Der Fürst legte endlich seine Serviette auf den Teller und richtete sich

empor. Die Tafel war aufgehoben, und in den zunächst liegenden Gemächern

wurde der Kaffee umhergereicht. Dort sammelten sich die Gäste zu

verschiedenen Gruppen, während Seine Königliche Hoheit von einer zur

anderen ging, ein paar freundliche Worte bald an den, bald an jenen

richtend. Graf Geyerstein hatte sich indes umsonst bemüht, in die Nähe

der ebenfalls anwesenden Komtesse Melanie zu gelangen. Zuerst war die

Komtesse von der Fürstin selber in Anspruch genommen, und dann fand er

sie zwischen zwei alte, verwitwete Staatsdamen so hineingezwängt, daß

ihr von keiner Seite beizukommen war. Auch schien sie das gar nicht zu

wünschen, denn sie unterhielt sich auf das lebhafteste mit den

beiden von Bändern und Schmuck bedeckten Ueberresten eines vergangenen

Jahrhunderts und hatte für weiter niemanden im Saale Augen.

An einem der Fenster fand er endlich den Kabinettssekretär des Fürsten

in lebhaftem Gespräch mit zwei jungen Damen wie ein paar anderen Herren,

und der Name des Kunstreiters Bertrand fesselte hier zuerst seine

Aufmerksamkeit. Er trat näher und traf die kleine Gruppe in lebendiger

Debatte, weniger über die Leistungen des Mannes und seiner Gesellschaft,

-- als seine Familienverhältnisse. In der Stadt hatte sich nämlich

das Gerücht verbreitet, Madame Georgine stamme aus einer altadeligen

französischen Familie und sei von dem kühnen Reiter und Seiltänzer unter

den abenteuerlichsten Verhältnissen aus einem Kloster entführt und

zum Kunstritt erzogen worden. Ueber die Sache selber schien man auch

vollständig einig, nur über den früheren Namen der Dame schwankten

die Meinungen, und alles wandte sich in vollem Eifer gegen den jungen

Grafen, als dieser das ganze Gerücht bezweifeln wollte. War er doch im

Begriff, sich an der ganzen Gesellschaft zu versündigen, indem er ihr

den pikantesten Stoff zur Konversation damit zu rauben gedachte. Wie

die Debatte gerade am lebendigsten war, näherte sich der Fürst mit einem

jungen Fremden, der sich seit einigen Tagen in *** aufhielt, der Gruppe,

die sich augenblicklich gegen ihn öffnete.

»Ah, lieber Geyerstein,« wandte er sich zugleich gegen den Rittmeister,

»was für einen Kampf führen Sie denn hier? Aber ich weiß nicht einmal,

ob sich die Herren schon kennen? -- Rittmeister Graf von Geyerstein --

Graf Selikoff aus St. Petersburg. -- Doch um was handelte Ihr Streit,

wenn man fragen darf?«

Die beiden jungen Leute verbeugten sich gegeneinander, und Fräulein von

Zahbern, die eine der Damen, antwortete: »Um kein Geheimnis, Königliche

Hoheit, und doch auch wieder ein Geheimnis, nämlich um die Abstammung

der Frau des Kunstreiters.«

»Ah, apropos, Lerchenstein, wie steht denn die Sache mit jenem Monsieur

Bertrand?« wandte sich der Fürst an seinen Geheimsekretär. »Haben Sie

mir nicht gestern morgen etwas darüber vorgelegt?«

»Allerdings, Königliche Hoheit. Es betraf die verweigerte Erlaubnis des

Magistrats, daß der etwas tollkühne Mensch zwischen den beiden Türmen

der Katharinenkirche ein Seil aufspanne, um darauf seine Künste zu

zeigen.«

»Ganz recht. Jetzt erinnere ich mich. Ja, was soll man da tun? Der

Magistrat wird wohl seine Gründe gehabt haben, es ihm zu verbieten, wenn

ihm auch eigentlich kein Mensch verwehren kann, seinen Hals zu wagen.

Meinen Sie nicht, Geyerstein?«

»Ich meine, Königliche Hoheit, daß es ein wohltätiges Verbot war.

