Sie kennen und betonen auch den Wert der Erziehung in der Jugendzeit.

Gewisse Schranken sind allerdings dabei durch die Vererbung gesetzt,

denn: ~Ng’onji teishiga mbari~ = von einem Schaf darf man nur ein

Schaf erwarten, und: ~Msese wekila magi iguhie he ikolo~ = wenn eine

junge Henne die Eier auffrißt (anstatt sie auszubrüten), so hat sie

das von der Mutter her. Mit diesen vererbten Untugenden muß man also

rechnen. Was aber in der Erziehung getan werden kann, das muß in der

Jugend geschehen. So wie man die Welsfische +vor+ dem Räuchern in die

im Handel übliche Form, nämlich Kopf und Schwanz zusammengebogen,

bringen muß, weil sie nach dem Räuchern platzen würden, so muß die

Erziehungsarbeit dann geschehen, wenn die Kinder noch biegsam sind.

Deshalb sagt man: ~Koma nguluma yecheri mbisi, wekiishiga ikaoma,

wekiikoma ineboika!~ = Biege den Welsfisch, solange er noch roh

ist; wenn du ihn erst räucherst und dann biegst, wird er brechen!

So erzogen, werden gerade die jungen Leute nützliche Glieder der

Gesellschaft werden und ihre besonderen Aufgaben trotz oder vielmehr

wegen ihrer Jugend besser erfüllen können als die Alten; denn: ~Miti

mifuhi niyo yegerira mako~ = auf den niedrigen Bäumen richtet man

gewöhnlich die Kornspeicher ein; die bereits hochgewachsenen eignen

sich dazu weniger.

Frühzeitig werden die Kinder angehalten, sich auf dem Acker und zu

Hause nützlich zu machen. Daß Müßiggang aller Laster Anfang ist, wird

dem Parekinde mit dem Hinweis auf die diebischen Affen klargemacht, die

sich fast ausschließlich vom Stehlen der Feldfrüchte nähren. Und warum?

~Ntumbiri kuiva ni kusaima~ = der Affe stiehlt, weil er nicht ackert.

Im Lauf der Jahre erkennt man immer mehr, mit welch feinem

Verständnis der Eingeborene die einfachsten Vorgänge des täglichen

Lebens betrachtet und wie er in ihnen mit der Tiefgründigkeit eines

Philosophen ewige Wahrheiten findet. Er sieht den Ackersmann, der mit

seiner Hacke den Boden bearbeitet. Kling! die Hacke ist auf einen Stein

gestoßen. Im nächsten Augenblick wird das Hindernis auf den Haufen zu

den übrigen Steinen geworfen. Bald darauf wiederum der gleiche Vorgang.

Wie wollte der Bauer auch jemals mit seiner Arbeit fertig werden, wenn

er anfangen würde, alle Steine, die er auf seinem Acker findet, in die

Hand zu nehmen, sie lange zu betrachten oder gar zu zählen? So ist es

auch mit den Sorgen dieses Lebens. Zähle sie nicht, halte dich nicht

lange mit ihnen auf, wirf sie kurz entschlossen fort, damit deine

Arbeitskraft nicht gelähmt wird, denn: ~Wekitala mabwe, tukafwinye

ngemo!~ = Wenn du die Steine zählst, wirst du das Tagewerk nie

fertigbringen.

Unser Neger ist der geborene Diplomat. Wenn es seinem Vorwärtskommen

dienlich ist, läßt er fünf gerade sein, wenn ein Mächtiger diese

Behauptung aufgestellt hat. Denn die Großen muß man ehren, auch wenn

man nicht immer von ihrer alles andre in den Schatten stellenden

Weisheit überzeugt ist. Ich sehe meine schwarzen Freunde im Geiste

vor mir, wie sie mit dem feinen Lächeln eines, der die Schwächen und

Eitelkeiten der Menschen versteht, erklären: ~Lumbo lwa mfumwa teluna

kivivi!~ = Die Gesänge des Häuptlings sind ausnahmslos schön!

