Die Traumentstellung.
Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, daß Wunscherfüllung der Sinn
eines _jeden_ Traumes sei, also daß es keine anderen als Wunschträume
geben kann, so bin ich des entschiedensten Widerspruches im vorhinein
sicher. Man wird mir entgegenhalten: »Daß es Träume gibt, welche als
Wunscherfüllungen zu verstehen sind, ist nicht neu, sondern längst von
den Autoren bemerkt worden.« (Vgl. _Radestock_ [p. 137 bis 138],
_Volkelt_ [p. 110 bis 111], _Purkinje_ [p. 456], _Tissié_ [p. 70], M.
_Simon_ [p. 42 über die Hungerträume des eingekerkerten Barons _Trenck_]
und die Stelle bei _Griesinger_ [p. 111].)(45) Daß es aber nichts
anderes als Wunscherfüllungsträume geben soll, das ist wieder eine
ungerechtfertigte Verallgemeinerung, die sich aber zum Glück leicht
zurückweisen läßt. Es kommen doch reichlich genug Träume vor, welche den
peinlichsten Inhalt erkennen lassen, aber keine Spur irgend einer
Wunscherfüllung. Der pessimistische Philosoph _Ed. v. Hartmann_ steht
wohl der Wunscherfüllungstheorie am fernsten. Er äußert in seiner
Philosophie des Unbewußten, II. Teil (Stereotypausgabe, p. 344):
(45) Schon der Neuplatoniker _Plotin_ sagte: »Wenn die Begierde sich
regt, dann kommt die Phantasie und präsentiert uns gleichsam das
Objekt derselben« (_Du Prel_, p. 276).
»Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien des wachen
Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das einzige nicht, was den
Gebildeten einigermaßen mit dem Leben aussöhnen kann: wissenschaftlicher
und Kunst-Genuß . . . .« Aber auch minder unzufriedene Beobachter haben
hervorgehoben, daß im Traume Schmerz und Unlust häufiger sei als Lust,
so _Scholz_ (p. 33), _Volkelt_ (p. 80) u. a. Ja die Damen _Sarah Weed_
und _Florence Hallam_ haben aus der Bearbeitung ihrer Träume einen
ziffermäßigen Ausdruck für das Überwiegen der Unlust in den Träumen
entnommen. Sie bezeichnen 58% der Träume als peinlich und nur 28.6% als
positiv angenehm. Außer diesen Träumen, welche die mannigfaltigen
peinlichen Gefühle des Lebens in den Schlaf fortsetzen, gibt es auch
Angstträume, in denen uns diese entsetzlichste aller Unlustempfindungen
schüttelt, bis wir erwachen, und von solchen Angstträumen werden gerade
die Kinder so leicht heimgesucht (vgl. _Debacker_, Über den Pavor
nocturnus), bei denen wir die Wunschträume unverhüllt gefunden haben.
Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemeinerung des
Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes gewonnen
haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich zu machen, ja
diesen Satz als Absurdität zu brandmarken.
Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwingenden
Einwänden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, daß unsere Lehre nicht
auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes beruht, sondern sich auf
den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch die Deutungsarbeit hinter dem
Traume erkannt wird. Stellen wir _manifesten_ und _latenten Trauminhalt_
einander gegenüber. Es ist richtig, daß es Träume gibt, deren manifester
Inhalt von der peinlichsten Art ist. Aber hat jemand versucht, diese
Träume zu deuten, den latenten Gedankeninhalt derselben aufzudecken?
Wenn aber nicht, dann treffen uns die beiden Einwände nicht mehr; es
bleibt immerhin möglich, daß auch peinliche und Angst-Träume sich nach
der Deutung als Wunscherfüllungen enthüllen(46).
(46) Es ist ganz unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser
und Kritiker dieser Erwägung verschließen und die grundlegende
Unterscheidung von manifestem und latentem Trauminhalt unbeachtet
lassen. -- Keine der in der Literatur niedergelegten Äußerungen kommt
aber dieser meiner Aufstellung so sehr entgegen wie eine Stelle in J.
_Sullys_ Aufsatz: »Dreams as a revelation«, deren Verdienst dadurch
nicht geschmälert werden soll, daß ich sie erst hier anführe: »It
would seem then, after all, that dreams are not the utter nonsense
they have been said to be by such authorities as Chaucer, Shakespeare
and Milton. The chaotic aggregations of our nightfancy have a
significance and communicate new knowledge. _Like some letter in
cipher, the dream-inscription when scrutinised closely loses its first
look of balderdash and takes on the aspect of a serious, intelligible
message. Or, to vary the figure slightly, we may say that, like some
palimpsest, the dream discloses beneath its worthless surface-characters
traces of an old and precious communication_« (p. 364).
Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die Lösung
des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites hinzuzunehmen,
etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als einzeln aufknackt. So
stehen wir nicht nur vor der Frage: Wie können peinliche und
Angst-Träume Wunscherfüllungen sein, sondern wir können auch aus unseren
bisherigen Erörterungen über den Traum eine zweite Frage aufwerfen:
Warum zeigen die Träume indifferenten Inhalts, welche sich als
Wunscherfüllungen ergeben, diesen ihren Sinn nicht unverhüllt? Man nehme
den weitläufig behandelten Traum von Irmas Injektion, er ist keineswegs
peinlicher Natur, er ist durch die Deutung als eklatante Wunscherfüllung
zu erkennen. Wozu bedarf es aber überhaupt einer Deutung? Warum sagt der
Traum nicht direkt, was er bedeutet? Tatsächlich macht auch der Traum
von Irmas Injektion zunächst nicht den Eindruck, daß er einen Wunsch des
Träumers als erfüllt darstellt. Der Leser wird diesen Eindruck nicht
bekommen haben, aber auch ich selbst wußte es nicht, ehe ich die Analyse
angestellt hatte. Heißen wir dieses der Erklärung bedürftige Verhalten
des Traumes: die _Tatsache der Traumentstellung_, so erhebt sich also
die zweite Frage: Wovon rührt diese Traumentstellung her?
Der Onkeltraum.
Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befrägt, könnte man auf
verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während des Schlafes
ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen entsprechenden Ausdruck
zu schaffen. Allein die Analyse gewisser Träume nötigt uns, für die
Traumentstellung eine andere Erklärung zuzulassen. Ich will dies an
einem zweiten Traume von mir selbst zeigen, welcher wiederum vielfache
Indiskretionen erfordert, aber für dies persönliche Opfer durch eine
gründliche Aufhellung des Problems entschädigt.
_Vorbericht_: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Professoren unserer
Universität mich für die Ernennung zum Prof. extraord. vorgeschlagen
hatten. Diese Nachricht kam mir überraschend und erfreute mich lebhaft
als Ausdruck einer durch persönliche Beziehungen nicht aufzuklärenden
Anerkennung von Seite zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber
sofort, daß ich an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das
Ministerium hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art
unberücksichtigt gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren
voraus waren und an Verdiensten mindestens gleich kamen, warteten
seitdem vergebens auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund,
anzunehmen, daß es mir besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir,
mich zu trösten. Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine
ärztliche Tätigkeit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß
mich ein Titel empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob
ich die Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu
hoch für mich hingen.
Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen.
Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor, die
den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken erhebt,
und minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit seine
Vorstellung in den Bureaus des hohen Ministeriums zu machen, um seine
Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen Besuche kam er zu mir. Er
erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in die Enge getrieben und ihn
gerade heraus befragt habe, ob an dem Aufschub seiner Ernennung wirklich
-- konfessionelle Rücksichten die Schuld trügen. Die Antwort hatte
gelautet, daß allerdings -- bei der gegenwärtigen Strömung -- Se.
Exzellenz vorläufig nicht in der Lage sei usw. »Nun weiß ich wenigstens,
woran ich bin,« schloß mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues
brachte, mich aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben
konfessionellen Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar.
Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Traum, der auch durch
seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus zwei Gedanken und zwei
Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild einander ablösten. Ich setze
aber nur die erste Hälfte des Traumes hieher, da die andere mit der
Absicht nichts zu tun hat, welcher die Mitteilung des Traumes dienen
soll.
I. _Freund R. ist mein Onkel. -- Ich empfinde große Zärtlichkeit für
ihn._
II. _Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir. Es ist wie in die
Länge gezogen, ein gelber Bart, der es umrahmt, ist besonders deutlich
hervorgehoben._
Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke und ein Bild,
die ich übergehe.
Die Deutung des Onkeltraumes.
Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen:
Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte ich auf und
sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht abtun und ging
mir den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am Abend Vorwürfe machte:
»Wenn einer deiner Patienten zur Traumdeutung nichts zu sagen wüßte als:
Das ist ein Unsinn, so würdest du es ihm verweisen und vermuten, daß
sich hinter dem Traume eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur
Kenntnis zu nehmen er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst
ebenso; deine Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen
inneren Widerstand gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten.« Ich
machte mich also an die Deutung.
»R. ist mein Onkel.« Was kann das heißen? Ich habe doch nur einen Onkel
gehabt, den Onkel Josef(47). Mit dem war's allerdings eine traurige
Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als 30 Jahre her, in
gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung verleiten lassen, welche das
Gesetz schwer bestraft, und wurde dann auch von der Strafe betroffen.
Mein Vater, der damals aus Kummer in wenigen Tagen grau wurde, pflegte
immer zu sagen, Onkel Josef sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl
aber ein Schwachkopf; so drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein
Onkel Josef ist, so will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum
glaublich und sehr unangenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im
Traume sehe, mit den länglichen Zügen und dem gelben Barte. Mein Onkel
hatte wirklich so ein Gesicht, länglich von einem schönen blonden Barte
umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz, aber wenn die
Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie für die Pracht ihrer
Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar für Haar eine unerfreuliche
Farbenwanderung durch; er wird zuerst rotbraun, dann gelbbraun, dann
erst definitiv grau. In diesem Stadium befindet sich jetzt der Bart
meines Freundes R.; übrigens auch schon der meinige, wie ich mit
Mißvergnügen bemerke. Das Gesicht, das ich im Traume sehe, ist
gleichzeitig das meines Freundes R. und das meines Onkels. Es ist wie
eine Mischphotographie von _Galton_, der, um Familienähnlichkeiten zu
eruieren, mehrere Gesichter auf die nämliche Platte photographieren
ließ. Es ist also kein Zweifel möglich, ich meine wirklich, daß mein
Freund R. ein Schwachkopf ist -- wie mein Onkel Josef.
(47) Es ist merkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung -- im Wachen --
für die Zwecke der Analyse einschränkt. Ich habe fünf von meinen
Onkeln gekannt, einen von ihnen geliebt und geehrt. In dem Augenblicke
aber, da ich den Widerstand gegen die Traumdeutung überwunden habe,
sage ich mir: Ich habe doch nur einen Onkel gehabt, den, der eben im
Traume gemeint ist.
Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Beziehung
hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muß. Sie ist doch
nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher, mein Freund R.
ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür, daß er mit dem Rade
einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich diese Untat meinen? Das hieße
die Vergleichung ins Lächerliche ziehen. Da fällt mir aber ein anderes
Gespräch ein, das ich vor einigen Tagen mit einem anderen Kollegen N.,
und zwar über das gleiche Thema hatte. Ich traf N. auf der Straße; er
ist auch zum Professor vorgeschlagen, wußte von meiner Ehrung und
gratulierte mir dazu. Ich lehnte entschieden ab. »Gerade Sie sollten
sich den Scherz nicht machen, da Sie den Wert des Vorschlages an sich
selbst erfahren haben.« Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft: »Das
kann man nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen
Sie nicht, daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich
erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die
Untersuchung eingestellt wurde; es war ein gemeiner Erpressungsversuch;
ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor Bestrafung zu
retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese Angelegenheit
gegen mich geltend, um mich nicht zu ernennen. Sie aber, Sie sind
unbescholten.« Da habe ich ja den Verbrecher, gleichzeitig aber auch die
Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein Onkel Josef stellt mir da beide
nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar, den einen als Schwachkopf,
den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt auch, wozu ich diese
Darstellung brauche. Wenn für den Aufschub der Ernennung meiner Freunde
R. und N. »konfessionelle« Rücksichten maßgebend sind, so ist auch meine
Ernennung in Frage gestellt; wenn ich aber die Zurückweisung der beiden
auf andere Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir
die Hoffnung ungestört. So verfährt mein Traum, er macht den einen, R.,
zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin aber weder das
eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist aufgehoben, ich darf mich
auf meine Ernennung zum Professor freuen, und bin der peinlichen
Anwendung entgangen, die ich aus R.s Nachricht, was ihm der hohe Beamte
bekannt, für meine eigene Person hätte machen müssen.
Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter beschäftigen. Er
ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend erledigt, ich bin noch immer
nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit der ich zwei geachtete
Kollegen degradiere, um mir den Weg zur Professur frei zu halten. Meine
Unzufriedenheit mit meinem Vorgehen hat sich bereits ermäßigt, seitdem
ich den Wert der Aussagen im Traume zu würdigen weiß. Ich würde gegen
jedermann bestreiten, daß ich R. wirklich für einen Schwachkopf halte,
und daß ich an N.s Darstellung jener Erpressungsaffäre nicht glaube. Ich
glaube ja auch nicht, daß Irma durch eine Injektion Ottos mit einem
Propylenpräparat gefährlich krank geworden ist; es ist hier wie dort nur
mein _Wunsch, daß es sich so verhalten möge_, den mein Traum ausdrückt.
Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert, klingt im
zweiten Traume minder absurd als im ersten; sie ist hier in geschickter
Benutzung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa wie eine gut
gemachte Verleumdung, an der »etwas daran ist«, denn Freund R. hatte
seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen sich, und Freund N. hat
mir das Material für die Anschwärzung arglos selbst geliefert. Dennoch,
ich wiederhole es, scheint mir der Traum weiterer Aufklärung bedürftig.
Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt, auf
welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen hat. Nachdem mir
eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im Traume warme
Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für meinen Onkel
Josef habe ich zärtliche Gefühle natürlich niemals gehabt. Freund R. ist
mir seit Jahren lieb und teuer; aber käme ich zu ihm und drückte ihm
meine Zuneigung in Worten aus, die annähernd dem Grad meiner
Zärtlichkeit im Traume entsprechen, so wäre er ohne Zweifel erstaunt.
Meine Zärtlichkeit gegen ihn erscheint mir unwahr und übertrieben,
ähnlich wie mein Urteil über seine geistigen Qualitäten, das ich durch
die Verschmelzung seiner Persönlichkeit mit der des Onkels ausdrücke;
aber in entgegengesetztem Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber ein
neuer Sachverhalt. Die Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht zum
latenten Inhalt, zu den Gedanken hinter dem Traume; sie steht im
Gegensatze zu diesem Inhalt; sie ist geeignet, mir die Kenntnis der
Traumdeutung zu verdecken. Wahrscheinlich ist gerade dies ihre
Bestimmung. Ich erinnere mich, mit welchem Widerstand ich an die
Traumdeutung ging, wie lange ich sie aufschieben wollte und den Traum
für baren Unsinn erklärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen
her weiß ich, wie ein solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. Es hat
keinen Erkenntniswert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn meine
kleine Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat, so
behauptet sie, der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur gekostet zu
haben. Wenn meine Patienten sich so benehmen wie die Kleine, so weiß
ich, daß es sich bei ihnen um eine Vorstellung handelt, welche sie
_verdrängen_ wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum. Ich mag ihn nicht
deuten, weil die Deutung etwas enthält, wogegen ich mich sträube. Nach
vollzogener Traumdeutung erfahre ich, wogegen ich mich gesträubt hatte;
es war die Behauptung, daß R. ein Schwachkopf ist. Die Zärtlichkeit, die
ich gegen R. empfinde, kann ich nicht auf die latenten Traumgedanken,
wohl aber auf dies mein Sträuben zurückführen. Wenn mein Traum im
Vergleiche zu seinem latenten Inhalt in diesem Punkte entstellt, und
zwar ins Gegensätzliche entstellt ist, so dient die im Traume manifeste
Zärtlichkeit dieser Entstellung oder, mit anderen Worten, die
_Entstellung_ erweist sich hier als absichtlich, als ein Mittel der
_Verstellung_. Meine Traumgedanken enthalten eine Schmähung für R.;
damit ich diese nicht merke, gelangt in den Traum das Gegenteil, ein
zärtliches Empfinden für ihn.
Die psychische Zensur.
Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die Beispiele
in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche unverhüllte
Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung unkenntlich, verkleidet
ist, da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen diesen Wunsch vorhanden
sein, und infolge dieser Abwehr könnte der Wunsch sich nicht anders als
entstellt zum Ausdruck bringen. Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem
psychischen Binnenleben das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen.
Wo findet man im sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines
psychischen Aktes? Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von
denen die eine eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser Macht
eine Rücksicht zu nehmen hat. Diese zweite Person entstellt dann ihre
psychischen Akte oder, wie wir auch sagen können, sie _verstellt_ sich.
Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teile eine solche
Verstellung; wenn ich meine Träume für den Leser deute, bin ich zu
solchen Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu solcher Entstellung
klagt auch der Dichter:
»Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen.«
In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der den
Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er sie unverhohlen
sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unterdrücken, nachträglich,
wenn es sich um mündliche Äußerung handelt, präventiv, wenn sie auf dem
Wege des Druckes kundgegeben werden soll. Der Schriftsteller hat die
_Zensur_ zu fürchten, er ermäßigt und entstellt darum den Ausdruck
seiner Meinung. Je nach der Stärke und Empfindlichkeit dieser Zensur
sieht er sich genötigt, entweder bloß gewisse Formen des Angriffes
einzuhalten oder in Anspielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu
reden oder er muß seine anstößige Mitteilung hinter einer harmlos
erscheinenden Verkleidung verbergen, er darf z. B. von Vorfällen
zwischen zwei Mandarinen im Reiche der Mitte erzählen, während er die
Beamten des Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet,
desto weitgehender wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel,
welche den Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten.
Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen den
Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt uns die
Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen. Wir würden
also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische Mächte
(Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von denen die eine den
durch den Traum zum Ausdruck gebrachten Wunsch bildet, während die
andere eine Zensur an diesem Traumwunsche übt und durch diese Zensur
eine Entstellung seiner Äußerung erzwingt. Es fragt sich nur, worin die
Machtbefugnis dieser zweiten Instanz besteht, kraft deren sie ihre
Zensur ausüben darf. Wenn wir uns erinnern, daß die latenten
Traumgedanken vor der Analyse nicht bewußt sind, der von ihnen
ausgehende manifeste Trauminhalt aber als bewußt erinnert wird, so liegt
die Annahme nicht fern, das Vorrecht der zweiten Instanz sei eben die
Zulassung zum Bewußtsein. Aus dem ersten System könne nichts zum
Bewußtsein gelangen, was nicht vorher die zweite Instanz passiert habe,
und die zweite Instanz lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte
auszuüben und die ihr genehmen Abänderungen am Bewußtseinswerber
durchzusetzen. Wir verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom
»Wesen« des Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer
psychischer Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgang des Gedacht-
oder Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein
Sinnesorgan, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt. Es
läßt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen
schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten.
Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen und ihrer
Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die auffällige
Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R. empfinde, der in
der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig kongruente Analogie
aus dem politischen Leben der Menschen. Ich versetze mich in ein
Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht eifersüchtiger Herrscher und
eine rege öffentliche Meinung miteinander ringen. Das Volk empöre sich
gegen einen ihm mißliebigen Beamten und verlange dessen Entlassung; um
nicht zu zeigen, daß er dem Volkswillen Rechnung tragen muß, wird der
Selbstherrscher dem Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung
verleihen, zu der sonst kein Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweite,
den Zugang zum Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R. durch einen
Erguß von übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des
ersten Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade
nachhängen, als einen Schwachkopf beschimpfen möchten(48).
(48) Solche heuchlerische Träume sind weder bei mir noch bei anderen
seltene Vorkommnisse. Während ich mit der Bearbeitung eines gewissen
wissenschaftlichen Problems beschäftigt bin, sucht mich mehrere Nächte
kurz nacheinander ein leicht verwirrender Traum heim, der die
Versöhnung mit einem längst bei Seite geschobenen Freunde zum Inhalt
hat. Beim vierten oder fünften Male gelingt es mir endlich, den Sinn
dieser Träume zu erfassen. Er liegt in der Aufmunterung, doch den
letzten Rest von Rücksicht für die betreffende Person aufzugeben, sich
von ihr völlig frei zu machen, und hatte sich in so heuchlerischer
Weise ins Gegenteil verkleidet. Von einer Person habe ich einen
»heuchlerischen Ödipustraum« mitgeteilt, in dem sich die feindseligen
Regungen und Todeswünsche der Traumgedanken durch manifeste
Zärtlichkeit ersetzen. (»Typisches Beispiel eines verkappten
Ödipustraumes.«) Eine andere Art von heuchlerischen Träumen wird an
anderer Stelle (siehe unten p. 338 u. ff.) erwähnt werden.
