auf des Bruders Schulter legend, fuhr leise fort: »Sieh, Georg, so
gut wie ich dich, selbst unter dem dichten Barte und dem Flittertande
erkannt, mit dem du dich umgeben, so gut kann einer deiner früheren
Kameraden dich ebenfalls erkennen, und daß es bis jetzt noch nicht
geschehen, begreife ich sogar nicht einmal. Das Tagesgespräch
beschäftigt sich sogar fast ausschließlich mit dir und -- deiner Frau,
und wunderliche Gerüchte über euch durchlaufen schon die Stadt, wenn sie
die rechte Fährte auch noch nicht gefunden haben.«
»Und gerade diese tollen Gerüchte sichern mir vielleicht meine
Verborgenheit.«
»Vielleicht -- aber auf wie lange? Und glaubst du nicht, daß du das Herz
der Mutter brechen würdest, wenn ihr die furchtbare Wahrheit je zu
Ohren käme? Sie hat dich als einen Toten beweint; o, laß sie nicht den
Lebenden noch mehr beklagen, als den Toten!«
Georg war aufgesprungen und mit unruhigen Schritten maß er das Zimmer
auf und ab, bis er endlich wieder neben dem ihm mit mitleidigen Blicken
folgenden Bruder Platz nahm und sagte: »Du weißt, Wolf, wie mein
ungezügeltes Leben in früheren Jahren langsam, aber sicher das Netz über
mich zusammenzog, in dem ich endlich unterging, -- dem ich erlag. Dem
Trunk gab ich mich hin, und _in_ dem Trunk dem Spiel, und _mit_ dem
Spiel verlor ich alles, was ich mein nannte -- verlor mich selbst. Ich
mußte flüchten, mein ganzes mir zukommendes Vermögen reichte nicht hin,
die hinterlassenen Schulden zu decken -- unterbrich mich nicht -- ich
weiß, daß du, Wolf, über deine Kräfte beigesprungen bist, wenigstens
die Ehre unseres Namens zu retten, wenn du mich auch nicht mehr retten
konntest. Da, als ich das hörte, erfaßte mich die Verzweiflung; ich floh
nach Frankreich, und mein böser Stern warf mich in die Arme einer dort
umherziehenden Kunstreitertruppe. Du weißt, daß ich von jeher ein guter,
vielleicht zu tollkühner Reiter gewesen; die kleinen Kunstgriffe jener
Truppe lernte ich deshalb bald und fühlte dadurch einen gewissen Stolz,
mein Leben, meine Existenz dem Schicksal selber abringen zu können. Der
Chef unserer Truppe war zugleich ein Seiltänzer, und wie mein in eine
falsche Bahn geworfener Stolz nicht ertragen konnte und wollte, daß
irgend jemand es mir in dem Berufe, den ich mir jetzt gewählt, zuvortun
sollte, warf ich mich mit tollem Eifer dieser neuen Kunst in die Arme.
Vollkommen schwindelfrei, denn der Leidenschaft des Trunkes, wie dem
Spiel hatte ich lange entsagt, machte ich rasend schnelle Fortschritte,
und mein wertloses Dasein doch nicht achtend und keck bei jeder
Gelegenheit in die Schanze schlagend, übertraf ich bald meinen Meister.«
»Und hast du nie dabei an _uns_ gedacht?«
»Ja,« flüsterte Georg, »nur zu oft; aber gerade der Gedanke an euch, der
mir beim Ritt die Kraft, beim Seiltanz Mut und Geistesgegenwart raubte,
wurde mein schlimmster Feind -- wenigstens hielt ich ihn dafür.«
»Es war dein guter Engel, der dich zurück in unsere Arme führen wollte.«
»Möglich,« sagte Georg, scheu den Kopf abgewandt, »aber -- ich hielt ihn
für meinen Teufel und suchte mich für immer von ihm zu befreien.«
»Aber das war nicht möglich.«
»Doch,« hauchte Georg, »der Menschengeist ist erfinderisch, und -- ich
fand ein Mittel. Ich lernte damals Georginen kennen, das schönste Weib,
das ich je gesehen, und -- heiratete sie.«
»Es geht hier ein Gerücht in der Stadt,« sagte der Graf, »daß Georgine
die Tochter eines französischen Edelmannes sei, die du aus einem Kloster
auf abenteuerliche Weise entführt haben solltest. Ist das begründet?«
»Eines französischen Edelmannes?« erwiderte mit finster
zusammengezogenen Brauen und bitterem Lächeln der Kunstreiter. »Du
hast ihren Vater gesehen -- er ist Hanswurst bei unserer Truppe, dem
niedrigsten Pöbel entsprungen, in dem er schwelgt.«
»Also doch!« seufzte Wolf aus tiefster Brust.
