»Herr Graf,« sagte das schöne Weib, indem sie aufstand und ihm

entgegentrat, »ich bin schon einmal von Ihnen mit einer Bitte abgewiesen

worden, aber jetzt weichen Sie mir nicht mehr aus. Fremde Ohren hören

uns nicht, also beantworten Sie mir wahr und offen nur die eine Frage:

wem verdanken wir den Anteil, den Sie uns gezeigt?«

»Madame...«

»Halten Sie es nicht für leere Neugierde,« fuhr die Frau fast bewegt

fort, »es ist mehr als das. Sie haben sich uns mit einer Aufopferung

gewidmet, die für einen Fremden unerklärlich ist. Sie sorgen für unser

Wohl, wie kaum ein Bruder für uns sorgen könnte -- Sie denken auf das

Kleinste wie auf das Größte, Sie müssen sogar Bertrand mit Geldmitteln

unterstützt haben, er wäre sonst nicht imstande, trotz dem, was uns noch

von dem Verkauf der Pferde geblieben, und was ich genau taxieren kann,

ein solches Anwesen, wie dieses, auf dem wir uns jetzt befinden, zu

übernehmen, und so dabei zu leben, wie Sie es für uns in Absicht zu

haben scheinen. Daß dem allen ein Geheimnis zugrunde liegt, haben Sie

mir schon dadurch gestanden -- daß Georg ein anderer ist, als er sich

mir gezeigt. Sie mußten mir so viel eingestehen, denn Sie fühlten, daß

es zu unwahrscheinlich bleiben würde, den Grafen als einfachen Freund

und Protektor des Kunstreiters hinzustellen -- auch unser Namenswechsel

zeigt das an. Aber selbst dieser ist noch darauf berechnet, mich irre

zu führen. Vollenden Sie deshalb -- behandeln Sie mich nicht länger

als eine Fremde -- lassen Sie mich wissen, wem wir diese Aufopferung

verdanken -- welches der wahre Name und Rang meines Mannes ist, und ich

werde dann alles, was in meinen Kräften steht, tun, Sie zu unterstützen.