Träume von einem versagten Wunsch.
Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die Traumdeutung
im stande sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres seelischen Apparates
zu geben, welche wir von der Philosophie bisher vergebens erwartet
haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur, sondern kehren, nachdem wir
die Traumentstellung aufgeklärt haben, zu unserem Ausgangsproblem
zurück. Es wurde gefragt, wie denn die Träume mit peinlichem Inhalt als
Wunscherfüllungen aufgelöst werden können. Wir sehen nun, dies ist
möglich, wenn eine Traumentstellung stattgefunden hat, wenn der
peinliche Inhalt nur zur Verkleidung eines erwünschten dient. Mit
Rücksicht auf unsere Annahmen über die zwei psychischen Instanzen können
wir jetzt auch sagen: die peinlichen Träume enthalten tatsächlich etwas,
was der zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch
der ersten Instanz erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder
Traum von der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend,
nicht schöpferisch, gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns auf
eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume beiträgt, so
können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann alle Rätsel
bestehen, welche von den Autoren am Traum bemerkt worden sind.
Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine Wunscherfüllung
ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch die Analyse erwiesen werden.
Ich greife darum einige Träume peinlichen Inhaltes heraus und versuche
deren Analyse. Es sind zum Teil Träume von Hysterikern, die einen langen
Vorbericht und stellenweise ein Eindringen in die psychischen Vorgänge
bei der Hysterie erfordern. Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung
aber nicht aus dem Wege gehen.
Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung nehme, werden
seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum Thema unserer
Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die psychologischen Aufklärungen
geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Verständnis seiner Symptome
gelangt bin, und erfahre dabei eine unerbittliche Kritik, wie ich sie
von den Fachgenossen wohl nicht schärfer zu erwarten habe. Ganz
regelmäßig erhebt sich der Widerspruch meiner Patienten gegen den Satz,
daß die Träume sämtlich Wunscherfüllungen seien. Hier einige Beispiele
von dem Material an Träumen, welche mir als Gegenbeweise vorgehalten
werden.
»Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch,« beginnt eine
witzige Patientin. »Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen, dessen
Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch _nicht_ erfüllt
wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Der Traum lautet wie
folgt:
Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorrätig als etwas
geräucherten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu gehen, erinnere mich
aber, daß es Sonntag nachmittag ist, wo alle Läden gesperrt sind. Ich
will nun einigen Lieferanten telephonieren, aber das Telephon ist
gestört. So muß ich auf den Wunsch, ein Souper zu geben, verzichten.«
Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur die Analyse
entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er für den ersten Anblick
vernünftig und zusammenhängend erscheint und dem Gegenteil einer
Wunscherfüllung ähnlich sieht. »Aus welchem Material ist aber dieser
Traum hervorgegangen? Sie wissen, daß die Anregung zu einem Traume
jedesmal in den Erlebnissen des letzten Tages liegt.«
_Analyse_: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger
Großfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und
wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen,
Bewegung machen, strenge Diät halten und vor allem keine Einladungen zu
Soupers mehr annehmen. -- Von dem Manne erzählt sie lachend weiter, er
habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines Malers gemacht, der ihn
durchaus abkonterfeien wolle, weil er einen so ausdrucksvollen Kopf noch
nicht gefunden habe. Ihr Mann habe aber in seiner derben Manier
erwidert, er bedanke sich schön und er sei ganz überzeugt, ein Stück vom
Hintern eines schönen jungen Mädchens sei dem Maler lieber als sein
ganzes Gesicht(49). Sie sei jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke
sich mit ihm herum. Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu
schenken. -- Was soll das heißen?
(49) Dem Maler sitzen.
_Goethe_: Und wenn er keinen Hintern hat,
Wie kann der Edle sitzen?
Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine
Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht.
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie ihn
darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten, ihr keinen
Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit necken kann.
(Diese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen
unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive zu
verbergen. Man denke an die Hypnotisierten _Bernheims_, die einen
posthypnotischen Auftrag ausführen, und nach ihren Motiven befragt,
nicht etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das getan habe, sondern
eine offenbar unzureichende Begründung erfinden müssen. So ähnlich wird
es wohl mit dem Kaviar meiner Patientin sein. Ich merke, sie ist
genötigt, sich im Leben einen unerfüllten Wunsch zu schaffen. Ihr Traum
zeigt ihr auch die Wunschverweigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie
aber einen unerfüllten Wunsch?)
Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht ausgereicht.
Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause, wie sie eben der
Überwindung des Widerstandes entspricht, berichtet sie ferner, daß sie
gestern einen Besuch bei einer Freundin gemacht, auf die sie eigentlich
eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese Frau immer so lobt. Zum Glück ist
diese Freundin sehr dürr und mager und ihr Mann ist ein Liebhaber voller
Körperformen. Wovon sprach nun diese magere Freundin? Natürlich von
ihrem Wunsche, etwas stärker zu werden. Sie fragte sie auch: »Wann laden
Sie uns wieder einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen.«
Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin sagen: »Es ist
gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung gedacht hätten: Dich
werde ich natürlich einladen, damit du dich bei mir anessen, dick werden
und meinem Manne noch besser gefallen kannst. Lieber geb' ich kein
Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen dann, daß Sie kein Souper geben
können, erfüllt also Ihren Wunsch, zur Abrundung der Körperformen Ihrer
Freundin nichts beizutragen. Daß man von den Dingen, die man in
Gesellschaften vorgesetzt bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz
Ihres Mannes, im Interesse seiner Entfettung Soupereinladungen nicht
mehr anzunehmen.« Es fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen,
welches die Lösung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs im
Trauminhalt noch nicht abgeleitet. »Wie kommen Sie zu dem im Traume
erwähnten Lachs?« »Geräucherter Lachs ist die Lieblingsspeise dieser
Freundin,« antwortet sie. Zufällig kenne ich die Dame auch und kann
bestätigen, daß sie sich den Lachs ebensowenig vergönnt wie meine
Patientin den Kaviar.
Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere Deutung zu, die
durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht wird. Die beiden
Deutungen widersprechen einander nicht, sondern überdecken einander und
ergeben ein schönes Beispiel für die gewöhnliche Doppelsinnigkeit der
Träume wie aller anderen psychopathologischen Bildungen. Wir haben
gehört, daß die Patientin gleichzeitig mit ihrem Traume von der
Wunschverweigerung bemüht war, sich einen versagten Wunsch im Realen zu
verschaffen (die Kaviarsemmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch
geäußert, nämlich dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn
unsere Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht in
Erfüllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin ein
Wunsch -- nämlich der nach Körperzunahme -- nicht in Erfüllung gehe.
