Die kleine Schrift von _Hildebrandt_, der ich bereits so zahlreiche

Zitate entnommen habe, der formvollendetste und gedankenreichste Beitrag

zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der Literatur gefunden,

rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im Traume in den Mittelpunkt

ihres Interesses. Auch für _Hildebrandt_ steht es als Regel fest: Je

reiner das Leben, desto reiner der Traum; je unreiner jenes, desto

unreiner dieser.

Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume bestehen: »Aber

während kein noch so handgreiflicher Rechnungsfehler, keine noch so

romantische Umkehr der Wissenschaft, kein noch so scherzhafter

Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur verdächtig wird, so geht

uns doch der Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und

Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie verloren. Wie vieles auch von

dem, was am Tage mit uns geht, in den Schlummerstunden weichen mag, --

_Kants_ kategorischer Imperativ hat sich als untrennbarer Begleiter so

an unsere Fersen geheftet, daß wir ihn auch schlafend nicht los werden

. . . . . Erklären aber läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß

das Fundamentale der Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt

ist, um an der Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung

teilzunehmen, welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige

Fakultäten gleichen Ranges im Traume unterliegen« (p. 45 u. ff.).

In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merkwürdige

Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen von Autoren

hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle diejenigen, welche meinen,

im Traume zerfalle die sittliche Persönlichkeit des Menschen, das

Interesse an den unmoralischen Träumen mit dieser Erklärung zu Ende. Sie

könnten den Versuch, den Träumer für seine Träume verantwortlich zu

machen, aus der Schlechtigkeit seiner Träume auf eine böse Regung in

seiner Natur zu schließen, mit derselben Ruhe ablehnen wie den

anscheinend gleichwertigen Versuch, aus der Absurdität seiner Träume die

Wertlosigkeit seiner intellektuellen Leistungen im Wachen zu erweisen.

Die anderen, für die sich »der kategorische Imperativ« auch in den Traum

erstreckt, hätten die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne

Einschränkung anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene

Träume von solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen

Wertschätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müßten.

Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht sicher weiß,

inwieweit er gut oder böse ist und daß niemand die Erinnerung an eigene

unmoralische Träume verleugnen kann. Denn über jenen Gegensatz in der

Beurteilung der Traummoralität hinweg zeigen sich bei den Autoren beider

Gruppen Bemühungen, die Herkunft der unsittlichen Träume aufzuklären,

und es entwickelt sich ein neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in

den Funktionen des psychischen Lebens oder in somatisch bedingten

Beeinträchtigungen desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der

Tatsächlichkeit läßt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der

Unverantwortlichkeit des Traumlebens in der Anerkennung einer besonderen

psychischen Quelle für die Unmoralität der Träume zusammentreffen.

Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, hüten

sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume zu

übernehmen. _Haffner_ sagt (p. 24): »Wir sind für Träume nicht

verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt ist,

auf welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat . . . Es

kann eben darum kein Traumwollen und Traumhandeln Tugend oder Sünde

sein.« Doch ist der Mensch für den sündhaften Traum verantwortlich,

sofern er ihn indirekt verursacht. Es erwächst für ihn die Pflicht, wie

im Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafengehen seine Seele sittlich

zu reinigen.

Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung und von

Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen Inhalt der Träume

bei _Hildebrandt_. Nachdem er ausgeführt, daß die dramatische

Darstellungsweise des Traumes, die Zusammendrängung der kompliziertesten

Überlegungsvorgänge in das kleinste Zeiträumchen und die auch von ihm

zugestandene Entwertung und Vermengung der Vorstellungselemente im

Traume gegen den unsittlichen Anschein der Träume in Abzug gebracht

werden muß, gesteht er, daß es doch den ernstesten Bedenken unterliege,

alle Verantwortung für Traumsünden und -schulden schlechthin zu leugnen.

(p. 49): »Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich eine

solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht, recht

entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die Redensart:

Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen wir allerdings

einerseits aus, daß wir das Traumgebiet für das fernste und letzte

halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzustehen hätten, weil

dort diese Gedanken mit unserem wirklichen Wesen nur so lose und locker

zusammenhängen, daß sie kaum noch als die unsrigen betrachtet werden

dürfen; aber indem wir eben auch auf diesem Gebiete das Vorhandensein

solcher Gedanken ausdrücklich zu leugnen uns veranlaßt fühlen, so geben

wir doch indirekt damit zugleich zu, daß unsere Rechtfertigung nicht

vollkommen sein würde, wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich

glaube, wir reden hier, wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit.«

(p. 52): »Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren erstes Motiv

nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher durch die Seele des

Wachenden gezogen wäre.« Von dieser ersten Regung müsse man sagen: Der

Traum erfand es nicht, -- er bildete es nur nach und spann's nur aus, er

bearbeitete nur ein Quentlein historischen Stoffes, das er bei uns

vorgefunden hatte, in dramatischer Form; er setzte das Wort des Apostels

in Szene: Wer seinen Bruder haßt, der ist ein Totschläger. Und während

man das ganze breit ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach

dem Erwachen, seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln kann, so will

jener ursprüngliche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite

abgewinnen lassen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden

verantwortlich, nicht für die ganze Summe, aber doch für einen gewissen

Prozentsatz. »Kurz verstehen wir in diesem schwer anzufechtenden Sinne

das Wort Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, -- dann können

wir auch kaum der Überzeugung uns erwehren, daß jede im Traume begangene

Sünde ein dunkles Minimum wenigstens von Schuld mit sich führe.«

Kontrastierende Vorstellungen.

In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Versuchungsgedanken

tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also _Hildebrandt_

die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er steht

nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Wertschätzung

der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Gedanken und die

nämliche Schätzung derselben, welche, wie wir wissen, die Frommen und

Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge Sünder(22).

(22) Es ist nicht ohne Interesse zu erfahren, wie sich die heilige

Inquisition zu unserem Problem gestellt. Im Tractatus de Officio

sanctissimae Inquisitionis des _Thomas Careña_, Lyoner Ausgabe, 1659,

ist folgende Stelle: »Spricht jemand im Traum Ketzereien aus, so

sollen die Inquisitoren daraus Anlaß nehmen, seine Lebensführung zu

untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wiederzukommen, was unter Tags

jemand beschäftigt hat.« (Dr. _Ehniger_, S. Urban, Schweiz.)

An dem allgemeinen Vorkommen dieser _kontrastierenden_ Vorstellungen --

bei den meisten Menschen und auch auf anderem als ethischem Gebiete --

besteht wohl kein Zweifel. Die Beurteilung derselben ist gelegentlich

eine minder ernsthafte gewesen. Bei _Spitta_ findet sich folgende hieher

gehörige Äußerung von A. _Zeller_ (Artikel »Irre« in der allgemeinen

Enzyklopädie der Wissenschaften von _Ersch_ und _Gruber_) zitiert

(p. 144): »So glücklich ist selten ein Geist organisiert, daß er zu

allen Zeiten volle Macht besäße und nicht immer wieder nicht allein

unwesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte und widersinnige

Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Gedanken unterbrächen, ja

die größten Denker haben sich über dieses traumartige, neckende und

peinliche Gesindel von Vorstellungen zu beklagen gehabt, da es ihre

tiefsten Betrachtungen und ihre heiligste und ernsthafteste

Gedankenarbeit stört.«

Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser

Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von _Hildebrandt_, daß der

Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres Wesens blicken

lasse, die uns im Zustand des Wachens meist verschlossen bleiben

(p. 55). Dieselbe Erkenntnis verrät _Kant_ an einer Stelle der

Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei wohl dazu da, um uns die

verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offenbaren, nicht was wir

sind, sondern was wir hätten werden können, wenn wir eine andere

Erziehung gehabt hätten; _Radestock_ (p. 84) mit den Worten, daß der

Traum uns oft nur offenbart, was wir uns nicht gestehen wollen, und daß

wir ihn darum mit Unrecht einen Lügner und Betrüger schelten. J. E.

