den kleinen, tiefliegenden Augen finster und verdrossen in die dicht vor
ihm flackernde Lampe hinein. Aber wo war jetzt der tolle Humor in diesen
Zügen, der noch vor wenigen Viertelstunden das Volk da draußen hatte
aufjauchzen und jubeln machen? Wo war die Laune geblieben, mit der er
sich dem Stallmeister zwischen die Füße warf und seinen Körper verrenkte
und durcheinanderwand, nur um dem süßen Pöbel zu gefallen? Nichts
von alledem ließ sich mehr in dem finstern, verdrossenen und doch so
entsetzlich bemalten Angesicht erkennen, auf das die Lampe jetzt ihr
volles, grelles Licht warf. Scharf und verzerrt schnitten dabei die
weißgemalten Streifen desselben ein, während das Zinnoberrot ordentlich
leuchtete und die beiden Augen unter den tief herabgezogenen buschigen
Brauen wie ein paar Stücke rotheißen Eisens funkelten. Fest hatte sich
dabei die magere, sehnige Hand in das lange, dünne Haar gekrallt, das
zwischen den Fingern in spärlichen Locken herausquoll, und ein
eigener Ausdruck von Trotz, Grimm und Ekel lag in den tiefgefurchten,
farbebestrichenen Zügen. Georgine war neben ihm stehen geblieben, und
den weißen, vollen Arm auf den Tisch stützend, sagte sie mit leiser, wie
höhnisch klingender Stimme: »Und willst du ein Bauer werden?«
»Warum nicht?« erwiderte der Mann, ohne seine Stellung auch nur um
ein Haar breit zu verändern, »immer noch besser ein Bauer als ein --
Hanswurst.«
»So zieht ihr beiden allein zwischen eure Schafe und Kühe!« rief das
junge, schöne Weib, in wildem Zorn emporfahrend, »ich selber weiß, was
ich mir und Josefinen schuldig bin, und den will ich sehen, der mich
zwingen will, draußen zwischen Kraut- und Kartoffelfeldern mein Leben zu
beschließen!«
»Niemand Georgine, niemand!« sagte in diesem Augenblicke die tiefe,
klangvolle Stimme Georg Bertrands, der unbemerkt von den beiden in die
Tür getreten und auf der Schwelle stehen geblieben war. »Wenn du es
übers Herz bringen kannst, deinen Gatten allein ziehen zu lassen, allein
deinen Weg dir in der Welt zu bahnen, in Gottes Namen dann, ich kann und
werde dich nicht daran hindern.«
»Nicht?« rief die Frau erstaunt, ja überrascht nach ihm herumfahrend,
»du würdest dich von mir und Josefinen trennen wollen?«
»Von Josefinen? -- nein,« sagte der Mann ruhig, indem er seinen Hut auf
den Stuhl neben der Türe legte und langsam jetzt ins Zimmer trat.
»Von Josefinen nicht?« rief in schnell wieder aufloderndem Zorne die
Frau, »welche Macht der Erde wird das Kind von der Mutter trennen?«
»Das Gesetz,« erwiderte mit dem vorigen Gleichmut ihr Gatte, »das Gesetz
spricht nach dem siebenten Jahre das Kind dem Vater zu.«
»Du darfst mir Josefinen nicht nehmen,« zischte da Georgine zwischen den
zusammengebissenen Zähnen durch, »du weißt, daß ich ohne das Kind nicht
leben kann, daß ich mit mehr als Mutterliebe an ihm hange, daß sie mein
ein und mein alles ist auf dieser Welt -- du kannst und darfst mich
nicht töten -- und mir das Kind nehmen, hieße mehr als mich morden.«
»Und will ich das?« erwiderte Georg, jetzt vor sie tretend und ihre Hand
ergreifend, »habe ich nicht Bitten auf Bitten an dich verschwendet, mir
und dem Kinde das Opfer zu bringen, diesem unseligen Leben zu entsagen?