»Du siehst, daß es mir gelungen ist, mir den Rückweg für alle Zeiten
abzuschneiden,« fuhr sein Bruder fort. »Ich _wußte_, daß ich mit dieser
Heirat mich für immer von allem, was mich noch im alten Vaterlande
hielt, was mich dahin zurückzog, losriß, und einmal _den_ Schritt getan,
und ich war _frei_. Von dem Augenblicke an war ich Kunstreiter, war ich
Seiltänzer mit ganzer Seele. Toller und rücksichtsloser aber trieb ich
es als bisher; meine Keckheit wurde zum Sprichwort, die Leute kamen
meilenweit, meine halsbrechenden Künste zu sehen und anzustaunen, und --
der Ehrgeiz, der Stolz des Edelmannes versank in dem des Luftspringers.
-- Da hast du meine Geschichte, kurz und einfach bis zur heutigen
Stunde, und nun laß mich fort. Daß Du mich erkannt, ist mir ein Beweis
der Gefahr, der ich mich hier in Deutschland aussetze, wieder einmal
einem der früheren Kameraden zu begegnen. Der Gefahr will ich nicht
preisgegeben sein, und weniger meinet-, als eurethalben. Ich kehre
nach Frankreich zurück, um Deutschland nicht wieder zu betreten. --
Vielleicht gehe ich nach Amerika mit meiner Truppe, denn dort bin ich
ganz sicher. _Eine_ Frage nur beantworte mir noch, Wolf, und glaube mir,
daß dein Wiedersehen dabei, du treues Herz, den einzigen Lichtblick auf
meinen dunkeln Lebenspfad geworfen, an dem ich viele, viele Jahre zehren
werde -- wie geht es -- der Mutter?«
Er hatte sich abgewandt und die letzten Silben so leise gesprochen, daß
sie kaum zu dem Ohr des Bruders drangen.
»_Denkst_ du noch an unsere Mutter, Georg?« fragte Wolf, seine Hand
ergreifend und seinen ängstlichen Blick fest auf ihn geheftet.
»Glaubst du, daß ich sie je vergessen könnte?« erwiderte der
Unglückliche, »o, wenn ich sie noch einmal sehen, mein müdes Haupt noch
einmal an ihr treues Herz pressen könnte...«
»Armer, armer Georg!« seufzte Wolf, »und mit dem nagenden Wurm in der
Brust willst du wieder hinaus? -- Bleibe bei uns. _Noch_ ist es möglich,
daß du die Mutter wiedersiehst, ohne ihr das Herz zu brechen. Noch ist
es möglich, daß du dem Leben, der Gesellschaft zurückgegeben würdest --
aber du mußt _wollen_!«
Georg sah staunend zu ihm auf. »_Jetzt_ noch?« sagte er, »jetzt, nachdem
ich dir erzählt, daß der Hanswurst mein Schwiegervater, daß Georgine,
die Kunstreiterin, die nur im Zirkus lebt und atmet, mein Weib ist?«
»Selbst jetzt noch,« erwiderte fest der Bruder, »aber du mußt wollen;
du mußt das alte Leben mit Gewalt von dir abschütteln, mußt die deinen
zwingen, sich dem zu fügen, und glaube mir, nach einem einzigen Jahre
habe ich dich dem bürgerlichen Leben, habe ich dich uns, der Mutter
wiedergewonnen.«
»Aus dem Kunstreiter wolltest du wieder einen Grafen machen, Wolf?«
sagte Georg, traurig dazu mit dem Kopfe schüttelnd; »ins bürgerliche
Leben einzutreten, wäre möglich, was sollte mich daran hindern? denn ich
bin mir keiner schlechten, unehrenhaften Tat weiter bewußt, als der, die
ich im jugendlichen Leichtsinn verübt. Aber meinen früheren Rang habe
ich verscherzt, und selbst der Bürger, der vielleicht mit dem früheren
Monsieur Bertrand gern verkehren möchte, würde er sich nicht scheu
zurückziehen, wenn er den Hanswurst mit in den Kauf nehmen müßte? Nein,
Wolf, nein; es geht nun und nimmermehr. Mit nur zu sicherer Hand habe
ich mich selber ins Leben getroffen, und ich bin und bleibe für euch
verloren. Beantworte mir jetzt noch eine Frage, und dann laß mich
ziehen. Dir selber bleibe ich trotzdem ewig dankbar für die brüderlichen
