4. _Rein psychische Reizquellen_.

ad 1. _Die äußeren Sinnesreize_. Der jüngere _Strümpell_, der Sohn des

Philosophen, dessen Werk über den Traum uns bereits mehrmals als

Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat bekanntlich die Beobachtung

eines Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner Anästhesie der

Körperdecken und Lähmung mehrerer der höheren Sinnesorgane behaftet war.

Wenn man bei diesem Manne die wenigen noch offenen Sinnespforten von der

Außenwelt abschloß, verfiel er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen,

pflegen wir alle eine Situation anzustreben, die jener im

_Strümpell_schen Experiment ähnlich ist. Wir verschließen die

wichtigsten Sinnespforten, die Augen, und suchen von den anderen Sinnen

jeden Reiz oder jede Veränderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten.

Wir schlafen dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir

können weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten,

noch die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß wir

durch stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, »daß

die Seele auch im Schlafe in fortdauernder Verbindung mit der

außerleiblichen Welt« geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während

des Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden.

Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe, von den unvermeidlichen

an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur gelegentlich zulassen

muß, bis zum zufälligen Weckreize, welcher geeignet oder dazu bestimmt

ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es kann stärkeres Licht in die

Augen dringen, ein Geräusch sich vernehmbar machen, ein riechender Stoff

die Nasenschleimhaut erregen. Wir können im Schlafe durch ungewollte

Bewegungen einzelne Körperteile entblößen und so der Abkühlungsempfindung

aussetzen oder durch Lageveränderung uns selbst Druck- und

Berührungsempfindungen erzeugen. Es kann uns eine Fliege

stechen oder ein kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere Sinne zugleich

bestürmen. Die Aufmerksamkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von

Träumen gesammelt, in welchen der beim Erwachen konstatierte Reiz und

ein Stück des Trauminhaltes so weit übereinstimmten, daß der Reiz als

Traumquelle erkannt werden konnte.

Eine Sammlung solcher auf objektive -- mehr oder minder akzidentelle --

Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier nach _Jessen_

(p. 527) an: Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch erweckt

entsprechende Traumbilder, das Rollen des Donners versetzt uns mitten in

eine Schlacht, das Krähen eines Hahnes kann sich in das Angstgeschrei

eines Menschen verwandeln, das Knarren einer Tür Träume von räuberischen

Einbrüchen hervorrufen. Wenn wir des Nachts unsere Bettdecke verlieren,

so träumen wir vielleicht, daß wir nackt umhergehen oder daß wir ins

Wasser gefallen sind. Wenn wir schräg im Bette liegen und die Füße über

den Rand desselben herauskommen, so träumt uns vielleicht, daß wir am

Rande eines schrecklichen Abgrundes stehen oder daß wir von einer

steilen Höhe hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das

Kopfkissen, so hängt ein großer Felsen über uns und steht im Begriff,

uns unter seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen

wollüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen,

feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen . . .

»_Meier_ (Versuch einer Erklärung des Nachtwandelns. Halle 1758, p. 33)

träumte einmal, daß er von einigen Personen überfallen würde, welche ihn

der Länge nach auf den Rücken auf die Erde hinlegten und ihm zwischen

die große und die nächste Zehe einen Pfahl in die Erde schlugen. Indem

er sich dies im Traume vorstellte, erwachte er und fühlte, daß ihm ein

Strohhalm zwischen den Zehen stecke. Demselben soll nach _Hennings_

(1784, p. 258) ein anderes Mal, als er sein Hemd am Halse etwas fest

zusammengesteckt hatte, geträumt haben, daß er gehängt würde.

_Hoffbauer_ träumte in seiner Jugend, von einer hohen Mauer

hinabzufallen und bemerkte beim Erwachen, daß die Bettstelle

auseinandergegangen und daß er wirklich gefallen war . . . . . _Gregory_

berichtet, er habe einmal beim Zubettegehen eine Flasche mit heißem

Wasser an die Füße gelegt und darauf im Traum eine Reise auf die Spitze

des Ätna gemacht, wo er die Hitze des Erdbodens fast unerträglich

gefunden. Ein anderer träumte nach einem auf den Kopf gelegten

Blasenpflaster, daß er von einem Haufen von Indianern skalpiert werde;

