Der Traum ist eine Wunscherfüllung.
Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf einer Anhöhe
angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen und die reichste
Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet, darf man einen
Moment lang verweilen und überlegen, wohin man zunächst sich wenden
soll. Ähnlich ergeht es uns, nachdem wir diese erste Traumdeutung
überwunden haben. Wir stehen in der Klarheit einer plötzlichen
Erkenntnis. Der Traum ist nicht vergleichbar dem unregelmäßigen Ertönen
eines musikalischen Instrumentes, das anstatt von der Hand des Spielers
von dem Stoß einer äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos,
nicht absurd, setzt nicht voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungsschatzes
schläft, während ein anderer zu erwachen beginnt. Er ist
ein vollgültiges psychisches Phänomen, und zwar eine Wunscherfüllung;
er ist einzureihen in den Zusammenhang der uns verständlichen
seelischen Aktionen des Wachens; eine hoch komplizierte
intellektuelle Tätigkeit hat ihn aufgebaut. Aber eine Fülle von Fragen
bestürmt uns im gleichen Moment, da wir uns dieser Erkenntnis freuen
wollen. Wenn der Traum laut Angabe der Traumdeutung einen erfüllten
Wunsch darstellt, woher rührt die auffällige und befremdende Form, in
welcher diese Wunscherfüllung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist
mit den Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste
Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete? Auf welchem Wege
ist diese Veränderung vor sich gegangen? Woher stammt das Material, das
zum Traume verarbeitet worden ist? Woher rühren manche der
Eigentümlichkeiten, die wir an den Traumgedanken bemerken konnten, wie
z. B., daß sie einander widersprechen dürfen? (Die Analogie mit dem
Kessel, p. 92.) Kann der Traum uns etwas Neues über unsere inneren
psychischen Vorgänge lehren, kann sein Inhalt Meinungen korrigieren, an
die wir tagsüber geglaubt haben? Ich schlage vor, alle diese Fragen
einstweilen beiseite zu lassen und einen einzigen Weg weiter zu
verfolgen. Wir haben erfahren, daß der Traum einen Wunsch als erfüllt
darstellt. Unser nächstes Interesse soll es sein, zu erkunden, ob dies
ein allgemeiner Charakter des Traumes ist oder nur der zufällige Inhalt
jenes Traumes (»von Irmas Injektion«), mit dem unsere Analyse begonnen
hat, denn selbst wenn wir uns darauf gefaßt machen, daß jeder Traum
einen Sinn und psychischen Wert hat, müssen wir noch die Möglichkeit
offen lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume der nämliche sei.
Unser erster Traum war eine Wunscherfüllung; ein anderer stellt sich
vielleicht als eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter mag eine
Reflexion zum Inhalt haben, ein vierter einfach eine Erinnerung
reproduzieren. Gibt es also noch andere Wunschträume oder gibt es
vielleicht nichts anderes als Wunschträume?
Bequemlichkeitsträume.
Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter der
Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so daß man sich wundern mag,
warum die Sprache der Träume nicht schon längst ein Verständnis gefunden
hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir beliebig oft, gleichsam
experimentell, erzeugen kann. Wenn ich am Abend Sardellen, Oliven oder
sonst stark gesalzene Speisen nehme, bekomme ich in der Nacht Durst, der
mich weckt. Dem Erwachen geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den
gleichen Inhalt hat, nämlich daß ich trinke. Ich schlürfe Wasser in
vollen Zügen, es schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk
schmecken kann, wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muß
wirklich trinken. Der Anlaß dieses einfachen Traumes ist der Durst, den
ich ja beim Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung geht der Wunsch
hervor zu trinken, und diesen Wunsch zeigt mir der Traum erfüllt. Er
dient dabei einer Funktion, die ich bald errate. Ich bin ein guter
Schläfer, nicht gewöhnt, durch ein Bedürfnis geweckt zu werden. Wenn es
mir gelingt, meinen Durst durch den Traum, daß ich trinke, zu
beschwichtigen, so brauche ich nicht aufzuwachen, um ihn zu befriedigen.
