Luise von Mechern, aus einem altadligen Geschlecht stammend, war durch

die Empfehlung des ***schen Gesandten nach *** und in das Ralphensche

Haus gekommen, wo sie die Stelle einer Gouvernante bei Rosalien und

ihrer jüngsten, erst siebenjährigen Schwester ausfüllte und zugleich

mit musterhafter Ordnung die Wirtschaft der nichts weniger als

wirtschaftlichen Exzellenz führte. Luise von Mechern war ein liebes,

bescheidenes und dabei höchst geistreiches, gebildetes Wesen, das jede

Stellung im Leben vollkommen ausgefüllt haben würde. Aber ihr

Körper hatte mit ihrem Geiste nicht Schritt gehalten, und einer

Unvorsichtigkeit der Wärterin in frühesten Jugendjahren verdankte sie

ein Uebel, das sie jetzt durch das ganze Leben tragen mußte. Ihr Gesicht

war bildschön, ein wahrhaft griechisches Profil mit großen, sprechenden

blauen Augen, dunklem vollen Haar und feinen, edlen Zügen, aber -- ihre

rechte Schulter war verwachsen und dadurch dem übrigen Körper nicht die

nötige freie Entwicklung geworden. Wie bald vergaß man aber, sobald

man näher mit ihr bekannt wurde, diesen körperlichen Fehler in all den

geistigen Vorzügen, die ihr eigen waren, und welchen wohltätigen Einfluß

übte sie dabei auf die Erziehung der ihr anvertrauten Kinder, ja durch

ihren Umgang selbst auf Melanie aus! Die Töchter des Kriegsministers

hingen auch mit treuer Liebe an dem jungen Mädchen, und Melanie

besonders fühlte, welch ein wohltätiger Geist der Ordnung in ihr ganzes

Haus gekommen sei, seit Luise von Mechern mit ihrem stillen, einfachen

Wesen die Leitung desselben übernommen hatte. Nur Frau von Ralphen

schien das nicht zu bemerken oder wenn sie es bemerkte, dies für

der Ordnung gemäß zu halten. Daß die angenommene Gouvernante und

Wirtschafterin ihre Pflicht tat, verstand sich von selbst; eine weitere

Anerkennung blieb deshalb überflüssig. Frau von Ralphen war nicht etwa

eine böse oder übermäßig strenge Frau -- ihren Kindern gegenüber hätte

sie sogar noch bedeutend strenger sein dürfen. Aber sie fühlte, daß sie

in der Residenz eine sehr bedeutende Rolle spiele; sie wußte und war

überzeugt, daß sie zu den »ersten Damen« des Landes gehöre, und dadurch

stolz, rücksichtslos stolz gegen alle geworden, die unter ihr standen.

Das gerade gab denn auch oft ihrem Betragen und ganzen Wesen eine

Härte und Schroffheit, die unter anderen Umständen ihrem sonst wirklich

weichen und guten Herzen fern geblieben wären.

