um ihn und tat seine Pflicht, ohne ihn viel damit zu belästigen. Jener
war auch gern damit zufrieden, wenn er nur den Holzfrevlern ein wenig
auf die Finger sah und im Winter dem Raubzeug Fallen stellte, und zu
beiden Beschäftigungen ließ sich niemand besser verwenden als der alte,
für seine Jahre aber noch außerordentlich rüstige Forstwart Barthold.
Die Frevler fürchteten nämlich den alten Mann weit mehr und gingen ihm
weit sorgfältiger aus dem Wege, als wenn er der jüngste und kräftigste
Forstgehilfe gewesen wäre, denn sie glaubten: er könne mehr als Brot
essen, das heißt, er stände mit verschiedenen über- und unterirdischen
Mächten im Bunde, was sich mit dem Seelenheil eines gewöhnlichen
Christen nicht vertrug. Ging er doch auch in keine Kirche, und man
erzählte sich von ihm im Dorfe die tollsten und abenteuerlichsten
Geschichten -- und doch gab es kaum ein harmloseres Wesen in der weiten
Umgegend, als eben diesen braven alten Forstwart. Nur dem Raubzeug im
Walde, den Füchsen, Mardern, Wieseln, Iltissen und wilden Katzen war
er ein grimmer und schlauer Feind, weil sie Sicherheit und Leben seiner
lieben Waldsänger, der Vögel, bedrohten.
Etwa zehn Minuten Weges -- oder eine halbe Pfeife Tabak, wie die Bauern
manchmal ihre Wege messen -- von dem Rittergut Schildheim entfernt
und dicht am Ufer des kleinen schilfbewachsenen Sees, lag ein sehr
freundliches Dorf gleichen Namens mit einigen wohlhabenden Bauern, wie
auch von den Arbeitern bewohnt, die auf dem Gute ihre Nahrung fanden.
Dort war eben Kirchweih abgehalten worden, und die Bauern und Insassen
feierten jetzt noch -- gewissermaßen zur Erholung von den überstandenen
Festlichkeiten -- die Nachkirchweihe in einer Art von verlängertem
blauen Montag. Die Köpfe wüst von vielem Tanzen und Trinken und den
verschiedenen durchschwärmten Nächten, hatten sie noch keine rechte
Lust, wieder zu ihrer regelmäßigen, steten Arbeit zurückzukehren und
glaubten die Zeit denn natürlich nicht besser anwenden zu können, als
wenn sie das früher begonnene Zechen ein klein wenig länger fortsetzten.
Der arbeitsame Bauer ist schwer aus seiner altgewohnten, täglichen
Beschäftigung herauszubringen; wenn aber einmal draußen, bekommt er
sich selber auch nur äußerst schwer wieder hinein. -- Er weiß das selber
recht gut und läßt sich deshalb eben Zeit dazu.
Im Dorfe war ein ziemlich großes Wirtshaus: Zum Stern; denn die Chaussee
führte um den See herum und wurde besonders stark von Fuhrleuten
befahren, welche die Landesprodukte früher bis an die See nach Wismar,
seit Einrichtung der Eisenbahn aber, mit noch viel lebendigerem Verkehr,
nach der nächsten, etwa sechs Meilen entfernten Eisenbahnstation
schafften. Der Stern bildete denn auch jetzt den Mittelpunkt, in
welchem die Honoratioren des Ortes zusammenkamen, bei Wein oder Bier die
Nachwehen der überstandenen frohen Tage zu vertreiben, und selbst der
alte Verwalter vom Schloß, eigentlich kein Wirtshausgänger, war heute
unter ihnen und saß mit einem Glase Wein vor sich am runden Tisch in der
unteren Stube, denn kaltes, unfreundliches Wetter hatte die Gäste in
das Innere des Hauses getrieben. Der alte Verwalter war aber eigentlich
nicht bloß um zu trinken hergekommen, sondern er brauchte Leute aus dem
Dorfe zur Arbeit, und wußte, wie schwer es hielt, sie selbst von der
Nachkirchweihe fortzulocken. So willig sie sich auch sonst finden
ließen, heute wichen sie ihm aus, und der alte Mann, der nicht hinter
ihnen herlaufen konnte, hatte sich deshalb wie die Spinne hier mitten
in das Netz gesetzt, wo sie ihm, wie er recht gut wußte, doch zuletzt
anlaufen mußten. Neben ihm, ineinandergedrückt und schläfrig, saß ein
anderer alter Gesell, der faule Tobias, wie sie ihn im Dorfe nannten.