Es heißt an Gott gefrevelt, seine Glieder in solcher Weise der fast

gewissen Gefahr preiszugeben.«

»Das nehmen Sie aber doch wohl zu ernst, lieber Geyerstein,« sagte der

Fürst, »denn wenn Sie so weit gehen wollten, dürfte ich das Seiltanzen

überhaupt nicht gestatten. Ich meinesteils täte das auch mit dem größten

Vergnügen, aber wo die Grenze nachher ziehen zwischen gefährlichen und

weniger gefährlichen Künsten?«

Der Rittmeister schwieg, denn er erinnerte sich, daß er fast dieselben

Einwendungen mit beinahe den nämlichen Worten vor ganz kurzer Zeit der

Komtesse Melanie gemacht. Fräulein von Zahbern aber rief: »Der Herr

Rittmeister ist ein durchaus grausamer Mensch, er will uns _jede_

Unterhaltung rauben.«

»Und würden Sie, mein gnädiges Fräulein, wirklich eine Unterhaltung

darin finden,« entgegnete der Rittmeister, »einen Menschen zwischen zwei

Türmen auf einem dünnen Seile spazieren gehen zu sehen? Würden Sie

sich an einem Schauspiel ergötzen können, bei dem Sie jeden Augenblick

fürchten müßten, daß es damit endete, Ihnen den zerschmetterten Leichnam

vor die Füße zu senden?«

»Sie gebrauchen gräßliche Ausdrücke, Herr Graf!« rief das gnädige

Fräulein, ihren Fächer in Schauder vor die Augen hebend, »aber Monsieur

Bertrand fällt auch nicht herunter, er ist ja ein Seiltänzer.«

Graf Geyerstein zuckte die Achseln. Selikoff aber sagte: »Ich glaube,

das gnädige Fräulein hat im Grunde recht. Der Broterwerb fast aller

dieser sogenannten Meßkünstler ist lebensgefährlich, seien das nun

Kunstreiter, Seiltänzer, Tierbändiger, Feueresser oder was immer, und

wollte man die Leute aus übertriebener Humanität daran verhindern,

sich _möglicherweise_ den Hals zu brechen, so gäbe man sie sicher dem

Verhungern preis oder zwänge sie wenigstens, ihr Brot, das sie nun

einmal haben müssen, sich auf irgend eine andere ungesetzliche Art und

Weise zu erwerben.«

»Das ist schön von Ihnen, Herr Graf,« rief das Fräulein von Zahbern,

fröhlich in die Hände schlagend, »daß Sie uns das Wort reden, dem sehr

gestrengen Herrn Rittmeister gegenüber.«

»Aber, mein gnädiges Fräulein...«

»Ich lasse gar keine Entschuldigung gelten,« rief die junge Dame, »denn

gerade _Sie_ sollten der letzte sein, der sich halsbrechenden Künsten

widersetzt.«

»Und warum ich?«

»Weil Sie fortwährend die wildesten, unbändigsten Pferde ganz

unnötigerweise selber reiten, und wenn Sie den Seiltanz verboten haben

wollen, trage ich bei Seiner Königlichen Hoheit wahrhaftig darauf an,

daß er Ihnen auch verbietet, _Ihr_ Leben so mutwillig dem Eigensinne des

ersten besten Pferdes preiszugeben.«

»Ich glaube selber, Sie sind da zu strenge, mein guter Geyerstein,«

sagte jetzt auch der Fürst. »Es ist einmal Messe, und wenn ich dem

Seiltänzer verbieten will, sein Seil so hoch zu spannen, wie es ihm

beliebt, muß ich auch dem Menageriebesitzer -- wie heißt er gleich? --

untersagen, mit den Hyänen zu frühstücken und seinen Kopf in des Tigers

Rachen zu stecken.«

»Also befehlen Königliche Hoheit?« fragte der Sekretär.

»Lassen Sie den Magistrat ersuchen, dem Manne kein Hindernis in den Weg

zu legen,« sagte der Fürst.

»Zu Befehl, Königliche Hoheit.«

»Und -- was ich noch gleich sagen wollte,« fuhr der Fürst fort, »wo

steckt denn eigentlich unsere kleine Ralphen? Ich habe mich in der

letzten Viertelstunde vergebens nach ihr umgesehen.«

»Dort drüben, mein gnädigster Herr,« erwiderte der Rittmeister, mit

einer leichten Verbeugung nach der Richtung hinüberdeutend, in der er

die junge Dame wußte. »Komtesse Melanie hat sich den beiden Staatsdamen

angeschlossen.«

»Ah -- danke -- kommen Sie, Selikoff, ich sehe unsere schöne Komtesse

schon; also auf Wiedersehen!« Und mit freundlichem Nicken verließ er die

sich tief verbeugende Gruppe.