Luise ertrug das aber mit einer wahren Engelsgeduld. Still und

freundlich, mit der ihr eigentümlichen sanften und immer guten Laune,

vermied sie jede Klippe, die zwischen ihr und der Exzellenz hätte zu

einem Wortwechsel führen können, fügte sich ihren kleinen Eigenheiten,

ohne sich selber je das geringste dabei zu vergeben, und

erwiderte zugleich von ganzer Seele die Liebe, die ihr die Kinder

entgegenbrachten. Nur in Gesellschaft, selbst bei einem einzelnen

Besuche, fühlte sie sich gedrückt. Sie wußte, wie sehr sie mit ihrem

Körper, dem raschen, oberflächlichen Urteil der Welt gegenüber im

Nachteil war, und suchte es soviel als möglich zu vermeiden, dem zu

begegnen. Darin unterstützte indessen die Exzellenz sie nicht; denn ob

sie nun Luisen wirklich nicht entbehren konnte oder gar heimlich fühlte,

daß durch die Gegenwart der unscheinbaren Gouvernante die Erscheinung

ihrer eigenen Töchter gehoben würde -- wer vermag im Innern eines

menschlichen Herzens zu lesen? -- aber Luise mußte stets und in

jeder Gesellschaft erscheinen, und nur die dringendste Abhaltung oder

wirkliches Unwohlsein konnte sie entschuldigen. Von den gewöhnlichen

Gästen wurde sie aber selten oder nie beachtet. Die Damen besonders

nahmen nie Notiz von ihr -- es war ja nur die Gouvernante, wenn auch aus

einer edlen, vielleicht edleren Familie, als sie selber, entsprossen.

Nur Graf Geyerstein hatte sich gern und viel mit ihr unterhalten,

in früheren Zeiten sogar manche Partie Schach, das sie meisterhaft

spielte, mit ihr gezogen, und an Melanies Seite stundenlang ihrem

seelenvollen Vortrage auf dem Piano gelauscht. Das alles nahm sie still

und dankbar hin, zog sich nach solchen Abenden aber immer um so viel

scheuer in sich selbst zurück. Dergleichen Abende waren aber auch in

der letzten Zeit viel seltener geworden, ja hatten sogar in der letzten

Woche ganz aufgehört, und vielleicht dachte Luise, als ihr Auge vorhin

so ernst und fast traurig auf dem Grafen ruhte, _jener_ Zeit -- war er

ihr doch indessen fast fremd geworden.

Und Graf Geyerstein? -- er kam sich selber hier fast wie ein Fremder

vor. -- War es Melanies verändertes Betragen, über das er sich nicht

täuschen konnte? -- war es des Bruders Schicksal, das in der letzten

Zeit seine Seele so erfüllt, ihn fast die ganze übrige Welt darüber

vergessen zu lassen? -- war es der fremde junge Russe, der, kaum hier

eingeführt, sich mit einer Zuversicht und Sicherheit in diesen Räumen

bewegte, als ob er selber schon seit Jahren des Hauses intimster Freund

gewesen? -- Er wußte es nicht -- nur wie ein dunkler, unheimlicher

Schatten lag es auf seinem Herzen, und die hell erleuchteten,

menschenbelebten Gemächer kamen ihm tot, öde und einsam vor, als ob

er hier allein gestanden hätte. Da tönte plötzlich ein helles, reines

Lachen an sein Ohr. -- Das war Melanies Stimme; unter Tausenden hätte

er sie ja herausgekannt. Er wandte rasch den Kopf dorthin -- der fremde

Graf mußte ihr gerade etwas unendlich Komisches erzählt haben, denn ihr

Antlitz strahlte vor Laune und Uebermut.

»Herr Graf,« flüsterte in diesem Augenblick eine leise Stimme an seiner

Seite, und Luise von Mechern suchte ihn durch die Anrede auf den Lakaien

aufmerksam zu machen, der mit dem Teeservice auf dem silbernen Teller

bis jetzt vergebens bemüht gewesen war, dem Rittmeister die Erfrischung

zu präsentieren. Der Graf sah aber nichts weiter als Melanies halb von

ihm abgedrehtes glückliches Gesicht. Nur einen flüchtigen Blick warf

er herum, der Anrede zu, und wandte sich, ohne das junge Mädchen, das

schüchtern neben ihm stand, auch nur zu bemerken, mit einem einfachen

»Ich danke« wieder ab.

