unserer Vorstellung zu sehen,« sagte sie, »aber wollen Sie nicht Platz
nehmen? Guter Gott, es sieht wahrhaftig gerade _heute_ zu unordentlich
bei uns aus! Was müssen Sie nur von uns denken!« Sie räumte dabei rasch
und ziemlich rücksichtslos, wohin sie die Sachen aus dem Wege brachte,
das Sofa ab, und sich dann in die eine Ecke lehnend, zeigte sie
mit einer leichten Handbewegung lächelnd auf die andere, sodaß Graf
Geyerstein nicht umhin konnte, neben ihr Platz zu nehmen. Halb verlegen
gehorchte er auch der Einladung, und es entging ihm dabei nicht, daß die
schöne Frau dem Alten einen bezeichnenden Blick zuwarf. Dieser griff,
demselben gehorchend, und wie es schien ziemlich mürrisch, seine Arbeit
auf, sah rechts und links neben sich auf die Erde, ob er nicht etwas
vergessen habe, und verließ dann ohne weiteren Gruß das Zimmer.
»Ich bin Ihnen vor allen Dingen eine Erklärung schuldig, Madame,« nahm
jetzt der Rittmeister das Wort, »daß ich gewagt habe...«
»Ich bitte Sie um Gotteswillen, keine Entschuldigung,« unterbrach ihn
lächelnd die Frau, »Sie sind da, und das genügt mir -- was wollen Sie
mehr? Es soll mich nur freuen, wenn ich Ihnen mit etwas dienen kann.«
Graf Geyerstein geriet dieser Antwort, ja Ermunterung gegenüber in
Verlegenheit und Madame Bertrand schaute ihn so freundlich dabei an, und
sah in dem leichten, seidenen Oberkleide, das ihren vollen Körper nur
locker umschloß, wirklich so reizend aus -- er konnte nur eine dankende
Verbeugung machen.
»Sie sind Soldat, nicht wahr?« nahm da die Dame die Unterhaltung wieder
auf, »Kavallerieoffizier?«
»Allerdings.«
»Ich dachte es mir -- oder vielmehr, ich erinnere mich Ihrer Uniform,«
setzte die Frau, leicht errötend, aber doch auch wieder halb schelmisch
hinzu, »und Sie -- interessieren sich für unsere schönen Pferde?«
»Ich muß gestehen, daß ich entzückt davon bin,« erwiderte der Graf, der
um jeden Preis diese Unterredung abzubrechen wünschte, »aber das ist es
eigentlich nicht, was mich hierher geführt.«
»Sie wollten auch die _Reiter_ kennen lernen,« lächelte Madame Bertrand,
»ein sehr natürlicher Wunsch, der aber leider nur gewöhnlich die
Illusion zerstört, die bis dahin einen eigenen, fremdartigen Zauber um
sich warf.«
»Ich wünschte Monsieur Bertrand zu sprechen.«
»Georg? -- er ist leider nicht zu Hause. Heute, am Meßsonntage, geben
wir zwei Vorstellungen und seine Anwesenheit im Zirkus ist deshalb
unumgänglich nötig, um die erforderlichen Anordnungen dort zu treffen.
Er wird vielleicht vor der Vorstellung nur noch auf einen Augenblick
herüberkommen.« Graf Geyerstein schwieg und sah sinnend vor sich nieder.
»Kann ich vielleicht irgend einen _Auftrag_ ausrichten? Georg wird sich
jedenfalls geehrt fühlen. -- Aber, mein Gott! fehlt Ihnen etwas? --
Sie sehen totenbleich aus.« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und sah
besorgt zu ihm auf.
»Nicht das mindeste,« sagte abwehrend der Graf, »ich danke Ihnen,
Madame, aber ich befinde mich vollkommen wohl -- nur die drückende Luft
hier im Zimmer...«
»Sie haben recht!« rief Madame Bertrand, aufspringend und rasch ein
Fenster öffnend, »es ist hier auch entsetzlich heiß, und Vater hat dabei
wieder einmal so gequalmt.«
»_Der Vater!_« flüsterte der Rittmeister leise vor sich hin, und fast
krampfhaft faßte die Linke den Tisch, an dem er sich emporrichtete.
