»Von dem Rittmeister eines Kürassierregiments hatte ich allerdings

einen anderen Empfang erwartet,« lächelte sie dabei, »als eine ernste

Strafpredigt und Ermahnung. Doch wie dem auch sei, mein Herr Graf,

ich bin einmal da, und Sie werden mich hoffentlich nicht wieder

fortschicken, ohne mich wenigstens zu hören.«

Graf von Geyerstein war in peinlicher Verlegenheit, aber allerdings

blieb ihm hier keine andere Wahl, als die Dame eben gewähren zu lassen,

und er bat sie artig, dann wenigstens auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er

selber rückte sich einen Stuhl zum Tisch und wollte sich eben darauf

niederlassen, als Madame Bertrand lachend sagte: »Selbst das kann ich

Ihnen nicht gestatten, -- Sie müssen sich zu mir auf das Sofa setzen,

denn _was_ ich Ihnen zu sagen habe, möchte ich eben nicht laut schreien.

Fürchten Sie sich vor mir?«

Ihr dunkles Auge brannte ihm dabei entgegen, und der Graf sagte artig:

»Ich unterschätze wenigstens die Gefahr nicht -- aber wie Sie

wollen. Und welcher Ursache verdanke ich jetzt die Ehre dieses so --

unverhofften Besuches?«

»Ich danke Ihnen, daß Sie kein härteres Wort dafür gebrauchten,« sagte

die schöne Frau, »aber ein eigentümlicher Grund ist es in der Tat, der

mich zu Ihnen führt, und zwar kein geringerer als -- mein Mann.«

»Monsieur Bertrand?«

»Derselbe. Seit dem Besuch bei Ihnen, Herr Graf, kenne ich ihn nicht

mehr. Er ist vollständig ein anderer Mensch geworden: trüb, ineinander

gebrochen, zurückhaltend, scheu und -- das Schlimmste für ihn und uns

alle -- verzagt. Die Zeit über habe ich es auch ertragen und geglaubt,

er selber würde es mir endlich gestehen, was ihn drückt, denn drücken

_muß_ ihn etwas -- etwas _muß_ ihm auf der Seele liegen, das den sonst

so kräftigen, elastischen Geist mit eiserner Schwere darniederhält; aber

er bleibt stumm, und ich bin fest überzeugt, niemand kann mir darüber

Auskunft geben als Sie.«

»Aber welchen Einfluß könnte _ich_ auf ihn ausgeübt haben?« sagte der

Graf, der nichts weniger wünschte, als mit des Bruders Gattin in diesem

Augenblicke den Seelenzustand desselben zu besprechen.

»Das ist auch mir rätselhaft,« erwiderte die Frau, indem sie ihm fest

und forschend ins Auge sah, »denn ich hatte bis jetzt nicht geglaubt,

daß irgend ein Mensch imstande sei, den tollkühnen, vor nichts

zurückschreckenden Bertrand zu zähmen. Aber zahm ist er geworden, seit

er Sie gesprochen.«

»Wir haben uns allerdings nur über sehr zahme und alltägliche Sachen

unterhalten,« lächelte der Rittmeister. »Ist aber wirklich eine

Verwandlung in seinem Charakter, sich einer ruhigen Richtung zuzuwenden

eingetreten, so mag er die vielleicht schon früher gefaßt haben; warum

soll ich die Schuld deshalb tragen? -- wäre überdies eine Schuld dabei?

Sie selber haben doch gewiß auch schon manchmal an die Zukunft für sich,

für Ihre Tochter gedacht, und können doch nur wünschen, diese gesichert

zu sehen.«

»Allerdings habe ich das!« rief Georgine, und ihre ganze Gestalt hob

sich dabei, ihr Auge blitzte. »Josefine soll und muß die gefeiertste

Reiterin Europas werden.«

»Und Sie selber? -- wenn Sie einmal altern?«

»_Die_ Zeit liegt noch fern,« sagte die junge schöne Frau, indem ein

leichtes trotziges Lächeln ihre Lippen umspielte, »und an eine Zukunft

für mich habe ich noch nie gedacht.«

»Und könnten Sie sich nicht glücklich fühlen, wenn Sie Ihren Gatten in

einem ruhigen Leben glücklich wüßten?« fragte Graf Geyerstein, mit weit

mehr Herzlichkeit im Ton, als er bisher gezeigt.