ein dritter, der in einem feuchten Hemde schlief, glaubte durch einen

Strom gezogen zu werden. Ein im Schlafe eintretender Anfall von Podagra

ließ einen Kranken glauben, er sei in den Händen der Inquisition und

erdulde die Qualen der Folter (_Macnish_).«

Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt gegründete

Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei einem

Schlafenden durch planmäßige Anbringung von Sinnesreizen dem Reize

entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat nach _Macnish_

schon _Giron de Buzareingues_ angestellt. »Er ließ seine Knie unbedeckt

und träumte, daß er in der Nacht auf einem Postwagen reise. Er bemerkt

dabei, daß Reisende wohl wissen würden, wie in einer Kutsche die Knie

des Nachts kalt würden. Ein anderes Mal ließ er den Kopf hinten

unbedeckt und träumte, daß er einer religiösen Zeremonie in freier Luft

beiwohne. Es war nämlich in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den

Kopf stets bedeckt zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen wie

die eben genannte.«

Äußere Sinnesreize als Traumquellen. -- Experimentelle Träume.

_Maury_ teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten Träumen

mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.)

1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder gekitzelt. --

Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve wird ihm aufs

Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut mitgeht.

2. Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. -- Er hört Glocken läuten,

dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848 versetzt.

3. Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. -- Er ist in Kairo im Laden von

Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Abenteuer, die er nicht

reproduzieren kann.

4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. -- Er träumt, daß man ihm ein

Blasenpflaster auflegt und denkt an einen Arzt, der ihn als Kind

behandelt hat.

5. Man nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. -- Er träumt von den

»Chauffeurs«(8), die sich ins Haus eingeschlichen haben und die Bewohner

zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die Füße ins

Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von _Abrantés_ auf, deren

Sekretär er im Traume ist.

(8) »Chauffeurs« hießen Banden von Räubern in der Vendée, die sich

dieser Tortur bedienten.

8. Man gießt ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirn. -- Er ist in

Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein von _Orvieto_.

9. Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer Kerze auf

ihn fallen. -- Er träumt vom Wetter, von Hitze und befindet sich wieder

in einem Seesturm, den er einmal auf dem Kanal _La Manche_ mitgemacht.

Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren von

d'_Hervey_, _Weygandt_ u. a. her.

Von mehreren Seiten ist die »auffällige Fertigkeit des Traumes bemerkt

worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt in seine

Gebilde zu verweben, daß sie in diesen eine allmählich schon

vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden« (_Hildebrandt_). »In

jüngeren Jahren,« erzählt dieser Autor, »bediente ich mich zu Zeiten, um

regelmäßig in bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des bekannten, meist

an Uhrwerken angebrachten Weckers. Wohl zu hundert Malen ist mir's

begegnet, daß der Ton dieses Instrumentes in einen vermeintlich sehr

langen und zusammenhängenden Traum dergestalt hineinpaßte, als ob dieser

ganze Traum eben nur auf ihn angelegt sei und in ihm seine eigentliche

logisch unentbehrliche Pointe, sein natürlich gewiesenes Endziel fände.«

Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht zitieren.

_Volkelt_ (p. 68) erzählt: Einem Komponisten träumte einmal, er halte

Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen. Schon ist er

damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit der Frage: »Hast du

mich verstanden?« Dieser schreit wie ein Besessener: »_O ja!_«

Ungehalten hierüber verweist er ihm das Schreien. Doch schon schreit die

ganze Klasse: »_Orja!_« Hierauf: »_Eurjo!_« Und endlich: »_Feuerjo!_«

Und nun erwacht er von wirklichem Feuerjogeschrei auf der Straße.

_Garnier_ (_Traité_ des facultés de l'âme, 1865) bei _Radestock_

berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine aus

einem Traume geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte und der ihn

den Übergang über den _Tagliamento_ und die Kanonade der Österreicher

wieder erleben ließ, bis er mit dem Ausruf aufschreckte: »Wir sind

unterminiert.«

Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den _Maury_ erlebt hat (p. 161).

Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine Mutter saß neben

ihm. Er träumte nun von der Schreckensherrschaft zur Zeit der

Revolution, machte greuliche Mordszenen mit und wurde dann endlich

selbst vor den Gerichtshof zitiert. Dort sah er _Robespierre_, _Marat_,

_Fouquier-Tinville_ und alle die traurigen Helden jener gräßlichen

Epoche, stand ihnen Rede, wurde nach allerlei Zwischenfällen, die sich

in seiner Erinnerung nicht fixierten, verurteilt und dann von einer

unübersehbaren Menge begleitet auf den Richtplatz geführt. Er steigt

aufs Schafott, der Scharfrichter bindet ihn aufs Brett; es kippt um; das

Messer der Guillotine fällt herab; er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpfe

getrennt wird, wacht in der entsetzlichsten Angst auf -- und findet, daß

der Bettaufsatz herabgefallen war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich

wie das Messer einer Guillotine, getroffen hatte.