»Sie wollen schon wieder fort?« rief da Georgine, mit einem halb
erstaunten, halb bittenden Blick.
»Ich darf Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.«
»Aber Sie stören mich gar nicht, und wenn Sie Geschäfte mit Georg...«
»Geschäfte nicht, Madame, aber -- ich wünschte ihn zu sprechen,«
unterbrach sie der Graf, »und -- ich sehe auch keinen Grund, weshalb ich
Ihnen die Ursache verschweigen sollte. Eine merkwürdige Aehnlichkeit,
die er mit einem meiner früheren Freunde hat, läßt mich wünschen, ihn
kennen zu lernen -- möglich, daß es nur eben eine Aehnlichkeit ist, aber
ich würde ihm _sehr_ dankbar sein, wenn er mich vielleicht morgen früh
zwischen acht und zehn Uhr besuchen wollte. Meine Karte hier haben Sie
wohl die Güte ihm zu überreichen.«
»Graf Wolf von Geyerstein,« las Georgine, sich leise und lächelnd dabei
gegen den jungen Offizier verneigend, »ich werde nicht ermangeln, Ihren
Auftrag pünktlich auszurichten, Herr Graf. Aber -- wissen Sie wohl, daß
das ein recht eigenes Zusammentreffen ist?«
»Welches, Madame?«
»Daß _Sie_ Georg einer _Aehnlichkeit_ wegen aufsuchen wollen,« sagte die
junge Frau, »während gerade _Sie_, Herr Graf, auch mir einer
Aehnlichkeit wegen von Anfang an aufgefallen sind.«
»Und _wem_ sah ich ähnlich?« flüsterte der Graf, und seine Blicke
hafteten fest und stier auf den Augen des schönen Weibes.
»Keinem so entsetzlichen Wesen, als Sie zu glauben scheinen,« lächelte
schalkhaft Georgine, »nur -- einem früheren Geliebten von mir -- meinem
jetzigen Manne.«
»Georg Bertrand?«
»Demselben -- wenigstens damals, als er noch nicht einen so furchtbaren
Bart trug wie jetzt.«
»Sie sind schon längere Zeit verheiratet, Madame?«
»Leider!« seufzte Georgine mit komischem Bedauern.
»Leider?«
»Ich weiß nicht, ob _Sie_ vermählt sind, Herr Graf, aber -- es ist doch
ein anderes Ding um einen Liebhaber, als um einen Ehemann, und Monsieur
Bertrand ist, besonders in der letzten Zeit, so ernst -- ja, ich möchte
fast sagen, finster geworden, als ob er die ganze Lust an seiner Kunst
verloren hätte.«
»Und wenn dem wirklich so wäre?«
»Wenn dem so wäre?« lachte Georgine. »Sie reden gerade, als ob er
von seinen Renten leben könnte! Er hat weiter nichts gelernt, als die
sogenannte »brotlose Kunst«, die uns aber doch ein ganz hübsches Brot
abwirft, und die Dressur der Pferde, in der er Meister ist. Sollte er
aber jetzt, wo er so viele in seinem Dienste gehabt, selber Dienste
bei einem Herrn nehmen und _Bereiter_ werden? Er hielte es nicht
vierundzwanzig Stunden aus.«
»Und finden Sie selber Freude an diesem Beruf -- an dieser _Kunst_, wenn
Sie wollen?«
»Ich lebe und atme darin!« rief Georgine, und ihre Augen leuchteten,
ihre ganze Gestalt hob sich. »Auf dem Rücken meines Tieres bin ich ein
anderes Wesen, gehöre ich dieser Erde kaum mehr an, und was dem Fisch
das Wasser, der Pflanze das Licht sein mag, ist mir der jauchzende
Beifall der Menge, die buntgeschart mich umgibt. Ich schwimme dann in
einem Meer von Glanz und Licht und Wonne, und -- erwache erst, wenn
_diese_ Wände hier aufs neue mich umgeben -- einschließen.«
»Und das ist doch ein unnatürlich Leben,« sagte der junge Graf, »das
_Haus_ ist eigentlich des Weibes schönster Wirkungskreis.«
»Nicht der meine!« rief Georgine, indem ein trotziges Lächeln ihre
schönen Lippen umspielte. »Das Haus? -- ja, für die Weiber, die nähen
und stricken und Freude an ihrem Wäschschrank finden können. _Mein_
Wirkungskreis liegt draußen in der Bahn; ich _tanze_, _fliege_ durch das
Leben, und so -- so möcht' ich enden, wenn es denn einmal geschieden,
gestorben sein muß. Aber _Sie_ sind Soldat. Sie können sich am besten,
am leichtesten in solche Sehnsucht denken. Und möchten _Sie_, wie Sie
da vor mir stehen, als Mann, das Leben eines Stubenhockers, eines
Aktenmenschen, wählen, der über seinen staubigen Papieren brütet und
Licht und Luft und Sonnenschein da draußen ungesehen, unbeachtet wirken,
schaffen, segnen läßt? Sie nicht, Sie wahrlich nicht, und gerade so
denk' auch ich. Von klein auf zu diesem Beruf herangebildet, hab' ich
mit der Muttermilch schon die Lust an solchem Leben eingesogen, und wem
das nun einmal im Blute liegt, glauben Sie nicht, daß der sich einer
geregelten -- einer festgeschnürten Existenz möcht' ich es nennen, einem
Gang in der Tretmühle des menschlichen Lebens je wieder fügen könne.