Georgine lachte laut auf. -- »Der moralische Ton steht Ihnen prächtig,«

rief sie dabei. »Wenn Sie sich nur selber sehen könnten, Herr

Rittmeister -- aber« unterbrach sie sich plötzlich und fuhr fast

erschreckt empor, »liegt Ihren Worten etwa ein tieferer Sinn zugrunde?

-- Wenn ich mir alles zusammenreime, was Georg in den letzten Tagen

gesprochen, auf was er hingedeutet hat -- auch seinen unterlassenen

Seiltanz, zu dem er schon am Montag die Erlaubnis bekam...«

»Ich freue mich recht von Herzen, daß er ihn unterlassen hat,« sagte der

Rittmeister ruhig, »diese halsbrechenden Künste sind so undankbar für

den Exekutierenden, wie peinlich für die Zuschauer, und Sie selber

sollten froh sein, Ihren Gatten von einer Gefahr abstehen zu sehen, der

er doch einmal über kurz oder lang erliegen könnte.«

»Gefahr!« rief das schöne Weib verächtlich, »wär' ich noch Georgine

Bertrand, wenn ich vor einer Gefahr zurückschrecken wollte? und glauben

Sie, daß Georg etwas fürchtet auf der Welt! Nein, das ist es nicht;

eine andere Ursache liegt seinem jetzigen Benehmen zugrunde, und nur bei

Ihnen, Herr Graf, kann ich die Lösung finden.«

»Und wenn Sie sich dennoch darin irren sollten?«

»Sie haben mir von einer Aehnlichkeit gesagt, die Sie zuerst zu uns

geführt!« flüsterte da Georgine, und ihre Augen bohrten sich in die

Augen des Grafen, welcher fühlte, wie ihm das verräterische Blut in die

Schläfe stieg, aber seine Züge blieben kalt und fest, und er erwiderte

ruhig: »Allerdings, Madame, die Aehnlichkeit mit einem Jugendfreunde,

nicht allein im Antlitz, nein, auch selber im Namen; es war aber ein

Irrtum. Schon als ich Herrn Bertrand ganz in der Nähe sah, fand ich

das.«

»Sie täuschen mich nicht, Herr Graf!« rief Georgine, seinen Arm

ergreifend. »Georg ist ein anderer, als er sich mir gegeben, und die

Wahrheit soll jetzt selbst seinem Weibe Geheimnis bleiben.«

»Wenn Herr Bertrand ein Geheimnis vor Ihnen hat, Madame,« sagte der

Rittmeister artig, aber ernst, »so ist es nicht meine Sache, das zu

lüften, selbst wenn ich darum wüßte.«

»So geben Sie mir Ihr Wort als Kavalier --«

»Halt, Madame,« unterbrach der Graf sie kalt, »Sie gehen zu weit. Ich

habe Herrn Bertrand allerdings an jenem Morgen gesehen, aber seit der

Zeit nicht wieder, weiß deshalb auch nicht, was seine Pläne sind. Was

wir damals miteinander gesprochen, deutete wohl darauf hin, daß er

dieses wilden, wüsten Lebens überdrüssig sei; wenn dem aber wirklich so

wäre, würde ich nur mit Freuden die Hand dazu bieten, ihm einen solchen

Plan ausführen zu helfen.«

»Sie?« rief Georgine erstaunt, »und welches Interesse könnten Sie, Graf

von Geyerstein, an dem Kunstreiter nehmen, wenn nicht ein besonderer

Beweggrund Sie dabei leitete? Sie verschweigen mir, was ich als Georgs

Weib erfahren müßte, was ich erfahren will, und gönnen Sie mir nicht

gutwillig oder erzwungen Ihr Vertrauen, so seien Sie fest versichert,

daß ich Ihre Pläne kreuze.«

»Madame Bertrand --«

»Das ist mein offenes Wort,« rief die Frau, »und Krieg oder Friede liegt

jetzt in Ihrer Hand.«

Der Graf schüttelte ernst mit dem Kopfe. »Sie irren sich, schöne Frau,«

sagte er, »und würden selbst in dem Falle, daß Sie recht hätten, einen