Verweigern Sie mir aber meine Bitte -- wollen Sie mich als eine Fremde

betrachtet wissen, so -- könnte ich mich an nichts gebunden halten.«

»Georgine,« sagte Georg mit leisem Vorwurf im Ton, »ist es recht, daß du

in den Mann, den du selber unsern Wohltäter nennst, mit solchen Fragen

dringst?«

»Wohltäter?« rief das schöne Weib, sich stolz emporrichtend, »den Namen

leugne ich. Der Wohltaten waren wir nie bedürftig, sind es noch nicht,

denn frei wie der Vogel in der Luft zogen wir unsere Straße, erwarben,

was wir gebrauchten, ja, mehr als das, und durften niemandem dafür

danken, als unserer eigenen Kraft. Das auch ist es allein, was mir jetzt

am Leben zehrt, daß ich nicht mehr mein eigen Brot verdienen soll, daß

ich dem Manne -- daß ich einem Fremden dafür danken muß.«

»Nicht doch, gnädige Frau,« sagte der Graf ernst, »so viel wie je

werden Sie jetzt dazu beitragen müssen, Ihr Brot, wie Sie es nennen, zu

verdienen. Bei einer solchen Wirtschaft ist nicht allein der Mann, der

draußen die Felder baut, der Ernährer und Erhalter, sondern ebensoviel

die Frau, die daheim den Viehstand überwacht, das ganze innere Hauswesen

besorgt und in Ordnung hält. Glauben Sie mir, daß bei einem solchen Gute

fast mehr von der Tüchtigkeit der Frau als von der des Mannes abhängt,

und haben Sie auch noch in diesem Augenblick nicht alle dazu nötigen

Kenntnisse, so wird es Ihnen, mit nur einigem guten Willen, nicht schwer

fallen, sich die anzueignen.«

»Und weshalb nennen Sie mich gnädige Frau? Wir sind hier unter uns, und

Sie wissen, daß mir der Titel nicht gebührt.«

Graf Geyerstein hatte mit sich geschwankt. Auf die erste, fast herzliche

Anrede der Frau war er -- uneinig mit sich, ob es zum Guten oder Bösen

führen könne -- schon fast geneigt gewesen, Georginen, gegen seine

frühere Absicht, in sein Geheimnis einzuweihen. Ihre letzte, halb

versteckte Drohung, ihr zorniges Auffahren jedoch zerstörte den guten

Eindruck wieder, den ihre ersten Worte gemacht. Wer bürgte ihm dafür,

daß die Frau nicht doch über kurz oder lang -- und wenn sie wußte, wer

ihr Gatte war -- zu dem alten liebgewonnenen Leben zurückkehren könne,

und dann war ihrem leichtfertigen Gutdünken das Geheimnis eines edlen

Hauses unwiderruflich anvertraut. So viel aber fühlte er, etwas mußte

ihr jetzt geboten werden, sie wenigstens vorderhand zufrieden zu

stellen, denn sie durfte nicht gereizt und zum Aeußersten getrieben

werden. Mit ruhiger Stimme sagte er deshalb: »Im Gegenteil, gnädige

Frau, ich weiß, daß er Ihnen gebührt, Sie haben recht; ich kenne Ihren

Gatten von früheren Zeiten her. Wir waren, wie ich Ihnen schon gesagt,

Jugendfreunde, ich kenne seine Familie und weiß, wie unglücklich sich

diese fühlen würde, ihn in eine Laufbahn geworfen zu sehen, die --

Sie mögen dafür noch so sehr eingenommen sein -- seinem Stande nicht

entspricht. Ich selber versichere Ihnen aber jetzt, ich handle in dem,

was ich scheinbar für Sie tue, nicht in meinem Namen allein, sondern in

dem seiner Familie, in die Sie selber einst aufgenommen werden können --

wenn Sie Ihr früheres Leben eben vergessen wollen. Denken Sie dabei an

Ihr Kind -- denken Sie, welchen verschiedenen Rang Josefine einst im

Leben einnehmen wird, als Baronesse und als Kunstreiterin. Denken Sie

daran, daß Sie jetzt noch imstande sind, durch Fleiß und Sparsamkeit ihr

auch die Mittel dazu zu verschaffen, und ich bin überzeugt, Sie werden

Ihre neuen Verhältnisse im Leben nicht allein mit anderen Augen ansehen,

sondern Ihrem Gatten auch danken, der Mut und Selbstbeherrschung genug

hatte, einem augenblicklichen und doch nur sehr zweifelhaften Ruhme

zu entsagen, um in stiller Zurückgezogenheit für Sie und sein Kind zu

wirken, und sich später mit seiner Familie wieder auszusöhnen.«

»Und seine Familie heißt in der Tat Geyfeln?« fragte Georgine gespannt.

»Ihr Gatte heißt Georg von Geyfeln,« erwiderte ernst der Graf, »und ich

bin fest überzeugt, daß es Ihnen genügen wird, wenn Sie wissen, daß er

Titel und Namen mit Recht führt.«

»Und wenn es mir nicht genügte?« sagte Georgine.

»Es wird dir genügen,« erwiderte hier, an des Grafen Stelle, Georg mit

finsterem Blick. »Herr Graf, verzeihen Sie der tollen Neugierde einer

Frau, die bis jetzt nur zu sehr gewohnt war, ihren eigenen Launen und

Neigungen zu folgen. Aber ihr Herz ist gut und ihr Verstand klar; sie

wird in kurzer Zeit einsehen lernen, wie töricht sie gehandelt hat, auf

so kindische Weise in Sie zu dringen. Es ist spät, lassen Sie uns zur

Ruhe gehen, denn Sie müssen morgen früh aufbrechen, um den Ort Ihrer

Bestimmung zu erreichen. Daß ich Ihnen dann bald recht gute und

erfreuliche Nachrichten über uns alle geben kann, ist mein heißer

Wunsch, meine feste Hoffnung.«

»Und hoffen Sie das auch, gnädige Frau?«

»Ja,« sagte Georgine, ihre Rechte in die dargebotene Hand des Grafen

legend, es war das erste Mal, daß er sie ihr bot, »ich will sehen,

ob ich mich, wie mein Mann hofft, bessern kann; sonst verspreche ich

vorderhand noch nichts.«

»Auf gute Besserung denn!« lächelte der Graf, hob die Hand Georginens

leise an seine Lippen und verließ, nach einem herzlichen Händedruck

Georgs, rasch das Zimmer.