Zugvögel, die wir sind, müssen wir auch die Freiheit des Zugvogels
behalten, wenn wir nicht verkümmern, nicht untergehen sollen.«
»Und denkt Ihr Gatte ebenso?«
»Gewiß -- er wäre sonst nicht der, der er ist: Bertrand, der kühnste
aller Reiter und -- mein Mann. Aber ich plaudere und plaudere und denke
nicht daran, daß es _Sie_ wenig kümmern wird, welche Gesinnungen über
ihr Leben eine _Kunstreiterin_ hegt. Von _Ihren_ Sphären sind wir
freilich ausgeschlossen, und doch, -- wer weiß, ob nicht so wackere
Herzen oft unter dem bunten Tand, mit dem wir uns behängen müssen, wie
unter Stern und Ordensbändern schlagen! Doch mein Geschwätz ermüdet
Sie; nehmen Sie wieder Platz, Herr Graf, und -- wenn Sie es wünschen und
etwas Besonderes mit Monsieur Bertrand zu bereden haben, will ich ihn
rufen lassen. Der Zirkus ist nur wenige Schritte von hier entfernt.«
»Ich danke Ihnen, Madame,« unterbrach sie der Rittmeister. »Meine Zeit
ist überdies heute beschränkt, wie die seine wahrscheinlich. Morgen
früh wird ihm eher Raum bleiben, mir eine halbe Stunde zu gönnen. Meine
Wohnung finden Sie auf der Karte angegeben. Ich darf Sie bitten, ihm
meinen Wunsch mitzuteilen?«
»Ihr Auftrag soll pünktlich vollzogen werden,« sagte die Frau, und der
Rittmeister, indem er sich dankend verbeugte, grüßte sie achtungsvoll
und verließ das Zimmer.
Georgine blieb, die Unterlippe mit den kleinen, weißen Zähnen gefaßt,
wohl mehrere Minuten in derselben Stellung am Fenster. Sie hielt die
Karte, die er ihr gegeben, noch in der Hand, und ihre Augen hafteten
darauf.
»Kalt wie Eis,« murmelte sie dann mit einem spöttischen und doch auch
wieder verdrießlichen Lächeln vor sich hin, »aber -- was er nur von
Georg will, denn die Aehnlichkeit war leere Ausrede -- Graf Wolf von
Geyerstein, Rittmeister -- hier -- und Adjutant des Fürsten? -- Sollte
der Fürst -- vielleicht wegen des Turmseiles? aber, bah! was hat der mit
dem _Kunstreiter_ zu schaffen, daß er einen seiner _Adjutanten_ zu ihm
schicken würde? Auch war der Herr Rittmeister nicht in Uniform, sondern
in Zivil; er hat sich vielleicht geschämt, in Uniform bei _uns_ gesehen
zu werden. Aber er wollte Georg sprechen, nicht mich. -- Doch, was
zerbreche ich mir den Kopf?« rief sie plötzlich, die Karte neben sich
auf den Tisch werfend. »Ob Herr Graf Wolf von Geyerstein Ursache hat
den _Kunstreiter_ Bertrand aufzusuchen oder nicht -- was kümmert's mich!