Er sah fast wie ein Müller aus, mit seinem hellblauen, weiß bestaubten
Rock, war auch früher ein Müller, und noch dazu ein ganz tüchtiger,
gewesen, und wohnte in der unteren Mühle, aber nur zum Auszug. Er hatte
vor längeren Jahren Mühle wie Anwesen an seinen Schwiegersohn verkauft
und sich nur, wie das häufig Sitte ist, seinen Auszug, das heißt Wohnung
und Verpflegung bis zum Tode, vorbehalten, dann das Geld genommen und
lustig damit gelebt, und jetzt hieß es allgemein, daß er wohl bald mit
der erhaltenen Summe fertig sein müsse. Das aber kümmerte ihn gar wenig.
Ohne die geringste Beschäftigung, war er den Vor- wie Nachmittag sicher
im Stern zu treffen. Nur an warmen Tagen ging er manchmal mit der Angel
an den Bach, aber er war selbst zu faul, Würmer zu suchen, besteckte
seine Angel deshalb nur, legte sie ins Wasser und sich daneben in den
Schatten irgend eines Baumes, und schlief so lange, bis er durstig
wurde. Dann stand er auf, packte sein Angelzeug zusammen und ging wieder
in den Stern, und die Leute im Dorfe nannten ihn so mit Recht den faulen
Tobias.
Daß der Bursche nicht zum Arbeiten zu bringen war, selbst wenn er noch
hätte arbeiten können, wußte der Verwalter recht gut, richtete deshalb
auch kein Wort an ihn, und die beiden saßen eine Weile schweigend neben
einander, wobei Tobias manchmal mit den rotgeränderten und feuchten
Augen nach ihm hinüberblickte, und sich nur bewegte, wenn er sein Glas
hob oder es von frischem füllen ließ.
»Na,« nahm da endlich Tobias das Gespräch auf, denn es verdroß ihn,
daß ihn der Verwalter keines Wortes würdigte, »wird ja jetzt bald ein
anderes Leben in dem alten Schlosse werden, he? -- Kommt heute ein neuer
Pachter hinein, der wahrscheinlich einmal ein bischen reine Bahn macht.«
»Möglich,« sagte Schönle, der Verwalter, trocken. »Euch wird er aber
doch wohl nicht ändern können.«
»Mich? -- ne -- wäre auch schade,« lachte Tobias stillvergnügt vor sich
hin, denn er wußte jetzt, daß er den Verwalter geärgert hatte, »bin so
hübsch genug und muß nun auch so bis an mein Ende -- das Gott der
Herr mir und meinem Schwiegersohn zuliebe wohl noch ein paar Jährchen
hinausschieben wird, -- aufgebraucht werden; hehehe!«
Der Verwalter antwortete ihm nichts darauf, trank einen Schluck aus
seinem Glas und sah ungeduldig nach der Tür. Die Gesellschaft gefiel ihm
nicht, und er wäre gern aufgestanden, hätte er nur irgendwo anders einen
passenden Platz gehabt. Der Alte merkte dies recht wohl, aber noch viel
zudringlicher fuhr er fort: »Es hieß ja einmal eine Weile im Ort, der
Herr Verwalter würden den Pacht selber übernehmen, he? Der gnädige Herr
da draußen hat aber wohl nichts davon wissen wollen? Ja -- ist eine alte
Geschichte: der Prophet gilt nichts im eigenen Lande, hehehe!«
Damit hatte er übrigens, wie er recht gut wußte, des Verwalters
wundesten Fleck getroffen; der alte Mann stand auch auf, trank sein Glas
aus und sagte: »Ihr seid ein unverbesserlicher Schwätzer, Tobias, und
ein so nutzloses Subjekt, wie je auf zwei Beinen herumgetaumelt ist.
Wenn Ihr einmal nüchtern seid, will ich weiter mit Euch reden.« Und
damit wollte er sich von dem höhnisch zu ihm aufschauenden Alten
abdrehen, als die Türe aufgerissen wurde, und einer der Gutsknechte
atemlos hereingestürzt kam.
