Ohne eine Antwort abzuwarten, sprengte er auch, von dem Bruder gefolgt,

am Holzrande hin, auf einen einzelnen, dort mit Anzeichnen von Bäumen

beschäftigten Arbeiter zu. Diesem wurden die Pferde mit dem Befehl

übergeben, sie zum Försterhause zu führen, und die beiden Brüder

verschwanden gleich darauf in dem Schatten des wunderschönen Waldes.

Kaum aber im Dickicht drin, als Wolf auch den Arm des Bruders in den

seinen zog und mit herzlicher Stimme sagte: »O, Georg, wie habe ich mich

nach diesem Augenblicke gesehnt, wieder so einmal Arm in Arm mit dir

durch den Wald zu ziehen, wieder einmal der alten Zeiten gedenken zu

können, und Mensch -- Kind zu sein! Ach, es war doch eine schöne, liebe

Zeit, da wir noch als Knaben hier zusammen spielten, den alten Forstwart

neckten und in die Bäume hinaufkletterten, um dem Sperber ins Nest zu

schauen!«

»Und sehnst auch du dich nach der alten Zeit zurück, Wolf?« fragte der

Bruder. »Du könntest doch jetzt glücklich sein; aber mir selber ist es

schon so vorgekommen, als ob ein geheimer Schmerz an deiner Seele nage.

Darf ich ihn wissen? -- kann ich vielleicht mit meinem Rat dir helfen?