Worte, die du zu mir gesprochen. Wie geht es unserer Mutter, und hat sie
aufgehört, den toten Georg zu beweinen?«
»Kräftig und wohl ist sie,« erwiderte Wolf, »und in den letzten Jahren
besonders hat sie sich wunderbar wieder erholt. Dein Verlust, Georg,
hatte sie schwer niedergebeugt, und als die wenn auch unbestimmte Kunde
deines Todes zu uns kam, da hat sie jahrelang nicht mehr gelacht,
und ging gebeugt, gebrochen still umher. Du warst von je ihr Liebling
gewesen, und dein Verlust hat sie bitter, bitter geschmerzt. Jetzt
scheint die Zeit jene Wunde in etwas vernarbt zu haben; sie ist wieder
heiter geworden, und nur die Tage, die dein Gedächtnis lebhafter als
andere wecken, wecken auch damit den Schmerz aufs neue.«
»Und wenn sie wüßte, daß ich lebte -- daß ich so lebte -- sie würde mir
fluchen und sterben.«
»Sie würde sterben, Georg,« sagte der Bruder tief bewegt, »aber nie dir
fluchen. Du weißt nicht, wie viel Liebe in einem Mutterherzen Raum hat
-- und wie wenig Haß. Aber denke, Georg, wie glücklich, wie unsagbar
glücklich du sie machen könntest, wenn du zurückkehrtest.«
»Aber wie kann ich, Wolf? -- wie kannst du, der so genau die Sphäre
kennt, in der ihr Leben, in der das deine liegt, nur an die Möglichkeit
eines solchen Rückschrittes glauben?«
»So höre,« sagte Wolf, »was ich mir ausgedacht. Ich habe gestern mit
deiner Frau, mit Georginen gesprochen, wenig nur, doch vielleicht genug,
mich einen Blick in ihren Charakter tun zu lassen, und muß dir gestehen,
daß der mir nicht geeignet schien, meine Pläne zu fördern. Dem festen
Willen des Mannes aber ist alles möglich, und die Frau soll und muß sich
fügen, besonders noch, wenn alles nur zu seinem, zu ihrem Heil selber
führt. Deshalb habe ich den Mut auch nicht verloren, und selbst dem
Vater kann Gelegenheit geboten werden, sein früheres Leben zu vergessen,
ungeschehen zu machen.«
Georg schüttelte seufzend mit dem Kopfe. Wolf aber, von der
Hoffnung hingerissen, den Bruder zu retten, fuhr fort: »Wie unsere
Vermögensverhältnisse stehen, weißt du so gut, wie ich es dir sagen
könnte. Sie sind, wenn auch nicht glänzend, doch vollständig unserer
Stellung im Leben genügend. Deine hinterlassenen Schulden erforderten
allerdings ein nicht unbedeutendes Kapital, und es verstand sich von
selbst, daß das geschafft werden mußte. In den letzten Jahren hat
sich aber der Wert des Grundeigentums durch zahllose industrielle
Unternehmungen bedeutend gesteigert, und die damals erlittenen
Verluste sind schon lange mehr als gedeckt. O, wärest du damals zu uns
zurückgekehrt, alles hätte noch gut und vergessen werden können! Doch
ich will dir keine Vorwürfe mehr machen, sondern zur Sache kommen, die
dich selbst _jetzt_ noch uns erhalten kann. Kunstreiter -- Seiltänzer
darfst du nicht bleiben, das siehst du ein; selbst ich müßte mich dann
von dir lossagen, und wenn mir das Herz auch blutete, aber ich habe eine
andere Bahn für dich. Als ich dich zuerst wiedersah, und rasch dabei die
Möglichkeit überdachte, einen andern Lebensweg für dich zu finden,
kamen mir fremde Kriegsdienste als das Natürlichste vor -- o, hättest du
selber diesen Weg schon früher gewählt! Jetzt, nachdem ich deine _Frau_
gesprochen, nachdem ich erfahren, daß du ein Kind -- eine Tochter hast,
fühle ich, daß das nicht mehr geschehen kann. Georginen kannst und
darfst du nicht _mit deiner Tochter_ allein zurücklassen; sie würden
ohne dich rettungslos zugrunde gehen, und dem zu begegnen, gibt es
