5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traume als Tier oder
Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider hergestellt
wird.
6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traume Gedanken anregen, die zu
diesem Gliede irgend eine Beziehung haben. So z. B. träumt man bei
Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen.
Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die
Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu
erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag(11).
(11) Näheres über die seither in zwei Bänden veröffentlichten
Traumprotokolle dieses Forschers siehe unten.
Die psychischen Traumquellen.
ad 4. _Psychische Reizquellen_. Als wir die Beziehungen des Traumes zum
Wachleben und die Herkunft des Traummaterials behandelten, erfuhren wir,
es sei die Ansicht der ältesten wie der neuesten Traumforscher, daß die
Menschen von dem träumen, was sie bei Tag treiben und was sie im Wachen
interessiert. Dieses aus dem Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende
Interesse wäre nicht nur ein psychisches Band, das den Traum ans Leben
knüpft, sondern ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende
Traumquelle, die neben dem im Schlafe interessant Gewordenen -- den
während des Schlafes einwirkenden Reizen -- ausreichen sollte, die
Herkunft aller Traumbilder aufzuklären. Wir haben aber auch den
Widerspruch gegen obige Behauptung gehört, nämlich daß der Traum den
Schläfer von den Interessen des Tages abzieht und daß wir -- meistens --
von den Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst
dann träumen, wenn sie für das Wachleben den Reiz der Aktualität
verloren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei jedem
Schritt den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Regeln
aufzustellen, ohne durch ein »oft«, »in der Regel«, »meistens«
Einschränkungen vorzusehen und auf die Gültigkeit der Ausnahmen
vorzubereiten.
Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren Schlafreizen zur
Deckung der Traumätiologie ausreichte, so müßten wir im stande sein, von
der Herkunft aller Elemente eines Traumes befriedigende Rechenschaft zu
geben; das Rätsel der Traumquellen wäre gelöst und es bliebe noch die
Aufgabe, den Anteil der psychischen und der somatischen Traumreize in
den einzelnen Träumen abzugrenzen. In Wirklichkeit ist diese
vollständige Auflösung eines Traumes noch in keinem Falle gelungen und
jedem, der dies versucht hat, sind -- meist sehr reichlich --
Traumbestandteile übrig geblieben, über deren Herkunft er keine Aussage
machen konnte. Das Tagesinteresse als psychische Traumquelle trägt
offenbar nicht so weit, als man nach den zuversichtlichen Behauptungen,
daß jeder im Traume sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte.
Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen also alle
in der Literatur vertretenen Traumerklärungen -- mit Ausnahme etwa der
später zu erwähnenden von _Scherner_ -- eine große Lücke offen, wo es
sich um die Ableitung des für den Traum am meisten charakteristischen
Materials an Vorstellungsbildern handelt. In dieser Verlegenheit hat die
Mehrzahl der Autoren die Neigung entwickelt, den psychischen Anteil an
der Traumerregung, dem so schwer beizukommen ist, möglichst zu
verkleinern. Sie unterscheiden zwar als Haupteinteilung den _Nervenreiz_
und den _Assoziationstraum_, welch letzterer ausschließlich in der
Reproduktion seine Quelle findet (_Wundt_, p. 365), aber sie können den
Zweifel nicht loswerden, »ob sie sich ohne anstoßgebenden Leibreiz
einstellen« (_Volkelt_, p. 127). Auch die Charakteristik des reinen
Assoziationstraumes versagt: »In den eigentlichen Assoziationsträumen
kann von einem solchen festen Kerne nicht mehr die Rede sein. Hier
dringt die lose Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das
ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben ist
hier auch von jenen gewichtvolleren Leib- und Seelenerregungen nicht
mehr zusammengehalten und so seinem eigenen bunten Schieben und Treiben,
seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln überlassen« (_Volkelt_,
p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen Anteiles an der
Traumerregung versucht dann _Wundt_, indem er ausführt, daß man die
»Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als reine Halluzinationen
ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traumvorstellungen in
Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen Sinneseindrücken
ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen« (p. 359 u. f.). _Weygandt_
hat sich diese Ansicht angeeignet und sie verallgemeinert. Er behauptet
für alle Traumvorstellungen, daß ihre nächste Ursache Sinnesreize sind,
daran erst schließen sich reproduktive Assoziationen (p. 17). Noch
weiter in der Verdrängung der psychischen Reizquellen geht _Tissié_
(p. 183): Les rêves d'origine absolument psychique n'existent pas, und
anderswo (p. 6): les pensées de nos rêves nous viennent du
dehors . . . .
Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph _Wundt_ eine
Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken, daß in den meisten
Träumen somatische Reize und die unbekannten oder als Tagesinteresse
erkannten psychischen Anreger des Traumes zusammenwirken.
Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung durch die
Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle gelöst werden kann.
Vorläufig wollen wir uns über die Überschätzung der nicht aus dem
Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung nicht verwundern. Nicht
nur daß diese allein leicht aufzufinden und selbst durchs Experiment zu
bestätigen sind; es entspricht auch die somatische Auffassung der
Traumentstehung durchweg der heute in der Psychiatrie herrschenden
Denkrichtung. Die Herrschaft des Gehirns über den Organismus wird zwar
nachdrücklichst betont, aber alles, was eine Unabhängigkeit des
Seelenlebens von nachweisbaren organischen Veränderungen oder eine
Spontaneität in dessen Äußerungen erweisen könnte, schreckt den
Psychiater heute so, als ob dessen Anerkennung die Zeiten der
Naturphilosophie und des metaphysischen Seelenwesens wiederbringen
müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters hat die Psyche gleichsam unter
Kuratel gesetzt und fordert nun, daß keine ihrer Regungen ein ihr
eigenes Vermögen verrate. Doch zeigt dies Benehmen von nichts anderem
als von einem geringen Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung,
die sich zwischen Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das
Psychische sich bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines
Phänomens erkennen läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung
des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden
wissen. Wo aber das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die
Endstation bedeuten müßte, da braucht es darum nicht geleugnet zu
werden.
d) _Warum man den Traum nach dem Erwachen vergißt_?
Daß der Traum am Morgen »zerrinnt« ist sprichwörtlich. Freilich ist er
der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum ja nur aus der
Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir glauben sehr oft, daß wir
ihn nur unvollständig erinnern, während in der Nacht mehr von ihm da
war; wir können beobachten, wie eine des Morgens noch lebhafte
Traumerinnerung im Laufe des Tages bis auf kleine Brocken
dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt haben, aber nicht,
_was_ wir geträumt haben, und wir sind an die Erfahrung, daß der Traum
dem Vergessen unterworfen ist, so gewöhnt, daß wir die Möglichkeit nicht
als absurd verwerfen, daß auch der bei Nacht geträumt haben könnte, der
am Morgen weder vom Inhalt noch von der Tatsache des Träumens etwas
weiß. Anderseits kommt es vor, daß Träume eine außerordentliche
Haltbarkeit im Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume
analysiert, die sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet hatten, und
kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch mindestens 37 Jahre
vom heutigen Tage getrennt ist und doch an seiner Gedächtnisfrische
nichts eingebüßt hat. Dies alles ist sehr merkwürdig und zunächst nicht
verständlich.