Der Lakai balanzierte seinen Präsentierteller nicht ohne

Geschicklichkeit weiter, zwischen den verschiedenen beweglichen Gruppen

durch, und Luise selber schrak schüchtern zurück. Rosalie aber kam jetzt

mit ihrer Mappe herbeigehüpft, und den Grafen am Arm nehmend, der

sich ihr nicht entziehen durfte, führte sie ihn in ein kleines, etwas

abgesondertes Seitenkabinett, dort ungestört seinen Beifall über die

wirklich mit vielem Talent und fast nur unter der Leitung Luisens

ausgeführten Skizzen einzuernten. Hier sollten sie aber nicht lange

ungestört bleiben, denn Fräulein von Zahbern hatte den Grafen schon

vorher nicht aus den Augen verloren und folgte ihnen bald, sich

anscheinend den ausgebreiteten Zeichnungen Rosaliens mit größtem

Interesse widmend. In der Tat aber suchte sie nur die Durchsicht

derselben zu beschleunigen, und als die Komtesse, von der Anwesenheit

der jungen Dame eben nicht erfreut, ihre Arbeiten wieder zusammenlegte

und forttrug, ergriff Fräulein von Zahbern des Grafen Arm und flüsterte:

»Aber sagen Sie mir nur um Gottes willen, Herr Graf, wollen Sie denn den

Kampf ganz ohne Schwertstreich aufgeben?«

»Den Kampf, mein gnädiges Fräulein?«

»Ah, stellen Sie sich nicht, als ob Sie nicht verständen, was ich

meine,« rief die Dame rasch, »wir haben hier auch keine Zeit durch

Aufklärungen zu versäumen. Sie _müssen_ doch sehen, daß jener Russe

Sturm auf Melanies Herz läuft.«

»Und glauben Sie nicht, daß die Festung stark genug sein wird, sich

zu halten?« sagte der Rittmeister lächelnd, während aber doch ein ganz

eigenes Weh sein Herz durchzuckte.

»Nein!« rief das Fräulein rasch und entschieden, wenn auch noch immer

mit unterdrückter Stimme. »Sie sind entweder erschrecklich leichtsinnig

oder erschrecklich -- zuversichtlich, wenn Sie die Gefahr nicht sehen

_wollen_, die Ihnen droht.«

»Aber woher auf einmal diese Teilnahme für mich, mein gnädiges

Fräulein?« sagte der junge Mann mit viel größerer Ruhe, als Fräulein von

Zahbern wohl erwartet haben mochte.

»Aus Patriotismus. Ich _hasse_ die Russen, und _diesen_ Russen...«

»Vor allen anderen?«

»Nein -- ärgern Sie mich nicht -- _diesen_ Russen gönne ich eben Melanie

nicht. Die ganze Stadt weiß ja doch, daß _Sie_ für sie schwärmen.«

»Die ganze Stadt weiß oft mehr von uns, als wir selber wissen,« sagte

der Graf trocken.

»Mehr wenigstens, als uns oft lieb ist,« ergänzte das gnädige Fräulein

mit einem bezeichnenden Blick auf den Rittmeister selber, der jedoch an

diesem machtlos abglitt. »Sie aber, Herr Graf,« setzte sie dann, als sie

es bemerkte, hinzu, »sind mir ein vollkommenes Rätsel und entweder der

-- durchtriebenste oder der unschuldigste Mann, dem ich in meinem ganzen

Leben begegnet bin.«

»Lassen Sie uns das letztere hoffen, mein gnädiges Fräulein,« sagte der

Rittmeister, dem das Gespräch unangenehm zu werden anfing. »Wir sollen

von unseren Mitmenschen immer nur das Beste denken.«

»Also muß ich denken, daß Sie jede Bewerbung um Melanie aufgegeben

haben?« sagte Fräulein von Zahbern mit kaum verheimlichtem Aerger.

»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte der Rittmeister, durch die unzarte

Frage verletzt, »meine Ansichten und Wünsche können hier nicht gut in

solcher Weise von uns beiden verhandelt werden. Komtesse Melanie ist

jedenfalls ihre eigene Gebieterin, und vollständig fähig und berechtigt,

solche Bewerbungen, die ihr nicht anstehen, zurückzuweisen. Bewirbt sich

Graf Selikoff wirklich um sie, so wird sie auch entscheiden, ob sie das

günstig oder ungünstig aufzunehmen hat. Ein drittes dabei wäre, meiner

Meinung nach -- überflüssig.«

»Und wenn der Graf _ältere_ Verpflichtungen hätte?« sagte die Dame

gereizt.