noch ein anderes Mittel. Wir haben schon vor längeren Jahren das Gut
Schildheim im Mecklenburgischen, das du ja selber kennst und welches
früher einer alten Großtante gehörte, geerbt. Es ist jetzt der Mutter
Eigentum, ich aber habe die Administration darüber und bis jetzt
einen Pachter darauf gehabt. Dieser tritt nun in nächster Zeit die
Hinterlassenschaft seines gerade verstorbenen Vaters an und übernimmt
damit dessen in Preußen gelegenes Besitztum. Dort nun, in Schildheim,
rückst du indessen vorläufig ein.«
»Als Pachter? ich verstehe nichts von der Oekonomie,« sagte Georg
finster.
»Es ist das keine so schwierige Kunst zu erlernen,« erwiderte aber der
Bruder, »und du behältst den Verwalter, der bis jetzt auf dem Gute war,
bei dir. Da er sich mit dem vorigen Pachter nicht gut vertragen konnte,
wird er nicht mit ihm gehen und hat mich schon gebeten, bei dem nächsten
ein gut Wort für ihn einzulegen, daß er bleiben könne. Es ist ein schon
bejahrter, aber sehr tüchtiger, nur etwas eigener, pedantischer Mann,
dessen Kenntnisse du benutzen, dich auch sicher bald mit ihm befreunden
und von ihm lernen wirst. Fühlst du dann, daß dich das Leben freut,
fühlst du, daß du bei uns dich heimisch machen kannst, dann, Georg,
darfst du getrosten Mutes der Mutter wieder ins Auge schauen, dann
finden sich auch Mittel und Wege, dir wieder, wenn auch nicht gleich in
deiner früheren Heimat selber, eine selbständige, unabhängige Stellung
zu gründen, dann bist du wieder der Unsere, Bruder Georg, und gibst
dafür mehr, als wir dir je im Leben bieten können, du gibst unserer
Mutter mit dem Sohne ihr Glück, ihren Frieden wieder.«
»Wolf, mein treuer, wackerer Wolf,« rief Georg, indem er mit tränenden
Augen gerührt des Bruders Hand ergriff, »habe ich das um dich -- um euch
alle auch verdient?«
»Und du willigst ein?« rief Wolf rasch und erfreut.
»Für mich von Herzen gern,« sagte Georg, in die dargebotene Hand des
Bruders schlagend, »Gott mag dir die brüderliche Liebe lohnen, ich
selber kann es nie, aber -- Georgine! Wird sie sich an das stille
Leben gewöhnen, wird sie sich heimisch fühlen können auf dem einsamen
Landsitz, fern von dem Geräusche der Stadt, das ihr noch nicht einmal
genügt, nach dem aufregenden Leben ihres bisherigen Berufes? Ich
fürchte, Wolf, daß mir da schwere Kämpfe bevorstehen.«
»Du glaubst, daß sie dich liebt?«
»Sie liebt mich als den besten und kühnsten Reiter, den sie kennt.«
»Und ihr Kind?«
»Ihr liebster Gedanke war von je -- eine zweite Georgine aus ihr zu
ziehen. Was ihren Vater anlangt, so glaube ich, daß dieser einem solchen
neuen Leben weniger Schwierigkeiten in den Weg legen würde. Er ist in
den letzten Jahren recht alt und entsetzlich mürrisch geworden, scheint
auch an dem wüsten Treiben und der Schattenseite unseres Berufes, dem
Hanswurst, dem wir des Publikums wegen aber doch nicht entsagen können,
kein besonderes Vergnügen mehr zu finden. Wenn er nur imstande sein
wird, sich an eine geregelte Tätigkeit zu gewöhnen!«
»Er wird es gewiß, wenn er nur sieht, daß eure Zukunft sich dadurch auch
sichert. Was um Gottes willen würde aus euch, wenn ein unglücklicher
Sturz den einen oder den andern zum Krüppel machte? und seid ihr diesem
Schicksal nicht jede Stunde ausgesetzt?«
»Denkt der Soldat an Wunden oder Tod, wenn er dem Feinde
gegenübersteht?«
»Aber der Soldat hat noch ein höheres Ziel als seinen Sold -- er hat die
Ehre, für die er kämpft, sein Vaterland, das er verteidigt.«
»O, wäre ich Soldat geworden!« seufzte Georg.