»Sie sind da -- sie sind da!« schrie der Bursche, ohne nur zu grüßen,
den Verwalter an, »eben fahren sie die Allee hinauf -- zwei Wagen
hintereinander.«
»Alle Wetter!« rief der Verwalter erschreckt, »und ich sitze hier und
verschwatze die Zeit mit dem -- Lump da!« Und ohne weiter einen
Blick zurückzuwerfen, fuhr er aus der Türe, sprang auf sein draußen
angebundenes Pferd, das der Knecht rasch von dem eisernen Ringe löste,
und sprengte, was dieses laufen konnte, den breiten Fahrweg hin, der
nach dem Schlosse hinaufführte. Der alte Tobias sah ihm tückisch nach.
»Lump?« brummte er leise und grimmig vor sich hin, »na, warte, Alter,
den Lump werde ich Dir gedenken, preußischer Dickkopf, der sich
immer aus was besserem gemacht denkt! -- Verwalterhacke, auf eine
Ochsenjungenpeitsche gepfropft -- wenn ich die Zeit nur noch erlebe,
daß sie dich vom Hofe jagen. -- Lump! -- selber einer!« -- und mit den
giftig hervorgestoßenen Worten goß er den letzten Rest seines Kruges
hinunter.
Oben im Schlosse ging es indessen lebhaft zu, denn mit Blitzesschnelle
hatte sich die Nachricht von dem Eintreffen des Gutsherrn, wie des neuen
Pachters, die eigentlich erst auf morgen angesagt waren, verbreitet.
Die Leute sammelten sich rasch im Schloßhofe, und als die Wagen über die
etwas morsche Brücke des sogenannten Teichgrabens rasselten, sprengte
auch schon der Verwalter von der anderen Seite vor das Herrenhaus und
behielt gerade noch Zeit, sein Pferd einem der Knechte zu übergeben und
sich selber dem Pachter anzuschließen, um die Herrschaft zu empfangen.
Die Wirtschafterin war allein nicht fertig geworden und in ihre Kammer
hinaufgesprungen, wo sie in aller Hast und Eile den Schlüssel suchte,
den sie schon von Anfang an in der Hand hielt, um eine reine Schürze
vorzubinden und eine frische Haube aufzusetzen.
Die beiden Wagen hielten jetzt vor dem Herrenhause, der alte Verwalter
sah aber kaum die beiden Herren und die elegant gekleidete Dame, die aus
dem ersten stiegen und von dem Pachter auf das ehrfurchtsvollste begrüßt
wurden. Sein Auge hing vielmehr an dem zweiten, in dem ein ältlicher
Mann mit zwei Kindern saß. Hatte der neue Pachter sich seinen Verwalter
gleich mitgebracht, und konnte er jetzt gehen, um sich auf seine alten
Tage sein Brot wo anders in der Welt zu suchen? Den alten Mann überlief
es siedendheiß; ein eigenes Zittern überkam ihn, und die fremden
Gestalten flimmerten und zuckten ihm vor den Augen, daß er kaum imstande
war, sie voneinander zu unterscheiden. Nur einen von ihnen allen kannte
er schon, den Herrn Rittmeister von Geyerstein, der zuerst aus dem Wagen
gesprungen war und der Dame jetzt die Hand bot, um ihr beim Aussteigen
behilflich zu sein. Wie behend aber gerade die Dame von dem ziemlich
hohen Wagentritt, nur leise die ihr gebotene Hand berührend,
niedersprang! Der Pachter kam dadurch mit der Anrede ganz aus seinem
Konzept, und der Rittmeister hatte seine Hand genommen und geschüttelt,
ehe er imstande gewesen war, ihn zu begrüßen.
Auch die Insassen des zweiten Wagens stiegen jetzt aus, und das
kleine Mädchen hatte zum Entsetzen der Mägde ebenfalls von oben
herunterspringen wollen, aber der ältliche Mann, der bei ihnen saß,
verhinderte sie daran, ließ erst den Wagenschlag öffnen und stieg dann
langsam mit den Kindern aus.
