern

beliebten Scherz, den Satz: »_Die Kuh rannte bis sie fiel_« so rasch

auszusprechen, als ob er ein einziges Wort wäre, was wiederum ein

»Hetzen« ist. Alle diese harmlosen Hetzereien unter kleinen Freundinnen

werden erinnert, weil sie andere, minder harmlose, ersetzen.

II. Von einer anderen folgender Traum: _Sie ist in einem großen Zimmer,

in dem allerlei Maschinen stehen, etwa so, wie sie sich eine

orthopädische Anstalt vorstellt. Sie hört, daß ich keine Zeit habe, und

daß sie die Behandlung gleichzeitig mit fünf anderen machen muß. Sie

sträubt sich aber und will sich in das für sie bestimmte Bett -- oder

was es ist -- nicht legen. Sie steht in einem Winkel und wartet, daß ich

sage, es ist nicht wahr. Die anderen lachen sie unterdes aus, es sei

Faxerei von ihr._ -- Daneben, _als ob sie viele kleine Quadrate machen

würde_.

Aufdeckung von Kindheitserlebnissen bei der Traumdeutung.

Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an die Kur und

Übertragung auf mich. Der zweite enthält die Anspielung an die

Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die beiden Stücke

aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt geht auf eine meiner Reden

zurück, in der ich die Behandlung ihrer Dauer wie ihrem Wesen nach mit

einer _orthopädischen_ verglichen hatte. Ich mußte ihr zu Anfang der

Behandlung mitteilen, _daß ich vorläufig wenig Zeit für sie habe_, ihr

aber später eine ganze Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte

Empfindlichkeit in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie

bestimmten Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin

war die jüngste von sechs Geschwistern (daher: _mit fünf anderen_) und

als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu haben, daß

der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit widme. --

Daß sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat folgende Ableitung:

Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid gebracht, und sie ihm

dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren Mann, ob sie das Geld

nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere. Der Mann, um sie zu

_necken_, versicherte: ja (die _Neckerei_ im Trauminhalt), und sie

fragte immer wieder von neuem _und wartete darauf, daß er endlich sage,

es ist nicht wahr_. Nun läßt sich für den latenten Trauminhalt der

Gedanke konstruieren, ob sie mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn

ich ihr die doppelte Zeit widme, ein Gedanke, der geizig oder

_schmutzig_ ist. (Die Unreinlichkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom

Traume durch Geldgeiz ersetzt; das Wort »schmutzig« bildet dabei die

Brücke.) Wenn all das vom Warten, bis ich sage usw., das Wort

»schmutzig« im Traume umschreiben soll, so stimmt das _Im-Winkel-Stehen_

und das _Sich-nicht-ins-Bett-Legen_ dazu als Bestandteil einer

Kinderszene, in der sie das Bett schmutzig gemacht hätte, zur Strafe _in

den Winkel gestellt_ wird unter der Androhung, daß sie der Papa nicht

mehr liebhaben werde, die Geschwister sie auslachen usw. Die kleinen

Quadrate zielen auf ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst gezeigt,

wie man in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt, daß sie,

nach allen Richtungen addiert, 15 ergeben.

III. Der Traum eines Mannes: _Er sieht zwei Knaben, die sich balgen, und

zwar Faßbinderknaben, wie er aus den herumliegenden Gerätschaften

schließt; einer der Knaben hat den anderen niedergeworfen, der liegende

Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen. Er eilt dem Missetäter mit

erhobenem Stocke nach, um ihn zu züchtigen. Dieser flüchtet zu einer

Frau, die bei einem Bretterzaun steht, als ob sie seine Mutter wäre. Es

ist eine Taglöhnersfrau, die dem Träumer den Rücken zuwendet. Endlich

kehrt sie sich um und schaut ihn mit einem gräßlichen Blicke an, so daß

er erschreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom unteren Lid das

rote Fleisch vorstehen._

Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich verwertet.

Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße gesehen, von denen

einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte, um zu schlichten,

ergriffen sie beide die Flucht. -- Faßbinderknaben: wird erst durch

einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Analyse er die Redensart

gebraucht: _Dem Faß den Boden ausschlagen_. -- Ohrringe mit blauen

Steinen tragen nach seiner Beobachtung meist die _Prostituierten_. So

fügt sich ein bekannter Klapphornvers von _zwei Knaben_ an: Der andere

Knabe, der hieß Marie (d. h.: war ein Mädchen). -- Die stehende Frau:

Nach der Szene mit den beiden Knaben ging er am Donauufer spazieren und

benutzte die Einsamkeit dort, um _gegen einen Bretterzaun_ zu urinieren.

Auf dem weiteren Wege lächelte ihn eine anständig gekleidete ältere Dame

sehr freundlich an und wollte ihm ihre Adreßkarte überreichen.

Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, so handelt es sich

um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann der gräßliche

»_Anblick_«, das Vorstehen des roten Fleisches, was sich nur auf die

beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen kann, die, in der Kinderzeit

gesehen, in der späteren Erinnerung als »_wildes Fleisch_«, als »Wunde«

wieder auftreten. Der Traum vereinigt zwei Anlässe, bei denen der kleine

Knabe die Genitalien kleiner Mädchen sehen konnte, beim _Hinwerfen_ und

bei deren _Urinieren_, und wie aus dem anderen Zusammenhang hervorgeht,

bewahrt er die Erinnerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters

wegen der von dem Buben bei diesen Anlässen bewiesenen sexuellen

Neugierde.

IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phantasie

notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traume einer jüngeren

Dame.

_Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen. Auf dem Graben sinkt sie

dann, wie zusammengebrochen, in die Knie. Viele Leute sammeln sich um

sie, besonders die Fiakerkutscher; aber niemand hilft ihr auf. Sie macht

viele vergebliche Versuche; endlich muß es gelungen sein, denn man setzt

sie in einen Fiaker, der sie nach Hause bringen soll; durchs Fenster

wirft man ihr einen großen schwer gefüllten Korb nach (ähnlich einem

Einkaufskorbe)._

Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie sie als

Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist offenbar von dem

Anblicke eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie auch das

»Zusammenbrechen« auf Wettrennen deutet. Sie war in jungen Jahren

_Reiterin_, in noch jüngeren wahrscheinlich auch _Pferd_. Zu dem

Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung an den 17 jährigen Sohn

des Portiers, der, auf der Straße von epileptischen Krämpfen befallen,

im Wagen nach Hause gebracht wurde. Davon hat sie natürlich nur gehört,

aber die Vorstellung von epileptischen Krämpfen, vom »_Hinfallenden_«

hat große Macht über ihre Phantasie gewonnen und später ihre eigenen

hysterischen Anfälle in ihrer Form beeinflußt. -- Wenn eine

Frauensperson vom Fallen träumt, so hat das wohl regelmäßig einen

sexuellen Sinn, sie wird eine »_Gefallene_«; für unseren Traum wird

diese Deutung am wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem

_Graben_, jenem Platze von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt

ist. Der _Einkaufskorb_ gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er

an die vielen _Körbe_, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und

später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann

auch, daß ihr niemand _aufhelfen will_, was sie selbst als

Verschmähtwerden auslegt. Ferner erinnert der _Einkaufskorb_ an

Phantasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen sie

tief unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu Markte

einkaufen geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als Zeichen einer

_dienenden Person_ gedeutet werden. Dazu kommen nun weitere

Kindheitserinnerungen, an eine _Köchin_, die weggeschickt wurde, weil

sie stahl; die ist auch so _in die Knie gesunken_ und hat gefleht. Sie

war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein Stubenmädchen, das weggeschickt

wurde, weil es sich mit dem _Kutscher_ des Hauses abgab, der sie

übrigens später heiratete. Diese Erinnerung ergibt uns also eine Quelle

für die _Kutscher_ im Traume (die sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der

Gefallenen nicht annehmen). Es bleibt aber noch das Nachwerfen des

Korbes, und zwar _durchs Fenster_, zu erklären. Das mahnt sie an das

Expedieren des Gepäcks auf der Eisenbahn, an das »_Fensterln_« auf dem

Lande, an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein Herr einer

Dame _blaue Pflaumen_ durchs Fenster in ihr Zimmer wirft, wie ihre

kleine Schwester sich gefürchtet, weil ein vorübergehender Trottel

durchs Fenster ins Zimmer sah. Und nun taucht dahinter eine dunkle

Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahre auf von einer Bonne, die auf dem

Lande Liebesszenen mit einem Diener des Hauses aufführte, von denen das

Kind doch etwas gemerkt haben konnte, und die mitsamt ihrem Liebhaber

»_expediert_«, »_hinausgeworfen_« wurde (im Traume der Gegensatz:

»_hineingeworfen_«), eine Geschichte, der wir uns auch von mehreren

anderen Wegen her genähert hatten. Das Gepäck, der Koffer einer

dienenden Person, wird aber in Wien geringschätzig als die »_sieben

Zwetschken_« bezeichnet. »Pack' deine sieben Zwetschken zusammen und

geh'.«

Kinderszenen im latenten Trauminhalt.