An diesen Traum knüpft sich eine interessante von _Le Lorrain_ und

_Egger_ in der »Revue philosophique« eingeleitete Diskussion, ob und wie

es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitraum, der zwischen der

Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen verstreicht, eine

anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt zusammenzudrängen.

Träume auf den Weckreiz.

Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen während des

Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traumquellen

erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien einzig und

allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der sonst der

Traumliteratur fremd geblieben ist, wie die Träume zu stande kommen, so

wird er zweifellos mit der Berufung auf einen ihm bekannt gewordenen

Fall antworten, in dem ein Traum durch einen nach dem Erwachen erkannten

objektiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde. Die wissenschaftliche

Betrachtung kann dabei nicht halt machen; sie schöpft den Anlaß zu

weiteren Fragen aus der Beobachtung, daß der während des Schlafes auf

die Sinne einwirkende Reiz im Traume ja nicht in seiner wirklichen

Gestalt auftritt, sondern durch irgend eine andere Vorstellung vertreten

wird, die in irgend welcher Beziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber,

die den Traumreiz und den Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten

_Maurys_ »une affinité quelconque, mais qui n'est pas unique et

exclusive«. (p. 72.) Man höre z. B. drei der Weckerträume

_Hildebrandts_; man wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum

derselbe Reiz so verschiedene und warum er gerade diese Traumerfolge

hervorrief:

(p. 37.) »Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren und schlendre

durch die grünenden Felder weiter bis zu einem benachbarten Dorfe, dort

sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das Gesangbuch unter dem Arme,

zahlreich der Kirche zuwandern. Richtig! es ist ja Sonntag und der

Frühgottesdienst wird bald beginnen. Ich beschließe, an diesem

teilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas echauffiert bin, auf dem die

Kirche umgebenden Friedhofe mich abzukühlen. Während ich hier

verschiedene Grabschriften lese, höre ich den Glöckner den Turm

hinansteigen und sehe nun in der Höhe des letzteren die kleine

Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der Andacht geben wird. Noch eine

ganze Weile hängt sie bewegungslos da, dann fängt sie an zu schwingen --

und plötzlich ertönen ihre Schläge hell und durchdringend -- so hell und

durchdringend, daß sie meinem Schlafe ein Ende machen. Die Glockentöne

aber kommen von dem Wecker.«

»Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen sind hoch

mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an einer Schlittenfahrt

zugesagt, muß aber lange warten, bis die Meldung erfolgt, der Schlitten

stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vorbereitungen zum Einsteigen --

der Pelz wird angelegt, der Fußsack hervorgeholt -- und endlich sitze

ich auf meinem Platze. Aber noch verzögert sich die Abfahrt, bis die

Zügel den harrenden Rossen das fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese

an; die kräftig geschüttelten Schellen beginnen ihre wohlbekannte

Janitscharenmusik mit einer Mächtigkeit, die augenblicklich das

Spinngewebe des Traumes zerreißt. Wieder ist's nichts anderes als der

schrille Ton der Weckerglocke.«

»Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit einigen

Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum Speisezimmer

schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in Gefahr, das

Gleichgewicht zu verlieren. ›Nimm dich in acht,‹ warne ich, ›die ganze

Ladung wird zur Erde fallen.‹ Natürlich bleibt der obligate Widerspruch

nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt usw., währenddessen ich

noch immer mit Blicken der Besorgnis die Wandelnde begleite. Richtig, an

der Türschwelle erfolgt ein Straucheln -- das zerbrechliche Geschirr

fällt und rasselt und prasselt in hundert Scherben auf dem Fußboden

umher. Aber -- das endlos sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald

merke, kein eigentliches Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln; -- und

mit diesem Klingeln hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der

Wecker seine Schuldigkeit getan.«

Die Frage, warum die Seele im Traume die Natur des objektiven

Sinnesreizes verkenne, ist von _Strümpell_ -- und fast ebenso von

_Wundt_ -- dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen solche im Schlaf

angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusionsbildung befindet.