Georg mag das selber untersuchen. Die ganze Sache läuft doch nur zuletzt
auf einen _Pferdekauf_ hinaus.«
»Ist er fort?« sagte in diesem Augenblicke der Alte, der seinen Kopf
wieder zur Türe hereinsteckte.
»Wie du siehst, ja,« erwiderte gleichgültig die Frau, »dort unten geht
er eben über die Straße.«
»War gerade _noch_ so ein Musjö da, der dich sprechen wollte.«
»So? -- Wer?«
»Der geschniegelte und geleckte Bengel mit dem Schnurbart wie ein
Malerpinsel. Silbermann oder Silberfranz -- was weiß ich's, wie er
heißt! Ich habe ihn gleich an der Treppe abgefertigt.«
»Das war recht -- ich mag den faden Menschen überhaupt nicht leiden.«
»Und wer war _der_?«
»Ein Graf.«
»Und wollte?«
»Georg sprechen.«
»_Nur_ Georg?«
»_Nur_ Georg.«
»Pferdehändler!« brummte der Alte und schleppte seine Jacke wieder zum
Fenster, an dem er den alten Platz einnahm, um mürrisch und finster wie
vorher an dem scheckigen, schmutzigen Kleidungsstück weiter zu nähen.
Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt, die jedes mit den
eigenen Gedanken vollständig beschäftigt schienen. Da schallten Schritte
vom Vorsaale herein.
»Georg,« sagte die Frau aufhorchend.
»Wird mich wieder zur Probe haben wollen,« knurrte der Alte, »aber
verdammt will ich sein, wenn ich jetzt hinübergehe. Heute die Rackerei
zweimal ist vollständig genug.«
Die Türe ging auf, und Monsieur Bertrand betrat in der Tat das Zimmer,
ohne die beiden aber nur im Mindesten zu beachten. Selbst ohne Gruß kam
er herein, warf seinen Hut auf einen Stuhl und schritt dann eine Weile,
die Arme fest ineinander geschlagen, in dem kleinen Raume auf und ab.
Der Alte warf einen forschenden Blick nach ihm hin, nahm aber weiter
keine Notiz von ihm, und nur Georgine sagte endlich: »Ist etwas
vorgefallen, daß du so verdrießlich bist?«
»Vorgefallen? -- nein,« erwiderte der Mann, ohne seinen Spaziergang zu
unterbrechen.
»Ist die Erlaubnis zu deinem Turmseil noch nicht gekommen?«
»Nein.«
»Und wär' auch kein Schade, wenn sie ganz ausbliebe!« brummte der Alte.
»Mit dem verwünschten Seiltanzen nimmt es noch einmal ein böses Ende.
Und wenn Ihr's noch nötig hättet! Aber die Reiterei ist weit ehrenvoller
und bringt hundertmal mehr Geld ein, als der halsbrechende Lauf.«
»Aber er macht Aufsehen!« rief Georgine rasch. »Wenn sich die Kunde
verbreitet, daß Georg gewagt hat, was vor ihm noch keiner wagte, strömt
das Volk von nah und fern herzu, um ihn zu sehen.«
»Sie denken gar nicht daran,« sagte der Alte finster, »und _du_ solltest
gerade die letzte sein, die dem Tollkopf auch noch zuredete, sein Leben
an solch einen Quark zu wagen. Was wird aus _dir_, aus uns allen, wenn
er den Hals bricht oder selbst nur zum Krüppel stürzt?«
»Und geht er nicht so sicher auf dem Seil, wie hier auf ebenem Boden?«
rief die Frau.