Es ist also ein _Bequemlichkeitstraum_. Das Träumen setzt sich an Stelle
des Handelns wie auch sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach
Wasser, um den Durst zu löschen, nicht mit einem Traume zu befriedigen
wie mein Rachedurst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute Wille
ist der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermaßen
modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und trank das
Wasserglas leer, das auf dem Kästchen neben meinem Bette stand. Einige
Stunden später kam in der Nacht ein neuer Durstanfall, der seine
Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um mir Wasser zu verschaffen, hätte
ich aufstehen und mir das Glas holen müssen, welches auf dem
Nachtkästchen meiner Frau stand. Ich träumte also zweckentsprechend, daß
meine Frau mir aus einem Gefäße zu trinken gibt; dies Gefäß war ein
etruskischer Aschenkrug, den ich mir von einer italienischen Reise
heimgebracht und seither verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte
aber so salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwachen mußte. Man
merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht; da Wunscherfüllung
seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch sein. Liebe zur
Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf andere wirklich nicht vereinbar.
Die Einmengung des Aschenkruges ist wahrscheinlich wieder eine
Wunscherfüllung; es tut mir leid, daß ich dies Gefäß nicht mehr besitze,
wie übrigens auch das Wasserglas auf Seiten meiner Frau mir nicht
zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt sich auch der nun stärker gewordenen
Sensation des salzigen Geschmackes an, von der ich weiß, daß sie mich
zum Erwachen zwingen wird(39).
(39) Das Tatsächliche der Durstträume war auch _Weygandt_ bekannt, der
p. 11 darüber äußert: »Gerade die Durstempfindung wird am präzisesten
von allen aufgefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des
Durstlöschens. -- Die Art, wie sich der Traum das Durstlöschen
vorstellt, ist mannigfaltig und wird nach einer naheliegenden
Erinnerung spezialisiert. Eine allgemeine Erscheinung ist auch hier,
daß sich sofort nach der Vorstellung des Durstlöschens eine
Enttäuschung über die geringe Wirkung der vermeintlichen Erfrischungen
einstellt.« Er übersieht aber das Allgemeingültige in der Reaktion des
Traumes auf den Reiz. -- Wenn andere Personen, die in der Nacht vom
Durste befallen werden, erwachen, ohne vorher zu träumen, so bedeutet
dies keinen Einwand gegen mein Experiment, sondern charakterisiert
diese anderen als schlechtere Schläfer. -- Vgl. dazu _Jesaias_, 29, 8:
»Denn gleich wie einem Hungrigen träumet, daß er esse, wenn er aber
aufwacht, so ist seine Seele noch leer; und wie einem Durstigen
träumet, daß er trinke, wenn er aber aufwacht, ist er matt und
durstig« . . .
Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen Jahren sehr
häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, war mir
das zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. Ich pflegte dann zu
träumen, daß ich außer Bett bin und beim Waschtische stehe. Nach einer
Weile konnte ich mich der Einsicht nicht verschließen, daß ich noch
nicht aufgestanden bin, hatte aber doch dazwischen eine Weile
geschlafen. Denselben Trägheitstraum in besonders witziger Form kenne
ich von einem jungen Kollegen, der meine Schlafneigung zu teilen
scheint. Die Zimmerfrau, bei der er in der Nähe des Spitals wohnte,
hatte den strengen Auftrag, ihn jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber
auch ihre liebe Not, wenn sie den Auftrag ausführen wollte. Eines
Morgens war der Schlaf besonders süß. Die Frau rief ins Zimmer: Herr
Pepi, stehen's auf, Sie müssen ins Spital. Daraufhin träumte der
Schläfer ein Zimmer im Spital, ein Bett, in dem er lag, und eine
Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi H. . . ., cand. med., 22 Jahre.