denn wenn weiter nichts in der Welt, Erfahrung habe ich in reichem,

vollem Maße gesammelt. -- Oder drückt nur die Sorge um mich dich so

schwer zu Boden? Dann sei guten Mutes, ich werde dir beweisen, was der

feste Wille eines Mannes vermag.«

»Wirst du das in der Tat, Georg?« rief Wolf bewegt, »dann machst du mich

wirklich glücklich -- und dich zugleich mit. Wie es scheint, hast du

aber harte Kämpfe mit deiner Frau gehabt. Wir waren noch nicht einmal

imstande, darüber zu sprechen.«

»Allerdings,« seufzte Georg, »und eigentlich bewog ich sie nur dadurch,

mir zu folgen, daß ich darauf bestand, wie du mir geraten, mein Recht

auf das Kind geltend zu machen. Sie wollte sich nicht von Josefinen

trennen. Ich fürchte auch, es wird sehr schwer halten, sie hier heimisch

zu machen.«

»Glaube das nicht,« sagte Wolf, »die Hauptsache war, sie jenem

aufregenden, wilden Reiterleben erst einmal zu entrücken, und aus dessen

Bereich, wird sie es bald vergessen lernen.«

»Ich fürchte, das wird nicht der Fall sein.«

»Georgine ist eine durchaus gescheite Frau,« sagte der Rittmeister, »und

ich zweifle gar nicht, daß sie bald selber begreifen und einsehen wird,

wie ihre Stellung im gesellschaftlichen Leben doch hier eine ganz

andere ist, als früher, da sie sich für Geld im Zirkus zeigte. Schon der

genauere Umgang mit der besseren Gesellschaft, von dem sie ja bis jetzt

ausgeschlossen war, wird sie erst über ihre frühere Stellung im Leben

aufklären, und einmal das gewonnen, kann sie nicht daran denken, je zu

einem solchen Dasein zurückzukehren.«

»Aber das Kind, auf das sie ihre ganze Hoffnung, ihren ganzen Stolz

setzt!«

»Gerade das Kind wird zuletzt das Band werden,« versicherte der Bruder,

»das sie zuletzt nur fester und inniger an das neue Leben kettet. Sie

wird einsehen lernen, daß sie für ihre Tochter ein glücklicheres Los

erwarten darf, als sie bis dahin für möglich hielt, und gerade ihr jetzt

in eine falsche Bahn geworfener Stolz wird und muß sie dem richtigen

Wege entgegenlenken. Das aber, mein Georg, überlasse der Zeit, die wird

dabei das meiste wirken, und arbeite du selber dich nur wacker in den

neuen Stand hinein. Die Frau macht mir, da wir sie einmal so weit haben,

keine Sorgen mehr. Eins nur, was mich eher beunruhigt, ist, wie sich

der Vater deiner Frau und -- der Knabe in dieses geregelte, ja steif

bürgerliche Leben finden werden. Die beiden mußt du streng überwachen

und darfst sie nicht aus den Augen lassen.«

»Für den Alten ist nichts zu besorgen,« sagte Georg, »er hat sogar der

Tochter von Anfang an zugeredet, sich meinem Wunsche zu fügen, und,

ziemlich bei Jahren schon, fühlt er sich sehr zufrieden und glücklich,

seine Zukunft gesichert zu sehen. Das Beispiel, das er an vielen seines

Standes im Alter vor Augen gehabt, mag ihn gewitzigt haben, und ich kann

mich, wie ich glaube, fest auf ihn verlassen. Nicht so sicher ist mir

der junge Bursche, der Sohn seines einst verunglückten Bruders, von dem

er sich aber unter keiner Bedingung trennen wollte. Es ist das der

einzige weiche Zug in seinem sonst ziemlich schroffen Charakter: die

Anhänglichkeit an den Knaben, und wenn ich selber im Anfang auch dagegen

war, daß er uns begleiten sollte, sah ich mich endlich doch genötigt,

nachzugeben. Außerdem hat der Alte mir fest versprochen, ihn im Zaume

zu halten, und einmal mit dem früheren Leben gebrochen, wollte ich die,

welche doch nun einmal meine Verwandten sind, auch nicht länger dabei

wissen. Ich selber hätte sonst nie Ruhe gehabt und immer fürchten

müssen, daß sie mir -- selbst in späterer Zeit -- noch einmal Schimpf

und Schande gebracht.«

»Du hast recht,« sagte Wolf, »es ist besser, viel besser so, und für

den Knaben wird sich, wenn er etwas Ordentliches gelernt hat, auch wohl

schon eine Stellung finden lassen. Wir müssen aber vorsichtig mit ihm

zu Werke gehen, daß er das alte Leben erst vergißt und selber Freude am

Lernen findet. In Schildheim ist übrigens ein tüchtiger Lehrer, und es

wird deine Sorge sein, ihn nach und nach heranzubilden und zu ziehen,

damit das wilde Leben nicht wieder zum Ausbruch kommt, das doch wohl

noch in ihm steckt. -- Aber dort liegt das Forsthaus, Georg; erinnerst

du dich noch des alten, mit Hirschgeweihen reich geschmückten Hauses,

mit seinem spitzen Giebel und den Sprüchen über der Tür?«

»Jetzt, da es vor mir liegt,« sagte Georg, »taucht es, wie aus alten

Zeiten, vor meiner innern Seele auf, und mir ist, als ob mich ein Mann

mit einem krausen Bart und einem grünen Rocke dort über den Plan trüge

und mich auf seinem Rücken unter jene Linde reiten ließe.«

»Das war der Forstwart!« rief Wolf, »derselbe Bursche, der dort

mit eisgrauem Haare jetzt, unter dem nämlichen Baume sitzt und den

Schwanenhals scheuert, im Winter Füchse oder anderes Raubzeug damit zu

fangen. Der Alte wird dich aber nicht mehr wiedererkennen, und das ist

auch ganz gut so, denn unter deinem rechten Namen darfst und willst du

ja noch nicht erscheinen. Betrachte ihn für jetzt deshalb nur als eine

Reliquie aus der Jugendzeit, denn nur als solche ist er noch auf dem

Posten, dem er, seines Alters und seiner wunderlichen Grillen wegen,

kaum mehr vorstehen kann. Auch der alte Verwalter stammt noch aus

unserer Zeit -- alle anderen sind neu, der Förster ist sogar erst seit

drei Jahren auf dem Gute, so viel ich aber von dem Pachter gehört

habe, ein treuer und zuverlässiger Mann. Dich, Georg, verweise ich nun

hauptsächlich an den alten Verwalter. Der Mann hat vielleicht manche

kleine Eigenheiten und hängt ein wenig an seinem altpreußischen

System, -- ein Hauptgrund, weshalb er mit dem letzten Pachter nicht

sympathisieren konnte -- sonst aber ist er treu wie Gold und aufrichtig

und ehrlich, ohne sich je vorzudrängen. Den halte dir warm; er ist dabei

ein durchaus praktischer Oekonom, der den Boden und seine Behandlungsart

hier aus dem Grunde kennt, und du kannst dich also in jeder Hinsicht auf

ihn verlassen. Aber wir sind gemeldet, die Hunde schlagen an, ich werde

dich dem Förster als den neuen Pachter, Herrn von Geyfeln, vorstellen.«

Und seinen Arm aus dem des Bruders nehmend, schritt er mit ihm dem

Försterhause zu.