13.

Es waren nicht ganz drei Monate seit dem Einzuge der neuen Pachtersleute

auf Schildheim vergangen, und dieser Zeit hatte es auch bedurft, um

die volle Einrichtung der Uebersiedelten, das volle Eingewöhnen in

ihr neues, ihnen vollkommen fremdes Leben zu regeln und festzustellen

-- und vieles hatte sich in der Zeit geändert. Georg arbeitete in der

Zeit mit dem alten Verwalter aus allen Kräften, sich die für ihn

unumgänglich nötigen Kenntnisse zu erwerben, und da sich der Platz als

vollkommen geeignet dazu erwies, legte er sogar den Grund zu einer

Rassenverbesserung der Pferde und Stuterei -- und besser verstand

niemand mit Pferden umzugehen als er. Für Karl waren zu gleicher Zeit

die nötigen Einrichtungen getroffen, daß er die Schule in Schildheim

regelmäßig besuchte und zugleich Privatstunden bekam; denn der große

Bursche war in allem, was Lernen betraf, noch hinter den kleinsten

Knaben weit zurück! Ein junger Mann wurde dazu, trotzdem daß sich

Georgine im Anfange dagegen sträubte, ins Haus genommen und ihm die

Aufsicht über den Knaben besonders übergeben. Die Erzieherin, die Wolf

von Geyerstein für Josefine besorgte, erwies sich ebenfalls

vortrefflich, und in einigen Jahren hoffte Georg die Kinder so weit

gebracht zu haben, daß sie sich, ihren Altersgenossen gegenüber, nicht

mehr zu schämen brauchten.

Selbst Georgine schien sich in das neue Leben zu finden, und besonders

waren es in der ersten Zeit die neuen Bekanntschaften, die sie

fesselten. Auf zwei Nachbargütern in der Nähe lebten nämlich zwei sehr

liebe Familien, ein ganz jung verheiratetes Paar aus dem Preußischen,

und ein alter mecklenburgischer Major, der hier sehr bedeutende

Besitzungen mit besonders herrlichen Waldungen liegen hatte. Dieser

brachte den größten Teil des Jahres auf seinem Gute zu, sah sehr viel

Besuch bei sich und machte ein großes Haus, in dem die landesübliche

Gastfreundschaft im reichsten Maße herrschte -- daß ihm die lebendige,

bildschöne Nachbarin dabei nur willkommen war, läßt sich denken.

Natürlich wurde sie dort bald von einer Schar müßiger junger Herren

umschwärmt, und so gleichgültig Georg das in früherer Zeit und unter

anderen Verhältnissen liegend, geduldet hatte, so überkam ihn jetzt

dabei ein unbehagliches, demütigendes Gefühl -- ein Mittelding

zwischen erwachendem Stolz und Eifersucht, das er nicht niederzukämpfen

vermochte. Er machte Georginen deshalb freundliche, indes leere

Vorstellungen, denn sie lachte ihn aus und fragte ihn, ob er glaube,

daß sie hier zwischen den Bauern ebenfalls verbauern solle. Daß sie sich

amüsiere, wo ihr die Gelegenheit dazu überhaupt nur so spärlich geboten

werde, dürfe er ihr nicht verdenken, und außerdem sei sie es sich selber

und »ihrem Rang« schuldig, den Ton, der nun einmal in der vornehmen Welt

herrsche, anzunehmen.

Eine andere Sorge machte dem Manne der Alte, der, jetzt mit gar keiner

Beschäftigung, da er sich durchaus nicht zu einer geregelten Arbeit

entschließen wollte, der Flasche zusprach, wo er dazu gelangen konnte --

und leider fand er dafür nur zu häufig Gelegenheit. Allerdings hielt er

sich dabei stets auf seinem Zimmer, aber Georg fürchtete mit Recht, daß

er sich einmal wirklich betrinken und dann den Dienstleuten nicht allein

ein Aergernis geben, sondern auch verraten könne, zu welcher Klasse des

Volkes er eigentlich gehöre. War es ihm doch nicht entgangen, daß der

alte Verwalter, wenn er sich unbemerkt glaubte, schon manchmal heimlich

den Kopf über das etwas wunderliche und rohe Benehmen des Mannes

geschüttelt hatte, und welches Licht mußte eine solche Entdeckung dann

auf seine Frau, auf ihn selber zurückwerfen! Die einzige Beschäftigung,

zu der sich Mühler verstehen wollte, war die, daß er sich einen aus

dem Dorfe gehalten Spitz abrichtete, und stundenlang saß er mit diesem

zusammen eingeschlossen, ihm allerlei tolle Kunststücke beizubringen.