Er sagte sich träumend: Wenn ich also schon im Spital bin, brauche ich
nicht erst hineinzugehen, wendete sich um und schlief weiter. Er hatte
sich dabei das Motiv seines Träumens unverhohlen eingestanden.
Wunschträume.
Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes selbst
einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig verlaufenen
Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem Wunsche der
Ärzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kranken Wange tragen. Sie
pflegte ihn aber wegzuschleudern, sobald sie eingeschlafen war. Eines
Tages bat man mich, ihr darüber Vorwürfe zu machen; sie hatte den
Apparat wiederum auf den Boden geworfen. Die Kranke verantwortete sich:
»Diesmal kann ich wirklich nichts dafür; es war die Folge eines Traumes,
den ich bei Nacht gehabt. Ich war im Traume in einer Loge in der Oper
und interessierte mich lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber
lag der Herr Karl _Meyer_ und jammerte fürchterlich vor Kopfschmerzen.
Ich habe mir gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch
den Apparat nicht; darum habe ich ihn weggeworfen.« Dieser Traum der
armen Dulderin klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich
einem in unangenehmen Lagen über die Lippen drängt: Ich wüßte mir
wirklich ein besseres Vergnügen. Der Traum zeigt dieses bessere
Vergnügen. Herr Karl _Meyer_, dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob,
war der indifferenteste junge Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich
erinnern konnte.
Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen Träumen
aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe. Ein Freund, der meine
Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mitgeteilt hat, sagt mir eines
Tages: »Ich soll dir von meiner Frau erzählen, daß sie gestern geträumt
hat, sie hätte die Periode bekommen. Du wirst wissen, was das bedeutet.«
Freilich weiß ich's; wenn die junge Frau geträumt hat, daß sie die
Periode hat, so ist die Periode ausgeblieben. Ich kann mir's denken, daß
sie gern noch einige Zeit ihre Freiheit genossen hätte, ehe die
Beschwerden der Mütterlichkeit beginnen. Es war eine geschickte Art, die
Anzeige von ihrer ersten Gravidität zu machen. Ein anderer Freund
schreibt, seine Frau habe unlängst geträumt, daß sie an ihrer
Hemdenbrust Milchflecken bemerke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeige,
aber nicht mehr vom ersten Mal; die junge Mutter wünscht sich, für das
zweite Kind mehr Nahrung zu haben als seinerzeit fürs erste.
Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres infektiös
erkrankten Kindes vom Verkehre abgeschnitten war, träumt nach
glücklicher Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in der sich
A. _Daudet_, _Bourget_, M. _Prévost_ u. a. befinden, die sämtlich sehr
liebenswürdig gegen sie sind und sie vortrefflich amüsieren. Die
betreffenden Autoren tragen auch im Traume die Züge, welche ihnen ihre
Bilder geben; M. _Prévost_, von dem sie ein Bild nicht kennt, sieht dem
-- Desinfektionsmanne gleich, der am Tage vorher die Krankenzimmer
gereinigt und sie als erster Besucher nach langer Zeit betreten hatte.
Man meint, den Traum lückenlos übersetzen zu können: Jetzt wäre es
einmal Zeit für etwas Amüsanteres als diese ewigen Krankenpflegen.
Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß man sehr
häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume findet, die
sich nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die ihren Inhalt
unverhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeist kurze und einfache
Träume, die von den verworrenen und überreichen Traumkompositionen,
welche wesentlich die Aufmerksamkeit der Autoren auf sich gezogen haben,
wohltuend abstechen. Es verlohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen
noch zu verweilen. Die allereinfachsten Formen von Träumen darf man wohl
bei Kindern erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder
kompliziert sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach
meiner Meinung dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen
ähnliche Dienste zu leisten wie die Untersuchung des Baues oder der
Entwicklung niederer Tiere für die Erforschung der Struktur der höchsten
Tierklassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte geschehen, die
Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszunutzen.
Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunscherfüllungen und
dann im Gegensatze zu den Träumen Erwachsener gar nicht interessant. Sie
geben keine Rätsel zu lösen, sind aber natürlich unschätzbar für den
Beweis, daß der Traum seinem innersten Wesen nach eine Wunscherfüllung
bedeutet. Bei meinem Material von eigenen Kindern konnte ich einige
Beispiele von solchen Träumen sammeln.
Unverhüllte Wunschträume.
Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt (im Sommer 1896) von Aussee
aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner damals 8½ jährigen
Tochter, den anderen von einem 5¼ jährigen Knaben. Als Vorbericht muß
ich angeben, daß wir in diesem Sommer auf einem Hügel bei Aussee
wohnten, von wo aus wir bei schönem Wetter eine herrliche
Dachsteinaussicht genossen. Mit dem Fernrohre war die Simony-Hütte gut
zu erkennen. Die Kleinen bemühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr
zu sehen; ich weiß nicht, mit welchem Erfolge. Vor der Partie hatte ich
den Kindern erzählt, Hallstatt läge am Fuße des Dachsteins. Sie freuten
sich sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir ins Escherntal, das
mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Nur eines,
der 5 jährige Knabe, wurde allmählich mißgestimmt. So oft ein neuer Berg
in Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein? worauf ich antworten
mußte: Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich diese Frage einigemal
wiederholt hatte, verstummte er ganz; den Stufenweg zum Wasserfall
wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich hielt ihn für ermüdet. Am
nächsten Morgen kam er aber ganz selig auf mich zu und erzählte: Heute
nacht habe ich geträumt, daß wir auf der Simony-Hütte gewesen sind. Ich
verstand ihn nun; er hatte erwartet, als ich vom Dachstein sprach, daß
er auf dem Ausfluge nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu
Gesicht bekommen werde, von der beim Fernrohre so viel die Rede war. Als
er dann merkte, daß man ihm zumute, sich mit Vorbergen und einem
Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuscht und wurde
verstimmt. Der Traum entschädigte ihn dafür. Ich versuchte Details des
Traumes zu erfahren; sie waren ärmlich. »Man geht sechs Stunden lang auf
Stufen hinauf,« wie er's gehört hatte.
Auch bei dem 8½ jährigen Mädchen waren auf diesem Ausfluge Wünsche rege
geworden, die der Traum befriedigen mußte. Wir hatten den 12 jährigen
Knaben unserer Nachbarn nach Hallstatt mitgenommen, einen vollendeten
Ritter, der, wie mir schien, sich bereits aller Sympathien des kleinen
Frauenzimmers erfreute. Sie erzählte nun am nächsten Morgen folgenden
Traum: Denk' dir, ich hab' geträumt, daß der Emil einer von uns ist,
Papa und Mama zu euch sagt und im großen Zimmer mit uns schläft wie
unsere Buben. Dann kommt die Mama ins Zimmer und wirft eine Handvoll
großer Schokoladestangen in blauem und grünem Papiere unter unsere
Betten. Die Brüder, die sich also nicht kraft erblicher Übertragung auf
Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: Dieser Traum
ist ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil des Traumes
ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen zu erfahren, für
welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das ist ein Unsinn, aber das mit
den Schokoladestangen nicht. Mir war gerade das letztere dunkel. Die
Mama lieferte mir hiefür die Erklärung. Auf dem Wege vom Bahnhofe nach
Hause hatten die Kinder vor dem Automaten haltgemacht und sich gerade
solche Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papiere gewünscht, die
der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mama hatte mit
Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunscherfüllungen gebracht und
diesen Wunsch für den Traum übrig gelassen. Mir war die kleine Szene
entgangen. Den von meiner Tochter proskribierten Teil des Traumes
verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst gehört, wie der artige Gast
auf dem Wege die Kinder aufgefordert hatte zu warten, bis der Papa oder
die Mama nachkommen. Aus dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte der
Traum der Kleinen eine dauernde Adoption. Andere Formen des
Beisammenseins als die im Traume erwähnten, die von den Brüdern
hergenommen sind, kannte ihre Zärtlichkeit noch nicht. Warum die
Schokoladestangen unter die Betten geworfen wurden, ließ sich ohne
Ausfragen des Kindes natürlich nicht aufklären.
Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich von
befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein 8 jähriges Mädchen. Der Vater
hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach Dornbach in der
Absicht unternommen, die Rohrerhütte zu besuchen, kehrte aber um, weil
es zu spät geworden war, und versprach den Kindern, sie ein anderes Mal
zu entschädigen. Auf dem Rückwege kamen sie an einer Tafel vorbei,
welche den Weg zum Hameau anzeigt. Die Kinder verlangten nun auch aufs
Hameau geführt zu werden, mußten sich aber aus demselben Grund wiederum
auf einen anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das
8 jährige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut hab' ich
geträumt, du warst mit uns bei der Rohrerhütte und auf dem Hameau. Ihre
Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom Papa geleisteten Versprechens
im Traume antizipiert.
Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche
Schönheit Aussees bei meinem damals 3¼ jährigen Töchterchen erregt hat.
Die Kleine war zum erstenmal über den See gefahren, und die Zeit der
Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der Landungsstelle wollte sie
das Boot nicht verlassen und weinte bitterlich. Am nächsten Morgen
erzählte sie: Heute nacht bin ich auf dem See gefahren. Hoffen wir, daß
die Dauer dieser Traumfahrt sie besser befriedigt hat.
Mein ältester, damals 8 jähriger Knabe träumt bereits die Realisierung
seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilleus in einem Wagen gefahren und
der Diomedes war Wagenlenker. Er hat sich natürlich tags vorher für die
Sagen Griechenlands begeistert, die der älteren Schwester geschenkt
worden sind.
Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlafe der Kinder
gleichfalls dem Kreise des Träumens angehört, so kann ich im folgenden
einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mitteilen. Mein jüngstes
Mädchen, damals 19 Monate alt, hatte eines Morgens erbrochen und war
darum den Tag über nüchtern erhalten worden. In der Nacht, die diesem
Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus dem Schlafe rufen: _Anna
F.eud_, _Er(d)beer_, _Hochbeer_, _Eier(s)peis_, _Papp_. Ihren Namen
gebrauchte sie damals, um die Besitzergreifung auszudrücken; der
Speiszettel umfaßte wohl alles, was ihr als begehrenswerte Mahlzeit
erscheinen mußte; daß die Erdbeeren darin in zwei Varietäten vorkamen,
war eine Demonstration gegen die häusliche Sanitätspolizei und hatte
seinen Grund in dem von ihr wohl bemerkten Nebenumstand, daß die
Kinderfrau ihre Indisposition auf allzu reichlichen Erdbeergenuß
geschoben hatte; für dies ihr unbequeme Gutachten nahm sie also im
Traume ihre Revanche(40).
(40) Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann
der Traum kurz nachher bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes
ungefähr zu 70 Jahren ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die
Unruhe ihrer Wanderniere zum Hungern gezwungen war, träumt sie dann,
offenbar mit Versetzung in die glückliche Zeit des blühenden
Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten »ausgebeten«, zu Gast
geladen ist, und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt bekommt.
Wunschträume kleiner Kinder.
Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle Begierde
noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie reiche Quelle
der Enttäuschung, Entsagung und damit der Traumanregung der andere der
großen Lebenstriebe für sie werden kann(41). Hier ein zweites Beispiel
dafür. Mein 22monatiger Neffe hat zu meinem Geburtstage die Aufgabe
bekommen, mir zu gratulieren und als Geschenk ein Körbchen mit Kirschen
zu überreichen, die um diese Zeit des Jahres noch zu den Primeurs
zählen. Es scheint ihm hart anzukommen, denn er wiederholt unaufhörlich:
Kirschen sind d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den
Händen zu geben. Aber er weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher
jeden Morgen seiner Mutter zu erzählen, daß er vom »weißen Soldat«
geträumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße
bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig mit der
Mitteilung, die nur einem Traume entstammen kann: _He(r)man alle
Kirschen aufgessen!_(42)
(41) Eingehendere Beschäftigung mit dem Seelenleben der Kinder belehrt
uns freilich, daß sexuelle Triebkräfte in infantiler Gestaltung in der
psychischen Tätigkeit des Kindes eine genügend große, nur zu lange
übersehene Rolle spielen, und läßt uns an dem Glücke der Kindheit, wie
die Erwachsenen es späterhin konstruieren, einigermaßen zweifeln.
(Vgl. des Verfassers »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« 1905 und
2. Aufl. 1910.)
(42) Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich bei kleinen Kindern
bald kompliziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen
pflegen, und daß anderseits Träume von so einfachem infantilen
Charakter unter Umständen auch bei Erwachsenen häufig vorkommen. Wie
reich an ungeahntem Inhalt Träume von Kindern im Alter von vier bis
fünf Jahren bereits sein können, zeigen die Beispiele in meiner
»Analyse der Phobie eines 5 jährigen Knaben« (Jahrbuch von
_Bleuler-Freud_ I., 1909) und in _Jungs_ Ȇber Konflikte der
kindlichen Seele« (ebenda II. Bd., 1910). Analytisch gedeutete
Kinderträume siehe noch bei _v. Hug-Hellmuth_, _Putnam_, _Raalte_,
_Spielrein_, _Tausk_; andere bei _Banchieri_, _Busemann_, _Doglia_ und
besonders bei _Wigam_, der die Wunscherfüllungstendenz derselben
betont. Anderseits scheinen sich bei Erwachsenen Träume vom infantilen
Typus besonders häufig wieder einzustellen, wenn sie unter
ungewöhnliche Lebensbedingungen versetzt werden. So berichtet _Otto
Nordenskjöld_ in seinem Buche »_Antarctic_« 1904 über die mit ihm
überwinterte Mannschaft (Bd. I, p. 336): »Sehr bezeichnend für die
Richtung unserer innersten Gedanken waren unsere Träume, die nie
lebhafter und zahlreicher waren als gerade jetzt. Selbst diejenigen
unserer Kameraden, die sonst nur ausnahmsweise träumten, hatten jetzt
des Morgens, wenn wir unsere letzten Erfahrungen aus dieser
Phantasiewelt miteinander austauschten, lange Geschichten zu erzählen.
Alle handelten sie von jener äußeren Welt, die uns jetzt so fern lag,
waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt. Ein besonders
charakteristischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden
auf die Schulbank zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufgabe zu teil
wurde, ganz kleinen Miniaturseehunden, die eigens für Unterrichtszwecke
angefertigt waren, die Haut abzuziehen. Essen und Trinken
waren übrigens die Mittelpunkte, um die sich unsere Träume am
häufigsten drehten. Einer von uns, der nächtlicher Weise darin
_exzellierte_, auf große Mittagsgesellschaften zu gehen, war
seelenfroh, wenn er des Morgens berichten konnte, ›daß er ein Diner
von drei Gängen eingenommen habe‹; ein anderer träumte von Tabak, von
ganzen Bergen Tabak; wieder andere von dem Schiff, das mit vollen
Segeln auf dem offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer Traum