Anstatt dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein Wunsch nicht erfüllt
wird. Der Traum erhält eine neue Deutung, wenn sie im Traume nicht sich,
sondern die Freundin meint, wenn sie sich an Stelle der Freundin gesetzt
oder, wie wir sagen können, sich mit ihr _identifiziert_ hat.
Die hysterische Identifizierung.
Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen dieser
Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen geschaffen.
Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn? Das aufzuklären
bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Identifizierung ist ein für
den Mechanismus der hysterischen Symptome höchst wichtiges Moment; auf
diesem Wege bringen es die Kranken zu stande, die Erlebnisse einer
großen Reihe von Personen, nicht nur die eigenen, in ihren Symptomen
auszudrücken, gleichsam für einen ganzen Menschenhaufen zu leiden und
alle Rollen eines Schauspieles allein mit ihren persönlichen Mitteln
darzustellen. Man wird mir einwenden, das sei die bekannte hysterische
Imitation, die Fähigkeit Hysterischer, alle Symptome, die ihnen bei
anderen Eindruck machen, nachzuahmen, gleichsam ein zur Reproduktion
gesteigertes Mitleiden. Damit ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem
der psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas
anderes ist der Weg und der seelische Akt, der diesen Weg geht.
Letzterer ist um ein Geringes komplizierter, als man sich die Imitation
der Hysterischen vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten
Schlußprozeß, wie ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher eine
Kranke mit einer bestimmten Art von Zuckungen unter anderen Kranken auf
demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich nicht erstaunt, wenn er
eines Morgens erfährt, daß dieser besondere hysterische Anfall
Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach: Die anderen haben ihn
gesehen und nachgemacht; das ist psychische Infektion. Ja, aber die
psychische Infektion geht etwa auf folgende Weise zu. Die Kranken wissen
in der Regel mehr voneinander als der Arzt über jede von ihnen, und sie
kümmern sich umeinander, wenn die ärztliche Visite vorüber ist. Die eine
bekomme heute ihren Anfall; es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein
Brief vom Hause, Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon
die Ursache ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen
folgender, nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von solcher
Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche Anfälle
bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies ein des Bewußtseins
fähiger Schluß, so würde er vielleicht in die _Angst_ ausmünden, den
gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht sich aber auf einem anderen
psychischen Terrain, endet daher in der Realisierung des gefürchteten
Symptoms. Die Identifizierung ist also nicht simple Imitation, sondern
_Aneignung_ auf Grund des gleichen ätiologischen Anspruches; sie drückt
ein »gleichwie« aus und bezieht sich auf ein im Unbewußten verbleibendes
Gemeinsames.
Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benutzt zum
Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identifiziert sich
in ihren Symptomen am ehesten -- wenn auch nicht ausschließlich -- mit
solchen Personen, mit denen sie im sexuellen Verkehre gestanden hat,
oder welche mit den nämlichen Personen wie sie selbst sexuell verkehren.
Die Sprache trägt einer solchen Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei
Liebende sind »Eines«. In der hysterischen Phantasie wie im Traume
genügt es für die Identifizierung, daß man an sexuelle Beziehungen
denkt, ohne daß sie darum als real gelten müssen. Die Patientin folgt
also bloß den Regeln der hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer
Eifersucht gegen die Freundin (die sie als unberechtigt übrigens selbst
erkennt) Ausdruck gibt, indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt
und durch die Schaffung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr
identifiziert. Man möchte den Vorgang noch sprachlich in folgender Weise
erläutern: Sie setzt sich an die Stelle der Freundin im Traum, weil
diese sich bei ihrem Manne an ihre Stelle setzt, weil sie deren Platz in
der Wertschätzung ihres Mannes einnehmen möchte(50).
(50) Ich bedauere selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der
Psychopathologie der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen
Darstellung und aus allem Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr
aufklärend wirken können. Wenn sie auf die innigen Beziehungen des
Themas vom Traume zu den Psychoneurosen hinzuweisen vermögen, so haben
sie die Absicht erfüllt, in der ich sie aufgenommen habe.
In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß die
Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen bedeutet,
löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehre bei einer anderen
Patientin, der witzigsten unter all meinen Träumerinnen. Ich hatte ihr
an einem Tage auseinandergesetzt, daß der Traum eine Wunscherfüllung
sei; am nächsten Tag brachte sie mir einen Traum, daß sie mit ihrer
Schwiegermutter nach dem gemeinsamen Landaufenthalt fahre. Nun wußte
ich, daß sie sich heftig gesträubt hatte, den Sommer in der Nähe der
Schwiegermutter zu verbringen, wußte auch, daß sie der von ihr
gefürchteten Gemeinschaft in den letzten Tagen durch die Miete eines vom
Sitze der Schwiegermutter weit entfernten Landaufenthaltes glücklich
ausgewichen war. Jetzt machte der Traum diese erwünschte Lösung
rückgängig; war das nicht der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre von
der Wunscherfüllung durch den Traum? Gewiß, man brauchte nur die
Konsequenz aus diesem Traum zu ziehen, um eine Deutung zu haben. Nach
diesem Traume hatte ich unrecht; _es war also ihr Wunsch, daß ich
unrecht haben sollte, und diesen zeigte ihr der Traum erfüllt_. Der
Wunsch, daß ich unrecht haben sollte, der sich an dem Thema der
Landwohnung erfüllte, bezog sich aber in Wirklichkeit auf einen anderen
und ernsteren Gegenstand. Ich hatte um die nämliche Zeit aus dem
Material, welches ihre Analyse ergab, geschlossen, daß in einer gewissen
Periode ihres Lebens etwas für ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen
sein müsse. Sie hatte es in Abrede gestellt, weil es sich nicht in ihrer
Erinnerung vorfand. Wir kamen bald darauf, daß ich recht hatte. Ihr
Wunsch, daß ich unrecht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit
ihrer Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten
Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet haben
möchten.
Ohne Analyse, nur vermittels einer Vermutung, gestattete ich mir, ein
kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der durch die acht
Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er hörte einmal in einem
kleinen Kreise einen Vortrag von mir über die Neuigkeit, daß ein Traum
eine Wunscherfüllung sei, ging nach Hause, träumte, _daß er alle seine
Prozesse verloren habe_ -- er war Advokat -- und beklagte sich bei mir
darüber. Ich half mir mit der Ausflucht: Man kann nicht alle Prozesse
gewinnen, dachte aber bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als Primus in
der ersten Bank gesessen, während er irgendwo in der Mitte der Klasse
den Platz gewechselt, sollte ihm aus diesen Knabenjahren der Wunsch fern
geblieben sein, daß ich mich auch einmal gründlich blamieren möge?
Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir gleichfalls von
einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des Wunschtraumes
vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mädchen, begann: »Sie erinnern
sich, daß meine Schwester jetzt nur einen Buben hat, den Karl; den
älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch in ihrem Hause war. Otto
war mein Liebling, ich habe ihn eigentlich erzogen. Den Kleinen habe ich
auch gern, aber natürlich lange nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun
träume ich diese Nacht, _daß ich den Karl tot vor mir liegen sehe. Er
liegt in seinem kleinen Sarge, die Hände gefaltet, Kerzen rings herum,
kurz ganz so wie damals der kleine Otto, dessen Tod mich so erschüttert
hat._ Nun sagen Sie mir, was soll das heißen? Sie kennen mich ja; bin
ich eine so schlechte Person, daß ich meiner Schwester den Verlust des
einzigen Kindes wünschen sollte, das sie noch besitzt? Oder heißt der
Traum, daß ich lieber den Karl tot wünschte als den Otto, den ich um so
viel lieber gehabt habe?«
Auflösung peinlicher Träume.
Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen sei. Nach
kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung des Traumes sagen,
die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang mir dies, weil mir die
ganze Vorgeschichte der Träumerin bekannt war.
Frühzeitig verwaist, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles älteren
Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den Freunden und
Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen bleibenden Eindruck auf
ihr Herz machte. Es schien eine Weile, als ob diese kaum ausgesprochenen
Beziehungen mit einer Heirat enden sollten, aber dieser glückliche
Ausgang wurde durch die Schwester vereitelt, deren Motive nie eine
völlige Aufklärung gefunden haben. Nach dem Bruche mied der von unserer
Patientin geliebte Mann das Haus; sie selbst machte sich einige Zeit
nach dem Tode des kleinen Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen
gewendet hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich von der
Abhängigkeit frei zu machen, in welche sie durch ihre Neigung zu dem
Freunde ihrer Schwester geraten war. Ihr Stolz gebot ihr, ihm
auszuweichen; es war ihr aber unmöglich, ihre Liebe auf andere Bewerber
zu übertragen, die sich in der Folge einstellten. Wenn der geliebte
Mann, der dem Literatenstand angehörte, irgendwo einen Vortrag
angekündigt hatte, war sie unfehlbar unter den Zuhörern zu finden, und
auch sonst ergriff sie jede Gelegenheit, ihn an drittem Orte aus der
Ferne zu sehen. Ich erinnerte mich, daß sie mir Tags vorher erzählt
hatte, der Professor ginge in ein bestimmtes Konzert, und sie wolle auch
dorthin gehen, um sich wieder einmal seines Anblickes zu erfreuen. Das
war am Tag vor dem Traume: an dem Tage, an dem sie mir den Traum
erzählte, sollte das Konzert stattfinden. Ich konnte mir so die richtige
Deutung leicht konstruieren und fragte sie, ob ihr irgend ein Ereignis
einfalle, das nach dem Tode des kleinen Otto eingetreten sei. Sie
antwortete sofort: Gewiß, damals ist der Professor nach langem
Ausbleiben wiedergekommen, und ich habe ihn an dem Sarge des kleinen
Otto wieder einmal gesehen. Es war genau so, wie ich es erwartet hatte.
Ich deutete also den Traum in folgender Art: »Wenn jetzt der andere
Knabe stürbe, würde sich dasselbe wiederholen. Sie würden den Tag bei
Ihrer Schwester zubringen, der Professor käme sicherlich hinauf, um zu
kondolieren, und unter den nämlichen Verhältnissen wie damals würden Sie
ihn wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts als diesen Ihren Wunsch nach
Wiedersehen, gegen den Sie innerlich ankämpfen. Ich weiß, daß Sie das
Billett für das heutige Konzert in der Tasche tragen. Ihr Traum ist ein
Ungeduldstraum, er hat das Wiedersehen, das heute stattfinden soll, um
einige Stunden verfrüht.«
Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation gewählt,
in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen, eine Situation,
in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß man an Liebe nicht denkt.
Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in der realen Situation,
welche der Traum getreulich kopierte, am Sarge des ersten, von ihr
stärker geliebten Knaben sie die zärtliche Empfindung für den lange
vermißten Besucher nicht hatte unterdrücken können.
Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen Patientin,
die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere Laune
hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens noch in ihren
Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam es im
Zusammenhange eines längeren Traumes vor, daß sie ihre einzige,
15 jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte nicht
übel Lust, aus dieser Traumerscheinung einen Einwand gegen die
Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das Detail der
Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des Traumes anzeigen
müsse(51). Bei der Analyse fiel ihr ein, daß in der Gesellschaft abends
vorher die Rede auf das englische Wort »box« gekommen war und auf die
mannigfaltigen Übersetzungen desselben im Deutschen, als: Schachtel,
Loge, Kasten, Ohrfeige usw. Aus anderen Bestandstücken desselben Traumes
ließ sich nun ergänzen, daß sie die Verwandtschaft des englischen »box«
mit dem deutschen »Büchse« erraten habe und dann von der Erinnerung
heimgesucht worden sei, daß »Büchse« auch als vulgäre Bezeichnung des
weiblichen Genitales gebraucht werde. Mit einiger Nachsicht für ihre
Kenntnisse in der topographischen Anatomie konnte man also annehmen, daß
das Kind in der »Schachtel« eine Frucht im Mutterleibe bedeute. Soweit
aufgeklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traumbild wirklich einem
Wunsche von ihr entspreche. Wie so viele junge Frauen war sie keineswegs
glücklich, als sie in die Gravidität geriet, und gestand sich mehr als
einmal den Wunsch ein, daß ihr das Kind im Mutterleibe absterben möge;
ja in einem Wutanfalle nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne schlug
sie mit den Fäusten auf ihren Leib los, um das Kind darin zu treffen.
Das tote Kind war also wirklich eine Wunscherfüllung, aber die eines
seit 15 Jahren beseitigten Wunsches, und es ist nicht zu verwundern,
wenn man die Wunscherfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr
erkennt. Unterdessen hat sich eben zu viel geändert.
(51) Ähnlich wie im Traume vom vereitelten Souper der geräucherte
Lachs.
Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die den Tod
lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen Träumen
nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort an neuen Beispielen
zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhaltes alle diese Träume
als Wunscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem Patienten, sondern
einem intelligenten Rechtsgelehrten meiner Bekanntschaft verdanke ich
folgenden Traum, der mir wiederum in der Absicht erzählt wurde, mich von
voreiliger Verallgemeinerung in der Lehre vom Wunschtraume
zurückzuhalten. »_Ich träume_,« berichtet mein Gewährsmann, »_daß ich,
eine Dame am Arm, vor mein Haus komme. Dort wartet ein geschlossener
Wagen, ein Herr tritt auf mich zu, legitimiert sich als Polizeiagent und
fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur noch um die Zeit, meine
Angelegenheiten zu ordnen._ -- Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch
von mir ist, verhaftet zu werden?« -- Gewiß nicht, muß ich zugeben.
Wissen Sie vielleicht, unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden?