Den Hund nannte er Hanswurst, und er kam nicht mehr von seiner Seite.

Georg sah das alles, ohne irgend eine Aenderung herbeiführen zu können,

und fühlte jetzt erst in seiner ganzen Schwere den Fluch seines früheren

tollen Lebens, das ihn, den Edelmann, unter die Hefe des Volkes geworfen

hatte. Jetzt verdammte es ihn dazu, nicht allein mit solch rohem

Menschen, wie dieser Mühler, zusammen zu leben und auszuhalten, nein, es

zwang ihn sogar, ihn als Verwandten anzuerkennen und in seiner eigenen

Familie zu halten. Das war freilich nicht mehr zu ändern -- es mußte

ertragen werden und erforderte nur all seine Klugheit und Wachsamkeit,

um den fatalen Folgen, die es möglicherweise für seine und der Seinigen

Zukunft haben könne, vorzubeugen.

Allerdings sprach er offen mit seiner Frau darüber, und machte ihr

einmal sogar den Vorschlag, dem Alten irgend eine Heimat entfernt von

ihnen zu gründen, und ihm -- wenn auch mit großen Opfern -- dasselbe,

was er früher als Gehalt bezogen, als Pension zu sichern. Aber Georgine

wollte nichts davon hören -- fürchtete sie vielleicht, daß sie durch

ein Fortschicken des Vaters die Partei schwächen könne, mit der sie noch

immer dem Gatten gegenüberstand?

Der alte Mühler unterstützte sie allerdings nicht in ihren noch

schlummernden Plänen: dem müßigen Leben wieder zu entsagen und zu ihrer

»Kunst« zurückzukehren; denn er selber hatte von dieser Kunst nur eine

sehr geringe Meinung und fühlte sich keineswegs geneigt, das ruhige

Schlaraffenleben, das er jetzt führte, mit der alten unbequemen

Narrenjacke so bald wieder zu vertauschen. Aber er war doch da -- und

bildete dadurch den Anknüpfungspunkt, durch den sie an ihre frühere

fröhliche Zeit zurückdenken, sich wieder hineinversetzen konnte, und

sie mochte sich deshalb nicht von ihm trennen. Nicht kindliche Liebe

fesselte sie an den alten Mann, sondern die Erinnerung ihrer Triumphe,

und die konnte und wollte sie nicht vergessen.

Und wenn sie dann so manchmal allein in ihrer Stube saß, wenn die

gefährliche Dämmerstunde kam und sie im Geiste nun wieder an den mit

Menschen gefüllten Zirkus dachte, der in Ungeduld sie, ihr Erscheinen

erwartete -- wenn sie sich dann wieder und wieder sagte, jetzt --

jetzt galt das Zeichen dir, da draußen im Lichterglanz, von Tausenden

umjubelt, auf flüchtigem Rosse dahinzufliegen -- wenn sie den

Beifall, das Jauchzen der Menge hörte, und dann plötzlich, zu düsterer

Wirklichkeit erwachend, die trübe Lampe neben sich brennen, die kalten,

engen Räume um sich sah, da ballte sich die kleine, weiße Faust oft

ungeduldig zusammen, der zarte Fuß stampfte den Boden, und ihr trotziger

Sinn grübelte und sann, wie er sich dem unwillig getragenen Zwange

entziehen sollte.