Hat nicht Josefine selber dich gebeten, mich nicht zu verlassen und
draußen in der freundlichen Natur zu vergessen, was dich hier berauscht
-- den Beifall der Menge! -- Georgine, kann dir denn nicht ein
häusliches Familienglück, das du noch gar nicht kennst und das nur
zu bald seinen Zauber um dich breiten wird, das Jauchzen und
Beifallklatschen fremder, gleichgültiger Menschen ersetzen? Lebst du
denn nur für diese Masse, die dir nichts, gar nichts entgegenbringt,
als nur das Verlangen, auf angenehme Weise amüsiert zu werden, und
die gleichgültig selbst an deinem Sarge vorübergehen würde, wenn ein
unglücklicher Fall dich in der nächsten Stunde vielleicht abriefe?«
»Nach meinem Tode? Nicht so viel kümmere ich mich darum!« rief das
schöne Weib verächtlich. »Ob sie mich lieben werden oder hassen, was
liegt daran! Nur dieses Leben ist mein, nur dem Leben gehöre ich an. Was
schert mich die Liebe oder der Haß des Volkes nach dem Tode!«
»Und ich? -- und dein Kind?« sagte Georg mit weicher Stimme.
»Wenn ihr mich liebtet, quältet ihr mich nicht so,« rief die Frau
zurück. »Du weißt, daß ich so wenig für das Land passe, wie dein Araber
zum Karrenziehen und Ackern; die Hand möchte ich sehen, die uns beide
dazu zwingen kann.«
»Du weißt,« sagte Georg ruhig, »daß ich den Araber zu allem zwang, wozu
ich ihn haben wollte.«
»Aber mich nicht, Georg, mich bei Gott nicht!« rief die Frau, wieder
zu voller Heftigkeit ausbrechend. »Versuch' es nicht, du möchtest es
bereuen.«
»Es ist zu spät, darüber noch zu reden,« sagte fest entschlossen Georg,
»Heut' abend nach der Vorstellung habe ich den Handel über mein letztes
Pferd abgeschlossen, die wenigen ausgenommen, die ich mit mir zu nehmen
gedenke, und morgen schon verlassen wir ***, um keine weitere Messe mehr
zu besuchen. Die Gesellschaft ist aufgelöst, die Leute werden morgen
ausgezahlt, und ich und Josefine ziehen hinauf nach Mecklenburg, ein
neues Leben von heute an zu beginnen.«
»Und glaubst du, daß ich das Kind dir gutwillig lassen werde?« fragte
Georgine, und ihre ganze Gestalt zitterte in der furchtbaren Bewegung,
die sich ihrer bemächtigt hatte.
»Du mußt, Georgine,« lautete die feste Antwort, »die Gesetze schützen
mich darin -- wenn ich deren Schutz anrufen müßte. Ich habe mich genau
danach erkundigt, Josefine ist über sieben Jahre alt, und das Gesetz
spricht in diesem Falle dem Vater des Kindes, falls sich die Eltern
trennen sollten, das Recht zu, über seine Zukunft zu wachen und zu
bestimmen.«
»Und wer hat dich mit den Gesetzen so genau bekannt gemacht? -- glaubst
du nicht, daß ich deinen Helfershelfer errate?«
»Wenn du den Mann meinen Helfershelfer nennst, der mir wie einem
Ertrinkenden die Hand bietet, mich aus einem Leben zu erretten, das mich
die letzten Jahre nur zwischen Verzweiflung und Selbstmord schwanken
ließ, so hast du recht,« sagte Georg düster.