_Erdmann_ äußert: »Mir hat nie ein Traum offenbart, was von einem

Menschen zu halten sei, allein was ich von ihm halte und wie ich

hinsichtlich seiner gesinnt bin, das habe ich bereits einige Male aus

einem Traume gelernt zu meiner eigenen großen Überraschung.« Und ähnlich

meint J. H. _Fichte_: »Der Charakter unserer Träume bleibt ein weit

treuerer Spiegel unserer Gesamtstimmung, als was wir davon durch die

Selbstbeobachtung des Wachens erfahren.« Wir werden aufmerksam gemacht,

daß das Auftauchen dieser unserem sittlichen Bewußtsein fremden Antriebe

nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des Traumes über

anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen fehlt oder darin eine

geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen wie die von _Benini_:

»Certe nostre inclinazioni che si credevano soffocate e spente da un

pezzo, si ridestano; passioni vecchie e sepolte rivivono; cose e persone

a cui non pensiamo mai, ci vengono dinanzi« (p. 149) und von _Volkelt_:

»Auch Vorstellungen, die in das wache Bewußtsein fast unbeachtet

eingegangen sind und von ihm vielleicht nie wieder der Vergessenheit

entzogen würden, pflegen sehr häufig dem Traum ihre Anwesenheit in der

Seele kundzutun« (p. 105). Endlich ist es hier am Platze uns zu

erinnern, daß nach _Schleiermacher_ schon das Einschlafen vom

Hervortreten _ungewollter_ Vorstellungen (Bilder) begleitet war.

Als »_ungewollte Vorstellungen_« dürfen wir nun dies ganze

Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den

unmoralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt. Ein

wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vorstellungen

auf sittlichem Gebiete den Gegensatz zu unserem sonstigen Empfinden

erkennen lassen, während die anderen uns bloß fremdartig erscheinen. Es

ist bisher kein Schritt geschehen, der uns ermöglichte, diese

Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis aufzuheben.

Das Unterdrückte.

Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vorstellungen im

Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der wachenden und der

träumenden Seele lassen sich aus diesem nächtlichen Auftauchen

kontrastierender ethischer Regungen ableiten? Hier ist eine neue

Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene Gruppierung der

Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von _Hildebrandt_ und anderen

Vertretern seiner Grundansicht kann man wohl nicht anderswohin

fortsetzen, als daß den unmoralischen Regungen auch im Wachen eine

gewisse Macht innewohne, die zwar gehemmt ist, bis zur Tat vorzudringen,

und daß im Schlafe etwas wegfalle, was, gleichfalls wie eine Hemmung

wirksam, uns gehindert habe, die Existenz dieser Regung zu bemerken. Der

Traum zeigte so das wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des

Menschen, und gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für

unsere Kenntnis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen

her kann _Hildebrandt_ dem Traume die Rolle eines _Warners_ zuweisen,

der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerksam macht,

wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher unbemerkte

körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. Und auch _Spitta_ kann

von keiner anderen Auffassung geleitet sein, wenn er auf die

Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit der Pubertät z. B. der Psyche

zufließen, und den Träumer tröstet, er habe alles getan, was in seinen

Kräften steht, wenn er im Wachen einen streng tugendhaften Lebenswandel

geführt und sich bemüht hat, die sündigen Gedanken, so oft sie kommen,

zu unterdrücken, sie nicht reifen und zur Tat werden zu lassen. Nach

dieser Auffassung könnten wir die »_ungewollten_« Vorstellungen als die

während des Tages »_unterdrückten_« bezeichnen und müßten in ihrem

Auftauchen ein echtes psychisches Phänomen erblicken.

Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer Folgerung. Für

_Jessen_ stellen die ungewollten Vorstellungen im Traume wie im Wachen

und in Fieber- und anderen Delirien »den Charakter einer zur Ruhe

gelegten Willenstätigkeit und eines _gewissermaßen mechanischen_

Prozesses von Bildern und Vorstellungen durch innere Bewegungen dar«

(p. 360). Ein unmoralischer Traum beweise weiter nichts für das

Seelenleben des Träumers, als daß dieser von dem betreffenden

Vorstellungsinhalt irgendwie einmal Kenntnis gewonnen habe, gewiß nicht

eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem anderen Autor, _Maury_, könnte

man in Zweifel geraten, ob nicht auch er dem Traumzustand die Fähigkeit

zuschreibt, die seelische Tätigkeit nach ihren Komponenten zu zerlegen,

anstatt sie planlos zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen man

sich über die Schranken der Moralität hinaussetzt: »Ce sont nos

penchants qui parlent et qui nous font agir, sans que la conscience nous

retienne, bien que parfois elle nous avertisse. J'ai mes défauts et mes

penchants vicieux; à l'état de veille, je tâche de lutter contre eux, et

il m'arrive assez souvent de n'y pas succomber. Mais dans mes songes j'y

succombe toujours ou pour mieux dire j'agis par leur impulsion, sans

crainte et sans remords . . . . Évidemment les visions qui se déroulent

devant ma pensée et qui constituent le rêve, me sont suggérées par les

incitations que je ressens et que ma volonté absente ne cherche pas à

refouler« (p. 113).

Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich vorhandene,

aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Disposition des Träumers

zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung schärferen Ausdruck nicht

geben als mit den Worten _Maurys_ (p. 115): »En rêve l'homme se révèle

donc tout entier à soi-même dans sa nudité et sa misère natives. Dès

qu'il suspend l'exercice de sa volonté, il devient le jouet de toutes

les passions contre lesquelles, à l'état de veille la conscience, le

sentiment d'honneur, la crainte nous défendent.« An anderer Stelle

findet er das treffende Wort (p. 462): »Dans le rêve, c'est surtout

l'homme instinctif que se révèle . . . . L'homme revient pour ainsi dire

à l'état de nature quand il rêve; mais moins les idées acquises ont

pénétré dans son esprit, plus _les penchants en désaccord_ avec elles

conservent encore sur lui d'influence dans le rêve.« Er führt dann als

Beispiel an, daß seine Träume ihn nicht selten als Opfer gerade jenes

Aberglaubens zeigen, den er in seinen Schriften am heftigsten bekämpft

hat.

Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psychologische

Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei _Maury_ dadurch beeinträchtigt,

daß er in den von ihm so richtig beobachteten Phänomenen nichts als

Beweise für den »Automatisme psychologique« sehen will, der nach ihm das

Traumleben beherrscht. Diesen Automatismus faßt er als vollen Gegensatz

zur psychischen Tätigkeit.

