Es ist nun wiederholt darauf gedrungen worden, für Afrika mit seinen

Hunderten von Dialekten eine Verkehrs- und Einheitssprache zu schaffen.

Das Kisuaheli, die Sprache der Küstenleute, der Wasuaheli, eignet sich

hierzu am besten. Der Neger ist auch sehr begierig, das Kisuaheli als

die Sprache der Gebildeten zu erlernen. Hand in Hand damit geht aber

leider das Bestreben der Schwarzen, den Wasuaheli in andern Dingen,

besonders in der Religion, ebenfalls gleich zu werden. Da diese nun zum

weitaus größten Teil Mohammedaner sind, so kommt es schließlich dahin,

daß der Neger glaubt, durch seinen Übertritt zum Islam die höchste für

ihn erreichbare Stufe der Bildung erklommen zu haben.

Es könnte nun jemand den Einwand erheben, daß die Leute auch aus

ähnlichem Grunde zum Christentum überträten. Dies ist im allgemeinen

ausgeschlossen. Während der christlichen Taufe ein oft jahrelanger

Unterricht vorausgeht, sind die mohammedanischen Lehrer sehr schnell

mit der Taufe bei der Hand. Und was die soziale Stellung anbelangt,

so sieht der Weiße gewöhnlich doch auch den getauften Neger nicht in

dem Maße für gleichberechtigt an wie das der Araber oder Küstenneger

mit dem früheren mshenzi, dem Buschneger, tut, wenn er einmal nach

mohammedanischem Ritus getauft worden ist. Wie oft habe ich diese

Leute in der Moschee sitzen sehen, immer wieder schreiend: ~La illah

illa Allahu. Mohammed resoul Allah!~ = Kein Gott außer Gott! Mohammed

ist sein Prophet!, ohne daß sie die Bedeutung selbst dieser wenigen

stets wiederkehrenden Worte erfaßt hätten. Aber sie +fühlen+ sich

als Mohammedaner, und dies Gefühl kann als einigender Faktor unter

Umständen außerordentlich beachtenswerte Folgen haben.

Der Islam macht es seinen Anhängern nicht zu schwer. Deshalb treten

denn auch alljährlich, besonders im Monat Ramazan, viele zu ihm über,

ohne auch nur eine leise Ahnung von der neuen Lehre zu haben. Das

Arabische bleibt dem Neger im allgemeinen ein Buch mit sieben Siegeln;

aber über +eine+ Sache hat man sich doch schnell verständigt: Haß gegen

die Ungläubigen! Offiziell sind sie allerdings alle die treuesten

Untertanen; aber unter der Asche schlummert das Feuer. „Du täuschst

dich, es ist noch nicht so weit,“ sagte ein mohammedanischer Häuptling

einem andern, der ihn 1905 zum Losschlagen überreden wollte, als im

Süden Ostafrikas der große Aufstand ausbrach. Daß aber der Europäerhaß

tatsächlich gepredigt wird, läßt sich schon daraus erkennen, daß

hoch in unsern abgeschlossenen Bergen sich schon einige Leute von dem

Soliman erzählt haben, der einst an der Spitze aller Anhänger des

Propheten die Europäer vertreiben würde. Wenn die Mohammedaner es nun

fertig bringen, den Fanatismus, der sie selbst beherrscht, auch in die

Reihen der Schwarzen zu tragen, dann dürfte sich die Lage ziemlich

ernst gestalten. Daß es aber möglich ist, die Neger besonders in einem

einheitlichen Sprachgebiet zu fanatisieren, hat der Aufstand 1904-05

im Süden der ostafrikanischen Kolonie bewiesen, wenn auch da der

Fanatismus und die teilweise Einigung noch auf die Umtriebe eingeborner

Medizinmänner zurückgeführt werden konnte. In einem „wirklichen hl.