Ein Sinneseindruck wird von uns _erkannt_, _richtig gedeutet_, d. h.

unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die er nach allen

vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Eindruck stark, deutlich,

dauerhaft genug ist und wenn uns die für diese Überlegung erforderliche

Zeit zu Gebote steht. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, so verkennen

wir das Objekt, von dem der Eindruck herrührt; wir bilden auf Grund

desselben eine Illusion. »Wenn jemand auf freiem Felde spazieren geht

und einen entfernten Gegenstand undeutlich wahrnimmt, kann es kommen,

daß er denselben zuerst für ein Pferd hält.« Bei näherem Zusehen kann

die Deutung einer ruhenden Kuh sich aufdrängen und endlich kann sich die

Vorstellung mit Bestimmtheit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen

auflösen. Ähnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche die

Seele im Schlafe durch äußere Reize empfängt; sie bildet auf Grund

derselben Illusionen, indem durch den Eindruck eine größere oder

kleinere Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche

der Eindruck seinen psychischen Wert bekommt. Aus welchem der vielen in

Betracht kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen Bilder geweckt

werden und welche der möglichen Assoziationsbeziehungen dabei in Kraft

treten, dies bleibt auch nach _Strümpell_ unbestimmbar und gleichsam der

Willkür des Seelenlebens überlassen.

Illusionstheorie der objektiven Sinnesreize. -- Innere Sinnesreize.

Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, daß die

Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu verfolgen

ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der durch den

Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen Bedingungen

unterliegt. Oder wir können auf die Vermutung geraten, daß die im

Schlafe eingreifende objektive Sinnesreizung als Traumquelle nur eine

bescheidene Rolle spielt und daß andere Momente die Auswahl der

wachzurufenden Erinnerungsbilder determinieren. In der Tat, wenn man die

experimentell erzeugten Träume _Maurys_ prüft, die ich in dieser Absicht

so ausführlich mitgeteilt habe, so ist man versucht zu sagen, der

angestellte Versuch deckt eigentlich nur eines der Traumelemente nach

seiner Herkunft und der übrige Trauminhalt erscheint vielmehr zu

selbständig, zu sehr im einzelnen bestimmt, als daß er durch die eine

Anforderung, er müsse sich mit dem experimentell eingeführten Element

vertragen, aufgeklärt werden könnte. Ja man beginnt selbst an der

Illusionstheorie und an der Macht des objektiven Eindruckes, den Traum

zu gestalten, zu zweifeln, wenn man erfährt, daß dieser Eindruck

gelegentlich die allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume

erfährt. So erzählt z. B. M. _Simon_ einen Traum, in dem er riesenhafte

Personen bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper

hörte, das ihre aufeinanderschlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. Als

er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster

vorbeigaloppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehufe gerade

Vorstellungen wie aus dem Erinnerungskreis von _Gullivers_ Reisen,

Aufenthalt bei den Riesen von _Brobdingnag_, wachgerufen hat, sollte die

Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises nicht

außerdem durch andere Motive erleichtert gewesen sein?(9)

(9) Riesenhafte Personen im Traum lassen annehmen, daß es sich um

eine Szene aus der Kindheit des Träumers handelt.

ad 2. _Innere (subjektive) Sinneserregung_.

Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, daß die Rolle

objektiver Sinneserregungen während des Schlafes als Traumerreger

unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer Natur und Häufigkeit

nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle Traumbilder zu

erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach anderen, aber ihnen

analog wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich weiß nun nicht, wo zuerst

der Gedanke aufgetaucht ist, neben den äußeren Sinnesreizen die inneren

(subjektiven) Erregungen in den Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es