Eine Stelle in den Studien über das Bewußtsein von _Stricker_ lautet:

»Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen; wenn man

sich im Traume z. B. vor Räubern fürchtet, so sind die Räuber zwar

imaginär, die Furcht aber ist real. So wird man aufmerksam darauf

gemacht, daß die Affektentwicklung im Traume die Beurteilung nicht

zuläßt, welche man dem übrigen Trauminhalt schenkt und das Problem wird

vor uns aufgerollt, was an den psychischen Vorgängen im Traume real sein

mag, das heißt einen Anspruch auf Einreihung unter die psychischen

Vorgänge des Wachens beanspruchen darf?«

g) _Traumtheorien und Funktion des Traumes_.

Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der beobachteten

Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu erklären versucht

und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem umfassenderen

Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traumtheorie heißen dürfen.

Die einzelnen Traumtheorien werden sich darin unterscheiden, daß sie den

oder jenen Charakter des Traumes zum wesentlichen erheben, Erklärungen

und Beziehungen an ihn anknüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein Nutzen

oder eine sonstige Leistung des Traumes, wird nicht notwendig aus der

Theorie ableitbar sein müssen, aber unsere auf die Teleologie

gewohnheitsgemäß gerichtete Erwartung wird doch jenen Theorien

entgegenkommen, die mit der Einsicht in eine Funktion des Traumes

verbunden sind.

Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen gelernt, die

den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr oder weniger

verdienten. Der Glaube der Alten, daß der Traum eine Sendung der Götter

sei, um die Handlungen der Menschen zu lenken, war eine vollständige

Theorie des Traumes, die über alles am Traum Wissenswerte Auskunft

erteilte. Seitdem der Traum ein Gegenstand der biologischen Forschung

geworden ist, kennen wir eine größere Anzahl von Traumtheorien, aber

darunter auch manche recht unvollständige.

Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa folgende lockere

Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach der zu grunde gelegten

Annahme über Maß und Art der psychischen Tätigkeit im Traume:

1. Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des Wachens

sich in dem Traume fortsetzen lassen, wie die von _Delboeuf_. Hier

schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt, aber unter die vom

Wachen abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes gebracht, muß sie

bei normalem Funktionieren andere Ergebnisse liefern als im Wachen. Bei

diesen Theorien fragt es sich, ob sie im stande sind, die Unterschiede

des Traumes von dem Nachdenken sämtlich aus den Bedingungen des

Schlafzustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen ein möglicher Zugang zu

einer Funktion des Traumes; man sieht nicht ein, wozu man träumt, warum

der komplizierte Mechanismus des seelischen Apparates weiter spielt,

auch wenn er in Verhältnisse versetzt wird, für die er nicht berechnet

scheint. Traumlos schlafen, oder wenn störende Reize kommen, aufwachen,

bleiben die einzig zweckmäßigen Reaktionen anstatt der dritten, der des

Träumens.

2. Solche Theorien, welche im Gegenteil für den Traum eine Herabsetzung

der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der Zusammenhänge, eine

Verarmung an anspruchsfähigem Material annehmen. Diesen Theorien zufolge

müßte eine ganz andere psychologische Charakteristik des Schlafes

gegeben werden als etwa nach _Delboeuf_. Der Schlaf erstreckt sich weit

über die Seele, er besteht nicht bloß in einer Absperrung der Seele von

der Außenwelt, er dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn

zeitweilig unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem

Material heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien

konstruieren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen ihn

zum Vorbilde des Schwachsinnes oder einer Amentia.

Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch den Schlaf

lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme, ist die bei ärztlichen

Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt überhaupt weit

bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für Traumerklärung

vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die _herrschende_ Theorie des

Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben, mit welcher Leichtigkeit

gerade diese Theorie die ärgste Klippe jeder Traumerklärung, nämlich das

Scheitern an einem der durch den Traum verkörperten Gegensätze,

vermeidet. Da ihr der Traum das Ergebnis eines partiellen Wachens ist

(»ein allmähliches, partielles und zugleich sehr anomalisches Wachen«

sagt _Herbarts_ Psychologie über den Traum), so kann sie durch eine

Reihe von Zuständen von immer weitergehender Erweckung bis zur vollen

Wachheit die ganze Reihe von der Minderleistung des Traumes, die sich

durch Absurdität verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung

decken.

Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich geworden ist oder

wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie des Traumes in der

Schilderung von _Binz_ ausgedrückt finden (p. 43):

»Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen Morgenstunden

nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer werden die in dem

Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungsstoffe und immer mehr von ihnen wird

zerlegt oder von dem rastlos treibenden Blutstrom fortgespült. Da und

dort leuchten schon einzelne Zellenhaufen wach geworden hervor, während

ringsumher noch alles in Erstarrung ruht. Es tritt nun die _isolierte

Arbeit der Einzelgruppen_ vor unser umnebeltes Bewußtsein und zu ihr

fehlt die Kontrolle anderer, der Assoziation vorstehender Gehirnteile.

Darum fügen die geschaffenen Bilder, welche meist den materiellen

Eindrücken naheliegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und

regellos aneinander. Immer größer wird die Zahl der freiwerdenden

Gehirnzellen, immer geringer die Unvernunft des Traumes.«

Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen,

partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflusse sicherlich bei allen

modernen Physiologen und Philosophen finden. Am ausführlichsten ist sie

bei _Maury_ dargestellt. Dort hat es oft den Anschein, als stellte sich

der Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein nach anatomischen Regionen

verschiebbar vor, wobei ihm allerdings eine anatomische Provinz und eine

bestimmte psychische Funktion aneinander gebunden erscheinen. Ich möchte

hier aber nur andeuten, daß, wenn die Theorie des partiellen Wachens

sich bestätigte, über den feineren Ausbau derselben sehr viel zu

verhandeln wäre.

Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des

Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das Urteil über

die Stellung und Bedeutung des Traumes konsequenterweise durch die

Äußerung von _Binz_ gegeben (p. 357): »Alle Tatsachen, wie wir sehen,

drängen dahin, den Traum als einen _körperlichen_, in allen Fällen

unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vorgang zu

kennzeichnen . . .«

Der Ausdruck »körperlich« mit Beziehung auf den Traum, der seine

Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach mehr als einer

Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die Traumätiologie, die ja _Binz_

besonders nahe lag, wenn er die experimentelle Erzeugung von Träumen

durch Darreichung von Giften studierte. Es liegt nämlich im

Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien, die Anregung zum Träumen

womöglich ausschließlich von somatischer Seite ausgehen zu lassen. In

extremster Form dargestellt, lautete es so: Nachdem wir durch Entfernung

der Reize uns in Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis

und kein Anlaß bis zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die neu

anlangenden Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln könnte. Nun

gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es kommen, ähnlich

wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall her Reize an den

Schlafenden heran, von außen, von innen, von all den Körpergebieten

sogar, um die man sich als Wachender nie gekümmert hat. So wird der

Schlaf gestört, die Seele bald an dem, bald an jenem Zipfelchen

wachgerüttelt und funktioniert dann ein Weilchen mit dem geweckten Teil,

froh wieder einzuschlafen. Der Traum ist die Reaktion auf die durch den

Reiz verursachte Schlafstörung, übrigens eine rein überflüssige

Reaktion.