Und was machten sie hier aus ihrem Kinde -- aus ihrer Josefine?

eine Modedame vielleicht, mit leerem Titel, ohne Vermögen -- eine

Pachterstochter auf dem Lande, die sich in Sieg und Jubel ihre Bahn im

Leben selbst erkämpfen konnte. Und sie mußte es dulden, mußte zusehen,

wie hier Tag für Tag in tatenloser Ruhe langsam, zäh verstrich -- es war

zum Verzweifeln -- aber niemand kümmerte sich mehr um ihren Schmerz, um

ihre Ungeduld. Wo sie vergöttert war, wurde sie jetzt schon vergessen,

und wenige Jahre nur vielleicht, und die Leute draußen, das schwankende,

Veränderung liebende Publikum kannte sie nicht einmal mehr, und doch nur

dieses schwankenden, nach Veränderung haschenden Publikums wegen sehnte

sie sich fort aus ihrer stillen Häuslichkeit, die Millionen anderer

Frauen gesegnet und gehegt haben würden als ihr teuerstes Kleinod.

Georg hatte in dieser Zeit viel auf dem Felde und im Walde zu tun, und

fand dabei auch in der Jagd eine angenehme und seinem Körper zusagende,

seinem Geist entsprechende Erholung -- Georgine dagegen war viel allein

und deshalb launischer als je, so daß ihr selbst ihr Vater aus dem Wege

ging. Da sich übrigens im Schlosse niemand um ihn kümmerte, und Karl,

sehr gegen seine Wünsche, den ganzen Tag mit Lernen beschäftigt

gehalten wurde, schlenderte der alte Mühler einmal in solcher Zeit zur

Abwechselung nach Schildheim hinaus, weniger freilich, um die Gegend

kennen zu lernen, als im Stern einzukehren und ein Glas zu trinken.

Hier fand er den unvermeidlichen Stammgast, den »faulen Tobias«,

der behaglich hinter dem Ofen kauerte, an einem alten, entsetzlich

schmutzigen und verbrannten Maserkopf sog, und seinen Krug Bier neben

sich auf der Bank stehen hatte.

»Holla!« sagte Tobias, als der Alte zur Tür hereinkam und sich unfern

von ihm, nach kurzem Gruß, an einen der um diese Zeit leeren Tische

setzte, »ich dächte gar, das wäre der Schwiegervater vom preußischen

Gute oben. Schön willkommen, das ist gescheit, daß Ihr auch einmal zu

unsereinem heruntersteigt« -- und er hielt ihm sein Glas zum Anstoßen

hin.

»Ist ein verdammt langweiliges Leben da oben,« brummte der Alte, indem

er mit ihm anstieß, »muß doch auch einmal heraus und frische Luft

schöpfen.«

»Gescheit,« lachte Tobias stillvergnügt, Gesellschaft gefunden zu haben,

»und das kann man meiner Meinung nach am allerbesten im Wirtshause.

Nirgends ist man so ungestört und daheim, wie an so einem Orte, und wenn

ich mein Glas Bier bezahle, gehört die ganze Bescherung mir.«

»Hört einmal, Kamerad,« sagte der Alte zutraulich, »Ihr seid der erste

vernünftige Mensch, den ich hier im ganzen Neste finde, und ich denke,

ich werde öfter hier herunterkommen. Hol' die da oben der Henker! denn

mein Bier will ich im Frieden trinken und mich nicht damit verstecken.«

»Verstecken? oho! halten sie Euch so knapp?« lachte Tobias.

»Knapp? -- verdamm' es,« murmelte der Alte, »ich bin alt genug, mich

selber zu halten, wie ich es gerade für nötig finde.«

»Na, nichts für ungut -- meinte nur so,« entschuldigte sich Tobias, der

mit dem »Schwiegervater«, wie der Alte, ohne daß er es wußte, in der

Nachbarschaft hieß, keinen Wortwechsel haben wollte.

»Ihr seid ein Müller, wie?« fragte Mühler nach einer kleinen Pause, in

der er sein Bier ausgetrunken und jetzt mit dem Deckel klappte, sich den

Krug wieder füllen zu lassen. Er sah dabei den faulen Tobias von oben

bis unten an.