schweren, nie wieder gut zu machenden Fehler begehen.«

»Wie so, ich?«

»Daß Sie einen Fremden zum Mittelsmann Ihres häuslichen Friedens machen

wollen.«

»Häuslichen Friedens?« rief aber die kecke Reiterin mit spöttischem

Lachen, »denken Sie sich unser Leben nicht so idyllisch, Herr

Rittmeister. Nicht für die Häuslichkeit sind wir bestimmt oder darauf

angewiesen, und die Gesetze, die bei anderen Frauen vielleicht gelten

mögen, halten deshalb auch bei mir nicht Stich. Mein Mann und ich

haben uns überdies schon lange darüber verständigt, jedes von uns seine

eigene, für sich abgeschlossene Bahn zu gehen. Vereinigen sich diese von

selber, desto besser; tun sie es nicht, so ist jedes selbständig genug,

die eigene zu verfolgen.«

»Und Ihr Kind?«

»Josefine? die allerdings folgt der meinen, wenn ihr Vater derselben

abtrünnig werden sollte,« rief Georgine, und der forschende Blick, mit

dem sie bei diesen Worten den Grafen betrachtete, sagte diesem, daß sie

den Eindruck beobachten wollte, den sie machten. Graf von Geyerstein

verriet aber durch keinen Zug, welchen Anteil er an dem eben Gehörten

nahm. Wohl schien es, als ob er etwas darauf erwidern wollte; er

überlegte sich aber bald, daß ein Drängen von seiner Seite die Frau

nur noch mißtrauischer, ja auch neugieriger machen müßte, und kurz

abbrechend sagte er nur: »Es ist das ein unerquickliches Gespräch für

uns beide, Madame, und kann zu keinem Resultat führen. Ich stehe Ihren

Familienangelegenheiten auch zu fern, um eine Einmischung in solche

zu beanspruchen, selbst wenn sie von dem einen oder dem anderen Teile

angenommen werden sollte. Machen Sie das, falls er nicht Ihrer Meinung

sein sollte, mit Ihrem Gatten ab. Kann ich Ihnen in irgend sonst etwas

dienen, so verfügen Sie frei über mich.«

»Sie sind sehr gnädig, Herr Graf,« lachte die junge Frau, »aber so bald

und so leichten Kaufes werden Sie mich noch nicht los.«

»Ich habe mich selber erboten...«

»Ich weiß es schon und bin Ihnen sehr dankbar dafür -- in allem mir

gefällig zu sein -- nur in dem nicht, was mich hierher geführt.«

»Und das ist?«

»Zu erfahren, in welcher Beziehung Sie zu meinem Gatten stehen, --

den Beweggrund kennen zu lernen, der Sie leiten konnte, sich für den

Kunstreiter zu interessieren und auf ihn einzuwirken.«

Wolf war aufgestanden und trat zum Fenster; er kämpfte augenscheinlich

mit einem Entschluß, und Georgine fühlte es, denn sie unterbrach ihn

nicht. »Madame,« sagte er endlich, zu Georginen zurückkehrend, »ich sehe

eigentlich keinen Grund, Ihnen, da Sie auf diese Weise in mich dringen,

länger zu verheimlichen, daß ich mich allerdings in der Aehnlichkeit mit

Ihrem Gatten _nicht_ getäuscht. Ich habe in ihm einen meiner früheren

Jugendgespielen erkannt, aber das Geheimnis ist nicht mein eigenes, es

gehört seiner Familie, und der gegenüber stehe ich nur als Mittelsmann

zwischen ihr und Herrn Bertrand.«

»Also doch ein Geheimnis,« lachte Georgine bitter vor sich hin, »ein

Geheimnis, Frau und Kind um ihre Existenz zu betrügen.«

»Nennen Sie das um Ihre Existenz betrügen, Madame, wenn man Ihnen

die Aussicht gibt, sich eine unabhängige und ehrenvolle Stellung im

bürgerlichen Leben zu sichern?« sagte der Graf.