»Papperlapapp! _mir_ mußt du so etwas nicht sagen,« meinte aber
kopfschüttelnd der Hanswurst. »Mein Bruder, der lange Franz, mit dem ich
meine tollsten Jahre verlebt, war ein so tüchtiger Seiltänzer wie nur
einer, und wie er zuletzt glaubte, er könnt's ganz allein, und höher und
immer höher stieg, passierte ihm doch einmal etwas Menschliches. Ob er
den Krampf bekam, ob er schwindelig wurde -- er hat's keinem Menschen
mehr erzählt, aber ich seh' ihn noch vor mir, wie er da oben haushoch
über die staunende Menschenmenge hinlief, daß wir unten, gegen den
grauen Himmel hin, nicht einmal mehr das Seil erkennen konnten -- ich
sehe ihn noch vor mir, wie er auf einmal schwankte, wie ihm die
Stange aus der Hand fiel, und _ein_ Schrei von den Tausenden -- _ein_
furchtbarer Schrei zu ihm hinaufgellte -- dann kam ein dumpfer Schlag
-- und als ich wieder scheu den Kopf hob, lag ein häßlicher, blutiger
Klumpen vor mir -- der lange Franz. -- Seit dem Tage hab' ich kein Seil
wieder betreten.«
Bertrand war vor dem Alten stehen geblieben, aber sein Blick schweifte
über ihn hin nach seinem Weibe, das halb abgewandt von ihm, die rechte
Hand auf das Fensterbrett gestützt, den Kopf unwillig langsam hin- und
herwiegend, am Fenster lehnte.
»Du hättest etwas Gescheiteres tun können,« sagte sie jetzt, während
der Vater, in der Erinnerung noch zusammenschaudernd, schwieg, »als
ihm gerade heute _die_ Geschichte zu erzählen. Daß etwas derartiges
passieren _kann_, weiß ich auch, aber eben die Möglichkeit desselben
übt den Reiz auf die Zuschauer, gründet den Ruf des kühnen Läufers. Wäre
keine Gefahr dabei, wer würde sich die Mühe geben, auch nur zuzusehen?«
»Du hast gut reden,« sagte der Alte finster.
»Und glaubst du, _ich_ fürchte die Gefahr?« rief rasch und heftig die
Frau, »glaubst du, ich rede ihm zu, wenn ich sie nicht teilen wollte? --
Ich werde ihn begleiten.«
»Du? -- auf dem Turmseil?« lachte kopfschüttelnd ihr Vater. »Du bist
nicht gescheit!«
»Das geht nicht, Georgine,« sagte Bertrand. »Wenn ich mich selber auch
sicher genug da draußen weiß, um nicht das Schicksal des langen Franz zu
befürchten, möchte ich doch nicht die Angst für dich mit hinausnehmen.
Außerdem weißt du selber, daß es viel schwerer ist, zu zweien, als
allein das Seil zu begehen.«
»Bah! wir sind so oft zu zweien darauf gewesen.«
»Allerdings, doch nicht in _solcher_ Höhe.«
»Und welcher Unterschied ist zwischen Haus- und Turmhöhe? Ein Sturz wäre
von der einen genau so verderblich wie von der andern.«
»Gewiß! aber du selber hast ein Seil in _solcher_ Höhe noch nie
betreten; du weißt nicht, wie es dich erregen würde -- doch wir
streiten da um einen ganz nutzlosen Gegenstand. Bis jetzt hat es mir der
Magistrat verboten, und ob mein direkt an den Fürsten gerichtetes Gesuch
einen anderen Erfolg haben wird, weiß ich noch nicht.«
»Ein Adjutant des Fürsten war heute morgen hier,« sagte Georgine, »ich
zweifle aber, ob in _der_ Angelegenheit. Jedenfalls wollte er _dich_
sprechen.«
»Ein Adjutant des Fürsten?« rief Bertrand rasch -- »und weshalb hast du
mich da nicht rufen lassen?«
»Er hatte keine Zeit. Dort liegt seine Karte. Er ersucht dich, ihn
morgen früh zwischen acht und zehn Uhr zu besuchen.«
»Sonderbar!« sagte Bertrand und schritt langsam zu dem Tisch, auf dem
die Karte lag. Georgine hatte sich dem Fenster zugewandt und sah
hinaus, und der Alte nähte den letzten abgerissenen großen weißen und
ballähnlichen Knopf an seine Jacke.
»Nun?« sagte Georgine endlich, als Bertrand noch immer schwieg, indem
sie sich nach ihm umdrehte. »Kennst du den Herrn?« Bertrand antwortete
nicht. Er hielt die Karte zwischen den Fingern; seine Augen hafteten
darauf, aber er sprach kein Wort. Georgine schritt hinüber zu ihm und
sah über seine Schulter auf die Karte nieder; erst als er noch immer
nicht sprach, schaute sie zu ihm auf und erschrak über die plötzliche
Blässe seiner Züge.