Kriege, in welchem auf der einen Seite +nur+ gläubige Moslem gegen die

Ungläubigen kämpfen“ (Ausspruch eines Negerhäuptlings 1915), würde

solche Einigung in Afrika für die Weißen katastrophale Folgen haben. In

diesem Zusammenhange dürfte die Rede eines Schwarzen interessieren, die

am 30. Aug. 1921 auf dem Panafrikanischen Kongreß in Brüssel gehalten

wurde. Er sagte u. a.: „Der Augenblick ist gekommen, da +die 40

Millionen Schwarzen Afrika für sich+ verlangen müssen. Es handelt sich

aber nicht darum, England, Frankreich, Belgien und Italien zu fragen:

‚Warum seid ihr hier?‘ sondern ihnen die Weisung zu erteilen, sich

zu entfernen! Der blutigste Krieg kommt noch. Wenn erst Europa seine

Kräfte gegen Asien einsetzen wird, wird für die Schwarzen die Stunde

gekommen sein, das Schwert für die Erlösung Afrikas zu ziehen. Wer hat

den Weltkrieg gewonnen? Das Blut der Schwarzen auf den Schlachtfeldern

der Weißen ..... Ihr aber wißt, welches der Dank der Weißen war ...

Wir lachen über die eingebildeten Weißen und sagen: Da wir gut genug

waren, uns auf den europäischen Schlachtfeldern töten zu lassen, um

unsern Lehrmeistern zu helfen den Krieg zu gewinnen, so hätten sie

uns wenigstens die Freiheit gewähren können, in deren Namen sie sich

totschlugen. Wir haben aber auch gelernt, zu töten, und ich frage auch

meine Freunde, was wird dann sein, wenn wir erst für unsre eigene Sache

kämpfen werden?“

Daran läßt sich nun weiter die Frage knüpfen: Wie kommt es, daß der

Islam so schnell in das Volk hineindringt? Oft begegnet man draußen

bei Europäern, die allerdings in dem Falle meist allem Christentum

gleichgültig gegenüberstehen, der Ansicht, daß der Mohammedanismus

schon durch seine günstige Aufnahme bei so vielen Schwarzen den Beweis

in sich trage, daß er die gegebene und praktischste Religion für den

Schwarzen sei. Man sollte sicher auch draußen den Grundsatz der

Glaubens- und Gewissensfreiheit walten lassen; aber es ist doch sehr zu

bedauern, wenn sogar von Europäern der Ausbreitung des Islam Vorschub

geleistet wird. Ich will mich hier auf ein treffliches Wort Prof.

~D.~ Richters beschränken: „Der Vorschlag, die primitiven Völker

dem Islam als einer ihnen angemessenen Religion zu überlassen, kommt

einem Selbstmord der christlichen Kultur gleich.“ „Ev. Missionskunde“,

S. 32 ff.

Vergleicht man nun die christliche und mohammedanische

Missionstätigkeit, so wird man unschwer erkennen können, daß dem Islam

in vielen Dingen die Wege geebnet sind. Während die christlichen

Gemeinschaften teure Missionare hinaussenden, deren Unterhalt

und Arbeit jährlich beträchtliche Summen verschlingt, tut der

mohammedanische Händler für seinen Glauben äußerlich dieselben Dienste,

ohne der Gemeinschaft auch nur die geringsten Kosten zu verursachen.

Er ist überall zu finden, handelt mit dem Koran, erteilt Unterricht

in demselben und macht auf alle mögliche Weise Propaganda für seinen

Glauben. An Zahl sind diese Leute den Missionaren weit überlegen. Wie

stände es wohl mit dem Christentum, wenn alle Weißen auch nur annähernd

so eifrig für ihr Glaubensbekenntnis eintreten würden!? Solange der

arabische Einfluß in Ostafrika geherrscht hat, galt auch der Islam

als Religion der Gebildeten, und er ist heute noch bei sehr vielen

Häuptlingen Tradition.