Natürlich hatte das Gespräch dadurch augenblicklich eine andere Wendung

genommen. Der Kunstreiter, dessen Sache man überdies als erledigt

betrachtete, war vergessen, und die Unterhaltung drehte sich

ausschließlich um den jungen, fremden Grafen Selikoff, den einige mit

einer geheimen politischen Mission am hiesigen Hofe betraut wissen

wollten. Er sollte dabei steinreich und, einer der ersten russischen

Familien angehörend, sogar der Liebling des Zaren sein; so wenigstens

behauptete Fräulein von Zahbern, die einen wahren Schatz von Kenntnissen

in dieser Angelegenheit entwickelte. Graf Geyerstein hatte sich

indessen schon lange von der Gruppe zurückgezogen und verfolgte fast

unwillkürlich mit den Blicken den jungen Russen, mit dem der Fürst

gerade jetzt zur Komtesse von Ralphen trat. Ihm war es fast, als ob

Melanies Auge über die Schulter des Fremden _ihn_ gesucht habe -- aber

er hatte sich doch wohl geirrt, oder die neue Bekanntschaft nahm sie so

in Anspruch, daß sie des alten Freundes nicht weiter gedachte. Wie

süß und lieb sie den jungen Fremden anlächelte, und wie leichtherzig

tändelnd das schöne Mädchen, als der Fürst sie sich selber überlassen

hatte, mit ihm den Salon hinunterschritt.

»Cher comte! Sie schneiden ein ganz verzweifelt finsteres und

festwidriges Gesicht,« lächelte in diesem Augenblicke ein kleiner,

schmächtiger, mit Goldstickereien und Orden fast bedeckter Herr, der,

den dreieckigen Hut unter den Ellbogen gedrückt, seinen Arm vertraulich

in den des Grafen schob.

Es war eine eigentümliche, und, einmal gesehen, kaum wieder zu

vergessende Persönlichkeit, dieser Herr von Zühbig, dessen Gesicht mit

dem tief hinabgedrehten, schwarzen Schnurrbart, wie den hinaufgezogenen,

etwas starken Augenbrauen den unverkennbaren Ausdruck trug, als ob

er permanent über irgend einen Gegenstand sein äußerstes, aber auch

untertänigstes Bedenken ausdrücken wolle. Der Mann _sprach_ auch

eigentlich nie, er lispelte nur, und lispelte dabei so süß, so lieb, so

herzlich, recht aus tiefster Seele, daß man ihm zuletzt den Schnurrbart

gar nicht mehr glaubte.

»Habe ich wirklich so ein finsteres Gesicht gemacht, Herr Intendant?«

sagte Geyerstein, sich zu ihm wendend.

»Entsetzlich!« rief der Höfliche, und die Augenbrauen berührten fast das

wohlgelockte und geölte Haar.

»Dann denunzieren Sie diesen Verstoß gegen die Etikette um Gotteswillen

nicht dem Zeremonienmeister. Uebrigens gebe ich Ihnen die Versicherung,

daß es nur ganz in Gedanken geschehen sein kann, ohne den geringsten

Grund, denn ich dachte wirklich eben nur an ganz gleichgültige,

unbedeutende Sachen.«

»Apropos, Herr Graf, haben Sie die neue Robe unserer Allergnädigsten

schon bewundert? Sie ist wirklich magnifique.«

»Ich muß Ihnen meine Unaufmerksamkeit gestehen; ich habe es in der Tat

noch _nicht_ getan.«

»Dann versäumen Sie keinen Augenblick länger, cher comte. Die

Herrschaften werden sich überdies bald wieder zurückziehen. Unser

gnädigster Herr war so unendlich huldreich heute. -- Sie hatten vorher

eine längere Audienz bei Seiner Königlichen Hoheit, nicht wahr? Wohl

Dienstsachen?«

»Allerdings.«

»Königliche Hoheit haben nichts über die gestrige Vorstellung erwähnt?«

»Nicht, daß ich mich erinnere.«

»Herr Generalintendant,« flüsterte in diesem Augenblicke ein Kammerherr

an seiner Seite, »Königliche Hoheit wünschen...«

»Zu Befehl!« rief der Geschmeidige, indem er in dem Moment auch fast

um wenigstens sechs Zoll kleiner wurde, und den Arm des Kammerherrn

ergreifend, schritt er mit diesem, nach einem huldreichen,

überglücklichen Lächeln gegen den Grafen, der Richtung zu, in der sich

der Fürst befand, unterwegs indessen die ihm übersandten Befehle des

Herrn entgegennehmend.