Auch in andrer Hinsicht ist es geraten, im Verkehr mit solchen

Menschen, die Gewalt über uns haben, vorsichtig zu sein. So ist es

z. B. nicht ratsam, den Häuptling auf irgendeine notwendige Arbeit

aufmerksam zu machen. Man würde sich dabei nämlich nur unnötig der

Gefahr aussetzen, von ihm „ehrenamtlich“ mit der Erledigung dieser

Arbeit betraut zu werden. Das sind ungefähr die Erwägungen, die unserm

schwarzen Philosophen vorschweben, wenn er sagt: ~Mwamkumbusha

mfumwa viratu niye evionja~ = wer den Häuptling an seine (von ihm

vergessenen) Sandalen erinnert, der wird dann auch beauftragt, sie zu

holen.

Aber selbst ein einflußreicher Mann sollte nie zuviel von seinen

Untergebenen verlangen, vor allem nicht eine Arbeit, die einem Mann

überhaupt nicht ziemt. Man ist ja willens, allerlei zu machen, gleich

der Ratte, die alle erdenklichen Gegenstände annagt. Aber auch sie hat

doch Dinge, an die sie nicht herangeht. Einen Tabaksbeutel z. B. läßt

sie unberührt liegen, da er selbst ihrem wenig verwöhnten Geschmack

nicht zusagt. Ebenso darf der Häuptling in dieser Beziehung den Bogen

nicht zu straff spannen, denn man würde ihm sagen: ~Ku ngoswe ni

ngoswe, mira sikale mfuko wa tumbatu~ = ich bin zwar nur eine Ratte,

aber den Tabaksbeutel nage ich doch nicht an. Ganz besonders gilt

dies mit Bezug auf solche Launen eines Mächtigen, deren Befriedigung

mit Lebensgefahr für den Untergebenen verbunden sein würde. Gewiß,

die Pareweisheit läßt nicht außeracht, daß auch gefährliche Versuche

gemacht werden müssen. So muß man unbedingt festzustellen suchen,

ob das Pfeilgift nach einer gewissen Zeit noch stark genug ist und

tödlich wirkt. Aber dazu nimmt man, und das sagt man gegebenenfalls dem

Häuptling auch, keine Menschen, sondern: ~Vusungu vuježwa he ichura~ =

die Wirkung des Pfeilgiftes stellt man versuchsweise +an Fröschen+ fest.

Der Platz vor der Häuptlingshütte, wo die Prozesse verhandelt werden,

ist der Ort, an welchem man die meisten Sprichwörter hören kann.

Kläger und Verklagte, besonders aber die Ältesten des Landes, die als

Beisitzer und Anwälte wirken, wetteifern darin, ihre Ausführungen durch

solche Simo möglichst überzeugend zu gestalten. Ist da etwa ein Mann,

der sich früher von seinem Nachbar eine Ziege geborgt hat, nun aber

eine außerordentliche Gedächtnisschwäche zeigt, oder versucht bei

einer Beleidigungsklage der Beleidiger seine Unschuld durch den Hinweis

zu beteuern, daß er sich keiner verletzenden Äußerungen mehr entsinnen

könne, so entkräftet der Kläger oder irgend jemand, der sich zu seinem

Anwalt macht, diesen Beweis mit den Worten: ~Kihama kiivaa, nkuku

teiivaa~ = der Habicht vergißt es (nämlich, daß er dem Huhn die

Küken geraubt), das Huhn vergißt es nicht.

Sehr viele Sprichwörter der Neger sind dem Tierreich entnommen. Hier

eine kleine Auswahl:

~Cheho mweteni tekiirwa nywa~ = Tiere, die im Wasser leben,

fordert man nicht zum Trinken auf. Das hieße ja Wasser ins Meer gießen.

Den gleichen Gedanken wollen die Leute ausdrücken, wenn sie sagen:

~Ena kise teirwa: dika!~ = Zu jemand, der immer gastfrei ist, sagt

man nicht: Koche Speise! Das versteht sich bei einem solchen Menschen,

sobald er Gäste hat, ganz von selbst.

~Iguro ligwirwa singo ni mwenye~ = nur der Herr kann seinen

Hund ohne Gefahr am Halse fassen. Lehre: Mische dich nie in fremde

Angelegenheiten, denn du weißt nie, welchen Ausgang sie für dich nehmen

können.

~Kumogwa kwa ng’ombe ni masikio, mpembe žitameia vilanga~ =

was zur Kuh von Geburt an gehört, sind die Ohren; die Hörner kommen

dann später mehr zur Zierde hervor. Wenn also mein Haus auch noch

nicht so schön verputzt und geweißt ist wie deins, so erfüllt es den

eigentlichen Zweck eines Hauses genau so gut: es schützt mich vor

Nässe und Kälte. Das weitere kann man als nebensächlich ruhig der Zeit

überlassen.