Das Vergessen der Träume.
Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten _Strümpell_.
Dies Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen, denn _Strümpell_
führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf eine ganze Reihe von
Gründen zurück.
Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe wirksam, die
im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen als Wachende eine
Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen alsbald zu vergessen, weil sie
zu schwach waren, weil die an sie geknüpfte Seelenregung einen zu
geringen Grad hatte. Dasselbe ist rücksichtlich vieler Traumbilder der
Fall; sie werden vergessen, weil sie zu schwach waren, während stärkere
Bilder aus ihrer Nähe erinnert werden. Übrigens ist das Moment der
Intensität für sich allein sicher nicht entscheidend für die Erhaltung
der Traumbilder; _Strümpell_ gesteht wie auch andere Autoren (_Calkins_)
zu, daß man häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß
sie sehr lebhaft waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich
sehr viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt
man im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet hat, und
besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. Die meisten
Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse(12); diese Eigentümlichkeit
wird gleichmäßig zum Vergessen aller Träume beitragen. Weit bedeutsamer
ist dann ein dritter Grund des Vergessens. Damit Empfindungen,
Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse Erinnerungsgröße erlangen, ist
es notwendig, daß sie nicht vereinzelt bleiben, sondern Verbindungen und
Vergesellschaftungen passender Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers
in seine Worte auf und schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr
schwer, ihn zu merken. »Wohlgeordnet und in sachgemäßer Folge hilft ein
Wort dem anderen und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht
und lange fest. Widersinniges behalten wir im allgemeinen ebenso schwer
und ebenso selten wie das Verworrene und Ordnungslose.« Nun fehlt den
Träumen in den meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die
Traumkompositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen
Gedächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den
nächsten Zeitmomenten auseinanderfallen. -- Zu diesen Ausführungen
stimmt allerdings nicht ganz, was _Radestock_ (p. 168) bemerkt haben
will, daß wir gerade die sonderbarsten Träume am besten behalten.
(12) Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt worden;
vgl. die Sammlung von _Chabaneix_.
Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen _Strümpell_
andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum und Wachleben
ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume für das wache Bewußtsein ist
augenscheinlich nur das Gegenstück zu der früher erwähnten Tatsache, daß
der Traum (fast) nie geordnete Erinnerungen aus dem Wachleben, sondern
nur Einzelheiten aus demselben übernimmt, die er aus ihren gewohnten
psychischen Verbindungen reißt, in denen sie im Wachen erinnert werden.
Die Traumkomposition hat somit keinen Platz in der Gesellschaft der
psychischen Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle
Erinnerungshilfen. »Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam
von dem Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen Raume
wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem rasch verweht«
(p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß mit dem Erwachen
sofort die herandrängende Sinneswelt die Aufmerksamkeit mit Beschlag
belegt, so daß vor dieser Macht die wenigsten Traumbilder standhalten
können. Diese weichen vor den Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz
der Gestirne vor dem Lichte der Sonne.
An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume der
Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen ihren Träumen überhaupt
wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als Forscher eine
Zeitlang für den Traum interessiert, träumt währenddes auch mehr als
sonst, das heißt wohl: er erinnert seine Träume leichter und häufiger.
Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die _Bonatelli_ bei
_Benini_ zu den _Strümpell_schen hinzugefügt, sind wohl bereits in
diesen enthalten, nämlich 1. daß die Veränderung des Gemeingefühles
zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Reproduktion ungünstig
ist und 2. daß die andere Anordnung des Vorstellungsmaterials im Traume
diesen sozusagen unübersetzbar fürs Wachbewußtsein macht.
Psychologische Charaktere des Traumes.
Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie _Strümpell_ selbst
hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den Träumen doch in
der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten Bemühungen der Autoren,
das Erinnern der Träume in Regeln zu fassen, kommen einem Eingeständnis
gleich, daß auch hier etwas rätselhaft und ungelöst geblieben ist. Mit
Recht sind einzelne Eigentümlichkeiten der Erinnerung an den Traum
neuerdings besonders bemerkt worden, z. B. daß man einen Traum, den man
am Morgen für vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer
Wahrnehmung erinnern kann, die zufällig an den -- doch vergessenen --
Inhalt des Traumes anrührt (_Radestock_, _Tissié_). Die gesamte
Erinnerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die geeignet
ist, ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herabzusetzen. Man
kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom Traume wegläßt, das,
was sie erhalten hat, nicht verfälscht.
Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes spricht
auch _Strümpell_ aus: »Dann geschieht es eben leicht, daß das wache
Bewußtsein unwillkürlich manches in die Erinnerung des Traumes einfügt:
man bildet sich ein, Allerlei geträumt zu haben, was der gewesene Traum
nicht enthielt.«
Besonders entschieden äußert sich _Jessen_ (p. 547):
»Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zusammenhängender
und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bisher wenig beachtete
Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß es dabei fast immer mit der
Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen gehabten Traum in unser
Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu bemerken oder zu wollen, die Lücken
der Traumbilder ausfüllen und ergänzen. Selten und vielleicht niemals
ist ein zusammenhängender Traum so zusammenhängend gewesen, wie er uns
in der Erinnerung erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist
es kaum möglich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz und
ohne alle Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben des menschlichen
Geistes, alles im Zusammenhange zu erblicken, ist so groß, daß er bei
der Erinnerung eines einigermaßen unzusammenhängenden Traumes die Mängel
des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt.«
Fast wie eine Übersetzung dieser Worte _Jessens_ klingen die doch gewiß
selbständig konzipierten Bemerkungen von V. _Egger_ (1895):
». . . . . l'observation des rêves a ses difficultés spéciales et le
seul moyen d'éviter toute erreur en pareille matière est de confier au
papier sans le moindre retard ce que l'on vient d'éprouver et de
remarquer; sinon, l'oubli vient vite ou total ou partiel; l'oubli total
est sans gravité; mais l'oubli partiel est perfide; car si l'on se met
ensuite à raconter ce que l'on n'a pas oublié, on est exposé à compléter
par imagination les fragments incohérents et disjoints fournis par la
mémoire . . . .; on devient artiste à son insu, et le récit
périodiquement répété s'impose à la créance de son auteur, qui, de bonne
foi, le présente comme un fait authentique, dûment établi selon les
bonnes méthodes . . .«
Ganz ähnlich _Spitta_ (p. 338), der anzunehmen scheint, daß wir
überhaupt erst bei dem Versuche, den Traum zu reproduzieren, die Ordnung
in die lose miteinander assoziierten Traumelemente einführen -- »aus dem
_Nebeneinander_ ein _Hintereinander_, _Auseinander_ machen, also den
Prozeß der logischen Verbindung, der im Traume fehlt, hinzufügen«.
Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die Treue
unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traume, der unser
eigenes Erlebnis ist und für den wir nur die Erinnerung als Quelle
kennen, nicht möglich ist, welcher Wert bleibt da unserer Erinnerung an
den Traum noch übrig?
e) _Die psychologischen Besonderheiten des Traumes_.
Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes von der
Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer eigenen Seelentätigkeit
ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas Fremdes, zu dessen
Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt, daß wir ebenso gern
sagen: »Mir hat geträumt« wie: »Ich habe geträumt.« Woher rührt diese
»Seelenfremdheit« des Traumes? Nach unseren Erörterungen über die
Traumquellen sollten wir meinen, sie sei nicht durch das Material
bedingt, das in den Trauminhalt gelangt; dies ist ja zum größten Teil
dem Traumleben wie dem Wachleben gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es
nicht Abänderungen der psychischen Vorgänge im Traume sind, welche
diesen Eindruck hervorrufen, und kann so eine psychologische
Charakteristik des Traumes versuchen.
Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wachleben stärker
betont und zu weitergehenden Schlüssen verwendet als _G. Th. Fechner_ in
einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psychophysik (p. 520, II. T.).
Er meint, »weder die einfache Herabdrückung des bewußten Seelenlebens
unter die Hauptschwelle«, noch die Abziehung der Aufmerksamkeit von den
Einflüssen der Außenwelt genüge, um die Eigentümlichkeiten des
Traumlebens dem wachen Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet
vielmehr, daß auch der _Schauplatz der Träume ein anderer ist als der
des wachen Vorstellungslebens_. »Sollte der Schauplatz der
psychophysischen Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens
derselbe sein, so könnte der Traum meines Erachtens bloß eine auf einem
niederen Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des wachen
Vorstellungslebens sein und müßte übrigens dessen Stoff und dessen Form
teilen. Aber es verhält sich ganz anders.«
Was _Fechner_ mit einer solchen Umsiedelung der Seelentätigkeit meint,
ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein anderer, soviel ich weiß,
den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener Bemerkung aufgezeigt.
Eine anatomische Deutung im Sinne der physiologischen Gehirnlokalisation
oder selbst mit Bezug auf die histologische Schichtung der Hirnrinde
wird man wohl auszuschließen haben. Vielleicht aber erweist sich der
Gedanke einmal als sinnreich und fruchtbar, wenn man ihn auf einen
seelischen Apparat bezieht, der aus mehreren hintereinander
eingeschalteten Instanzen aufgebaut ist.
Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die andere der
greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traumlebens
hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkte weiterreichender
Erklärungsversuche zu machen.
Warum wir an die Realität der Traumbilder glauben?
Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der Haupteigentümlichkeiten
des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens auftritt und als den
Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist. Das Charakteristische
des wachen Zustandes ist nach _Schleiermacher_ (p. 351), daß die
Denktätigkeit in _Begriffen_ und nicht in _Bildern_ vor sich geht. Nun
denkt der Traum hauptsächlich in Bildern, und man kann beobachten, daß
mit der Annäherung an den Schlaf in demselben Maße, in dem die gewollten
Tätigkeiten sich erschwert zeigen, _ungewollte Vorstellungen_
hervortreten, die alle in die Klasse der Bilder gehören. Die Unfähigkeit
zu solcher Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlich gewollte
empfinden, und das mit dieser _Zerstreuung_ regelmäßig verknüpfte
Hervortreten von Bildern, dies sind zwei Charaktere, die dem Traume
verbleiben und die wir bei der psychologischen Analyse desselben als
wesentliche Charaktere des Traumlebens anerkennen müssen. Von den
Bildern -- den hypnagogischen Halluzinationen -- haben wir erfahren, daß
sie selbst dem Inhalt nach mit den Traumbildern identisch sind(13).
(13) H. _Silberer_ hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich
selbst abstrakte Gedanken im Zustande der Schläfrigkeit in
anschaulich-plastische Bilder umsetzen, die das nämliche ausdrücken
wollen. (Jahrbuch von _Bleuler-Freud_, Band I, 1909.)
Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber doch nicht
ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und in geringerem
Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne. Vieles wird auch im Traume
einfach gedacht oder vorgestellt (wahrscheinlich also durch
Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im Wachen.
Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur jene Inhaltselemente,
welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahrnehmungen ähnlicher sind
als den Erinnerungsvorstellungen. Mit Hinwegsetzung über alle die dem
Psychiater wohlbekannten Diskussionen über das Wesen der Halluzination
können wir mit allen sachkundigen Autoren aussagen, daß der Traum
_halluziniert_, daß er Gedanken durch Halluzinationen ersetzt. In dieser
Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen visuellen und akustischen
Vorstellungen; es ist bemerkt worden, daß die Erinnerung an eine
Tonfolge, mit der man einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in
die Halluzination derselben Melodie verwandelt, um beim Zusichkommen,
das mit dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren und
qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu machen.
Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht die einzige
Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechenden Wachgedanken.
Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine Situation, er stellt etwas
als gegenwärtig dar, er _dramatisiert_ eine Idee, wie _Spitta_ (p. 145)
es ausdrückt. Die Charakteristik dieser Seite des Traumlebens wird aber
erst vollständig, wenn man hinzunimmt, daß man beim Träumen -- in der
Regel; die Ausnahmen fordern eine besondere Aufklärung -- nicht zu
denken, sondern zu erleben vermeint, die Halluzination also mit vollem
Glauben aufnimmt. Die Kritik, man habe nichts erlebt, sondern nur in
eigentümlicher Form gedacht -- geträumt, regt sich erst beim Erwachen.
Dieser Charakter scheidet den echten Schlaftraum von der Tagträumerei,
die niemals mit der Realität verwechselt wird.