»Zwischen Verzweiflung und Selbstmord, du?« rief erstaunt die Frau,
»du, der nur Lust und Stolz in der Ausübung seiner Kunst fand, dem an
Kühnheit und Geschicklichkeit keiner gleichkam?«
»Es ist gut,« erwiderte der Mann, ernst mit der Hand abwehrend, »die
Zeiten sind, Gott sei Dank, vorbei, denn du kennst mein früheres Leben
nicht, weißt nicht, kannst nicht wissen, was ich gelitten und geduldet
habe, um es zu vergessen. Jetzt endlich ist mir Rettung geboten; jetzt
streckt sich mir eine Hand entgegen, mich zurück zu Sicherheit und Ruhe
zu führen, und, beim ewigen Gott! ich will sie nicht undankbar von mir
stoßen. -- Du kennst mich, du weißt, daß ich durchführe, wozu ich einmal
fest entschlossen bin; glaube also nicht, mich durch zornige Worte oder
machtlose Drohungen schwanken zu machen. Auch dir bietet sich die Hand,
auch für dich ist die Hilfe gemeint. Folge deshalb meinem Rat, -- folge
deinem Gatten -- deinem Kinde, und stürze dich nicht wieder einem Leben
entgegen, an dem du jetzt vielleicht Freude findest, in dem du aber doch
mit der Zeit rettungslos untergehen müßtest.«
»Er hat recht, Gine,« sagte auch der Alte, der, ohne bis jetzt seine
Stellung zu verändern, aufmerksam den Worten Bertrands gelauscht und
nur manchmal langsam dazu mit dem Kopfe genickt hatte. »Wir alle werden
nicht jünger, und ein solcher Schlupfwinkel für's Alter bietet sich
nicht einem jeden von uns. Der rote Kaspar war zu meiner Zeit, wie ich
noch in Bundhosen herumlief, ein so toller Hanswurst, wie es je
einen gegeben hat: die Banden zahlten ihm damals schon sechs- bis
siebenhundert Taler jährlich mit Kußhand, und er brauchte sich noch
nicht einmal bei ihnen zu bedanken. Auf der Messe jetzt habe ich ihn
mit einem abgeschnittenen Beine und einer Drehorgel und Mordgeschichten
getroffen, und ich mußte ihm ein paar Groschen geben, daß er nur endlich
einmal wieder, wie er meinte, etwas Warmes in den Leib bekäme. Ich
selber habe nicht die geringste Lust, in meinen alten Tagen mit einer
Drehorgel oder mit Fleckseife im Lande herumzureisen, Winter und Sommer
draußen auf den Straßen zu liegen und den Bauernlümmeln die alten,
schmierigen Rockkragen abzuseifen oder schreckliche Blutgeschichten
vorzuleiern, in denen zuletzt immer die Polizei gelobt wird. Ich und der
Karl, wir gehen mit. Der Karl soll auch Oekonom werden, daß er mir nicht
den Hals bricht, wie sein Vater, was ihm der lahme Jörgen schon vor vier
Jahren prophezeit hat.«
»Geh mit uns, Georgine,« bat da auch Bertrand, mit weit mehr
Herzlichkeit, als er bisher zu ihr gesprochen. -- »Versuche es nur
einmal ein Jahr mit uns, und du wirst sehen, daß du gar rasch und
freudig dich in den neuen Zustand findest. -- Du kennst das stille,
bürgerliche Leben ja noch gar nicht; weißt nicht, ahnst noch nicht
einmal, welche Reize und Genüsse es bietet. Bleibe bei uns, bleibe bei
deinem Kinde, dem doch kein Fremder je die Mutter wird ersetzen können.«
»Soll ich Komödie in deinem Familienkreise spielen?« fragte das schöne
Weib höhnisch, in dem sie mit untergeschlagenen Armen vor dem Gatten
stehen blieb.
»Nenne es die erste Zeit, wie du willst,« sagte Bertrand ruhig, »nur zu
bald wirst du doch einsehen lernen, daß du nie mehr dein eigener Herr
gewesen, als gerade in jenem einfach natürlichen Leben auf dem Lande!«
»Und glaubst du wirklich, daß du mich je zur Bäuerin machen
könntest,« lachte Georgine, indem sie in Verachtung und Zorn die schön
geschnittenen Lippen emporwarf, »ich hätte gedacht, daß du mich besser
kennen solltest.«
»Und du willst mir wenigstens gestatten, den Versuch zu machen?«
»Nein -- dreimal und tausendmal nein!« rief Georgine mit wieder
aufloderndem Zorn, »bis ich nicht sicher weiß, daß die Gesetze dir
wirklich erlauben, mir mein Kind zu stehlen. Ich zweifle nicht an der
Möglichkeit, denn ihr Männer habt die Gesetze gemacht, und was gilt euch
das Herz einer Mutter? Aber selber erfragen will ich erst die Schmach,
und ist das sicher -- gut -- dann gehe ich mit euch. Von Josefinen kann,
will ich mich nicht trennen, und über sie wachen werde ich dort, wie die
Löwin über ihr Junges. Versucht es dann, sie mir abtrünnig zu machen.«
»Bah!« sagte der Alte, unwillig seinen Kopf schüttelnd, »schwatze keinen
Unsinn; es will sie dir niemand stehlen, und Georg ist am kleinen Finger
vernünftiger, als du am ganzen Leibe. Beschlafe die Geschichte; morgen
wirst du vernünftiger darüber denken. Morgen halte ich dann auch Auktion
mit dem Plunder hier oder werfe ihn am liebsten auf die Straße hinaus.