Unsre Neger wissen auch, daß man die Haut des Bären nicht verkaufen

darf, ehe man ihn erlegt hat. Da sie aber keine Bären kennen, so geben

sie den Gedanken ihren Verhältnissen angepaßt in folgender Form wieder:

~Kadeje wesinakakoma usikafutie moto!~ = Für das Vögelchen, das du

noch nicht geschossen hast, zünde lieber noch kein Bratfeuer an!

Wurde in früheren Zeiten jemand durch das Gottesurteil der bösen

Zauberei überführt, so tötete man nicht nur ihn selbst, sondern auch

seine Kinder und begründete das wohl mit dem Spruch: ~Nyoka teina

ndori~ = bei Schlangen sieht man nicht auf die Größe, da die kleinen

oft die gefährlichsten sind oder werden. Oder man sagte: ~Wekitema

muti, isukuži lineraoka muti wa~ = wenn du den Baum fällst und den

Stumpf stehen läßt, so wird wieder ein Baum daraus werden.

Unsre Wapare essen die Nashornvögel gerne; noch beliebter aber sind bei

ihnen die grünen und fetten Papageientauben. Deshalb sagt der Jäger:

~Sikakenje mivwi na mahondo, ninga žekiza nnegera-ni?~ = Ich werde

doch meine Pfeile nicht alle auf die Nashornvögel verschießen; wenn die

Tauben kommen, was soll ich dann auf die Sehne legen? Dies Gleichnis

läßt sich natürlich gleich allen andern bei den verschiedensten

Gelegenheiten verwerten. So gebraucht die Hausfrau es -- um nur ein

Beispiel anzuführen -- wenn sie einen Speisevorrat aufhebt für etwa

noch später kommende Gäste oder gar ihren Mann.

Die Eule ist nach der Anschauung unsrer Wapare die Dienerin des bösen

Zauberers, das einzige Lebewesen, das es mit ihm hält. Ergreift nun

der Häuptling, vielleicht weil er sich hat bestechen lassen, die

Partei eines Mannes, der nach Ansicht aller Ältesten seinen Prozeß

verloren hat, so läßt sich wohl der Kläger ob solcher offensichtlichen

Rechtsbeugung in seinem Zorn auf den Richter zu den Worten hinreißen:

~Waoka mnkwingwi, wamuka na msavi~ = du bist eine Eule geworden,

die es mit dem bösen Zauberer hält.