Es kommt hinzu, daß der Araber durch seine Hautfarbe dem Neger

näher steht als der Europäer. Dies wissen die Mohammedaner

geschickt auszunützen, indem sie dem Neger beibringen: „Der Islam

für die Farbigen, das Christentum ist Sache des weißen Mannes,

unsres gemeinsamen Unterdrückers.“ Gar mancher Neger läßt sich da

bereitfinden, die Lehre des Propheten anzunehmen, besonders wenn der

Häuptling und seine Großen vorangegangen sind. Daß die Unterschiede der

christlichen Glaubensbekenntnisse den Negern in die Augen fallen, sie

von dem Bestehen der zahlreichen mohammedanischen Sekten aber meist nur

wenig Kenntnis erhalten, ist eine weitere Hilfe für den Islam.

Auch die +Lehre+ des Propheten ist dem Neger bedeutend bequemer als das

Christentum. Vor allem darf er die Vielweiberei beibehalten. Jeder, der

draußen gewesen ist, weiß, was das für den Schwarzen sagen will. Aber

auch sonst sind die Forderungen des Koran nicht so streng, und wenig

genau nimmt man es mit den Vorschriften, die da sind. Seine Amulette

trägt der zum Islam übergetretene Heide ruhig weiter. Ja, er kauft sich

von seinen jetzigen Lehrern noch neue mit arabischen Inschriften dazu.

Recht bezeichnend war die Antwort des hiesigen Regierungshäuptlings,

den ich, als er wieder einmal vollständig betrunken war, auf das

Enthaltsamkeitsgebot des Propheten aufmerksam machte: ~Allahu aallam!~

= Gott weiß es am besten! war seine seelenruhige Antwort. Er bleibt

trotzdem ein guter Mohammedaner, haben ihm doch seine arabischen Lehrer

aus dem Koran vorgelesen: „Gott gönnt euch das Leichte, nicht das

Schwere. ... Er will es euch leicht machen, denn der Mensch ist zur

Schwachheit geboren.“

Ein weiterer Umstand, der die christliche Missionstätigkeit vor der des

Islams beeinträchtigt, ist die Haltung der weitaus meisten Europäer

draußen, die, gelinde gesagt, die Missionstätigkeit nicht gerade

unterstützen. Während dem Schwarzen, der den Dingen nicht auf den Grund

sehen kann, im Islam Afrikas wohl auch verschiedene Sekten, aber doch

als einigendes Moment neben der Sprache bei ihnen allen eine religiöse

Bekenntnisfreudigkeit entgegentreten, sieht er bei den Christen, daß

ein innerer religiöser Zusammenhang zwischen den wenigen „Lehrern“

und den vielen offiziellen Bekennern kaum oder nur in wenigen Fällen

besteht. Solche Erwägungen, die der Neger tatsächlich macht, treiben

ihn dann leicht dem Mohammedanismus in die Arme.

Durch ihn ist aber dem Neger +innerlich+ nicht geholfen. Seine

abergläubischen Vorstellungen behält er bei. Auch von seiner Furcht,

dem Gepräge seiner animistischen und animalistischen Religion, wird

er nicht befreit. Jesus ist hier der wahre Friedensspender, nicht

trügerischen äußeren Friedens und Freudenrausches, wie ihn auch das

Heidentum kennt, sondern „Friedens wie ein Wasserstrom“. Und die

Erkenntnis, daß auch die Heiden durch das Evangelium diesen Frieden

erlangen können, macht den Beruf des Missionars zu dem schönsten.

Wenn man sieht, wie die Heiden am Krankenbette ratlos stehen, wie

sie von einem Medizinmann zum andern gehen, wie sie immer wieder den

Wohnplatz wechseln, um die bösen Hausgeister loszuwerden, wie sie alle

möglichen Opfer darbringen, zu denen das Orakel rät, selbst vor dem

Kindermord nicht zurückschrecken aus Furcht vor den Ahnengeistern,

wenn man die völlige Ratlosigkeit und Schmerzensausbrüche am Totenbett

beobachten kann und dagegen z. B. eine junge Christenfrau auf ihrem

Sterbelager fröhlich zeugen hört: „Ich fürchte mich nicht, ich glaube

an meinen Heiland, ich weiß, daß mein Erlöser lebt, er ist mir kein

Fremder,“ der zweifelt nicht mehr daran, daß das Christentum in

Wahrheit kein Phantasiegebilde, sondern +die+ Kraft ist, die selig

macht, die auch den Heiden gebracht werden muß.