»Das ist zu spät,« erwiderte Wolf, »aber auch im bürgerlichen Leben
kannst du noch deinen Platz ehrenhaft ausfüllen, kannst dich zu dem
Range wieder hinaufarbeiten, der dir nach Geburt und Recht gehört; und
ist das nicht ein ein schönes Ziel, dem entgegen zu streben? Denk' an
unsere Mutter dabei -- denke, wie unsagbar glücklich sie sich fühlen
würde, wenn ich imstande wäre, den verloren geglaubten Sohn wieder
in ihre Arme zu führen! Du bist ohne den Segen der Mutter vom Hause
geschieden, kannst du ein schöneres Ziel vor Augen haben, als einen
solchen dir zu verdienen?«
Georg warf sich an des Bruders Brust, und lange hielten sich die beiden
fest und schweigend umschlungen. Endlich richtete sich Georg empor und
sagte leise: »Aber wie entgehe ich den übernommenen Verpflichtungen?
Wie trenne ich mich von der Gesellschaft, selbst angenommen, daß sich
Georgine willig jeder meiner Anordnungen fügen würde?«
»Auf wie lange Zeit hast du deine Leute noch engagiert?« fragte Wolf.
»Der Kontrakt der meisten läuft allerdings mit dieser Messe ab. Nur
einigen bin ich länger verbunden, aber auch mit denen ließe sich wohl
ein Abkommen treffen. -- Und meine Pferde?«
»Verkaufst du hier. Du findest kaum einen besseren Markt dafür. Möglich
sogar, daß deine Leute dir einen Teil derselben abkaufen, um ihre
Laufbahn damit fortzusetzen.«
»Dazu fehlt es ihnen an Geld,« sagte Georg. »Es ist ein wildes,
abenteuerliches Leben, das wir führen, und bares Geld hält sich nicht
dabei. Pferde und Garderobe sind auch das einzige, was ich besitze, doch
steckt darin ein nicht unbedeutendes Kapital, das schon imstande wäre,
mich eine Weile über Wasser zu halten. Sauer genug ist es außerdem
verdient.«
»Das Kapital wird dir dann wesentlich den Anfang erleichtern,« sagte
Wolf. »Richte dich aber auch ein, daß du jedenfalls imstande bist,
gleich _nach_ der Messe, also in acht Tagen etwa, deine Maßregeln zu
treffen, dich von deiner bisherigen Gesellschaft loszusagen und den
Umzug anzutreten. Und noch eins -- deine Frau darf nicht wissen, welcher
Rang und welcher Titel dir zusteht!«
»Du fürchtest, daß sie nicht schweigen kann?«
»Das fürchte ich nicht; ich glaube, sie kann ganz gut schweigen, wo es
ihren Zwecken entspricht, aber -- ich fürchte ihren _Stolz_. Sie
würde dich vielleicht quälen, deinen rechten Namen vor der Zeit wieder
anzunehmen, und dir wenigstens, wenn nichts weiter, doch unnötigen
Kummer, nutzlose Sorge bereiten.«
»Aber welchen anderen Grund kann ich ihr nennen, dem sie auch nur im
entferntesten Glauben schenken würde? -- Ja, sollte sie sich weigern,
mir zu folgen, so gäbe sie mir das Kind auf keinen Fall, und von
Josefinen mich zu trennen, wäre ich nicht imstande.«
»Das brauchtest du auch nicht, selbst das Schlimmste angenommen!« rief
sein Bruder. »Die Gesetze schützen dich darin, denn das Kind gehört vom
sechsten oder siebenten Jahre an dem _Vater_, wenn sich beide Gatten
trennen sollten.«
»Und wenn sie mir dann gezwungen folgt, so wird sie sich unglücklich und
elend fühlen.«
»Die erste Zeit vielleicht, doch dürfte sie sich bald in das neue Leben
schicken. Sie wird und muß einsehen lernen, daß des Weibes Beruf nicht
der Oeffentlichkeit, wenigstens nicht in solcher Weise, angehört. Sie
wird dabei ihre Tochter zu einer ehrenvollen, gesicherten Zukunft
heranwachsen sehen und in dem Bewußtsein volle Entschädigung für die
aufgegebenen so unweiblichen Triumphe finden. Sie _muß_ sich dann auch
glücklich fühlen, oder sie wäre nimmer deiner Achtung, -- deiner Liebe
wert.«
»Ich will es versuchen,« sagte Georg, dem Bruder noch einmal die Hand
reichend und fest und herzlich schüttelnd, »hier hast du Handschlag
und Wort, und was in eines Menschen Kräften steht, dem einmal über ihn
hereingebrochenen Schicksal Trotz zu bieten, soll geschehen. Bist du
damit zufrieden?«
»Ich bin's, Georg, und stärke dich Gott auf deiner neuen Bahn, der
dich so sicher schützen wird, wie ich dir treu zur Seite stehen werde.