-- »Ja, ich glaube wegen Kindesmordes.« -- Kindesmord? Sie wissen doch,
daß dieses Verbrechen nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen
kann? -- »Das ist richtig.«(52) -- Und unter welchen Umständen haben Sie
geträumt; was ist am Abend vorher vorgegangen? -- »Das möchte ich Ihnen
nicht gern erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit.« -- Ich brauche
es aber, sonst müssen wir auf die Deutung des Traumes verzichten. --
»Also hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause, sondern bei einer
Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als wir am Morgen
erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor. Dann schlief ich
wiederum ein und träumte, was Sie wissen.« -- Es ist eine verheiratete
Frau? -- »Ja.« -- Und Sie wollen kein Kind mit ihr erzeugen? -- »Nein,
nein, das könnte uns verraten.« -- Sie üben also nicht normalen Koitus?
-- »Ich gebrauche die Vorsicht, mich vor der Ejakulation
zurückzuziehen.« -- Darf ich annehmen, Sie hätten das Kunststück in
dieser Nacht mehreremal ausgeführt, und seien nach der Wiederholung am
Morgen ein wenig unsicher gewesen, ob es Ihnen gelungen ist? -- »Das
könnte wohl sein.« -- Dann ist Ihr Traum eine Wunscherfüllung. Sie
erhalten durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind erzeugt haben, oder
was nahezu das gleiche ist, Sie hätten ein Kind umgebracht. Die
Mittelglieder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern Sie sich, vor
einigen Tagen sprachen wir über die Ehenot und über die Inkonsequenz,
daß es gestattet ist, den Koitus so zu halten, daß keine Befruchtung zu
stande kommt, während jeder Eingriff, wenn einmal Ei und Same sich
getroffen und einen Fötus gebildet haben, als Verbrechen bestraft wird.
Im Anschluß daran gedachten wir auch der mittelalterlichen Streitfrage,
in welchem Zeitpunkte eigentlich die Seele in den Fötus hineinfahre,
weil der Begriff des Mordes erst von da an zulässig wird. Sie kennen
gewiß auch das schaurige Gedicht von _Lenau_, welches Kindermord und
Kinderverhütung gleichstellt. -- »An _Lenau_ habe ich merkwürdigerweise
heute vormittag wie zufällig gedacht.« -- Auch ein Nachklang Ihres
Traumes. Und nun will ich Ihnen noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in
Ihrem Traume nachweisen. Sie kommen mit der Dame am Arm vor Ihr Haus.
Sie _führen_ Sie also _heim_, anstatt daß Sie in Wirklichkeit die Nacht
in deren Hause zubringen. Daß die Wunscherfüllung, die den Kern des
Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form verbirgt, hat vielleicht
mehr als einen Grund. Aus meinem Aufsatze über die Ätiologie der
Angstneurose könnten Sie erfahren, daß ich den Coitus interruptus als
eines der ursächlichen Momente für die Entstehung der neurotischen Angst
in Anspruch nehme. Es würde dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem
Koitus dieser Art eine unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als
Element in die Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser Verstimmung
bedienen Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen.
Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmordes nicht erklärt. Wie
kommen Sie zu diesem spezifisch weiblichen Verbrechen? -- »Ich will
Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren einmal in eine solche Angelegenheit
verflochten war. Ich war schuld daran, daß ein Mädchen sich durch eine
Fruchtabtreibung vor den Folgen eines Verhältnisses mit mir zu schützen
versuchte. Ich hatte mit der Ausführung des Vorsatzes gar nichts zu tun,
war aber lange Zeit in begreiflicher Angst, daß die Sache entdeckt
würde.« -- Ich verstehe, diese Erinnerung ergab einen zweiten Grund,
warum Ihnen die Vermutung, Sie hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht,
peinlich sein mußte.
(52) Es ereignet sich häufig, daß ein Traum unvollständig erzählt wird
und daß erst während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen
Stücke des Traumes auftaucht. Diese nachträglich eingefügten Stücke
ergeben regelmäßig den Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter
unten über das Vergessen der Träume.
Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum erzählen hörte,
muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er beeilte sich ihn
nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein anderes Thema anzuwenden. Er
hatte Tags vorher sein Einkommenbekenntnis übergeben, welches vollkommen
aufrichtig gehalten war, da er nur wenig zu bekennen hatte. Er träumte
nun, ein Bekannter komme aus der Sitzung der Steuerkommission zu ihm und
teile ihm mit, daß alle anderen Steuerbekenntnisse unbeanständet
geblieben seien, das seinige aber habe allgemeines Mißtrauen erweckt und
werde ihm eine empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine
lässig verhüllte Wunscherfüllung, für einen Arzt von großem Einkommen zu
gelten. Er erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem jungen
Mädchen, welchem abgeraten wird, ihrem Freier zuzusagen, weil er ein
jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit Schlägen
traktieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet dann: Schlüg' er mich
erst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft, daß sie die in
Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe verbunden sein
soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche erhebt.
Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art, die meiner
Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie das Versagen eines
Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar Ungewünschtem zum Inhalt
haben, als »_Gegenwunschträume_« zusammen, so sehe ich, daß sie sich
allgemein auf zwei Prinzipien zurückführen lassen, von denen das eine
noch nicht erwähnt worden ist, obwohl es im Leben wie im Träumen der
Menschen eine große Rolle spielt. Die eine Triebkraft dieser Träume ist
der Wunsch, daß ich unrecht haben soll. Diese Träume ereignen sich
regelmäßig im Laufe meiner Behandlungen, wenn sich der Patient im
Widerstand gegen mich befindet, und ich kann mit großer Sicherheit
darauf rechnen, einen solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem
Kranken die Lehre, der Traum sei eine Wunscherfüllung, zuerst
vorgetragen habe(53). Ja, ich darf erwarten, daß es manchem meiner Leser
ebenso ergehen wird; er wird sich bereitwillig im Traume einen Wunsch
versagen, um sich nur den Wunsch, daß ich unrecht haben möge, zu
erfüllen. Der letzte Kurtraum dieser Art, den ich mitteilen will, zeigt
wiederum das nämliche. Ein junges Mädchen, welches sich die Fortsetzung
meiner Behandlung mühsam erkämpft hat gegen den Willen ihrer Angehörigen
und der zu Rate gezogenen Autoritäten, träumt: _Zu Hause verbiete man
ihr, weiter zu mir zu kommen. Sie beruft sich dann bei mir auf ein ihr
gegebenes Versprechen, sie im Notfalle auch umsonst zu behandeln, und
ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine Rücksicht üben._
(53) Ähnliche »Gegenwunschträume« wurden mir in den letzten Jahren
wiederholt von meinen Hörern berichtet als deren Reaktion auf ihr
erstes Zusammentreffen mit der »Wunschtheorie des Traumes«.
Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung nachzuweisen,
aber in all solchen Fällen findet sich außer dem einen Rätsel noch ein
anderes, dessen Lösung auch das erste lösen hilft. Woher stammen die
Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe ihr natürlich nie etwas
Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder und gerade jener, der den
größten Einfluß auf sie hat, war so liebenswürdig, über mich diesen
Ausspruch zu tun. Der Traum will also erreichen, daß der Bruder recht
behalte, und diesem Bruder Recht verschaffen will sie nicht nur im
Traume; es ist der Inhalt ihres Lebens und das Motiv ihres Krankseins.