»Und ist unsere Stellung nicht unabhängig -- nicht ehrenvoll?« rief

Georgine gereizt.

»Lassen Sie uns abbrechen?« bat Wolf von Geyerstein, dem das Gespräch

schon lange peinlich war. »Das ist eine Sache, die Sie mit Ihrem Gatten

weit besser beraten können als mit mir, die Sie nur allein mit ihm

beraten müssen. Wenn ich Ihnen die Versicherung gäbe, daß ich selber den

wärmsten Anteil an Ihrem Schicksale nehme, glaubten Sie mir vielleicht

das nicht einmal.«

»Nein,« sagte Georgine finster, »nicht eher, als bis Sie mir auch den

_wahren_ Grund dafür sagen würden. Glauben Sie mir, Herr Graf, daß _wir_

da nur zu bittere Erfahrungen mit solcher Teilnahme machen. Aber ich

fühle, daß Ihnen unsere Unterredung nicht länger angenehm ist.«

»Madame Bertrand.«

»Bitte, -- keine Komplimente zwischen uns. Ich bin wahr und offen gegen

Sie gewesen -- ohne dasselbe bei Ihnen erzielt zu haben. Ich will nicht

zudringlich sein. -- Entschuldigen Sie, daß ich Sie gestört habe.«

Sie war aufgestanden und wandte sich zur Tür, als sich diese in dem

nämlichen Augenblick öffnete und ein fremder Bedienter in grauer Livree

den Kopf hereinsteckte.

»Was wollen Sie, und wer hat Ihnen erlaubt, hier einzutreten?« rief ihm

der Graf finster entgegen.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung, Herr Rittmeister,« sagte der

Bursche, den Blick dabei aber auf den Fremden geheftet, »ich habe

zweimal geklopft und konnte Ihren Karl nirgends draußen finden.«

»Warten Sie dann draußen, bis er kommt oder bis ich Zeit habe,« lautete

die eben nicht freundliche Antwort, und der Bursche verschwand mit einer

tiefen Verbeugung, wie er gekommen.

Der Rittmeister hielt den Blick auf die Tür geheftet, aber er hörte

keinen Schritt. Der Bediente stand jedenfalls noch vor der Türe

und horchte. Madame Bertrand hatte aber indessen wieder mit großer

Geschicklichkeit, den benachbarten Spiegel benutzend, den kleinen

Schnurrbart befestigt. Dann sich gegen den jungen Mann tief verneigend,

aber doch wieder mit dem vorigen Spott auf den Lippen, sagte sie laut,

indes mit weit tieferer, als ihrer natürlichen Stimme: »Herr Graf von

Geyerstein, ich habe die Ehre, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen.«

»Bleiben Sie noch,« bat der Graf sie leise, »lassen Sie mich erst

den Horcher entfernen.« Dabei öffnete er rasch die Türe -- der fremde

Bediente stand aber nicht, wie er erwartet hatte, davor, sondern war

verschwunden, und nur die draußen angelehnte und nicht wieder ins Schloß

gedrückte Vorsaaltüre zeigte, daß er sich entfernt hatte.

»Die Bahn ist frei,« sagte Georgine mit ihrer natürlichen Stimme. Sich

leicht gegen den Grafen verneigend, verließ sie rasch und jede weitere

Begleitung zurückweisend, das Zimmer, und gleich darauf das Haus,

warf sich in eine Droschke und fuhr ihrer eigenen Wohnung zu. Graf von

Geyerstein aber schritt mit untergeschlagenen Armen und gesenktem Haupte

rasch in seinem Zimmer auf und ab, ungeduldig dann und wann nach der

Türe horchend, bis draußen die Vorsaaltüre aufs neue geöffnet wurde und

Karl gleich darauf im Zimmer seines Herrn erschien.