Ich wäre doch wirklich neugierig, zu sehen, ob es noch solch einen
Narren hier im Neste gäbe, der ihn aufhöbe. Jetzt macht, daß ihr zu Bett
kommt. Es ist ein Uhr vorbei und mir sind alle Knochen im Leibe schon
wie zerschlagen.«
Mit diesen Worten zündete er sich einen Stummel Talglicht an, der auf
der Kommode stand, nahm seine Mütze wieder aus der Ecke hervor und
verließ langsam, ohne eine »Gute Nacht« weiter für nötig zu halten, das
Zimmer.
9.
Am nächsten Morgen saß Komtesse Melanie allein in ihrem Boudoir. Rosalie
war mit Luisen ausgefahren -- sie selber hatte sie nicht begleiten
können oder wollen -- und Kopfschmerzen, Unwohlsein vorgeschützt. Sie
war in der Tat nicht wohl, wenigstens ganz ungewöhnlich aufgeregt und
unruhig, und nahm bald ein Buch zur Hand, ein paar Seiten desselben zu
durchblättern, bald begann sie an einer angefangenen Zeichnung, bald an
einer Stickerei und schob nach wenigen Minuten alles wieder beiseite, um
sich auf das Sofa zu werfen und ihren eigenen Gedanken nachzuhangen. So
war es zwölf Uhr geworden, als es leise an die Türe klopfte und auf ihr
Herein ein Diener eintrat, welcher meldete: der Herr Rittmeister von
Geyerstein lasse anfragen, ob er der gnädigen Komtesse seine Aufwartung
machen dürfe.
»Graf Geyerstein?« rief Melanie, fast erschreckt von dem Sofa
emporfahrend. Die Ueberraschung dauerte aber nur wenige Momente, denn
schon im nächsten Augenblicke wieder vollständig gesammelt, sagte sie
ruhig: »Es wird mir sehr angenehm sein, führen Sie den Grafen herein!«
Wenige Minuten später hörte sie draußen den festen, klirrenden Schritt
des Offiziers, und der Graf stand in ihrem Zimmer, ehe sie selber sich
genug gefaßt hatte, ihn ruhig begrüßen zu können.
»Komtesse,« sagte der Rittmeister, sich förmlicher vor ihr verneigend,
als er sonst als alter, gern gesehener Freund des Hauses getan, »Ihr
Herr Vater trägt die Schuld einer Störung, wenn ich Ihnen eine solche
verursacht habe, denn mein Dienst rief mich zu ihm, und da er für den
Augenblick noch beschäftigt ist, war er so gütig, mich indes zu Ihnen
herüberzuweisen -- ich wäre sonst nicht so früh bei Ihnen erschienen.«
Eine rasche, freundliche Entgegnung lag schon auf Melanies Lippen, aber
sie zwang sie zurück und sagte artig, aber lange nicht mit der gewohnten
Zärtlichkeit im Ton und Ausdruck: »Mein Vater weiß recht gut, daß Sie
uns immer willkommen sind, auch ohne die Entschuldigung, Herr Graf.«
»Aber auch ohne die Veranlassung hätte ich Sie heute noch aufgesucht,
Komtesse,« nahm der Graf nach einer leisen Verbeugung wieder das Wort,
indem er sich, einer einladenden Handbewegung Melanies folgend, auf
einen Stuhl ihr gegenüber niederließ, »denn ich wollte mich auf einige
Zeit von Ihnen verabschieden.«
»Sie wollen fort von hier?« rief Melanie schneller und mit weit mehr
Teilnahme, als sie vielleicht zu verraten willens war.