Förster Alwart war eben vom Revier hereingekommen, und als die Hunde

laut wurden, trat er, seine Büchse noch in der Hand, in die Tür, um zu

sehen, was es gäbe. Als er die Herren erkannte, kam er ihnen, die Mütze

abziehend, entgegen, und auch der alte Forstwart hatte seine Arbeit

ruhen lassen, ohne jedoch von seinem Sitze aufzustehen. Erst als sich

die Männer der Stelle, wo er sich befand, näherten, erhob er sich

langsam, um seinen jungen Herrn zu begrüßen.

»Nun, lieber Förster,« sagte indessen der Graf zu dem Weidmann, »hier

bringe ich Ihnen den neuen Pachter, Baron von Geyfeln, der das Gut

übernehmen wird, und ich hoffe, daß Sie gut mitsammen auskommen werden.

Der Baron versteht übrigens noch nicht viel von der Forstwirtschaft, wie

er mir selbst gesagt hat, und bittet Sie durch mich, ihm da mit Rat und

Tat an die Hand zu gehen, um das Nötige kennen zu lernen. Ich glaube,

daß ich mich dabei auf Sie verlassen kann.«

»Herr Graf,« sagte der Jäger, »es wird mir eine Ehre sein, dem Herrn

Baron in allem Auskunft zu geben, was ich selber weiß, und daß ich mein

Bestes tun werde...«

»Davon bin ich überzeugt -- ah, unser alter Forstwart! -- Nun, Barthold,

wie geht's? Noch immer munter und rüstig, seit wir uns nicht gesehen?«

»Zu Befehl, Herr Graf,« erwiderte der Forstwart, der aufgestanden war

und seine Mütze abgenommen hatte, jetzt aber, während er mit dem Grafen

sprach, den Blick fest auf seinem Begleiter haften ließ und nur manchmal

von ihm hinüber zu dem Grafen sah, »es geht noch immer, so wie's eben

geht. Besser natürlich nicht, mit den Jahren, und man muß nur Gott

danken, wenn's eben nicht schlechter wird. Nur der Wald bleibt jung --

ich kenn' ihn seit meiner Jugendzeit, und er ist seitdem wohl fester und

stämmiger geworden, aber älter -- beileibe nicht.«

»Ja, ja, mein guter, alter Barthold,« sagte der Graf, »jünger werden wir

alle nicht -- wie alt seid Ihr?«

»Fünfundsiebzig, im letzten Wonnemond.«

»Ein schönes Alter.«

»Halten zu Gnaden, Herr Graf, ein hohes Alter ist's wohl, aber kein

schönes. Fünfundzwanzig, denk' ich, war doch mein schönstes, vielleicht

ist's noch länger her, aber ich habe die Zeit nun auch bald vergessen.«

»Und wie steht's mit den Wilderern und Holzfrevlern, Barthold?«

»I nun, Herr Graf,« lächelte der Alte schlau vor sich hin, »so viel ich

weiß, befinden die sich wohl.«

»So?« lachte der Rittmeister, »also es geht ihnen gut hier?«

»Das wollte ich doch nicht damit sagen,« meinte der Alte, und aus seinen

kleinen grauen Augen blitzte ein eigenes Feuer. »Wir haben auch lange

nichts von ihnen gesehen, aber auf den Nachbargütern kehren sie manchmal

ein, und ist mir nie zu Ohren gekommen, daß dort einem ein Schaden

geschehen wäre. Den Holzlesern tun wir natürlich nichts. Die armen Leute

brauchen im Winter auch das bißchen Holz, und draußen verfault's doch.«

»Das ist auch nicht mein Wille,« sagte freundlich der Graf. »Und wie

ist's mit dem Wildstand, Förster, schreien die Hirsche noch?«

»Brav,« erwiderte der Weidmann, »da wir wußten, daß der Herr Graf selber

herkäme, ist auch noch keiner das Jahr geschossen worden.«

»Vortrefflich; wenn wir Zeit haben, werden wir da nächstens einmal

hinausgehen. Geyfeln, Sie sind doch Jäger?«

»Leidenschaftlich, aber ein besserer Jäger wohl als Schütze.«

»Das lernt sich alles, und das vielleicht am leichtesten; unsere Jagd

ist hier nicht schlecht. Aber da seh' ich unsere Pferde. Adieu, Förster,

adieu, Barthold; ich werde es euch sagen lassen, wenn wir herauskommen;