»Herr Rittmeister,« berichtete er hier in militärischer, das heißt

sehr steifer Haltung, »ein Bedienter Seiner Exzellenz des Herrn

Kriegsministers von Ralphen wünscht...«

»Wo bist du die Zeit über gewesen?« unterbrach ihn sein Herr.

»Im Stalle unten, zu Befehl, Herr Rittmeister.«

»Laß den Burschen hereinkommen.«

Karl machte rechtsum kehrt, und gleich darauf erschien die graue Livree

wieder auf der Schwelle.

»Herr Graf,« sagte der Diener mit einer tiefen Verbeugung, »Se.

Exzellenz lassen mit besten Empfehlungen morgen abend um acht Uhr um die

Ehre bitten.«

Der Rittmeister antwortete ihm nicht; er sah den Burschen, dessen

Erröten ihm nicht entgehen konnte, forschend an und dann wieder

schweigend vor sich nieder. Endlich sagte er kalt: »Es ist gut --

meine Empfehlung an Seine Exzellenz; ich werde zur bestimmten Zeit

erscheinen.«

»Wer war denn der junge Herr, der vorhin bei deinem Herrn Besuch gemacht

hat?« sagte der mit der grauen Livree, als er neben Karl über den

Vorsaal der Treppe zuschritt.

»Weiß ich nicht,« antwortete, ziemlich kurz angebunden, Karl, »geht mich

auch nichts an.«

»Der kommt wohl oft hierher?« fragte der Graue, dadurch nicht im

mindesten eingeschüchtert.

»Das weiß ich auch nicht und geht _dich_ wieder nichts an,« meinte aber

Karl, »guten Morgen!« und öffnete dem Grauen die Tür.

»Grobian!« murmelte dieser, als er langsam die Treppe hinunterstieg, um

die übrigen Einladungen auszuführen.

7.

Die Salons Seiner Exzellenz des Kriegsministers von Ralphen waren

festlich erleuchtet, und eine kleine, aber ausgewählte Gesellschaft

wurde erwartet. Es war dreiviertel auf Acht, und die Wirtin revidierte,

schon in voller Toilette, noch einmal selber die befohlenen Anordnungen,

während geschäftige Diener hin und wieder flogen, neu bestimmte

auszuführen. Auf den beiden Spieltischen hatte man noch die Whistmarken

vergessen, und der eine Bediente war hinauf zu Seiner Exzellenz gesandt

worden, sie von dessen Kammerdiener herbeizuschaffen. Aber er hielt sich

länger unterwegs auf, als eigentlich nötig gewesen wäre, denn er traf

auf der Treppe Annette, Komtesse Melanies Zofe -- allerdings in eben

solcher Eile wie er selber.

»Lassen Sie mich los, Herr Franz,« sagte das junge Mädchen, indem

sie einen, wenn auch schwachen Versuch machte, die Hände des galanten

Lakaien von ihrer Taille zu entfernen, »das gnädige Fräulein wartet auf

mich, und wenn ich so lange ausbleibe...«

»Nur einen einzigen Kuß, teuerste Annette!« bat Herr Franz in

jugendlicher Kühnheit, und, vom Augenblick außerdem gedrängt, gleich zur

Sache kommend.

»Sie sind nicht gescheit,« sagte Annette erzürnt, »und hier, auf der

Treppe!«

»Nur einen einzigen!«

»Lassen Sie mich los -- ich will nicht -- wahrhaftig, ich schreie!«

»Und wenn ich nun eine höchst merkwürdige und interessante Neuigkeit für

Sie hätte?« sagte Herr Franz, in dem Gefühl, daß ein Dienst des anderen

wert sei, ohne jedoch ihrer Drohung nachzugeben.