»Nur auf kurze Zeit; auf eine, vielleicht auf einige Wochen; und zwar
in Angelegenheiten, die meine Anwesenheit auf einer meiner Besitzungen
dringend nötig machen. Ich habe dazu den Urlaub vom Fürsten erbeten und
erhalten.«
Melanie sah zu ihm auf und vermochte keine Silbe als Antwort zu finden.
Allerlei wunderliche, wirre Gedanken kreuzten ihr Hirn. Jetzt gerade
wollte er fort? -- jetzt, wo -- sie durfte dem nicht weiter folgen --
und so kalt, so förmlich nahm er jetzt Abschied, er mußte bemerkt haben,
wie sie Graf Selikoff bevorzugte. -- Und weshalb nicht? War sie nicht
frei, zu tun, zu lassen, was sie wollte, war sie nicht von ihm, der
so kalt und eisern vor ihr saß, schändlich, schmählich betrogen und
verraten worden? -- und wenn nicht? -- -- Auch der Graf schwieg; das
Herz war ihm voll und schwer, und dem kalten, förmlichen Empfang des
Wesens gegenüber, das er mehr als sein eigenes Leben liebte, hatte er
sich bezwungen, hatte er ebenso kalt und ruhig von ihr scheiden wollen
-- scheiden vielleicht für ein ganzes Leben, indem sie sich von nun
an nur als Fremde wieder begegnen sollten. Als er aber die Bewegung
in Melanies Zügen sah, als ihm nicht verborgen bleiben konnte, daß die
Jungfrau, so kalt und abgemessen sie sich auch gezeigt, doch vielleicht
mehr, ja innigeren Anteil an ihm nehme, da raffte er sich selber auch
empor, und mit bewegter Stimme sagte er: »Komtesse -- Melanie -- es ist
in letzter Zeit etwas zwischen uns gewesen -- was, weiß nur Gott -- was
aber nicht sein sollte.«
»Zwischen uns, Herr Graf?« unterbrach ihn, wie erstaunt, Melanie, die
durch die Worte rasch zu sich selbst gerufen wurde.
»Stoßen Sie mich nicht so ungehört zurück,« fuhr der Rittmeister, der
jetzt einmal das Eis gebrochen hatte, fort. »Womit ich Sie beleidigt
oder gekränkt haben mag, ich weiß es nicht -- wissentlich nicht, beim
ewigen Gott, und nur ein Mißverständnis kann es deshalb sein, was Sie
in diesen Tagen mir entfremdet hat. Sehen Sie mich nicht so stolz an,
Melanie, Sie waren sonst so offen, so ehrlich gegen mich -- o, lassen
Sie die Zeit, die liebe, liebe Zeit, nicht so mit einem Schlage
abgebrochen sein. Sagen Sie mir, was ich getan, was ich verbrochen habe,
gestatten Sie mir dann, daß ich mich verteidige.«
»Was Sie getan, Herr Graf,« erwiderte Melanie, der bei der Erinnerung
alles dessen, über das sie Ursache zu haben glaubte -- gerechte Ursache
-- zu zürnen, das Blut mit voller Macht in Wange und Schläfe strömte,
»ich glaube nicht, daß es mir zusteht, Sie über irgend etwas, was
Sie getan haben könnten, zur Rede zu stellen. Hätten Sie es für gut
gefunden, mich irgend eines Schrittes wegen, den Sie zu tun gedachten,
um Rat zu fragen, wäre es vielleicht etwas anderes, doch so...«
»O, weichen Sie mir nicht aus,« bat Geyerstein in herzlichem Tone und
von der Gewalt des Augenblicks hingerissen, »Melanie Sie müssen wissen,
wie mein Herz...«
»Herr Graf -- nicht weiter, wenn ich bitten darf,« unterbrach ihn
plötzlich mit ernstem, strengem Tone die junge Gräfin, indem sie sich zu
ihrer vollen Höhe stolz, ja fast zürnend emporrichtete. -- »Ersparen
Sie sich und mir ein Thema, das nur für beide Teile -- schmerzlich enden
kann.«
»Melanie!« rief Geyerstein entsetzt, »was, um aller Heiligen willen...«
»Sie vergaßen wohl in dem Augenblick,« fuhr die Komtesse fort, und ihre
Züge glichen jetzt denen einer Marmorbüste, »das Verhältnis, in dem Sie
zu der Seiltänzergruppe jenes Bertrand stehen? -- Sie vergaßen...«
»Großer Gott!« stöhnte der Rittmeister, und bleich, wie das ihm
gegenüberstehende schöne Weib, fuhr er von seinem Sitz empor.