Beginne denn mit gutem, frischem Mut und wirf dieses Leben, das deiner
unwert ist, von dir, wie ein altes, abgetragenes Kleid.«
»Aber diese Woche kann ich mich ihm noch nicht entziehen. Ich _muß_ ihm
wie bisher folgen, wenn ich nicht gerade dort, wo ich es am wenigsten
möchte, Verdacht erwecken will. Ich hoffe jetzt nur, daß mir der Fürst
meine Bitte abschlägt, den Seiltanz zwischen den Türmen zu wagen.«
»Hoffe das nicht,« sagte der Graf, »ich war gestern zugegen, wie er
dir günstigen Bescheid erteilte, und konnte es nicht hindern. Aber
eine Ausrede findest du leicht, ein verstauchter Fuß, ein plötzliches
Unwohlsein selber kann dich leicht verhindern, von der erhaltenen
Erlaubnis Gebrauch zu machen. Laß selbst die Vorbereitungen dazu
treffen, wenn du willst, nur wage dein Leben nicht weiter in solch
nutzloser, frevelhafter -- ja, du darfst mir den Ausdruck nicht
übelnehmen -- entehrender Kunst.«
»Ich will versuchen, ob es möglich ist,« sagte Georg. »Aber ich sehe
auch ein, daß du recht hast: Georgine darf vorderhand noch nichts weiter
erfahren; ich selber muß dagegen alles vermeiden, ihren Verdacht zu
erwecken. Sie ist einmal mein Weib, die Mutter meines Kindes, und ich
bin mit ihr für dieses Leben verbunden. Sie einen höheren Lebenszweck
kennen zu lehren, sei fortan mein Ziel, und mein Kind mag dir später
danken, was du an ihm -- an uns getan.«
»Georg!«
»Genug, jetzt laß mich fort; ich höre, wie draußen deine Türe geöffnet
wird.«
»Mein Bursche kommt zurück. Ich habe ihm verschiedene Aufträge erteilt,
um ihn für diese Zeit entfernt zu halten.«
»Und wo sehe ich dich wieder?«
»Hier, jeden Morgen bin ich bis zehn Uhr zu Hause. Willst du mich früher
treffen, so laß mich durch ein paar Zeilen wissen, wo wir uns ungestört
begegnen können.«
»Leb wohl!«
»Leb wohl, Georg, und Gott stärke dich in deinem neuen Leben.«
6.
Eine volle Woche war nach der gepflogenen Unterredung der beiden Brüder
verflossen, und der Rittmeister hatte in der ganzen Zeit nichts weiter
von Georg gehört. Nur die Stadt beschäftigte sich indessen mehr und mehr
mit dem beabsichtigten Seiltanz zwischen den beiden Türmen, je mehr
das Ende der Messe heranrückte; wußte man doch, daß die Erlaubnis dazu
erteilt worden, und trotzdem spannte sich kein Seil auf jener Höhe, und
nichts verriet, daß es überhaupt noch beabsichtigt werde. War es nur
Prahlerei von dem Kunstreiter gewesen, das Publikum neugierig zu machen?