»Ja -- _Ihre_ Neuigkeiten kenn' ich!« rief die Schöne, »sie hat

wahrscheinlich schon in der Zeitung gestanden -- lassen Sie mich los!«

»Selbst erlebt -- gestern morgen -- bei Graf Geyerstein,« beharrte Herr

Franz. »Wenn sie nicht _zehn_ Küsse wert ist, sollen Sie mich nie wieder

ansehen.«

»Und die wäre?« fragte neugierig gemacht, die Kammerzofe, »hat er seinen

Karl fortgeschickt? Mein Himmel, da klingelt die Komtesse schon --

lassen Sie mich los!«

»Erst den Kuß!«

»Sie sind ein unverschämter Mensch -- und Ihre Neuigkeit -- so lassen

Sie mich doch nur los!«

»Und bekomme ich dann den Kuß -- einen jetzt und einen anderen

später...«

»Gleich zwei? -- ich schreie wahrhaftig -- ich _kann_ nicht länger

warten!«

»Schön -- Graf von Geyerstein hat gestern morgen verkleideten

Damenbesuch gehabt -- ist das zwei Küsse wert?«

»Nicht einen halben, wenn ich nicht weiß, wen!«

»Madame Bertrand.«

»Die Kunstreiterin?« rief Annette schnell; »es ist nicht wahr.«

»Auf meine Ehre -- in Männerkleidung. -- Oben im Zimmer hatte sie

ihr glattes Gesicht, und als sie unten aus dem Hause trat, einen

Schnurrbart. Sie kam mir gleich bekannt vor, aber ich konnte mich doch

nicht recht besinnen, wo ich das hübsche Gesicht schon gesehen hatte,

merkte mir aber die Nummer der Droschke, in die sie stieg, und als ich

heute nachmittag dieselbe Droschke wiederfand, nannte mir der Kutscher

auf meine Frage ohne weiteres das Haus, wohin er den jungen Herrn

gefahren.«

»Und das war?«

»Die Rose, wo die Kunstreiter wohnen.«

»Meine Güte! die Komtesse reißt die Klingelschnur ab!« rief in diesem

Augenblick Annette, erschreckt zusammenfahrend. Unten klingelte es

in der Tat heftig, und sie wollte sich von Franz freimachen. Ohne den

versprochenen Lohn kam sie aber nicht davon, Herr Franz nahm sie im

Nu beim Kopf, und: »Sie böser Mensch!« sagte die Schöne, als sie sich

endlich glücklich von ihm befreit, und, ihre Frisur wieder in Ordnung

bringend, die Treppe, so rasch sie konnte, hinabeilte. Herr Franz aber

blieb noch eine Weile dort, wo sie ihn verlassen, stehen und schaute

ihr, sich vergnügt dabei die Hände reibend, nach, bis sie im Gange

unten verschwunden war. Dann stieg er selber, langsam und behaglich,

die Stufen hinauf, den ihm gegebenen Auftrag nach seiner Bequemlichkeit

auszuführen.

Es schlug acht; einzelne Equipagen fuhren vor; die Familie des

Kriegsministers war unten im Salon versammelt, die nach und nach

eintreffenden Gäste zu empfangen, und die Dienerschaft kam herbei, um

den Tee, den die alte Exzellenz eigenhändig bereitete, herumzureichen.

Komtesse Melanie stand neben ihrer Mutter und unterhielt sich mit dem

eben eingetretenen Grafen Selikoff; aber sie sah bleich und angegriffen

aus, und nur einmal färbte ein leichtes Rot ihre Wangen, als ihr

Blick, neben dem jungen Manne hinstreifend, auf den eintretenden Grafen

Geyerstein traf. Aber es schwand, so rasch wie es gekommen, und kalt

und förmlich dankte sie der Verbeugung des sonst so willkommenen, ja oft

heimlich ersehnten Gastes.