aber noch besser, kommt morgen einmal hinauf auf's Schloß -- ich habe so

noch manches mit euch zu bereden.«

Und mit den Worten grüßte er die beiden Forstleute, und wieder zu

Pferde, sprengten die Reiter auf das Gut zurück.

Der Forstwart war neben dem Förster stehen geblieben und sah ihnen nach,

solange er sie zwischen den stattlichen Eichenstämmen mit den Augen

verfolgen konnte. Erst als sie hinter den Büschen des Unterholzes

verschwunden waren, wandte er sich kopfschüttelnd ab und wollte eben

wieder an seine vorher verlassene Arbeit gehen.

»Nun, Forstwart, Ihr schüttelt mit dem Kopfe,« meinte da der Förster,

»gefällt Euch der fremde Pachter nicht?«

»Doch, Förster,« erwiderte der Alte, »sehr gefällt er mir, aber es kommt

mir fast so vor, als ob es kein ganz Fremder wäre.«

»Nicht? -- Kennt Ihr ihn von früher her?«

»Nein, Förster -- ich habe sein Gesicht wohl nie gesehen, und doch kommt

es mir so wunderbar bekannt und freundlich vor. Wenn ich nicht wüßte,

daß...«

»Was?«

»O, nichts -- ist so eine alte Idee von mir. Man bekommt auch so viele

Leute im Leben zu sehen, bis einem die verschiedenen Gesichter zuletzt

im Gedächtnis durcheinander laufen. Nachher kann man sie nicht wieder

auseinander herausfinden. Ich werde schon recht alt, Förster.«

»Na, Ihr könnt noch immer eine Weile mit herumlaufen,« lachte der

Förster gutmütig. »Mein Vater ist neunzig alt und noch so frisch auf den

Beinen, als ob er kaum sechzig zählte.«

»Wie Gott will,« seufzte der alte Mann, ging zu seinem Sitz unter der

Linde und nahm den Schwanenhals wieder auf, an dem er fortscheuerte, um

das Eisen blank und rostfrei zu bekommen. Leise vor sich hin summte er

dazu ein altes Lied, und manchmal sprach er auch mit sich selber, aber

immer nur halblaut, daß es kein anderer verstehen konnte, und dazu

nickte er zuweilen mit dem Kopfe.

Endlich war er fertig, ging in ein kleines Seitengebäude, in dem sein

Zimmer lag, hing dort sein Schwanenhals auf, nahm dafür seine alte

einfache Flinte von der Wand, und schlenderte dann langsam, ohne sich um

das für ihn bereitgehaltene Frühstück zu bekümmern, in den Wald hinein.

12.

Auf Schloß Schildheim wurde jetzt ein Doppelleben geführt. Aeußerlich

schien es, als ob nicht das geringste Außergewöhnliche vorginge. Was

an Feldfrüchten noch draußen war, wurde nach und nach eingefahren.

Die Knechte ritten morgens zum Ackern hinaus und kamen zum Mittagessen

wieder heim -- auf zwei Tennen wurde sogar schon gedroschen, um das

junge Korn, das heuer noch einen guten Preis hatte, bald auf den Markt

zu bringen. Wie die Welt draußen keinen Stillstand kennt, welchem

Wechsel auch ihre einzelnen Teile unterworfen sein mögen, so ging

das Wesen hier auch ruhig und ununterbrochen fort, welche wichtige

Veränderung auch in der innern Verwaltung vorgehen mochte.