_Burdach_ hat die bisher betrachteten Charaktere des Traumlebens in
folgenden Sätzen zusammengefaßt (p. 476): »Zu den wesentlichen Merkmalen
des Traumes gehört: a) daß die subjektive Tätigkeit unserer Seele als
objektiv erscheint, indem das Wahrnehmungsvermögen die Produkte der
Phantasie so auffaßt, als ob es sinnliche Rührungen wären; . . . b) der
Schlaf ist eine Aufhebung der Eigenmächtigkeit. Daher gehört eine
gewisse Passivität zum Einschlafen . . . Die Schlummerbilder werden
durch den Nachlaß der Eigenmächtigkeit bedingt.«
Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele gegen die
Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer gewissen
eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären. _Strümpell_
führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem Mechanismus gemäß
benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs bloße Vorstellungen, sondern
_wahrhafte und wirkliche Erlebnisse der Seele_, wie sie im Wachen durch
Vermittlung der Sinne auftreten (p. 34). Während die Seele wachend in
Wortbildern und in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und
denkt im Traume in wirklichen Empfindungsbildern (p. 35). Überdies kommt
im Traume ein Raumbewußtsein hinzu, indem wie im Wachen Empfindungen und
Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden (p. 36). Man muß also
zugestehen, daß sich die Seele im Traume ihren Bildern und Wahrnehmungen
gegenüber in derselben Lage befindet wie im Wachen (p. 43). Wenn sie
dabei dennoch irre geht, so rührt dies daher, daß ihr im Schlafzustand
das Kriterium fehlt, welches allein zwischen von außen und von innen
gegebenen Sinneswahrnehmungen unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder
nicht den Proben unterziehen, welche allein deren objektive Realität
erweisen. Sie vernachlässigt _außerdem_ den Unterschied zwischen
_willkürlich_ vertauschbaren Bildern und anderen, wo diese Willkür
wegfällt. Sie irrt, weil sie das Gesetz der Kausalität nicht auf den
Inhalt ihres Traumes anwenden kann (p. 58). Kurz, ihre Abkehrung von der
Außenwelt enthält auch den Grund für ihren Glauben an die subjektive
Traumwelt.
Ablösung der Vorstellungen von ihren psychischen Werten.
Zum selben Schlusse gelangt nach teilweise abweichenden psychologischen
Entwicklungen _Delboeuf_. Wir schenken den Traumbildern den
Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen Eindrücke zum
Vergleiche haben, weil wir von der Außenwelt abgelöst sind. Aber nicht
etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer Halluzinationen, weil uns
im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist, Proben anzustellen. Der Traum
kann uns alle diese Prüfungen vorspiegeln, uns etwa zeigen, daß wir die
gesehene Rose berühren und wir träumen dabei doch. Es gibt nach
_Delboeuf_ kein stichhaltiges Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist
oder wache Wirklichkeit, außer -- und dies nur in praktischer
Allgemeinheit -- der Tatsache des Erwachens. Ich erkläre alles für
Täuschung, was zwischen Einschlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn
ich durch das Erwachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege
(p. 84). Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten
infolge der nicht einzuschläfernden _Denkgewohnheit_, eine Außenwelt
anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe(14).
(14) Einen ähnlichen Versuch wie _Delboeuf_, die Traumtätigkeit zu
erklären durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte
Bedingung an der sonst korrekten Funktion des intakten seelischen
Apparates zur Folge haben muß, hat _Haffner_ unternommen, diese
Bedingung aber in etwas anderen Worten beschrieben. Das erste
Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeitlosigkeit, d. i.
die Emanzipation der Vorstellung von der dem Individuum zukommenden
Stelle in der örtlichen und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet
sich der zweite Grundcharakter des Traumes, die Verwechslung der
Halluzinationen, Imaginationen und Phantasiekombinationen mit äußeren
Wahrnehmungen. »Da die Gesamtheit der höheren Seelenkräfte,
insbesondere Begriffsbildung, Urteil und Schlußfolgerung einerseits
und die freie Selbstbestimmung anderseits an die sinnlichen
Phantasiebilder sich anschließen und diese jederzeit zur Unterlage
haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der Regellosigkeit der
Traumvorstellungen teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an und für
sich ist unsere Urteilskraft wie unsere Willenskraft im Schlafe in
keiner Weise alteriert. Wir sind der Tätigkeit nach ebenso
scharfsinnig und ebenso frei wie im wachen Zustande. Der Mensch kann
auch im Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich verstoßen, d. h.
nicht das ihm als entgegengesetzt sich Darstellende identisch setzen
usw. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein Gutes
sich vorstellt (sub ratione boni). Aber in dieser Anwendung der
Gesetze des Denkens und Wollens wird der menschliche Geist im Traume
irregeführt durch die Verwechslung einer Vorstellung mit einer
anderen. So kommt es, daß wir im Traume die größten Widersprüche
setzen und begehen, während wir anderseits die scharfsinnigsten
Urteilsbildungen und die konsequentesten Schlußfolgerungen vollziehen,
die tugendhaftesten und heiligsten Entschließungen fassen können.
_Mangel an Orientierung_ ist das ganze Geheimnis des Fluges, mit
welchem unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und _Mangel an
kritischer Reflexion_ sowie an Verständigung mit anderen ist die
Hauptquelle der maßlosen Extravaganzen unserer Urteile wie unserer
Hoffnungen und Wünsche im Traume« (p. 18).
Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestimmenden Moment für
die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des Traumlebens erhoben, so
verlohnt es sich, einige feinsinnige Bemerkungen des alten _Burdach_
anzuführen, welche auf die Beziehung der schlafenden Seele zur Außenwelt
Licht werfen und dazu angetan sind, vor einer Überschätzung der
vorstehenden Ableitungen zurückzuhalten. »Der Schlaf erfolgt nur unter
der Bedingung,« sagt _Burdach_, »daß die Seele nicht von Sinnesreizen
angeregt wird, . . . aber es ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen
die Bedingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse
dafür(15); mancher sinnliche Eindruck ist selbst notwendig, insofern er
zur Beruhigung der Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft,
wenn er das Klappern seiner Mühle hört, und der, welcher aus Vorsicht
ein Nachtlicht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen
kann« (p. 457).
(15) Man vergleiche hiezu das »Désintérêt«, in dem _Claparède_ (1905)
den Mechanismus des Einschlafens findet.
»Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und zieht sich
von der Peripherie . . . zurück . . . . Indes ist der Zusammenhang nicht
ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe selbst, sondern erst nach
dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte man überhaupt nicht geweckt
werden. Noch mehr wird die Fortdauer der Sensation dadurch bewiesen, daß
man nicht immer durch die bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes,
sondern durch die psychische Beziehung desselben geweckt wird; ein
gleichgültiges Wort weckt den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim
Namen, so erwacht er, . . . die Seele unterscheidet also im Schlafe
zwischen den Sensationen . . . Daher kann man denn auch durch den Mangel
eines Sinnesreizes, wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung
wichtige Sache bezieht, geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen
eines Nachtlichtes und der Müller vom Stillstand seiner Mühle, also vom
Aufhören der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese
perzipiert worden ist, aber als gleichgültig oder vielmehr befriedigend
die Seele nicht aufgestört hat« (p. 460 u. ff.).
Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Einwendungen
absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß die bisher
gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außenwelt abgeleiteten
Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit desselben nicht voll zu
decken vermögen. Denn im anderen Falle müßte es möglich sein, die
Halluzinationen des Traumes in Vorstellungen, die Situationen des
Traumes in Gedanken zurückzuverwandeln und damit die Aufgabe der
Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir nicht anders, wenn wir nach dem
Erwachen den Traum aus der Erinnerung reproduzieren, und ob uns diese
Rückübersetzung ganz oder nur teilweise gelingt, der Traum behält seine
Rätselhaftigkeit unverringert bei.
Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume noch andere
und tiefergreifende Veränderungen mit dem Vorstellungsmaterial des
Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht _Strümpell_ in folgender
Erörterung herauszugreifen (p. 17): »Die Seele verliert mit dem Aufhören
der sinnlich tätigen Anschauung und des normalen Lebensbewußtseins auch
den Grund, in welchem ihre Gefühle, Begehrungen, Interessen und
Handlungen wurzeln. Auch diejenigen geistigen Zustände, Gefühle,
Interessen, Wertschätzungen, welche im Wachen den Erinnerungsbildern
anhaften, unterliegen . . . einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen
sich ihre Verbindung mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder von
Dingen, Personen, Lokalitäten, Begebenheiten und Handlungen des wachen
Lebens werden einzeln sehr zahlreich reproduziert, aber keines derselben
bringt seinen _psychischen_ Wert mit. Dieser ist von ihnen abgelöst und
sie schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mitteln umher . . . .«
Die Absurdität des Traumes.
Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Werte, die selbst
wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurückgeführt wird, soll
nach _Strümpell_ einen Hauptanteil an dem Eindruck der Fremdartigkeit
haben, mit dem sich der Traum in unserer Erinnerung dem Leben
gegenüberstellt.
Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf eine der
seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung des
Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies
naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlafzustand sich auch über
die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine oder andere
dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die übrigbleibenden
ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Umständen normale Arbeit
leisten können, kommt jetzt in Frage. Der Gesichtspunkt taucht auf, daß
man die Eigentümlichkeiten des Traumes erklären könne durch die
psychische Minderleistung im Schlafzustand, und nun kommt der Eindruck,
den der Traum unserem wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung
entgegen. Der Traum ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoß die
ärgsten Widersprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag
einflußreiches Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch
stumpfsinnig. Wer sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in
seinen Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer
im Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie sie im
Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines Verworrenen und
eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir nur dem Tatbestand Worte
zu leihen, wenn wir die psychische Tätigkeit im Traum nur sehr gering
anschlagen und insbesondere die höheren intellektuellen Leistungen als
im Traume aufgehoben oder wenigstens schwer geschädigt erklären.
Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit -- von den Ausnahmen wird an anderer
Stelle die Rede sein -- haben die Autoren solche Urteile über den Traum
gefällt, die auch unmittelbar zu einer bestimmten Theorie oder Erklärung
des Traumlebens hinleiten. Es ist an der Zeit, daß ich mein eben
ausgesprochenes Resumé durch eine Sammlung von Aussprüchen verschiedener
Autoren -- Philosophen und Ärzte -- über die psychologischen Charaktere
des Traumes ersetze:
Nach _Lemoine_ ist die _Inkohärenz_ der Traumbilder der einzig
wesentliche Charakter des Traumes.
_Maury_ pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): »il n'y a pas de rêves
absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque incohérence,
quelque anachronisme, quelque absurdité.«
Nach _Hegel_ bei _Spitta_ fehlt dem Traume aller objektive verständige
Zusammenhang.
_Dugas_ sagt: »Le rêve, c'est l'anarchie psychique, affective et
mentale, c'est le jeu des fonctions livrées à elles-mêmes et s'exerçant
sans contrôle et sans but; dans le rêve l'esprit est un automate
spirituel.«
»Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des im Wachen durch
die logische Gewalt des zentralen Ich zusammengehaltenen
Vorstellungslebens« räumt selbst _Volkelt_ ein (p. 14), nach dessen
Lehre die psychische Tätigkeit während des Schlafes keineswegs zwecklos
erscheint.
Die _Absurdität_ der im Traume vorkommenden Vorstellungsverbindungen
kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon _Cicero_ (De divin. II)
tat: Nihil tam praepostere, tam incondite, tam monstruose cogitari
potest, quod non possimus somniare.
_Fechner_ sagt (p. 522): »Es ist, als ob die psychologische Tätigkeit
aus dem Gehirn eines Vernünftigen in das eines Narren übersiedelte.«
_Radestock_ (p. 145): »In der Tat scheint es unmöglich, in diesem tollen
Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen Polizei des
vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens und der
Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in tollem Spiele alles
kaleidoskopartig durcheinander.«
_Hildebrandt_ (p. 45): »Welche wunderlichen Sprünge erlaubt sich der
Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit welcher
Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze geradezu auf
den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in den
Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm, wie man
sagt, die Sache zu bunt wird, und die Überspannung des Unsinnes das
Erwachen herbeiführt! Wir multiplizieren gelegentlich ganz harmlos: Drei
mal drei macht zwanzig; es wundert uns gar nicht, daß ein Hund uns einen
Vers hersagt, daß ein Toter auf eigenen Füßen nach seinem Grabe geht,
daß ein Felsstück auf dem Wasser schwimmt; wir gehen alles Ernstes in
höherem Auftrage nach dem Herzogtum Bernburg oder dem Fürstentum
Liechtenstein, um die Kriegsmarine des Landes zu beobachten oder lassen
uns von Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als
Freiwillige anwerben.«
_Binz_ (p. 33) mit dem Hinweise auf die aus diesen Eindrücken sich
ergebende Traumtheorie: »Unter zehn Träumen sind mindestens neun
absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge zusammen,
welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander haben. Schon im
nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, ist die Gruppierung eine
andere geworden, womöglich noch unsinniger und toller, als sie es schon
vorher war; und so geht das wechselnde Spiel des unvollkommen
schlafenden Gehirns weiter, bis wir erwachen, mit der Hand nach der
Stirn greifen und uns fragen, ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des
vernünftigen Vorstellens und Denkens besitzen.«
Die oberflächlichen Assoziationen im Traume.
_Maury_ (p. 50) findet für das Verhältnis der Traumbilder zu den
Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen Vergleich:
»La production de ces images que chez l'homme éveillé fait le plus
souvent naître la volonté, correspond, pour l'intelligence, à ce que
sont pour la motilité certains mouvements que nous offrent la chorée et
les affections paralytiques« . . . . Im übrigen ist ihm der Traum »toute
une série de dégradations de la faculté pensante et raisonnante«
(p. 27).
Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen, welche den
Satz von _Maury_ für die einzelnen höheren Seelenleistungen wiederholen.