»Graf Selikoff ist, soweit ich bis jetzt über ihn urteilen kann,«

erwiderte kalt der Rittmeister, »ein Ehrenmann und deshalb einer

unedlen Tat unfähig. Wie dem aber auch sei, meine Gnädige, die _älteren_

Ansprüche würden in dem Falle nichts weiter zu tun haben, als -- sich

geltend zu machen.« Fast unwillkürlich hatte er sich bei diesen Worten

dem Eingange des Kabinetts zugewandt, an dem gerade zwei alte Geheimräte

eine fast leidenschaftliche Debatte über Schnupftabak führten. Andere

Gruppen auf und ab wandelnder Gäste waren ebenfalls in die Nähe

gekommen, und Graf Geyerstein glaubte zu hören, daß sein eigener Name

genannt würde. Er drehte sich danach um und sah unfern von sich den

alten General von Schoden mit seiner Tochter Euphrosyne und Melanie, die

mit dem Grafen Selikoff in ein eifriges Gespräch verwickelt schienen.

»Ich kann Ihnen nicht helfen, Komtesse,« lachte der alte General, »aber

die Sache ist so, wie ich sage: Monsieur Bertrand gibt seine Truppe auf

oder verkauft wenigstens seine Pferde, denn ich weiß aus ganz sicherer

Quelle, daß er den Falben mit dem weißen Hinterfuß und den Fuchs mit der

schwarzen Mähne, die beiden Prachtpferde, dem General Beuter zum Verkauf

angeboten hat.«

»Und ich berufe mich nochmals auf Graf Geyerstein,« erwiderte Melanie,

jetzt kaum zwei Schritt von dem Rittmeister entfernt. »Der Graf ist

_sehr_ genau mit der Truppe bekannt und hätte uns doch, wenn sich die

Sache wirklich so verhielte, gewiß schon ein Wort davon gesagt, da er

weiß, wie großen Anteil wir daran nehmen.«

»Es tut mir leid, Komtesse, in diesem Streite nicht auf Ihrer Seite

kämpfen zu können,« fiel hier Graf Selikoff mit etwas gebrochenem

Deutsch ein, »aber der General hat recht, den Falben wie den einen

weißen arabischen Hengst habe ich sogar selber gekauft, um beide nach

Petersburg zu schicken.«

Melanie schien im Anfang die Worte gar nicht zu hören, denn ihr Blick

hing fest und forschend an den Zügen des Rittmeisters; aber diesen

Moment des Selbstvergessens bezwang sie rasch und zu dem Russen gewandt,

sagte sie: »In der Tat? -- das hätte ich nicht geglaubt. -- Was mag den

Mann dazu bewogen haben? Herr Rittmeister, wissen _Sie_ vielleicht

etwas Näheres über diesen überraschenden Verkauf? Will sich vielleicht

Monsieur Bertrand ganz dem Seiltanz widmen?«

»Ich bedauere unendlich, Komtesse,« erwiderte ruhig Graf Geyerstein,

»Ihnen nichts Näheres darüber mitteilen zu können. Es ist sogar dies

das erste Wort, das ich von dem Verkauf höre, ich muß also doch nicht so

genau davon unterrichtet sein.«

Komtesse Melanie schwieg und eine fliegende Röte färbte ihr für einen

Augenblick Wangen und Nacken, um gleich darauf wieder, so rasch wie sie

gekommen, zu verschwinden. Fräulein von Zahbern aber, mit dem Interesse,

das sie an _jeder_ Stadtneuigkeit nahm, rief erstaunt: »Ist es denn

möglich, Monsieur Bertrand will sein Geschäft aufgeben? Aber das kann ja

gar nicht sein, oder er hat sich genug verdient, um den Kunstreiter an

den Nagel zu hängen und den Rentier zu spielen. Da freue ich mich nur,