Noch stand der Rittmeister auf seiner Stelle, wo ihn von Zühbig

verlassen hatte, als ein Herr, ein großer, stattlicher Mann mit

militärischem Anstand, aber glatt rasiertem Gesicht, mehr jedoch noch

durch seinen einfachen schwarzen Frack, an dem nicht ein einziger

Orden prangte, gegen die übrige gestickte, geschmückte und uniformierte

Gesellschaft abstechend, zu ihm trat. Es war der amerikanische Gesandte,

Oberst Pollard, erst seit kurzer Zeit in ***.

»Mein Herr Graf,« redete er den jungen Mann an, den er schon früher

kennen gelernt und lieb gewonnen hatte, »ich muß Sie um eine Auskunft

bitten.«

Der Graf verbeugte sich leicht.

»Wer war der Herr, der Sie eben verlassen hat?« fragte der Oberst. »Es

soll ein französischer General bei Tafel gewesen sein. -- War jener Herr

vielleicht?...«

»Da tun Sie ihm Unrecht,« lächelte der Rittmeister. »Herr von Zühbig ist

der harmloseste und am wenigsten blutdürstige Mann seines Jahrhunderts,

obgleich allwöchentlich zahlreiche Personen unter seiner Leitung teils

erstochen werden, teils an gebrochenem Herzen sterben.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

»Es ist der Generalintendant unseres Hoftheaters.«

»Und trägt einen wahren Panzer von Orden?« sagte der Amerikaner

erstaunt.

»Mr. Pollard,« lachte der Graf, »Sie sind erst zu kurze Zeit in

Deutschland, um sich hier an unsere Sitten und Gebräuche schon hinlängst

gewöhnt zu haben. Aber -- erinnern Sie sich wohl, daß Sie mir neulich

einmal von Ihren Indianern erzählten, die gewisse Kerbhölzer haben

sollen, an denen sie ihre verschiedenen Zeitabschnitte sowohl, wie

außergewöhnliche Begebenheiten ihres Lebens anzeichnen?«

»Allerdings.«

»Nun gut! -- unsere Höflinge -- das Wort jedoch in der freundlichsten

Weise gebraucht -- sind ebenso die Kerbhölzer der Fürsten, an denen

sich dieselben für alle Geburtsanzeigen befreundeter Höfe, für Besuche

auswärtiger Potentaten, überhaupt für festliche und außergewöhnliche

Gelegenheiten -- ein Zeichen machen. Für ein so zierliches Kerbholz

gehört aber auch, wie sie mir zugestehen werden, ein zierlicher Schmuck,

und -- voila.«

Oberst Pollard lächelte still vor sich hin, als plötzlich eine

allgemeine Bewegung in den Salons entstand. Die Herrschaften zogen sich

zurück, und die Gruppen der Gäste neigten sich tief und ehrfurchtsvoll

vor dem Herrscherpaare. Und jetzt auf einmal kam reges, _natürliches_

Leben in die bis dahin noch so steife, förmliche Menschenmenge. Alles

brach auf, und wie der Fürst mit der Fürstin den Saal verlassen hatte,

zogen sich die Gäste ebenfalls den Türen zu. Der Amerikaner war von dem

jungen Grafen durch einige dazwischen tretende Herren vom Hofe getrennt

worden, als sich Graf Geyerstein wieder angeredet sah.

Es war diesmal durch eine ihm nicht eben angenehme Persönlichkeit, mit

der er bis jetzt auch noch keinen Verkehr gehalten hatte: ein noch

sehr junger, ungemein geschniegelter, nach Parfüm duftender Herr, mit

kleinem, stark gewichstem, pechschwarzem Schnurrbart, gebogener Nase

und sehr lebendigen, rasch umherschweifenden schwarzen Augen, zwei große

ausländische Ordenskreuze auf der Brust, mit einem Worte, der Sohn eines

erst vor kurzer Zeit baronisierten, sehr reichen Bankiers, dessen Vater

mit dem Hofe in fortwährender Verbindung stand.