Das Dienstpersonal berührte das alles nicht; das schaffte und arbeitete

unverdrossen weiter, denn der Lohn ging fort, die Arbeit mußte getan

werden, unter wessen Leitung das Ganze auch stand, wer auch die Zügel

in die Hände nahm. »Der König ist tot! es lebe der König!« Das alte

Machtwort, wie dort im großen, so hier im kleinen, übte seine alte Kraft

und Eigenschaft, und als am Abend des zweiten Tages der frühere Pachter

sich in seinen Wagen setzte, die Leute grüßte und zum Tor hinausfuhr,

hörten die Drescher einen Augenblick mit Dreschen auf und sahen ihm

nach; als aber der Wagen um die Biegung verschwand, fielen die Flegel

wieder klappernd im Takt ein, und der ganze Epilog, der ihm auf der

Tenne gehalten wurde, war: »Glückliche Reise, Herr Pachter -- bin jetzt

nur neugierig, wie der neue einschlägt.«

Die ersten Tage vergingen so in dem Einrichten des neuen Pachters, und

selbst Frau von Geyfeln -- wie sich Georgine gar nicht ungern nennen

hörte, war es doch nur eine neue Rolle, die sie spielte -- fand

Unterhaltung darin, sich von der alten Wirtschafterin, die gar

geschäftig in den weitläufigen Gebäuden hin und her fuhr, in die

Geheimnisse einer ländlichen Haushaltung einweihen zu lassen. Sie war

dabei klug genug, der Frau zu verheimlichen, daß sie noch gar nichts von

solchem Wirtschaftswesen verstand, und bei ihr vollkommen fremden Sachen

fragte sie erst auf weiten Umwegen vorsichtig herum, bis sie zum Ziele

kam und erfuhr, was sie eben wissen wollte. Frau Sibylle fühlte sich

dabei außerordentlich geschmeichelt über das herablassende Benehmen der

gnädigen Frau, die sich natürlich nur informieren wollte, wie die Sachen

hier in ihrer Gegend gemacht und vorgenommen würden; denn jedenfalls

hatten sie es bei ihr zu Hause ganz anders, nur lange nicht so gut

und zweckmäßig betrieben. Die Wirtschafterin wollte sie auch überhaupt

sehen, die so gute Käse machte wie sie, die solch fette Butter lieferte,

deren Kühe so fette Milch gäben, und was das Trocknen von Obst, das

Räuchern von Fleisch, das Einmachen von Kraut und Gurken betraf, da

suchte sie ihren Meister. -- Und wie vornehm sah die neue Frau Pachterin

dabei aus! was für feine Hände hatte sie, und wie lief sie mit den

blankgewichsten, papierdünnen Schuhchen so keck mit durch alle Ställe

und in Milch- und Käsekammern, auf Rauch- und Trockenböden! Und kannte

sie nicht schon am ersten Abend fast alle Kühe beim Namen nach der

Reihe her? Selbst in dem Pferdestall, obgleich sie da eigentlich nicht

hingehörte, war sie gleich am ersten Morgen gegangen und hatte gefragt,

wie die Tiere behandelt würden und wie viel Futter sie bekämen -- und

vor den Pferden fürchtete sie sich nicht so viel! Georg indessen, der,

wenn auch mit stiller, doch inniger Freude dem wirtschaftlichen Leben

seiner Frau aus der Ferne zusah, hatte selber alle Hände voll zu tun, um

die kurze Zeit zu benutzen, die sein Bruder noch bei ihnen auf dem Gute

zubringen konnte, um soviel wie möglich von dem Verwaltungswesen eines

solchen Gutes zu lernen. Die Zeit war doch so kurz und gar so mancherlei

dabei zu erfragen, was sich durch Erfahrung gewöhnlich nur mit Schaden

lernen läßt. Aber er hatte den festen, männlichen Willen, sich in dieses

neue Leben einzuarbeiten, und Wolf war unermüdlich, ihm, was er selber

wußte, darüber mitzuteilen.