daß _wir_ ihn noch zu guter Letzt gehabt und gesehen haben. Und seine

Frau reitet nun also auch nicht mehr?«

»Nur Vermutungen von unserer Seite, meine Gnädige,« sagte der alte

General von Schoden. »Wir wissen selber darüber nicht mehr als Sie.«

»Ich finde es auch so erstaunlich unweiblich, zu reiten,« bemerkte

Fräulein Euphrosyne von Schoden, »ich muß gestehen, ich hätte die

Vorstellungen um keinen Preis wieder besucht.«

»Larifari!« lachte der alte General, »wegen der kurzen Röcke? -- mit

langen Reifröcken können sie auf keinem Pferd herumtanzen.«

»Aber, Papa, ich bitte dich um Gottes willen...«

»Ich fragte Monsieur Bertrand,« fiel hier Graf Selikoff ein, »ob er

die Absicht habe, seine Reitkunst aufzugeben, erhielt von ihm aber nur

ausweichende Antworten. Die Sache kann übrigens kein Geheimnis bleiben,

denn seine Truppe wird uns bald darüber aufklären, wenn er es selber

nicht für nötig finden sollte.«

»In der Stadt erzählt man,« nahm hier der hinzutretende Intendant

das Wort, »daß sich Monsieur Bertrand schon wegen des unterlassenen

Seiltanzes zwischen den beiden Türmen sehr heftig mit seiner Frau

gezankt habe, und die beiden sich wollten scheiden lassen.«

»In der Tat?« rief Melanie schnell, und ihr Blick streifte fast

unwillkürlich den Rittmeister.

»Ja, meine Gnädigste,« versicherte Herr von Zühbig mit wichtiger Miene,

indem sich seine Stirn in dichte Falten zog, »Madame Bertrand scheint

etwas heftiger, selbständiger Natur zu sein, wie alle diese Art Damen,

und es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie das Geschäft _ohne_ Herrn

Bertrand allein fortsetzen würde.«

»Ohne Pferde?« fragte der General.

»Ohne Pferde? -- Pardon! nein.«

»Aber ihr Mann verkauft sie alle.«

»Ha, dann dressiert sie vielleicht andere! Es ist ein pompöses Weib,

diese Madame Bertrand, ein kleiner Teufel -- wie ich mir habe sagen

lassen.«

»Es kann ja auch sein,« nahm hier Melanie das Wort, »daß sie sich selber

nach Ruhe sehnt, und vielleicht in stiller Zurückgezogenheit ihr Leben

nach so vielen Gefahren und -- Aufregungen zu genießen gedenkt.«

»_Sehr_ leicht möglich, meine Gnädigste, _sehr_ leicht möglich!« rief

Herr von Zühbig mit einem lüsternen Lächeln um die Lippen. »Man munkelt

sogar in der Stadt von einer Liaison, die verlockend genug sein sollte,

selbst den schönen Monsieur Bertrand aufzugeben.«

»Sie sind boshaft, Baron,« sagte Melanie, indem sie fühlte, daß ihr

das Herzblut selbst zu Eis gerann. Aber sie wagte nicht in diesem

Augenblicke, zu dem Rittmeister aufzuschauen.

»Die Stadt wird nie müde,« sagte da Graf Geyersteins ruhige, klangvolle

Stimme, »dergleichen Erzählungen zu erfinden, und es gibt auch stets

gefällige und geschäftige Menschen, die sie weiter tragen.«

»Ich sage nur nach, was mir erzählt worden ist!« rief von Zühbig rasch.

»Natürlich, Herr Intendant,« lachte Fräulein von Zahbern, »mehr tun wir

alle nicht. Wenn wir alle so finster und schweigsam wären, wie der Herr

Rittmeister, so hörte jede Unterhaltung auf, und man säße in stiller

Selbstbeschauung nebeneinander, eine Tasse Tee mit Würde zu trinken.