In einer ganzen Reihe von Sprichwörtern verspottet der Negerphilosoph

den Gierigen, der immer in Angst lebt, er könne irgendwie benachteiligt

werden, oder ihm könne das beste Stück entgehen. In seinem Bestreben,

recht viel zu bekommen, schneidet er an dem Fleisch herum, bis er die

Strafe hat: ~Msulu echwa chaa chakwe~ = der Gierige schneidet

sich zuletzt in seinen Finger. Oder er wählt lange aus, um ja das

beste Stück des bereits zerlegten Ochsen zu bekommen, auch hier zu

seinem eignen Schaden, denn: ~Msagura maeto eguha ieto la ivende~

= der Wählerische greift schließlich nach einem Stück Fleisch, das

einen dicken Knochen hat. Deshalb bezähme dich, du Gieriger, sonst

ergeht es dir wie jener Hyäne. „Es war einmal eine Hyäne, die durch

den Busch ging und an einen Scheideweg gelangte. Als sie sich die

beiden Wege genau betrachtete, bemerkte sie auf beiden die Spuren von

Kühen. O, dachte sie, ich werde den Kühen nachgehen, vielleicht ist

eine unterwegs krank geworden und liegengeblieben. Die beiden Wege

liefen zuerst nebeneinander her, und es fiel der Hyäne schwer, sich

für den einen oder andern zu entscheiden, da beide Beute verhießen. So

lief sie mit den linken Füßen auf dem einen und mit den rechten Füßen

auf dem andern Wege. Und weil die Unersättliche in ihrer Gier keinen

Weg aufgeben wollte, diese Wege aber immer weiter auseinandergingen,

zerplatzte sie schließlich mit lautem Knall.“

Die meisten solcher Weisheitssprüche lassen sich in der Heidenpredigt

gut verwerten, so die folgenden: ~Vazoro na vazoro tevekombolana~

= Sklaven können sich nicht gegenseitig freimachen. Der Eingeborne

hält seine Kühe nicht alle im eignen Stall, sondern stellt sie in

verschiedenen Landschaften bei seinen Freunden unter, „teilt sie aus“,

damit zur Zeit einer Viehseuche nicht sein ganzer Besitz auf einmal

gefährdet ist. Ja, wenn er genügend hat, dann borgt er auch ganz gerne

dem andern ein Stück Vieh; denn gerät man selbst einmal ins Unglück und

verliert all sein Eigentum, dann kommt einem solche noch ausstehende

Forderung sehr gelegen. Deshalb sagen die Vaasu: ~Kugwirisha si

kunesha, kuinkiža ni kuvika~ = festhalten ist kein mehren, aber

austeilen bedeutet sparen. An Hand eines solchen Spruches kann man

leicht Texte wie Matth. 6, 19. 20 erklären. Oder wir wollen ihnen das

Psalmwort predigen: „Auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht; was

können mir die Menschen tun?“ Ps. 56, 12. Der kritisch veranlagte Neger

hat in seinem Herzen sogleich allerlei Bedenken, wenn er sie auch nicht

äußert. Er philosophiert: „Ja, so sagt ihr Europäer, ihr seid die

Herren im Lande, ihr glaubt auch nicht an Zauberer, die Häuptlinge und

Mächtigen im Volke können euch in der Tat nichts anhaben; aber auf uns

paßt der Spruch doch wohl nicht.“ Wie gut ist es da, wenn man ihnen mit

einem ihrer Sprichwörter zeigen kann, daß der Gedanke des Psalmisten

bereits keimhaft in ihrem eignen Volksempfinden vorhanden ist und

nur durch den christlichen Glauben veredelt werden soll. Denn unsre

Eingeborenen sagen: ~Kizinya kigango, lukumbi lwekidofa luna-ni~

= wenn nur das Dach in der Mitte am Firstbalken dicht ist; wenn es

auf der Veranda durchregnet, das macht nichts. Damit will der Mwasu

sagen: Wenn der Oberhäuptling auf meiner Seite steht, dann brauche ich

die andern nicht zu fürchten. Wie leicht hat es da der Missionar, der

solche Sprüche kennt, auf Gott als den Obersten aller hinzuweisen und

das Gefühl der Geborgenheit unter seinem Schutze mit Paulus zu preisen:

„Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“

Auf der andern Seite lehrt die Negerweisheit aber auch, daß alles

verloren ist, wenn +der+ uns verläßt, auf den allein wir bauen konnten.

Wenn jemand von einer Schlange gebissen wird, so ist das allerdings

sehr gefährlich; aber man braucht die Hoffnung nicht aufzugeben;

denn da ist der Mnkulo-Baum. Von dessen Holz läßt man sich schnell

etwas auf die Wunde schaben, und das Gift wird zerstört. Die Kraft

des Mnkulo-Baumes ist eben doch noch größer als selbst die des

Schlangengiftes. Was für das Haus der Firstbalken, das ist für die

Medizin das Mnkulo-Pulver. So ist Gott für uns die einzige Rettung aus

irgendwelcher Not.

Doch der Parephilosoph spinnt den Gedanken des Gleichnisses weiter.

Für den Schlangenbiß hast du zwar den bekannten Baum als Gegenmittel.