»Da sind wir denn an Ort und Stelle,« sagte jetzt Graf Geyerstein, sich
freundlich zu seinem Begleiter wendend, »und ich hoffe, daß es Ihnen
hier recht gut gefallen wird. Die Gegend ist fruchtbar und nicht ohne
landschaftliche Reize, der hier wohnende Menschenstamm einfach und
bieder, und einzelne der Nachbarn sind vortreffliche Leute, so daß es
sich hier im Notfalle schon leben läßt. Unser alter Pachter hat sich
hier, so viel ich weiß, ganz wohl befunden.«
»Und würde den Platz im Leben nicht verlassen haben, Herr Graf,« sagte
der Mann, »wenn nicht außergewöhnliche Umstände, wie Sie recht gut
wissen, mich dazu genötigt hätten. Ich habe hier eine frohe und
glückliche Zeit verlebt und viel Gutes genossen, und müßte ein
schmählich undankbarer Mensch sein, wenn ich das leugnen oder auch nur
verheimlichen wollte.«
»Der Platz sieht nicht übel und das Gut reinlich und freundlich aus,«
bemerkte jetzt die Dame, die ein dunkles Reisekleid trug, »nur die
Nachbarn scheinen mir ein etwas weitläufiger Begriff.«
»Wir haben es vorderhand auch nicht mit den Nachbarn, sondern mit uns
selber zu tun,« bemerkte rasch der Fremde, »und werden Fleiß darauf zu
wenden haben, uns tüchtig einzuarbeiten.«
»Und darin wird Sie hoffentlich mein alter Verwalter hier nach Kräften
unterstützen. Wie geht's, Schönle?« mit diesen Worten wandte sich der
Graf plötzlich an den alten Mann und reichte ihm die Hand. »Noch immer
frisch und kräftig bei der Arbeit? Ich bringe Euch hier den neuen
Pachter vom Gute, und bitte Euch, nachher einmal auf mein Zimmer
zu kommen. Ich habe manches mit Euch über die neue Einrichtung zu
besprechen.«
»Gnädigster Herr Graf, Erlaucht --« stammelte der alte Mann, und die
freundliche Anrede hatte ihm eine Zentnerlast von der Brust gewälzt,
»Sie können gar nicht glauben -- schon lange darauf gefreut --
heidenglücklich.«
»Schon gut, Alter, schon gut,« nickte ihm der Rittmeister freundlich
zu, und fuhr dann, zu seinem Begleiter gewandt, fort: »Das ist ein altes
Inventar des Gutes, das wir in Ehren halten müssen. Der Mann kennt jeden
Stein und Baum umher, versteht seine Sache und ist brav und ehrlich.
Ich hoffe, ihr sollt gute Freunde mitsammen werden. Gott grüß' euch, ihr
Leute, ich denke, wir gehen hinauf. Die gnädige Frau wird sich
umziehen wollen, um zum Diner bereit zu sein. Schönle, führen Sie die
Herrschaften in die für sie bestimmten Zimmer. Es ist doch alles in
Ordnung gebracht?«
»Alles, Herr Graf,« versicherte der Pachter, »obgleich wir Sie
eigentlich auf morgen erwarteten. -- Vogt, sorgt Ihr dafür, daß die
Sachen augenblicklich hinaufgebracht werden.«
Die Leute hatten sich bei dem an sie gerichteten freundlichen Gruße des
Herrn herzugedrängt und warfen sich jetzt in einem wahren Feuereifer
auf die verschiedenen Koffer und Hutschachteln, da jedes von ihnen
wenigstens einen Teil des Gepäckes tragen und sich dabei diensteifrig
beweisen wollte. War doch ihr junger Herr von allen recht von Herzen
geliebt, und der Tag immer ein Freudenfest, wo er einmal -- was freilich
selten genug geschah -- unter ihnen erschien. Wie die Fremden aber im
Schlosse verschwanden, und das Gepäck an Ort und Stelle abgeliefert war,
blieben sie auch den Blicken der Dienstleute für diesen Tag entzogen,
und die Knechte und Mägde hatten nun Raum, abends in der Gesindestube
ihre Ansichten über den neuen Pachter und seine Begleitung
auszutauschen. Das geschah denn auch ohne Rückhalt, und der gemeine Mann
hat da oft, was das erste Urteil über eine neue Erscheinung betrifft,
einen weit schärferen Blick und gesünderen Takt, als man ihm gewöhnlich
zutraut.