»Was fehlt dir, Georg?« rief sie. »Du siehst kreideweiß aus. Was _ist_
mit dem Fremden?«
»Kreideweiß?« lächelte Bertrand, aber ihrem scharfen Blick entging
nicht, welche Gewalt er sich dabei antun mußte, wenn er auch sonst seine
ganze Fassung und Ruhe behielt. -- »Du träumst. Aber wer brachte diese
Karte?«
»Der, dessen Namen sie trägt.«
»Wolf von Geyerstein,« flüsterte Bertrand halblaut vor sich hin, aber
es war, als ob er die Worte mehr zu sich selber spräche, als sie für ein
anderes Ohr bestimmte.
»Du kennst ihn?« fragte die Frau, und ihre Augen hingen erwartend an
denen des Gatten.
»Ich kenne den Namen,« sagte dieser ruhig, »kannte wenigstens _einen_,
der ihn trug -- aber das ist lange Jahre her und war auch an einem
andern Orte -- weit von hier.«
»Und der hieß _Wolf_ von Geyerstein?«
»Nein -- _sein_ Vorname ist mir jetzt entfallen; aber _der_ lebt auch
nicht mehr.«
»Ein Verwandter denn -- ein Bruder vielleicht?«
»Möglich,« sagte Bertrand gleichgültig, »aber wir werden ja sehen. Also
morgen?«
»Morgen früh zwischen acht und zehn. -- Du glaubst also nicht, daß es
auf deine Eingabe Bezug haben könnte?«
»Und warum nicht? -- was sonst hätte _ich_ mit einem Adjutanten des
Fürsten zu tun und zu verkehren? -- Aber mach' dich fertig; die Zeit
vergeht, und es muß drei Uhr vorbei sein. Die Leute drängten sich schon
zur dritten Galerie, als ich vorüberkam.«
»Heute gibt's eine gute Einnahme,« sagte der Alte, der seinen Plunder
aus den verschiedenen Zimmerecken zusammensuchte, »wo zum Teufel ist
jetzt meine Pritsche? Ich habe sie gestern abend dort auf den Stuhl
gelegt.«
Georgine verließ das Zimmer, um noch einiges für ihre Garderobe
zusammenzusuchen, und Georg stand noch immer und starrte still und
schweigend auf die Karte nieder, bis er sich endlich, als er die Frau
zurückkommen hörte, davon losriß und seinen Hut ergriff. Es war in der
Tat Zeit für den Zirkus, und alle anderen Gedanken nahm der Augenblick
vollkommen in Anspruch.
4.
Ueber den Landgrafenplatz wälzte sich eine jubelnde Volksmasse herüber,
als Graf Geyerstein gerade das Haus verlassen wollte. Ein Kamel, mit
einem Affen auf dem Rücken, wurde dort vorbeigeführt, und von allen
Seiten strömte das Meßvolk hinzu, den seltenen Anblick zu genießen.
Eine Equipage, die des Weges kam, sah sich der Menschenmasse plötzlich
gegenüber, und da der Kutscher vielleicht auch fürchten mochte, daß
seine lebhaften Pferde vor dem Kamel sich scheuen könnten, so bog er
rasch nach rechts in die, wenn auch schmale, doch kurze Rosenstraße ein,
um dadurch dem lärmenden Volk aus dem Wege zu kommen.
Der Graf von Geyerstein hörte wohl das Rasseln der Räder, das jauchzende
Toben der sich heranwälzenden Schar, aber er sah nicht, was um ihn
her vorging. Den Hut fest in die Augen gedrückt, die Blicke am Boden,
schritt er aus dem Hause, und wollte eben links nach dem Platze zu
einbiegen, als eine lachende Mädchenstimme seinen Namen rief.