Theorie des partiellen Schlafes der Seele.

Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans bleibt, als

einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch noch einen

anderen Sinn. Es ist die _Würde_ eines psychischen Vorganges, die damit

dem Traume abgesprochen werden soll. Das in seiner Anwendung auf den

Traum bereits sehr alte Gleichnis von den »zehn Fingern eines der Musik

ganz unkundigen Menschen, die über die Tasten des Instrumentes

hinlaufen«, veranschaulicht vielleicht am besten, welche Würdigung die

Traumleistung bei den Vertretern der exakten Wissenschaft zumeist

gefunden hat. Der Traum wird in dieser Auffassung etwas ganz und gar

Undeutbares; denn wie sollten die zehn Finger des unmusikalischen

Spielers ein Stück Musik produzieren können?

Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig nicht an

Einwänden gefehlt. _Burdach_ meint 1830: »Wenn man sagt, der Traum sei

ein partielles Wachen, so wird damit erstlich weder das Wachen, noch das

Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes gesagt, als daß einige Kräfte

der Seele im Traume tätig sind, während andere ruhen. Aber solche

Ungleichheit findet während des ganzen Lebens statt . . .« (p. 483).

An die herrschende Traumtheorie, welche im Traume einen »körperlichen«

Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auffassung des Traumes

an, die erst 1866 von _Robert_ ausgesprochen wurde und die bestechend

wirkt, weil sie für das Träumen eine Funktion, einen nützlichen Erfolg

anzugeben weiß. _Robert_ nimmt zur Grundlage seiner Theorie zwei

Tatsachen der Beobachtung, bei denen wir bereits in der Würdigung des

Traummaterials verweilt haben (vgl. p. 14), nämlich daß man so häufig

von den nebensächlichsten Eindrücken des Tages träumt und daß man so

selten die großen Interessen des Tages mit hinübernimmt. _Robert_

behauptet als ausschließlich richtig: »Es werden nie Dinge, die man voll

ausgedacht hat, zu Traumerregern, immer nur solche, die einem unfertig

im Sinne liegen oder den Geist flüchtig streifen« (p. 10). -- »Darum

kann man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen

desselben eben _die nicht zum genügenden Erkennen des Träumenden

gekommenen Sinneseindrücke des verflossenen Tages_ sind.« Die Bedingung,

daß ein Eindruck in den Traum gelange, ist also, entweder daß dieser

Eindruck in seiner Verarbeitung gestört wurde oder daß er als allzu

unbedeutend auf solche Verarbeitung keinen Anspruch hatte.

Der Traum stellt sich _Robert_ nun dar »als ein körperlicher

Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung zum

Erkennen gelangt«. _Träume sind Ausscheidungen von im Keime erstickten

Gedanken._ »Ein Mensch, dem man die Fähigkeit nehmen würde, zu träumen,

müßte in gegebener Zeit geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn

eine Unmasse unfertiger, unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke

ansammeln würde, unter deren Wucht dasjenige ersticken müßte, was dem

Gedächtnisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre.« Der Traum leistet

dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils. Die

_Träume haben heilende, entlastende Kraft_ (p. 32).

Es wäre mißverständlich, an _Robert_ die Frage zu richten, wie denn

durch das Vorstellen im Traume eine Entlastung der Seele herbeigeführt

werden kann. Der Autor schließt offenbar aus jenen beiden

Eigentümlichkeiten des Traummaterials, daß während des Schlafes eine

solche Ausstoßung von wertlosen Eindrücken _irgendwie_ als somatischer

Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist kein besonderer psychischer

Prozeß, sondern nur die Kunde, die wir von jener Aussonderung erhalten.

Übrigens ist eine Ausscheidung nicht das einzige, was nachts in der

Seele vorgeht. _Robert_ fügt selbst hinzu, daß überdies die Anregungen

des Tages ausgearbeitet werden, und »was sich von dem unverdaut im

Geiste liegenden Gedankenstoff nicht ausscheiden läßt, wird durch der

_Phantasie entlehnte Gedankenfäden zu einem abgerundeten Ganzen

verbunden_ und so dem Gedächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde

eingereiht« (p. 23).

Theorien von Robert und Delage.

In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die

_Roberts_ aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während dort

überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren

Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb zum

Träumen nach der Theorie _Roberts_ in der Seele selbst, in ihrer

Überladung, die nach Entlastung verlangt, und _Robert_ urteilt

vollkommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden

traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen und einen

Geist, in dem kein dem wachen Bewußtsein entnommener Stoff zur

Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen könnten.

Zuzugeben sei bloß, daß die im Traume aus den Tiefen der Seele heraus

sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nervenreize beeinflußt

werden können (p. 48). So ist der Traum nach _Robert_ doch nicht so ganz

abhängig vom Somatischen, er ist zwar kein psychischer Vorgang, hat

keine Stelle unter den psychischen Vorgängen des Wachens, er ist ein

allnächtlicher somatischer Vorgang am Apparat der Seelentätigkeit und

hat eine Funktion zu erfüllen, diesen Apparat vor Überspannung zu

behüten oder wenn man das Gleichnis wechseln darf: die Seele

auszumisten.

Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Auswahl des

Traummaterials deutlich werden, stützt ein anderer Autor, _Yves Delage_,

seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu beobachten, wie durch eine

leise Wendung in der Auffassung derselben Dinge ein Endergebnis von ganz

anderer Tragweite gewonnen wird.

_Delage_ hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person durch

den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von dem _nicht_ träumt,

was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, oder erst dann, wenn es

anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt. Seine Nachforschungen

bei anderen Personen bestätigten ihm die Allgemeinheit dieses

Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser Art, wenn sie sich als

allgemein richtig herausstellte, macht _Delage_ über das Träumen junger

Eheleute: »S'ils ont été fortement épris, presque jamais ils n'ont rêvé

l'un de l'autre avant le mariage ou pendant la lune de miel; et s'ils

ont rêvé d'amour c'est pour être infidèles avec quelque personne

indifférente ou odieuse.« Wovon träumt man nun aber? _Delage_ erkennt

das in unseren Träumen vorkommende Material als bestehend aus

Bruchstücken und Resten von Eindrücken der letzten Tage und früherer

Zeiten. Alles was in unseren Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt

sein mögen, als Schöpfung des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei

genauerer Prüfung als unerkannte Reproduktion, als »souvenir

inconscient«. Aber dieses Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen

Charakter, es rührt von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich

stärker betroffen haben als unseren Geist oder von denen die

Aufmerksamkeit sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde.

Je weniger bewußt und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto

mehr Aussicht hat er, im nächsten Traume eine Rolle zu spielen.

Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Eindrücken, die

nebensächlichen und die unerledigten, wie sie _Robert_ hervorhebt, aber

_Delage_ wendet den Zusammenhang anders, indem er meint, diese Eindrücke

werden nicht, weil sie gleichgültig sind, traumfähig, sondern weil sie

unerledigt sind. Auch die nebensächlichen Eindrücke sind gewissermaßen

nicht voll erledigt worden, auch sie sind ihrer Natur nach als neue

Eindrücke »autant de ressorts tendus«, die sich während des Schlafes

entspannen werden. Noch mehr Anrecht auf eine Rolle im Traume als der

schwache und fast unbeachtete Eindruck wird ein starker Eindruck haben,

der zufällig in seiner Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht

zurückgedrängt worden ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung

aufgespeicherte psychische Energie wird nachts die Triebfeder des

Traumes. Im Traume kommt das psychisch _Unterdrückte_ zum Vorschein(23).

(23) Ganz ähnlich äußert sich der Dichter _Anatole France_ (Lys

rouge): Ce que nous voyons la nuit, ce sont les restes malheureux de

ce que nous avons négligé dans la veille. Le rêve est souvent la

revanche des choses qu'on méprise ou le reproche des êtres abandonnés.

Leider bricht der Gedankengang von _Delage_ an dieser Stelle ab; er kann

einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traume nur die geringste

Rolle einräumen und so schließt er sich mit seiner Traumtheorie

unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom partiellen Schlafen des

Gehirns an: »En somme le rêve est le produit de la pensée errante, sans

but et sans direction, se fixant successivement sur les souvenirs, qui

ont gardé assez d'intensité pour se placer sur sa route et l'arrêter au

passage, établissant entre eux un lien tantôt faible et indécis, tantôt

plus fort et plus serré selon que l'activité actuelle du cerveau est

plus ou moins abolie par le sommeil.«

3. Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes

vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung zu

besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen

entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen kann. Aus

der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist eine nützliche

Funktion des Traumes. Die Wertschätzungen, welche der Traum bei älteren

psychologischen Autoren gefunden hat, gehören meist in diese Reihe. Ich

will mich aber damit begnügen, an deren Statt die Äußerung von _Burdach_

anzuführen, derzufolge der Traum »die Naturtätigkeit der Seele ist,

welche nicht durch die Macht der Individualität beschränkt, nicht durch

Selbstbewußtsein gestört, nicht durch Selbstbestimmung gerichtet wird,

sondern die in freiem Spiele sich ergehende Lebendigkeit der sensiblen

Zentralpunkte ist« (p. 486).

Dieses Schwelgen im freien Gebrauche der eigenen Kräfte stellen sich

_Burdach_ u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem die Seele

sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt, also etwa

nach Art eines Ferienurlaubes. _Burdach_ zitiert und akzeptiert darum

auch die liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter _Novalis_ das

Walten des Traumes preist: »Der Traum ist eine Schutzwehr gegen die

Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine freie Erholung der

gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder des Lebens durcheinander wirft

und die beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein

fröhliches Kinderspiel unterbricht; ohne die Träume würden wir gewiß

früher alt, und so kann man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar

von oben gegeben, doch als eine köstliche Aufgabe, als einen

freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt zum Grabe betrachten.«

Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert noch

eindringlicher _Purkinje_ (p. 456): »Besonders würden die produktiven

Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte Spiele der

Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zusammenhang haben.

Die Seele will die Spannungen des wachen Lebens nicht fortsetzen,

sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen. Sie erzeugt zuvörderst

denen des Wachens entgegengesetzte Zustände. Sie heilt Traurigkeit durch

Freude, Sorgen durch Hoffnungen und heitere zerstreuende Bilder, Haß

durch Liebe und Freundlichkeit, Furcht durch Mut und Zuversicht; den

Zweifel beschwichtigt sie durch Überzeugung und festen Glauben,

vergebliche Erwartung durch Erfüllung. Viele wunde Stellen des Gemütes,

die der Tag immerwährend offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem

er sie zudeckt und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Teil

die schmerzenheilende Wirkung der Zeit.« Wir empfinden es alle, daß der

Schlaf eine Wohltat für das Seelenleben ist, und die dunkle Ahnung des

Volksbewußtseins läßt sich offenbar das Vorurteil nicht rauben, daß der

Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf seine Wohltaten spendet.

Die Theorie Scherners.

Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus einer

besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustand frei

entfalten kann, zu erklären, ist der von _Scherner_ 1861 unternommene.

Das Buch _Scherners_, in einem schwülen und schwülstigen Stil

geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für den Gegenstand

getragen, die abstoßend wirken muß, wenn sie nicht mit sich fortzureißen

vermag, setzt einer Analyse solche Schwierigkeiten entgegen, daß wir

bereitwillig nach der klareren und kürzeren Darstellung greifen, in

welcher der Philosoph _Volkelt_ die Lehren _Scherners_ uns vorführt. »Es

blitzt und leuchtet wohl aus den mystischen Zusammenballungen, aus all

dem Pracht- und Glanzgewoge ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus,

allein hell werden hiedurch des Philosophen Pfade nicht.« Solche

Beurteilung findet die Darstellung _Scherners_ selbst bei seinem

Anhänger.

_Scherner_ gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele gestatten, ihre

Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzunehmen. Er führt selbst

aus, wie im Traume die Zentralität, die Spontanenergie des Ich entnervt

wird, wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen, Fühlen, Wollen und

Vorstellen verändert werden und wie den Überbleibseln dieser

Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur noch die Natur

eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt sich im Traume die als

_Phantasie_ zu benennende Tätigkeit der Seele, frei von aller

Verstandesherrschaft und damit der strengen Maße ledig, zur

unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar die letzten Bausteine aus

dem Gedächtnis des Wachens, aber führt aus ihnen Gebäude auf, die von

den Gebilden des Wachens himmelweit verschieden sind, sie zeigt sich im

Traume nicht nur reproduktiv, sondern auch _produktiv_. Ihre

Eigentümlichkeiten verleihen dem Traumleben seine besonderen Charaktere.

Sie zeigt eine Vorliebe für das _Ungemessene_, _Übertriebene_,

_Ungeheuerliche_. Zugleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den

hinderlichen Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit,

Wendungslust; sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten

Stimmungsreize des Gemütes, für die wühlerischen Affekte, sie bildet

sofort das innere Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein.

Der Traumphantasie _fehlt die Begriffssprache_; was sie sagen will, muß

sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwächend

einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der Anschauungsform hin.

Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, weitläufig,

schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die Deutlichkeit

ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abneigung hat, ein Objekt durch sein

eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein _fremdes Bild_ wählt,

insofern dieses nur dasjenige Moment des Objektes, an dessen Darstellung

ihr liegt, durch sich auszudrücken im stande ist. Das ist die

_symbolisierende Tätigkeit_ der Phantasie . . . Sehr wichtig ist ferner,

daß die Traumphantasie die Gegenstände nicht erschöpfend, sondern nur in

ihrem Umriß und diesen in freiester Weise nachbildet. Ihre Malereien

erscheinen daher wie genial hingehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber

nicht bei der bloßen Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie

ist innerlich genötigt, das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu

verwickeln und so eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B.

malt Goldstücke auf die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich,

trägt sie davon.

Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstlerische Tätigkeit

vollzieht, ist nach _Scherner_ vorwiegend das der bei Tag so dunklen

organischen Leibreize (vgl. p. 25), so daß in der Annahme der

Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische Theorie

_Scherners_ und die vielleicht übernüchterne Lehre _Wundts_ und anderer

Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander verhalten, sich

hier völlig decken. Aber während nach der physiologischen Theorie die

seelische Reaktion auf die inneren Leibreize mit der Erweckung von

irgend zu ihnen passenden Vorstellungen erschöpft ist, die dann einige

andere Vorstellungen auf dem Wege der Assoziation sich zur Hilfe rufen,

und mit diesem Stadium die Verfolgung der psychischen Vorgänge des

Traumes beendigt scheint, geben die Leibreize nach _Scherner_ der Seele

nur ein Material, das sie ihren phantastischen Absichten dienstbar

machen kann. Die Traumbildung fängt für _Scherner_ dort erst an, wo sie

für den Blick der anderen versiegt.

Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die Traumphantasie

mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein neckendes Spiel mit ihnen,

stellt sich die Organquelle, aus der die Reize im betreffenden Traume

stammen, in irgend einer plastischen Symbolik vor. Ja _Scherner_ meint,

worin _Volkelt_ und andere ihm nicht folgen, daß die Traumphantasie eine

bestimmte Lieblingsdarstellung für den ganzen Organismus habe; diese

wäre das _Haus_. Sie scheint sich aber zum Glück für ihre Darstellungen

nicht an diesen Stoff zu binden; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen

von Häusern benutzen, um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr

lange Häuserstraßen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne

Teile des Hauses wirklich einzelne Körperteile dar, so z. B. im

Kopfschmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer mit

ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf.

Die Traumphantasie.

Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere Gegenstände

zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden Körperteile verwendet.

»So findet die atmende Lunge in dem flammenerfüllten Ofen mit seinem

luftartigen Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und Körben,

die Harnblase in runden beutelförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten

Gegenständen. Der männliche Geschlechtsreiztraum läßt den Träumer den

oberen Teil einer Klarinette, daneben den gleichen Teil einer

Tabakspfeife, daneben wieder einen Pelz auf der Straße finden.

Klarinette und Tabakspfeife stellen die annähernde Form des männlichen

Gliedes, der Pelz das Schamhaar dar. Im weiblichen Geschlechtstraume

kann sich die Schrittenge der zusammenschließenden Schenkel durch einen

schmalen, von Häusern umschlossenen Hof, die weibliche Scheide durch

einen mitten durch den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, sehr

schmalen Fußpfad symbolisieren, den die Träumerin wandeln muß, um etwa

einen Brief zu einem Herrn zu tragen« (_Volkelt_ p. 39). Besonders

wichtig ist es, daß am Schlusse eines solchen Leibreiztraumes die

Traumphantasie sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende Organ

oder dessen Funktion unverhüllt hinstellt. So schließt der

»Zahnreiztraum« gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus

dem Munde nimmt.

Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß der Form des

erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl die in ihm enthaltene

Substanz zum Objekt der Symbolisierung nehmen. So führt z. B. der

Eingeweidereiztraum durch kotige Straßen, der Harnreiztraum an

schäumendes Wasser. Oder der Reiz als solcher, die Art seiner

Erregtheit, das Objekt, das er begehrt, werden symbolisch dargestellt

oder das Traum-Ich tritt in konkrete Verbindung mit den Symbolisierungen

des eigenen Zustandes, z. B. wenn wir bei Schmerzreizen uns mit

beißenden Hunden oder tobenden Stieren verzweifelt balgen oder die

Träumerin sich im Geschlechtstraume von einem nackten Manne verfolgt

sieht. Von all dem möglichen Reichtum in der Ausführung abgesehen,

bleibt eine symbolisierende Phantasietätigkeit als die Zentralkraft

eines jeden Traumes bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher

einzudringen, der so erkannten psychischen Tätigkeit ihre Stellung in

einem System philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann

_Volkelt_ in seinem schön und warm geschriebenen Buche, das aber allzu

schwer verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für

das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbereitet

ist.

Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symbolisierenden

Phantasie _Scherners_ in den Träumen nicht verbunden. Die Seele spielt

träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man könnte auf die Vermutung

kommen, daß sie unartig spielt. Man könnte aber auch an uns die Frage

richten, ob unsere eingehende Beschäftigung mit _Scherners_ Theorie des

Traumes zu irgend etwas Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit

und Losgebundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu

augenfällig scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung

der Lehre _Scherners_ vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto

einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den jemand von

seinen Träumen empfing, der ihnen große Aufmerksamkeit schenkte, und der

persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunklen seelischen Dingen

nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegenstand, der den Menschen

durch Jahrtausende rätselhaft, wohl aber zugleich inhalts- und

beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen Erhellung die gestrenge

Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes beigetragen

hat, als daß sie im vollen Gegensatz zur populären Empfindung dem Objekt

Inhalt und Bedeutsamkeit abzusprechen versuchte. Endlich wollen wir uns

ehrlich sagen, daß es den Anschein hat, wir könnten bei den Versuchen,

den Traum aufzuklären, der Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt

auch Ganglienzellen-Phantastik; die p. 58 zitierte Stelle eines

nüchternen und exakten Forschers wie _Binz_, welche schildert, wie die

Aurora des Erwachens über die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde

hinzieht, steht an Phantastik und an -- Unwahrscheinlichkeit hinter den

_Scherner_schen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe, zeigen zu

können, daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das allerdings

nur verschwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter der

Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch erheben

kann. Vorläufig kann uns die _Scherner_sche Theorie des Traumes in ihrem

Gegensatz zur medizinischen etwa vor Augen führen, zwischen welchen

Extremen die Erklärung des Traumlebens heute noch unsicher schwankt.

h) _Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrankheiten_.

Wer von den Beziehungen des Traumes zu den Geistesstörungen spricht,

kann dreierlei meinen: 1. ätiologische und klinische Beziehungen, etwa

wenn ein Traum einen psychotischen Zustand vertritt, einleitet oder nach

ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das Traumleben im Falle der

Geisteskrankheiten erleidet. 3. Innere Beziehungen zwischen Traum und

Psychosen, Analogien, die auf Wesensverwandtschaft hindeuten. Diese

mannigfachen Beziehungen zwischen den beiden Reihen von Phänomenen sind

in früheren Zeiten der Medizin -- und in der Gegenwart von neuem wieder

-- ein Lieblingsthema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei _Spitta_,

_Radestock_, _Maury_ und _Tissié_ gesammelte Literatur des Gegenstandes

lehrt. Jüngst hat _Sante de Sanctis_ diesem Zusammenhange seine

Aufmerksamkeit zugewendet(24). Dem Interesse unserer Darstellung wird es

genügen, den bedeutsamen Gegenstand bloß zu streifen.

(24) Spätere Autoren, die solche Beziehungen behandeln, sind: _Féré_,

_Ideler_, _Lasègne_, _Pichon_, _Régis_, _Vespa_, _Giessler_,

_Kazodowsky_, _Pachantoni_ u. a.

Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen Traum und

Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradigmata mitteilen.