Selbst der Vogt, eine Art Unterverwalter auf dem Gute, eigentlich aber
nur der erste Knecht mit dem Titel Vogt, schien heute das Bedürfnis
gefühlt zu haben, dem übrigen Gesinde, von dem er sich sonst gern
etwas abgesondert hielt, seine Meinung über die neue Pachterfamilie
mitzuteilen. Er stand an dem Ofen, neben dem die Milchmagd eben einige
ausgewaschene Gefäße zum Trocknen aufgestellt hatte, indem er an
seiner Pfeife arbeitete, um sie wieder in Gang zu bringen. Er wartete
augenscheinlich, von den übrigen als Autorität zuerst angeredet zu
werden, und hatte sich darin denn auch nicht getäuscht.
»Na, Vogt,« sagte der erste Schafknecht oder Schäfer, der oben am
Tische saß und, während die Mägde die abgegessenen Schüsseln wieder
hinaustrugen, sein Rauchzeug ebenfalls hervorholte, »da haben wir ja den
neuen Pachter warm aus der Stadt heraus. Wie gefällt er Euch?«
»Gut,« sagte der Vogt, einen langen Spanfidibus an die kurze Pfeife
haltend, »er hat etwas Respektierliches im Aussehen; beinahe so, wie
unser gnädiger Herr selber, wenn er auch mit dem großen Bart ein bischen
wild drein schaut.«
»Uns auch,« meinte der andere Knecht, »und Donnerwetter, wie die Madame,
die neue Pachterin, springen konnte! Die möcht' ich einmal auf dem
Tanzboden sehen; die muß nicht schlecht fliegen können.«
»Wer war nur der Alte, der in dem zweiten Wagen bei den Kindern saß?«
meinte der Schäfer, »das ist ein wunderlicher Kauz. Ueber das Gesicht
zuckt es ihm immer, wie tausend Falten, als ob's ihn an der Nase juckte
und er sich nicht kratzen dürfte.«
»Hm,« meinte der Vogt, »ich denke mir, das wird wohl der Lehrer von den
beiden Kindern sein, den sie sich mitgebracht haben. Erst hielt ich ihn
für einen neuen Verwalter, aber wie ein Oekonom sieht er mir doch nicht
aus, und der Alte bleibt ja auch, das hat ihm der gnädige Herr gleich
versichert.«
»Aber der gnädige Herr sieht recht bleich und abgemagert aus,« sagte
die Großmagd, »er muß gewiß krank gewesen sein. Er war auch so ernst und
still; gar nicht so fröhlich, wie das letzte Mal, wo er hier war.«
»Das macht die Stadtluft,« meinte der Vogt, »in dem vielen
Steinkohlenqualm und Dampf können die Menschen natürlich nicht so gesund
sein, wie hier draußen bei uns in der frischen Luft. Wo soll's denn
herkommen?«
»Ach was!« sagte die Magd, »das ist kein Steinkohlendampf, was dem
gnädigen Herrn auf dem Gesichte liegt, das ist was anderes, viel
schwereres, und ich will ihm zu Gott wünschen, daß er kein geheimes
Herzeleid zu tragen hat.«
»Herzeleid,« lachte der Pferdejunge, der sich hinter den Ofen auf die
Bank gedrückt hatte, und erst vor ein paar Monaten hier angezogen
war, überhaupt ein etwas naseweiser Gesell, »wo soll derlei Herzeleid
herkriegen! Das hat Geld genug, und mit dem Geld kauf' ich dem Teufel
sein Ohr ab in der Welt.«
»Du Gelbschnabel, weißt wohl auch schon, wie es in der Welt aussieht,«
sagte die Großmagd, ihn verächtlich über die Achsel ansehend, »daß
solche -- Nasen, die noch nicht einmal hinter den Ohren trocken sind,
auch schon mitreden wollen!«
»Nun, nu,« sagte der Pferdejunge, »beiß mich nur nicht, Kathrine!« Das
Mädchen aber antwortete ihm gar nicht mehr, und der Vogt meinte: »Die
kleine Deren ist ein fixes Ding, drall und nett, und hält sich wie ein
Grenadier -- der Junge scheint mir's aber hinter den Ohren zu haben. Wie
er den Jahn mit seinen weiten Hosen sah, stieß er heimlich den Alten an,
und der, wenn er auch keine Miene verzog, sah doch aus, als ob er sich
innerlich ausschüttete -- der Junge aber lachte laut heraus.«
»Na, ich möchte wissen, was sie an mir zu lachen fänden,« brummte Jahn,
der Schafknecht.