Hahahaha -- eine solche Damengesellschaft möchte ich einmal sehen!«

»Haben Sie keine Furcht, mein gnädiges Fräulein,« lachte der alte

General, »hier in *** passiert Ihnen das nicht, ihr Weiber müßt einmal

klatschen, das ist euer Erbfehler...«

»Aber, bester Papa...«

»Und du, Euphrosyne, bist nicht um ein Haar besser als die andern!« rief

der alte Haudegen.

»Aber du gebrauchst solche incroyable Ausdrücke, Papa!«

»Larifari! Ich nenne das Kind beim rechten Namen.«

»Komtesse, ich habe den ganzen Abend bis zu diesem Augenblicke vergebens

eine Gelegenheit gesucht, Sie begrüßen zu können,« wandte sich

Graf Geyerstein an Melanie -- diesen Augenblick benutzend, wo die

Aufmerksamkeit der übrigen auf den General und seine Tochter gerichtet

war.

»Ich bin sehr erfreut, Sie nach so langer Zeit wieder einmal bei uns

zu sehen,« erwiderte die junge Gräfin mit einer artigen, aber kalten

Bewegung des Hauptes.

»Wenn Sie wüßten...«

»Wie beschäftigt Sie die letzte Zeit gewesen?« unterbrach ihn Melanie,

und fast unwillkürlich suchte ihr scharfer, forschender Blick sein

Auge. Ruhig jedoch, nur mit einem leisen, fast schmerzlichen Ausdruck

begegnete es dem ihrigen. Sie wandte sich rasch ab und fuhr fort: »Ich

kann es mir denken, und Sie sind vollkommen entschuldigt. -- Aber kommen

Sie, Herr Graf,« redete sie in demselben Augenblicke den jungen Russen

an, »ich versprach Ihnen vorhin die russische Volkshymne -- Luise soll

sie uns spielen -- es ist ein Genuß, sie zu hören.«

»Es ist auch eine der schönsten Melodien, die es gibt,« sagte der Graf,

die letzten Worte falsch verstehend, »und Sie machen mich unendlich

glücklich, Komtesse, daß Sie ein solches Interesse an unserer

Nationalhymne nehmen.«

Melanie verneigte sich leicht gegen den Grafen Geyerstein, legte dann

ihre Hand in den ihr gebotenen Arm des jungen Russen und schritt an

seiner Seite dem anderen Salon zu, in dem der Flügel aufgeschlagen

stand.

»Und hatte ich unrecht?« flüsterte Fräulein von Zahbern in des

Rittmeisters Ohr, indem ihr Blick mit einer ihr sonst nicht unschönes

Gesicht fast entstellenden Mischung von Zorn und Eifersucht das Paar

verfolgte.

»Lassen Sie uns die Nationalhymne mit anhören, mein gnädiges Fräulein,«

sagte Graf Geyerstein statt aller Antwort, indem er ihr den Arm bot

und die erbitterte Schöne, ohne ihr Zeit zu einer weiteren Bemerkung zu

geben, den Vorangegangenen nachführte.

8.

An demselben Abend, an welchem beim Kriegsminister von Ralphen die

Soiree gehalten wurde, und während dort in den hell erleuchteten

und wohlig durchwärmten, von Blumen duftenden, von sanften Melodien

durchströmten Räumen fröhliche Menschen gesellig beieinander saßen,

bereitete sich eine andere, von dieser sehr weit verschiedene Szene in

der zweiten Etage der Rosengasse vor.

Die Vorstellung im Zirkus war beendet, und mit ihr die letzte, der

Gesellschaft für diese Messe gestattete. Draußen auf dem Platze, als

die letzten Menschen das hohe, runde Bretterhaus kaum verlassen hatten,

arbeiteten, hämmerten und pochten schon wetterbraune Gestalten in

Hemdsärmeln und Schurzfellen, um die Bude wieder abzuschlagen und sie

so rasch als möglich von dem Platze, den sie mit ihrer bretternen Masse

entstellte, zu entfernen.