Nach _Strümpell_ treten im Traume -- selbstverständlich auch dort, wo
der Unsinn nicht augenfällig ist -- sämtliche logische, auf
Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele zurück
(p. 26). Nach _Spitta_ (p. 148) scheinen im Traume die Vorstellungen dem
Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. _Radestock_ und andere
betonen die dem Traume eigene Schwäche des Urteiles und des Schlusses.
Nach _Jodl_ (p. 123) gibt es im Traume keine Kritik, keine Korrektur
einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt des Gesamtbewußtseins. Derselbe
Autor äußert: »Alle Arten der Bewußtseinstätigkeit kommen im Traume vor,
aber unvollständig, gehemmt, gegeneinander isoliert.« Die Widersprüche,
in welche sich der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt
_Stricker_ (mit vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im Traume
vergessen oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren
gegangen sind (p. 98) usw. usw.
Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die psychischen
Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben, daß ein gewisser
Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume verbleibt. _Wundt_, dessen
Lehren für so viel andere Bearbeiter der Traumprobleme maßgebend
geworden sind, gesteht dies ausdrücklich zu. Man könnte nach der Art und
Beschaffenheit des im Traume sich äußernden Restes von normaler
Seelentätigkeit fragen. Es wird nun ziemlich allgemein zugegeben, daß
die Reproduktionsfähigkeit, das Gedächtnis im Traume am wenigsten
gelitten zu haben scheint, ja eine gewisse Überlegenheit gegen die
gleiche Funktion des Wachens (vgl. oben p. 8 ff.) aufweisen kann, obwohl
ein Teil der Absurditäten des Traumes durch die Vergeßlichkeit eben
dieses Traumlebens erklärt werden soll. Nach _Spitta_ ist es das
_Gemütsleben_ der Seele, was vom Schlafe nicht befallen wird und dann
den Traum dirigiert. Als »Gemüt« bezeichnet er »die konstante
Zusammenfassung der Gefühle als des innersten subjektiven Wesens des
Menschen« (p. 84).
_Scholz_ (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äußernden
Seelentätigkeiten in der »_allegorisierenden Umdeutung_«, welcher das
Traummaterial unterzogen wird. _Siebeck_ konstatiert auch im Traume die
»_ergänzende Deutungstätigkeit_« der Seele (p. 11), welche von ihr gegen
alles Wahrnehmen und Anschauen geübt wird. Eine besondere Schwierigkeit
hat es für den Traum mit der Beurteilung der angeblich höchsten
psychischen Funktion, der des Bewußtseins. Da wir vom Traume nur durchs
Bewußtsein etwas wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein;
doch meint _Spitta_, es sei im Traume nur das Bewußtsein erhalten, nicht
auch das _Selbst_bewußtsein. _Delboeuf_ gesteht ein, daß er diese
Unterscheidung nicht zu begreifen vermag.
Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen verknüpfen,
gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herkunft kommt im Traume reiner
und stärker zum Ausdruck. _Strümpell_ (p. 70): »Der Traum verläuft
entweder ausschließlich, wie es scheint, nach den Gesetzen nackter
Vorstellungen oder organischer Reize mit solchen Vorstellungen, das
heißt, ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und
sittliches Urteil etwas dabei vermögen.« Die Autoren, deren Ansichten
ich hier reproduziere, stellen sich die Bildung der Träume etwa
folgender Art vor: Die Summe der im Schlafe einwirkenden Sensationsreize
aus den verschiedenen an anderer Stelle angeführten Quellen wecken in
der Seele zunächst eine Anzahl von Vorstellungen, die sich als
Halluzinationen (nach _Wundt_ richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft
von den äußeren und inneren Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich
untereinander nach den bekannten Assoziationsgesetzen und rufen
ihrerseits nach denselben Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen
(Bildern) wach. Das ganze Material wird dann vom noch tätigen Reste der
ordnenden und denkenden Seelenvermögen, so gut es eben gehen will,
verarbeitet (vgl. etwa _Wundt_ und _Weygandt_). Es ist bloß noch nicht
gelungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß die
Erweckung der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem oder nach
jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe.
Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen, welche die
Traumvorstellungen untereinander verbinden, von ganz besonderer Art und
verschieden von den im wachen Denken tätigen sind. So sagt _Volkelt_
(p. 15): »Im Traume jagen und haschen sich die Vorstellungen nach
zufälligen Ähnlichkeiten und kaum wahrnehmbaren Zusammenhängen. Alle
Träume sind von solchen nachlässigen, zwanglosen Assoziationen
durchzogen.« _Maury_ legt auf diesen Charakter der Vorstellungsbindung,
der ihm gestattet, das Traumleben in engere Analogie mit gewissen
Geistesstörungen zu bringen, den größten Wert. Er anerkennt zwei
Hauptcharaktere des »délire«: 1. une action spontanée et comme
automatique de l'esprit; 2. une association vicieuse et irregulière des
idées (p. 126). Von _Maury_ selbst rühren zwei ausgezeichnete
Traumbeispiele her, in denen der bloße Gleichklang der Worte die
Verknüpfung der Traumvorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, daß er
eine Pilgerfahrt (_pélerinage_) nach Jerusalem oder Mekka unternehme,
dann befand er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker _Pelletier_,
dieser gab ihm nach einem Gespräche eine Schaufel (_pelle_) von Zink und
diese wurde in einem darauffolgenden Traumstück sein großes
Schlachtschwert (p. 137). Ein andermal ging er im Traume auf der
Landstraße und las auf den Meilensteinen die _Kilo_meter ab, darauf
befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der eine große Wage hatte, und
ein Mann legte _Kilo_gewichte auf die Wagschale, um _Maury_ abzuwägen;
dann sagte ihm der Gewürzkrämer: »Sie sind nicht in Paris, sondern auf
der Insel _Gilolo_.« Es folgten darauf mehrere Bilder, in welchen er die
Blume _Lobelia_ sah, dann den General _Lopez_, von dessen Tod er kurz
vorher gelesen hatte; endlich erwachte er, eine Partie _Lotto_
spielend(16).
(16) An späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von
Worten mit gleichen Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anlaute erfüllt
sind, zugänglich werden.
Psychologische Wertschätzung des Traumlebens.
Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung der
psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch von anderer
Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier schwierig. Es
will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herabsetzer des
Traumlebens versichert (_Spitta_, p. 118), daß dieselben psychologischen
Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum regieren, oder wenn ein
anderer (_Dugas_) ausspricht: Le rêve n'est pas déraison ni même
irraison pure, solange beide sich nicht die Mühe nehmen, diese Schätzung
mit der von ihnen beschriebenen psychischen Anarchie und Auflösung aller
Funktionen im Traume in Einklang zu bringen. Aber anderen scheint die
Möglichkeit gedämmert zu haben, daß der Wahnsinn des Traumes vielleicht
doch nicht ohne Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des
Dänenprinzen, auf dessen Wahnsinn sich das hier zitierte einsichtsvolle
Urteil bezieht. Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem
Anschein zu urteilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war
ein anderer.