Fast unwillkürlich schaute er empor und sah sich der Equipage des
Kriegsministers von Ralphen gegenüber, der mit seiner Tochter Melanie
im Fond, mit Rosalie und ihrer Gouvernante auf dem Rücksitz, von einem
Besuch oder einer Spazierfahrt nach Hause zurückkehrte. Rosalie nickte
ihm freundlich zu, und während ihn auch die Exzellenz grüßte, bemerkte
er nicht, wie Melanie den erstaunten Blick auf ihm haften und dann nach
dem Hause hinaufschweifen ließ. Da erkannte sie oben am Fenster
die Gestalt Georginens, und als sie mit kalter Verbeugung seinen
überraschten Gruß erwiderte, war der Wagen im nächsten Augenblick die
Straße hinab verschwunden. Der Rittmeister aber, ohne ihnen auch nur
nachzuschauen, fand sich gleich darauf in dem das Kamel umtobenden,
lachenden, kreischenden Schwarme von Menschen, durch den hindrängend er
seinen Weg heimwärts suchte.
Seinen Burschen Karl fand er dort übrigens schon in Verzweiflung seiner
harrend, denn eine Ordonnanz hatte einen Befehl des Fürsten gebracht,
der ihn eine Stunde vor Tafel ins Schloß berief, und bis er Toilette
machen konnte, war _die_ Zeit verstrichen. Karl schüttelte auch, während
er seinem Herrn dabei half, sehr bedenklich mit dem Kopfe, denn der
Rittmeister sprach, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, kein Wort.
Nur als er fertig war, begehrte er einen Wagen und fuhr ins Schloß.
Dienstsachen hielten ihn dort bis zur Stunde des Diners beschäftigt, und
das Diner selber verlief dann, wie alle derartigen steifen Festtafeln
gewöhnlich verlaufen.
Es waren ungefähr fünfzig Personen geladen worden, und die Säle
schwärmten dazu im wahren Sinne des Wortes von geschäftigen und müßigen
Lakaien in höchster Gala und in höchster Eile, die herüber und hinüber
stürzten, _das_ zu besorgen und auszuführen, wozu beim dritten Teil von
ihnen die Hälfte überflüssig gewesen wäre. Der Haushofmeister prüfte
noch mit scharfer Brille die Etiketten und Siegel der verschiedenen
Flaschen, und befahl, welche Sorten in Eis zu bleiben hatten,
welche nicht, und der an der Suppe stationierte Beamte warf schon
verzweiflungsvolle Blicke nach den beiden an den Flügeltüren postierten
Lakaien hinüber, denn seit einer vollen Viertelstunde war Seiner
Königlichen Hoheit angezeigt, daß die Tafel serviert wäre, und trotzdem
kamen die Herrschaften nicht. Noch einmal zu erinnern, ging auch nicht
an -- aber der Magen des gnädigsten Herrn half ihnen endlich aus der
Not. Er gab das Zeichen, die Flügeltüren schossen auseinander, und
der ganze Zug der Herrschaften und Gäste bewegte sich unter der
geheimnisvollen Leitung des Hofmarschalls in den Saal. Im Nu war jedem
hier sein Platz bezeichnet -- nicht nach geselliger Wahl, sondern nach
strengem Standesunterschied und Rang, und wie die Zähne eines trefflich
ineinander greifenden Räderwerkes schoben sich jetzt die Teller, von
weißen Handschuhen lautlos dirigiert, zwischen die Sitzenden. -- Und
Gänge und Weine wechselten wie das Gespräch, das jetzt, lebendiger
werdend, hin und wieder flog und dem nur einzelne, mit Liebe den
Getränken zusprechende alte Herren hartnäckig widerstanden.
Und wie süß die Damen lächelten, und wie rücksichtsvoll die Herren
sprachen, und wie heimlich, aber deshalb nicht weniger gut gemeint, der
Haushofmeister einem oder dem andern der unaufmerksam gewesenen Lakaien
einen Knuff versetzte und ihn blitzschnell bald da-, bald dorthinüber
sandte!
Da klirrte ein Teller auf den getäfelten, spiegelglatten Boden
nieder und zerbrach in tausend Scherben -- der Haushofmeister wurde
totenbleich. Der arme Sünder, der das Verbrechen verübt, stand wie
vernichtet -- aber keiner der Herrschaften oder Gäste wandte den Kopf.
Nur ein paar nervenschwache Damen zuckten zusammen -- sonst hatte
niemand es gehört, und die übrigen Lakaien, hier und da einen lächelnden
Blick miteinander wechselnd, flogen eifriger, geschäftiger umher als je.