Auch oben in dem Zimmer Georg Bertrands sah es aus, als ob der

Eigentümer des Gemaches im Begriff sei, abzureisen, denn wild und

unordentlich lagen alle möglichen Kostümstücke bunt zerstreut über

Stuhl- und Sofalehnen, ja selbst über den Boden hin. Handschuhe, Hüte,

Reitpeitschen, ja selbst andere Teile einer Damengarderobe bedeckten

zum Teil den großen, runden Tisch, der in der Mitte der Stube stand,

und waren nur zur Hälfte zurück- und zusammengeschoben, um dem durch die

Hausmagd heraufgebrachten Abendbrot für drei Personen notdürftigen

Raum zu geben. Die Luft in dem ziemlich geräumigen, aber sehr niederen

Gemache war dabei schwül und dumpfig, und kaltgewordener Tabaksqualm,

wie der warme Fettgeruch verschiedener Fleischspeisen diente nicht dazu,

sie zu verbessern. Auf dem Sofa lag Demoiselle Josefine, Georginens

siebenjährige Tochter. Das Kind war von der für seine Jahre übermäßigen

Anstrengung erschöpft eingeschlafen, und der Schein der Lampe fiel, ohne

die Schläferin zu stören, grell auf das bleiche, aber stark geschminkte,

abgespannte Gesicht des Kindes.

Georg Bertrand war noch nicht nach Hause gekommen. Er mußte darauf

sehen, daß vor allen Dingen seine Pferde gut gewartet, abgerieben und

gefüttert wurden, ehe er selber an seine eigene Verpflegung denken

konnte. Fremden Menschen, und noch dazu solch leichtsinnigem Volke,

wie seinen Künstlern, durfte er das, wie er recht gut wußte, nicht

überlassen. Georgine dagegen hatte eben das Zimmer betreten, aber ihr

leichtes, luftiges Kostüm, mit dem sie in der letzten Piece als Elfe

die Zuschauer entzückt, noch nicht abgelegt. Nur ein langer, leichter,

grauer Mantel, den sie beim Nachhausegehen darüber geworfen, schützte

sie gegen die kalte Nachtluft, und selbst hier, in dem fast schwülen

Zimmer, hatte sie ihn noch nicht abgelegt, denn ihre Seele beschäftigte

anderes, als die Veränderung ihrer Toilette. Unruhig und rasch schritt

sie in dem breiten, niederen Gemache auf und ab. Die nackten Arme fest

auf der unruhig wogenden Brust verschränkt, das Haupt gesenkt, auf dem

die noch nicht abgelegten Blumen und Federn herüber und hinüber wehten,

maß sie den engen Raum wieder und wieder und unterbrach ihre Schritte

nicht einmal, als ihr Vater endlich, ebenfalls noch in seinem

Hanswurstkostüm, ins Zimmer trat.

»Ist Georg noch nicht zu Hause?« fragte der Alte, indem er seine Kappe

auf dem Kopfe rückte und sich mit der Hand durch die langen, schon

dünnen und ergrauenden Haare fuhr.

»Nein,« lautete die kurze Antwort, und die Frau schritt, ohne nur zu ihm

aufzusehen, an ihm vorüber.

Der Alte betrachtete sie eine Weile kopfschüttelnd, dann ging er zu dem

Sofa, auf dem Josefine lag, und blieb davor stehen. »Hm,« sagte er

hier, indem er einen alten, auf der Sofalehne hangenden Rock über die

halbentblößten Glieder der Kleinen zerrte, »das Kind wird sich erkälten.

Hat sie denn schon zu Nacht gegessen?«

»Ja, sie war früher fertig als wir.«

»Wo hockt denn die Christel, daß sie gewaschen und zu Bett gebracht

wird?«

»Rufe sie -- die faule Dirne ist nie da, wenn sie gebraucht werden

soll.«

Der Alte ging kopfschüttelnd wieder hinaus und kam bald mit einer Art

von Dienstmädchen zurück, das den Tag über auch noch dazu verwandt

wurde, die verschiedenen Kostüme in Ordnung zu halten. Das Mädchen

schien selber irgendwo eingeschlafen und eben geweckt zu sein, denn sie

konnte noch nicht in das Licht sehen. Ohne viele Umstände ergriff sie

das schlafende Kind mit dem darüber gedeckten Rock, warf es sich halb

über die Schulter, ohne daß es dadurch erwacht wäre, und trug es in sein

Schlafzimmer nebenan.