verdient der Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt
eine lange Erklärung, warum diese so lange habe auf sich warten
lassen, er habe sie verkehrt abgeliefert und erst nach großer Mühe sei
es ihm gelungen, sie wieder zu erlangen. Natürlich beschäftigte man
sich im Schlaf mit noch unmöglicheren Dingen, aber der Mangel an
Phantasie in fast allen Träumen, die ich selbst träumte oder erzählen
hörte, war ganz auffallend. Es würde sicher von großem psychologischen
Interesse sein, wenn alle diese Träume aufgezeichnet würden. Man wird
aber leicht verstehen können, wie ersehnt der Schlaf war, da er uns
alles bieten konnte, was ein jeder von uns am glühendsten begehrte.«
Nach _Du Prel_ (p. 231) zitiere ich noch: »_Mungo Park_, auf einer
Reise in Afrika dem Verschmachten nahe, träumte ohne Aufhören von
wasserreichen Tälern und Auen seiner Heimat. So sah sich auch der von
Hunger gequälte _Trenck_ in der Sternschanze zu Magdeburg von üppigen
Mahlzeiten umgeben, und _George Back_, Teilnehmer der ersten
Expedition _Franklins_, als er infolge furchtbarer Entbehrungen dem
Hungertode nahe war, träumte stets und gleichmäßig von reichen
Mahlzeiten.«
Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort, dessen
Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu wissen, denn es
stellt die Frage auf: _Wovon träumt die Gans?_ und beantwortet sie: Vom
_Kukuruz_ (Mais)(43). Die ganze Theorie, daß der Traum eine
Wunscherfüllung sei, ist in diesen zwei Sätzen enthalten(44).
(43) Ein ungarisches, von _Ferenczi_ angezogenes Sprichwort behauptet
vollständiger, daß »das Schwein von Eicheln, die Gans von Mais
träumt«. Ein jüdisches Sprichwort lautet: »Wovon träumt das Huhn? --
Von Hirse.« (Sammlung jüd. Sprichw. u. Redensarten, herausg. v.
_Bernstein_, 2. Aufl., S. 1160, Nr. 7.)
(44) Es liegt mir fern zu behaupten, daß noch niemals ein Autor vor
mir daran gedacht habe, einen Traum von einem Wunsch abzuleiten. (Vgl.
die ersten Sätze des nächsten Abschnittes.) Wer auf solche Andeutungen
Wert legt, könnte schon aus dem Altertum den unter dem ersten
_Ptolemäus_ lebenden Arzt _Herophilos_ anführen, der nach
_Büchsenschütz_ (p. 33) drei Arten von Träumen unterschied:
gottgesandte, natürliche, welche entstehen, indem die Seele sich ein
Bild dessen schafft, was ihr zuträglich ist und was eintreten wird,
und gemischte, die von selbst durch Annäherung von Bildern entstehen,
wenn wir das sehen, was wir wünschen. Aus der Beispielsammlung von
_Scherner_ weiß J. _Stärcke einen_ Traum hervorzuheben, der vom
Autor selbst als Wunscherfüllung bezeichnet wird (p. 239). _Scherner_
sagt: »Den wachen Wunsch der Träumerin erfüllte die Phantasie sofort
einfach darum, weil er im Gemüte derselben lebhaft bestand.« Dieser
Traum steht unter den »Stimmungsträumen«; in seiner Nähe befinden sich
Träume für »männliches und weibliches Liebessehnen« und für
»verdrießliche Stimmung«. Es ist, wie man sieht, keine Rede davon, daß
_Scherner_ dem Wünschen für den Traum eine andere Bedeutung zuschrieb
als irgend einem sonstigen Seelenzustand des Wachens, geschweige denn,
daß er den Wunsch mit dem Wesen des Traumes in Zusammenhang gebracht
hätte.
Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem verborgenen Sinn
des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt wären, wenn wir nur den
Sprachgebrauch befragt hätten. Die Spruchweisheit redet zwar manchmal
verächtlich genug vom Traume -- man meint, sie wolle der Wissenschaft
recht geben, wenn sie urteilt: _Träume sind Schäume_ --, aber für den
Sprachgebrauch ist der Traum doch vorwiegend der holde Wunscherfüller.
»Das hätt' ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt,« ruft
entzückt, wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen übertroffen findet.