Die alte Prophezeiung der Wapare-Medizinmänner, daß einst weiße Leute

mit neuen Sitten kommen würden, hat sich erfüllt. Sie sind gekommen und

haben die Errungenschaften einer alten Kultur mitgebracht. Besonders

die Eisenbahn hat die Verhältnisse im ganzen Lande umgestaltet.

Der Schwarze versucht sich der neuen Zeit anzupassen. Daß er dabei

manchmal, besonders was Kleidung betrifft, zur Karikatur wird, liegt

wohl in der Hauptsache daran, daß das gesunde Entwicklungsstadium

fehlt. Doch wenn man den Neger am Telegraphen, am Telephon oder vor

der Schreibmaschine sieht, den Lerneifer und die außerordentliche

Auffassungsgabe der Kinder in den Schulen, besonders in den

Steppenschulen beobachtet, so ist man sicher, daß auch das Wort vom

Kreuz von diesen Völkern verstanden werden kann, gilt ihnen doch im

besonderen die Verheißung des Messias: „Selig sind, die da geistlich

arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer!“

[Illustration: Missionsstation Majita.]

[Illustration: Sprachkonferenz in Friedenstal.]

[Illustration: Die Missionsglocke.]

[Illustration]

Fünfzehntes Kapitel.

Dichten und Denken.

Die Sprache ist der Schlüssel zur Erkenntnis der Psyche eines Volkes.

In dem Maße, wie der Forscher lernt, die Sprache zu beherrschen,

erschließt sich ihm das Verständnis für die Denkungsart der Leute und

das ist für jeden Kolonisten nötig. Wohl jeder weiß zuerst mit ihren

Sprichwörtern und Erzählungen wenig anzufangen. Schon die äußere Form,

in der die Lehre geboten wird, um sie uns recht anschaulich zu machen,

bringt mancherlei Unbekanntes. Durch diese uns fremd anmutende Schale

können wir zum eigentlichen Kern nur langsam vordringen. Wenn z. B. das

Sprichwort lautet: „Mit +einem+ Lianenstrick zieht man nicht +zwei+

Bienenstöcke in den Baum hinauf,“ so versteht jeder Eingeborene sofort,

daß damit gesagt sein soll: „Niemand kann zwei Herren dienen.“ Er

weiß, daß an einem solchen Strick jedesmal nur einer von den schweren

hölzernen Bienenstöcken auf den Baum hinaufgezogen und dort aufgehängt

werden kann, weil es aus vielen Gründen unpraktisch wäre, zwei zugleich

daran zu befestigen. Ein derartiger Strick kann eben nur +einem+

Stocke dienen. Wenn man das alles weiß, ist der Vorgang ganz klar.

So zeigt schon dieses Beispiel deutlich, wie schwer es ist, Europäer

in die Gedankenwelt der Neger einzuführen, wenn ihnen die Kenntnis

der rein äußeren Vorgänge, auf die im Märchen oder Sprichwort Bezug

genommen wird, fehlt. Wenn der Neger mir erklärt: „Du bist eine Eule

geworden und hältst es mit dem Zauberer,“ so muß ich erst die weiter

unten erklärte Anschauung kennen, bevor ich verstehen kann, welchen

Vorwurf er mir mit dem Sprichwort gemacht hat. Erst mit den Jahren

gewinnt man diesen Einblick in ihre Sitten und erlangt eine Kenntnis

von den Feinheiten der Sprache und ihrer Grammatik. Welch wunderbare

Sprachschattierungen lassen sich allein mit den Präfixen erzielen!