»Herr Graf,« sagte der junge Mann, sich selbstgefällig dem Rittmeister

vorstellend, »Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich mir die Freiheit

nehme, mich selber bei Ihnen einzuführen. Ich bin Baron Hugo von

Silberglanz und habe schon lange nach dem Vergnügen und der Ehre

getrachtet, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.«

»Herr Baron,« sagte der Graf, »es war mir sehr angenehm, Ihre

Bekanntschaft gemacht zu haben,« und sich leicht und kalthöflich vor ihm

neigend, schritt er an ihm vorüber den Saal entlang.

Baron Hugo von Silberglanz blieb, etwas verdutzt über diesen Empfang,

noch einige Sekunden an derselben Stelle stehen, als er den Blick des

Staatsrats von Zädnitz mit innigem und boshaftem Vergnügen auf sich

haften sah. Er fühlte, wie er rot wurde, und sich rasch und mit einem

vollständig gleichgültigen Blick emporraffend, warf er den Kopf zurück

und schritt einem der Seitengemächer zu. Graf Geyerstein indessen,

der schon gar nicht mehr an den faden Menschen dachte, suchte noch der

Komtesse Melanie zu nahen, denn bis jetzt war er nicht imstande gewesen,

ein einziges Wort mit ihr zu wechseln -- aber es gelang ihm nicht.

Einmal glaubte er allerdings, daß ihr im Saale umherschweifendes Auge

ihn wenigstens streife -- doch konnte sie ihn nicht gesehen haben, denn

schon im nächsten Moment wandte sie sich ihrem jetzigen Begleiter, dem

jungen Grafen Selikoff, zu, an dessen linker Seite Fräulein von Zahbern

dahinschritt und sehr angelegentlich auf ihn einsprach.

»Sehen Sie nur, wie sich die Zahbern an den Selikoff drückt, und wie

bezaubernd sie zu ihm hinüberlächelt,« flüsterte nicht weit von ihm der

Kabinettssekretär einem neben ihm gehenden Kammerherrn des Fürsten zu.

»Das hilft ihr doch nichts,« erwiderte dieser, »er scheint nur Auge und

Ohr für die kleine Ralphen zu haben.«

»Die arme Zahbern,« lächelte der Sekretär, »und sie gibt sich so viel

Mühe!«

»Und hat schon so viel bittere Erfahrungen gemacht!« sagte der

Kammerherr.

Die beiden Herren schlenderten langsam der Tür zu, ließen sich draußen

von den Lakaien ihre Paletots überhängen und stiegen die Treppe

hinunter, um ihren Wagen dort zu erwarten. Auch Graf Geyerstein folgte

ihnen und sah eben noch, wie der junge Russe mit dem Kriegsminister

von Ralphen und Melanie in deren Equipage stieg und in die Stadt hinein

fuhr.

»Aber, Herr Graf, Sie antworten mir ja gar nicht,« sagte in diesem

Augenblick eine vorwurfsvolle Stimme an seiner Seite, und Fräulein von

Zahbern schaute mit einem freundlich verweisenden Blick zu ihm auf.

»Mein gnädiges Fräulein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung -- das

Rasseln der Wagen -- Sie befehlen?«

»Gar nichts, lieber Graf; ich meinte nur, daß der junge Graf Selikoff

ein höchst liebenswürdiger Mensch ist -- er war so artig; die alte

Exzellenz weiß auch wohl, was sie tut.«

»Wer? -- Herr von Ralphen?«

Fräulein von Zahbern nickte.

»Der junge Graf ist steinreich, ein Wort, das man ganz vorzüglich

von den Russen gebrauchen kann, denn sie wühlen in Diamanten, und bei

Ralphens sollen die Vermögensverhältnisse -- Sie wissen, man munkelt da

Verschiedenes.«

»In Kaffeegesellschaften?«

»Nur nicht boshaft, wenn ich bitten darf!«

»Aber mein gnädiges Fräulein...«

»Ich weiß schon, was Sie sagen wollten -- auf uns arme Frauen wird

von diesen sogenannten Herren der Schöpfung am liebsten gleich alles

gewälzt. _Das_ habe ich übrigens aus ganz sicherer Quelle und nicht aus

einer Kaffeegesellschaft.«

»Daß die sogenannten Herren der Schöpfung...?«

»Da nicht sehen wollen, wo sie _selber_ blind sind,« sagte die junge

Dame mit sehr scharfer Betonung des Selber.