Was kannst du aber anwenden, wenn dieser Baum, der doch schon das

kräftigste aller Heilmittel ist, dich „beißt“, d. h. statt deine

Rettung deine Vernichtung will? ~Wekiumwa ni nyoka, uneshaiwa

mnkulo, mira wekiumwa ni mnkulo, uneshaiwa-ni?~ = Wenn du von einer

Schlange gebissen wirst, schabt man dir Mnkulo(pulver) auf die Wunde,

aber wenn du vom Mnkulo gebissen wirst, was dann? Die Frage bleibt

unbeantwortet. Es gibt dann eben keine Rettung mehr. Nun wird plötzlich

dem ungläubigsten Heiden klar, warum Könige, Große und Gewaltige an

jenem Tage zu den Bergen und Felsen sagen werden: „Fallet über uns und

verberget uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und

vor dem Zorn des Lammes (das sonst immer nur als Heiland den Menschen

gegenübergetreten, jetzt als der, der die Kelter des Zornes Gottes

tritt)! Denn es ist gekommen der große Tag seines Zorns, und wer kann

bestehen?“

Wunderbar weiß der Eingeborne in der Not zu trösten, und mancher

Europäer, der mit seinem schwarzen Diener, Dolmetscher oder Soldaten

gemeinsam schwere Stunden verlebte, hat das bezeugt. Angesichts des

Todes, der einem sein Liebstes geraubt hat, fügt man sich in das

Unabänderliche: ~Nkore ya Murungu teikombolwa~ = die Beute Gottes

kann man nicht wieder auslösen. Gewöhnlich sind es gerade die besten,

die früh dahingerafft werden, wie auch der Jäger die guten Pfeile

zuerst verschießt. Damit tröstet man die Hinterbliebene, indem man

sagt: ~Mivwi yedi teikaa he iziaka~ = die guten Pfeile bleiben

nicht lange im Köcher.

Wie die Märchen, so verraten auch die Simo unsrer Wapare ihren

prächtigen Humor und ihre in manchen Dingen optimistische

Lebensauffassung. Selbst einer an und für sich unangenehmen Sache

versuchen sie noch eine Lichtseite abzugewinnen, wie auch unser Dichter

sagt: „So schwarz ist keines Unglücks Nacht, ein Blümlein hängt an

seiner Kette.“ Der Eingeborne gibt den gleichen Gedanken durch das

folgende drastische Gleichnis wieder: ~Kugwa he muti nikwo na

kusea~ = nachdem man vom Baume heruntergefallen ist, ist man damit

auch herabgestiegen. Gewiß, das Herunterfallen von einem Baum ist an

und für sich nichts Angenehmes. Wenn es aber einmal Tatsache geworden

und man mit ziemlich heiler Haut davon gekommen ist, dann gilt es zu

überlegen, ob an dieser Kette nicht ein Blümlein hängt. Das ist hier

der Fall; denn der Abstieg von einem hohen Baume ist nicht immer leicht

und ungefährlich. Wer aber heruntergefallen ist, der ist damit der Mühe

des Abstiegs enthoben. Mit solchen Erwägungen tritt der Mwasu würdig an

die Seite Leberecht Hühnchens, der es bekanntlich ähnlich machte.

Eines Tages sah ein Neger, wie ein Huhn trotz seiner kurzen Füße und

seines geringen Körpergewichtes auf einem schlüpfrigen Wege einen

Fehltritt tat und ausrutschte. Daran knüpfte er seine Betrachtungen.

Wenn das schon bei einem Huhn vorkommt und entschuldigt werden muß,

wieviel mehr bei einem Menschen, der soviel größer und schwerer ist.

Deshalb warnt er vor allem unbarmherzigen Richten mit den schönen

Worten: ~Heshereta nkuku, kalando muntu~ = ein Huhn gleitet aus,

wieviel mehr ein Mensch! Man sieht ja auch viel leichter den Splitter

in des andern Auge als den Balken im eignen. So geht es dem Affen, der

seine Genossen in der krummen, buckligen Haltung auf den Bäumen sitzen

sieht und sich ausschütten möchte vor Lachen, weil der eigne Buckel

seinen Augen verborgen bleibt: ~Ntumbiri iseka nundo ya mwiyae, yakwe

teiwene~ = die Meerkatze lacht über den Buckel ihres Genossen, weil

sie den eignen nicht sieht.

Ein Gläubiger, der seinen Schuldner ziemlich häufig besucht und

mahnt, entschuldigt seine Ungeduld mit den Worten: ~Hantu hena

mpengo, tehetera lumi~ = wo eine Zahnlücke ist, da fährt die Zunge

immer wieder hin. Die Hausfrau, welche von Gästen und Besuchern, die

natürlich auch bewirtet sein wollen, überlaufen wird, klagt wohl halb

scherzend, halb ernsthaft: ~Mi ni inoo la nzieni, evecha eranoa~

= ich bin wie ein großer Stein am Wege, an dem niemand glaubt

vorübergehen zu können, ohne sein Messer zu wetzen. Mit trefflichem

Humor erinnert der Volksmund den Gast, der sich bei seinem Freunde am

Fleisch einer ihm zu Ehren geschlachteten Ziege gütlich tut, daran,

daß eine Liebe der andern wert ist: ~Wekila ibuži la mwiyao, lako

libigwa ni mutwi~ = wenn du die Ziege deines Freundes verspeist,

dann hat deine Ziege zu Hause (als Vorbote ihres nahen Todes!) bereits

Kopfschmerzen. Hat man dir eine Ziege geschlachtet, wirst du deinen

Freund nicht mit Bohnen und Tomatentunke abspeisen können.