_Hohnbaum_ berichtet (bei _Krauss_), daß der erste Ausbruch des

Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreckhaften Traume

herschrieb und daß die vorherrschende Idee mit diesem Traume in

Verbindung stand. _Sante de Sanctis_ bringt ähnliche Beobachtungen von

Paranoischen und erklärt den Traum in einzelnen derselben für die »vraie

cause déterminante de la folie«. Die Psychose kann mit dem wirksamen,

die wahnhafte Erklärung enthaltenden Traum mit einem Schlage ins Leben

treten oder sich durch weitere Träume, die noch gegen Zweifel

anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In einem Falle von _de Sanctis_

schlossen sich an den ergreifenden Traum leichte hysterische Anfälle,

dann in weiterer Folge ein ängstlich-melancholischer Zustand. _Féré_

(bei _Tissié_) berichtet von einem Traume, der eine hysterische Lähmung

zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum als Ätiologie der

Geistesstörung vorgeführt, obwohl wir dem Tatbestand ebenso Rechnung

tragen, wenn wir aussagen, die geistige Störung habe ihre erste Äußerung

am Traumleben gezeigt, sei im Traume zuerst durchgebrochen. In anderen

Beispielen enthält das Traumleben die krankhaften Symptome oder die

Psychose bleibt aufs Traumleben eingeschränkt. So macht _Thomayer_ auf

_Angstträume_ aufmerksam, die als Äquivalente von epileptischen Anfällen

aufgefaßt werden müssen. _Allison_ hat nächtliche Geisteskrankheit

(nocturnal insanity) beschrieben (nach _Radestock_), bei der die

Individuen tagsüber anscheinend vollkommen gesund sind, während bei

Nacht regelmäßig Halluzinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auftreten.

Ähnliche Beobachtungen bei _de Sanctis_ (paranoisches Traumäquivalent

bei einem Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau der Untreue

beschuldigen); bei _Tissié_. _Tissié_ bringt aus neuerer Zeit eine

reiche Anzahl von Beobachtungen, in denen Handlungen pathologischen

Charakters (aus Wahnvoraussetzungen, Zwangimpulse) sich aus Träumen

ableiten. _Guislain_ beschreibt einen Fall, in dem der Schlaf durch ein

intermittierendes Irresein ersetzt war.

Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psychologie des

Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte beschäftigen wird.

Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach

Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das Traumleben noch

der Psychose angehören kann. _Gregory_ soll auf dieses Vorkommen zuerst

aufmerksam gemacht haben (nach _Krauss_). _Macario_ (bei _Tissié_)

erzählt von einem Maniacus, der eine Woche nach seiner völligen

Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die leidenschaftlichen

Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte.

Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd Psychotischen

erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen angestellt

worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen Traum und

Geistesstörung, die sich in so weitgehender Übereinstimmung der

Erscheinungen beider äußert, frühzeitig Beachtung gefunden. Nach _Maury_

hat zuerst _Cabanis_ in seinen »Rapports du physique et du moral« auf

sie hingewiesen, nach ihm _Lélut_, J. _Moreau_ und ganz besonders der

Philosoph _Maine de Biran_. Sicherlich ist die Vergleichung noch älter.

_Radestock_ leitet das Kapitel, in dem er sie behandelt, mit einer

Sammlung von Aussprüchen ein, welche Traum und Wahnsinn in Analogie

bringen. _Kant_ sagt an einer Stelle: »Der Verrückte ist ein Träumer im

Wachen.« _Krauss_: »Der Wahnsinn ist ein Traum innerhalb des

Sinnenwachseins.« _Schopenhauer_ nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn

und den Wahnsinn einen langen Traum. _Hagen_ bezeichnet das Delirium als

Traumleben, welches nicht durch Schlaf, sondern durch Krankheiten

herbeigeführt ist. _Wundt_ äußert in der »Physiologischen Psychologie«:

»In der Tat können wir im Traume fast alle Erscheinungen, die uns in den

Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.«

Die einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche

Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt _Spitta_ (übrigens sehr

ähnlich wie _Maury_) in folgender Reihe auf: »1. Aufhebung oder doch

Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkenntnis über den

Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens, Mangel des

moralischen Bewußtseins. 2. Modifizierte Perzeption der Sinnesorgane,

und zwar im Traume verminderte, im Wahnsinn im allgemeinen sehr

gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen untereinander lediglich

nach den Gesetzen der Assoziation und Reproduktion, also automatische

Reihenbildung, daher Unproportionalität der Verhältnisse zwischen den

Vorstellungen (Übertreibungen, Phantasmen) und aus alle dem resultierend

4. Veränderung beziehungsweise Umkehrung der Persönlichkeit und zuweilen

der Eigentümlichkeiten des Charakters (Perversitäten).«

_Radestock_ fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Material: »Im

Gebiete des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemeingefühles findet man

die meisten Halluzinationen und Illusionen. Die wenigsten Elemente

liefern wie beim Traume der Geruchs- und Geschmacksinn. -- Dem

Fieberkranken steigen in den Delirien wie dem Träumenden Erinnerungen

aus langer Vergangenheit auf; was der Wachende und Gesunde vergessen zu

haben schien, dessen erinnert sich der Schlafende und Kranke.« -- Die

Analogie von Traum und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Wert,

daß sie sich wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis

auf einzelne Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt.

Traum und Psychose. -- Die Wunscherfüllung.

»Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt der Traum,

was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so heben sich auch

bei dem Geisteskranken die lichten Bilder von Glück, Größe, Erhabenheit

und Reichtum. Der vermeintliche Besitz von Gütern und die imaginäre

Erfüllung von Wünschen, deren Verweigerung oder Vernichtung eben einen

psychischen Grund des Irreseins abgaben, machen häufig den Hauptinhalt

des Deliriums aus. Die Frau, die ein teures Kind verloren, deliriert in

Mutterfreuden, wer Vermögensverluste erlitten, hält sich für

außerordentlich reich, das betrogene Mädchen sieht sich zärtlich

geliebt.«

(Diese Stelle _Radestocks_ ist die Abkürzung einer feinsinnigen

Ausführung von _Griesinger_ [p. 111], die mit aller Klarheit die

_Wunscherfüllung_ als einen dem Traume und der Psychose gemeinsamen

Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Untersuchungen haben

mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer psychologischen Theorie

des Traumes und der Psychosen zu finden ist.)

»Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteiles sind es, welche

den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charakterisieren.« Die

_Überschätzung_ der eigenen geistigen Leistungen, die dem nüchternen

Urteil als unsinnig erscheinen, findet sich hier wie dort; dem rapiden

_Vorstellungsverlauf_ des Traumes entspricht die _Ideenflucht_ der

Psychose. Bei beiden fehlt jedes _Zeitmaß_. Die _Spaltung der

Persönlichkeit_ im Traume, welche z. B. das eigene Wissen auf zwei

Personen verteilt, von denen die fremde das eigene Ich im Traume

korrigiert, ist völlig gleichwertig der bekannten Persönlichkeitsteilung

bei halluzinatorischer Paranoia; auch der Träumer hört die eigenen

Gedanken von fremden Stimmen vorgebracht. Selbst für die konstanten

Wahnideen findet sich eine Analogie in den stereotyp wiederkehrenden

pathologischen Träumen (rêve obsédant). -- Nach der Genesung von einem

Delirium sagen die Kranken nicht selten, daß ihnen die ganze Zeit ihrer

Krankheit wie ein oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja sie teilen

uns mit, daß sie gelegentlich noch während der Krankheit geahnt haben,

sie seien nur in einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaftraume

vorkommt.

Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn _Radestock_ seine wie

vieler anderer Meinung in den Worten zusammenfaßt, daß »der Wahnsinn,

eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine Steigerung des periodisch

wiederkehrenden normalen Traumzustandes zu betrachten ist« (p. 228).

Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich äußernden

Phänomene möglich ist, hat _Krauss_ die Verwandtschaft von Traum und

Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den Erregungsquellen) begründen

wollen. Das beiden gemeinschaftliche Grundelement ist nach ihm, wie wir

gehört haben, die _organisch bedingte Empfindung_, die Leibreizsensation,

das durch Beiträge von allen Organen her zustande gekommene

Gemeingefühl (vgl. _Peisse_ bei _Maury_ [p. 52]).

Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten

reichende Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört zu den

stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traumlebens, nach

welcher sich der Traum als ein unnützer und störender Vorgang und als

Ausdruck einer herabgesetzten Seelentätigkeit darstellt. Man wird indes

nicht erwarten können, die endgültige Aufklärung über den Traum von den

Seelenstörungen her zu empfangen, wo es allgemein bekannt ist, in welch

unbefriedigendem Zustand unsere Einsicht in den Hergang der letzteren

sich befindet. Wohl aber ist es wahrscheinlich, daß eine veränderte

Auffassung des Traumes unsere Meinungen über den inneren Mechanismus der

Geistesstörungen mitbeeinflussen muß, und so dürfen wir sagen, daß wir

auch an der Aufklärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das

Geheimnis des Traumes aufzuhellen.

* * * * *

Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der Traumprobleme

nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten Erscheinen bis zur zweiten

Auflage dieses Buches fortgeführt habe. Dieselbe mag dem Leser wenig

befriedigend erscheinen; ich bin nichtsdestoweniger durch sie bestimmt

worden. Die Motive, die mich überhaupt zu einer Darstellung der

Behandlung des Traumes in der Literatur veranlaßt hatten, waren mit der

vorstehenden Einleitung erschöpft, eine Fortsetzung dieser Arbeit hätte

mich außerordentliche Bemühung gekostet und -- sehr wenig Nutzen oder

Belehrung gebracht. Denn der in Rede stehende Zeitraum von neun Jahren

hat weder an tatsächlichem Material noch an Gesichtspunkten für die

Auffassung des Traumes Neues oder Wertvolles gebracht. Meine Arbeit ist

in den meisten seither veröffentlichten Publikationen unerwähnt und

unberücksichtigt geblieben; am wenigsten Beachtung hat sie natürlich bei

den sogenannten »Traumforschern« gefunden, die von der dem

wissenschaftlichen Menschen eigenen Abneigung, etwas Neues zu erlernen,

hiemit ein glänzendes Beispiel gegeben haben. »Les savants ne sont pas

curieux,« meint der Spötter _Anatole France_. Wenn es in der

Wissenschaft ein Recht zur Revanche gibt, so wäre ich wohl berechtigt,

auch meinerseits die Literatur seit dem Erscheinen dieses Buches zu

vernachlässigen. Die wenigen Berichterstattungen, die sich in

wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben, sind so voll von Unverstand

und Mißverständnissen, daß ich den Kritikern mit nichts anderem als mit

der Aufforderung, dieses Buch noch einmal zu lesen, antworten könnte.

Vielleicht dürfte die Aufforderung auch lauten: es überhaupt zu lesen.

Die Literatur seit 1900.

In den Arbeiten jener Ärzte, welche sich zur Anwendung des

psychoanalytischen Heilverfahrens entschlossen haben und anderer sind

reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen gedeutet

worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung meiner Aufstellungen

hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in den Zusammenhang meiner

Darstellung eingetragen. Ein zweites Literaturverzeichnis am Ende stellt

die wichtigsten Veröffentlichungen seit dem ersten Erscheinen dieses

Buches zusammen. Das reichhaltige Buch von _Sante de Sanctis_ über die

Träume, dem bald nach seinem Erscheinen eine Übersetzung ins Deutsche zu

teil geworden ist, hat sich mit meiner »Traumdeutung« zeitlich gekreuzt,

so daß ich von ihm ebensowenig Notiz nehmen konnte wie der italienische

Autor von mir. Ich mußte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit

überaus arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal die

Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte.

Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an meine

Behandlung der Traumprobleme streifen. Ein jüngerer Philosoph, H.

_Swoboda_, der es unternommen hat, die Entdeckung der biologischen

Periodizität (in Reihen von 23 und 28 Tagen), die von _Wilh. Fliess_

herrührt, auf das psychische Geschehen auszudehnen, hat in einer

phantasievollen Schrift(25) mit diesem Schlüssel unter anderm auch das

Rätsel der Träume lösen wollen. Die Bedeutung der Träume wäre dabei zu

kurz gekommen; das Inhaltsmaterial derselben würde sich durch das

Zusammentreffen all jener Erinnerungen erklären, die in jener Nacht

gerade eine der biologischen Perioden zum ersten- oder n-tenmal

vollenden. Eine persönliche Mitteilung des Autors ließ mich zuerst

annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht mehr ernsthaft vertreten

wolle. Es scheint, daß ich mich in diesem Schluß geirrt habe; ich werde

an anderer Stelle einige Beobachtungen zu der Aufstellung _Swobodas_

mitteilen, die mir aber ein überzeugendes Ergebnis nicht gebracht haben.

Bei weitem erfreulicher war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine

Auffassung des Traumes zu finden, die sich mit dem Kern der meinigen

völlig deckt. Die Zeitverhältnisse schließen die Möglichkeit aus, daß

jene Äußerung durch die Lektüre meines Buches beeinflußt worden sei; ich

muß also in ihr die einzige in der Literatur nachweisbare

Übereinstimmung eines unabhängigen Denkers mit dem Wesen meiner

Traumlehre begrüßen. Das Buch, in dem sich die von mir ins Auge gefaßte

Stelle über das Träumen findet, ist 1900 in zweiter Auflage unter dem

Titel »Phantasien eines Realisten« von _Lynkeus_ veröffentlicht

worden(26).

(25) H. _Swoboda_, Die Perioden des menschlichen Organismus, 1904.

(26) Siehe später p. 229, Anmerkung.

Zusatz (1914).

Die vorstehende Rechtfertigung ist im Jahre 1909 niedergeschrieben

worden. Seither hat sich die Sachlage allerdings geändert; mein Beitrag

zur »Traumdeutung« wird in der Literatur nicht mehr übersehen. Allein

die neue Situation macht mir die Fortsetzung des vorstehenden Berichtes

erst recht unmöglich. Die »Traumdeutung« hat eine ganze Reihe neuer

Behauptungen und Probleme gebracht, die nun von den Autoren in

verschiedenster Weise erörtert worden sind. Ich kann diese Arbeiten doch

nicht darstellen, ehe ich meine eigenen Ansichten entwickelt habe, auf

welche die Autoren sich beziehen. Was mir an dieser neuesten Literatur

wertvoll erschien, habe ich darum im Zusammenhange meiner nun folgenden

Ausführungen gewürdigt.

Die Traumdeutung · 第 23 / 57 题