Das Traummaterial und die Traumquellen.
Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion ersehen hatten,
daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm uns zunächst das Interesse
gefangen, ob wir hiemit einen allgemeinen Charakter des Traumes
aufgedeckt haben, und wir brachten vorläufig jede andere
wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die sich in uns während jener
Deutungsarbeit geregt haben mochte. Nachdem wir jetzt auf dem einen Wege
zum Ziele gelangt sind, dürfen wir zurückkehren und einen neuen
Ausgangspunkt für unsere Streifungen durch die Probleme des Traumes
wählen, sollten wir darüber auch das noch keineswegs voll erledigte
Thema der Wunscherfüllung für eine Weile aus den Augen verlieren.
Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traumdeutung einen
_latenten_ Trauminhalt aufdecken können, der an Bedeutsamkeit den
_manifesten_ Trauminhalt weit hinter sich läßt, muß es uns drängen, die
einzelnen Traumprobleme von neuem aufzunehmen, um zu versuchen, ob sich
für uns nicht Rätsel und Widersprüche befriedigend lösen, die, solange
man nur den manifesten Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind.
Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes mit dem
Wachleben sowie über die Herkunft des Traummaterials sind im
einleitenden Abschnitt ausführlich mitgeteilt worden. Wir erinnern uns
auch jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächtnisses, die so
vielfach bemerkt, aber nicht erklärt worden sind:
1. Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich bevorzugt
(_Robert_, _Strümpell_, _Hildebrandt_, auch _Weed-Hallam_);
2. daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser Wachgedächtnis
trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige, sondern das
Nebensächliche und Unbeachtete erinnert.
3. daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheitseindrücke besitzt
und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit hervorholt, die uns
wiederum als trivial erscheinen und im Wachen für längst vergessen
gehalten worden sind(55).
(55) Es ist klar, daß die Auffassung _Roberts_, der Traum sei dazu
bestimmt, unser Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu
entlasten, nicht mehr zu halten ist, wenn im Traume einigermaßen
häufig gleichgültige Erinnerungsbilder aus unserer Kindheit auftreten.
Man müßte den Schluß ziehen, daß der Traum die ihm zufallende Aufgabe
sehr ungenügend zu erfüllen pflegt.
Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials sind von den
Autoren natürlich am manifesten Trauminhalt beobachtet worden.
a) _Das Rezente und das Indifferente im Traume_.
Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalt auftretenden
Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so muß ich zunächst die
Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume eine Anknüpfung an die
Erlebnisse des _letztabgelaufenen Tages_ aufzufinden ist. Welchen Traum
immer ich vornehme, einen eigenen oder fremden, jedesmal bestätigt sich
mir diese Erfahrung. In Kenntnis dieser Tatsache kann ich etwa die
Traumdeutung damit beginnen, daß ich zuerst nach dem Erlebnisse des
Tages forsche, welches den Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies
sogar der nächste Weg. An den beiden Träumen, die ich im vorigen
Abschnitt einer genauen Analyse unterzogen habe (von Irmas Injektion,
von meinem Onkel mit dem gelben Barte), ist die Beziehung zum Tage so
augenfällig, daß sie keiner weiteren Beleuchtung bedarf. Um aber zu
zeigen, wie regelmäßig sich diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein
Stück meiner eigenen Traumchronik daraufhin untersuchen. Ich teile die
Träume nur soweit mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traumquelle
bedarf.
1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur mit Schwierigkeiten
vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unterdessen auf mich _warten_.
_Quelle_: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine Anschaffung,
die sie verlangt, _warten_ müsse, bis usw.
2. Ich habe eine _Monographie_ über eine gewisse (unklar) Pflanzenart
geschrieben.
_Quelle_: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung eine
_Monographie_ gesehen über die Gattung Zyklamen.
3. Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, _Mutter und Tochter_, von denen
die letztere meine Patientin war.
_Quelle_: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre _Mutter_ einer Fortsetzung der
Behandlung entgegenstellt.
4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein Abonnement auf eine
periodische Publikation, die jährlich 20 fl. kostet.
_Quelle_: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß ich ihr 20 fl.
vom Wochengelde noch schuldig bin.
5. Ich erhalte eine _Zuschrift_ vom sozialdemokratischen Komitee, in der
ich als Mitglied behandelt werde.
_Quelle_: _Zuschriften_ erhalten gleichzeitig vom liberalen Wahlkomitee
und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen Mitglied ich wirklich
bin.
6. Ein Mann auf einem _steilen Felsen mitten im Meere_ in _Böcklin_scher
Manier.
_Quelle_: _Dreyfus_ auf der _Teufelsinsel_, gleichzeitig Nachrichten von
meinen Verwandten in _England_ usw.
Die Frage der Periodizität in Träumen.
Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfung unfehlbar an die
Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie sich auf Eindrücke
eines längeren Zeitraumes der jüngsten Vergangenheit erstrecken kann.
Dieser Gegenstand kann prinzipielle Bedeutsamkeit wahrscheinlich nicht
beanspruchen, doch möchte ich mich für das ausschließliche Vorrecht des
letzten Tages vor dem Traume (des Traumtages) entscheiden. So oft ich zu
finden vermeinte, daß ein Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle
des Traumes gewesen sei, konnte ich mich doch bei genauerer
Nachforschung überzeugen, daß jener Eindruck am Vortage wieder erinnert
worden war, daß also eine nachweisbare Reproduktion am Vortage sich
zwischen dem Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte, und
konnte außerdem den rezenten Anlaß nachweisen, von dem die Erinnerung an
den älteren Eindruck ausgegangen sein konnte. Hingegen konnte ich mich
nicht davon überzeugen, daß zwischen dem erregenden Tageseindruck und
dessen Wiederkehr im Traume ein regelmäßiges Intervall von biologischer
Bedeutsamkeit (als erstes dieser Art nennt H. _Swoboda_ 18 Stunden)
eingeschoben ist(56). Auch H. _Ellis_, der dieser Frage Aufmerksamkeit
geschenkt hat, gibt an, daß er eine solche Periodizität der Reproduktion
in seinen Träumen »trotz des Achtens darauf« nicht finden konnte. Er
erzählt einen Traum, in welchem er sich in Spanien befand und nach einem
Ort: _Daraus_, _Varaus_ oder _Zaraus_ fahren wollte. Erwacht, konnte er
sich an einen solchen Ortsnamen nicht erinnern und legte den Traum bei
Seite. Einige Monate später fand er tatsächlich den Namen _Zaraus_ als
den einer Station zwischen _San Sebastian_ und _Bilboa_, welche er 250
Tage vor dem Traume mit dem Zuge passiert hatte (p. 227).
(56) H. _Swoboda_ hat, wie im ersten Abschnitt p. 71 mitgeteilt, die
von W. _Fließ_ gefundenen biologischen Intervalle von 23 und 28 Tagen
im weiten Ausmaße auf das seelische Geschehen übertragen und
insbesondere behauptet, daß diese Zeiten für das Auftauchen der
Traumelemente in den Träumen entscheidend sind. Die Traumdeutung würde
nicht wesentlich abgeändert, wenn sich solches nachweisen ließe, aber
für die Herkunft des Traummaterials ergäbe sich eine neue Quelle. Ich
habe nun neuerdings einige Untersuchungen an eigenen Träumen
angestellt, um die Anwendbarkeit der »Periodenlehre« auf das
Traummaterial zu prüfen und habe hiezu besonders auffällige Elemente
des Trauminhaltes gewählt, deren Auftreten im Leben sich zeitlich mit
Sicherheit bestimmen ließ.