ist aber Tatsache, daß dies in allen neueren Darstellungen der

Traumätiologie mehr oder minder nachdrücklich geschieht. »Eine

wesentliche Rolle spielen ferner, wie ich glaube,« sagt _Wundt_

(p. 363), »bei den Traumillusionen jene subjektiven Gesichts- und

Gehörsempfindungen, die uns aus dem wachen Zustand als Lichtchaos des

dunklen Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen usw., bekannt

sind, unter ihnen namentlich die subjektiven Netzhauterregungen. So

erklärt sich die merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz

übereinstimmende Objekte in der Mehrzahl dem Auge vorzuzaubern. Zahllose

Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen wir

vor uns ausgebreitet. Hier hat der Lichtstaub des dunklen Gesichtsfeldes

phantastische Gestalt angenommen und die zahlreichen Lichtpunkte, aus

denen derselbe besteht, werden von dem Traume in ebenso vielen

Einzelbildern verkörpert, die wegen der Beweglichkeit des Lichtchaos als

bewegte Gegenstände angeschaut werden. -- Hierin wurzelt wohl auch die

große Neigung des Traumes zu den mannigfachsten Tiergestalten, deren

Formenreichtum sich der besonderen Form der subjektiven Lichtbilder

leicht anschmiegt.«

Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traumbilder

offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom äußeren

Zufalle abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung zu Gebote, so

oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den objektiven

Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer Rolle als

Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment bei den letzteren

ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. Den Haupterweis für

die traumerregende Macht subjektiver Sinneserregungen erbringen die

sogenannten hypnagogischen Halluzinationen, die von _Joh. Müller_ als

»phantastische Gesichtserscheinungen« beschrieben worden sind. Es sind

dies oft sehr lebhafte, wechselvolle Bilder, die sich in der Periode des

Einschlafens bei vielen Menschen ganz regelmäßig einzustellen pflegen

und auch nach dem Öffnen der Augen eine Weile bestehen bleiben können.

_Maury_, der ihnen im hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine

eingehende Würdigung zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre

Identität mit den Traumbildern (wie übrigens schon _Joh. Müller_)

behauptet. Für ihre Entstehung, sagt _Maury_, ist eine gewisse seelische

Passivität, ein Nachlaß der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich

(p. 59 u. f.). Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde in solche

Lethargie verfalle, um bei sonstiger Disposition eine hypnagogische

Halluzination zu sehen, nach der man vielleicht wieder aufwacht, bis daß

sich das mehrmals wiederholende Spiel mit dem Einschlafen endigt.

Erwacht man dann nach nicht zu langer Zeit, so gelingt es nach _Maury_

häufig, im Traume dieselben Bilder nachzuweisen, die einem als

hypnagogische Halluzinationen vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben

(p. 134). So erging es _Maury_ einmal mit einer Reihe von grotesken

Gestalten mit verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn mit

unglaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Einschlafens

belästigten und von denen er nach dem Erwachen sich erinnerte, geträumt

zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl litt, weil er sich

schmale Diät auferlegt hatte, sah er hypnagogisch eine Schüssel und eine

mit einer Gabel bewaffnete Hand, die sich etwas von der Speise in der

Schüssel holte. Im Traume befand er sich an einer reichgedeckten Tafel

und hörte das Geräusch, das die Speisenden mit ihren Gabeln machten. Ein

andermal, als er mit gereizten und schmerzenden Augen einschlief, hatte

er die hypnagogische Halluzination von mikroskopisch kleinen Zeichen,

die er mit großer Anstrengung einzeln entziffern mußte; nach einer

Stunde aus dem Schlafe geweckt, erinnerte er sich an einen Traum, in dem

ein aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt, vorkam,

welches er mühselig hatte durchlesen müssen.

Hypnagogische Halluzinationen. -- Innerer, organischer Leibreiz.

Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzinationen von

Worten, Namen usw. hypnagogisch auftreten und dann im Traum sich

wiederholen, als Ouverture gleichsam, welche die Leitmotive der mit ihr

beginnenden Oper ankündigt.

Auf den nämlichen Wegen wie _Joh. Müller_ und _Maury_ wandelt ein

neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen, G. _Trumbull

Ladd_. Er brachte es durch Übung dahin, daß er sich 2 bis 5 Minuten nach

dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem Schlafe reißen konnte, ohne die

Augen zu öffnen, und hatte dann die Gelegenheit, die eben

entschwindenden Netzhautempfindungen mit den in der Erinnerung

überlebenden Traumbildern zu vergleichen. Er versichert, daß sich

jedesmal eine innige Beziehung zwischen beiden erkennen ließ in der

Weise, daß die leuchtenden Punkte und Linien des Eigenlichtes der

Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung, das Schema für die psychisch

wahrgenommenen Traumgestalten brachten. Einem Traume z. B., in welchem

er deutlich gedruckte Zeilen vor sich sah, die er las und studierte,

entsprach eine Anordnung der leuchtenden Punkte in der Netzhaut in

parallelen Linien. Um es mit seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte

Seite, die er im Traume gelesen, löste sich in ein Objekt auf, das

seiner wachen Wahrnehmung erschien wie ein Stück eines reellen

bedruckten Blattes, das man aus allzu großer Entfernung, um etwas

deutlich auszunehmen, durch ein Löchelchen in einem Stücke Papier

ansieht. _Ladd_ meint, ohne übrigens den zentralen Anteil des Phänomens

zu unterschätzen, daß kaum ein visueller Traum in uns abläuft, der sich

nicht an das Material der inneren Erregungszustände der Netzhaut

anlehnte. Besonders gilt dies für die Träume kurz nach dem Einschlafen

im dunklen Zimmer, während für die Träume am Morgen nahe dem Erwachen

das objektive, im erhellten Zimmer ins Auge dringende Licht die

Reizquelle abgebe. Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige

Charakter der Eigenlichterregung entspricht genau der unruhigen

Bilderflucht, die unsere Träume uns vorführen. Wenn man den

Beobachtungen von _Ladd_ Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebigkeit

dieser subjektiven Reizquelle für den Traum nicht gering anschlagen

können, denn Gesichtsbilder machen bekanntlich den Hauptbestandteil

unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen Sinnesgebieten bis auf den

des Gehörs ist geringfügiger und inkonstant.

ad 3. _Innerer, organischer Leibreiz_. Wenn wir auf dem Wege sind, die

Traumquellen nicht außerhalb, sondern innerhalb des Organismus zu

suchen, so müssen wir uns daran erinnern, daß fast alle unsere inneren

Organe, die im Zustand der Gesundheit uns kaum Kunde von ihrem Bestand

geben, in Zuständen von Reizung -- die wir so heißen -- oder in

Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen Empfindungen für uns

werden, welche den Erregern der von außen anlangenden Schmerz- und

Empfindungsreize gleichgestellt werden muß. Es sind sehr alte

Erfahrungen, welche z. B. _Strümpell_ zu der Aussage veranlassen

(p. 107): »Die Seele gelangt im Schlafe zu einem viel tieferen und

breiteren Empfindungsbewußtsein von ihrer Leiblichkeit als im Wachen und

ist genötigt, gewisse Reizeindrücke zu empfangen und auf sich wirken zu

lassen, die aus Teilen und Veränderungen ihres Körpers herstammen, von

denen sie im Wachen nichts wußte.« Schon _Aristoteles_ erklärt es für

sehr wohl möglich, daß man im Traume auf beginnende Krankheitszustände

aufmerksam gemacht würde, von denen man im Wachen noch nichts merkt

(kraft der Vergrößerung, die der Traum den Eindrücken angedeihen läßt,

siehe p. 2) und ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich fern

lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben wenigstens

für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Traumes gelten lassen.

(Vgl. M. _Simon_, p. 31, und viele ältere Autoren)(10).

(10) Außer dieser diagnostischen Verwertung der Träume (z. B. bei

_Hippokrates_) muß man ihrer therapeutischen Bedeutung im Altertum

gedenken.

Bei den Griechen gab es Traumorakel, welche gewöhnlich Genesung

suchende Kranke aufzusuchen pflegten. Der Kranke ging in den Tempel

des Apollo oder des Äskulap, dort wurde er verschiedenen Zeremonien

unterworfen, gebadet, gerieben, geräuchert, und so in Exaltation

versetzt, legte man ihn im Tempel auf das Fell eines geopferten

Widders. Er schlief ein und träumte von Heilmitteln, die ihm in

natürlicher Gestalt oder in Symbolen und Bildern gezeigt wurden,

welche dann die Priester deuteten.

Weiteres über die Heilträume der Griechen bei _Lehmann_ I, 74,

_Bouché-Leclercq_, _Hermann_, Gottesd. Altert. d. Gr. § 41,

Privataltert., § 38, 16, _Böttiger_ in Sprengels Beitr. z. Gesch. d.

Med. II, p. 163 ff., W. _Lloyd_, Magnetism and Mesmerism in antiquity,

London, 1877, _Döllinger_, Heidentum und Judentum, p. 139.

Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische

Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So z. B.

berichtet _Tissié_ nach _Artigues_ (Essai sur la valeur séméiologique

des rêves) die Geschichte einer 43 jährigen Frau, die durch einige Jahre

in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heimgesucht wurde und

bei der die ärztliche Untersuchung dann eine beginnende Herzaffektion

aufwies, welcher sie alsbald erlag.

Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei einer

ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird auf die

Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken hingewiesen, ja

diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen Autoren so sehr in den

Vordergrund gedrängt, daß ich mich hier mit der bloßen Verweisung auf

die Literatur (_Radestock_, _Spitta_, _Maury_, M. _Simon_, _Tissié_)

begnügen kann. _Tissié_ meint sogar, daß die erkrankten Organe dem

Trauminhalt das charakteristische Gepräge aufdrücken. Die Träume der

Herzkranken sind gewöhnlich sehr kurz und enden mit schreckhaftem

Erwachen; fast immer spielt im Inhalt derselben die Situation des Todes

unter gräßlichen Umständen eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von

Ersticken, Gedränge, Flucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten

Alptraume unterworfen, den übrigens _Börner_ durch Lagerung aufs

Gesicht, durch Verdeckung der Respirationsöffnungen experimentell hat

hervorrufen können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum

Vorstellungen aus dem Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß

sexueller Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die

Erfahrung eines jeden einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen

Lehre von der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze.

Die Theorie der Organreize und Organempfindungen.

Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durcharbeitet, ganz

unverkennbar, daß einzelne der Autoren (_Maury_, _Weygandt_) durch den

Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände auf den Inhalt ihrer Träume zur

Beschäftigung mit den Traumproblemen geführt worden sind.

Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft festgestellten

Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen möchte. Der

Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden -- vielleicht bei

allen, vielleicht allnächtlich -- einstellt, und das Organerkrankung

offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen zählt. Es handelt

sich für uns aber nicht darum, woher besondere Träume rühren, sondern

was für die gewöhnlichen Träume normaler Menschen die Reizquelle sein

mag.

Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine

Traumquelle zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere und

eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es

sichergestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustand zur Quelle

der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele im

Schlafzustand, von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern des Leibes

größere Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe, anzunehmen, daß

die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen, die

irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele gelangen zu

lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefühl nur seiner Qualität

nach wahrnehmen und wozu nach der Meinung der Ärzte alle Organsysteme

ihre Beiträge leisten, das würde nachts, zur kräftigen Einwirkung

gelangt und mit seinen einzelnen Komponenten tätig, die mächtigste und

gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle für die Erweckung der

Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann noch die Untersuchung,

nach welchen Regeln sich die Organreize in Traumvorstellungen umsetzen.

Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt, welche die

bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. Das Dunkel, in

welches der Kern unseres Wesens, das »moi splanchnique«, wie _Tissié_ es

nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist und das Dunkel der

Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in Beziehung

zueinander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher die vegetative

Organempfindung zum Traumbildner macht, hat überdies für den Arzt den

anderen Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung, die soviel

Übereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch ätiologisch

vereinigen läßt, denn Alterationen des Gemeingefühles und Reize, die von

den inneren Organen ausgehen, werden auch einer weitreichenden Bedeutung

für die Entstehung der Psychosen bezichtigt. Es ist darum nicht zu

verwundern, wenn die Leibreiztheorie sich auf mehr als einen Urheber,

der sie selbständig angegeben, zurückführen läßt.

Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maßgebend, den der

Philosoph _Schopenhauer_ im Jahre 1851 entwickelt hat. Das Weltbild

entsteht in uns dadurch, daß unser Intellekt die ihn von außen

treffenden Eindrücke in die Formen der Zeit, des Raumes und der

Kausalität umgießt. Die Reize aus dem Innern des Organismus, vom

sympathischen Nervensystem her, äußern bei Tag höchstens einen

unbewußten Einfluß auf unsere Stimmung. Bei Nacht aber, wenn die

übertäubende Wirkung der Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene aus

dem Innern heraufdringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen

-- ähnlich wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des

Tages unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der Intellekt auf diese

Reize reagieren, als indem er seine ihm eigentümliche Funktion

vollzieht? Er wird also die Reize zu raum- und zeiterfüllenden

Gestalten, die sich am Leitfaden der Kausalität bewegen, umformen und so

entsteht der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen und

Traumbildern versuchten dann _Scherner_ und nach ihm _Volkelt_

einzudringen, deren Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die

Traumtheorien aufsparen.

In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung hat der

Psychiater _Krauss_ die Entstehung des Traumes wie der Delirien und

Wahnideen von dem nämlichen Element, der _organisch bedingten

Empfindung_, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle des Organismus

denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines Traumes oder Wahnbildes

werden könne. Die organisch bedingte Empfindung »läßt sich aber in zwei

Reihen trennen: 1. in die der Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2. in die

spezifischen, den Hauptsystemen des vegetativen Organismus immanenten

Sensationen, wovon wir fünf Gruppen unterschieden haben, a) die

Muskelempfindungen, b) die pneumatischen, c) die gastrischen, d) die

sexuellen und e) die peripherischen« (p. 33 des zweiten Artikels).

Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leibreize nimmt

_Krauss_ folgendermaßen an: Die geweckte Empfindung ruft nach irgend

einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte Vorstellung wach und

verbindet sich mit ihr zu einem organischen Gebilde, gegen welches sich

aber das Bewußtsein anders verhält als normal. Denn dies schenkt der

Empfindung selbst keine Aufmerksamkeit, sondern wendet sie ganz den

begleitenden Vorstellungen zu, was zugleich der Grund ist, warum dieser

Sachverhalt solange verkannt werden konnte (p. 11 u. f.). _Krauss_

findet für den Vorgang auch den besonderen Ausdruck der

_Transsubstantiation_ der Empfindungen in Traumbilder (p. 24).

Organischer Leibreiz und typische Träume.

Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung wird heute

nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem Gesetze der Beziehung

zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals mit dunklen Auskünften,

beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem Boden der Leibreiztheorie die

besondere Aufgabe der Traumdeutung, den Inhalt eines Traumes auf die ihn

verursachenden organischen Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die

von _Scherner_ aufgefundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor

der mißlichen Tatsache, daß die organische Reizquelle sich eben durch

nichts anderes als durch den Inhalt des Traumes verrät.

Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschiedener

Traumformen gestaltet, die man als »typische« bezeichnet hat, weil sie

bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wiederkehren. Es sind

dies die bekannten Träume vom Herabfallen von einer Höhe, vom

Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, daß man nackt oder

schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll einfach von der im Schlafe

gemachten Wahrnehmung herrühren, daß man die Bettdecke abgeworfen hat

und nun entblößt daliegt. Der Traum vom Zahnausfallen wird auf

»Zahnreiz« zurückgeführt, womit aber nicht ein krankhafter

Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht. Der Traum zu fliegen

ist nach _Strümpell_, der hierin _Scherner_ folgt, das von der Seele

gebrauchte adäquate Bild, womit sie das von den auf- und

niedersteigenden Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn

gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax schon bis zur Bewußtlosigkeit

herabgesunken ist. Durch den letzteren Umstand wird die an die

Vorstellungsform des Schwebens gebundene Empfindung vermittelt. Das

Herabfallen aus der Höhe soll darin seinen Anlaß haben, daß bei

eingetretener Bewußtlosigkeit des Hautdruckgefühles entweder ein Arm vom

Körper herabsinkt oder ein eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird,

wodurch das Gefühl des Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum

Bewußtwerden aber als Traum vom Niederfallen sich psychisch verkörpert

(_Strümpell_, p. 118). Die Schwäche dieser plausibeln Erklärungsversuche

liegt offenbar darin, daß sie ohne weiteren Anhalt die oder jene Gruppe

von Organempfindungen aus der seelischen Wahrnehmung verschwinden oder

sich ihr aufdrängen lassen, bis die für die Erklärung günstige

Konstellation hergestellt ist. Ich werde übrigens später Gelegenheit

haben, auf die typischen Träume und ihre Entstehung zurückzukommen.

M. _Simon_ hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von ähnlichen

Träumen einige Regeln für den Einfluß der Organreize auf die Bestimmung

ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34): Wenn im Schlafe irgend

ein Organapparat, der normaler Weise am Ausdruck eines Affektes

beteiligt ist, durch irgend einen anderen Anlaß sich in dem

Erregungszustand befindet, in den er sonst bei jenem Affekt versetzt

wird, so wird der dabei entstehende Traum Vorstellungen enthalten, die

dem Affekt angepaßt sind.

Eine andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Organapparat sich im Schlafe

in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird der Traum

Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung der organischen

Funktion beziehen, die jener Apparat versieht.

_Mourly Vold_ (1896) hat es unternommen, den von der Leibreiztheorie

supponierten Einfluß auf die Traumerzeugung für ein einzelnes Gebiet

experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht, die Stellungen der

Glieder des Schlafenden zu verändern und die Traumerfolge mit seinen

Abänderungen verglichen. Er teilt folgende Sätze als Ergebnis mit:

1. Die Stellung eines Gliedes im Traume entspricht ungefähr der in der

Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zustand des Gliedes,

welcher dem realen entspricht.

2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist diese immer

so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden Stellungen der

wirklichen entspricht.

3. Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch einer

fremden Person zuschieben.

Die Traumdeutung · 第 21 / 57 题