Vor den Stamm rundu des Zeitworts ~runda~ = dumm sein, setzt man

entweder das ~m-~ der Menschen, das ~ki-~ der Sachen oder das ~i-~

der Klasse der großen oder verächtlichen Dinge und bildet so jedesmal

das Wort „Dummkopf“, aber in feiner Weise den Grad der Verachtung

immer mehr steigernd. So verfügt der Neger über eine einfache und doch

ausgezeichnete Möglichkeit, sein Empfinden zum Ausdruck zu bringen. Und

nun erst das bantu Verbum! Hier sind die Möglichkeiten fast unbegrenzt.

Ob etwas schnell oder langsam, wiederholt oder nur einmal, gleichgültig

oder intensiv getan wird, ob der Handelnde zur Zeit, in die uns der

Bericht versetzt, noch dabei ist oder dabei war, seine Tätigkeit

auszuüben, zusammengesetzte Futura neben dem einfachen Futurum, alle

diese Dinge sind nur einige der vielen Überraschungen, die unser beim

Studium warten. In den meisten bantu Grammatiken werden ja solche

Formen behandelt; hier will ich mich darauf beschränken, auf die

Abhandlungen unsres hervorragenden Forschers der Bantusprachen, Prof.

~D.~ Meinhof von der Hamburger Universität, hinzuweisen.

Für uns Europäer erfordert es ein angestrengtes Studium und ein

völliges Sichversenken in die Eigenart der Neger, bis man gelernt hat,

„schwarz zu denken“. So denken lernen muß aber jeder, der irgendwelchen

dauernden Einfluß auf die Leute ausüben will, und dazu ist die Sprache

der Schlüssel. Ist man jedoch erst einmal in der Lage, sich mit den

Negern so zu unterhalten, daß man auch von den Alten verstanden wird,

oder, was noch mehr sagen will, daß man auch sie versteht, dann ist

der erste Schritt zum Verständnis ihres Dichtens und Denkens getan.

Gerne würde ich dem Leser einige der schönen Paremärchen erzählen, in

denen sich der Humor und die großartige Beobachtungsgabe der Neger

widerspiegelt. Aber ich habe die Sache nach einem Versuch als zu

schwierig wieder aufgegeben. Denn wenn man erst einmal am Lagerfeuer

gesessen, den Erzählungen der Leute gelauscht hat und ihnen so

recht folgen konnte, ja sich oft hat mitreißen lassen von der kaum

zu übertreffenden Erzählerkunst, die durch lebhaftes Gebärdenspiel

wirkungsvoll unterstützt wird, dann fühlt man, daß nur ein ganz

geübter Schriftsteller es wagen darf, diese Märchen und Gleichnisse

ins Deutsche zu übertragen. Außerdem geht in der Übersetzung gerade

das, was den Kenner dabei am meisten ergötzt, nämlich die sprachlichen

Feinheiten und die Tonmalereien, verloren. So will ich mich hier auf

den Versuch beschränken, einen Teil ihrer Sprichwörter (~simo~)

wiederzugeben; denn diese kurzen Simo haben schon manchem einen

besseren Einblick in die Negerpsyche vermittelt, als eine lange

Abhandlung es hätte tun können.

Der Neger ist ein guter Menschenkenner, der mit offnen Augen durchs

Leben geht, wenigstens ist das von unsern Wapare wahr. Der unverdorbene

Eingeborne ist äußerst feinfühlig und versteht den leisesten Tadel,

der auf ihn besser wirkt als lange Schimpfreden. Er hat es seinerseits

gelernt, nicht immer nach außen hin merken zu lassen, was in seinem

Innern vorgeht. Deshalb läßt er sich auch durch des andern Maske nicht

lange täuschen. Er ist kein Freund harter Reden, dazu mißt er dem Wort

als solchem viel zu viel Kraft bei. Ein kühles und gemessenes Verhalten

gilt bei ihm als ein viel würdigeres und eindrucksvolleres Zeichen

der Unzufriedenheit als das bei Europäern oft so beliebte laute und

polternde Schelten. Doch nun wollen wir versuchen, etwas von seiner

Weltanschauung aus seinen Sprichwörtern kennenzulernen.