»Und sind sie da nicht vollkommen entschuldigt?« lächelte der Graf.

»Der Kriegsminister wird _alles_ daran wenden, um den Russen hier zu

fesseln,« fuhr die junge Dame fort.

»Glauben Sie?«

»Was die Augen sehen, glaubt das Herz.«

»Und wenn wir den Satz umdrehen?«

»Sie sind unausstehlich heute, Graf!« rief die Dame, »für meine

freundliche Warnung hätte ich andern Dank verdient.«

»Für Ihre Warnung, mein gnädiges Fräulein?« sagte Graf Geyerstein

erstaunt.

»Tun Sie nur nicht so unschuldig,« rief die junge Dame, »und trauen Sie

der Residenz nicht zu, daß sie blind ist, wenn Sie blind sein wollen.

Sie kennen doch die Fabel vom Strauß?«

»Mit dem Kieselstein-Verschlucken?«

Fräulein von Zahbern wollte etwas darauf erwidern, aber sie biß sich auf

die Lippen. »Wem nicht zu raten ist, lieber Graf,« sagte sie endlich,

indem sie sich gegen ihn verneigte, »dem ist auch nicht zu helfen -- ich

sehe, da ist mein Wagen -- au revoir!«

»Mein gnädiges Fräulein...«

»Apropos -- werden Sie heut abend den Zirkus besuchen?«

»Es ist Meßsonntag.«

»Leider Gottes, und ich ginge so gern! Madame Bertrand soll eine

reizende Frau sein. Graf, Graf, nehmen Sie sich in acht!«

Fräulein von Zahbern drohte ihm dabei, als er ihr gerade den Arm bot, um

sie in den Wagen zu heben, lächelnd mit dem Finger.

»Wieder eine Warnung, mein gnädiges Fräulein?« fragte der Rittmeister.

»Ich will weiter nichts gesagt haben,« erwiderte die Dame, und die

weitere Unterhaltung wurde durch das Anziehen der Pferde abgebrochen.

Der Rittmeister schritt langsam seiner eigenen Wohnung zu.

5.

Am nächsten Morgen war Graf Geyerstein früh aufgestanden und hatte

einige Briefe geschrieben. Nach dem Frühstück ging er unruhig in seinem

Zimmer auf und ab, und sah wohl hundertmal nach der Uhr, deren Zeiger

ihm nie so langsam fortgeschlichen waren, wie gerade heute. Endlich

schlug es acht. Sein Bursche Karl trat herein und fragte nach den

Briefen, die ihm der Herr Rittmeister befohlen hätte auf die Post zu

schaffen.

»Warte noch einen Augenblick, ich bin noch nicht fertig,« lautete die

Antwort. »Hat noch niemand nach mir gefragt?«

»Noch nicht, Herr Rittmeister.«

»Ich werde dich rufen, wenn ich dich brauche.«

Der Bursche schloß die Tür wieder, und der Rittmeister setzte mit

untergeschlagenen Armen seinen unruhigen Spaziergang fort. Es schlug

halb neun, da klingelte draußen die Vorsaaltür, und der Rittmeister

zuckte zusammen. Er blieb stehen und horchte; draußen wurden Stimmen

laut, und gleich darauf trat Karl ein und überreichte ihm eine Karte,

die den einfachen, außerordentlich fein darauf gestochenen Namen trug

»Georg Bertrand.«

»Es ist gut,« sagte der Rittmeister, »laß -- laß den Herrn eintreten --

aber warte. Hier, nimm das gleich mit fort: diese beiden Briefe auf die

Post -- diese Bücher hier kommen zum Buchbinder, und hier die Koppel

trägst du zum Sattler und läßt dir eine andere Schnalle für die

gebrochene ansetzen. Du magst gleich darauf warten.«

»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«

»Also bitte den Fremden, einzutreten, und halte dich nicht länger auf,

als nötig ist.«

Der Bursche verschwand wieder, gleich darauf öffnete sich aufs neue die

Tür und schloß sich hinter dem eingetretenen Fremden, der mit leiser,

aber fester Stimme und leichter Verneigung sagte: »Sie haben gewünscht,

mich zu sprechen, Herr Graf.«

Graf Geyerstein stand der hohen, männlichen Gestalt des Kunstreiters

Bertrand gegenüber, aber er antwortete keine Silbe. Totenbleich sah

er dabei aus; jeder Tropfen Blut hatte seine Wangen verlassen, und nur

seine Blicke hafteten fest, ja stier auf den Zügen Bertrands.