An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel oder gar nicht

mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den ersten drei Lebensjahren,

führt, hat meine Sammlung natürlich überreichen Vorrat. Es ist aber

mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die für den Traum im allgemeinen

gelten sollen; es handelt sich ja regelmäßig um neurotische, speziell

hysterische Personen, und die Rolle, welche den Kinderszenen in diesen

Träumen zufällt, könnte durch die Natur der Neurose und nicht durch das

Wesen des Traumes bedingt sein. Indes begegnet es mir bei der Deutung

meiner eigenen Träume, die ich doch nicht wegen grober Leidenssymptome

unternehme, ebenso oft, daß ich im latenten Trauminhalt unvermutet auf

eine Infantilszene stoße, und daß mir eine ganze Serie von Träumen mit

einemmal in die von einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet.

Beispiele hiefür habe ich schon erbracht und werde ich noch bei

verschiedenen Anlässen weiter erbringen. Vielleicht kann ich den ganzen

Abschnitt nicht besser beschließen als durch Mitteilung einiger eigenen

Träume, in denen rezente Anlässe und langvergessene Kindererlebnisse

mitsammen als Traumquellen auftreten.

Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht habe,

melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des Lebens und ich träume:

_Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise geben zu lassen. Dort stehen

drei Frauen, von denen eine die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht,

als ob sie Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich warten soll, bis

sie fertig ist (nicht deutlich als Rede). Ich werde ungeduldig und gehe

beleidigt weg. Ich ziehe einen Überrock an; der erste, den ich versuche,

ist mir aber zu lang. Ich ziehe ihn wieder aus, etwas überrascht, daß er

Pelzbesatz hat. Ein zweiter, den ich anziehe, hat einen langen Streifen

mit türkischer Zeichnung eingesetzt. Ein Fremder mit langem Gesichte und

kurzem Spitzbarte kommt hinzu und hindert mich am Anziehen, indem er ihn

für den seinen erklärt. Ich zeige ihm nun, daß er über und über türkisch

gestickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen (Zeichnungen,

Streifen . . . .) an? Wir sind aber dann ganz freundlich miteinander._

In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der erste Roman

ein, den ich, vielleicht 13 jährig, gelesen, d. h. mit dem Ende des

ersten Bandes begonnen hatte. Den Namen des Romans und seines Autors

habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun in lebhafter

Erinnerung. Der Held verfällt in Wahnsinn und ruft beständig die drei

Frauennamen, die ihm im Leben das größte Glück und das Unheil bedeutet

haben. _Pélagie_ ist einer dieser Namen. Noch weiß ich nicht, was ich

mit diesem Einfall in der Analyse beginnen werde. Da tauchen zu den drei

Frauen die drei Parzen auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und

ich weiß, daß eine der drei Frauen, die Wirtin im Traume, die Mutter

ist, die das Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden die

erste Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein

junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der

Frauenschönheit wurde, äußerte einmal, als die Rede auf die schöne Amme

kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die gute Gelegenheit

damals nicht besser ausgenutzt zu haben. Ich pflege mich der Anekdote

zur Erläuterung für das Moment der _Nachträglichkeit_ in dem Mechanismus

der Psychoneurosen zu bedienen. -- Die eine der Parzen also reibt die

Handflächen aneinander, als ob sie _Knödel_ machen würde. Eine

sonderbare Beschäftigung für eine Parze, welche dringend der Aufklärung

bedarf! Diese kommt nun aus einer anderen und früheren Kindererinnerung.

Als ich sechs Jahre alt war und den ersten Unterricht bei meiner Mutter

genoß, sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht sind und darum zur

Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht und ich zweifelte

die Lehre an. Da rieb die Mutter die Handflächen aneinander -- ganz

ähnlich wie beim Knödelmachen, nur daß sich kein Teig zwischen ihnen

befindet -- und zeigte mir die schwärzlichen _Epidermis_schuppen, die

sich dabei abreiben, als eine Probe der Erde, aus der wir gemacht sind,

vor. Mein Erstaunen über diese Demonstration ad oculos war grenzenlos,

und ich ergab mich in das, was ich später in den Worten ausgedrückt

hören sollte: Du bist der Natur einen Tod schuldig(71). So sind es also

wirklich Parzen, zu denen ich in die Küche gehe, wie so oft in den

Kinderjahren, wenn ich hungrig war, und die Mutter beim Herd mich mahnte

zu warten, bis das Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel!