Dem jungen Grafen konnte diese Veränderung in dem Benehmen des ganzen

Wesen Melanies nicht entgehen, aber die Gesellschaft selber gestattete

ihm auch nicht, sie darum zu befragen. Der alte, freundliche Herr von

Ralphen, der dem gern gesehenen jungen Manne so herzlich entgegentrat

wie früher, nahm ihn vor allen Dingen in Beschlag, um ihn mit einigen

anderen fremden Offizieren bekannt zu machen, und er kam nicht eher

wieder von ihm los, als bis der alte Herr seine Aufmerksamkeit auf

die zu arrangierenden Spieltische wenden mußte. Graf Geyerstein selber

spielte nicht und hatte dadurch die beste Entschuldigung, sich von

ihm zurückzuziehen. Ehe er aber seinen Vorsatz, Melanie unter jeder

Bedingung anzureden, zur Ausführung bringen konnte, lief er Ihrer

Exzellenz, der Frau von Ralphen, in den Weg, die freundlich ihre

ringbedeckte Hand auf seinen Arm legte.

»Aber, lieber Geyerstein, wo in aller Welt haben Sie nur die ganze Woche

gesteckt? Man sieht Sie ja gar nicht mehr und muß Sie ordentlich mit

Gewalt herbeiziehen, wenn man Sie wirklich einmal haben will.«

»Exzellenz sind zu gnädig, mich glauben zu machen, daß Sie mich vermißt

haben,« sagte der junge Mann leicht errötend. »Sie mögen aber selber

beurteilen, wie streng in dieser Woche unser Dienst gewesen sein muß, da

ich genötigt war, die liebsten Menschen zu meiden.«

»Aber abends hätten Sie doch gewiß einmal Zeit gehabt. Sogar aus der

gewöhnlichen Vorlesung sind Sie uns neulich weggeblieben, und Graf

Selikoff hat an Ihrer Stelle lesen müssen, denn unsere Racine durften

wir doch nicht im Stiche lassen.«

»Es würde mir unendlich leid tun, wenn ich die Ursache einer Störung

gewesen wäre.«

»Das ist das wenigste -- darüber beruhigen Sie sich. Rosalie hat Sie

aber am meisten vermißt, denn sie brennt vor Begierde, Ihnen ihre neuen

Zeichnungen vorzulegen.«

»Darf ich sie holen, Mama?« flüsterte ihr die junge Komtesse, die neben

sie getreten war, rasch ins Ohr.

»Jetzt nicht, mein Kind,« lächelte die Exzellenz, »der Herr Graf hat

jetzt mehr zu tun, als sich mit deinen Kunstprodukten abzugeben -- aber,

Fräulein,« unterbrach sie sich plötzlich, mit einem strengen Blick nach

einer jungen Dame hinübersehend, die unfern von ihnen, den Blick fest

auf die Gruppe geheftet, stand, »Sie vergessen Ihr Amt -- dürfte ich

Sie bitten darauf zu achten, daß die Herrschaften Tee bekommen?« Und

mit einer heimlichen, nicht ganz leidenschaftslosen Bewegung deutete sie

dabei auf den Rittmeister, der sich indes zu Rosalien gewandt hatte

und mit freundlichem Gruß zu dem jungen Mädchen sagte: »Lassen Sie sich

nicht abschrecken, Komtesse, bringen Sie mir getrost ihre Studien. Die

Gesellschaft soll mich nicht abhalten, mich recht herzlich über Ihre

Fortschritte zu freuen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, lieber Graf,« sagte das junge

Mädchen, dessen Antlitz hohes Rot überflog und ihre lebendigen Augen

noch viel lieblicher erhellte, »ich werde Sie auch nicht lange plagen,

ich habe mich aber so darauf gefreut,« und mit leichten Schritten

huschte sie durch den Salon, dem nächsten Ausgange zu, um die Blätter

selber schnell herbeizuholen.

Die Exzellenz hörte diese kleine Unterredung nicht, denn ihr Blick

haftete noch, und zwar lange nicht mit der Freundlichkeit, mit der sie

vorher den Rittmeister angeredet, auf der jungen Dame, die schon bei

ihren ersten mahnenden Worten tief errötend zusammengefahren war und

sich rasch abgewandt hatte, ihre für den Augenblick versäumte Pflicht zu

erfüllen.

Der Kunstreiter, 1. Band · 第 5 / 11 段