»Sie haben gewünscht, mich zu sprechen, Herr Graf,« wiederholte der

Kunstreiter endlich -- aber noch leiser als vorher.

Da streckte der Graf die Arme nach ihm aus.

»Georg,« sagte er mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme --

»Bruder Georg!«

Monsieur Bertrand rührte sich nicht. Er hatte die Zähne aufeinander

gebissen und sah fest und ernst in die Züge des Grafen, aber es war

nur ein Moment, im nächsten warf er sich an seine Brust, und die beiden

Männer hielten sich stumm und schweigend Herz an Herz in eiserner

Umarmung fest umschlossen.

»Ich hatte keine Ahnung, dich hier in ***schen Diensten zu finden,«

flüsterte endlich Georg, als er sich langsam, die Augen von Tränen

gefüllt, wieder emporrichtete.

»Ich erkannte dich auf den ersten Blick, wie ich dich die Straße

niederreiten sah,« erwiderte der Rittmeister, »aber, Georg, um Gottes,

um unserer Ehre willen, welchen Lebensweg hast du gewählt? Was konnte

dich in _diese_ Bahn schleudern?«

»Wir sind allein?« sagte Georg, während er einen Blick nach der Türe

warf.

»Vollkommen und ungestört. Mein Bursche ist fort; außerdem weiß er, daß

er nicht horchen darf. Setze dich hierher zu mir.«

Georg zögerte einen Augenblick, dann legte er seinen Hut ab und ließ

sich still neben dem Bruder nieder, der seine Hand ergriff und bittend

sagte: »Jetzt sprich, Georg -- gestehe mir alles -- alles, was geschehen

ist, schütte dein ganzes Herz in meine Brust aus, und laß mich dann

Mittel und Wege finden, dir zu helfen, dich zu retten.«

»_Mich_ zu retten?« lächelte aber Georg bitter vor sich hin, »das ist

vorbei -- zu spät, und ich glaubte auch die Vergangenheit schon fest

und sicher abgebrochen, glaubte mit der Welt und meinem früheren Namen

abgeschlossen zu haben, als deine Karte gestern all' diese Hoffnungen

und Pläne mit einem Schlage über den Haufen warf.«

»Und so lange bist du schon nach Deutschland zurückgekehrt, ohne selbst

_mir_ ein Lebenszeichen zu geben!« sagte Wolf vorwurfsvoll.

»Ich wagte es nicht,« flüsterte Georg, finster das Antlitz zur Seite

wendend. »Ich vermied sogar, die heimischen Grenzen zu betreten, denn

ich fürchtete, erkannt zu werden, fürchtete mich selber zu verraten,

und -- mochte den Spott derer nicht ertragen, die ich früher -- als

meinesgleichen wußte.«

»Georg,« sagte der Bruder tief bewegt, »nicht um dir Vorwürfe über

Vergangenes zu machen, hab' ich dich aufgesucht, hab' ich dich gebeten,

zu mir zu kommen. Deine eigenen Worte jetzt gestehen mir alles, was

ich dir darüber zum Herzen reden könnte; denn du, der sich seinen

Lebensberuf darin gewählt hat, dem Tod in seiner häßlichsten Form

zu trotzen, schämst dich jetzt, denen unter die Augen zu treten, die

_früher_ deinesgleichen waren und aus deren Kreisen du fort -- _hinab_

gestiegen bist. Daß du das aber fühlst, bürgt mir auch für die Erfüllung

meiner Hoffnung, dich diesem Leben wieder zu entreißen.«

»Es ist zu spät,« sagte düster der Kunstreiter, »ich -- kann nicht mehr

zurück.«

»Der Mensch kann alles, was er ernstlich will, und deine _Seele_ hast

du nicht verpfändet,« entgegnete ernst der Graf, »ja, wenn du es

deinethalben selbst nicht tun wolltest, müßtest du es meinethalben --

müßtest du es der Mutter wegen tun.«

Der Kunstreiter, 1. Band · 第 3 / 11 段