Wenigstens einer meiner Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich

meine _histologischen_ Kenntnisse (_Epidermis_) verdanke, könnte sich

bei dem Namen _Knödel_ an eine Person erinnern, die er belangen mußte,

weil sie ein _Plagiat_ an seinen Schriften begangen hatte. Ein Plagiat

begehen, sich aneignen, was man bekommen kann, auch wenn es einem

anderen gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes, in dem ich

wie der _Überrockdieb_ behandelt werde, der eine Zeitlang in den

Hörsälen sein Wesen trieb. Ich habe den Ausdruck Plagiat

niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich mir darbot, und nun merke

ich, daß er dem latenten Trauminhalt angehören muß, weil er als Brücke

zwischen den verschiedenen Stücken des manifesten Trauminhaltes dienen

kann. Die Assoziationskette -- _Pélagie_ -- _Plagiat_ --

_Plagiostomen_(72) (_Haifische_) -- _Fischblase_ verbindet den alten

Roman mit der Affäre _Knödl_ und mit den Überziehern, die ja offenbar

ein Gerät der sexuellen Technik bedeuten. (Vgl. _Maurys_ Traum vom

_Kilo_ -- _Lotto_, p. 45.) Eine höchst gezwungene und unsinnige

Verbindung zwar, aber doch keine, die ich im Wachen herstellen könnte,

wenn sie nicht schon durch die Traumarbeit hergestellt wäre. Ja, als ob

dem Drange, Verbindungen zu erzwingen, gar nichts heilig wäre, dient nun

der teure Name _Brücke_ (Wortbrücke s. o.) dazu, mich an dasselbe

Institut zu erinnern, in dem ich meine glücklichsten Stunden als Schüler

verbracht, sonst ganz bedürfnislos (»So wird's Euch an der Weisheit

_Brüsten_ mit jedem Tage mehr _gelüsten_«), im vollsten Gegensatz zu den

Begierden, die mich, während ich träume, _plagen_. Und endlich taucht

die Erinnerung an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen Name wiederum

an etwas Eßbares anklingt (_Fleischl_, wie _Knödl_) und an eine traurige

Szene, in der _Epidermisschuppen_ eine Rolle spielen (die Mutter --

Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und ein Mittel aus der

lateinischen _Küche_, das den Hunger benimmt, das Kokain.

(71) Beide zu diesen Kinderszenen gehörigen Affekte, das Erstaunen und

die Ergebung ins Unvermeidliche, fanden sich in einem Traume kurz

vorher, der mir zuerst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis

wiederbrachte.

(72) Die _Plagiostomen_ ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen mich

an eine ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer.

So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiterfolgen und das in

der Analyse fehlende Stück des Traumes voll aufklären, aber ich muß es

unterlassen, weil die persönlichen Opfer, die es erfordern würde, zu

groß sind. Ich greife nur einen der Fäden auf, der direkt zu einem der

dem Gewirre zu grunde liegenden Traumgedanken führen kann. Der Fremde

mit langem Gesichte und Spitzbarte, der mich am Anziehen hindern will,

trägt die Züge eines Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau reichlich

_türkische_ Stoffe eingekauft hat. Er hieß _Popović_, ein verdächtiger

Name, der auch dem Humoristen _Stettenheim_ zu einer andeutungsvollen

Bemerkung Anlaß gegeben hat. (»Er nannte mir seinen Namen und drückte

mir errötend die Hand.«) Übrigens derselbe Mißbrauch mit Namen wie oben

mit _Pélagie_, _Knödl_, _Brücke_, _Fleischl_. Daß solche Namenspielerei

Kinderunart ist, darf man ohne Widerspruch behaupten; wenn ich mich in

ihr ergehe, ist es aber ein Akt der Vergeltung, denn mein eigener Name

ist unzähligemale solchen schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen.

_Goethe_ bemerkte einmal, wie empfindlich man für seinen Namen ist, mit

dem man sich verwachsen fühlt wie mit seiner _Haut_, als _Herder_ auf

seinen Namen dichtete:

»Der du von _Göttern_ abstammst, von Goten oder vom Kote« --

»So seid ihr _Götterbilder_ auch zu _Staub_.«

Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von Namen nur diese

Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier ab. -- Der Einkauf in

Spalato mahnt mich an einen anderen Einkauf in Cattaro, bei dem ich

allzu zurückhaltend war und die Gelegenheit zu schönen Erwerbungen

versäumte. (Die Gelegenheit bei der Amme versäumt, s. o.) Einer der

Traumgedanken, die dem Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: _Man

soll sich nichts entgehen lassen, nehmen, was man haben kann, auch wenn

ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man soll keine Gelegenheit

versäumen, das Leben ist so kurz, der Tod unvermeidlich._ Weil es auch

sexuell gemeint ist und weil die Begierde vor dem Unrecht nicht

haltmachen will, hat dieses »carpe diem« die Zensur zu fürchten und muß

sich hinter einem Traume verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken

zu Wort, die Erinnerung an die Zeit, da die _geistige Nahrung_ dem

Träumer allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die Drohungen mit

den ekelhaften sexuellen Strafen.

Ein revolutionärer Traum.

Die Traumdeutung · 第 30 / 57 题