»Die Madame sieht aber nicht aus, als ob sie Butter und Käse machen
könnte,« meinte die Mittelmagd, ein junges, dralles Ding, »sie trug auch
so neumodische Handschuhe an den Händen, und mit der weißen Haut wird
sie wohl noch keine Garben mit gebunden haben. Das scheinen vornehme
Leut' zu sein, die neuen Pachters.«
»Ja,« meinte der Vogt, »jetzt wird alles in den Schulen und Instituten
aus lauter Büchern gelehrt: das Melken und Käsemachen, und das Ackern
und Eggen, mit dem Pferdeputzen in den Kauf, und das haben sie denn
alles da drin mit Bildern hübsch aufgezeichnet und können es nur so am
Schnürchen hersagen. Den Mist lassen sie ja sogar aus Amerika kommen.
Wie's aber nachher um die Wirtschaft aussieht, das ist eine andere
Sache, und da verexperimentieren sie denn gewöhnlich die ganze Blase,
und unsereiner muß nachher mit den Fäusten wieder dreinspringen und gut
machen, was die klugen Leute alles verdorben haben.«
»Wo war denn der Schafmeister heute, als die Herrschaft kam?« fragte
jetzt der eine Knecht, »der fehlt doch sonst gewöhnlich nicht bei
solcher Gelegenheit.«
»Ich weiß nicht,« meinte der Schafknecht, »drunten im Ort vielleicht...«
»Der wird wieder schön um die neue Herrschaft herumscherwenzeln,« meinte
der Vogt, »aber ich passe ihm diesmal auf die Finger, darauf kann er
sich verlassen.«
»Wenn Ihr nur immer was auf den Schafmeister zu hacken habt,« brummte
Jahn, »der ist lange gut.«
»Aber wozu?« fragte der Vogt, und die anderen lachten. »Wo es was zu
horchen und zu spionieren gibt, ja,« fuhr der Vogt fort, »irgend was der
Herrschaft zu rapportieren, oder anderen Menschen...«
»Jahn,« sagte in dem Augenblick der Schafmeister, der seinen Kopf zur
Türe hereinsteckte, »sieh nach den Schafen, ehe es dunkel wird -- und
Ihr, Vogt, habt wohl auch weiter nichts zu tun, als hier zu schwatzen?«
Und damit schloß sich die Türe wieder, hinter welcher der Schafmeister
wie eine Erscheinung verschwand.
Im ersten Moment herrschte in der Gesindestube Totenstille, nur der
Pferdejunge hinter dem Ofen kicherte leise vor sich hin, dann aber fuhr
der in seiner Würde gekränkte Vogt empor und rief, aber doch noch immer
mit etwas gedämpfter Stimme: »So? -- ich denke wohl, ich werde selber
wissen, was ich zu tun habe, ohne daß ich einen Schafmeister brauche,
der es mir erzählt. Gewisse Leute mögen überhaupt nur denken, daß ihre
Herrschaft jetzt aus und vorbei ist, und die Kriecherei jetzt nichts
mehr hilft, wie vormalen.« Damit aber, als ob er jetzt alles getan
hätte, um die Achtung vor seiner Stellung aufrecht zu erhalten, schob
er seine Pfeife in die Brusttasche, griff seinen Hut auf, und sich zum
Gehen wendend, fuhr er noch einmal die Knechte an: »Und Ihr braucht
auch nicht hier bei hellem, lichtem Tage schon dazusitzen und Maulaffen
feilzuhalten. Der Verwalter wird gleich wieder unten sein, und wer dann
die ewigen Nasen kriegt, das bin ich!« Und mit den Worten fuhr er zur
Türe hinaus, um seinen Aerger womöglich draußen an den Dreschern und
Tagelöhnern auszulassen.
11.
An diesem Abend ließ sich die Herrschaft nicht mehr blicken; das Diner
wurde oben gemeinschaftlich genommen, und dann hatte Graf Geyerstein den
ganzen Abend mit seinem Pachter zu rechnen und zu revidieren, um nur die
nötigsten Vorarbeiten für die auf die nächsten Tage festgesetzte
Uebergabe des Inventars usw. zu beseitigen. Es war zwölf Uhr vorbei, ehe
die beiden Männer zu Bett kamen.