So würdigt _Havelock Ellis_ (1899) den Traum, ohne bei seiner
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als »an archaïc world of
vast emotions and imperfect thoughts«, deren Studium uns primitive
Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren könnte. J.
_Sully_ (p. 362) vertritt dieselbe Auffassung des Traumes in einer noch
weiter ausgreifenden und tiefer eindringenden Weise. Seine Aussprüche
verdienen um so mehr Beachtung, wenn wir hinzunehmen, daß er wie
vielleicht kein anderer Psychologe von der verhüllten Sinnigkeit des
Traumes überzeugt war. »Now our dreams are a means of conserving these
successive personalities. _When asleep we go back to the old ways of
looking at things and of feeling about them, to impulses and activities
which long ago dominated us._« Ein Denker wie _Delboeuf_ behauptet --
freilich ohne den Beweis gegen das widersprechende Material zu führen
und darum eigentlich mit Unrecht: »Dans le sommeil, hormis la
perception, toutes les facultés de l'esprit, intelligence, imagination,
mémoire, volonté, moralité, restent intactes dans leur essence;
seulement, elles s'appliquent à des objets imaginaires et mobiles. Le
songeur est un acteur qui joue à volonté les fous et les sages, les
bourreaux et les victimes, les nains et les géants, les démons et les
anges« (p. 222). Am energischesten scheint die Herabsetzung der
psychischen Leistung im Traume der _Marquis d'Hervey_ bestritten zu
haben, gegen den _Maury_ lebhaft polemisiert und dessen Schrift ich mir
trotz aller Bemühung nicht verschaffen konnte. _Maury_ sagt über ihn
(p. 19): »M. le _Marquis d'Hervey_ prête à l'intelligence, durant le
sommeil, toute sa liberté d'action et d'attention et il ne semble faire
consister le sommeil que dans l'occlusion des sens, dans leur fermeture
au Monde extérieur; en sorte que l'homme qui dort ne se distingue guère,
selon sa manière de voir, de l'homme qui laisse vaguer sa pensée en se
bouchant les sens; toute la différence qui sépare alors la pensée
ordinaire de celle du dormeur c'est que, chez celui, l'idée prend une
forme visible, objective et ressemble, à s'y méprendre, à la sensation
déterminée par les objets extérieurs; le souvenir revêt l'apparence du
fait présent.«
_Maury_ fügt aber hinzu: »qu'il y a une différence de plus et capitale à
savoir que les facultés intellectuelles de l'homme endormi n'offrent pas
l'équilibre qu'elles gardent chez l'homme éveillé.«
Bei _Vaschide_, der uns eine bessere Kenntnis des Buches von d'_Hervey_
vermittelt, finden wir, daß sich dieser Autor in folgender Art über die
scheinbare Inkohärenz der Träume äußert. »L'image du rêve est la copie
de l'idée. Le principal est l'idée; la vision n'est qu'accessoire. Ceci
établi, il faut savoir suivre la marche des idées, il faut savoir
analyser le tissu des rêves; l'incohérence devient alors compréhensible,
les conceptions les plus fantasques deviennent des faits simples et
parfectement logiques«. (p. 146.) Und (p. 147): »Les rêves les plus
bizarres trouvent même une explication des plus logiques quand on sait
les analyser.«
J. _Stärcke_ hat darauf aufmerksam gemacht, daß eine ähnliche Auflösung
der Trauminkohärenz von einem alten Autor, _Wolf Davidson_, der mir
unbekannt war, 1799 verteidigt worden ist (p. 136): »Die sonderbaren
Sprünge unserer Vorstellungen im Traume haben alle ihren Grund in dem
Gesetze der Assoziation, nur daß diese Verbindung manchmal sehr dunkel
in der Seele vorgeht, so daß wir oft einen Sprung der Vorstellung zu
beobachten glauben, wo doch keiner ist.«
Psychologische Wertung des Traumes.
Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt hat in der
Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der tiefsten
Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch die
Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes bis zur Überschätzung, die den
Traum weit über die Leistungen des Wachlebens stellt. _Hildebrandt_,
der, wie wir wissen, in drei Antinomien die psychologische
Charakteristik des Traumlebens entwirft, faßt im dritten dieser
Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe zusammen (p. 19): »Es ist der
zwischen _einer Steigerung_, einer nicht selten bis zur _Virtuosität_
sich erhebenden _Potenzierung_ und anderseits einer entschiedenen, oft
bis unter das Niveau des Menschlichen führenden _Herabminderung_ und
_Schwächung_ des Seelenlebens.«
»Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Erfahrung
bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traumgenius bisweilen eine
Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine Zartheit der Empfindung, eine
Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Beobachtung, eine
Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir solches alles als
konstantes Eigentum während des wachen Lebens zu besitzen
bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum hat eine wunderbare
Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unvergleichlichen Humor, eine
köstliche Ironie. Er schauet die Welt in einem eigentümlichen
idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt ihrer Erscheinungen oft
im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum Grunde liegenden Wesens. Er
stellt uns das irdisch Schöne in wahrhaft himmlischem Glanze, das
Erhabene in höchster Majestät, das erfahrungsgemäß Furchtbare in der
grauenvollsten Gestalt, das Lächerliche mit unbeschreiblich drastischer
Komik vor Augen; und bisweilen sind wir nach dem Erwachen irgend eines
dieser Eindrücke noch so voll, daß es uns vorkommen will, dergleichen
habe die wirkliche Welt uns noch nie und niemals geboten.«
Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem jene
geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung gilt?
Haben die einen die blödsinnigen Träume, die anderen die tiefsinnigen
und feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt, Träume, die
solche und die jene Beurteilung verdienen, scheint es da nicht müßig,
nach einer psychologischen Charakteristik des Traumes zu suchen, genügt
es nicht zu sagen, im Traume sei alles möglich, von der tiefsten
Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer im Wachen ungewohnten
Steigerung desselben? So bequem diese Lösung wäre, sie hat dies eine
gegen sich, daß den Bestrebungen aller Traumforscher die Voraussetzung
zu grunde zu liegen scheint, es gäbe eine solche in ihren wesentlichen
Zügen allgemeingültige Charakteristik des Traumes, welche über jene
Widersprüche hinweghelfen müßte.
Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener jetzt
hinter uns liegenden intellektuellen Periode, da die Philosophie und
nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister beherrschte.