Auch der Parephilosoph hat den Egoismus der menschlichen Natur erkannt.

Steuern, ja, die sind gut, wenn +die andern+ sie zahlen müssen. Man

stimmt dafür, daß öffentliche Arbeiten vom Stamme für die Regierung

geleistet werden, solange man als Aufseher oder sonstiger „Beamter“

+die andern+ zu solcher Arbeit heranziehen kann. Da sagen dann wohl

diese „andern“: ~Ibuži la mwiyao telina kukoma~ = solange es sich

um die Ziege des andern handelt, erscheint dir das Schlachten eine

Kleinigkeit; aber deine eigene schonst du.

Wohl ist es Tatsache, daß des Freundes Auftrag uns oft mehr

Kopfschmerzen verursacht als die eigene Sache, z. B. machen uns fremde

Kinder, die uns für ein paar Tage anvertraut sind, mehr ängstliche

Sorge als selbst die eignen, denn: ~Cha mwiyao kikuyaža meso, kangi

si chako~ = die Angelegenheit deines Freundes läßt keinen Schlaf in

deine Augen kommen, trotzdem sie dich eigentlich nichts angeht. Im

übrigen aber ist, von solchen durch besondere Rücksichtnahme bedingten

Ausnahmen abgesehen, jeder sich selbst der Nächste: ~Mwashotia ihemba

erongoža lakwe~ = wer Maiskolben rösten will, legt seinen eignen

zuerst ans Feuer, oder: ~Mwaimika nyoka evoka he magu akwe~ = wer

den Platz nach einer Schlange ableuchtet, der fängt da an, wo er mit

seinen Füßen steht. Erst nachdem man sich selbst sichergestellt hat,

kann man auch an die andern denken. Bei diesem egoistischen Zug in

der Welt ist es klar, daß der Schwache unterdrückt und im Falle des

Mißlingens eines Unternehmens für alles verantwortlich gemacht wird.

So würde der Paremann angesichts des Bestrebens fast der gesamten

Welt, dem „verwaisten“ Deutschland die Schuld am Kriege aufzubürden,

diese Unterstellung mit dem tiefsinnigen Spruch zurückweisen: ~Ihemba

la mwana mkiva nilo lekomie moto~ = der Maiskolben des Waisenknaben

hat natürlich das Feuer erstickt! Wenn alle um die Herdstelle herum

sitzen und Mais rösten, dann liegen schließlich so viele Maiskolben

im Feuer, daß es ausgeht. Der Waisenknabe, der nach seiner Eltern Tod

keinen eigentlichen Verteidiger und Beschützer mehr hat, muß es nun

erleben, daß man behauptet, ausgerechnet sein Maiskolben habe das Übel

verschuldet! Der Leser kann sich denken, wie ein solches Sprichwort

auch in diesem, wenn ich so sagen darf, europäischen Zusammenhang dem

Neger die Lage in einem Augenblick so klar und verständlich macht, wie

es eine lange Beweisführung nicht vermöchte. Er würde, wie es auch in

der Vergangenheit geschehen ist, uns gleich mit einem andern Hinweis

zu trösten suchen: ~Kushigire, teheterire kucha!~ = Laß nur gut sein,

es hat noch nie aufgehört, wieder +Morgen+ zu werden! Denn wenn auch

die Menschen allerlei Listen ersinnen, +ihre+ Pläne zur Ausführung zu

bringen, sie müssen doch mit einer andern Kraft rechnen, die sie im

letzten Augenblick noch verhindern kann, ihr Ziel zu erreichen: ~Muntu

etega, Murungu eonza~ = der Mensch stellt die Fallen auf, aber Gott

sieht nach, ob etwas gefangen ist (d. h. nimmt es manchmal aus der

Falle und vereitelt somit die Pläne des Menschen). Diese Vorsehung ist

es, die jemand oft gerade in das Unglück stürzt, das er seinem Nächsten

gewünscht hatte. Deshalb warnt die Pareweisheit vor solcher Tücke:

~Wekimforira mwiyoa ikongo, we uneralisea~ = wenn du deinem Genossen

eine Grube gräbst, so wirst du hineinfallen.