Die Neger sind sehr gastfrei und nehmen anderseits die Gastfreundschaft

ihrer Stammesgenossen unbedenklich in ausgedehnter Weise in Anspruch.

Aber auch sie wissen, daß es zu Hause am besten ist: ~Hetu ni hetu~ =

zu Hause ist zu Hause. Hat man es draußen noch so gut, man kann sich

doch nicht so geben wie zu Hause, denn: ~He vujeni uia sa ng’ombe,

henyu uia sa nzao~ = in der Fremde brüllst du nur wie eine Kuh, zu

Hause brüllst du wie ein Bulle. Manche Frau mag das schon ihrem Manne,

der sich nur bei andern zusammennahm und bescheiden zeigte, während

er zu Hause „wie ein Bulle brüllte“, auch in diesem, ebenfalls sehr

zutreffenden Sinne gesagt haben. Einen ähnlichen Gedanken drückte

einmal unser schwarzer Ältester Hezekiel aus, als er seinen Brüdern

vorhielt: „Wir haben zwei Gesichter, ein sanftes, gutmütiges, das

zeigen wir +fremden+ Männern und Frauen, und ein strenges, hartes,

das setzen wir auf, sobald wir mit unsern eignen Frauen sprechen.“

Hoffentlich leidet keiner der lieben Leser und Leserinnen an solchem

„zweiten Gesicht“ der Frau bzw. dem Manne gegenüber, und ist ihnen im

Gegenteil nur die gegenseitige Liebe und das Aufeinander-Angewiesensein

bekannt, von dem einer meiner schwarzen Freunde an seine Braut

schrieb: ~We na mi tukee sa mpombe na nguluma, žesishigana mira žifwia

hamwe~ = du und ich, wir sind wie der Fisch und das Wasser, die nicht

voneinander lassen können und zusammen sterben. Damit wollte er sagen:

Wir gehören zusammen und sind aufeinander angewiesen wie der Fisch auf

das Wasser. Vertrocknet es, so muß er auch sterben.

Damit will ich abbrechen. Ich hoffe, die Leser haben an Hand der

wenigen Sprichwörter einen kleinen Einblick in die Gedankenwelt

der Wapare tun können. In meiner sprachlichen Sammlung, die leider

in Afrika verbleiben mußte, hatte ich Hunderte solcher Simo

zusammengestellt. Aber hier fehlt der Raum, selbst nur die alle

anzuführen, deren ich mich heute noch entsinne. Wenn irgend etwas

dazu angetan ist, die Schwarzen uns innerlich näherzurücken, so ist

es nach meinem Dafürhalten die Beschäftigung mit ihrer Sprache und

allem, was damit zusammenhängt. Dann merkt man bald: die Leute sind

nicht so primitiv, wie sie durch das Fehlen der meisten technischen

Errungenschaften auf den ersten Blick scheinen. Jedenfalls sind sie

gute Menschenkenner, die mit ihrem gesunden Urteil meistens den

Nagel auf den Kopf treffen und z. B. mit den Spitznamen, die sie dem

Europäer oder auch den Stammesgenossen geben, zeigen, daß sie das

Charakteristische an einer Person alsbald erfaßt haben. Ja, nicht

nur trifft das bei Personen zu, sondern, was weitaus schwieriger

ist, bei ganzen Völkern. Wenigstens kenne ich ein Beispiel dafür aus

allerjüngster Vergangenheit. Die Engländer nahmen die Kolonie. Sie

brachten Kleider, und +die+ wurden von den Negern durchweg mit Jubel

begrüßt. Mancher Eroberer mag den Jubel auf sich bezogen haben, das war

dann fast durchweg ein Irrtum. Bald stellten die Neger auch Vergleiche

zwischen den beiden Rassen an. Hier in einem kurzen kisuaheli Wortspiel

das Ergebnis dieser „primitiven“ Philosophen: ~Wadachi maneno makali,

roho mzuri. Wangereza maneno mazuri, roho mkali!~ = Die Deutschen:

strenge Worte, gutes Herz. Die Engländer: gute Worte, strenges Herz!