»Das Fleisch wird ganz kalt,« sagte indes der Alte, der sich nicht

weiter um das übrige bekümmerte. »Wo nur Georg wieder bleibt -- setz'

dich mit her, man muß jetzt das bischen Fressen so nur immer in aller

Hast hineinhetzen.«

»Iß nur,« erwiderte die Frau, »ich habe keinen Hunger.«

»Keinen Hunger? Und nach der Anstrengung?« brummte der Alte. »Dabei kann

man doch wahrhaftig nicht von der Luft leben! -- Meinetwegen aber,

wenn du nicht willst -- ich habe Hunger!« Und damit warf er seine alte

Filzkappe in die Ecke, holte sich einen großen Krug Bier und vom Fenster

eine Flasche Branntwein, langte dann aus den vor ihm stehenden, mit

guten, nahrhaften Speisen gefüllten Schüsseln wacker zu, und schien sich

bald nach Umständen vollständig behaglich zu fühlen. Nur das unruhige

Wesen der Frau störte ihn; er sah ihr ein paarmal auf ihrem Gange

kopfschüttelnd nach, und dann wieder nach der alten Schwarzwälder Uhr,

die im Zimmer hing, hinüber, rückte ungeduldig eine Weile auf seinem

Stuhle hin und her und sagte endlich: »Was hast du denn nur heut' abend,

Gine, daß du wie toll im Zimmer auf und ab rennst? Weshalb hast du dich

noch nicht ausgezogen? Zum Donnerwetter, setz' dich einmal, man wird

ganz wirr im Kopf.«

Die Frau antwortete weder, noch unterbrach sie ihren Gang, und nur

manchmal blieb sie einen Moment plötzlich stehen, um nach der Tür

hinüber zu horchen. Der Alte sah ihr kopfschüttelnd zu, dann aß er ruhig

weiter, bis er satt war, schob jetzt den Teller zurück, schenkte sich

ein Bierglas halb voll Branntwein, das er auf einen Zug und ohne eine

Miene zu verziehen, leerte, und nahm dann das Gespräch noch einmal auf:

»Dir geht Georgs neuer Plan im Kopfe herum -- er paßt dir nicht, ich

weiß es -- er paßt auch mir eigentlich nicht recht, aber -- bei Lichte

besehen, hat er doch am Ende nicht so ganz unrecht. Wir werden alt,

und ich für meinen Teil hätte nichts dagegen, wenn ich mich einmal --

wenigstens eine Zeitlang -- ausruhen könnte, ohne gerade am Hungertuche

zu nagen.«

Georgine schleuderte ihm einen finsteren Blick zu, erwiderte aber noch

immer keine Silbe, und der Alte, noch einmal zu der Flasche greifend,

aus der er sich langsam einschenkte, fuhr, eigentlich mehr zu sich

selbst als zur Tochter redend, fort: »Und es ist doch eigentlich nur

ein Hundeleben, das wir führen, Faxen und Narrenspossen machen, daß das

Lumpenvolk sich für seine paar Groschen darüber ausschütten kann und

besser danach verdaut -- Kanaillen, verdammte, die uns nachher auf der

Straße über die Achsel ansehen oder hinter uns drein feixen -- und wegen

solcher Bande riskiert man seine Gliedmaßen, bis man einmal zum Krüppel

wird! Nachher kann man betteln gehen, mit Krücke oder Stelzfuß und

ihretwegen auch verhungern -- was kümmert das sie!«

Der Kunstreiter, 1. Band · 第 6 / 11 段