Der einzige, der, wenn auch nicht teilnahmlos, doch vollkommen

untätig dem ganzen Treiben und Schaffen zusah und alles ruhig an sich

vorübergleiten ließ, war der Alte, Georginens Vater, der unter

seinem wirklichen Namen Mühler eingeführt war, und auch keine weitere

Auszeichnung beanspruchte, als daß man ihn eben zufrieden ließ. Er glich

dabei einem Manne der nach harter Anstrengung und Arbeit längere Ferien

angetreten und vorderhand auch weiter keinen Zweck hatte, als sich recht

ordentlich und gründlich auszuruhen. Er schlief gewöhnlich bis morgens

acht oder neun Uhr, frühstückte dann mit den Kindern auf seinem Zimmer,

machte einen Spaziergang mit ihnen nach dem Walde zu, kam mittags wieder

nach Hause, aß sehr stark und verträumte dann seinen Nachmittag in

ähnlicher Weise, wie er den Vormittag durchgebracht hatte. Georg sah nun

wohl ein, daß dieses Nichtstun auf die Länge der Zeit nicht ausführbar

sein würde und einer, wenn auch geringen, doch festen Tätigkeit weichen

müsse. Für jetzt ließ er den Alten aber gewähren, einesteils, weil er

zu viel zu tun hatte, um sich mit ihm abzugeben, andernteils, weil er

hoffte, daß sein Schwiegervater endlich selber zu ihm kommen würde, ihn

um irgend eine Beschäftigung zu bitten. Selber an Tätigkeit gewöhnt,

hielt er es nicht für möglich, daß sich irgend ein Mensch an einem

solchen Leben lange freuen könne.

Die Kinder befanden sich jedenfalls am wohlsten; denn ganz ungewohnt, so

wie hier in der freien, schönen Natur zu schwelgen, mit dem grünen Rasen

unter, den breitästigen Bäumen über sich, sangen und hüpften sie mit

den Vögeln draußen um die Wette und schienen am raschesten das früher

geführte Leben vergessen zu wollen. Nur die eine Angst hatte Georg,

daß sie auch am leichtesten und unbefangensten ihren frühern Stand

ausplaudern würden, und obgleich ihnen, selbst von der Mutter, auf das

strengste eingeschärft war, mit niemandem, wer es auch sei, darüber zu

sprechen, erhielt der alte Mühler noch besonders den Auftrag, darüber

zu wachen, daß dieses Verbot nicht übertreten würde -- und daß es ein

notwendiges sei, wußte er am besten.

Wolf von Geyerstein, mit dem Charakter von Georgs Frau jetzt genau

bekannt, fühlte daß ihr, besonders in der ersten Zeit, in diesem

einförmigen Leben auch etwas geboten werden mußte, um sie zu

unterhalten, und beschloß, ehe er wieder in die Residenz zurückkehrte,

sie bei einigen der Nachbarn, mit denen er selber befreundet war,

einzuführen. Daß sie diesen gefallen würde, daran zweifelte er keinen

Augenblick, und einmal in bessere Gesellschaft gebracht, als sie

bisher gekannt hatte, ließ es sich auch denken, daß ihr Stolz darin

Befriedigung und sie sich selber, wenn auch nicht glücklich, doch

zufrieden fühlen würde. Damit verging wieder eine Woche, und Georg und

Georgine wurden überall, schon in Rücksicht auf den allgemein

beliebten Grafen, mit offenen Armen empfangen, ja für den Winter die

verschiedensten Pläne entworfen, wie man häufiger zusammenkommen,

geselliger leben wolle. Graf von Geyerstein fühlte damit eine große Last

von seiner Seele genommen, denn er hatte jetzt die feste Hoffnung, daß

der Bruder von seiten seiner Frau keinen so harten Widerstand mehr würde

zu bekämpfen haben -- und erst einmal ein halbes Jahr nur hinter sich,

und das Schwierigste war überwunden. Ein besonders drückendes Gefühl

blieb es ihm nur in dieser ganzen Zeit, und zwar weniger in Gegenwart

von Fremden als der Georginens, gegen den Bruder kälter zu scheinen, als

sein Herz sprach, ja, ihn als einen Fremden zu behandeln. Der durch ihr

Mißtrauen scharfsichtigen Frau war dabei der Zwang nicht entgangen, den

er sich augenscheinlich antat. Vergebens hatte sie aber bis jetzt durch

Anspielungen versucht, ihn zum Reden zu bringen. Sie fühlte, daß die

beiden Männer ein Geheimnis vor ihr hatten, und tat, wenn auch ohne

Erfolg, ihr möglichstes, dieses zu lüften.