Wer wollte es unternehmen, die beiden Nationen noch treffender und

kürzer zu charakterisieren?

Manchmal schätzt man eine Sache erst dann richtig ein, wenn man sie

verloren hat. Ich habe schon mit vielen „Afrikanern“ gesprochen, die

ihre Liebe zu den Schwarzen erst jetzt entdeckt und ihnen im stillen

manche ungerechtfertigte Schroffheit abgebeten haben. Aber gerne haben

wir die Schwarzen alle gehabt, und sie uns. Die Worte, die mir einige

unsrer Waparechristen nachriefen, als wir von Afrika als Gefangene nach

Indien gebracht wurden, habe ich nicht so aufgefaßt, als ob sie mir

oder uns Missionaren allein gälten, sondern sie waren der Abschiedsruf

aller Schwarzen an alle Deutschen: ~Nkwina kusia ni kuzana!~ = Unsre

Sehnsucht hört erst auf, wenn wir uns wiedersehen! Und sie haben uns

nötig. Sie brauchen nicht nur Leute, die ihnen die Errungenschaften

der Technik und Kultur übermitteln, sondern sie brauchen mehr.

Trotzdem sie geistig längst nicht so tief stehen, wie man gewöhnlich

annimmt, brauchen sie einen Erretter. Einen Erretter aus dem Sumpfe

der Immoralität -- die aber nicht schlimmer ist als hierzulande; einen

Erretter aus den Banden des Aberglaubens -- den man aber auch bei uns

reichlich findet; vor allem jedoch einen Erretter aus dem Banne der

Furcht, die sie zu Dingen treibt, die man +nur+ bei Heiden finden kann.

Diese Furcht bildet ihre große Not, und von der wollen wir im nächsten

Kapitel sprechen.

[Illustration]

Sechzehntes Kapitel.

Die Not der Heiden und das Evangelium.

Die heiße, helle Tropensonne lacht an einem wolkenlosen Himmel. Sie

taucht die weite Steppe und die hohen Berge in ein blendendes Licht,

leuchtet auch hinein in einen grausigen Abgrund, an dessen Rand ein

kleiner schwarzer Säugling friedlich schläft. Wie mag er nur in diese

gefährliche Lage gekommen sein? Wir sehen, daß die geringste Bewegung

ihm den Tod bringen muß. Aber gleich wird ja die sicherlich schon

besorgt suchende Mutter glücklich ihren schwarzen Liebling an ihrem

Herzen bergen. Nun reibt er sich die Äuglein, reckt die Ärmchen und

Beinchen, gerät ins Rollen -- und ist im nächsten Augenblick unsern

Augen entschwunden. Zur selben Zeit sitzt die arme gequälte Mutter in

ihrer Hütte und klagt um ihr Kind, das als „Zahnkind“ ein Opfer der

heidnischen Furcht hat werden müssen. „O weh, o weh, mein Kind, mein

Kind,“ klingt erschütternd ihre Totenklage. Sie sieht im Geiste ihren

Liebling am Rande der Klippe, sieht seinen zerschellten Körper am Fuße

des Abgrundes, sieht, wie in der Nacht aus dem Busch ein paar feurige

Augen auftauchen, verschwinden und wieder näher kommen. Im Geiste hört

sie kurz darauf das schaurige, höhnische Lachen der Hyäne, die die

letzten Spuren des furchtbaren Mordes verwischen wird. Da wird es Nacht

in ihr, wie es draußen Nacht geworden ist; aber aus ihrem Herzen ringt

sich, wenn auch mit andern Worten, doch unbewußt das ergreifende Gebet

des Jeremias: „Die Ernte ist vergangen, der Sommer ist dahin, und uns

ist keine Hilfe gekommen. Ich bin zerschlagen wegen der Tochter meines

Volkes, ich gehe trauernd einher, Entsetzen hat mich ergriffen. Ist

denn keine Salbe in Gilead, oder ist kein Arzt da?“ -- Das ist die Not

der Heiden.

Im Banne der Furcht · 第 21 / 22 段