In den Simo der Wapare tritt es recht deutlich zutage, daß sie lachen

und weinen, lieben, hassen und neiden genau wie wir. Hat ein tüchtiger

Mann unter der Mißgunst der andern zu leiden, etwa dadurch, daß man

ihn beim Häuptling anzuschwärzen sucht, so tröstet sein Freund ihn mit

den Worten: ~Nkuku njewa niyo yekwahiwe ni kihama~ = das weiße

Huhn hat (weil es sich durch die Farbe von den andern abhebt) besonders

viel vom Habicht zu leiden. Manchmal bringt man auch einem unscheinbar

aussehenden Manne, trotzdem er eine einflußreiche Stellung hat, nicht

die rechte Ehrerbietung entgegen. Man läßt sich durch das Äußere zur

Mißachtung verleiten, weil man bezweifelt, daß der andre Verstand genug

habe, seinen Einfluß geltend zu machen. Aber der Parephilosoph macht

auf das Gefährliche eines solchen Verhaltens aufmerksam, denn: ~Neri

simba yebigiwe ni mvua ikee sa ifolong’o~ = selbst ein Löwe, wenn er

vom Regen durchnäßt ist, sieht wie ein Hundsaffe aus, und: ~Mingori

ya hale teina mabwe~ = von weitem sehen die Berge aus, als ob sie

keine Felsen und Schluchten hätten. Lernt man sie aber erst einmal aus

der Nähe kennen, findet man manches bedeutend anders als erwartet.

Der Schein trügt eben, man muß den Dingen auf den Grund gehen, um sie

richtig einschätzen zu können. Dabei sollte man auch an die Folgen

einer Handlung denken. Wenn das immer geschähe, würde manche Torheit

unterbleiben. Besonders die leichtsinnig veranlagte Jugend steht in

Gefahr, sich durch den Schein oder die Lust des Augenblicks trügen und

in Schwierigkeiten bringen zu lassen. Sie wird auf die Ntundwi-Frucht

hingewiesen, die wohl eine schöne rote Schale hat, inwendig aber in der

Hauptsache aus einem dicken Kern besteht. Darum heißt es: ~Usirerehe

ntundwi kulangala, uko ndeni hena ibwe!~ = Laß dir die Augen von dem

roten Glanz der Ntundwi-Kirsche nicht blenden, innen besteht sie fast

nur aus dem Stein! Mit der Sünde, das wissen auch unsre Neger, macht

man immer dieselbe Erfahrung wie mit einer andern Frucht, die „zuerst

im Munde süß ist, aber nachher im Halse kratzt“.

Ja, wenn die Jugend nur immer auf den Rat der Alten hören wollte! Aber

sie neigt vielmehr dazu, den Greis zu verachten, der nach all den

überstandenen Lebensstürmen dem ausgewachsenen Bananenblatte gleicht,

das vom Winde vollständig zerzaust und unansehnlich geworden ist. Es

steht in starkem Gegensatz zu dem vom Safte strotzenden jungen Triebe.

Daher die Ermahnung: ~We ntumburuju, usiseke isago, ambu isago nalo

nekire ntumburuju!~ = Du frischer Trieb, lache nicht über das

alte Bananenblatt, denn auch dieses war früher einmal ein frischer

Trieb! So siehst du, was du später sein wirst. Wenn die Ehrerbietung,

die aus solchen Überlegungen entspringt, dem Alter im allgemeinen

entgegengebracht werden soll, so hat die Mutter ganz besonderen

Anspruch darauf, denn: ~Kamango ni kamango, na kerekongomala~ =

dein Mütterchen ist dein Mütterchen, auch wenn es runzlig geworden ist.

Schöner könnte man wohl kaum zur Kindespflicht auffordern, als es hier

unsre Wapare in ihrer melodischen Sprache getan haben.

Im Banne der Furcht · 第 20 / 22 段