Graf Geyerstein mußte nach Schwerin, um die Papiere des jetzigen Barons

von Geyfeln, die er durch seinen Einfluß in *** erhalten hatte, dort

vorzulegen. Dadurch entzog er ihn allen weiteren Umständen und beugte

möglicherweise daraus entstehenden Schwierigkeiten vor. Es gibt nun

einmal in unserm gar künstlich eingerichteten Staate eine Menge von

Formalitäten, die beachtet sein wollen, die sich aber, wo ihnen irgend

ein Einfluß entgegentritt, auch immer sehr leicht als bloße Formalitäten

behandeln lassen -- man muß nur eben wissen, wie man es anzugreifen

hat. Graf Geyerstein war auch dazu der richtige Mann; er hatte in der

Residenz Verbindungen genug, um sich das zu erleichtern, und wußte,

daß nur eben seine Gegenwart dort nötig war, die Sache rasch und mit

günstigem Erfolg zu beseitigen. Er kannte aber auch den Zeitverlust, der

bei allen mit den Gerichten zu verhandelnden Gegenständen unausbleiblich

war, und durfte deshalb nicht zu lange säumen, um seinen Urlaub nicht

zu überschreiten. Von Schwerin aus wollte er dann direkt nach Hause

zurückkehren.

Es war der letzte Abend, den er bei ihnen in der breiten, geräumigen

Stube saß, in deren Ofen schon, der vorgerückten Jahreszeit wegen,

ein lustiges Feuer knisterte. Das Wetter draußen hatte sich kalt und

unfreundlich gestaltet, der Regen schlug an die Fenster, und der Wind

heulte draußen durch die Wipfel der alten Linden und warf die schwanken

Pappeln in einem tollen Spiele herüber und hinüber. An dem heutigen Tage

war eine von dem Grafen verschriebene Erzieherin -- eine junge

Französin aus guter Familie -- eingetroffen, die von jetzt an Josefinens

Ausbildung übernehmen sollte. Georgine hatte vorher nichts davon gewußt

und war damit, aber nicht unangenehm, überrascht worden, denn an dem

Kinde hing ihr ganzes Herz. Klug genug, dabei einzusehen, daß Josefine

nicht zu viel lernen könne, fürchtete sie aber doch auch wieder, daß

dies am Ende ein neues Band werden könne, sie an dieses ruhige Leben zu

fesseln und ihren eigenen Hoffnungen und Plänen zu entziehen. Aber ein

Kind des Augenblicks, wie sie es ihr ganzes Leben gewesen, tröstete sie

sich auch hierin mit der Gegenwart. Sie selber wollte erst sehen und

prüfen, und das andere fand sich von selber früh genug. Josefine war mit

ihrer neuen Erzieherin in das ihnen angewiesene Zimmer, der alte Mühler

mit dem Knaben auf seine Stube gegangen, doch hatte der Rittmeister auch

für diesen schon gesorgt und mit seinem Bruder Rücksprache genommen, daß

er in nächster Zeit der ausschließlichen und für ihn nicht wohltätigen

Gesellschaft des alten Mannes entzogen werden solle. Nur allmählich

durfte das geschehen, um Georginen in ihrem Vater nicht zu sehr zu

kränken.

Das Essen war abgeräumt, die beiden Männer arbeiteten noch mit dem

Verwalter zusammen, das Nötigste für die nächste Zeit zu besprechen

und festzustellen, und Georgine lehnte auf dem Sofa und las -- hatte

wenigstens ein Buch in der Hand, denn ihre Augen flogen immer und immer

wieder nach der Gestalt des Grafen hinüber, der in einem einfach grauen,

aber militärisch zugeschnittenen Rocke neben ihrem Gatten saß und mit

ihm die Wirtschaftsbücher durchging. Endlich war alles besorgt, der

Verwalter empfahl sich, die Bücher wurden weggelegt -- es mußte schon

elf Uhr sein -- und Graf Geyerstein erhob sich ebenfalls, um sein Lager

aufzusuchen.

»Unser trockenes Gespräch und Geschäft wird Sie gelangweilt haben,«

sagte er, als er zu Georginen trat, ihr gute Nacht zu bieten, »aber

morgen sind Sie dessen enthoben, und Ihr Gatte wird schon alles tun,

was in seinen Kräften steht, Ihnen das Leben hier angenehm und lieb zu

machen.«

Der Kunstreiter, 1. Band · 第 9 / 11 段