»Wie das Geheimnis zu meinen Ohren kam,« fuhr Melanie kalt und ruhig
fort, »bleibt sich gleich, Sie selber bestätigen alles durch Ihr
Schweigen. -- Jetzt aber werden Sie doch auch wohl fühlen, daß zwischen
uns nicht mehr von den Empfindungen des Herzens die Rede sein kann. Die
Tochter des Grafen von Ralphen dünkt sich zu gut...«
»Halten Sie ein, Komtesse!« rief der Graf mit ausgestreckter Hand
und fast tonloser Stimme, »sagen Sie nichts weiter! Es ist genug --
übergenug -- und das wenige selbst -- hätte sich vielleicht auf weniger
harter Weise sagen lassen -- aber es ist geschehen. Sie haben nicht zu
fürchten, daß ich Ihnen je wieder mit Wort oder Blick nur nahen werde --
dennoch bitte ich Sie, in den Augen der Welt...«
»Fürchten Sie nicht, daß ich Ihr Geheimnis mißbrauchen werde,«
unterbrach ihn Melanie, »wie immer die Welt auch wohl dergleichen
beurteilen möchte. Was ich gesprochen, sprach ich nur für mich, und wie
ich glaube, war ich das mir und meiner Stellung in der Welt schuldig.
Aber ich höre meinen Vater -- er wird kommen, um Sie abzurufen.«
Der Graf neigte sich ehrerbietig, aber kalt vor ihr, er hatte seine
ganze Fassung und Männlichkeit wiedergewonnen, und in demselben
Augenblick auch fast öffnete sich die Tür, in welcher der
Kriegsminister, schon in Uniform, um gleich nachher zum Fürsten zu
fahren, erschien.
»So, mein lieber Geyerstein,« sagte er freundlich, als er dem jungen
Manne die Hand entgegenstreckte, »jetzt bin ich mit allem fertig
und stehe Ihnen noch auf eine halbe Stunde zu Diensten. Er will uns
davonlaufen, Melanie, will hinauf nach Mecklenburg und Hirsche
schießen, Güter einrichten, und Gott weiß was alles. Wir werden Sie hier
vermissen, Geyerstein, und Rosalie besonders wird untröstlich darüber
sein. Wo steckt denn das Mädchen überhaupt heute morgen -- wohl wieder
ausgefahren? Aber du siehst so blaß heute aus, Melanie; fehlt dir was,
mein Kind?«
»Nichts, lieber Vater -- nur ein wenig Kopfschmerz hatte ich heute, und
habe deshalb Rosalie auch nicht begleitet. Es wird bald vorübergehen.«
»Exzellenz gestatten mir dann vielleicht, Ihnen oben in Ihrem Zimmer die
Papiere vorzulegen,« sagte Graf Geyerstein.
»Schön; wenn Sie alles bei der Hand haben, desto besser. -- Apropos, Sie
sind auf heute mittag schon versagt? Ich möchte Sie gern noch so lange
als möglich bei uns haben.«
»Ich muß unendlich bedauern...«
»Machen Sie um Gottes willen keine Umstände; Sie sollen nicht im
mindesten geniert sein. Also kommen Sie. -- Adieu, mein liebes Kind;
lies nicht zu viel, das nimmt dir den Kopf nur noch mehr ein.«
Graf Geyerstein verabschiedete sich bei der Komtesse mit einer tiefen
Verbeugung, und ebenso förmlich dankte ihm die Dame. Der alte Herr
bemerkte das aber nicht; er übersah schon flüchtig die Papiere, die ihm
der Rittmeister eben übergeben hatte, und mit freundlichem Kopfnicken
nur von seiner Tochter Abschied nehmend, verließ er gleich darauf, von
dem Grafen gefolgt, das Zimmer.