Am nächsten Morgen, früh um acht Uhr, standen schon zwei Pferde
gesattelt vor dem Schlosse, und Graf Geyerstein ritt gleich darauf mit
dem neuen Pachter über die Brücke hinüber und schlug den Weg nach dem
Walde ein. Die Mägde, die draußen Runkelrüben ausmachten, richteten
sich auf und schauten ihnen nach, so weit sie konnten; die beiden Männer
saßen gar zu fest und herrlich im Sattel, und die Tiere schienen zu
wissen, was für tüchtige Reiter sie trugen, denn sie wieherten fröhlich
der frischen Morgenluft entgegen und flogen mit den kräftigen Gliedern
nur so hin über den weichen Rasen. Die Reiter hatten in der Tat ihren
Pferden im Anfang die Zügel gelassen, daß sie nach Gefallen eine Strecke
ausholen konnten. Aber vom Gute weiter entfernt, und als sie jetzt vom
See ab, dem etwa eine Viertelstunde entfernten Holze zu bogen, zügelte
Graf Geyerstein zuerst sein Tier ein, ritt dann dicht bis an die
Holzung, deren mächtige Eichen ihre Riesenarme über sie ausspannten,
und wandte hier den Kopf seines Pferdes der Richtung zu, von der sie
hergekommen waren. Einen besseren Fleck zu einem Ueberblick der ganzen
Nachbarschaft hätte er auch nicht wählen können, und ein reizendes,
landschaftliches Bild lag vor ihnen ausgebreitet. Rechts hob sich,
von einer Masse Fruchtbäume dicht umdrängt, und von einer Reihe hoher,
italienischer Pappeln überragt, das Gut empor, dessen rote Dächer gar
freundlich aus dem dunkeln Grün der Bäume hervorschauten. Gerade voraus
spannte sich die in der Morgensonne blitzende und funkelnde Fläche des
Sees, und zur Linken, längs dem schilfigen Ufer desselben hingebaut, lag
das kleine, freundliche Dörfchen Schildheim, von gelben Stoppelfeldern
und braunen Sturzäckern dicht und reich umgeben. Berge konnte das
Land freilich nicht aufweisen, einzelne wellenförmige Erhöhungen und
Hügelketten ausgenommen, aber heute hatten die Wolken einen Hintergrund
geliefert, und im Südosten hoben sich, wie kühne Alpenjoche, hohe,
milchweiße Massen jach empor, die ganze Landschaft wie in einen Rahmen
schließend.
»Siehst du, Georg,« sagte der Rittmeister, seine Hand hinüber auf des
Bruders Arm legend, »es ist ein schönes, freundliches Land, in das ich
dich geführt, und geht deine Erinnerung weit genug zurück, so mußt du
sogar in dieser noch einen Anhalt finden. Als Kinder haben wir die alte
Großtante hier einmal besucht, bald nachher, als der Onkel gestorben
war, und sind auf dem See dort gefahren, wie wir durch den Wald hier mit
demselben alten Forstwart gezogen, der selbst jetzt noch am Leben ist,
und den wir wahrscheinlich heute morgen sehen werden.«
»Und wie soll ich dir je danken, Wolf, daß du mich eben hierher
geführt?« rief Georg, während eine Träne in seinem männlichen Auge
zitterte, »wie soll ich je...«
»Laß das, Georg,« unterbrach ihn freundlich der Bruder, »glaube mir,
dieser Augenblick wiegt -- alles andere auf, was mich je betroffen haben
könnte, so glücklich, so selig macht er mich selber. Ich weiß dich
aus einem Leben gerettet, das deiner unwürdig war, in dem du hättest
untergehen müssen; ich sehe für unsere Mutter einen unverhofften und
deshalb so viel reicheren Segen an Glück herniedertauen, ich weiß dich
froh und für deine Zukunft gesichert, und wenn das wenige, was ich
getan, wirklich einen Lohn verdient, so finde ich ihn tausendfach in
diesem Gefühl.«
»Mein guter, braver Wolf!« sagte Georg, des Bruders Hand fassend und
herzlich drückend.
»Komm jetzt,« rief Wolf fröhlich, »laß uns absteigen und zu Fuß in den
Wald gehen. Dort drüben sehe ich einen der Holzmacher, dem wir unsere
Tiere übergeben können. Ich selber gehe dann mit dir den Fußpfad durch
das Holz.«