Ein Traum, welcher der Theorie von der Wunscherfüllung auf den ersten
Blick besondere Schwierigkeiten bereitet, ist von einem Arzt (_Aug.
Stärcke_) geträumt und gedeutet worden:
»_Ich habe und sehe an meinem linken Zeigefinger einen syphilitischen
Primäraffekt an der letzten Phalange._«
Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traumes durch die
Erwägung abhalten lassen, daß er ja bis auf seinen unerwünschten Inhalt
klar und kohärent erscheint. Allein wenn man die Mühe einer Analyse
nicht scheut, erfährt man, daß »Primäraffekt« gleichzusetzen ist einer
»prima affectio« (erste Liebe), und daß das widerliche Geschwür nach den
Worten _Stärckes_ »sich als Vertreter von mit großem Affekt belegten
Wunscherfüllungen« erweist.
Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß man leicht in
Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst durch längere Zeit
geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Menschen gibt es eine
masochistische Komponente, die durch die Verkehrung ins Gegenteil der
aggressiven, sadistischen entstanden ist. Man heißt solche Menschen
»ideelle« Masochisten, wenn sie die Lust nicht in dem ihnen zugefügten
körperlichen Schmerz, sondern in der Demütigung und seelischen Peinigung
suchen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß diese Personen Gegenwunsch-
und Unlustträume haben können, die für sie doch nichts anderes als
Wunscherfüllungen sind, Befriedigung ihrer masochistischen Neigungen.
Ich setze einen solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in früheren
Jahren seinen älteren Bruder, dem er homosexuell zugetan war, sehr
gequält hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus
drei Stücken bestehenden Traum. I. _Wie ihn sein älterer Bruder
»sekiert«._ II. _Wie zwei Erwachsene in homosexueller Absicht
miteinander schön tun._ III. _Der Bruder hat das Unternehmen verkauft,
dessen Leitung er sich für seine Zukunft vorbehalten hat._ Aus letzterem
Traume erwacht er mit den peinlichsten Gefühlen, und doch ist es ein
masochistischer Wunschtraum, dessen Übersetzung lauten könnte: es
geschähe mir ganz recht, wenn der Bruder mir jenen Verkauf antäte zur
Strafe für alle Quälereien, die er von mir ausgestanden hat.
Der Traum eine verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches.
Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen und Beispiele werden genügen, um
es -- bis auf weiteren Einspruch -- glaubwürdig erscheinen zu lassen,
daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen
aufzulösen sind. Es wird auch niemand eine Äußerung des Zufalles darin
erblicken, daß man bei der Deutung dieser Träume jedesmal auf Themata
gerät, von denen man nicht gern spricht oder an die man nicht gern
denkt. Das peinliche Gefühl, welches solche Träume erwecken, ist wohl
einfach identisch mit dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder
Erwägung solcher Themata -- meist mit Erfolg -- abhalten möchte, und
welcher von jedem von uns überwunden werden muß, wenn wir uns genötigt
sehen, es doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume also
wiederkehrende Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines Wunsches
nicht aus; es gibt bei jedem Menschen Wünsche, die er anderen nicht
mitteilen möchte, und Wünsche, die er sich selbst nicht eingestehen
will. Anderseits finden wir uns berechtigt, den Unlustcharakter all
dieser Träume mit der Tatsache der Traumentstellung in Zusammenhang zu
bringen und zu schließen, diese Träume seien gerade darum so entstellt
und die Wunscherfüllung in ihnen bis zur Unkenntlichkeit verkleidet,
weil ein Widerwillen, eine Verdrängungsabsicht gegen das Thema des
Traumes oder gegen den aus ihm geschöpften Wunsch besteht. Die
Traumentstellung erweist sich also tatsächlich als ein Akt der Zensur.
Allem, was die Analyse der Unlustträume zu Tage gefördert hat, tragen
wir aber Rechnung, wenn wir unsere Formel, die das Wesen des Traumes
ausdrücken soll, in folgender Art verändern: _Der Traum ist die
(verkleidete) Erfüllung eines (unterdrückten, verdrängten)
Wunsches(54)._
(54) Ein großer unter den lebenden Dichtern, der, wie mir gesagt
wurde, von Psychoanalyse und Traumdeutung nichts wissen will, findet
doch aus Eigenem eine fast identische Formel für das Wesen des
Traumes: »Unbefugtes Auftauchen unterdrückter Sehnsuchtswünsche unter
falschem Antlitz und Namen.« C. _Spitteler_, Meine frühesten
Erlebnisse (Süddeutsche Monatshefte, Oktober 1913).
Vorgreifend führe ich hier die von _Otto Rank_ herrührende Erweiterung
und Modifikation der obigen Grundformel an: »Der Traum stellt
regelmäßig auf der Grundlage und mit Hilfe verdrängten infantil-sexuellen
Materials aktuelle, in der Regel auch erotische Wünsche
in verhüllter und symbolisch eingekleideter Form als erfüllt
dar.« (»Ein Traum, der sich selbst deutet.«)
Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart der Träume mit
peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume bei dem
Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird. Doch kann
ich die Angstträume hier ganz kurz abtun; es ist nicht eine neue Seite
des Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen würde, sondern es
handelt sich bei ihnen um das Verständnis der neurotischen Angst
überhaupt. Die Angst, die wir im Traume empfinden, ist nur scheinbar
durch den Inhalt des Traumes erklärt. Wenn wir den Trauminhalt der
Deutung unterziehen, merken wir, daß die Traumangst durch den Inhalt des
Traumes nicht besser gerechtfertigt wird als etwa die Angst einer Phobie
durch die Vorstellung, an welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar
richtig, daß man aus dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat,
sich beim Fenster einer gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist
nicht zu verstehen, warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so
groß ist und den Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt.
Dieselbe Aufklärung erweist sich dann als gültig für die Phobie wie für
den Angsttraum. Die Angst ist beidemal an die sie begleitende
Vorstellung nur _angelötet_ und stammt aus anderer Quelle.
Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der Neurosenangst
muß ich hier bei der Erörterung der ersteren auf die letztere verweisen.
In einem kleinen Aufsatze über die »Angstneurose« (Neurolog.
Zentralblatt, 1895) habe ich seinerzeit behauptet, daß die neurotische
Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von ihrer Bestimmung
abgelenkten, nicht zur Verwendung gelangten Libido entspricht. Diese
Formel hat sich seither immer mehr als stichhaltig erwiesen. Aus ihr
läßt sich nun der Satz ableiten, daß die Angstträume Träume sexuellen
Inhaltes sind, deren zugehörige Libido eine Verwandlung in Angst
erfahren hat. Es wird sich späterhin die Gelegenheit ergeben, diese
Behauptung durch die Analyse einiger Träume bei Neurotikern zu
unterstützen. Auch werde ich bei weiteren Versuchen, mich einer Theorie
des Traumes zu nähern, nochmals auf die Bedingung der Angstträume und
deren Verträglichkeit mit der Wunscherfüllungstheorie zu sprechen
kommen.