Graf Geyerstein kannte den Grund und dankte Gott in seinem Herzen dafür;
aber trotzdem beunruhigte ihn dieses Schweigen, und er hatte schon
beschlossen, den Bruder heute in seiner eigenen Wohnung aufzusuchen, als
sein Bursche ihm meldete, ein junger Herr sei draußen und wünsche ihn
zu sprechen. Zugleich überreichte er dem Rittmeister die nämliche, mit
seiner Adresse beschriebene Karte, die er damals in der Wohnung Monsieur
Bertrands hinterlassen hatte.
»Ein _junger_ Herr?« fragte der Rittmeister erstaunt, die Karte neben
sich auf den Tisch werfend.
»Blutjung,« bestätigte Karl, »sieht auch ein wenig lustig aus, als ob er
mit zu der -- Sie wissen schon -- zu der Reiterbande gehörte.«
»Es ist gut -- laß ihn eintreten. Du störst uns indessen nicht, hörst
du?«
»Zu Befehl, Herr Rittmeister,« erwiderte mit militärischem Takt der
Bursche und verschwand aus der Türe, um im nächsten Augenblick den
angekündigten Besuch hereinzulassen.
Graf von Geyerstein sah einen jungen, sehr elegant gekleideten Mann
zu sich eintreten, mit vollen, schwarzen Locken und kleinem, leicht
aufgedrehtem Schnurrbart, der erst jetzt, bereits in der Tür, seinen
schwarzen, breiträndigen Filzhut abnahm. Das Gesicht desselben kam ihm
allerdings bekannt vor, er konnte sich aber doch nicht entsinnen, wo er
ihm schon begegnet wäre, und der Fremde machte dabei eine mehr formelle
und tiefe Verbeugung, bis Karl die Türe wieder hinter sich ins Schloß
gedrückt hatte.
»Was steht zu Ihren Diensten?« fragte der Rittmeister gespannt.
»Herr Graf,« erwiderte der Fremde, indem er einen Blick zurück nach der
Türe warf, »ich schätze mich unendlich glücklich, daß Sie mir vergönnt
haben -- wir sind doch einen Augenblick ungestört?«
»Und zu welchem Zwecke, wenn ich fragen darf?«
»Sie kennen mich nicht mehr?« lachte der Fremde, und die Stimme klang
dem Rittmeister jetzt ganz anders -- viel weicher als vorher.
»Ich muß in der Tat gestehen...« sagte dieser.
»Also ist die Verkleidung gelungen?« lachte plötzlich der junge Mann,
und mit einem Griff nach dem Munde stand er _ohne_ Schnurrbart vor dem
dadurch allerdings überraschten Grafen.
»Madame Bertrand!« rief dieser aber auch im nächsten Augenblicke
erstaunt aus.
»Bst -- nicht so laut!« warnte die mutwillige junge Frau, indem sie dem
Grafen lachend mit dem Finger drohte. »Ihr Bursche braucht gerade nicht
mit in das Geheimnis gezogen zu werden.«
»Aber was, um Gotteswillen, hat Sie bewegen können...«
»In Verkleidung zu Ihnen zu kommen?« unterbrach ihn die Schöne. --
»In anderer Weise konnte ich Ihnen keinen Gegenbesuch abstatten, ohne
sämtlichen Kaffeegesellschaften der Residenz auf wenigstens drei Wochen
Stoff zur Unterhaltung zu liefern. Die Verkleidung schlägt aber in
meinen Beruf, und daß ich geschickt darin bin, hab' ich Ihnen, glaub'
ich, bewiesen. Doch Scherz beiseite,« setzte sie plötzlich, ernster
werdend, hinzu, »ich _mußte_ Sie sprechen, und da Sie _uns_ nicht mehr
mit Ihrem Besuche beehrten, so blieb mir keine andere Wahl, als _Sie_
aufzusuchen. Das Resultat sehen Sie vor sich.«
»Und haben Sie nicht bedacht, welchen Mißdeutungen Sie sich durch einen
solchen Schritt aussetzen?« sagte der Graf ernst.
Die junge, schöne Frau warf den Kopf mit einem halb spöttischen, halb
verdrießlichen Lächeln zur Seite.