»Gewesen,« meinte Tobias, »habe das Geschäft aber aufgegeben und es den

Kindern überlassen -- lebe so behaglicher. Was ist Euer Geschäft, wenn

man fragen darf?«

»Meins?« wiederholte der Alte, durch die Frage doch in Verlegenheit

gebracht, »hm, ich -- revidiere die Rechnungen und -- und besorge die

Schreibereien.«

»Aber Ihr seht mir nicht aus wie ein Oekonom.«

»Nicht?« lachte jener verschmitzt vor sich hin, »bin auch mein ganzes

Leben nichts weniger als das gewesen. Habe studiert, in meinen jungen

Jahren versteht sich -- sage Euch, habe ein verteufeltes Studium

durchgemacht und könnte manchem Professor was zu raten aufgeben, aber --

wenn man alt wird, versteht Ihr, macht man eben nicht mehr viel Gebrauch

davon.«

»So? -- studiert?« sagte Tobias, nur mit einem unbestimmten Begriff von

der Bedeutung des Wortes, »des Schulmeisters Fritze hat auch studiert,

ist aber nie was Rechtes aus ihm geworden. -- Konnte das Sitzen nicht

vertragen, wie er meinte. -- Muß nicht hübsch sein, das Studieren!«

»Und was treibt Ihr nun so hier das ganze Leben durch?«

»Wir? verteufelt wenig. -- So lange man jung ist und das Leben genießen

könnte, hat man Plackerei und Schinderei genug -- und wird man alt --

ja, dann ist's eben vorbei, und man kann weiter nichts tun, als sich

ausruhen -- und das gönnen sie einem nicht einmal.«

»Guten Tag mitsammen,« sagte in dem Augenblick eine tiefe Stimme, und

der alte Forstwart Barthold trat in die Stube.

»Guten Tag, alter Waldläufer,« lachte Tobias, während sich Mühler nach

dem neu Eintretenden umschaute, »na, wo hast du wieder gesteckt?«

»Ich habe ein paar Eisen für Fischottern gelegt,« sagte der Forstwart,

»nimm dich in acht, Tobias, wenn du unter dem Wehr etwa herumkriechen

solltest -- in der Mühle hab' ich es auch schon gesagt -- du könntest

sonst einmal einen von deinen alten Hinterläufen unversehens in einen

Schwanenhals hinein bekommen, und die Dinger spaßen eben nicht.«

»Ich habe nichts unten am Wehr zu suchen,« sagte Tobias, »die Fischerei

ist vorbei, und bei dem Wetter gehe ich außerdem nicht raus. Du wirst

aber auch was Rechtes fangen. Daß du's nur nicht satt kriegst, die Eisen

aufzustellen und in dem kalten Wasser herumzupatschen; es geht dir doch

keine Otter hinein.«

»Kann man nicht wissen,« meinte der Forstwart, »und gearbeitet muß doch

sein. So bequem wie du können wir's nicht alle haben. Herr Wirt, einen

Bittern!«

»Hol's der Teufel, mir auch einen!« sagte Mühler, »mit dem kalten Bier

verschwemmt man sich nur den Magen.«

»Ich habe auch nichts dagegen,« stimmte Tobias ein, »bei der Kälte

draußen kann man schon was Warmes im Leibe vertragen. Ich begreife nur

nicht, wie du Winter und Sommer Freude daran finden kannst, draußen im

Walde herumzukriechen. Aus den Wasserstiefeln kommst du im Leben nicht

heraus -- ich glaube, du schläfst drin.«

»Manchmal nachmittags, ja,« lächelte der alte Mann, »aber ich will dir

etwas sagen, Tobias: wem's nicht gegeben ist, der kann auch im Walde

keine Freude finden, so wie du und deinesgleichen, die eben nur Büsche

und Bäume drin sehen.«

»Na, siehst du was anderes drin?« lachte Tobias.

»Allerdings tu' ich das,« erwiderte der alte Mann und wurde auf einmal

dabei ganz ernst, ja, fast feierlich, »und wenn ich dir auch das jetzt

sage, Tobias, wirst du mich doch nicht verstehen. Aber das schadet

auch nichts -- gute Lehren und Wahrheiten werden oft weggeworfen, aber

manchmal bleibt doch ein Korn davon hängen und fällt auf guten Boden,

wie der Baum auch seinen Samen über das dürrste Land hinstreut. Irgend

ein Körnchen wurzelt doch vielleicht und treibt dann wieder einen jungen

Baum.«

Ende des ersten Bandes.