Aussprüche wie die von _Schubert_, daß der Traum eine Befreiung des
Geistes von der Gewalt der äußeren Natur sei, eine Loslösung der Seele
von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von dem jüngeren
_Fichte_(17) u. a., welche sämtlich den Traum als einen Aufschwung des
Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, erscheinen uns heute
kaum begreiflich; sie werden in der Gegenwart auch nur bei Mystikern und
Frömmlern wiederholt(18). Mit dem Eindringen naturwissenschaftlicher
Denkweise ist eine Reaktion in der Würdigung des Traumes einhergegangen.
Gerade die ärztlichen Autoren sind am ehesten geneigt, die psychische
Tätigkeit im Traume für geringfügig und wertlos anzuschlagen, während
Philosophen und nicht zünftige Beobachter -- Amateurpsychologen --,
deren Beiträge gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind,
im besseren Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem
psychischen Werte der Träume festgehalten haben. Wer zur Geringschätzung
der psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt
begreiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen Reizquellen;
für den, welcher der träumenden Seele den größeren Teil ihrer
Fähigkeiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr
nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen zuzugestehen.
(17) Vgl. _Haffner_ und _Spitta_.
(18) Der geistreiche Mystiker Du _Prel_, einer der wenigen Autoren,
denen ich die Vernachlässigung in früheren Auflagen dieses Buches
abbitten möchte, äußert, nicht das Wachen, sondern der Traum sei die
Pforte zur Metaphysik, soweit sie den Menschen betrifft (Philosophie
der Mystik, p. 59).
Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner Vergleichung
versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben, ist die des
Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie beweisenden, gar nicht
seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. Ein anderer, von alten
Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traumlebens, daß es sich souverän
über Zeit- und Ortsentfernungen hinwegzusetzen vermöge, ist mit
Leichtigkeit als eine Illusion zu erkennen. Dieser Vorzug ist, wie
_Hildebrandt_ bemerkt, eben ein illusorischer Vorzug; das Träumen setzt
sich über Zeit und Raum nicht anders hinweg als das wache Denken, und
eben weil es nur eine Form des Denkens ist. Der Traum sollte sich in
Bezug auf die Zeitlichkeit noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in
anderem Sinne vom Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume wie der oben
p. 20 mitgeteilte _Maurys_ von seiner Hinrichtung durch die Guillotine
scheinen zu beweisen, daß der Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit
mehr Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere psychische
Tätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese Folgerung ist
indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden; seit den
Aufsätzen von _Le Lorrain_ und _Egger_ »über die scheinbare Dauer der
Träume« hat sich hierüber eine interessante Diskussion angesponnen,
welche in dieser heiklen und tiefreichenden Frage wahrscheinlich noch
nicht die letzte Aufklärung erreicht hat(19).
(19) Weitere Literatur und kritische Erörterung dieser Probleme in der
Pariser Dissertation der _Tobowolska_ (1900).
Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzunehmen und zu
einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu bringen vermag, daß er
Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Komponisten die Quelle
neuer Eingebungen werden kann, scheint nach vielfachen Berichten und
nach der von _Chabaneix_ angestellten Sammlung unbestreitbar zu sein.
Aber wenn auch nicht die Tatsache, so unterliegt doch deren Auffassung
vielen, ans Prinzipielle streifenden Zweifeln(20).
(20) Vgl. die Kritik bei H. _Ellis_, World of Dreams, p. 268.
Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes ein
Streitobjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit hartnäckig
wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man vermeidet es -- und
wohl mit Recht --, alles Tatsächliche an diesem Thema abzuleugnen, weil
für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit einer natürlichen
psychologischen Erklärung vielleicht nahe bevorsteht.
f) _Die ethischen Gefühle im Traume_.
Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen
Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, habe ich von
dem Thema der Psychologie des Traumes das Teilproblem abgesondert, ob
und inwieweit die moralischen Dispositionen und Empfindungen des Wachens
sich ins Traumleben erstrecken. Der nämliche Widerspruch in der
Darstellung der Autoren, den wir für alle anderen seelischen Leistungen
mit Befremden bemerken mußten, macht uns auch hier betroffen. Die einen
versichern mit ebensolcher Entschiedenheit, daß der Traum von den
sittlichen Anforderungen nichts weiß, wie die anderen, daß die
moralische Natur des Menschen auch fürs Traumleben erhalten bleibt.
Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben.
_Jessen_ sagt (p. 553): »Auch besser und tugendhafter wird man nicht im
Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu schweigen,
indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten Verbrechen,
Diebstahl, Mord und Totschlag mit völliger Gleichgültigkeit und ohne
nachfolgende Reue verüben kann.«
_Radestock_ (p. 146): »Es ist zu berücksichtigen, daß die Assoziationen
im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden, ohne daß
Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil
etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach und es herrscht
_ethische Gleichgültigkeit vor_.«
_Volkelt_ (p. 23): »Besonders zügellos aber geht es, wie jeder weiß, im
Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der Träumende selbst aufs
Äußerste schamlos und jedes sittlichen Gefühles und Urteiles verlustig
ist, so sieht er auch alle anderen und selbst die verehrtesten Personen
mitten in Handlungen, die er im Wachen auch nur in Gedanken mit ihnen
zusammenzubringen sich scheuen würde.«
Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die von
_Schopenhauer_, daß jeder im Traume in vollster Gemäßheit seines
Charakters handle und rede. R. Ph. _Fischer_(21) behauptet, daß die
subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder Affekte und Leidenschaften in
der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, daß die moralischen
Eigentümlichkeiten der Personen in ihren Träumen sich spiegeln.
(21) Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850. (Nach
_Spitta_.)
_Haffner_ (p. 25): »Seltene Ausnahmen abgerechnet, . . . . . wird ein
tugendhafter Mensch auch im Traume tugendhaft sein; er wird den
Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem Zorn und allen Lastern
sich verschließen; der Mann der Sünde aber wird auch in seinen Träumen
in der Regel die Bilder finden, die er im Wachen vor sich hatte.«
_Scholz_ (p. 36): »Im Traume ist Wahrheit, trotz aller Maskierung in
Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes Selbst wieder
. . . . . Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein entehrendes
Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so entsetzt er sich
darüber, als über etwas seiner Natur Fremdes. Der römische Kaiser, der
einen seiner Untertanen hinrichten ließ, weil diesem geträumt hatte, er
habe dem Kaiser den Kopf abschlagen lassen, hatte darum so unrecht
nicht, wenn er dies damit rechtfertigte, daß, wer so träume, auch
ähnliche Gedanken im Wachen haben müsse. Von etwas, das in unserem
Innern keinen Raum haben kann, sagen wir deshalb auch bezeichnender
Weise: »Es fällt mir auch im Traume nicht ein.««
Im Gegensatz hiezu meint _Plato_, diejenigen seien die besten, denen
das, was andere wachend tun, nur im Traum einfalle.
_Pfaff_ sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprichwortes:
»Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume und ich will dir sagen, wie es
um dein Inneres steht.«
Unsittliche Träume.