Melanie blieb, als die beiden Männer die Tür hinter sich geschlossen
hatten, noch eine ganze Weile stumm und regungslos stehen. Hatte aber
auch ihr stolzer Geist in dem entscheidenden Moment den Sieg über das
nur zu schwache Herz davongetragen, jetzt -- jetzt vermochte sie nicht
mehr. Ein leises Frösteln flog über ihren Körper, sie schwankte zum
Sofa, barg das bleiche Antlitz in den Händen und weinte -- weinte, als
ob ihr Herz vor unendlichem Weh zerbrechen müsse in der Brust.
10.
Oben, inmitten des schönen Mecklenburger Landes, an einem der kleinen
reizenden Seen, lag das nicht unbeträchtliche Rittergut Schildheim, seit
undenklichen Zeiten schon einem alten Mecklenburger Geschlecht erb- und
eigentümlich. Der letzte desselben heiratete eine Komtesse Geyerstein
aus einer Nebenlinie im nordöstlichen Preußen, und um sie die Heimat
nicht so sehr vermissen zu lassen, wurde damals das alte, durchaus neu
restaurierte Gut ganz nach preußischer Art eingerichtet; ja sogar einen
preußischen Verwalter und eine Wirtschafterin brachte die junge Frau
mit dorthin, sowie Leute von ihren eigenen Gütern, und Schildheim hieß
demnach und von der Zeit an in der Umgegend nur »das preußische
Gut«. Der Besitzer starb, aber seine Witwe, eine Großtante Wolfs von
Geyerstein, überlebte ihn noch viele Jahre, und als auch sie in der
Familiengruft beigesetzt wurde, ging das Gut durch Erbschaft an Wolfs
Mutter über.
Mit den Jahren hatte sich jetzt dort vieles verändert. Die
Wirtschafterin war gestorben und eine andere aus dem Lande selber
angenommen worden. Dann hatte ein Pächter das Ganze übernommen, und die
preußischen, dazu gehörigen Familien verdingten sich teils auf anderen
Gütern, teils hatten sie sich selber etwas erspart und einen eigenen
kleinen Grundbesitz gekauft. Nur die Gebäude waren noch die alten und
der Name »das preußische Gut« ebenfalls auf dem alten Herrensitze haften
geblieben. Die Leute in der Nachbarschaft kannten es fast unter keiner
andern Benennung, und doch verdiente sie das Gut schon lange nicht mehr.
Von den eigentlichen, dort hinübergezogenen Preußen lebte in der Tat nur
noch einer, der alte Verwalter, ein Mann hoch in die Sechzig aber mit
noch rüstigen Kräften, der samt den Dienstleuten der seligen Besitzerin,
und zwar als Ochsenjunge, herübergekommen war und sich durch Fleiß und
ehrliches Betragen zu solchem Ehrenposten aufgeschwungen hatte. Das
eigentliche Inventar aus ältester Zeit blieb aber eine andere, höchst
eigentümliche Persönlichkeit, und das war der alte Forstwart, wie er
dort überall hieß. Dieser, ein origineller Kauz, aber ein durchaus
braver und rechtlicher Mann, hatte seine Karriere auf dem preußischen
Gute von der Pike auf gemacht, das heißt vom Holzdieb bis zum Forstwart,
wo er halten blieb, und jetzt, in seinem hohen Alter, eigentlich mehr
das Gnadenbrot aß, als noch wirklichen Nutzen leistete. Dabei hing er
an dem alten Platz, besonders an seinem Walde -- denn um die Menschen
bekümmerte er sich wenig oder gar nicht -- mit einer Zuneigung, die man
in dem sonst so abgeschlossenen und selbst scheuen Gesellen gar nicht
gesucht haben würde.