[ Hinweise zur Transkription

Gegenüber der Erstausgabe aus dem Jahr 1861 wurde die vorliegende

Ausgabe im Jahr 1914 überarbeitet, ohne dem Werk gerecht zu werden:

Modernisierung der Rechtschreibung, großenteils Verzicht auf

Texthervorhebungen in gesperrter Schrift, Verzicht auf Textmarkierungen

in Antiqua-Schrift, teilweise Zusammenlegen von Absätzen, teilweise

Änderung von Textpassagen, Neuaufteilung der drei Bände des Buches.

* * * * *

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext

beibehalten. Änderungen in der Schreibweise sind in der nachstehenden

Liste ausgewiesen, Änderungen in der Zeichensetzung nicht.

Änderungen:

Seitenangabe

originaler Text

geänderter Text

Seite 5

[Satz an das Ende der Seite 6 verschoben]

»Und nicht wahr, Komtesse, die fehlt Ihnen?« lächelte der Graf.

Seite 7

rief die Komtesse Rosalie, Meladies jüngere Schwecher

rief die Komtesse Rosalie, Melanies jüngere Schwester

Seite 9

in dem ihm das geringste Außergewöhnliche schon störte

in dem ihn das geringste Außergewöhnliche schon störte

Er soll in seiner Kust ganz Ausgezeichnetes leisten

Er soll in seiner Kunst ganz Ausgezeichnetes leisten

Seite 11

Barett auf dem Kopfe mit wallenden schneeweißen Staußenfedern

Barett auf dem Kopfe mit wallenden schneeweißen Straußenfedern

Seite 13

das Gesichcht auf die grellste Weise bemalt

das Gesicht auf die grellste Weise bemalt

Seite 15

Zeit wenigstens bis nuen Uhr in Anspruch nimmt

Zeit wenigstens bis neun Uhr in Anspruch nimmt

Seite 16

zu Diensten -- wenn Exellenz es gestatten

zu Diensten -- wenn Exzellenz es gestatten

[Zeile 23 verschoben nach Seite 17, Zeile 10]

riesengroßen, farbigen Anschlagzetteln Außer-

Seite 18

In der Reitbhn selber, die durch einen

In der Reitbahn selber, die durch einen

sich fünf- oder sechmal dabei überschlagend

sich fünf- oder sechsmal dabei überschlagend

Seite 20

dem kleinen Wesen, das in jeder seiner Bewegung

dem kleinen Wesen, das in jeder seiner Bewegungen

Seite 25

sprengte das wundeschöne Weib des Kunstreiters

sprengte das wunderschöne Weib des Kunstreiters

Seite 32

zum Seilltänzer erzogen ist, denn mit seiner Erscheinung

zum Seiltänzer erzogen ist, denn mit seiner Erscheinung

Seite 39

der Bajazzo mit seinen gliederverenkenden Künsten

der Bajazzo mit seinen gliederverrenkenden Künsten

Seite 43

die mit feiner, zierlicher Schrift gestochenenen Worte

die mit feiner, zierlicher Schrift gestochenen Worte

tönte ihm schon ein lauets »Herein!«

tönte ihm schon ein lautes »Herein!«

Seite 53

Sie sind schon längere Zeit versheiratet, Madame?

Sie sind schon längere Zeit verheiratet, Madame?

Seite 59

ohne die beiden aber nur im mindesten zu beachten

ohne die beiden aber nur im Mindesten zu beachten

Seite 60

die den Tollkopf auch noch zuredete

die dem Tollkopf auch noch zuredete

Seite 67

Ueber den Landgrafenplatz welzte sich

Ueber den Landgrafenplatz wälzte sich

Seite 70

heimlich, aber deshlab nicht weniger gut gemeint

heimlich, aber deshalb nicht weniger gut gemeint

Seite 77

Also befehlen Königlliche Hoheit?

Also befehlen Königliche Hoheit?

Seite 81

werden sich überdies bald wieder zurückziehn

werden sich überdies bald wieder zurückziehen

Seite 87

sagte in diesem Augenblick eine vorwurfvolle Stimme

sagte in diesem Augenblick eine vorwurfsvolle Stimme

Seite 88

die alte Exellenz weiß auch wohl

die alte Exzellenz weiß auch wohl

Seite 89

Sie sind unausstehlig heute, Graf!

Sie sind unausstehlich heute, Graf!

Der Kunstreiter, 1. Band · 第 10 / 11 段